Terra Nova - A second chance

von andrakis
GeschichteRomanze, Sci-Fi / P16
19.09.2012
31.10.2012
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19.09.2012 1.399
 
Vorwort:
Sha'uri, Emily Duval und der Clan der Na'ring Tulu sind von mir frei erfunden. Das Aussehen der Hazai sowie ihre Art zu leben, ähnelt den Na'vi aus dem James Cameron Abenteuer "Avatar-Aufbruch nach Pandora". Die Sprache der Hazai ist Na'vi.

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Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als die kleine Gruppe von Jägern den See erreichte. Sie waren nicht auf der Jagd, sondern bildeten die Vorhut des Clans, der ihnen in einem etwas langsameren Tempo folgte. Ihre Aufgabe war es, die Gegend auszukundschaften, einen geeigneten Weg durch den Dschungel und in diesem Fall, Wasser zu finden. Sha’uri trat an das Ufer des Sees und ließ ihren Blick über die spiegelnde Oberfläche gleiten. Mit wachsamen Augen suchte sie nach einem Hinweis auf eventuelle Gefahren. Krokodile legten sich gern dicht unter der Wasseroberfläche auf die Lauer und warteten auf ein unachtsames Tier. Hier schien eine Rast jedoch ungefährlich zu sein. Atan'eko trat neben sie.

„Eine gute Stelle.“

„Ja, eine gute Stelle.“

Sie lächelte ihrem Bruder zu, ehe sie sich ein wenig abseits von ihm und den anderen Jägern am Ufer niederließ. Atan'eko schickte zwei der Männer zurück, um den Clan hierher zu führen. Es würde einige Zeit brauchen, bis alle den See erreichten, da sie diesmal viele Kinder bei sich hatten. Sie waren schon längere Zeit unterwegs und nur auf der Durchreise. Die Na’ring tulu und auch viele der anderen Clans der Hazai führten ein Nomadendasein. Selten blieben sie länger als sechs Mondzyklen an einem Ort. Meist folgten sie den Herden der Pflanzenfresser auf ihren Reisen, obwohl sie nicht auf diese Tiere angewiesen waren. Auch Fleischfresser wurden von ihnen gejagt. Ihr Vater, Tzmukan, hatte sogar schon an einer Jagd auf die große Segelechse teilgenommen. Er war Anführer ihres Clans und Atan'eko würde irgendwann seinen Platz einnehmen. Die beiden waren sich unglaublich ähnlich. Ihr Bruder würde ein guter Anführer sein, wenn seine Zeit gekommen war. Es machte sie stolz, dass er sie oft um ihre Meinung bat, sie in die Reihen seiner Jäger aufgenommen hatte. Aufgrund ihres guten Urteilsvermögens und ihres Geschicks bei der Jagd hatte sie sich den Respekt der Männer erworben.

Sha’uri neigte sich etwas vor. Einer ihrer Zöpfe rutschte über ihre linke Schulter nach vorn. Die Haarspitzen berührten die Wasseroberfläche und kleine Kreise breiteten sich darüber aus. Nachdenklich betrachtete sie ihr Gesicht im Spiegelbild des Wassers. Große, grün-graue Augen sahen ihr entgegen. Ihr Vater behauptete immer, sie wäre genauso schön wie ihre Mutter. Im gleichen Atemzug bedauerte er jedoch, dass sie nicht auch deren sanftes Wesen geerbt hatte. Sie besaß seine Willensstärke, seine Entschlossenheit. Als Kind hatte sie permanent gegen ihn aufbegehrt, versucht ihre Grenzen auszuloten. Das tat sie heute manchmal immer noch. Ein etwas trauriges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Er hatte es nicht leicht mit ihr und manchmal konnte sie es selbst nicht verstehen, wenn sie ihm gegenüber ungehorsam war. Dabei war das Letzte, was sie wollte, ihm Kummer zu bereiten oder ihn zu enttäuschen.

Plötzlich blitzte links von ihr im Schilf etwas auf. Sha’uri runzelte die Stirn und obwohl sich nun nichts mehr bewegte, spannten sich ihr gesamter Körper an. Die Augen nicht von der Stelle abwendend, wo sich die Bewegung gezeigt hatte, griff sie langsam nach dem Speer, den sie neben sich abgelegt hatte. Ohne Hast, doch jederzeit bereit sich zur Wehr zu setzen, erhob sie sich und schlich zu der Stelle, an der sie die Gefahr vermutete. Abrupt blieb sie stehen, atmete völlig überrascht aus. Alles hatte sie erwartet, nur nicht das, was sie jetzt hier vorfand. Da lag jemand. An den Körperproportionen konnte sie erkennen, dass es eine Frau war. Aber sie war keine Hazai. Sha’uri richtete sich auf, suchte automatisch noch einmal mit den Augen die Gegend ab. Da war sonst niemand. Wo war die Fremde hergekommen?
Ungläubig richtete sie ihren Blick erneut auf die unbekannte Frau. Sie lag halb im Wasser, als wäre sie aus dem See gekommen und hätte es nur mit Mühe ans Ufer geschafft. Auf dem Rücken trug sie einen merkwürdigen Gegenstand. Jetzt bemerkte Sha’uri auch die Verletzung an ihrem linken Bein. Ein Krokodil. Offensichtlich war die Frau angegriffen worden. Zaghaft trat die Hazai näher an ihren unerwarteten Fund heran. Die Fremde rührte sich nicht. War sie tot? Sha’uri ging neben ihr in die Hocke, streckte unsicher die Hand aus. Nein, es war noch Leben in ihr, wenn auch nicht mehr viel. Ihre Haut war kalt, sehr kalt und es war schwer einen Puls zu finden. Ohne richtig darüber nachzudenken, was sie tat, stand Sha’uri auf. Sie griff nach den Armen der Frau und zog sie vollends aus dem Wasser.

