Ihr EDEN. Sein ENDE.

GeschichteDrama, Romanze / P12
Eve
20.09.2012
20.09.2012
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Der Moment, in dem die goldene Kugel den Kern der Rezeptor-Blume durchdrang, war der, in dem der Garten Eden in abertausende Splitter zersprang.
Inmitten des nun zerstörten Paradieses schrak Eve auf, als sich von einem Augenblick auf den anderen die wundervolle Umgebung, durch die Adam sie soeben noch getragen hatte, auf dem Weg zu der Stadt, welche sie bereits von Weitem erblickt hatten, in Schwärze auflöste. Nicht ein einziger Lichtschimmer war von der ehemals so idyllischen Natur zurückgeblieben, nicht der kleinste Grashalm, nicht der winzigste Wassertropfen. Sofort verfiel sie in Panik.
„Adam“, flüsterte sie dem Jungen, der sie nun bereits einige Minuten lang in seinen Armen durch den Garten getragen hatte, leise und mit zittriger Stimme zu. Seit sie hier war, hatte sie sich stets auf ihn verlassen können – er war ihr Freund. Nur seinem Wissen über dieses Paradies war es zu verdanken, dass die Schlangen sie nicht bereits längst verstoßen, gar verschlungen hatten. Sein Lächeln war so ehrlich, so rein, es ließ sie beizeiten sogar vergessen, weswegen sie diesen Ort je wieder würde verlassen wollen. Und nun war der Garten fort, Adam jedoch war noch da. Noch während sie seinen Namen sprach, schmiegte sie sich enger an ihn, fühlte sich geborgen in seinen Armen. Sie traute ihm. „Adam, was ist mit dem Garten?“
Doch als sie zu ihm aufsah, erschrak sie so stark, dass es sie in ihren Grundfesten erschütterte.
Adams Augen nicht mehr die des warmherzigen, ehrlichen, freundlichen Jungen, den sie so zu schätzen gelernt hatte – seine Gesichtszüge waren vor Ärger und Hass verzerrt, ließen ihn kalt und furchterregend erscheinen und sie vor Angst erschauern.
„Diese dreckigen, kleinen Beleidigungen ihrer eigenen Existenz“, knurrte er zwischen seinen beiden zusammengebissenen, blankweißen Zahnreihen hervor und jagte ihr damit abermals einen kalten Schauer über den Rücken. „Wie können sie es wagen…“
Unsicher hob Eve eine Hand und zog leicht an Adams weißer Tunika, die der ihren so sehr glich.
„Was ist los? Adam, ich hab Angst, was ist passiert? Adam –!“
„Halt den Mund!“, brüllte der Junge ihr mit einem Mal entgegen und ließ sie verstummen, noch bevor er seine Arme schlichtweg erschlaffen und sie somit hilflos aus seinem schützenden Halt warf, fallen ließ, in das tiefe Dunkel, in das Nichts unter ihnen. Vor Angst beinahe wie gelähmt entkam Eve noch ein Schreckenslaut, bevor sie vor seinen Füßen aufprallte, die Arme fest an ihre Brust gepresst, unfähig, sich selbst wieder aufzurichten. Für einen kurzen Augenblick war in ihr die Furcht davor aufgeblitzt, weiter zu fallen, auf ewig in dieser lähmenden Finsternis zu fallen, immer tiefer, immer tiefer… und doch fühlte sie sich nun kein bisschen sicherer. Adam, der Adam der ihr auf der Harfe die wunderschönsten Melodien dargeboten, sie vor den Schlangen errettet, ihr den geschmackvollsten Apfel gebracht hatte, in den sie je hatte beißen dürfen – eben dieser Adam starrte nun mit vor Wut brennenden Augen auf sie herab, durchbohrte sie mit seinem Blick, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
„Was los ist? Du fragst, was los ist? Frag doch deine feinen ‚Freunde‘“, er betonte das Wort, als ob es ein bitterer Beigeschmack wäre, den er am liebsten aus seinem Mund spülen würde, „die durch deine Erinnerungen den Garten besudelt und verunreinigt haben! Die soeben dafür gesorgt haben, dass du niemals dorthin zurückkehren wirst!“
Vor Schreck weiteten sich Eves Augen. Niemals in den Garten zurückkehren? Weshalb würden ihre Freunde ihr so etwas wünschen? Wollten sie sie denn tatsächlich in diese Finsternis verbannen, aus ihren Leben stoßen? Ihr schossen Tränen in die Augen, als sie in Svens und Trains lachende Gesichter sah, wie sie sich von ihr entfernten, ohne sie fortgingen, nein, bleibt hier, lasst mich nicht allein –!
