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Der Kuss des Kjer - Fortsetzung eines Fans

von Melicis
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Ahmeer Haffren Lijanas Mordan Rusan
17.09.2012
06.03.2014
10
75.440
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17.09.2012 6.966
 
8. Anschara – Auf den zweiten Blick

Mit fünf Gefährten galoppierte Mordan am Waldrand entlang in Richtung Anschara. Doppelt so viele Nirvard begleiteten sie als Wachschutz – eine Sache, die ihn zugleich zum Schmunzeln und Fluchen anhielt.

Doch die Nirvard hatten sich gegenüber der Königin ausgesprochen höflich gezeigt. Ihrem Ausdruck nach zu urteilen, hatten sie es sogar als große Ehre betrachtet, von der Königin der Kjer persönlich in Empfang genommen worden zu sein. - Vielleicht auch deswegen, weil es außer Frage stand, dass der Besuch bei der Königin die Einberufung zum Fürsten nach sich ziehen würde, denn der würde alles in Erfahrung bringen wollen, was seine Besucher betraf.
Dessen waren sich alle Beteiligten bewusst.
Dementsprechend hatte sich auch die Königin gezeigt. Ganz in Schwarz gewandet, wie es die Tradition von den Frauen während der Trauerzeit verlangte, hatte sie sich nach dem Eintreten der Nirvard hinter ihrem Schreibtisch erhoben. Mit ihrer Krone und dem Schleier, der darüber lag, war sie nicht viel kleiner gewesen, als die übrigen Anwesenden.
Nachdem sich die Nirvard der Position der beiden Wachposten versichert hatten, die die rechte Seite des Zeltes flankiert hatten, waren ihre Blicke zum Schreibtisch gewandert, auf dessen Höhe sich auch die sechs Kjer-Krieger zu ihrer Linken befunden hatten. Doch erst als die Königin ihnen mit einem feinen Lächeln ihren Dank dafür ausgesprochen hatte, dass sie ihrer Aufforderung so rasch gefolgt waren, waren die fünf Nirvard aus ihrer Starre gefallen und hatten sich tief verneigt.
In ihrer königlich grazilen Haltung war sie dann hinter dem Schreibtisch hervorgetreten und auf die Nirvard zugegangen, wobei der hauchfeine, bis zum Boden reichende Stoff, der an ihrer Schulter befestigt war, in der Luft weiche Wellen geworfen hatte.
Mordan hatte beobachtet, wie die Nirvard mit halb geöffneten Mündern seine Mutter von der Krone bis zum Robensaum gemustert hatten, als sie es - zu seinem großen Ärgernis - gewagt hatte, ihnen so nahe zu treten.
Dabei hatte er den Nirvard nicht einmal einen Vorwurf machen können, denn seine Mutter sah wahrhaft königlich aus:
Obwohl es Frauen während der Trauerzeit nicht gestattet war, Schmuck zu tragen, war ihre schwarze Robe mit Rubinen bestückt gewesen. Wie ein Kragen war an ihrem Halsausschnitt ein filigranes Goldgeflecht emporgeragt, in dem kleine Rubine gefunkelt hatten. Um ihre Taille war ein fast fingerbreiter Gürtel aus Gold gelegen, in dem ebenfalls Rubine gesessen hatten. Diese waren rechteckig und von solcher Größe wie die Gürtelbreite selbst.

Mordan hatte erst später von Raulen erfahren, dass dies das Gewand war, in dem sie ihren Gemahl Haffren bestattet hatte.
Um jedem Gerücht, sie wäre wahnsinnig, Einhalt zu gebieten, hatte sie ihm eine wahrhaft prachtvolle Bestattung mit allen Ehren zuteil werden lassen. Dazu hatte sie sich als Königin und liebende Ehefrau präsentiert, bei deren Anblick alleine man sah, dass sie über allen Zweifeln erhaben war. Und da Rubine der Farbe des Murandonits ähnelten, hatte ein jeder geglaubt, sie wolle ihrem Gemahl eine besondere Ehre erweisen, obgleich die Eingeweihten gewusst hatten, dass den Edelsteinen eine ganz andere Bedeutung zukam: Blutrache ihren Feinden. – Und laut Raulen hatte sie schon damit begonnen. Unglücklicherweise war ihr Gespräch in dem Moment unterbrochen worden, sodass Mordan nicht mehr in Erfahrung bringen hatte können, was das heißen solle.

Die Nirvard jedenfalls hatten sich von ihrem Erscheinungsbild blenden lassen und waren aufmerksam an ihren Lippen gehangen, als Naisee ihnen allen ihre Erwartungen in einer höflichen, aber dennoch bestimmten Weise vorgetragen hatte. Zum Schluss hatte sie ihre erhabene, ernste Haltung fallengelassen und den Nirvard ein feines, zauberhaftes Lächeln geschenkt, von dem Mordan hätte schwören können, dass es von Herzen gekommen war.

