Die Begegnung

von roseta
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Fantaghiro Tarabas
19.09.2012
14.04.2013
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Die Dialoge aus den Filmen habe ich, aus Gründen der Authentizität, nach Möglichkeit wörtlich übernommen. Alles, was im Folgenden in Anführungszeichen steht, ist also Zitat.
Ich erwähne dies hier noch einmal, wie schon in der Kurzbeschreibung, um eventuellen Plagiatsvorwürfen vorzubeugen.

Ob "keine nennenswerte Eigenleistung" und damit ein Regelverstoß vorliegt, möge  beurteilen, wer die Geschichte liest.

Fantaghirò erzählt:

Oft bin ich gebeten worden, die Geschichte meiner ersten Begegnung mit Tarabas zu erzählen - von Romualdo, von meinen Schwestern, von meinen Freunden … und jedes Mal habe ich mich auch ein bisschen geschämt, denn mein berühmter Scharfsinn, auf den ich so stolz bin, hat mich damals ganz schön im Stich gelassen. Ich war ausgezogen, um meinen Feind zu stellen, der mir Romualdo genommen hatte … und als ich ihn dann vor der Nase hatte, habe ich ihn nicht erkannt, trotz einiger recht deutlicher Hinweise.
Aber natürlich war gerade das die Voraussetzung dafür, dass schließlich alles gut ausging. Hätte ich ihn erkannt, so hätte ich gegen ihn kämpfen müssen - und wäre vermutlich hoffnungslos unterlegen gewesen. Doch da er für mich ein Unbekannter war, wurde der Kampf mit anderen Waffen ausgetragen - mit Waffen, von denen er noch nicht einmal gehört hatte und von denen ich selbst nicht ahnte, dass ich sie besaß.

Es fing an mit diesem Vogel, der mit viel Lärm über uns hinwegzischte - ein Habicht oder ein Falke oder so etwas, Smeralda und ich konnten ihn nur undeutlich erkennen; es dämmerte bereits, und der Raubvogel war sehr schnell. Dann spürte ich plötzlich so etwas wie Nebel in meinem Kopf aufsteigen und ich muss wohl kurz ohnmächtig geworden sein, denn ich fand mich auf der Erde wieder und Smeralda sagte mir, dass der Raubvogel mich hatte angreifen wollen; sie hatte ihn mit ihrer Schleuder verscheucht, die tapfere Kleine. Ich erinnerte mich nur noch an ein Paar Augen, aus denen Flammenblitze schossen - ob die Augen eines Raubvogels oder eines Menschen, konnte ich nicht sagen.
Wir setzten unseren Ritt danach fort, kamen aber nicht weit, weil wir in einiger Entfernung von unserem Weg eine Gestalt an der Erde liegen sahen. Smeralda wollte mich daran hindern, abzusteigen; sie hatte Angst. Aber wenn ein Mensch in solcher Waldeinsamkeit am Boden liegt, muss er krank oder verletzt sein und natürlich hatte ich die Pflicht, nach ihm zu sehen.
Er lag mit dem Gesicht nach unten und ich sah zunächst nicht viel von ihm, da seine Gestalt von seinem langen Mantel bedeckt war. Ich kniete mich neben ihn, fasste seine Schulter und stützte seinen Kopf, um ihn vorsichtig umzudrehen. Die langen dunklen Haare waren ihm ins Gesicht gefallen; als ich sie zurückstrich, sah ich in ein Gesicht, das man niemals vergessen kann, wenn man es einmal gesehen hat. Ein ungewöhnlich schönes Gesicht - schmal, mit ebenmäßigen, feinen Zügen, die in ihrer Perfektion streng gewirkt hätten, wenn nicht die langen Wimpern und die sanften Lippen diesen Eindruck gemildert hätten. Er war jung, ich schätzte ihn auf wenig über zwanzig Jahre, und - ich weiß, nach allem, was ich später über ihn erfuhr, klingt es lächerlich, aber über diesen Zügen lag noch der Zauber jugendlicher Unschuld.

