Equus Carnifex

GeschichteAllgemein / P16
27.09.2012
12.07.2013
12
56126
5
Alle
62 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
2. An der Haustür wurde Sturm geklingelt. Und das in einem Rhythmus, der Leo Tanner nur zu bekannt vorkam, als er schlaftrunken zur Haustür ging. Gewissheit bekam er, als der eilige Besucher nach ihm rief. "Legolas, mach auf! Ich weiß, dass du da bist!"
Natürlich. Nur ein Mensch auf der ganzen Welt nannte ihn wie den Elfen aus Herr der Ringe  - Irene.
Himmel, was machte sie überhaupt hier? Sollte sie sich nicht eher an der Uni einschreiben? Bis zum Herbstsemester waren es nur noch ein drei Monate, und er wusste nicht, wie da die Fristen waren.
Leo öffnete die Tür. "Na, das ist aber eine Überraschung. Und keine schöne, möchte ich anmerken. Cousinchen, du hier, und nicht auf der Uni?"
"Lass die Scheiße und lass mich rein. Ich brauche eine Dusche und einen Kaffee. Nicht unbedingt in der Reihenfolge." Resolut drückte sie ihn beiseite und betrat den Flur des zweistöckigen Wohnhauses. "Renate und Bernd?"
Leo seufzte, schloss die Tür und folgte dem Mädchen ins Wohnzimmer. "Wo wohl? Auf Fehmarn in ihrem Campingwagen. Seit Selene lernt, meinen sie ja, wir können selbst für uns sorgen."
Mit allen Anzeichen von Ärger, Erschöpfung und allgemeinem Weltschmerz ließ sich Irene auf die Couch sinken. "Haben sie ja auch Recht. Sie ist im zweiten Lehrjahr, da muss man schon erwarten, dass sie Spaghetti kochen kann, ohne dass der Topf explodiert." Sie ächzte gequält. "Du glaubst nicht, was für eine Nacht ich hinter mir habe."
Leo deutete auf ihr rechtes Bein. "Hat das was damit zu tun, dass du humpelst?"
"Ja, verdammt. Ich habe mir den Knöchel verstaucht. Und das Akku von meinem Fahrrad geht nicht mehr. Und letzte Nacht hat meine Luftmatratze versagt. Ooooooh, ich könnte die Wände hochgehen!"
Leo ging hinter den Tresen, der den Küchenbereich vom Wohnzimmer abtrennte. "Kannst du bitte mal bei Null anfangen, Cousinchen? So verstehe ich nur Bahnhof."
Irene musterte ihn mürrisch. Aber ihre Miene hellte sich merklich auf, als Leo an der Pad-Kaffeemaschine hantierte. "Hast du die kräftige Röstung? Ich kann Koffein jetzt echt gebrauchen."
"Ja, habe ich, Frau Frost. Und jetzt mal ganz von Anfang an. Warum bereitest du dich nicht auf die Uni vor?"
Böse sah sie zu ihm herüber. "Musst du auch noch damit anfangen? Schlimm genug, dass Amanda mir damit jeden Tag in den Ohren liegt. Ich habe noch zwei Monate Zeit, bevor ich mich einschreiben muss, und die Uni Karlsruhe hat meine Bewerbung bereits aufgenommen. Außerdem weiß ich schon längst, was ich studieren will, und der Studiengang ist nicht überlaufen. Wozu also der Stress?"
"Schon gut, schon gut", lachte Leo, stellte zwei Tassen in die Maschine und machte sie an. "Lassen wir das mit der Uni. Und noch was, Irene. Du bist unausstehlich, wenn du keinen Kaffee getrunken hast."
"Ja, ich weiß. Und ich bin meinem Lieblingscousin Leonidas auch unendlich dankbar, dass er den Gleichmut eines Stiergeborenen hat, mit dem er mich erträgt. Gibt's jetzt endlich Kaffee?"
"Nur, wenn du anfängst zu erzählen", schmunzelte Leo. Wenn sie seinen altgriechischen Namen nicht in Legolas verhunzte, dann war sie in der Defensive. Es gab nur zwei Wege, um mit ihr auszukommen. Entweder ließ man sie machen, oder man drängte sie an die Wand, damit sie ihrerseits endlich zuhörte.
"Schon gut, schon gut, nur endlich her mit dem Zeug. Oder zieh es mir auf eine Spritze, ich gebe es mir intravenös."
"Das dürfte dir schlecht bekommen", murmelte Leo, wartete ab, bis die Maschine fertig war, und ging dann mit zwei Tassen zum Tisch herüber.
"Ist Renate immer noch so etepetete mit ihrem Glastisch?", fragte Irene argwöhnisch.
"Yepp. Und sie sieht selbst weggewischte Flecken noch acht Wochen, nachdem sie gemacht wurden. Nimm lieber einen Untersetzer."