„Was hast du gefunden?“

Atan'eko war ihr gefolgt. Er blieb erschrocken stehen, machte sogar einen Schritt zurück.  Sie sah ihn an.

„Wir brauchen eine Möglichkeit sie zu transportieren.“

Ihr Bruder reagierte nicht, starrte nur auf die leblose Frau am Boden. Nach ein paar Sekunden hob er den Kopf und sein Blick sagte ihr, wie wenig er von der Idee hielt, die Fremde mitzunehmen.

„Das kommt nicht in Frage.“

Bittend machte sie einen Schritt auf ihn zu.

„Sie lebt noch. Wenn wir sie hierlassen, wird sie sterben.“

„Sie ist keine von uns.“

„Sie ist ein Lebewesen, das unsere Hilfe braucht.“

Er schüttelte den Kopf. Sha’uri schob das Kinn leicht vor.

„Ich werde die Frau nicht dem Tod überlassen und wenn du mir nicht hilfst, dann kümmere ich mich alleine um sie.“

Sie wollte an ihm vorbei, doch Atan'eko hielt sie auf. Sein Griff war fest.

„Vater wird das nicht gefallen, das weißt du.“

Sha’uri hob den Kopf. Ihr Blick hielt dem seinen stand.

„Ja, ich weiß.“

Einen Moment lang rührte sich keiner von ihnen. Schließlich ließ ihr Bruder ihren Arm los. Mit einem leisen Seufzen, drehte er sich um und ging zu den Jägern zurück. Langsam wandte sich Sha’uri zu der bewusstlosen Frau um. Atan'eko hatte Recht, Vater würde es nicht gefallen. Die Frau war keine von ihnen und sie wussten nichts von ihr oder Ihresgleichen. War es wirklich richtig gewesen, ihren Bruder dazu zu bringen, ihr zu helfen die Frau mitzunehmen? Unsicher kniete sie sich erneut neben der Unbekannten nieder und während die Männer eine Art Trage für sie bauten, begann Sha’uri sie eingehender zu betrachten. Auf den ersten Blick bemerkte sie die körperlichen Unterschiede zu den Hazai. Ihre Nase war gewölbt, hatte keinen flachen Rücken und ihre Augen waren kleiner. Ebenso ihre Ohren, deren Ohrmuscheln nicht spitz zuliefen, sondern eine runde Form aufwiesen. Ihr Haar trug die Fremde offen. Etwas, das im Dschungel ein großer Nachteil war. Offenbar kannte sie sich hier überhaupt nicht aus. Auch war ihre Kleidung sehr seltsam. Sie bestand nicht aus Leder, so wie ihre und fühlte sich seltsam an unter ihren Fingern.
Unvermittelt bewegte sich die Frau. Sha’uri zuckte leicht zusammen und zog ihre Hand zurück. Die Fremde stöhnte leise. Ihre Augen öffneten sich nur einen kleinen Spalt. Aber ihr Blick war so wirr und verängstigt, dass es Sha’uri fast körperlich wehtat. Sie griff nach der Hand der Frau, rutschte ein Stück näher an sie heran.

„Mawey. Oe lu fitsenge.“

Die Augenlieder der Unbekannten flatterten unruhig und sie umklammerte fest ihre Hand. Beruhigend strich sie ihr über den Kopf.

„Fra’u niltsan.“

Sha’uri war sich nicht sicher, ob die Frau sie überhaupt wirklich wahrnahm. Ihre Worte und ihre Berührung schienen jedoch zu helfen. Der Griff der Frau lockerte sich, ehe sich ihre Augen wieder schlossen. Hastig tastete Sha’uri noch einmal nach deren Puls. Erleichtert atmete sie aus. Sie lebte noch. Der Blick der Hazai wanderte zu der Verletzung am Bein der Fremden. Sie sah nicht gut aus. Durch das Liegen im Wasser war die Haut sehr aufgedunsen und sicher hatten sich schon diverse Bakterien in der Wunde gesammelt. Rai’zuli musst sich das dringend ansehen. Sha‘uri stand auf. Bevor sie zu den Männern hinüber ging, um nach der Trage zu sehen, betrachtete sie die Frau noch einige Sekunden. Sie konnte nicht sagen, woher das Gefühl der Gewissheit kam, dass wirklich alles gut werden würde. Die Fremde war sehr krank und doch, sie war stark. Sie würde überleben.


Übersetzung:
Mawey = ruhig
Oe lu fitsenge = Ich bin hier.
Fra’u niltsan = Alles gut. / Alles wird gut.
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