„Eve! Komm schon, wach auf! Wir müssen hier auf der Stelle raus!“
Sven.

Und mit einem einzigen Ruck blieben sie stehen, drehten um und liefen auf sie zu. Sie blinzelte sich die Tränen soweit fort, um einigermaßen klar sehen zu können, begann langsam damit, sich auf ihre Ellbogen aufzurichten. Sah Adam an.
Dann schien es, als ob ihre Gedanken sie überfluteten, als ob eine Barriere gebrochen wurde. Adams Melodien erschienen ihr in genauer Erinnerung in einem leicht wahnsinnigen, beeinflussenden Unterton. Die Schlangen in Anbetracht ihrer früheren Feinde als nichtig, klein, unbedeutend, und ihre Panik über sie als völlig unbegründet. Der Geschmack des Apfels, der immer noch auf ihrer Zunge lag, wurde plötzlich bitter und ekelerregend. Langsam ließ sie ihre Hand an ihren Kopf wandern, der ihr nun furchtbar schmerzte. Was tat sie hier eigentlich? Weshalb war sie hier? Dies war nicht der Ort, an dem ihre Freunde sich befanden – an dem sie die Bücher lesen konnte, welche sie so sehr liebte – wo sie anderen Menschen durch ihre Fähigkeiten von Nutzen sein, ihnen helfen konnte – an dem ich einfach ich sein kann –!
„Sven hat Recht, Prinzesschen! Wenn wir nicht sofort verschwinden, dann rammt dieses Ding mit uns noch an Bord den Boden!“
Train.

Erneut sah sie zu Adam hinauf, hoffte darauf, noch einen letzten Blick auf sein Lächeln erhaschen zu können. Ihr Wunsch wurde ihr verweigert. Adam befand sie wohl als zu unwichtig, um ihr noch seine Aufmerksamkeit zu teil werden zu lassen, sein Gesicht noch immer entstellt von Hass und Wut. Doch im Gegensatz zu nur kurzer Zeit zuvor, beeinflusste es das blonde Mädchen keineswegs.
Eve traute Adam ohnehin nicht mehr. Sie wollte nur noch von hier fort, dorthin, wo auf sie gewartet wurde.
Stück für Stück richtete sie sich auf und stand in nur wenigen Sekunden neben Adam, aufrecht im Nichts. Möglicherweise schwebten sie kopfüber in dieser Leere, Genaues war ihr nicht bewusst. Sie strafte den Jungen neben sich ohnehin mit einem kalten Ausdruck ihrer Augen.
„Es tut mir leid“, sagte sie dennoch, so leise und unbetont, wie sie konnte, versuchte, ihre Stimmlage von damals in Torneo Rudman’s Gewalt zu imitieren, als sie noch keinerlei Gefühle gezeigt hatte. Schließlich war das Letzte, was sie durch ihre Worte erreichen wollte, ihn in dem Glauben zu lassen, dass sie sich dazu verpflichtet fühlte, sie ihm entgegenzubringen. „Aber in einem Paradies ohne das, was mir am Wichtigsten ist, möchte ich ohnehin nicht leben.“
Überraschung zeichnete sich in Adams Augen ab. Dann Verachtung, dann Ungläubigkeit. Dann Verzweiflung.