Mürrisch langte sie unter dem Tisch auf der zweiten Platte nach einem Untersetzer. Aber die Belohnung konnte sich sehen lassen. Leo stellte einen dampfend heißen, herrlich riechenden Kaffee vor ihr ab. "Wohl bekommt's."
"Danke, danke, du bist ein Lebensretter. Also, wo war ich? Ach ja. Wie du weißt, studiere ich ja bald."
"Gott möge deinen Dozenten gnädig sein", versetzte er trocken.
Für diesen Einwurf kassierte er einen strafenden Blick. "Jedenfalls habe ich noch massig Zeit, und Amanda geht mir sowieso auf die Nerven. Sobald ich eine WG gefunden habe, bin ich eh Zuhause raus. Aber mein BaFög ist noch nicht durch, und was soll ich also Zuhause rumhängen? Also habe ich mir gedacht, Irene, mach doch mal was Verrücktes. Tja, also habe ich mir mein Rad geschnappt, ein paar Sachen eingepackt, und bin losgeradelt. Wie du siehst, habe ich es schon bis nach Niedersachsen geschafft. Tja, und jetzt bin ich hier."
"Und was ist mit dem Rest der Geschichte?", fragte Leo, als er sich ihr gegenüber setzte. "Das Akku, das Bein, und so weiter."
"Ach, das. Ich wollte euch besuchen, deshalb bin ich rauf auf den Leine-Heide-Radweg. Ging ja auch alles ziemlich gut, aber dann... Ausgerechnet ein paar läppische Kilometer vor Gronau, gerade als ich auf diesen dämlichen Damm drauf fahren will, kommt mir ein Pferd entgegen!"
"Ein Pferd? Ganz alleine?"
"Nein, mit einer Reiterin drauf. So eine gefärbte Blonde. Ich bin vor Schreck glatt geradeaus gefahren und wieder runter vom Damm. Und dann lag ich da. Meinst du, die Tussi hat mir mal geholfen? Was mir denn einfiele, hier wäre doch Rechts vor Links, und so. Aber dass sie selbst Links geritten ist, das hat sie nicht erwähnt. Und dann noch auf einem Pferd! Du weißt, ich hasse diese Biester!"
"Sauerbraten isst du aber."
"Sieh es als Rache an. Seit ich damals..."
Leo lachte auf. "Seit du mit ach Jahren bei deiner ersten Reitstunde vom Pony gefallen bist, und dir das dumme Vieh auch noch auf den Unterarm getreten ist, kannst du die Tiere nicht ab."
"Aber hallo!", sagte sie entrüstet, nachdem sie einen Schluck Kaffee genommen hatte. "Elle und Speiche waren gebrochen. Ich musste zwei Monate Gips tragen. Jaha, damals haben die Götter in weiß noch alles und jeden eingegipst, weißt du? Aber das war damals, als ich noch jung war."
"Ähemm", sagte Leo. "Du vergisst, dass du nur ein Jahr älter bist als ich, Cousinchen."
"Nun sieh das doch nicht gleich so eng", tadelte sie und nahm noch einen Schluck Kaffee. "Jedenfalls hat die Tussi nur gemeckert, und denkst du, die hat mir geholfen? Ist mir auch egal. Ich bin jedenfalls wieder rauf auf den Damm und weitergefahren. Ja, und zweihundert Meter weiter gibt das Akku seinen Geist auf. Ich musste normal treten!"
"Ach, wirklich?", spottete Leo.
"Ja, wirklich! Und ich hatte den ganzen Tag den Akku geschont und war schon totmüde. Ich bin dann nur noch bis zu einem Wäldchen mit Teich gekommen und hab da mein Zelt aufgeschlagen. Da hat der Knöchel noch nicht wehgetan. Das fing erst morgens an. Und stell dir vor, mitten in der Nacht habe ich dann gemerkt, dass die Luftmatratze auch kaputt ist. Ich habe die halbe Nacht auf dem Boden geschlafen."
"Ja, Himmel, Irene, warum bist du denn nicht zu uns gekommen? Solange Alexander auf Montage ist, ist sein Zimmer doch frei. Von der Couch und dem großen Bett bei meinen Eltern doch mal ganz abgesehen!"
Irene stockte. Verlegen sah sie zur Seite. "I-ich... Es wurde doch schon dunkel. Und ich kenne Gronau doch nur am Tag."
"Hä? Was? Du meinst, du hättest nicht hergefunden?"
"Ja. Das habe ich mir nicht zugetraut. Du kennst doch meinen Orientierungssinn."
"Und das sagt jemand, der fast ganz Deutschland auf dem Fahrrad durchquert hat", sagte Leo trocken.
