Waiting

KurzgeschichteHumor, Romanze / P16 Slash
23.09.2012
23.09.2012
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Hey Ho :3
Alle möglichen Anmerkungen, Widmungen, References und und und sind am Ende des OS, also keine Angst, ich hab nicht aufgehört, euch alle bei jedem Update mit unsinnigem Wissen zu versorgen. Eigentlich ist alles hier Flashback, bis auf den ersten Teil bis zur Leerzeile und den letzten + die kursive SMS. Die Personen gehören alle sich selbst, und obwohl das eine ziemlich traurige Tatsache ist, wünsche ich euch viel Spaß. :D

***

Waiting (for anything at all)

Eine zweifellos höchst seriöse Studie ergab, dass Hetero-Männer im Durschnitt alle 28 Sekunden an Sex denken. Für Schwule liegt der Wert bei spärlichen neun. Ich weiß nicht, ob es für Männer, die bi (Schrägstrich höchst verwirrt Schrägstrich zackysexual) sind, etwas andere Regeln gibt (Vielleicht alle 18 oder 19 Sekunden, wenn man den Mittelwert berechnet?) und wie ich mir in meinem kolossalen Desinteresse an allem Wissenschaftlichen die Studie gemerkt habe.
Doch selbst wenn man diese Zahlen nie gehört hat und selbst zu unfähig für die simpelste Mathematik ist, wie ich es eigentlich auch von mir immer behauptet habe – ein Mann versteht Anspielungen. Das ist eine unumstößliche Tatsache, vor allem, wenn sie nicht von einem weiblichen Individuum kommen und man den Urheber der versteckten Anzüglichkeit fast so gut kennt wie sich selbst.
Doch trotzdem liege ich gerade alleine und auf höchstem Niveau tödlich gelangweilt auf dem kleinen Sofa in unserem Bus, während Matt, Jimmy und Johnny wahrscheinlich auf der Suche nach der netten Kombi Bar + Bier + Brüste sind. Und das natürlich in der Begleitung von Zack, der ihnen ohne einen Hauch von einem schlechten Gewissen nachdackelt und einfach zu müde, blöd oder besoffen war, um zu verstehen, dass ich nicht wegen eines unglaublichen, plötzlichen Migräneanfalls hiergeblieben bin.
Mit einem genervten Stöhnen rolle ich mich auf den Bauch, sodass meine Beine fast komplett von der Couch hängen und mein Gesicht wunderschön auf der Stelle klebt, die Matt schon vor Ewigkeiten als seinen Lieblingssitzplatz auserkoren hat. Noch während dieser Fakt in mein Hirn einsickert und ich mich so schnell wie möglich von der Stelle des Grauens entferne, wünsche ich mir, dass das Geräusch, das ich gerade von mir gegeben habe, nicht auf purer Langeweile basieren würde.
Wahrscheinlich bin ich es einfach nicht mehr gewöhnt, auf einer längeren Tour alleine mit einer rechten Hand und meiner Fantasie zu sein. Nicht, dass letztere nicht gut genug wäre, um den businessältesten Pornodarsteller rotwerden zu lassen, aber... es ist schwer, wenn man einmal Blut geleckt hat. (An dieser Stelle: Edward Cullen, du hast mein Mitleid. Nicht, weil du glitzerst und deine Fanbase aus Dreizehnjährigen mit Geschmacksproblemen besteht, sondern weil ich langsam verstehe, wie es ist, etwas, das sich direkt vor deiner Nase befindet, zu wollen und es nicht wirklich haben zu können.)
Natürlich gibt es die Möglichkeit, dass Zacky das vor ein paar Tagen Geschehene als einmalige Sache betrachtet. Doch bevor meine Gedanken zu weit auf diesen Weg abkommen – was eindeutig ein kleines-großes Besäufnis mit überaus armseligen und bemitleidenswerten Hintergründen und einen weiteren Punkt auf Jimmys ‚Brian-wegen-seiner-pathetischen-Tiefpunkte‘-Auslachliste zur Folge hätte – lenke sie in eine andere Richtung.
Zum Beispiel zu dem Tag, der als ‚Tag der absoluten Hirnrissigkeit (und des göttlich heißen Sex mit der falschen Person)‘ in die Geschichte eingehen könnte, wenn ich die Macht hätte, etwas an den Kalendern dieser Welt zu basteln.

