Equus Carnifex

GeschichteAllgemein / P16
27.09.2012
12.07.2013
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Prolog: Der Carnifex
Manche hielten ja das Bowie-Messer für das Maß aller Dinge. Scharf, stabil, dazu diese exotisch-geschwungene Form und seine romantisch-verklärte Geschichte, klar, dass das viele ansprach.
Er selbst bevorzugte ein Ka-Bar, ein Messer mit gerader, mattierter Klinge und Blutablaufrinne. Die meisten US-Spezialeinheiten verwendeten es, und er wusste auch warum. Als leicht modifiziertes Jagdmesser war es flink und tödlich. Vor allem in seinen Händen. Und die mattierte Klinge verhinderte, dass sie hier, mitten in der Nacht, verräterisch aufblitzen konnte. Nicht, dass er erwartete, es würde jemanden interessieren, wer sich da mitten in der Nacht auf den Hangweiden der Sieben Berge herumtrieb - oder wenn es ihn interessierte, dass er oder sie es tatsächlich wagen würde, nachschauen zu kommen - aber man wusste nie, wer gerade mal den Helden spielen wollte.
Apropos Hangweiden. Wäre es nicht gerade mondlose Nacht gewesen, hätte sich ihm ein wunderschöner Blick über das nördliche Leinebergland geboten. Er hätte im Westen den langgezogenen Bergrücken des Külfs gesehen, rechts davon in Nordwesten den Deister und den Osterwald, und im Nordosten den langgezogenen Hügelwald der Hildesheimer Berge. Sicher, ihre Schatten konnte er erahnen, doch die wurden von der Nacht aufgefressen. Zwar verbreiteten die größeren und kleineren Ortschaften ein wenig Licht, aber letztendlich war die Region recht dünn besiedelt. Gronau als größter Ort in acht Kilometern Umkreis lag zudem mitten in der Senke, welche die Leine - der Fluss, der diesen Bergen ihren Namen gegeben hatte - im Lauf der Jahrzehntausende gegraben hatte. Das Licht der Stadt erreichte die Berge nicht, die mindestens drei Kilometer von ihr entfernt waren. Eben eine dünnbesiedelte Gegend. Und ohne den Bantelner Bahnhof und die beiden Bundesstraßen B1 und B3 wären sie hier trotz der relativen Nähe zu Hildesheim und Hannover fast am Arsch der Welt.
Dennoch, ihm gefiel es hier, auch das eher ländliche Flair. Wenn nur diese dämlichen Pferdeweiden nicht so Überhand genommen hätten. Er hasste Pferde, tief und innig. Aber die dämlichen Biester merkten das nicht einmal. Es hieß ja, man könne nur zwei Spezies auf dieser Welt sehenden Auges in einen Kugelhagel schicken: Menschen und Pferde. Und jetzt breiteten sich die tumben Viecher dank ihrer Besitzer immer weiter aus, auch hier auf den malerischen Hängen der Sieben Berge.
Dabei hätte man das Gelände gut für die Landwirtschaft nutzen können. Obwohl, für die Landwirte machte es wohl keinen Unterschied, ob sie Raps und Mais für das Biokraftwerk in Brüggen anbauten, oder ob sie das Land als Pferdeweide verpachteten. Aber so weit oben, quasi schon halb im Wald störten die Pferde doch Tag und Nacht die eigentlich Natur, übersäuerten den Boden mit ihrer Pisse, äppelten alles voll, und wenn die Heuschrecken auf vier Beinen alles abgeäst hatten, ging es auf zum nächsten Stück Wiese.
Ja, er mochte keine Pferde, absolut keine Pferde. Er hasste sie. Pferde merkten so etwas nicht. Sie merkten es nie, bis es zu spät war.
Er hatte da seine ganz eigene Methode entwickelt. Pferde waren Fluchttiere, so als ehemalige Steppenbewohner. Diese Tiere hier aber hatte man domestiziert, sodass sie einem Menschen grundsätzlich nicht misstrauten und näher kamen, Leckeris fraßen und sich streicheln ließen. Vor allem von Menschen, die sie kannten. Deshalb war er die letzten Tage oft hier oben gewesen, hatte Pferdeleckerlis mitgebracht und sich regelrecht bei den Viechern eingeschleimt. Nun hatte er eine gewisse Chance, zumindest eines der Tiere anzulocken. Und während das dumme Tier Zuckerstückchen fraß... Nun, es würde dem Besitzer der Tiere eine Lehre sein, dass er seine Tiere so weit entfernt von seinen Pferdeboxen weiden ließ.