"Ich habe ja auch einen Routenmanager mit GPS. Das ist nicht das Problem. Aber versuch mal das GPS zu programmieren, wenn du die Adresse nicht weißt."
Leo schnaubte amüsiert. "Mädchen, warum hast du nicht einfach angerufen? Meine Nummer hast du doch."
Wütend sah Irene auf. "Handy habe ich nicht mit. Also meines jetzt nicht. Nur eins für Notfälle, für Polizei, und so. Ich wette, auf meinem Handy sind jetzt schon zweihundert Anrufe und SMS von Amanda, in denen sie mir schreckliche Vorwürfe macht, weil ich ja die arme Uni so vernachlässige. Also dachte ich mir, lasse ich es daheim. Nur habe ich das wohl nicht ganz durchdacht. Ja, wäre mein Akku nicht kaputt gegangen, dann wäre es kein Problem gewesen. Dann wäre es noch hell gewesen. Aber Ihr hier oben auf dem Krankenhausberg habt so unübersichtliche Straßen, da wollte ich mir die Blamage ersparen, und jemanden nach dem Weg fragen."
"Zugegeben, wir sind hier etwas verschachtelt, vor allem hinter dem Krankenhaus. Aber wir sind hier nicht auf einem Berg, sondern auf der Bantelner Kiesplatte."
"Wie auch immer. Jedenfalls bin ich am Teich geblieben. Und als heute Morgen die Sonne aufging, bin ich weiter. Weil mir aber plötzlich der Scheiß Knöchel so wehtat, musste ich schieben. Bis hierher! Und den Berg auch noch hoch! Und meinst du, mir hat einer geholfen?"
"Was zweifellos daran liegt, dass du niemanden gefragt hast", sagte Leo.
"Ich kann doch auch keine wildfremden Menschen anhauen, oder?", erwiderte sie trotzig.
Leo seufzte. Willkommen in Irenes Welt.
"Wenn du deinen Kaffee ausgetrunken hast, kannst du ins Bad." Er warf einen Blick auf die Uhr. "Lass dir ruhig Zeit. Es ist ja gerade erst sieben durch, und auf einem Samstagmorgen gehe ich nie vor zehn ins Bad, alleine schon weil Selene eine geschlagene Stunde braucht."
"Ist Selene Zuhause?", fragte Irene neugierig.
"Nein, die schläft heute bei ihrem Freund in Eime."
Über Irenes Stirn schienen sich Zorneswolken zu sammeln. "Selene ist viel zu jung für einen Freund! Und erst Recht für diese Provinzjungs hier!"
"Das musst du schon ihr selbst überlassen. Sie ist alt genug, um sich zu entscheiden, was sie tun will", sagte Leo. "Außerdem kennst du ihren Freund ja überhaupt nicht."
"Ist egal. Es kann nur ein übler Mistkerl sein."
Ein übler Mistkerl, der es mit Selene aufnehmen wollte? Das musste dann schon ein sehr, sehr tapferer Mistkerl sein. Leo griente. "Dann passen sie ja zusammen."
Empört blies Irene die Wangen auf. "Wie kannst du als großer Bruder nur so über dein armes, zartes kleines Schwesterchen reden, dass deinen Schutz und deinen Rat braucht?"
"An der ist nichts zart", erwiderte Leo ohne zu zögern. "Auch wenn du sie vergötterst und verhätschelst, die Frau kann auf sich selbst aufpassen."
"Du bist viel zu nachsichtig. Alexander hätte ihr das bestimmt nie durchgehen lassen, mit siebzehn schon einen Freund, und so! Ja, Alexander hätte..."
Auf Leos Stirn pochte eine Zornesader. Wie immer, wenn sein großer Bruder ins Spiel gebracht wurde. Alexander konnte das besser, Alexander war darin so unglaublich, Alexander hier, Alexander da. Und jetzt konnte Alexander sogar besser auf Selene aufpassen, auch wenn sie das überhaupt nicht brauchte. "Geh. Ins. Bad."
"Oh. Ich vergaß. Die alte wunde Stelle, eh? Hm, wahrscheinlich ist es da auch nicht hilfreich, wenn ich auch noch Salz reinreibe, verstehe. Holst du meine Sachen bitte rein?" Irene trank ihren Kaffee aus und stellte die Tasse wieder auf den Tisch. "Senseo macht den besten Kaffee, finde ich. Also, ich bin dann mal duschen."
Auch wieder eine typische Irene-Eigenschaft, der geordnete Rückzug mit Sperrfeuer. Erst stocherte sie noch in den geschlagenen Wunden, dann gab es ein paar Nebelkerzen aus verschiedenen Richtungen, um den Feind abzulenken.
"Ach, und versuch gar nicht erst, ins Bad zu kommen. Ich schließe ab", verkündete sie.
"Hey, ich bin keine acht mehr", verteidigte sich Leo.