„Eve, warte“, stieß er hastig hervor, beinahe schon panisch, streckte seine Hand nach der ihren aus, welche sie ruckartig fortbewegte. Seine Berührungen kamen ihr mit einem Mal falsch vor, unwirklich, eisig. „Du verstehst nicht, ich... ich musste dich manipulieren! Mir blieb nichts anderes übrig, dafür wurde ich geschaffen, aber jetzt, ich –!“
„Fass mich nicht an“, fauchte sie, als er erneut versuchte, ihre Hand zu packen. Er pausierte für einen Moment, ebenso wie sie es tat, dann begann er erneut, zu ihr zu sprechen.
„Möchtest du wirklich zurück?“ Seine Stimme brach beinahe, doch sie schenkte diesem Umstand keinerlei Beachtung. Zumindest in  dem Teil ihres Bewusstseins, das sie mit eisernem Willen zurückhalten konnte. Immer noch war ein Teil von ihr unter Edens Einfluss und wollte sie dazu verführen, ihm Gehör zu schenken. „Du… du und ich, wir können Eden wieder aufbauen! Wenn du es möchtest, bringe ich sogar Abbilder dessen, was dir am Wichtigsten ist, vor deine Augen, und du kannst ihnen durch deine Erinnerungen Leben einhauchen! Eve, verstehst du denn nicht, dies könnte unsere Welt werden, unsere eigenes Paradies, ohne Beeinflussungen, ohne Verantwortungen! Wir –“
„Es gibt kein wir, Adam“, unterbrach sie ihn knapp. „Es gab nie ein wir. Du hast meinen Verstand vernebelt. Du bist nicht wie ich. Das habe ich jetzt begriffen. Die Nanomaschinen, über die du die mich beeinflusst hast… sie haben keine Kontrolle über meinen freien Willen. Du wirst mich kein zweites Mal mehr überzeugen können, an deiner Seite zu bleiben. Ich habe meinen Platz in der Welt. Und er ist nicht hier.“
Einige Momente lang breitete sich Stille zwischen ihnen aus, bevor das blonde Mädchen sich ohne ein weiteres Wort umdrehte und sich von ihrem männlichen Gegenpart fortbewegte, in die Richtung des Risses, aus dem sie Licht strahlen sah und aus dem sie die Stimmen ihrer beiden Freunde ausgemacht hatte. Trotz des fehlenden Untergrundes hallte mit jedem ihrer Schritte etwas durch die Stille. Erst nachdem sie mehrere Schritte getan hatte, vernahm sie schnellere hinter sich. Adam folgte ihr. Erschrocken wollte sie bereits in einen Sprint verfallen, war jedoch zu langsam gewesen und konnte ihren Körper nicht mehr rechtzeitig aus seiner Griffweite entziehen.
Im nächsten Moment drehte Adam sie zu sich um und ließ sie in größter Überraschung seine nun wieder vertrauten und freundlichen Augen erhaschen, bevor er ihren Kopf an den seinen zog und ihrer beider Lippen zu einem sanften Kuss zusammenführte. Ungläubig verlor sich Eve in seinem Blick, in dem Wissen, sich nicht in seine um sie geschlungenen Arme fallen lassen zu dürfen. Dennoch konnte sie nicht verleugnen, dass sie dies liebend gerne getan hätte, als sich ihre Lippen wieder von einander lösten und er ihr mit seiner Hand durch das lange, blonde Haar fuhr.