Das Einzige, worauf er achten musste, das war der verdammte Elektrozaun, der verhindern helfen sollte, dass die Tiere sich ihr Futter selbst besorgten oder gar auf die Straße ausbrachen. Er hatte mal eine Geschichte aus Banteln gehört, da hatten sich zwei Pferde aus ihrem Gatter befreit und waren auf die Bahnschienen der Strecke Hannover-Göttingen gelaufen. Damals hatte es noch keine Halbschranken, aber schon Automatikschranken gegeben, und prompt hatten die Schranken, weil ein Zug gekommen war, die Tiere auf den Schienen eingefangen. Zwei nervöse Fluchttiere und ein herannahender Zug, das Ergebnis war recht eindeutig gewesen. Es hieß, der Dorfschlachter habe die Überreste der beiden Tiere einsammeln müssen, weil die Mägen der eingesetzten Feuerwehrleute für den Anblick nicht stabil genug gewesen waren. Also, er hätte das nur zu gerne gesehen. Ein paar unnütze Heufresser weniger auf der Welt.
Es wurde Zeit, ihre Zahl noch ein wenig zur reduzieren.

Er hörte sie im Dunkeln laufen. Sie waren aufgeschreckt worden, als er sich genähert hatte. Aber das war noch kein Problem. Sobald sie sich beruhigt hatten, würden sie neugierig näher kommen.
Relativ schnell hörten sie auf zu rennen. Sie, das waren zwei Schimmelstuten und eine Rotfuchsstute, die vor zwei Wochen gefohlt hatte. Mit leisen Pfiffen lockte er sie an. Die gleichen Pfiffe hatte er ausgestoßen, als er ihnen Zuckerwürfel mitgebracht hatte. Also verbanden die dummen Tiere seine Pfiffe mit ihren Leckerlis. Sie kamen tatsächlich näher.
"Guuut. Brave Tierchen", lobte er sie. Tatsächlich war es der Rotfuchs, der ihn zuerst erreichte und den Kopf über das Torgatter steckte. Wie immer kostete es ihn einige Überwindung, das stinkende Tier zu streicheln und ihm die flache Hand mit dem Zucker hinzuhalten, damit das Tier fressen konnte. Aber es war ja für einen guten Zweck.
Der Rotfuchs fraß also aus seiner linken Hand, den Hals weit über das Sperrgatter gereckt. Es folgte der linken Hand mit dem Zucker, die er immer weiter zurücknahm. Plötzlich zuckte das Tier erschrocken auf und stieb davon. Es hatte die stromführende Leitung über dem Gatter berührt und ordentlich einen verpasst bekommen. Die Besitzer dieser Tiere hatten ein recht starkes Batteriegerät  auf dieser Weide, vor dem sogar Angus-Rinder trotz ihres dicken Fells Respekt gehabt hätten.
Ja, die Angus-Rinder. Die waren wenigstens zu was nütze. Aber Pferde, die lohnten nur was für die Abdeckerei.
Er pfiff erneut, lockte die Tiere zurück. Tatsächlich trabten sie nach und nach wieder heran. Erneut war es die Rotfuchsstute, die zuerst über das Gatter lugte. Er hielt dem Tier die Hand hin, so als hätte er dort Zuckerstücken, und das arglose Tier suchte mit seinen dicken, aufgedunsenen Lippen danach. Ein ekliges Gefühl. Aber wenigstens musste er es nicht für nichts ertragen. Mit der Rechten zog er das Ka-Bar, nahm es stoßbereit in die Hand, und rammte es ohne zu zögern in den Hals des Tieres. Der Rotfuchs wieherte schrill vor Schreck und Schmerz auf und warf sich nach hinten. Eine Zeitlang konnte der Pferdehasser das Messer in der Hand behalten, was bedeutete, dass die Klinge weiter quer durch den Pferdehals schnitt, aber dann hatte das Tier ihn aus seiner Hand gerissen. Verletzt und wahnsinnig vor Schmerz galoppierte es auf die Weide hinaus. Nicht gut, gar nicht gut. Auch wenn er Handschuhe trug, über die Klinge würde die Polizei ihn eventuell identifizieren können. Die Schreie des verletzten Tieres hallten über die Wiese und alarmierten vielleicht doch irgendeinen Verrückten, der sich mitten in der Nacht hier herumtrieb, und es wäre klüger gewesen, hier wieder zu verschwinden, aber er konnte das Ka-Bar nicht zurücklassen. Es brauchte nur ein Haar von ihm dran zu kleben, und schon würde er sich sein ganzes Leben fragen müssen, wann ihn eines seiner krummen Dinger mal zu einem Gentest verdammte, und er mit dieser Sachbeschädigung in Verbindung gebracht werden konnte. Also kletterte er über das Gatter. Leider hatte er das Kabel des Elektrozauns ebenfalls vergessen; als er übersetzte, bekam er einen Stromschlag in die rechte Hand, der sich gewaschen hatte. Er fluchte leise vor sich hin, während er sich die taube Hand rieb.