"Du bist jetzt auch nicht viel älter", erwiderte sie frech, streckte ihm die Zunge raus und mühte sich dann mit ihrem verstauchten Knöchel die Treppe in den Ersten Stock hoch.
Auch typisch - TYPISCH - Irene. Selbst wenn sie kaum noch krauchen konnte, nahm sie nie Hilfe an. Kaffee, was zu essen, ein Bett oder ein Sofa, alles kein Problem. Aber sobald sie irgendwas nicht körperlich schaffte, war selbst der gutmeinendste Hilfswillige eine Ausgeburt des Bösen, gesandt, um sie vom rechten Pfade abzubringen. Und dann immer dieser alte Vorwurf, nur weil er mal mit acht Jahren zu ihr ins Bad gekommen war. Himmel, damals waren sie Kinder gewesen, Kinder. Andererseits, wesentlich weiter entwickelt hatte sie sich seither nicht.
"Du bist meine Cousine. Warum sollte ich also gucken?", konterte er.
"Bei euch Männern weiß man nie", erwiderte sie, während sie sich das letzte Drittel der Treppe hochmühte. "Ist einfach in eurer Natur. Ihr seid alle Schweine, da hat Farin Urlaub schon Recht. Und wenn Amanda meine richtige Mutter wäre, dann würde dich der Gedanke an einen ordentlichen In..."
"Irene. Geh. Ins. Bad."
"Du bist so leicht aus der Ruhe zu bringen, Legolas", sagte sie grinsend, verschwand aber endlich im Ersten Stock.

Leo seufzte vom Grund seines Herzens und ließ sich im Sessel zurücksinken. Gut, diesmal hatte sie zehn Minuten gebraucht, um ihn in den Wahnsinn zu treiben, und nicht nur fünf. Aber diese Frau war auch einfach so... So... Sie wusste eben genau, welche Knöpfe sie bei ihm drücken musste. Vor allem, um blankes Entsetzen in ihm zu wecken. Also, er und Irene, was für eine schreckliche Vorstellung. Das dürre Kind und er, und dann... "Na toll, jetzt habe ich Kopfkino", murmelte er ärgerlich. Und nein, die Ärzte hatten nicht Recht. Nicht jeder Mann stieg jeder Frau nach, die bei drei nicht auf den Bäumen war.
"Es nützt ja alles nichts", seufzte er. "Familie ist Familie. Und die Frauen in der Tanner-Familie waren schon immer für Ärger jeder Art gut. Selbst die Angeheirateten." Er stand auf, um sich in sein Schicksal zu ergeben und ihre Sachen rein zu holen. Irgendwie konnte er es immer noch nicht fassen, dass sie tatsächlich lieber am Teich des Fischereivereins gecampt hatte, als sich hier in ein bequemes Bett zu legen. So war sie eben. Und Leo war sich sehr sicher, dass sie sich niemals ändern würde. Niemals.
***
"Hallo, Mika!", rief Zita Heidelauf schon vom Weiten, nachdem sie auf dem großen Parkplatz zwischen Verwaltungsgebäude und Kirche geparkt hatte. War ja klar, dass nur noch auf dem Ratskellerplatz was frei gewesen war. Die Parkplätze rund um die Kirche und der eigentliche Parkplatz, der viel bequemer zu erreichen war, waren natürlich bis zur Oberkante vollgestopft gewesen. Und das, obwohl es heute Samstag war und die Innenstadt jetzt nicht so das prickelnde Einkaufsvergnügen bot. Na, Schwamm drüber. Sie wurde für die Kurverei ja entschädigt. Michael Draeger stand auf dem Parkplatz und unterhielt sich, das ersparte ihr den Weg in sein Büro.
Der Sozialdemokrat wandte sich ihr zu und lächelte. "Hallo, Zita. Du kommst bestimmt wegen dem Pferdemord, was?"
Das verwunderte die junge Frau nun doch schon ein wenig. Wie hatte der Chef der Samtgemeindeverwaltung so schnell davon Wind bekommen können? Zita kam auf Draeger und seinen Gesprächspartner zu, der ihr den Rücken zuwandte. Als sie die beiden fast erreicht hatte, drehte er sich um. Es war Jochen Hofmann, der betont joviale, bürgernahe Jungunternehmer. Seine Eltern hatten ein Dutzend Geschäfte und Firmen in Alfeld und Umgebung, und der Sohnemann leitete seit Neuestem einen hochmodernen Pferdehof im Norden der Stadt am Naturschutzgebiet, der erst dieses Jahr gebaut worden war. Die Proteste gegen das Projekt hatten sich selbst für die streitbaren Gronauer sehen lassen können, aber letztendlich hatte sich der mit dem Geld durchgesetzt. Obwohl sie zugeben musste, dass der Jokel, wie er sich gerne nennen ließ, jede zusätzliche Auflage angenommen und umgesetzt hatte, ohne mit der Wimper zu zucken. Da war er ganz Profi, der Herr Hofmann.