Er hatte eine kleine Schramme an der rechten Augenbraue, eine unbedeutende Verletzung; aber natürlich konnte er noch andere, nicht sofort sichtbare Schäden davongetragen haben.
Noch ehe ich mich darum kümmern konnte, schlug er die Augen auf, und ich erlebte eine zweite Überraschung. Ich sah in zwei helle, strahlende Augen, Augen von der Farbe eines Regentages im Frühling: eine Mischung aus Grau, Grün und Blau, und dahinter das Leuchten der Sonne …
“Seid Ihr verletzt? Was ist geschehen?”, fragte ich.
Die Antwort kam langsam, als überlege er beim Reden; aber die Stimme war klangvoll und angenehm.
“Ein Raubvogel war da … er hat sich auf mich gestürzt …. Er verletzte mich am Auge.” Er richtete sich halb auf, und die Art, wie er sich bewegte, sagte mir, dass er vermutlich nicht weiter verletzt war.
“Passt gut auf. Er könnte hier irgendwo auf Euch lauern.”
“Och nööö”, warf Smeralda ein, die auf Goldmähne sitzengeblieben war. “Der hat sein Fett weg.”
Es fiel mir nicht auf, dass der Fremde nicht weiter nachfragte, was sie damit meine, denn er konnte ja eigentlich nicht wissen, dass sie den Vogel mit ihrer Schleuder bekämpft hatte. Etwas anderes beschäftigte mich.
“Ist Euer Pferd weggelaufen?”
“Mein Pferd? Ich brauche keins.”
“Seid Ihr zu Fuß unterwegs?”
“Ja, immer.”
Er hatte sich erhoben und stand jetzt vor mir. Ich sah, dass er sehr groß war, größer als die meisten Männer, die ich kannte, und sich dennoch mit vollendeter Eleganz bewegte. Er war wirklich eine eindrucksvolle Erscheinung, und ich fragte mich, wer er war und in welcher Angelegenheit er in dieser Einsamkeit unterwegs sein mochte.
Aber wir waren hier in der Wildnis, auf einer gefährlichen Reise und ich hatte ein widerspenstiges kleines Mädchen zu beschützen und noch einen weiten Weg vor mir, und die Nacht brach herein.
“Ihr verzeiht, Herr, aber wir müssen weiter; wir wollen bis zum Morgen den Wald hinter uns haben.”
“Ihr wollt in der Nacht durch den Wald reiten? Ganz allein und im Dunkeln? Davon würde ich Euch abraten. Es ist gefährlich… Vielleicht erlaubt Ihr mir, Euch zu begleiten.”
“Nein, sag nein!”, flüsterte Smeralda hinter mir. “Der ist mir nicht geheuer!”
Zweifellos hatte sie in diesem Moment ihren Verstand mehr beisammen als ich. Ich misstraute dem Fremden nicht; aber ich glaubte, sein Angebot nicht ernst nehmen zu müssen.
“Wollt Ihr uns zu Fuß begleiten?”, fragte ich spöttisch.
Er zögerte einen winzigen Augenblick, dann erwiderte er kühl: “Nein, natürlich nicht.” Er wandte sich um, und plötzlich hörten wir Hufgetrappel: ein schwarzes Pferd, prächtig gezäumt und gesattelt, galoppierte unter den Bäumen hervor und geradewegs auf ihn zu.
“Aber Ihr sagtet doch …”, begann ich.
“Das war nur ein Scherz … Ich liebe Überraschungen.” Damit schwang er sich in den Sattel.
Reichlich blöder Scherz, dachte ich. Jetzt fiel mir auch auf, dass er wahrhaftig nicht gekleidet war wie ein Mann, der eine Fußwanderung macht: in Samt und Seide, alles dunkel und schlicht, aber edel, mit wenigen, erlesenen goldenen Verzierungen. An dem Mann war alles perfekt … aber warum redete er manchmal so dummes Zeug?!
Er lenkte sein Pferd an Goldmähnes Seite und ein ganz kleines Lächeln verschönerte ihn noch mehr.
“Meine Damen … mit mir habt ihr nichts zu befürchten.”
Er blies eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht und setzte sein Reittier in Gang.
Ich fand, dass sein letzter Satz ironisch geklungen hatte.
Aber ich schöpfte immer noch keinen Verdacht.

Wir ritten noch einige Meilen; es wurde immer dunkler, fast überließen wir es den Pferden, ihren Weg zwischen Felsen, Bäumen und Gesträuch zu finden; das Pferd des Fremden führte, es schien der geborene Nachtwanderer zu sein.

