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DEEP SIX

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
17.09.2012
05.11.2012
4
9.349
 
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Prolog - Worlds apart




Das war es also.
Sein Leben sollte in sieben Kartons passen. Sieben unscheinbar braune Umzugskartons, die gerade so bis zu seinem Knie gingen, verschlossen durch einen ebenfalls braunen Streifen Klebeband oberhalb und unterhalb der Schachtel. Sieben Schachteln, vierzehn Klebestreifen, vollkommen ident. Absolut unpersönlich, bis auf die mit schwarzen Edding geschriebenen Großbuchstaben. Fünfmal stand da das Wort „BÜCHER“. Ganze fünfmal.
„Mein ganzes bisheriges Leben passt also in sieben Kartons.“, murmelte er leise, noch immer mehr oder weniger baff über diese Erkenntnis. Die übrigen zwei waren auch nichts Besonderes. In einem befand sich nur Kleidung, in dem zweiten die Klamotten, die nicht mehr in den eigentlichen Kleidungskarton hatten passen wollen, eine mehr als nur kümmerliche Sammlung an CDs, DVDs und Computerspielen, noch zwei Bücher, welche keinen Platz in einer der Bücherverpackungen gefunden hatten, ein paar wenige Briefe und Kleinkram, der zwar Platz wegnahm aber bei dem er es irgendwie nicht übers Herz gebracht hatte, ihn einfach wegzuschmeißen.
Das alles zusätzlich verpackt mit übrig gebliebener Luft.
Vielleicht hätte er das ganze Zeug doch reduzieren und ausmisten sollen. Vieles würde er sicher nicht mehr brauchen. Aber das hieße dann doch, dass sein Leben sich noch mehr reduzieren würde. Keine sieben Kartons mehr. Sechseinhalb. Wenn es hinkam. Sechseinhalb Kartons für 18 Lebensjahre.
Und wenn man es genau nahm, nur eineinhalb. Bücher zählten nicht zum Leben. Bücher waren Fluchtwelten. Wenn es nur so leicht wäre wirklich zu fliehen und nicht nur für kurze Zeit die Welt abzuschalten. Das Problem war, dass sie irgendwann doch wieder anfing sich zu drehen.
Oder er war einfach viel zu leicht zu verängstigen. Ganz besonders jetzt, wo er in dieser Stadt niemanden hatte, an den er sich wenden konnte. Als wäre das in Osaka wirklich anders gewesen. Natürlich waren dort seine Eltern und auch seine Freunde, aber das würde ihm nun auch nicht helfen. Dort war nun mal dort und nicht hier. Er wüsste sowieso nicht was besser wäre. Was auch daran liegen konnte, dass er von seinen sogenannten „Freunden“ eher akzeptiert als gemocht wurde. Das Verhältnis zu seinen Eltern war ebenfalls unausgereift. Etwas anderes zu sagen, wäre unfair. Die Beziehung war nicht schlecht, jedoch war sie auch nicht gut. Vor allem war sie nicht gut genug, um ihn hierher zu begleiten und bei den ersten alleinigen Gehversuchen zu unterstützen. Stattdessen wurde ein Freund geschickt. Oder vielmehr der Sohn eines Freundes. Eines Freundes seines Vaters. Im Prinzip ein völlig Fremder von dem er nicht wusste, ob er ihm vertrauen könnte.