"Ah, Frau Heidelauf. Guten Morgen. Sie wollen sicher auch mehr über den Pferdemord erfahren, oder?"
Sie schüttelte den beiden Männern artig die Hand und tauschte die üblichen Bussi mit Michael aus, wie es sich gehörte und wenn man als Frau behandelt wurde. Dann hielt sie ihr Notizbuch hoch. "Nicht nötig. Ich war vor Ort und habe schon alles Wichtige aufgenommen. Die arme Heidelinde. Und es war so ein teures Pferd, und dann noch das Fohlen..."
Die beiden Männer wirkten irritiert.
"Äh, Zita, was hat denn bitte die Frau Von damit zu tun?", fragte der Samtgemeindedirektor erstaunt.
"Es war doch ihr Pferd. Drüben bei Brüggen auf ihren Weiden am Waldrand. Und das arme Fohlen..."
Hofmann wurde bleich. "Moment Mal, Frau Heidelauf, wollen Sie mir etwa sagen, dass das Fohlen von Tallassio getötet wurde?"
"Und die Mutter. Wieso fragen Sie? Gab es noch einen Mord?"
"Ja, in Deinsen auf dem Jahnshof. Die Außenweide. Jemand hat ein Pferd in den Hals gestochen und die Hauptschlagader aufgetrennt, was besonders schlimm ist, weil es ein Logis-Tier war", sagte Michael, sichtlich mit seiner Fassung ringend. "Zwei tote Pferde in der gleichen Nacht? Also, eigentlich ja drei. Oder wie zählt man das Fohlen, Jokel? Du kennst dich doch da aus."
"Was? Oh, natürlich als ein Pferd. Wenn das Fohlen tot ist... Das ist schlimm, richtig schlimm. Und da die Amorosa auch getötet wurde, können wir sie nicht neu decken lassen. Das ist auf jeden Fall ein Fall für die Versicherung. Hauptsache, Heidelinde hat auf mich gehört und das Tier versichern lassen. Oh, ich weiß noch gar nicht, wie ich das Lars beibringen soll. Er hat das Fohlen bei Zita bestellt, weil ich Amorosa empfohlen habe. Na, eigentlich mein Stallmeister. Was verstehe ich auch schon von Pferden? Also, ich stehe jetzt ganz doof da. Hoffentlich sieht Lars ein, dass das höhere Gewalt war."
Richtig, ging es Zita durch den Kopf. Der gute Jokel war nicht gerade mit den Pferden verwachsen. Im Gegenteil, er war gleich nach dem Abitur zum BWL-Studium ins Ausland gegangen und hatte sich anschließend in der Bundesliga der Manager versucht, in den internationalen Konzernen. Dort sollte ein immenser Stress und Leistungsdruck herrschen. Kein Wunder, dass Hofmann dem Zirkus den Rücken gekehrt hatte, und sich nun darin versuchte, den neuen Pferdehof aus den roten Zahlen rauszuwirtschaften.
"Aber ich bitte Sie, Herr Hofmann. Bei einem brutalen Anschlag wie diesem sollte doch wirklich jeder einsehen, dass hier keiner Schuld hat, außer dem brutalen Mörder. Zumindest jeder vernunftbegabte Mensch."
Hofmann lachte freudlos. "Gut für Sie, dass Sie Lars nicht näher kennen. In unseren Kreisen hat Versagen nicht immer was mit Logik zu tun." Er reichte Draeger die Hand. "Mika, sorry, du, aber ich muss los. Das gibt jetzt eine Menge Telefoniererei. Und es ist so verdammt typisch, dass Heidelinde mich nicht als Erstes angerufen hat."
"Ja, schon klar. Mach dir keinen Kopf, ich verstehe das", sagte der Samtgemeindebürgermeister jovial und klopfte dem anderen aufmunternd auf die Schulter.
"Tschüss, Frau Heidelauf. Na, wenigstens Sie sind jetzt glücklich, weil Sie eine tolle Story haben."
"Mitnichten, Herr Hofmann. Immerhin sind drei atmende Wesen tot, auf die wir Menschen eigentlich hätten aufpassen sollen."
"Ja, so kann man das natürlich auch sehen. Na dann." Hofmann wandte sich ab und ging zu seinem Wagen, einem Z3 Roadster. Angeblich seine letzte Prämie als Topmanager bei seinem letzten internationalen Konzern.
Sie sah ihm einen Moment nach und dachte daran, was für ein Arschloch er doch war. Da war ihr ihre Heide aber tausendmal lieber, ehrlich. "So, Micha, ich muss dann auch mal wieder los. Aber wenn du nichts dagegen hast, komme ich heute noch mal rein, irgendwann um den Mittag, oder so."