Draußen auf der Weide wurden die Schreie und das Wiehern des verletzten Tiers immer leiser. Die anderen Viecher trabten nervös hin und her, seinen Schatten meidend. Schließlich röchelte der Rotfuchs nur noch. Oh, das war gut. Mit ein wenig Glück hatte er dem Tier die linke Halsschlagader durchgetrennt, dann verblutete das Mistvieh gerade.
Er ging zu dem schnaubenden Berg Fleisch herüber. Tatsächlich, das unwerte Stück Fleisch wand sich in seinen letzten Zügen. Aber wie um ihn zu ärgern lag es auf der linken Seite, ausgerechnet auf der Seite, in der sein Messer steckte. Oh, das würde dauern. Er hockte sich neben das Tier und wartete, bis es sich nicht mehr rührte. Dann stemmte er den Kopf des Pferdes hoch, klemmte ein Knie dazwischen und suchte nach dem Ka-Bar. Mit etwas Glück war es nicht aus der Wunde herausgefallen. Dabei griff er in blutverkrustetes Fell. Ja, so ein Pferdevieh hatte mehr Blut im Körper als ein Mensch.
Schließlich entdeckte er den triefend nassen Griff seines Messers und zog es hervor. Na, das würde eine gründliche Reinigung notwendig machen, wenn er nicht wollte, das es jetzt zu rosten anfing. Achtlos ließ er den Kopf der toten Stute fallen. Das würde die Besitzer lehren, ihre Tiere in der guten Jahreszeit einfach irgendwo auf eine Weide zu stellen, wo jeder Pferdehasser mit ihnen tun und lassen konnte, was immer er wollte.
Als er sich aufrichtete, ging ihm ein Schrecken durch die Glieder. Da stand doch jemand neben ihm! Für einen Augenblick machte er sich selbst bereit für die Flucht. Aber dann bemerkte er, dass der Schatten für einen Menschen viel zu klein war.
Natürlich. Der Rotfuchs. Das musste das Fohlen sein. Seine Instinkte hatten es zur Mutter gerufen, anstatt mit den Schimmelstuten zu fliehen. Nachdenklich wog er das Messer in seiner Hand. Es war doch grausam, ein zwei Wochen altes Fohlen sich selbst zu überlassen, oder?


1. Gelinder Aufruhr in Gronau
Die Reporterin Zita Heidelauf wunderte sich ein wenig, wie weit der Feldweg wirklich war, der die Flanke an den nördlichen Sieben Bergen hinauf führte, fast bis an den Waldrand heran. Die Strecke von Brüggen hier herauf schien sich endlos zu ziehen. Bald aber schon sah sie den Einsatzwagen der Polizei, den sie suchte. Und natürlich, daneben stand der große Jeep von Heidelinde von Krahmfeld, der Geschädigten. Es war schön zu sehen, dass ihr kleines Netzwerk auch diesmal akkurat gearbeitet hatte.
Als Zita ausstieg, merkte sie, dass die adlige Frau wohl schon eine ganze Zeit auf den armen Hauptwachtmeister Anton Lüttig vom Elzer Kommissariat einreden musste. Interessiert hörte sie zu, aber etliche Daten würde sie nachfragen müssen.
"...sage Ihnen, es muss dieses Gör mit dem Fahrrad gewesen sein, das mich gestern beim Reiten auf dem Leine-Heide-Radweg auf dem Lakedamm beschimpft hat! Ich meine, diese Wandertussi hat doch tatsächlich gesagt, der Lakedamm wäre nur für Fußgänger und Radfahrer, aber ich frage Sie, Herr Lüttig, wo sollen wir Reiter dann bitte noch hin? Und dann sagte diese durchgeknallte Person, dass man wegen ihr ruhig alle Pferde abschießen könnte! Und jetzt schauen Sie sich das doch mal an! Ausgerechnet meine preisgekrönte Quarterhorse-Stute! Und das Fohlen war schon verkauft, für zwanzigtausend Euro! Ich meine, ich habe sie extra von Tallasso eindecken lassen, dem Deutschen Meister! Wo soll das noch hinführen, frage ich sie, wenn unsere Pferde nicht mal mehr auf der Weide sicher sind? Ich sollte wirklich mal mit Michael darüber sprechen." Bei diesen Worten schielte die aufgebrachte Frau zum Hauptwachtmeister herüber, um zu schauen, ob die Erwähnung des Vornamens eine Reaktion erbrachte. Zweifellos meinte sie Samtgemeindedirektor Michael Draeger, mit dem sie perdu war, aber die erhoffte Wirkung, nämlich das der Elzer Polizist beeindruckt war, stellte sich nicht ein.