Er schüttelte den Kopf.
Seine Mutter hatte ihre eigenen Waffen und diese führte sie mit Leidenschaft. Sie war eine Frau des Hofs und als Thronfolgerin des Herrscherclans war sie gewiss von klein auf dazu erzogen worden, listig und verschlagen zu sein. Wenn er daran dachte, dass sie während der Bestattung ihres eigenen Gemahls ihren Racheschwur regelrecht zelebriert hatte, dann konnte er nicht anders, als sich über diese Frau zu wundern. Nie hätte er geglaubt, dass sie zu so viel Kaltblütigkeit im Stande sei – und um ehrlich zu sein, hegte er immer noch seine Zweifel daran. Wie konnte eine Frau, die sich so fürsorglich ihm gegenüber zeigte, zu so etwas fähig sein?
War sie schon von jeher so berechnend oder hatte sie die Gefangenschaft so gemacht?

Nun, irgendwann würde er es erfahren. - Und da gab es noch so viel mehr, das er in Erfahrung bringen musste.
Was er jedoch mit Bestimmtheit sagen konnte, war, dass sie die Nirvard nicht als Feinde betrachtete.  

Mordan spähte durch die Haarsträhnen hindurch, die über seinem linken Auge lagen – dankte Lijanas im Stillen – und drehte seinen Kopf ein wenig, um einen Blick zu den hinteren Nirvard zu erhaschen.
Noch vor einem Mond wäre ein Nebeneinander von so vielen Kjer und Nirvard nicht möglich gewesen oder hätte zumindest in einer blutigen Schlacht geendet. Doch im Augenblick lief alles wie vereinbart. Die Nirvard, die ihre Vor- und Nachhut bildeten, hielten genug Abstand zu ihren Pferden, so wie sie es besprochen hatten. Ansonsten begegneten sie ihnen mit Ignoranz.
Das Einzige, das Mordan störte, war die Tatsache, dass er sie im Rücken wusste – etwas, das ihm nicht sonderlich behagte. Doch er würde es hören, wenn sich eine Armbrust oder ein Bogen spannte, genauso wie er das Wispern eines aus der Scheide gezogenen Schwertes erkennen würde.
Schon immer war ihm ein ausgezeichnetes Gehör eigen, doch seine blinde Seite hatte ihn – zusätzlich zu Arkells Übungen – ein Gespür dafür entwickeln lassen, aus welcher Richtung die Gefahr kommt.

Der rhythmische Klang der Hufen auf dem Wegboden war wie ein Lied in seinen Ohren.
Er spürte auf Ireds Rücken, wie sehr seine Stute nach dem Ritt verlangt hatte. Schon als er sich ihr auf zehn Schritt genähert hatte, hatte sie ihren Kopf angehoben, um ihm wild schnaubend und wiehernd entgegenzunicken. Er hatte ihr einen Apfel hingehalten und ihn dann weggezogen, als sie auf ihn zukam - worauf sie ihm die Zähne gezeigt hatte. Also hatte er nachgegeben, ihr beim Kauen zugeschaut und sich über die Verwandlung, die sich zwischen ihnen vollzogen hatte, Gedanken gemacht:
Wie hatte es geschehen können, dass sie sich plötzlich so gut verstanden? Vor drei Monden noch war er ihr gerade so mit Mühe und Not mit Sporen, Kandare und Peitsche Herr geworden. Doch jetzt schienen sie sich ganz ohne Worte zu verstehen! Genauer gesagt, seit sie ihm den Weg zu Lijanas gewiesen und ihn durch das aus salzigem Nebel bestehende Dickicht geführt hatte! Und das war geschehen, nachdem Lijanas sie geritten hatte.
Demnach musste also Lijanas diese Veränderung bewirkt haben. Oder war er es gewesen, in dem sich eine Veränderung vollzogen hatte? Eine Veränderung, die die Stute gespürt haben mochte?

Raulen beugte sich zu ihm hinüber. „Mein Prinz“, flüsterte er beinahe überhörbar, wobei Mordan ihm einen bösen Blick zuwarf. Sie hatten genau vereinbart welche Rolle er spielte und einige Vorbereitungen getroffen, um seine Identität vor den Nirvard zu verschleiern. Doch Raulen schien es schwer zu fallen, ihn als Kerlon zu bezeichnen. „Wir suchen zunächst den Schneider und Sattler auf!“, sagte er dann wesentlich lauter. Zwar klang dies wie eine Anweisung, doch Mordan wusste, dass es eine Frage war. Und so nickte er, um bei den Nirvard den Anschein zu wahren.

Beim Sattler angekommen, stiegen sie ab. Fünf der Nirvard blieben draußen bei den Pferden, eine Hand auf dem Schwertknauf.