"Du, wenn du das bis zwei schaffen könntest, das wäre nett. Weil, um halb drei kommt schon die Abordnung aus Mézidon, wegen der Übertragung der Partnerschaft von der Realschule auf die Gesamtschule. Das gibt dann wohl wieder einen Festakt. Wo musst du denn hin, wenn ich fragen darf?"
Zita lächelte. "Natürlich nach Deinsen zum Jahnshof, die Fakten aufnehmen. Die beiden Pferde in Brüggen wurden nämlich genauso getötet wie das Tier in Deinsen. Das ist doch schon etwas Recherche wert."
Sie reichte Michael zum Abschied die Hand und ging wieder zu ihrem Wagen. Während sie das tat, zog sie ihr Handy hervor und telefonierte mit der Redaktion. "Hallo, Hanse. Hör mal, halte mir doch bitte die halbe Frontseite vom Lokalteil frei. Ich habe hier schon zwei Fälle vom Pferderipper in der Samtgemeinde, und das in nur einer Nacht. Und eventuell..."
***
"LEO!", gellte Irenes Ruf durchs Haus.
Dem jungen Mann fuhr der Schrecken durch alle Glieder. Was hatte dieses verrückte Huhn denn nun wieder angestellt. "Was ist denn?"
"Ich hab 'nen Krampf! Ich komm nicht aus der Wanne!"
"Dann warte, bis der Krampf weg ist."
"Das dauert zu lange! Du musst mir raushelfen!"
"Ich geh doch nicht zu dir ins Badezimmer!", rief Leo empört. "Soweit kommt das noch! Und hinterher erzählst du jedem, dass ich spannen gekommen wäre! Nichts da. Ich rufe Selene an."
"Das dauert zu lange! Ich habe jetzt Schmerzen!"
"Ich komme auf keinen Fall zu dir ins Bad!", protestierte er.
"Leoooooooo, das tut weeeeeeeh", bettelte sie.
Also, die Schmerzen in ihrer Stimme waren echt. Prompt waren da zwei Seelen in seiner Brust. Die eine war der gute Samariter in ihm, die unbedingt helfen wollte. Und bei seiner unterentwickelten Cousine würde ja auch niemand behaupten können, das hätte er sich freiwillig angesehen, oder? Die zweite war die misstrauische und ein wenig heimtückische Seele in ihm, die aus leidvoller Erfahrung mit einer Falle seiner Cousine rechnete. Und wenn es doch echt war, dann gönnte dieser Teil von ihm jedes einzige schmerzliche Zucken. Sie war noch nie sehr zimperlich gewesen, wenn es um ihn ging.
"Also, hätte ich das draußen gehört, hätte ich glatt gedacht, du tust der Irene was Schlimmes an", sagte eine Stimme direkt hinter ihm.
Erschrocken zuckte Leo zusammen und ließ dabei die Rucksäcke fallen. Natürlich den schweren genau auf seinen rechten Fuß. "Autsch! Selene, was machst du denn hier? Ich dachte, du pennst bei Marco?"
"Ha", machte sie abfällig. "Der gute Marco hat sich gerade stinkbesoffen nach Hause fahren lassen. Und da ich absolut keine Lust habe, neben einer Spirituosenfabrik zu schlafen, bin ich lieber nach Hause gekommen." Sie sah die Treppe hoch. "Irene ist da?"
"Gerade gekommen. Gehst du ihr helfen? Ich erkläre dir später alles."
"Ja, ist gut. Irene, harre aus, deine Retterin naht!"
"Selene! Mein rettender Engel! Beeil dich, deine große Schwester hat ganz schlimme Schmerzen!"
Leo sah seiner Schwester nach, wie sie die Stufen hocheilte. "Gib es doch zu. Du bist nur sauer auf Marco, weil du fahren musstest und dich nicht auch betrinken durftest."
"Das ist ja jetzt wohl vollkommen nebensächlich", murrte sie.
Tja, Tanner-Frauen. Eine wie die andere.

"Nicht... So... Drücken...", sagte Irene mit gepresster Stimme.
Leo, der an ihrem rechten Fuß hantierte, sah sie ärgerlich an. "Willst du den Krampf nun loswerden, oder nicht?"
"Ja! Will ich! Aber das ist der verstauchte Fuß", sagte sie.
"Weswegen er wohl auch krampft." Leo seufzte. Selene hatte es geschafft, Irene aus der Wanne zu bugsieren, aber trotz vereinten Kräften war es ihnen nicht gelungen, den Krampf zu beenden. Also hatten sie doch den starken Mann gerufen. Und nun kniete er hier im Badezimmer, und vor ihm lag seine Cousine, nur mit einem großen Badehandtuch bedeckt. Er war sich sicher, diese Szene würde er noch Dutzende Male vor Augen gehalten bekommen. Und es würde niemals eine nette Erzählung zu seinen Gunsten sein.