Alles begann als klischeehafter und schrecklich normaler Tag – so normal, wie es in einem Bus mit fünf Musikern, einer besorgten Ex-Tourmanagerin und einem chronisch entnervten Fahrer nur sein kann. Irgendwann um vier Uhr nachmittags bequemte sich der ersten Zombie, in dem Fall Matt, dazu, seine höchst gemütliche und von seiner nicht sehr großzügig bekleideten Freundin halb blockierte Bunk zu verlassen und ins Bad zu watscheln, um einem menschlichen Bedürfnis nachzugehen…
Was im Endeffekt aber nur zu einer wunderschön sanften Aufweckaktion des kompletten Busses geführt hat. Es war auch nicht wirklich zu überhören, dass unser Sänger einen kleinen hysterischen Anfall hatte, weil Johnny in der Nacht davor sturzbetrunken seinen Rasierer ins Klo gekickt und sich bei dem Versuch, den Schaden zu begrenzen, prompt auf den Spülkasten gelehnt und die Spülung aktiviert hatte.
Zu dem Zeitpunkt, als Jimmy anfing, den fuchsteufelswilden Matt mit allen dreckigen Kleidungsstücken in seiner Reichweite zu bewerfen, um ihn zum Schweigen zu bringen, und ich mir mit einem Grunzen mein Kissen über den Kopf drückte, um den Wahnsinn zu entfliehen, war es jedoch schon viel zu spät, um eine größere Katastrophe zu verhindern. Und einen verkaterten Zachary Baker, der mit einer einzigen für diese Uhrzeit viel zu fließenden Bewegung seinen iPod aus seiner Schlafkoje segeln ließ und den protestierenden Matt damit frontal an der Stirn traf, konnte man meiner Meinung nach sehr wohl als solches werten.
Im Nachhinein sollte ich ihm vielleicht dankbar sein, dass er als Friedensangebot und Entschädigung für das rücksichtslose und laut dem Sänger wirklich nicht gerechtfertigte Attentat uns alle in die nächste Bar einlud. Vielleicht wäre es sowieso so gekommen, wie es im Endeffekt passiert ist, aber der Glaube an eine höhere Macht, die die neumodische Technik trotz halbtotem Schützen so perfekt fliegen ließ, kam mir bequemer vor als eine wissenschaftlich und psychologisch schlüssige Erklärung.
Es war eine der klassischen Bilderbuchnächte – dunkel, sternenklar und kühl genug, um einen Grund neben absoluter Stilsicherheit zu haben, eine Lederjacke zu tragen. Die Bars waren voll mit den drei klassischen Typen Frau: billig, besoffen und brutal hässlich. Jimmy und Johnny machten es sich natürlich sofort zur Aufgabe, willige Vertreterinnen der ersten beiden Typen aufzustöbern – und fanden auch ein als klare Drei einzustufendes Exemplar, worauf Zacky sie natürlich mit einem höchst sensiblen ‚Alter, so besoffen KÖNNT ihr gar nicht sein!‘ aufmerksam machte.
Wir Gitarristen hielten und an der Bar im Hintergrund, unsere Leber flaschenweise Bier, gläserweise Whiskey und shotweise Absinth beschäftigend und darauf wartend, ebenfalls jemanden für die Nacht zu finden. Dass wir uns beide nicht besonders viel Mühe gaben, schoben wir in dem Moment auf die Tour, die unpassenden Frauen und den Alkohol, der seine Wirkung anscheinend nicht ganz zu entfalten schien.
Es war fast unnatürlich ruhig in unserem Eck, bis Jimmy mitten im Club eine Schlägerei anzettelte, indem er sein Hemd aufmachte und leicht angeheitert eine vergebene Tussi des Typs vier – Brust-OP featuring Brutalo-Freund – anbaggerte. Sein Riecher für die falschen Situationen würde irgendwann in die Geschichte eingehen, wie Zacky vor langer Zeit im Vollrausch prophezeit hatte – und dieser Moment bewies, wie eindeutig er Recht behalten sollte. Nur, dass es für uns kein unbedingt als negativ einzustufendes Ereignis war.
Nach einem kurzen Penisvergleich, wie Val es so treffend beschrieb, und dem folgenden Rauswurf des Ex-Knastbruders inklusive hysterischem Anhängsel, dem zu allem Überfluss noch fast das Shirt platzte, als sie versuchte, den Türsteher zu bestechen, beschlossen wir, uns zurückzuziehen. Johnny war neben Matt der einzige, der sich glücklich schätzen konnte, für die Nacht etwas Gesellschaft zu haben – wenn auch nur in Form von einer fast noch minderjährige Brünette mit angehender Alkoholvergiftung.
Nach dem klassischen ‚Ja, Shads, wir wissen, dass du morgen auch ohne uns fährst, wenn wir nicht pünktlich sind und du am Abend ohne Band auftreten willst‘-Gespräch verabschiedeten wir uns in der Lobby und suchten unsere Zimmer – Jimmy zu seinem Leidwesen zusammen mit Johnny, Val mit Matt und Zacky wie immer mit mir.
Wie immer – der Abend war so ‚wie immer‘, dass mir fast schlecht davon wurde. Könnte zwar auch der Absinth gewesen sein, doch philosophische Gründe machen sich immer besser, wenn man erst einmal vorm Klo sitzt.
„Ich geh duschen“, nuschelte Zacky, sobald wir den etwas düsteren, aber geräumigen Raum betreten hatten, und ich beschränkte mich auf ein überaus enthusiastisches Body-meets-Bed als Antwort.
Die Tagesdecke mit schrecklichem Oma-Blümchenmuster roch nach Zigarettenrauch und Schweiß, als mein Gesicht darin versank. Es könnte auch sein, dass es meine Jacke war, die den leichten Gestank verströmte, doch es fehlte der gewohnte Geruch von altem und zu oft getragenem Leder in dem Mix.
Mit knacksenden Gelenken richtete ich mich wieder auf, als im Bad nebenan das Wasser zu rauschen begann, und schlüpfte ohne zu auffällige Gleichgewichtsprobleme aus meinen Schuhen.
Als nächstes landete meine Lederjacke auf einem unglaublich hässlichen Stuhl in der Ecke, dicht gefolgt von meiner zerrissenen Hose und dem roten Fedora, den ich vor ein paar Monaten aus einem spontanen Anfall von dezenter Stilverwirrung heraus gekauft hatte. Im Endeffekt liebe ich ihn so unglaublich, wie man einen Hut nur lieben kann, doch ich hütete mich, das zuzugeben. Jimmy würde mich nie wieder in Frieden lassen, und ich hatte eindeutig keine Lust, ihn im Affekt mit einer von Johnnys Unterhosen zu erwürgen. Einmal abgesehen davon, dass das keine besonders würdige Art zu sterben ist.