Schon beim Einritt in die Stadt hatten sich die Köpfe nach ihnen umgedreht. Manchen war der Mund offen stehen geblieben, während andere rasch das Weite gesucht hatten. Die meisten aber hatten sich nach ihrem ersten Schrecken rasch gefangen und waren scheinbar wie gewohnt, ihrer Arbeit nachgegangen, wobei sie die Soldaten, gleich ob Kjer oder Nirvard, einfach ignoriert hatten.  
Seltsamerweise hatte keiner der Bürger Anscharas die Fäuste gehoben und ihnen schimpfend entgegengeschrien, so wie es Mordan erwartet – und, was ihm erst jetzt klar wurde – auch befürchtet – hatte. Ein Mann und eine Frau, die beide mit Kehren beschäftigt waren, hatten ihnen vom Straßenrand sogar kurz zugewunken, als ihr Zug vorbeigeritten war.

Er war froh, dass er, zumindest nicht auf ersichtliche Weise, das Kommando innehatte, denn sein Geist war ganz von seinen Erinnerungen und Gedanken vereinnahmt.

Die restlichen fünf Nirvard betraten mit ihnen das Geschäft des Sattlers, um ihnen bei dem Handel behilflich zu sein. Der Händler wich zunächst zurück, als er sah, dass es Kjer waren, die sein Geschäft aufsuchten, doch durch die Anwesenheit der Nirvard erholte er sich rasch. Und als sie ihm die Waren, die sie zu kaufen gedachten, auflisteten, wich die ablehnende Miene des schlaksigen Mannes rasch Geschäftigkeit. Dienstbeflissen zeigte er seiner Kundschaft, was sie sehen wollten. Wahrscheinlich rieb er sich bei jeder Möglichkeit unter dem Tisch die Hände. Mordan hatte den Eindruck, als könne der Mann Gold förmlich riechen. Nachdem sie endlich alles beisammen hatten, begann er, sie in seinem Laden herumzuführen, um dabei noch das ein oder andere Geschäft abzuschließen. Letztendlich hatte er damit Erfolg. Die Kjer kauften mehr, als sie ursprünglich beabsichtigt hatten, wobei sie sich denken konnten, dass sie mindestens den doppelten, wenn nicht sogar den dreifachen Preis bezahlten. Doch an der Verarbeitung des Leders gab es nichts auszusetzen, so wie es die Nirvard behauptet hatten. Sie waren es vermutlich auch, die später einen Teil des zu viel bezahlten Geldes von dem Händler zurückerhielten, um es unter sich aufzuteilen. Doch Geld war im Moment die geringste ihrer Sorgen.  
Sie kauften sich die größten Satteltaschen, die der Händler zu bieten hatte und erwarben neben einem Sattel, der für eine zierliche Frau geeignet war, auch noch andere Lederwaren, darunter Handschuhe, Zaumzeug und Gürtel. Die Nirvard verfügten über so manche Waren, die sie selbst nicht oder nur in einer anderen Ausführung kannten. Für Paraden oder öffentliche Auftritte des Fürsten wurden die Reittiere der Offiziere und des Adels besonders geschmückt: Der sichtbare Teil der Satteldecken war dann mit blauem Samt überzogen, der mit goldenen Mustern durchwebt war. Ähnliches galt für die Sättel, die mit goldenen Zierketten versehen waren. Sogar die Peitschen, die man für solche Anlässe zur Zierde mit sich führte, waren zum größten Teil aus tiefblauem Samt.
Das Blau der Könige und Fürsten. Das Blau, das auch sein Vater getragen hatte!
Von einer seltsamen Melancholie ergriffen, zeigte Mordan auf die Peitsche, um sich bei dem Händler nach dem Preis zu erkundigen. Der schaute ihn entgeistert an und stotterte eine Summe, bei der er gewiss vergessen hatte, ein Vielfaches davon zu nehmen. Mordan unterdrückte ein Grinsen und bezahlte rasch, ehe er es sich anders überlegen konnte. Lieber wäre es ihm gewesen, wenn niemand den Einkauf bezeugen hätte können, doch das war angesichts der Menge an Personen nicht machbar gewesen.
Er hätte selbst nicht sagen können, weshalb es ihn so freute, ein Ding in den Händen zu halten, das zu nichts zu gebrauchen war. Vermutlich wäre nicht einmal Lijanas vor der Peitsche zurückgewichen und Ired hätte ihm wohl nur frech die Zähne gezeigt. Aber er spürte schon jetzt, dass sie für ihn kostbar war. Sie war wie eine Verbindung zu einem Vater, den er nie kennenlernen würde – und, den er nicht ein einziges Mal gesehen hatte.
Obwohl der Sattler sie finanziell über den Tisch gezogen hatte, bedankten sie sich höflich, ehe sie das Geschäft verließen.