Selene sah ihn böse an. "Eins sage ich dir, du verschwindest sofort wieder, wenn der Krampf weg ist, ja?"
"Ich kann auch gleich gehen!", zischte er.
"Ah! Nein! Selene, lass das doch jetzt. Du hast noch den ganzen Tag Zeit, um ihn fertigzumachen. Jetzt lass Legolas erstmal arbeiten. Autsch."
"Hrm. Wird es denn nicht langsam mal besser? Du streckst dein Knie nicht durch."
"Nicht anfassen. Das mache ich", bestimmte Selene. Sie presste Irenes rechtes Bein auf den Boden.
"Ja. Jetzt wird es besser. Aaaaahhhhh, lässt spürbar nach. Noch ein bisschen, bitte."
"Du dumme Pute. Was ist an einem Knie schon so besonders?", knurrte er seine Schwester an.
"Das ist ein Frauenknie, lieber Bruder, und du lässt wirklich jede Form von Takt und Finesse vermissen, wenn es um uns geht. Frauen tatscht man nicht so einfach an. Aber wem sage ich das, Herr Heimlich ins Bad-Schleicher."
"Da war ich acht!", blaffte Leo.
"Kein Streit jetzt! Oder muss ich erst noch Alexander holen?"
"Hör bloß auf mit Alexander!", riefen die Geschwister, zeitlich leicht versetzt, weil Selene etwas früher gestartet war.
"Alexander hier, Alexander da, Alexander da drüben. Ich kann's nicht mehr hören. Selbst bei uns im Werk höre ich immer nur, wie großartig Alexander ist, und wie sehr ich ihm doch nacheifern soll. Ich könnte kotzen", sagte Selene ärgerlich.
"Na also", sagte Irene mit einem verzagten Lächeln. "Streit beendet. Ich wusste es. Wenn es ein Thema gibt, bei dem Ihr euch einig seid, dann ist es der große Bruder. Danke, Legolas, ich glaube, er ist jetzt weg. Geh raus, damit ich mich anziehen kann."
"Sicher?"
"Ja, sie ist sich sicher, dass du rausgehen sollst!", sagte Selene.
"Dich Krümel hat keiner gefragt!", schoss Leo zurück.
"Ja, ich bin mir sicher, dass der Krampf weg ist, Leo. Du kannst beruhigt wieder gehen."
Er schnaubte und erhob sich. "Okay. Wenn was ist, ich bin vor der Tür."
"Ich helfe dir beim Anziehen, große Schwester. Du kannst ja kaum stehen mit dem Knöchel."
"Ich bin mit dem Knöchel zwei Kilometer weit gekommen. Da werde ich es wohl schaffen, in meine Sachen zu steigen. Bist du immer noch da, Legolas?"
Leo spreizte die Hände als Zeichen der Abwehr. "Bin ja schon so gut wie draußen."
Mit einem ärgerlichen Rumms zog er die Tür zu. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan, der Mohr durfte wieder gehen. Wie immer. Und er ging jede Wette ein, dass die beiden eine für ihn äußerst unvorteilhafte Geschichte daraus machen würden. Darauf konnte er sich verlassen. Verdammt, Frauen, wer hatte die überhaupt erfunden?
Die Tür öffnete sich und Selene kam auf den Gang. Sie zog hinter sich wieder zu. "Kannst du dir das vorstellen? Sie hat nur gebrauchte Sachen dabei. Ich hole ihr was von mir. Wenn du sie zum Wochenendnotdienst fährst, kannst du vorher mal ihre Sachen in die Maschine stecken? Aber schön getrennt nach Weißwäsche und Buntwäsche."
"Ich habe eine bessere Idee. Warum machst du das nicht, während ich Irene fahre?"
"Okay, Kompromiss. Du räumst ihre Rucksäcke aus, und ich sortiere und wasche die Sachen."
"Einverstanden."
"Gut." Selene ging in ihr Zimmer. "Und bitte gleich."

Mit einem ärgerlichen Schnauben ging Leo wieder die Treppe runter.
Er schnappte sich die beiden Rucksäcke und schleppte sie in den Keller in die Waschküche. Dort
öffnete er beide Rucksäcke und entleerte sie vor der Maschine. Oh, das war auch so furchtbar typisch Irene. Sie hatte nicht ein einziges Stück sauberer Kleidung mehr in den Taschen. Wenn sie sich erst einmal zu einer "Notwendigkeit" entschlossen hatte, dann konnte sie bemerkenswert weit gehen. Eigentlich eine bewundernswerte Eigenschaft, aber nicht, wenn man dabei stank wie ein Iltis. Nicht, dass Irene je stank wie ein Iltis, aber wenn er sich all die gebrauchten Sachen ansah, dann hatte sie wohl nach der guten alten Männermethode gelebt, um die Wäsche zu trennen: Stinkt, und stinkt, ist aber noch tragbar.