"Nun, Frau von Krahmfeld, ich verstehe Sie ja. Wenn man ein Tier verliert, das man liebt, und dann auch noch durch eine so brutale Tat, dann tut das weh. Natürlich werden wir nach der Radfahrerin suchen und sie befragen, aber ich weiß nicht, ob..."
"Der finanzielle Aspekt ist hier viel wichtiger, Herr Hauptwachtmeister! Die nächsten sechs Jahre hätten die Fohlen von Amorosa garantiert noch mehr als zwanzigtausend Euro eingebracht! Und wenn sich ihre Nachkommen erst bewährt hätten, wäre der Preis wer weiß wohin gegangen. Wer soll mir diesen Schaden ersetzen?" Sie schüttelte energisch den Kopf. "Und dann tut das einem ja auch seelisch weh. Ich meine, die ganze Arbeit ist für die Katz, und nun ist das teure Pferd nur noch was für die Abdeckerei. Vom Fohlen ganz zu schweigen. Und was mache ich jetzt mit der Fohlenmilch, die ich vorsichtshalber gekauft habe? Die nimmt Herr Drombach bestimmt nicht mehr zurück."
Ein wenig entgeistert sah der gute Lüttig die Pferdebesitzerin an, bevor er ironisch die Augenbrauen hochzog. "Gut. Mein Kollege und ich nehmen das erstmal so auf und schicken eine Fahndung nach der Radfahrerin raus. Entschuldigen Sie mich, ich helfe ihm mal bei der Beweisaufnahme.

Dies war der Moment für Zita. Wenn Heidelinde einmal angefangen hatte zu reden, war sie nicht zu stoppen. Sie wusste das zu nutzen, indem sie Heidelinde über die Themen reden ließ, die für ihre Zeitung interessant waren. "Hallo, Heide. Was ist denn hier passiert?"
"Oh, Zita, mein Häschen, du bist es. Hat es sich denn schon herumgesprochen, das Massaker?"
"Massaker?" Ganz ihrem Stil entsprechend zückte sie Block und Stift, um augenscheinlich jedes Wort für ihre Zeitung, den Leineberglandkurier, aufzunehmen. Ergänzt durch ihr Erinnerungsprotokoll würde das einen schönen Artikel für den Lokalteil ergeben.
"Massaker. Du siehst es doch. Mein teuerstes Pferd, die Amorosa, und ihr neues Fohlen wurden abgestochen wie ein schmutziges Schwein. Du siehst die Sauerei ja. Als ich gestern Abend das Futter gebracht habe, war noch alles in Ordnung. Heute morgen komme ich wieder, und da sehe ich schon die Bescherung. Fünfzehntausend Euro habe ich für die Amorosa bezahlt. Und das war schon ein Preis unter Freunden. Die letzten drei Fohlen von ihr habe ich für zehntausend Euro verkauft, und dieses hat schon zwanzig gebracht, und der Preis wäre im Lauf der Zeit sicher noch höher gegangen. Das muss ein Profi beigewesen sein, der genau wusste, dass die Amorosa das teuerste Pferd in meinem Stall war. Ja, hätte er eines der Beistellpferde erwischt, das wäre nicht so schlimm gewesen. Die Marianne hat nur zweitausend gekostet, und die Isabelle frisst bei mir ihr Gnadenbrot. Aber nein, es war ausgerechnet das teuerste Pferd in der ganzen Samtgemeinde."
Zita runzelte die Stirn. "Heide, ich glaube, das kommt nicht so gut. Du redest hier über Geld, als wären die armen Tiere eine Sache..."
"Ja, hast natürlich Recht, mein Häschen. Der ganze emotionale Verlust, und so. Die Amorosa habe ich ja auch selbst mit der Flasche aufgezogen. Da bricht einem schon das Herz, wenn man sowas sehen muss."