Er war nicht am Bahnhof abgeholt worden. Stattdessen war ein Taxi bereit gestanden, um ihn zu diesem Ort zu fahren. Er hatte sich nicht um Geld bemühen müssen, es war alles geregelt, so wie immer. So hatte also die Gehhilfe für den Anfang ausgesehen. Eine Taxifahrt durch eine ihm fremde Stadt. Im Schweigen.
Und jetzt? Jetzt stand er zusammen mit sieben brauen, unscheinbaren, irgendwie unpersönlichen Kartons, die sein gesamtes Leben beinhalten sollten, inmitten des irgendwie engen und putzmittelverseuchten Ganges eines großen und noch unpersönlicheren Gebäudekomplex inmitten einer riesigen und völlig anonymen Stadt. Bis zur Uni dauerte es zehn Minuten zu Fuß. Das schien ihm auch schon das einzig Positive daran.
Wenn er sich wenigstens dazu durchringen könnte endlich und zum ersten Mal seine neue Wohnung zu betreten. Er wusste dennoch wie sie aussah. Oder vielmehr wie sie aussehen sollte. Extra hatte er sich neue Möbel gekauft. Ganz unpersönlich. Ob jemand sie aufgebaut hatte? Wann waren sie überhaupt hierher verfrachtet worden, wenn sie denn schon da waren? Das wusste er gar nicht. Bei seinem Vater konnte er nie wissen. Aber wäre es ihm überhaupt lieber so?
Spätestens nach dem dritten Mal aber, als ein und dieselbe Tür etwas weiter rechts den Gang hinaus wiederholt aufging und er ein neugieriges Augenpaar auf sich spüren konnte, gab er sich doch einen Ruck und kramte den Schlüssel hervor, dem er sich vor einer halben Stunde – so lange stand er nämlich schon vor dieser Tür und starrte Löcher in die Luft – beim Hausmeister unten abgeholt hatte, um diesen mehr oder minder entschlossen in die dafür vorgesehene Öffnung versenkte. Würde er sich nicht langsam ziemlich unwohl unter dieser Beobachtung fühlen, wäre es das gewesen. So jedoch folgte der nächste Schritt sofort und die Tür schwang viel zu schnell auf. Wie gut, dass es Türstopper gab, sonst hätte er sicher noch ein Loch in der Wand. Was nicht zu dem gehörte, was er als guten Start verstand.
Die Tür ließ er offen, die Schachteln blieben jedoch draußen.
Die hätte er sowieso nicht tragen können. Den Kleidungskarton vielleicht schon, und die Krimskramsschachtel mit der Restkleidung, der kümmerlichen Sammlung und den zwei Büchern, die nicht mehr zu den anderen gepasst hatten, die Luftverpackung, die könnte er tragen. Die fünf Bücherverpackungen jedoch würde er stehen lassen müssen. Er war weder besonders groß noch besonders schwer. Und stark war er schon gar nicht. Abgesehen davon war auch sein Selbstbewusstsein nicht das Gelbe von Ei. Vielleicht hätte er sich sonst doch herangetraut, etwas aufzuheben, was fast die Hälfte von ihm wog. Last der Bildung, oder so.