Smeralda begann wieder zu klagen: sie wollte heim zu ihren Eltern. Ich beruhigte sie mit allgemeinen Redensarten, wohl wissend, dass der Augenblick immer näher kam, wo ich ihr sagen musste, dass sie ihre Eltern für immer verloren hatte.

“Die Kleine ist verängstigt”, bemerkte der Fremde plötzlich. “Kinder haben immer Angst.”
Ich fragte mich, wieso dieser elegante Mann glaubte, etwas von Kindern zu verstehen; viel Erfahrung damit traute ich ihm nicht zu. Aber das behielt ich höflicherweise für mich.
“Nachts fürchtet sie sich, vor den Geräuschen … vor den Tieren, die sich im Dunkeln verstecken …”
“Ist sie Eure Schwester?”
“Nein. Meine Tochter.”
Das rutschte mir so heraus, ohne dass ich vorher nachgedacht hätte; eine ziemlich unpassende Behauptung, denn für eine fast zehnjährige Tochter war ich eindeutig zu jung. Aber der sterbende König hatte mir Smeralda anvertraut und ich sah in ihr bereits meine Ziehtochter.
Es war dennoch keine gute Bemerkung gewesen. Smeralda glitt hinter mir von Goldmähnes Rücken und lief einfach in den Wald, wo sie in der abendlichen Dunkelheit schnell nicht mehr zu sehen war.
“Smeralda, was soll das? Komm zurück! Du verirrst dich!”
“Ich hole sie”, erklärte der Fremde und lenkte sein Pferd seitwärts. “Ich kenne den Wald in- und auswendig. - Sie kommt nicht weit!”, rief er mir noch zu, bevor er auf ihren Spuren im Gebüsch verschwand.
Ich folgte langsam (und reichlich unsicher) in die Richtung, in der ich die beiden vermutete.
Es dauerte nicht lange, bis ich sie fand. Der junge Mann kniete neben Smeralda und hielt sie umfasst, eine Geste, die sowohl dem Zweck diente, sie am Fortlaufen zu hindern, als auch, sie zu trösten. In der Ferne hörten wir Wölfe heulen; es war wirklich ein beängstigendes Geräusch.
Trotz meines Ärgers und meiner Sorge dachte ich einen Augenblick daran, was für ein reizendes Bild die beiden abgaben - das hübsche kleine Mädchen mit dem wallenden Blondhaar und der elegante dunkle Mann, der mit väterlicher Geste ihre Schultern umfasste. Aber ich hatte wenig Zeit, mich mit diesem Gedanken aufzuhalten.
“Smeralda!” Ich sprang vom Pferd und lief auf sie zu.
“Sie hatte Angst vor den Wölfen”, erklärte unser Reisegefährte beiläufig.
“Ich habe vor nichts Angst!”, protestierte das Kind - und in eben diesem Augenblick ließ sich wieder das Wolfsgeheul hören, diesmal deutlich näher.
“Bleib bei mir, dann kommst du nicht in Gefahr”, versuchte ich die Erschreckte zu beruhigen.
“Eure Tochter hat wohl nicht viel Vertrauen in Euch.” Die Art, wie er das Wort “Tochter “ betonte, machte deutlich, dass er mir meine spontane Lüge nicht glaubte. Das verlangte eine unfreundliche Antwort.
“Ich habe keine Zeit für Gerede. Reiten wir weiter.” Ich wandte mich Goldmähne zu.
“Nein. Wir werden hier kampieren.” Er sagte es in so bestimmtem Ton, dass ich mich geradezu herausgefordert fühlte, ihm klarzumachen, dass er mir nichts vorschreiben könne. Aber er fuhr gleich fort: “Zu viele Wölfe sind heute Nacht unterwegs. Ein Feuer hält sie uns vom Hals.”
Ich hörte wieder das ferne Wolfsgeheul und verzichtete auf Widerspruch. Er reizte mich zwar mit seiner autoritären Art, aber ich musste ihm Recht geben und so schwieg ich lieber.