"Besser", sagte  Zita, wohlweislich ignorierend, dass sie das Pferd kaum mit der Flasche aufgezogen haben konnte, wenn es sie zehntausend Euro gekostet hatte. "Und du hast auch schon einen Verdacht, habe ich gehört?"
"Verdacht, Verdacht. Für mich ist das klar. Das war diese Wanderradfahrerin, ganz eindeutig. Ich reite so vergnügt mit Charlemange über den Laakedamm, weil der frisch geschottert ist, und man ja auch was Gutes für die Allgemeinheit tun will, indem man das Pferd den Kram festtreten lässt, da kommt dieses dumme Gör auf den Damm geschossen, fährt mir fast ins Pferd rein und kracht vom Damm runter. Und obwohl an der Stelle rechts vor links ist, hat dieses Gör auch noch die Frechheit, sich zu beschweren. Ich meine, wenn ich so fahren würde, mit zwei vollen Radtaschen, mit einem Rucksack auf dem Gepäckträger und einem auf dem Rücken, dann wäre ich vorsichtiger und würde nicht so rasen wie eine Wahnsinnige. Aber ich sage dir, mit diesen neuen Motoren für Elektrofahrräder werden die Leute leichtsinnig. Diese gefährlichen Dinger gehören auf die Straße, und nicht auf den Radweg. Auf jeden Fall fängt die an rumzuzicken, und zu meckern, Pferde gehören nicht auf den Radweg. Und ich so: Ja, wissen Sie überhaupt, mit wem Sie hier reden? Und sie so: Glücklicherweise nicht, ich komme schießlich aus Baden-Württemberg, und nicht aus der Provinz. Und ich wieder, ich bin die Baronin von Krahmfeld, und was ihr einfallen würde, so mit mir zu reden, und sie wieder, noch schlimmer, und dann noch Pferdebesitzer, und wegen ihr kann man all die wandelnden Fleischhaufen abknallen und zum Abdecker bringen... Und du siehst ja, jetzt muss meine beste Stute tatsächlich zum Abdecker. Weil sie da wahrscheinlich die ganze Nacht gelegen hat, kann ich sie nicht mal zum Pferdeschlachter schicken. Das schreibt mir kein Tierarzt rein, und..."
"Heide...", mahnte Zita.
Die Pferdebesitzerin räusperte sich vernehmlich. "Ich meine, ein Tier, noch nicht mal sechs Jahre alt, mit so einer grandiosen Zukunft vor sich, brutal dahingerafft von Tierhassern. Ich frage dich, in was für einer Welt leben wir?"
Zita machte einen deutlichen Schlusspunkt auf dem Block. "Danke, Heide. Ich schicke Dir den fertigen Artikel später zum Gegenlesen. Jetzt gehe ich mal den Herren von der Polizei über die Schulter schauen. Das heißt, wenn sie mich lassen, und wenn du nichts dagegen hast. Ist ja schließlich deine Weide."
"Nein, warum sollte ich? Aber pass am Gatter auf. Da ist eine Riesensauerei mit der Blutpfütze. Die Schimmel habe ich eingesperrt, erstmal, und den Elektrozaun ausgeschaltet. Du musst also nicht klettern."
"Gut zu wissen", erwiderte sie. "Wir sprechen hinterher nochmal."
"Ist gut, mein Häschen."

Zita Heidelauf seufzte leise, als sie außer Hörweite war. Wenn sie schreiben könnte wie sie wollte... Nicht, dass sie Heide nicht mochte, sie kam gut mit der Baronin aus. Aber diese Selbstgerechtigkeit, mit der sie die Welt sah, die ging Zita schon mal auf die Nerven. Alles war so selbstverständlich für sie. Und ihre Vorfahren hätten wohl gleich mal Lynchjustiz an der Radfahrerin geübt, egal ob sie schuldig war oder nicht. Adlige...
Sie umging die halb eingetrocknete Blutpfütze vor dem Gatter und trat auf die abgeäste Weide hinaus. Sie hatte mal über Pferde gelernt, das sie sich nicht langweilten, wenn sie etwas zu fressen hatten. Deshalb hängte man ihnen gerne mal fünf bis acht Kilo Heu in die Box oder stellte sie auf eine Weide wie diese. Obwohl Zita nicht zu Unrecht den Verdacht hatte, dass den Pferden das Maisfeld, das von Süden an die Weide grenzte, wesentlich lieber war als das Weidegras.