Plötzlich hörte ich Zacky fluchen und konnte nicht anders, als leicht angetrunken in den nur von einer flackernden Straßenlaterne vor dem Fenster beleuchteten Raum hineinzulachen. Ich habe keine Ahnung, wie er es schafft, in jedem Hotelzimmer irgendetwas – wobei eindeutig kein Unterschied zwischen Mobiliar, seinem eigenem Körper oder Bandmitgliedern gemacht wird – zu zerstören, doch irgendwie bekommen wir es nie hin, wie normale Gäste ohne erweiterte Rechnung oder blaue Flecken auszuchecken.
Mit einem leichten Lächeln im Gesicht, dessen Grund ich einfach mit A für Absinth benenne, schlurfte ich zu meiner Reisetasche, die ich einige Stunden zuvor gerade noch aus Jimmys diebischen Klauen und den nach Zigarren riechenden Pranken unseres Busfahrers gerettet hatte, und suchte mir meine Zahnbürste. Ich wusste, dass Zacky eine Tube dieser grausamen nach Orange schmeckenden und Kloreiniger riechenden Zahnpasta bei sich im Bad hatte, also machte ich mir die Mühe gar nicht, in meinem Chaos nach mehr Kosmetikartikeln zu suchen.
Es war außerdem selbstverständlich, dass es ihn nicht störte, wenn ich seine Sachen benutzte. Wir hatten viel zu lange auf zu engem Raum in einem Van gelebt, unrasiert und eindeutig zu lange nicht mehr geduscht, als dass so etwas wie eine Peinlichkeitsgrenze noch auf normalem Level zwischen uns existieren könnte.
Nur in Boxershorts und meinem T-Shirt schlurfte ich in das winzig kleine Badezimmer, dessen rechte Hälfte komplett von einem Badewannen-Dusch-Kombiungetüm verstellt wurde. Der Duschvorhang war leicht durchsichtig, sodass ich Zackys Silhouette sehen konnte – etwas dunkler neben dem dreckig beigen und sehr unvorteilhaften Farbton des Plastiks, das mich prompt an eins meiner Plektren erinnerte, das Jimmy einmal aus rein wissenschaftlicher Neugier in Jack Daniels eingelegt hatte. Das war auch der Moment gewesen, in dem ich begriffen hatte, dass das Hirn eines Genies eindeutig ein gefährlicher Ort war – und das auch, wenn man kein kleines Plastikblättchen in seinen Händen war.
Ohne Grund etwas verlegen wandte ich mich ab, als ich bemerkte, dass ich Zack schon länger anstarrte als es nötig war. Es war nicht so, dass ich ihn noch nie nackt gesehen hatte. Verdammt, jeder einzelne Fan, der bewusst die alten Fotos auf ‚All Excess‘ bewundert hatte, hatte Zachary Bakers Hintern in seiner vollen und ungeniert dargestellten Pracht bewundern können – und trotzdem kam es mir in der Situation anders vor.
Also wandte ich mich zum Spiegel auf der linken Seite der Tür, wühlte in der schwarzen Ledertasche, die auf dem Waschbeckenrand stand, und fing nach erfolgreich abgeschlossener Suche nach der grässlichen Zahnpasta an, mir hochkonzentriert die Zähne zu putzen.
Was auch ungefähr eine halbe Minute lang reibungslos funktionierte, bevor ich komplett unschuldig meinen Blick von einem irgendwie penisförmigen Rostfleck auf den Fließen hob und im Spiegel komplett detailgetreu sah, wie Zacky sich mit einem leisen, etwas erstickten Geräusch seine triefend nassen Haare aus dem Gesicht wischte. Mit einer gekonnten Bewegung öffnete er dann einhändig und durch den Alkohol anscheinend kein bisschen beeinträchtigt die Shampooflasche, bevor er begann, begleitet von meinen Blicken und mit schnellen, routinierten Bewegungen seine pechschwarzen Strähnen einzuseifen.
Und ich starrte. Starrte, als seine Hände langsam über seinen Körper nach unten wanderten und dieses abartige, leicht nach Lavendel und trotzdem nicht zu weiblich riechende Zeug über seine Haut verteilten. Starrte, bis mir etwas Zahnpasta übers Kinn rann und ich mit einem trockenen Husten wieder geistig unter die Lebenden zurückkehrte, obwohl mein Verhalten einem Zombie wohl alle Ehre machte.
Plötzlich und irgendwie grundlos in Eile spuckte ich die Zahnpasta in das altmodische, zersprungene Waschbecken und spülte mir den Mund aus, bevor ich die zwei Schritte zur Dusche hinter mich brachte wie den Gang zum Galgen. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich mir eindeutig ein positiveres Ergebnis meiner zugegeben nicht hundertprozentig durchdachten Aktion erhoffte.
Ohne wirklich zu realisieren, was ich tat, schob ich den Vorhang so weit zur Seite, dass ich zwischen ihm und der Wand hindurchschlüpfen konnte.
Zacky erstarrte.
Ich kletterte in die Badewanne.
Langsam drehte er sich um und verpasste mir mit der Duschbrause fast eine Ohrfeige.
Ich wich aus und zog den Vorhang an die Wand, um die Außenwelt auszusperren.
„Bri, was machst du bitte?“, rutschte Zacky amüsiert heraus, doch ich wusste, dass er sich eine wenn möglich auch noch nachvollziehbare Antwort erwartete. Ich hatte keine und wollte nicht den allgemeinen absinthbedingten Wahnsinn als Ausrede benutzen, also zuckte ich die Schultern.
„Hey, du wirst nass“, sagte der Schwarzhaarige fast fürsorglich, als ich einen winzigen Schritt auf ihn zuging. Vielleicht hätte ich darüber lachen sollen, dass er genau das feststellte, wo er mir doch selbst den Wasserstrahl ins Gesicht lenkte und die Situation noch so viel anderes zum Bemerken parat hatte – allem voran ein ‚Was zum Teufel machst du bitte in meiner Dusche?‘.
Vielleicht war die Reaktion einfach nur so typisch Zacky, genauso wie sein Hang zu seltsamen Wortspielen und uralten, unglaublich miesen Horrorfilmen. Oder wie der ihn manchmal ganz plötzlich überkommende Drang, beim Kochen lautstark und mit mehr Begeisterung als Textsicherheit Nicki Minaj mitzurappen, während seine Spaghetti anbrannten.
Vielleicht war das auch der Moment, in dem ich begriff, dass ich gerade knapp davor war, etwas zu tun, was in einer Freundschaft selbst für unsere nicht besonders gewöhnlichen Verhältnisse ganz und gar ungewöhnlich war.
Vielleicht war der Alkohol daran schuld, dass mich diese Tatsache nicht übermäßig kümmerte, als ich mich in dem begrenzten Platz der Badewanne näher zu Zacky lehnte und meine Lippen etwas unkoordiniert auf seine drückte.
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht – der Gedanke war schneller weg, als ich ihn hätte verabschieden können, als Zacky den Kuss erwiderte und mich näher an sich zog.