Die erschöpfte Smeralda (sie hatte einen schrecklichen Tag hinter sich) schlief schon auf einem Lager aus Moos und Farn, als wir Zweige in einem Ring aus Steinen aufschichteten. Ich suchte in meinen Taschen nach Feuerzeug; mein Begleiter jedoch nahm einen Zweig in die Hand, machte damit eine Bewegung und Flammen züngelten aus dem Holz.
Wie habt Ihr das gemacht?”, fragte ich interessiert.
“Das hat mein Vater mich gelehrt. Er war Zauberer.”
Zauberer! Und ich war ja auf der Suche nach einem bestimmten Zauberer. An dieser Stelle hätten alle Alarmglocken bei mir klingeln sollen. Aber wieder fehlte mir jedes Gespür dafür. Stattdessen fragte ich im Unterhaltungston: “Seid Ihr auch ein Zauberer?”
Er schien eine Sekunde zu zögern. “Nur für kleine Dinge.”
Den Zweig hielt er immer noch in der Hand und begann geistesabwesend damit herumzuspielen - offenbar machte irgendetwas ihn nervös.
“Wer seid Ihr?”, fragte ich nun ernsthaft, und um meine Neugier zu entschuldigen, schob ich nach:”Ihr habt es mir noch nicht gesagt”, und erinnerte ihn damit an die eigentlich selbstverständliche Höflichkeitspflicht, dass man sich normalerweise einander vorstellt.
“Ihr mir auch nicht”, konterte er nicht unfreundlich, um gleich darauf fortzufahren: “Vor wem seid Ihr auf der Flucht?”
“Aber ich bin nicht auf der Flucht! Wie kommt Ihr auf die Idee?”
“Ihr habt es zu eilig. Niemand, der nicht auf der Flucht ist, würde nachts reisen, soviel ist sicher.”
Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Auf keinen Fall wollte ich diesem Unbekannten meine ganze Geschichte erzählen. Ich brauchte Zeit, um mir eine Ausflucht zu überlegen, und antwortete daher mit einer Gegenfrage:
“Und Ihr, wovor lauft Ihr davon?” Es war mehr scherzhaft gemeint, aber ich erhielt eine ernste Antwort.
“Vor einer Frau, die mir ewigen Hass geschworen hat.”
Das hielt ich nun wieder für blühenden Unsinn. Ein Mann wie er … auf der Flucht vor einer Frau? “Was habt Ihr ihr getan?”, fragte ich im Plauderton und erwartete halb, jetzt eine dramatische Liebesgeschichte erzählt zu bekommen.
“Ich weiß es nicht. Deswegen fliehe ich ja. - Und Ihr?”
Immer noch spielten seine Hände mit dem Zweig herum. Offensichtlich war er krampfhaft bemüht, seine innere Unruhe zu verbergen.
“Ich verfolge einen Mann, den ich hasse”, erklärte ich.
Dass unsere Aussagen einander entsprachen, fiel mir noch nicht einmal auf. Aber er wies mich sofort darauf hin.
“Vielleicht seid Ihr die Frau, die mich hasst, und ich der Mann, den Ihr verfolgt.”
Er sagte es ohne die Spur eines Lächelns. Wie ich später verstand, sollte das ein mehr als deutlicher Hinweis sein. Jetzt wollte er das Versteckspiel beenden; er wollte, dass ich ihn endlich erkannte. Er wollte die Konfrontation.
Aber ich blieb unbefangen. Es war, als trüge ich eine Zauberbrille, die mir das Offensichtliche verbarg, während sie mich tief Verborgenes sehen ließ.
“Das halte ich für ausgeschlossen”, erklärte ich freundlich und sah in seine herrlichen Augen. “Ihr könnt das nicht sein. Dieser Mann ist … böse … und Eure Augen … Eure Augen sind gütig.”
Für meinen Mangel an Menschenkenntnis habe ich mich später selbst gescholten. Ich hatte wahrhaftig genug Erfahrung, um zu wissen, dass Schönheit und Güte nicht dasselbe sind - war nicht auch die schwarze Hexe eine wunderschöne Frau?
Dennoch glaube ich, dass es diese Worte waren, die am Ende schließlich den Ausschlag dafür gaben, dass alles gut ausging. Ich hatte am Grunde seiner Augen etwas gesehen, von dem er selbst keine Ahnung hatte und das auch ich niemals gesehen hätte, wenn ich gewusst hätte, wer er war.