Nur ein paar Häuser weiter, machten sie erneut Halt und banden die Pferde an einem Holzgeländer fest, auf dem ein Dachgerüst aus Bambushalmen und Palmwedeln befestigt war.
Beim Sattler war es kein Problem gewesen, alle unter zu bringen, doch als sie das Geschäft des Schneiders betreten wollten, mussten sie rasch feststellen, dass sie nicht alle Platz fanden. Ein Teil der Räume konnte nicht betreten werden, da der Schneider sein Geschäft umbaute. Mordan gehörte zu den Männern, die vorerst draußen warteten.
Er lehnte an dem Holzgebälk, an dem die Ashentai-Kriegsrösser angebunden waren. Einen Strohhalm im Mund beobachtete er die Leute, die vorbeizogen. In einer Gasse, die an ihre Straße kreuzte, machte sich eine ältere Frau gerade daran, den Weg zu kehren, als ein Junge, der einen Esel führte, vorbeikam. Der Junge konnte nicht älter als zehn Winter sein, vielleicht war er sogar erst acht. Beim Anblick der beiden Kjer-Krieger und ihrer Nirvard-Eskorte stockte zunächst sein Schritt, doch dann rannte er ihnen, ohne einen weiteren Moment zu zögern, wutentbrannt entgegen, den Stock, mit dem er den Esel gelenkt hatte, hoch erhoben.

Ein Soldat des Fürsten, der nicht auf seinem Pferd saß, löste sich aus der Menge und bedeutete dem Jungen mit einer scharfen Handgeste, stehen zu bleiben. Doch der Junge entging seinen Händen mit einem unerwartet scharfen Rechtshaken und rannte auf Mordan und Denn zu. Die Ashentai-Rösser wieherten und rissen an ihren Stricken.
Ein paar Schritte neben ihnen lösten sich nun weitere Nirvard, um den Jungen aufzuhalten.
Mehrere Passanten waren mittlerweile stehen geblieben und beobachteten mit angehaltenem Atem das kleine Spektakel.
Mordan eilte dem Jungen nun selbst mit ausgebreiteten Armen entgegen, damit er nicht an ihm vorbei zu den Pferden gelangen konnte. Der Junge schien erfreut darüber, dass sich ihm sein Ziel so leichtfertig darbot und hieb mit einem wilden Schrei auf den Krieger ein. „Ihr habt sie mir genommen!“
Noch bevor der Stock ihn traf, hatte ihn Mordan mit der linken Hand eingefangen. Reglos zwar, doch innerlich mit Belustigung, konnte er beobachten, wie sich der Mut des Jungen ohne Waffe plötzlich in Luft auflöste. Für einen Bruchteil eines Lidschlags schaute er noch zu ihm hoch, dann machte die Wut mit einem Mal Angst Platz. Ohne seinem Stock einen letzten Blick zuzuwerfen, rannte der Bub davon. Drei Nirvard-Krieger verfolgten ihn.
Junge oder nicht, er hatte gegen das Gebot des Fürsten verstoßen und dafür würde er bestraft werden.
Mordan ließ den Stock einfach an Ort und Stelle fallen und kehrte ungerührt zu Ired und Denn zurück. Aus dem Augenwinkel beobachtete er noch, wie ein Soldat den Stock aufhob und zu dem Jungen schritt, der sogleich eingefangen war. Bäuchlings drückten sie den zappelnden Körper über den Holzrand des kleinen Wagens, den der Esel zog.
Auf Mordans Befehl hin, rief Denn den übrigen Nirvard neben ihnen zu, dass sie nicht wollten, dass man den Jungen bestrafe. „Er ist doch noch ein Junge!“, betonte Denn.
Im Grunde konnte den Kjer das Schicksal des Jungen egal sein, schließlich hätte er ja nur stehen zu bleiben müssen, um seiner Strafe zu entgehen! Außerdem könnten andere seinem Beispiel folgen und weit mehr Schaden anrichten. Am Ende würde es dann wieder heißen, die Kjer hätten Schuld an der Sache gehabt.

Angesichts dieses unerwarteten Sanftmuts runzelte einer der Soldaten die Stirn, ehe er sich eilig davon machte, um der zweiten Gruppe, die nun um den Eselskarren stand, Bescheid zu geben.
Der Junge geht mich nichts an!
„In welcher Schlacht hat der Junge seine Eltern verloren?“ Mordan konnte nicht anders, als diese Frage zu stellen.
Einer der übrigen Soldaten, die ein Stück abseits neben ihm und Denn standen, schnalzte verneinend mit der Zunge. „Nicht Eltern! Er spricht von seiner Gefährtin, für die er zuweilen Botengänge tätigte.“
Im Hintergrund konnten sie die Schreie des Jungen ausmachen. Anscheinend hatten die Nirvard ihr Gnadengesuch abgelehnt.
Ein anderer fügte dieser Erklärung hinzu: „Er spricht von der Heilerin, der Heilerin Lijanas! Malk hat sie als einer der letzten gesehen, ehe sie ... verschwand!“
Vermutlich wollte er etwas ganz anderes sagen, doch er verkniff es sich im letzten Moment, um keinen Streit anzuzetteln.