Die Wohnung war etwas größer als er es sich vorgestellt hatte. Davon abgesehen, dass im Schätzen sowieso nicht gut war. Viel zu viele Zimmer. Eigentlich brauchte er nur eines davon. Und Küche und Bad. Vielleicht sollte er seinen Büchern einen extra Raum zur Verfügung stellen. Wenn man ihn denn schon zur Verfügung hatte.
Auch hier standen Unmengen von Verpackungsmaterial. Seine neuen Möbel. In seinem neuen Zuhause, das irgendwie nach Krankenhaus roch. Das könnte jedoch auch der Geruch vom Gang sein, der sich hier breitmachte und mit einem anderen Duft vermischte. Dem nach frischer Farbe, die noch nicht völlig trocken war. Alles unberührt und neu. Völlig unpersönlich.
Nein, unpersönlich fand er sogar ganz gut. Unpersönlich hieß auch, dass er diese neuen leeren Seiten in seinem Leben selbst schreiben konnte. Ganz so wie er wollte.
Bei dem Geruch jedoch wurde ihm schlecht, weswegen er sich durch das Labyrinth am Boden schlängelte, in Richtung des Fensters, dass er sogleich aufriss. Darauf achtend bloß nichts umzuschmeißen. Dabei wäre das fast egal. Es war ja sein Zeug. Und Sorgen um einen Ersatz hatte er sich auch nie machen müssen.
„Ah, du bist schon da?“, war was er hörte, während er sich noch aus dem Fenster lehnte, um die frischere Luft zu inhalieren. Aber diese Frage war es, die ihn dazu brachte sich sofort umzudrehen und zum Eingang zu sehen. Die stark blondierten, langen Haare waren das erste, was ihm auffiel. Gefolgt von den irgendwie unnatürlich hell wirkenden Augen. Für einen kurzen Moment dachte er darüber nach, ob ihm hier wohl ein Nicht-Japaner gegenüberstand. Aber das hielt er für nicht sehr wahrscheinlich. Aus dem einen Grund, weil sein Japanisch absolut perfekt war und aus dem anderen, weil es nur eine Person gab, die ihn erwartete. Und die war nun mal ein Japaner. Wenn auch ein sehr merkwürdiger. Wahrscheinlich waren das auch einfach Kontaktlinsen. Die trugen auch immer mehr Menschen. Und das nicht, weil sie sie brauchten, so wie er selbst.
Auf die Frage, ob er Manabu wäre, nickt er zunächst nur leicht und ging dann wieder ein Stück vom Fenster weg den Weg zurück. Der Blonde kam ihm entgegen und hielt ihm dann auf halben Weg die Hand hin. Eine Geste, die ihn irritierte. Händeschütteln war in diesem Land doch mehr als ungewohnt, doch das schien dieses Exemplar eines merkwürdigen Japaners kein Stück zu interessieren. Und das sollte tatsächlich der Sohn eines Politikers sein? Eines Freundes seines Vaters? Und obwohl es nicht recht in sein kleines Weltbild passen wollte, schlug er zögerlich ein.
„Masahito, kennst du ja, kannst mich Byou nennen.“, stellte der Blonde sich vor und langsam schwirrte ihm wirklich der Kopf. Was man nicht alles tat, um etwas aus seinem Leben zu machen.
„Freut mich.“, nuschelte er leise und zog die Hand zurück nachdem sie wieder frei war. Das war doch mal eine höchst seltsame erste Begegnung. Und es sollte wirklich dieser Mann sein auf den er angewiesen sein würde. Der sich bereit erklärt hatte, ihm beim Einzug und bei der Eingewöhnung zu helfen. Hatte er sich überhaupt breitschlagen lassen oder hatte er nur keine Wahl gehabt? Der Händedruck zumindest war freundlich gewesen. Wenn auch ungewohnt. Aber was wusste er schon.
„Tut mir übrigens leid, dass ich keine Zeit hatte, dich abzuholen. Ging sich nur nicht mit der Schicht aus.“, sagte Byou dann plötzlich und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
„Kein Thema.“, piepste er fast zurück. Gerade fühlte er sich unendlich klein. Oder wie ein Reh vor einem Wolf, so wie er den Größeren gerade ansah. Oh ja, das war dann wohl wirklich der Mann, auf den er angewiesen sein würde. Und ja, er trug Kontaktlinsen. Aus der Nähe konnte man das viel besser sehen.
„Wobei…hergefunden hast du ja.“, murmelte der Blonde weiter und sah sich in dem Raum um, wobei er sich nur einmal mehr durch die Haare fuhr. Ja, er fand es wirklich etwas seltsam hier. Aber er war es sich auch nicht unbedingt gewohnt sehr viel mit Menschen zu reden. Zwar sprach er einigermaßen viel mit sich selbst – dachte er zumindest, aber normale Menschen redeten doch nicht mit sich selbst – aber mit anderen Individuen, die er sowieso gar nicht kannte, plötzlich eine Unterhaltung zu führen, war Neuland für ihn. Er hatte schon immer lieber geschwiegen.
Ein wenig hilflos zuckte er mit den Schultern.
Was machte er hier überhaupt? Er stand inmitten einer für seine Bedürfnisse viel zu großen Wohnung, mit einem Kerl, den er gar nicht kannte, auf dem er aber angewiesen war. Hier inmitten der Einzelteile, aus denen er sein neues Leben zusammenbauen musste.
Und vor der Tür stand sein altes Leben. Abgepackt in sieben oder sechseinhalb oder zwei oder eineinhalb Kartons, zusammen mit unnötigen Krimskrams und viel Luft. Und hatte er es vorhin noch gut im Auge gehabt, wusste er nun gar nicht mehr wohin mit seinem Leben. Und ob er das überhaupt schaffte, hier in dieser riesigen, anonymen Stadt. Wie stellte er sich eigentlich vor das zu schaffen?
„Ist eigentlich auch egal, ich schlag dir nur vor, dass wir die Schachteln vor der Tür hier reinverfrachten, ehe es da draußen noch zum Aufstand kommt…“
Aber egal wie unpersönlich das Ganze hier auch war. Jetzt war er irgendwo froh, dass er wenigstens etwas Hilfe bekam und sich diesen leeren Seiten nicht vollkommen alleingelassen stellen musste.
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