Ein Mensch werden...

von Liwen
GeschichteAllgemein / P16
Kurtis Trent Lara Croft Winston Smith Zip
22.09.2012
30.11.2013
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22.09.2012 1.139
 
Es regnete in Manhattan an diesem Abend.
Genauso, wie schon seit Tagen.
Trist und grau war der Himmel, die Welt, alles um sie herum.
Es war September, mitten im Herbst.
Wieder saß sie dort in der Ecke eines Cafés an einem Tisch, ganz für sich allein. Den Kopf hatte sie gesenkt und sie sah ihr eigenes Gesicht in der bitter schmeckenden Flüssigkeit spiegeln, das die Menschen Kaffee nannten und das vor ihr stand.
So tat sie es schon seit Wochen, nein Monaten. Ziellos streifte sie umher, ohne einen Ort zu haben an dem sie für längere Zeit blieb.
Sie sah keinen Sinn mehr.
Ihre Aufgabe war es, seit ihrer Erschaffung, Befehle auszuführen. Zu gehorchen und ohne Kompromisse oder Widerworte loyal zu sein.
Dann, von heute auf morgen, war alles anders gewesen. Sie hatte einen Befehl erhalten, der sie von ihrer Aufgabe befreite. Für immer, durch Lara Croft.
Denn diese Archäologin hatte den Stein zerstört, auf dem die Formel stand um sie zu kontrollieren. Ihren Abklatsch, ihre Doppelgängerin, ihren Schatten. Erschaffen von ihrer Widersacherin, der verlorenen atlantischen Königin, Natla.
Somit hatte ihr leben eine erhebliche Wendung genommen.
Sie kam nicht mehr damit klar. Sie hatte keine Aufgabe oder Befehlshaber mehr, sodass sie Halt hatte und wusste, was zu tun war.
Sie war nun ihr eigener Herr, doch hatte kein Ziel vor Augen.
Damals, unter dem Manor, hatte Lara sie gefragt, was sie tun würde, wenn sie einen eigenen, freien Willen hätte, doch auch jetzt wusste sie keine Antwort auf diese Frage.
Lara hatte ihr Freiheit gegeben, doch was war schon Freiheit, wenn man mit ihr nichts anzufangen wusste?
Sie war geschaffen worden, um zu dienen. Nie hatte sie etwas anderes gekannt, tat abscheuliche Dinge, weil es ihrer Herrin Natla gefiel. Doch mit ihrer Befreiung, änderte sich auch ihr Wesen.
Seit Monaten schon vegetierte sie nur noch dahin.
Ja, sie hatte von Lara Croft und Kurtis Trent gehört. Deren Hochzeit, Abenteuer und auch, das beide nun bald Eltern werden würden. Aber sie selbst konnte damit nichts anfangen.
Sie konnte sich keine Freunde zulegen, sie konnte nicht lieben oder richtig leben. Menschliche Gefühle und Empfindungen waren ihr fremd, denn sie war kein Mensch.
Sie war ein Klon. Identisch mit Lara Croft und doch so anders.
Was sie tun sollte, wusste sie auch nicht. Sollte sie ihrem Leben, ihrer geschenkten Freiheit, ein Ende setzen? Oder es doch irgendwie nutzen?
Der Klon wusste es nicht, denn, niemanden hatte sie, mit dem sie reden konnte oder der ihr sagte, was sie zu tun hatte.
Alles war jetzt eben völlig anders.
Nichts mehr war geregelt, sie hing völlig in der Luft und konnte das alles nicht verstehen.
,,Ist das ein Sauwetter!” drang ihr plötzlich eine Frauenstimme vom Nachbartisch ins Ohr, die ihr bekannt vorkam.
,,Das kannst du laut sagen, es soll aber noch bis übermorgen so schütten.” meinte der Begleiter der Frau.
Auch diese Stimme kam ihr bekannt vor, doch sie vermochte sie nicht zuzuordnen, da sie noch nie in Manhattan gewesen war. Also konnte es nur ein Irrtum sein, oder eine verschwommene Erinnerung der wirklichen Lara Croft, die in ihrem Kopf herum spukte.
Ja, auch das, war in her verankert. Eindrückte und Erinnerungen an Dinge, Orte oder Menschen, die sie selbst noch niemals gesehen hat, auf die sie aber durch die gemeinsame DNA zurück greifen konnte. Natla hatte stets gemeint, das würde erleichternd zum Ziel führen, doch sie selbst empfand das einfach nur lästig. Sie war nicht wirklich Lara Croft, nur ein Klon und es waren nun mal nicht ihre eigenen Erinnerungen, die sie ab und an heimtückisch überfielen…