Mordan stieß sich vom Holzbalken ab und sah zu dem Jungen hin, den gerade der zweite Stockhieb traf.
„Malk!“, rief er hinüber, als wäre der Junge in der Lage, ihm zu antworten.
Doch immerhin erreichte er, dass sich die Köpfe, egal ob Zuschauer oder Soldaten ihm zuwandten.
„Bringt den .. Ich möchte mir anhören, was der Junge zu sagen hat. Bitte!“ Er würde das Gebot der Höflichkeit wahren, so wie es Königin Naisee ihnen allen befohlen hatte.
Die Soldaten schienen sich zu beratschlagen, ehe sie den Jungen am Kragen hochzogen und mit ihm herüberkamen. Das Gesicht des Jungen war rot, seine Augen tränenverhangen, sein Mund schmollend.
Noch ehe sie den Weg vollständig zurückgelegt hatten, fragte Mordan, einen Akzent vortäuschend: „Nun, Malk. Vielleicht erklärst Du uns mal, was mit der Heilerin sein soll. Weißt Du nicht, dass sie zurück ist.“
Malk nickte und obwohl er mannhaft mit den Tränen zu kämpfen schien, brachte er nichts als ein Schluchzen hervor. „Ssshh sssieeehh .. wiiill keinen mehr sehen, niiiccht eiinmal miiich.“ Nun flossen die Tränen, worüber er sichtlich beschämt war. „Die Geeehhseggnehhte hat miiich weggggeeeschiccckkt. ... Jeeedeer saagt, sie iiist krank.“
Mordan biss die Zähne zusammen.
Hinter ihm übernahm Raulen, der wie Kardan aufgrund der Unruhe der Pferde aus dem Laden gekommen war, das Wort: „Die Heilerin ist nicht krank. Ich habe sie vorhin gesehen und da ging es ihr gut.“
Der Junge wischte sich über die Wange: „UUnd weshalb kooommt sie miich niicht besuchen?“
Fragend sah Malk zu den Soldaten, doch niemand wusste eine Antwort auf seine Frage. Was sollte man einem Kind sagen?
Mordan antwortete nicht darauf, sondern versuchte, den Jungen abzulenken. Ablenkung war jedoch nicht der einzige Grund, der ihn zu fragen bewog: „Sag mal Malk, was habt ihr zusammen gemacht, Du und die Heilerin?“ Er beugte sich ein Stückchen zu Malk hinab, während er sprach.
„Kuchen gegessen!“, platzte Malk heraus, wobei sich seine Miene sichtlich aufhellte.
Als die Krieger um ihn herum lachten, entspannte sich auch der Junge. Doch das war nur von kurzer Dauer, denn schon wieder kullerten die Tränen. Mit seinen kleinen Fäusten rieb er sich die Augen.  
„Er hat Botengänge für die Heilerin getätigt.“, erinnerte ihn ein Soldat.
Mordan nickte in gespielter Verwunderung: „So, Botengänge, was?“
Der Junge nickte stolz, während er sich gleichzeitig mit dem Ärmel die Tränen wegwischte.
„Hat sie Dich denn dafür auch anständig bezahlt?“, hakte Mordan neugierig nach.
Erst nach einem Zögern kam die Antwort; kleinlaut: „Sie hat mir immer Kuchen gegeben.“
Die Krieger brachen in schallendes Gelächter aus. Der Junge hatte scheinbar nichts als Kuchen im Kopf.
„Kuchen also?“ Mordan hatte es gar nicht nötig, dem Bub seine Neugierde vorzuspielen, ihn trieb ernsthaftes Interesse an. Zu dumm, dass das Kind so eingeschüchtert war. Wenigstens hatte es aufgehört zu weinen.
„Die Heilerin sagte, sie hat selbst nur Kuchen bekommen, weil die Frau zu arm war, um ihr Harnorar zu bezahlen.“
Wer sagt´s denn!
„Heißt das, die Heilerin hat auch jene Kranke behandelt, von denen sie wusste, dass diese sie am Ende nicht entlohnen werden können?“
In einem Versuch, die Heilerin nachzuahmen, seufzte er: „Es sind so viele!“
Der Soldat, der den Vorwurf an die Kjer wegen Lijanas´ Entführung vorhin schon auf der Zunge gehabt hatte, warf zustimmend ein: „Was Malk sagt, stimmt. Ich kenne jemanden, dessen alte Muhme sie mehrmals behandeln musste, weil dieser Stümper Benja ...“, ein Nirvard stöhnte bei dem Namen wütend auf, ein anderer fluchte, „... die Schnittwunde nicht richtig genäht hatte. Nach der ersten Behandlung hat sie mit Eiern bezahlt, weil sie es sich nicht mehr leisten konnte.“
Aufmerksam lauschte Mordan den Soldaten. Zu gerne hätte er mehr darüber in Erfahrung gebracht, doch er verkniff sich jede weitere Frage, denn als er über den Kopf des Jungen hinweggesehen hatte, war ihm eine Frau in der Zuschauermenge aufgefallen, die ängstlich die Hände über ihrer Schürze zusammenpresste. Sie musste später hinzugekommen sein, denn ihr Atem ging heftig und vorhin waren es weit weniger Personen gewesen. Eine andere Frau flüsterte ihr etwas zu, als informiere sie sie über die bisherigen Geschehnisse.
Ihr Blick traf den seinen. Angst und Sorge lagen darin, Sorge um das Kind. Mordan kannte den Blick - zu gut.
Er wandte sich wieder dem Jungen zu: „Du hast also wichtige Dienste für die Heilerin getätigt. Bestimmt konnte sie durch Deine Hilfe viele Menschen heilen. Ich würde sagen, ein so treuer Gefährte der Heilerin“, er wandte sich Raulen zu, „hat für eine solche Arbeit eine Belohnung verdient.“
Raulen öffnete seinen Beutel und streckte dem Jungen zwei Kupfermünzen hin. Mordan warf ihm einen bösen Blick zu, worauf Raulen noch einmal in den Beutel griff und zwei Silbermünzen herausnahm, um sie Mordan zu übergeben. Der neigte dankend seinen Kopf und ließ die Münzen zu den anderen in Malks offene Hand gleiten.
Hastig schloss der Junge die Hand zur Faust, sein Schatz gut gehütet. Mordan erhob sich aus seiner halb gebückten Haltung und wies auf die Frau in der Menge. „Malk, ist das Deine Mutter?“, fragte er.
Der Junge wandte den Kopf und nickte, ehe er zurückhaltend zu dem Nirvard-Soldaten sah, der nach wie vor den Stock in den Händen hielt.
Mordan ignorierte seine Sorge. Die schlechte Laune des Nirvard hatte sich ohnehin verzogen. Wahrscheinlich hatte er den Jungen nur widerwillig bestraft und war nun sogar froh, dass er es guten Gewissens bleiben lassen konnte.
„Ich schlage vor, Du gehst jetzt zu Deiner Mutter. Und wir bestellen der Heilerin Grüße von Malk.“
Malk dem Rächer – und Kuchenesser!
Mit diesen Worten legte er Malk die Hand auf die Schulter und führte ihn zwei Schritte in Richtung der gegenüberliegenden Straßenseite, wo seine Mutter schon voller Ungeduld auf ihn wartete. Er versicherte sich, dass niemand des Weges kam, ehe er Malk mit einem auffordernden „Geh!“ hinüber schickte.
Er wünschte, er hätte es fertiggebracht, sich ohne weiteren Blick in die Zuschauermenge abzuwenden, doch etwas in ihm ließ ihn innehalten. So unauffällig wie möglich, beobachtete er durch seine Haarsträhnen hindurch, wie sich die Sorge der Mutter in Erleichterung verwandelte, als sie ihren Sohn mit einem aufschluchzenden „Mama!“ – der Schock saß ihm wohl immer noch in den Gliedern – auf sich zurennen sah.  
Und er wusste schon jetzt, dass er das Bild nie wieder vergessen würde.
Damals – es wäre so einfach gewesen!