„Ich weiß, dass ich mir das Recht, etwas von dir zu erbitten, mitnichten verdient habe“, flüsterte der blonde Junge, als er seine Umarmung langsam zurückzog, sie an den Schultern packte und langsam aber stetig nach hinten drückte, sie mit dem Rücken voran zu dem Licht hinter ihr leitete. „Aber bitte, Eve, wenn du wirklich wieder nach draußen gehst… Vergiss alles, was in Eden geschehen ist. Ich kann nicht bei dir sein, wenn du in die Wirklichkeit zurück möchtest. Wir existieren in zwei grundverschiedenen Welten.“ Ein weiterer Kuss fand seinen Platz auf ihrer Stirn, während er ihre Stirnfransen zur Seite hielt, ihr danach behutsam über den Kopf streichelte, sie sprachlos ließ. „Geh. Und schau nicht zurück.“
Seine Augen schweiften ab, zu einem Punkt irgendwo in dem sie umgebenden Nichts, jedoch schienen sie sich auf etwas fixiert zu haben, das Eve verborgen schien. „Eden. Lösche Erinnerungen von Eve. Authentifizierung Adam.“
Mit diesen Worten ließ er von ihr ab, tat einige Schritte zurück. Gerade als Eves Arm sich ohne ihre vollständige bewusste Entscheidung nach ihm ausstreckte, als sie seinen Namen bereits auf den Lippen hatte, begann Adams Körper, wie ein altes, schlecht funktionierendes Videoband zu flackern. Sich in kleine Teile aufzulösen, welche eins wurden mit der Finsternis, in ihr zerstreut, auf ihrem Weg leuchtend wie kleine Sterne, welchen Eve einfach nur hinterher springen wollte, sie fangen und nie mehr loslassen wollte. Ihr Verstand war klar, nicht mehr umnebelt von Edens Täuschungen, von Adams Täuschungen – doch ihre Entscheidung, ihn nicht gehen lassen zu wollen, rational und irrational zur selben Zeit, ohne Grund, einfach da. Ihre Lippen formten Worte ohne ihr Zutun, sprachen direkt aus ihrem Herzen.
„Kann ich dich wiedersehen?“
Er lächelte das warme, ehrliche, reine Lächeln, das sie während ihrer Zeit in Eden so geliebt hatte im selben Moment, als sie sich von dem Riss aus Licht angezogen fühlte, als er sie zu sich zog und keine Gegenwehr zuließ, sie aus der Welt zog, welche einst Eden gewesen war.
„Wer weiß. Womöglich ja im echten Eden.“
Dann verschwand er. Löste sich auf, verschmolz mit all diesen Programmen, die ihm so ähnlich waren und doch so anders. Adam war nicht bloß ein Kontrollprogramm gewesen. Nicht für Eve. Ihre Erinnerungen langsam schwindend fühlte sie, wie sich ihr Geist langsam von der virtuellen Welt lösten, diese letzten Worte an sich klammernd, als ob sie in einem Tresor lägen, als hätte sie schwere Eisenketten um sie gespannt. All ihren Maßnahmen zum Trotz glitt auch Adams letztes Lächeln aus ihrem Gedächtnis, nahm ihr die Möglichkeit, sein Gesicht vor sich zu sehen, ließ ihr nur noch seinen Teil des Versprechens und seinen Namen.
Nichtsdestotrotz verließ sie Eden lächelnd.
„Ja“, flüsterte sie. „Wir sehen uns im echten Eden wieder. Ohne das, was mir am Wichtigsten ist, wäre es schließlich kein Paradies.“

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Wheeeeee. Neuer Black Cat OneShot. Ist ja auch schon eine Weile her, seit ich einen geschrieben habe =P
Die Idee zu diesem kleinen OS hab ich eigentlich völlig random bekommen. Ich hab' irgendwie das Wort 'Eden' ind en Kopf bekommen, damit herumgespielt und herausgefunden, dass es ja dieselben Buchstaben hat wie 'Ende', Captain Obvious at his best. Und naja, Black Cat Phase + Eden = Eve und Adam OS. Macht Sinn, oder? XD

Wie auch immer, ich hoffe, es war nicht allzu schlimm. Ich glaube allerdings nicht wirklich, das Adam 'nur' ein Programm ist. In meinen Augen ist er eine KI, voll funktionsfähig mit allen Emotionen, um Eve besser täuschen zu können, aber eben mit eingeschränktem Zugriff auf diese aufgrund seiner Programmierung, sie zu kontrollieren. Eigentlich die Grundidee hierfür, wie vielleicht im Mittelteil sowieso erkennbar war.

Aber was laber ich hier, der OS ist vorbei, ich hoffe er hat euch gefallen, wenn ja, schön, wenn nicht, dann... naja, man kann's ja nicht jedem Recht machen ^.^
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