Seine Antwort war ein ganz kleines Lächeln - verlegen? ironisch? ungläubig?
“Ach ja? Meine Augen … Dass ich gütige Augen habe, wusste ich nicht.”
“Dann solltet Ihr öfter in den Spiegel sehen.”
“Ich habe mich noch nie im Spiegel gesehen.”
Wieder so ein Unsinn! Es lag mir auf der Zunge zu fragen:”Und wie rasiert Ihr Euch dann?”, aber ich war zur Höflichkeit erzogen worden.
“Wie kommt das?”, fragte ich stattdessen.
“Ich weiß nicht. Meine Mutter hat es nie erlaubt … Vielleicht bin ich zu hässlich.”
War das wieder einer seiner merkwürdigen Scherze? Es hörte sich nicht so an. Und jetzt beschlich mich doch ein sehr unbehagliches Gefühl. Was mochte das für eine Mutter sein, die diesen Sohn im Glauben ließ, er sei hässlich?
“Nein, das seid Ihr keineswegs”, erklärte ich mit Nachdruck und einem plötzlichen Impuls folgend, zog ich meine Waffe und hielt sie ihm direkt unter die Nase. “Hier, betrachtet Euch doch in meinem Schwert!”
Sofort machte er eine abwehrende Handbewegung und schob den improvisierten Spiegel von sich. Das wurde ja immer besser. Aber so schnell gab ich nicht auf.
“Habt Ihr Angst, Euer Gesicht zu sehen?”, fragte ich und hielt ihm die Klinge nochmals hin. Darauf entschloss er sich doch dazu, hineinzuschauen.
“Das bin ich? Sehe ich wirklich so aus?”
Es klang ganz ernst. Dabei konnte er in dem schmalen Metallstreifen natürlich nur seine Augen sehen - diese Augen, von denen ich kühn behauptet hatte, sie seien gütig.
Ein Schauder überlief mich. An was war ich da geraten? War er überhaupt ein Mensch? Ein Waldgeist, ein Elfenprinz … ich dachte an alles Mögliche, nur nicht an den bösen Zauberer Tarabas. Irgendwas sagte mir, dass er doch menschlich war - und jetzt spürte ich auch eine besondere Ausstrahlung: verborgene Traurigkeit.
“Seltsame Fragen stellt Ihr … Wo immer Ihr bisher gelebt habt, besonders glücklich könnt Ihr nicht gewesen sein.”
Ich weiß nicht, ob meine Stimme das ausdrückte, was ich empfand - Mitgefühl. Aber wieder erlebte ich eine merkwürdige Reaktion.
“Glück, was ist das?” Das kam spontan und es klang weder traurig noch bitter, eher sachlich: ich weiß nicht, was es ist und ich brauche es auch nicht zu wissen!
Im nächsten Moment war es vorbei, das Fenster hatte sich geschlossen.
“Wenn Ihr morgen früh aufbrechen wollt, schlaft jetzt lieber.” Er stand auf, um seinen Sattel näher zu holen.
Das war so deutlich, als hätte er gesagt: “Genug geredet. Mehr will ich nicht von mir preisgeben.” Und ich wusste, dass es ganz falsch gewesen wäre, ihn jetzt zu bedrängen. “Ihr habt Recht”, sagte ich nur und wollte mein Schwert wieder wegstecken.
“Nein, lasst es griffbereit. Ich könnte ja auch einschlafen … und die Nacht ist dunkel und gefährlich.”
Gehorsam zog ich die Klinge wieder hervor. “Ich lege es neben mich.” Ich machte es mir auf Goldmähnes Sattel einigermaßen bequem und schaute noch einmal zu meinem Reisebegleiter hinüber, der unbeweglich ins Feuer starrte. “Nur zu! Schlaft auch ein wenig.” Mir war nicht bewusst, dass ich ihn dabei anlächelte.
Auch ich hatte einen furchtbaren Tag hinter mir, und es dauerte nur Minuten, bis ich in Schlaf fiel; ich schlief tief und fest bis zum Anbruch des Morgens, ebenso wie Smeralda, Goldmähne und sogar der Rückkehrstein.

In dieser Nacht muss etwas Entscheidendes geschehen sein. Tarabas, der schreckliche Tarabas, traf auf den einzigen Gegner, den er zu fürchten hatte, und er ging seiner Niederlage entgegen …
Aber was genau geschah, habe ich nie erfahren. Auch als wir später Freunde wurden, habe ich nicht gewagt, ihn danach zu fragen. Es bleibt sein Geheimnis.
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