Mordan sah Raulen nicht in die Augen, als der mit einer scharfen Kopfgeste in Richtung Laden wies. Dicht gefolgt von Denn verschwand Mordan in betont gleichmütigem Schritt hinter der Tür.

Im Laden des Schneiders musste sich Mordan wegen seiner Gewichtseinbußen die Maße nehmen lassen. Er benötigte mehrere Hosen und Tuniken.
Auch für Lijanas und seine Mutter kaufte er ein, wobei er sich am Stil der Cavalliner orientierte: weite Hosen, Tuniken, Westen und knielange, taillierte Überwürfe, deren Schlitze bis zu den Hüften reichte. Die Hosen und Tuniken bestanden hauptsächlich aus Leinen, waren aber an manchen Stellen mit Leder besetzt, so wie es in Astrachar aufgrund des warmen Klimas üblich war. Aus demselben Grund besaßen sie auch einen weiteren Schnitt.  
Zusätzlich zu diesen Kleidungsstücken kaufte er Wollmäntel, die über der Schulter reich mit Fell belegt waren. Ein besonders schönes Stück würde er Brachan zum Geschenk machen.  

Dieses Mal würde Lijanas nicht frieren! Das hatte er sich geschworen.
Wenn er nur daran dachte, in welchen Gewändern er sie durch die Salzwüste geschleppt hatte, wurde es ihm ganz anders zumute. Es musste für sie eine regelrechte Qual gewesen sein, in einem Kleid zu reisen, das keinen Schutz vor dem Salz geboten hatte. Zwar hatte er ihr den Mantel überlassen, doch der hatte sie nur vor der Kälte der Nacht bewahren können.
Aus diesem Grund war es ihm gleich, wie viel Silber er hier auch liegen ließ. Er würde es ihr so angenehm wie möglich machen. Und Dank seiner Königin ... oder Rusan – wie er sich zähneknirschend eingestehen musste – hatten sie mehr Geld, als sie ausgeben konnten.
Seinen Männern hatte er ebenfalls aufgetragen einzukaufen, damit sich die Besorgungen gleichmäßig aufteilten. Sie würden zwangsweise bestens gerüstet aufbrechen.

Während er sich noch umsah, erkundigten sich seine Begleiter bereits nach den Schriften und nach einem Ort, wo es Pferde zu erstehen gab.  
 