Zita wusste auch, dass man die Pferde vom ersten Grün nur wenig fressen ließ, weil der erste Wuchs zu eiweißhaltig war. Das führte schnell zu Koliken bei ihnen, und die konnten tödlich enden. Deshalb waren Heu und Stroh so wichtig für die Biester. War der Darm mit Stroh gefüllt, konnten die Pferde nicht genügend Eiweißhaltiges Futter hinterherstopfen, um eine Kolik zu bekommen. Manchmal war das Leben simpel.
Sie beobachtete Lüttig und seinen Kollegen dabei, wie sie am Tierkadaver hantierten. Merkwürdig, den jungen Mann kannte sie noch nicht. "Hallo, Herr Hauptwachtmeister! Was haben Sie denn für mich?"
Lüttig sah zu ihr herüber und lächelte. Ha, es machte sich doch bezahlt, ab und an was Nettes über die Elzer Polizei und ihre Gronauer Wache zu schreiben. Dann waren die Burschen mitteilsamer. Oder es war der gemeinsame Kaffee neulich am verkaufsoffenen Sonntag gewesen, als sie sich zufällig in der Innenstadt getroffen hatten.
"Tja, Frau Heidelauf, wo etwas passiert, sind Sie ja nicht weit entfernt, nicht wahr? Wundert mich, wie schnell Sie hier draußen sind."
Sie lächelte bei der intonierten Frage. "Berufsgeheimnis", flötete sie. "Neuer Kollege, Herr Lüttig?"
"Was? Ach nee, nicht so richtig. Das ist der Thomas, mein Neffe. Der arbeitet im Hauptkommissariat in Hannover und ist bei uns zu Besuch auf der Wache. Weil wir gerade etwas knapp waren, hat er gesagt, er kommt mit raus. Es ging ja auch nicht um Leben und Tod, sondern nur um Tod."
"Hauptkommissariat? Heißt das, die Polizei nimmt die Pferderipperfälle endlich ernst?"
Der junge Mann lachte und richtete sich auf. Er reichte der Reporterin die Hand. "Thomas von Buren, Oberkommissar. Freut mich, Sie kennenzulernen, Frau Heidelauf. Wie ich hörte, sind Sie die hiesige Lois Lane."
"Mag sein, aber ohne Superman oder Lex Luthor. Was sagen Sie denn als Profi zu diesem Fall, und dazu, dass es bereits eine Verdächtige gibt?"
Anerkennend grinste von Buren sie an. Er hatte ihr voller Absicht die Hand gereicht, die voller getrocknetem Pferdeblut gewesen war, und Zita hatte ohne zu zögern zugegriffen. Als wenn so etwas sie schocken würde. Wer wie sie zehnmal im Jahr von Autounfällen berichtete, der bekam schlimmere Szenen zu sehen, als zwei Pferde in einer Blutlache. Obwohl, um das Fohlen tat es ihr herzlich leid.
"Tja, Sie sehen es ja. Hier wurden ein Muttertier und sein Fohlen umgebracht. Und zwar, soweit ich das beurteilen kann, mit einem scharfen, ungefähr zwanzig Zentimeter langen Messer. Bei Pferdemord gibt es leider keine forensische Untersuchung, auch wenn das Tier fünfzehntausend Euro wert ist. Aber ich habe Fotos von der Wunde gemacht und sie ausgemessen. Sie sind sehr untypisch für die Pferderipperfälle zum Beispiel am Deister und in der Südheide. Dort hatten wir immer einen dicken, groben und nicht sehr tiefen Schnitt, wie von einer Machete oder einem Schlachtermesser. Einen Hieb also. Hier aber ist ein sehr scharfer Gegenstand, der sehr dünn ist, sehr tief in den Hals gestoßen und nach vorn gerissen, das war demnach ein Schnitt. Dabei wurde die linke Halsschlagader durchtrennt, und das arme Tier verblutete." Aufmerksam musterte von Buren sie, und Zita schürzte verächtlich die Lippen. "Schon klar. Der oder die Täterin war Rechtshänder."
"Respekt", erwiderte der Oberkommissar. "Ich nehme an, dass die Tat mit einem Jagdmesser erfolgt ist. Vielleicht sogar mit einem Army-Messer. Der Täter muss viel Kraft aufgewendet haben. Anders kann ich mir den langen Schnitt nicht erklären. Es ist eine erhebliche Stärke dazu notwendig, wenn man das Messer in der Hand halten will, während das Pferd - ein Fluchttier, wohlgemerkt - in Panik gerät und davonrennen will."
"Er hat das Messer also gehalten? Er hat nicht einfach später nachgeschnitten?", fragte sie.