Zu sagen, dass alles neu für mich gewesen wäre, wäre eigentlich eine Lüge. Jeder von uns hatte Zacky schon einmal beim Sex gehört – ich wahrscheinlich am öftesten, was aber allein daran lag, dass ich unzählige Male probiert hatte zu schlafen, während er im Nachbarbett versuchte, trotz der Erschöpfung der Tour und der zweifelhaften Schönheit seiner Partnerin seinen mehr oder weniger wohlverdienten Spaß zu haben.
Ich wusste, welche leisen Geräusche er von sich gab. Wie er sich bewegen konnte. Nicht, dass ich mich je darauf konzentriert hätte, doch mit der Zeit nisteten sich auch die unerinnerungswürdigsten Dinge in meinem Hirn ein – ob ich es wollte oder nicht stand in solchen Momenten nie zur Debatte, und selbst wenn, dann gingen diese kopfinternen Streitgespräche selten bis nie zu meinen Gunsten aus.
Doch es war anders, in dabei zu sehen. Wie er sich auf die Unterlippe biss, den Kopf nach hinten gegen die dünnen Hotelkissen drückte und seine selbst in der Dunkelheit leuchtend grünen Augen sich anscheinend nicht entscheiden konnten, ob sie offen oder zu bleiben wollten. Seine Haut unter meinen Händen und Lippen zu spüren, seine kurzen Fingernägel, die sich ein wenig zaghaft, aber trotzdem bestimmt in meinen Rücken gruben, als wir es aufgegeben hatten, uns auf den Kuss zu konzentrieren und unsere Lippen trotzdem noch miteinander versiegelt waren.
Normalerweise wäre es seltsam gewesen, danach zusammen in einem Doppelbett einzuschlafen und am nächsten Morgen wieder als beste Freunde aufzuwachen, weil Jimmy versuchte, die Zimmertür einzutreten, bevor er uns auf Hebräisch einen Guten Morgen wünschte und mit dem Stolz einer überfürsorglichen Mutter verkündete, dass Johnny das Buffet gecrasht hatte.
Doch als ich mich erschöpft, aber glücklich neben Zacky fallen ließ und mich auf einem Ellbogen aufstütze, hatte die Situation nicht mehr viel von einer seltsamen, schwulen Parodie einer Hollywoodkomödie, die jeder kennt und niemand je als seinen Lieblingsfilm aufzählen würde.
„Was hast du diesmal getan?“
„…Was?“
„Davor, in der Dusche. Du hast geflucht, als hättest du dich versehentlich kastriert oder so… was, wenn ich es richtig gesehen hab, wohl doch nicht ganz passiert ist.“
Zacky grinste mich schief an, sodass ich im Licht der flackernden Laterne sehen konnte, wie sehr ich seine vollen Lippen eigentlich zerbissen hatte. „Ich bin ausgerutscht und hab mir selbst mit der Duschbrause eine verpasst“, gab er schließlich mit einem Augenverdrehen über seine eigene Dummheit zu.
„Wo?“, fragte ich mit einem leisen Lachen über die filmreife Vorstellung des Unfalls nach, und er deutete mit der Präzision eines Betrunkenen auf eine Stelle irgendwo links neben seinem Kinn.
Langsam lehnte ich mich vor und küsste sanft die fast unmerklich gerötete Haut, die sich leicht über seinem Kieferknochen spannte.
Und vielleicht ist das hier doch nicht einfach nur Sex, dachte ich mir, als sein Atem kurz stockte und ich mich mit dem Lächeln einer mit Lasagne abgefüllten, fetten, roten Katze zurück in die Kissen sinken ließ.