Die Räumlichkeiten des Schneiders waren neu umgebaut worden. Der Laden war von Anfang an Erfolg versprechend gewesen, was man schon alleine an seiner Größe und Auswahl feststellen konnte. Darüber hinaus gab es eine hohe Anzahl an Personen, die sich um das Geschäft kümmerten. Darunter auch eine junge Frau, die in etwa so viele Winter gesehen haben mochte wie Lijanas.
Zuerst hatte sie der Schneider vor den Kjer verstecken wollen, doch aufgrund seiner schwindenden Sehkraft war ihm nichts anderes übrig geblieben, als ihnen seine Tochter vorzustellen.  
Gentria hatte nach und nach die Geschäfte mit den Kjer in die Hand genommen und sie war es auch gewesen, die die notwendigen Änderungen an den Gewändern festgelegt hatte. Im Gegensatz zu ihrem Vater, der die Kjer am liebsten aus seinem Laden verbannt hätte - gleichgültig darüber, ob ihm ein profitables Geschäft entging - hatte sie nach einer Weile ihr ablehnendes Gebaren aufgegeben und begonnen, die Kjer mit zurückhaltender Höflichkeit zu behandeln. Woher diese Verhaltensänderung herrührte, konnte sich Mordan nicht erklären, doch der Verdacht beschlich ihn, dass sie Lijanas´ Kleid erkannt hatte, das er, um dem Schneider die Arbeit zu erleichtern, von der Stuhllehne genommen hatte. Zwar war die Erinnerung an ihre Maße, insbesondere an die ihres Oberkörpers, noch so wach, als wäre es erst gestern gewesen, dass er das Geschäft des Schneiders in Cavallin aufgesucht hatte, um ihr das weiße Kleid zu kaufen, doch er hatte sicher gehen wollen, dass es auch die richtige Ärmel- und Rocklänge besaß.
Das Kleid der Königin hingegen hatte er heimlich, als wäre er ein Dieb, aus eine der Truhen genommen.

Seiner Königin ein Geschenk mitzubringen, breitete ihm keine Freude so wie es bei Lijanas und Brachan der Fall war. Er tat es der Höflichkeit und des Anstandes wegen. Schließlich war es ihr Geld, das sie ausgaben und er stand in ihrer Schuld, genau wie in Brachans.
Seine Handschrift darin war ohnehin unverkennbar. Es war sein Rat gewesen, dem die Königin gefolgt war, indem sie ihm befohlen hatte, zu kaufen, was er begehrte. Mit derselben Vorgehensweise hatte Brachan schon einmal Erfolg gehabt. Und er war einer der wenigen, die genau wussten, dass Befehle zum Sieg führen würden, wo unverbindliche Bitten zum Scheitern verurteilt gewesen wären.  

Gentria, die trotz der vielen Ansprüche, die auf sie einströmten, in ihrer Arbeit aufging, kam langsam auf ihn zu. In der linken Hand hielt sie einen Rock, die rechte war zur Faust geschlossen. Über zwei Schritte vor ihm blieb sie stehen, sodass sich Mordan zunächst fragte, ob sie ihn oder Norda ansprechen wollte.
„Die Röcke erfüllen in ihrer Schlichtheit ihren Zweck“, erklärte sie gehemmt, wobei ihr Blick auf dem schwarzen Stoff lag, „doch ein paar Schmucksteine am Bund wären dem nicht abträglich.“
Ihre Finger öffneten sich und gaben mehrere bunte Steine preis.  
Bei den Röcken war Mordan Gentrias Empfehlung gefolgt. Unglücklicherweise hatte sich ihr der Zweck der Gewänder erst offenbart, nachdem der Handel schon zum Abschluss gebracht worden war. Er selbst wäre nicht auf die Idee gekommen, Röcke in so einer Spanne zu kaufen, die es Frauen erlaubte, rittlings zu Pferde zu reisen. Solche Fragen hatten auch noch nie seiner Aufmerksamkeit bedurft.

Mordan blickte erst auf die Steine, dann sah er ihr ins Gesicht, um mit einem Nicken sein Einverständnis zu bekunden und ihre Reaktion abzuwarten. Man konnte ihr ansehen, dass es nicht ihre Absicht war, ihm irgendwelchen Kram aufzuschwatzen. Wenn sie ihm einen Rat erteilte, tat sie es, weil sie innerlich der Überzeugung war.
„Welche Farben bevorzugt Ihr?“, fragte sie.  
Da Mordan nicht viel an den Farben der Steine lag, antwortete er: „Sucht Ihr sie aus.“
Die junge Frau schluckte, während Enttäuschung ihre Augen ermatten ließ. Es kam ihm fast so vor, als wäre es nicht rechtens ein Geschenk dem Geschmack anderer zu überlassen; als nehme sie es persönlich.
„Wenn ... wenn ich ihre Haar- und Augenfarbe kennen würde oder die Farbe ihrer Pelusi und Weste“, zauderte sie, „dann würde ich das tun“.
Innerlich die Augen rollend – er hatte noch nicht einmal einen Gedanken an das eine oder andere verloren – neigte er seinen Oberkörper nach vorne, während er seine Arme hinter dem Rücken verschränkte.
„Sie hat Augen so dunkel leuchtend wie Emeralde und langes Haar in der Farbe von gesponnenem Mitternachtsfeuer.“