"Ja. Dafür spricht, das am Ende des Schnitts von der geraden Linie abgewichen wurde. Der Schnitt wird hier fast diagonal. Wer immer das getan hat war kein Schwächling."
"Spricht das nun gegen Frau Krahmfelds These mit der nach ihrer Meinung militanten Radfahrerin?"
Von Buren breitete die Arme aus. "Ausschließen kann ich es nicht. Auch in einer jungen Frau kann so eine Kraft stecken. Man hat schon Pferde kotzen gesehen, Frau Heidelauf."
"Und das vor der Apotheke. Und? Haben Sie noch etwas herausgefunden?"
"Hören Sie, rasende Reporterin, wäre dies ein Mord an einem Menschen, würde ich Ihnen nicht einmal ein Zehntel davon erzählen", sagte von Buren ernst, "um die Ermittlungen nicht zu stören. Aber Fakt ist, dass die Gesellschaft den Mord an Haus-, und Nutztieren noch immer wie eine Sachbeschädigung behandelt. Deshalb ist es wohl nicht verkehrt, ein paar Fakten in der Zeitung lesen zu können, die bei der Aufklärung helfen werden."
"Oh, es freut mich, das ich nützlich sein kann", sagte Zita sarkastisch.
"Gern geschehen. Kommen wir zum Fohlen." Von Buren drehte das Tier um, hob es hoch und klemmte es sich zwischen die Beine. Dann überstreckte er den Kopf des toten Pferdes. "Schauen Sie, hier hat der Täter einen sehr sauberen Schnitt angesetzt. Er hat das Tier so gehalten wie ich, den Hals überstreckt, und mit der rechten freien Hand hier begonnen, und dann einmal den ganzen Hals durchgeschnitten. Anschließend hat er das Tier an Ort und Stelle fallen und verrecken lassen. Was sagt uns das?"
"Dass er sich nicht getraut hat, die Mutter zwischen die Beine zu nehmen?", erwiderte sie spitz.
"Auch", sagte der Oberkommissar. "Er hat das Pferd nicht geritten. Entweder weil er es nicht kann, oder weil er Pferde hasst."
Was mehr als offensichtlich war, fand Zita.
"Wichtig ist aber, wie er dem Tier die Kehle aufgeschnitten hat. Das war nicht der Schnitt eines Amateurs. Das sieht nach der soliden Arbeit eines Profis aus."
"Eines Profis? Sollen wir jetzt nach einem Fremdenlegionär suchen, oder was?", fragte sie sarkastisch.
"Ich denke, einer von der Bundeswehr tut es auch. Die Teileinheit muss nur Messerkampf erlernt haben. Also Kampfschwimmer, KSK, Fallschirmjäger, Stabsdienstler..."
"Stabsdienstler?"
"Unterschätzen Sie nicht die Bürohengste", sagte von Buren lachend. "In meiner Zeit, in meiner Stammkompanie bei den Pionieren, da haben die Büroleute immer am Besten gesprengt."
"Also ist es Ihrer Meinung nach nicht die junge Frau, von der Baronin von Krahmstedt gesprochen hat."
Von Buren ließ das Fohlen sanft zu Boden gleiten und griff nach seinen Taschentüchern. Eins der Tempos reichte er Zita. "Ich sage gar nichts an diesem Punkt. Ich habe nur ein paar Erkenntnisse aufgezählt. Aber Fakt ist, das wir die Radfahrerin finden und befragen sollten."
Zita legte den Kopf schräg und blätterte ein paar Seiten zurück. "Sie kommt aus Baden-Württemberg und fährt ein Rad mit Elektromotor. Bei sich hatte sie zwei volle Satteltaschen und zwei Rucksäcke. Augenscheinlich ist sie auf dem Leine-Heide-Radweg unterwegs. Und zwar in Richtung Heide."
"Danke, das hilft uns doch schon weiter."
"Ist Ihr Danke gut genug für einen gemeinsamen Kaffee? Später, wenn Sie mehr wissen?"
Von Buren grinste. "Ich habe nicht vor, diesen Fall zu übernehmen. Ich besuche nur ein paar Tage meinen Onkel, während meine Wohnung von den Kammerjägern ausgeräuchert wird. Aber gegen einen gemeinsamen Kaffee habe ich nichts, Lois Lane."
Sie zückte ihre Karte. Und sie hatte absolut nichts gegen einen Kontakt bei der Polizei Hannover. "Hier. Rufen Sie mich an. Morgen, übermorgen. Ich sage Ihnen dann, wann ich Zeit habe."