Wir haben einmal kurz über die Nacht geredet – jedenfalls wenn man ein ‚Ich fand’s gut, können wir wiederholen‘ gefolgt von einem ‚Sag mir nur wann‘ als ernsthaftes und aufklärendes Gespräch des Vorgefallenen betrachten kann. Mit einer leichten Grimasse stehe ich vom Sofa auf und latsche zu meiner Bunk, gleichermaßen sauer auf Zackys Unfähigkeit, einen ersten Schritt zu machen, meine eigene Dummheit, anzunehmen, dass er so etwas überhaupt tun würde, und die Tatsache, dass Matts Jogginghose zu lang war und ich dauernd über die grauen Säume stolpere. Merke: unser Bandleader ruiniert sogar wenn er mit Abwesenheit glänzt noch jeden pseudodramatischen Abgang einer angepissten Diva.
Mit einem eindeutigen Mangel an betrunkener Unkoordination klettere ich in meine unglaublich luxuriöse Schlafstätte, die mit ihrem leisen, etwas obszönen Lattenrostknarzen fast das Geräusch der sich leise öffnenden Bustür übertönt. Ich bemerke Zacky trotzdem, als er auf einem Schuh ausrutscht, den Geräuschen nach zu urteilen höchst elegant gegen die Wand segelt und sich mit einem Fluch auf die Couch fallen lässt, um im Schatten meiner langsam verschwindenden Körperwärme seine Wunden zu lecken…
Als würde er überhaupt bemerken, dass ich vor weniger als einer Minute noch auf der exakt gleichen Stelle in ungerechtfertigtem Selbstmitleid versunken bin. Wahrscheinlich hätte er es nicht einmal mitbekommen, wenn ich diesen Zustand nicht geändert und er in dem Moment seinen Hintern zielsicher auf meinem Gesicht geparkt hätte.
Das Gesicht verziehend rolle ich mich mit dem Rücken zum Mittelgang des Schlafbereichs ein und ziehe so leise wie möglich den dunkelgrauen Vorhang, der sein Ziel, eine Illusion von Privatsphäre zu schaffen, eindeutig verfehlt, hinter mir zu. Vielleicht könnte ich es noch schaffen, etwas Schlaf zu bekommen, bevor der erste Idiot im Vollrausch die Bunks verwechselt und sich nach Alkohol und billigem Frauenparfüm stinkend zu mir kuschelt, mich mit irgendwas Hochprozentigem überschüttet oder mir schlicht und einfach eben dieses Getränk in die Schuhe kotzt…
Mitten in meinen viel zu plastischen Vorstellungen dieser Theorie spüre ich, wie mein Handy in meiner – oder Matts, je nachdem wie man die hinterrücks geklaute und ewig verhasste Jogginghose wertet – Hosentasche vibriert. Mich mental auf irgendwelchen unartikulierten Barblödsinn vorbereitend ziehe ich das kleine schwarze Gerät aus der Tasche und deaktiviere die Tastensperre.
Eine neue SMS von ‚weird guy with violet hair whose name I couldn’t fucking remember‘. Vielleicht wäre es auch an der Zeit, nach zehn Jahren endlich mal Zackys Namen in meinem Handy zu ändern und ihm zu beweisen, dass ich ihn mir langsam gemerkt habe…
Kurz überlege ich, ob ich gerade wirklich die unbändige Lust verspüre, mich mit seinem Bullshit herumzuschlagen, doch dann siegt die berühmte, unsägliche Neugier der Männer und ich öffne mit einer schnellen Fingerbewegung am Touchscreen die Nachricht.