Kurz ging er durch den Haufen, um sicherzugehen, dass es wirklich nur Wäsche war.  Und natürlich fand er eine Menge Dinge, die zwischen all der Wäsche nichts verloren hatten. Einen Kindle, ein iPad mit Ohrsteckern, ein Campingset Essbesteck, zwei Bücher, ein paar Romanhefte, ein Schweizer Offiziersmesser, einen Hammer für die Heringe ihres Zeltes, und ein Fahrtenmesser mit Lederscheide. Natürlich, typisch Irene.
Er zog die Klinge hervor. Und natürlich war es benutzt. Was hatte sie jetzt wieder angestellt, um Blut auf die Klinge zu bekommen? Sich geschnitten?
"Was machst du denn da?"
Erschrocken fuhr Leo zusammen. "Irene, bitte, gewöhn dir endlich ab, dich so anzuschleichen! Irgendwann kriege ich wegen dir noch einen Herzinfarkt. Außerdem, wer schmeißt denn schon Wäsche mit Werkzeug zusammen?"
"Jeder, der wenig Platz hat. Du sollst mich bandagieren, damit ich gehen kann", erwiderte sie.
"Du hast dich aber fix umgezogen."
"War ja nicht schwer. Höschen an und Kleid drüber. Hier, bandagiere mich." Auffordernd hielt sie ihm den Stretchverband und ihren Fuß hin.
"Warum ein Minikleid?", fragte Leo, schnappte sich ihren Fuß und stellte ihn auf seinem Knie ab. Anschließend rollte er die Bandage ab. Mit geübten Handgriffen rollte er die Bandage über Ferse und Knöchel.
"Erstens, weil es draußen warm ist, und zweitens, weil ich so besser behandelt werden kann."
"Ja, aber warum so ein kurzes?", fragte er und bemühte sich, nicht hochzusehen.
Irene zuckte mit den Achseln. "Sie sagt, das ist schon ihr Längstes."
"Ahso. Scheint, ich habe mir meine Schwester in letzter Zeit nicht so angesehen. So, fertig. Lass dir von Selene ein paar Latschen geben, und mach dir noch einen Kaffee. Es ist auch Brot da, und Marmelade und Wurst im Kühlschrank. Du solltest ruhig was essen. Am Wochenende ist der Notdienst in Alfeld, und das dauert hin und zurück. Und die Wartezeit nicht zu vergessen. Wo hast du deine Karte?"
Sie hob ihr Portemonnaie hoch. "Keine Sorge, alles dabei. Nicht, dass ich drängeln will, aber warum habe ich genug Zeit für Kaffee und Frühstück?"
Nun musste Leo doch lachen. "Weil ich mich erst umziehen muss. Ist dir noch nicht aufgefallen, dass ich noch meinen Schlafanzug trage?"
Irene errötete verlegen. "Nein, ich habe das für einen Sportanzug gehalten. Ich meine Shorts und T-Shirt, damit geht man joggen, oder?"
"Das ist mein Sommer-Schlafanzug." Demonstrativ setzte er ihren Fuß wieder auf den Boden. "Duschen sollte ich auch noch. Hältst du es zwanzig Minuten aus?"
"Ja, klar."
"Und wo ist meine Schwester?"
Sie hat sich hingelegt und gesagt, du machst den Rest."
"Oh, wie typisch. Ja, klar, Leo, mach den Rest." Er griff nach dem Fahrtenmesser. "Kannst du mir eigentlich erklären, wie da Blut drankommt?"
Sie entriss ihm das Messer und steckte es wieder in die Lederscheide. "G-geht dich gar nichts an. Beeil dich lieber, dann mache ich für dich auch Frühstück."
Leo seufzte schicksalsergeben. Es stimmte schon. Seine Freunde konnte man sich aussuchen. Die lieben Verwandten aber leider nicht. "Zwanzig Minuten", wiederholte er.
"Können wir auf dem Rückweg nochmal zu Lakedamm?", fragte Irene.
"Ja, warum das denn?"
"Na, um nachzuschauen, ob noch was von mir da rumliegt. Und weil die Tussi da vielleicht wieder reitet. Ich krieg bestimmt Schmerzensgeld von ihr."
"Ach, träum weiter", murmelte er. Sicher, bei fast einhundert Reitfreunden allein in Gronau und fast fünfhundert eingestellten Reitpferden würde sie ausgerechnet die Frau von gestern wiedertreffen. Eine Vorstellung hatte diese Frau...