"Ich werde es mir merken. Onkel Anton, ich gehe mal die Baronin befragen, wegen einer genauen Beschreibung der Radfahrerin."
"Ist gut, Thomas. Und mach langsam. Ich bin ja froh, dass du deine Freizeit opferst."
"Ach, du weißt doch", sagte von Buren grinsend, "einmal Polizist, immer Polizist. Und ich als Tierliebhaber..."
"Auf dem Teller, oder was?", stichelte Zita.
"Ich muss doch sehr bitten. Pferd gehört nicht auf meine Speisekarte", tat er gespielt entrüstet. "Also, wir sehen uns, Frau Heidelauf."
"Sie haben meine Karte", erwiderte Zita.

"Tja, da sieht man mal den Unterschied zwischen einem Dorfpolizisten und einem Profi", sagte Lüttig beeindruckt. "Was der alles in ein paar Minuten rausgefunden hat. Na, er geht voll nach Margret. Die hat früher immer nur Krimis verschlungen, immer Krimis. Wir haben sie schon Mimi genannt, so wie in dem alten Film. Sie wissen schon: Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett, nie ins Bett, nie ins Bett..."
"Bill Ramsey", sagte Zita.
"Richtig. Ich staune über Sie. Das war doch gar nicht Ihre Zeit."
"Oh, als ich klein war, habe ich auch viel Peter Alexander-Filme gesehen. Ja, Ihr Neffe ist nicht der Allerweltspolizist. Mit einer forensischen Ausrüstung hätte er vielleicht noch mehr entdeckt."
"Ich glaube nicht. Wissen Sie, er macht eine Weiterbildung zum Profiler, wie man das nennt. Also er ist einer von denen, die die Tat aus Sicht des Täters nachvollziehen sollen, um ihn dann zu fassen. Er will man auf die schweren Fälle angesetzt werden. Serientäter und so. Er sagt immer, einer muss es ja tun."
"Sehr interessant. Da haben wir ja echtes Glück, dass er zufällig gerade in der Gegend ist, was? Vielleicht hilft er Ihnen ja doch, und Sie kriegen den Pferderipper, Herr Lüttig."
"Ach, hörn'se auf, Frau Heidelauf. Wenn es der Pferderipper aus der Heide ist, den kriegen wir doch nie. Der sticht heute ein Tier hier in Brüggen ab, und morgen in Celle eins auf der Weide. Aber Fakten haben wir gesammelt, jede Menge Beweise und Spuren und so. Wenn sie das Schwein mal kriegen, dann können wir ihm locker nachweisen, dass er auch hier gewütet hat." Er schnaubte. "Eventuell. Aber, Frau Heidelauf, und das meine ich ernst, ich bin froh, dass der Kerl nur Pferde abschlachtet. Stellen Sie sich vor, er hätte Lust auf Menschen."
Zita schüttelte sich angemessen. "Eine furchtbare Vorstellung. Unsere friedliche Samtgemeinde im Zentrum einer Mordwelle. Sowas kann sich nur ein schlechter Autor ausdenken, nicht wahr?"
"Ja, das bleibt hoffentlich Fiktion", lachte der Hauptwachtmeister.
Zita lächelte gewinnend. "Wie immer vielen Dank für Ihre Zeit. Soll ich Ihnen den Artikel vorher zum Absegnen rübermailen?"
"Ach, Frau Heidelauf, Sie schreiben doch so gut, ich vertraue Ihnen, wie immer. Sie übertreiben nicht und erfinden auch nichts dazu, so wie Ihre Kollegen aus Hamburg."
"Hier bringt es ja auch nichts, was dazu zu erfinden", erwiderte sie. "Ich wünsche Ihnen dann noch einen schönen Tag, und hoffentlich trifft man sich mal wieder auf einen Kaffee. Ich werde dann mal zu Michael fahren und ein wenig mit ihm plaudern."
"Na, der Herr Draeger wird sich freuen", murmelte Lüttig vor sich hin.
"Oh, keine Sorge. Er freut sich immer, wenn ich Zeit für ihn habe, Herr Lüttig."
"Ja, so kann man es natürlich auch sehen..."
Zita lächelte nach innen. Ein gewisser Ruf war immer eine schöne Sache, und sehr hilfreich. Vor allem wenn mal was Spannenderes in ihrer beschaulichen Gemeinde stattfand als ein Auto-Unfall. Und der Pferdemord war das mit Abstand Aufregendste, was in diesem Jahr geschehen war. Ein großartiger Artikel entstand vor ihrem geistigen Auge, der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung würdig.