Hey, I just met you
And this is crazy
But I am horny
So fuck me maybe?



***

So. Bäm, überlebt! *jedem, der den Teil hier noch wirklich liest, einen Kekstelller hinstell*

Der Oneshot entstand ursprünglich daraus, dass die liebe Lichtsyn/Celine in einem Review erwähnte, dass es ja gar nicht sooo schlimm ist, sich vorzustellen, dass Brian Zacky in der Dusche bespannt. Mein Kopfkino dazu war natürlich wieder recht amüsant - und obwohl ich eigentlich 'etwas' von der Grundidee abgekommen bin, gehört der OS deswegen ab jetzt offiziell ihr.

Von den References her: Die Studie am Anfang, beziehungsweise die ersten zwei Sätze generell, sind geklaut aus der ersten Folge von 'Queer as Folk', die fast exakt gleich beginnt. (An der Stelle: wer das bemerkt hat, bevor ich es hier geschrieben habe, ist mein Held!)
Der umgetextete Songtext am Ende gehört Carly Rae Jepsen und wurde sehr gerne zweckentfremdet, weil ich sie nicht besonders talentiert nenne würde.
Brians roter Fedora ist wunderbar, zwar manchmal schrecklich, aber wunderbar.
Und zu Zacks Hintern in All Excess sage ich an der Stelle mal nichts mehr.

xo,
Lina