Detective Sara Pezzini seufzte, trank derweil gerade einen Schluck ihres eben erst gekauften Kaffees zum mitnehmen: ,,Seit drei Tagen schüttet das nun schon so.”
,,Ja, wie es scheint, saufen wir doch noch ab…” entgegnete der Mann an ihrer Seite, Patrick Gleason. Er war ihr Partner im Job und auch im privaten Bereich. Ein paar Jahre schon. ,,…zum Glück sind die bösen Buben der New Yorker Unterwelt zumindest soweit gnädig und stellen bei diesem Sauwetter da draußen nichts dummes an.” vollendete er.
Die Polizistin nickte nachdenklich, ließ den Blick durch den Raum schweifen und nippte ein weiteres Mal an ihrem Kaffe, sah nebenbei noch andere Gäste, die sich vor dem Regen in das Cafe gerettet hatten. Dem entsprechend war der Laden auch gefüllt, oder beinahe überfüllt. Ihr Blick schwang weiter, bis er plötzlich an der Frau am Nachbartisch hängen blieb. Sie weitete die Augen und traute ihnen kaum, setzte sich auf.
,,Lara!…” sagte die Amerikanerin fröhlich, ,,…Na, das ist ja eine Überraschung.”
Der Klon blickte umgehend auf und sah in das Gesicht der Menschenfrau, konnte aber noch immer nichts damit anfangen.
Der Mann neben Sara drehte ebenfalls lächelnd den Kopf zu ihr und sagte: ,,Hallo!..Was tust du denn hier?”
Der Klon schwieg.
,,Ist Kurtis auch hier? Ich habe doch erst vorgestern mit dir telefoniert und du hast nicht erwähnt, das du herkommen wolltest…” Sara Pezzini verstummte, denn sie sah in dem Blick ihrer Freundin etwas eigenartiges, stand von ihrem eigene Tisch auf und setzte sich an den ihrer Freundin, ihr gegenüber, ,,…Lara, ist alles in Ordnung?…Ist etwas geschehen?” Sie bemerkte, das ihre Freundin irgendwie traurig wirkte.
Der Klon blickte zu dem Mann, dann zu der Frau ihr gegenüber, schwieg jedoch immer noch, da sie nicht wusste, das sie sagen sollte. Warum konnten die Menschen sie nicht einfach nur in Ruhe lassen?
Sara musterte die Frau verwirrt, da sie keine Antwort bekam und wurde stutzig: ,,Lara?…Stimmt etwas nicht? Ist alles in Ordnung mit…” Sie fasste dem Klon an die Schulter.
Der Klon verdrehte die Augen, schlug die Hand der Menschenfrau von sich, stand abrupt auf, ging an den Fremden vorbei und verließ das Café…

…doch schon nach wenigen Metern, hatten die beiden sie wieder eingeholt. Der prasselnde Regen störte wohl keinen.
Die amerikanische Frau griff nach ihrem Arm: ,,Lara, warte doch…was ist passiert?…” sie blickte auf deren flachen Bauch und wirkte erschrocken, ,,…Wo ist dein Baby?” Umgehend fürchtete Sara das schlimmste.
,,Du kannst es uns sagen.” meinte der Mann, auch er wirkte erschrocken.
Der Klon drehte den Kopf und blickte die beiden zornig an, schwieg jedoch noch immer.
Sara erkannte es nun und zog umgehend ihren Arm zurück. Sie erkannte plötzlich, das es nicht ihre Freundin war, die hier vor ihr stand und fragte dann misstrauisch: ,,Wer bist du?”
Der Klon schwieg, jedoch wich der Zorn aus ihrem Gesicht, da er von der trostlosen Traurigkeit wieder übermannt wurde.
,,Entschuldigen Sie, ich habe Sie wohl verwechselt. Sie sehen aus, wie eine sehr gute Freundin von mir.” sagte Sara leicht verlegen. Sie tauschte einen ratlosen Blick mit ihrem Freund.
,,Lara?…” fragte der Klon nun endlich, ,,…Lara Croft? Die Archäologin?”
Die amerikanische Frau ihr gegenüber nickte.
Ein überlegenes, klitzekleines und trauriges Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Klones aus und sie sagte: ,,Ich bin sie.”
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