Noch während er sprach, öffnete sich ihr Mund, wobei es in nächster Zeit nicht der Fall zu sein schien, dass sich daran etwas ändern würde. Ihre Füße schienen auf dem Holzboden angewurzelt, als sie dastand wie ein Kind vom Donner gerührt.
Norda, der nur ihre stille Reaktion vernahm, sich aber dessen, was vorausgegangen war, nicht bewusst war, leckte sich verzückt über die Lippen. Ein boshaftes Glänzen lag in seinen Augen.
Mordan konnte nicht nachvollziehen, was er an der Frau fand. Nach außen war sie hübsch anzuschaun, aber ihr Wesen ...
Zu viel Wasser - ohne Feuer.

Nachdem Gentria wieder ansprechbar war – er hatte ihre Welt der Vorurteile zur Gänze auf den Kopf gestellt – machte er ihr zugunsten ihres kunstvollen Geschmacks ein paar – ernst gemeinte – Komplimente, die sie erröten machten. Gleichzeitig rechtfertigte er seine Unwissenheit in Sachen Frauengewänder mit absurden Vorwänden, die den Unterschied ihrer Geschlechter betraf, und bat sie, sie möge sich um alle Einzelheiten selbst kümmern, ehe er durch Unkenntnis ihre raffinierten Zusammenstellungen zunichte machen konnte.
Zum Schluss lächelte er sie an, schloss aber rasch wieder den Mund, als sie trotz des hohen Abstands, den sie ohnehin schon zwischen ihnen hielt, noch einen Schritt zurückwich, und hob zwei Goldmünzen in die Luft. Damit folgte er der Eingabe, ihr mitzuteilen, welche Gewänder für die Königin bestimmt waren, damit sie eine entsprechende Wahl treffen konnte.

„Wenn wir die Gewänder abholen kommen, möchte ich sie an einer Eurer Näherinnen bewundern, um mich von Eurer Kunstfertigkeit überraschen zu lassen.“, log er mit dem Hintergedanken, jemand könnte einen Giftanschlag auf die Königin verüben.
Und da er gerade über Sicherheitsfragen nachdachte, fügte er hinzu: „Arbeitet in ein Gewand Gold ein, aber lasst die anderen frei von glänzenden Steinen und Fäden. Verwendet statt dessen dunkle Töne.“
Wenn die Monde wuchsen, ließen ihre Strahlen glänzendes Metall aufblitzen, wodurch sich dem Feind Verstecke offenbaren konnten, die prinzipiell eine hervorragende Tarnung dargestellt hatten.
„Habt Ihr verstanden?“
Gentria nickte zwar, fühlte sich aber wegen Mordans Interesse, das sie auf die falschen Gründe zurückführte, verpflichtet, ihn mit weiteren Vorschlägen zu behelligen. Mordan drängte seine wachsende Ungeduld mit der Vorstellung zurück, wie er Lijanas die Kleider von den Gliedern strich, was ihn wiederum auf die Idee brachte, mehr Knöpfe und Bänder anbringen zu lassen, als eigentlich erforderlich gewesen wäre. Von da an war es ihm möglich, die innere Unruhe, die sein Geist beherrschte, zurückzudrängen und sich der Aufgabe mit fast altgewohnter Hartnäckigkeit zu widmen.

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„Was soll das!“, blaffte Prinz Ahmeer erbost. „Ein Geschenk der Kjer!?“ Hohn tropfte bei jedem seiner Worte.  
Angewidert schlug er mit seinem Stiefel gegen die kleine Truhe, die Diener zu seinen Füßen abgestellt hatten.
„Ja, mein Prinz.“ Die Diener, die die Soldaten begleitet hatten, verneigten sich tief, ehe sie das Gemach des Prinzen rückwärts verließen.  
„Du“, er zeigte auf einen der Soldaten, „sag mir, was sich in der Truhe befindet“.
Der Soldat trat gehorsam vor, wenngleich er sich über den unhöflichen Tonfall ärgerte. „Haare, mein Prinz.“
„Was! Haare?“ Fassungslosigkeit klang aus seiner Stimme. „Ist das ein fieser Trick!?“
„Nein, mein Prinz. Wir haben selbst gesehen, wie einer nach dem anderen vortrat, um sich den Zopf nehmen zu lassen.“
Prinz Ahmeer sah den Soldaten abschätzend an. „Öffne die Truhe!“, befahl er nach einer langen Pause.
Der Soldat trat vor, kniete sich hin und entriegelte den Verschluss. Im Gemach war es mucksmäuschenstill, als er langsam den Deckel hochzog. Das Quietschen von Metall drang durch den Raum, ehe Holz auf Holz schlug.
Prinz Ahmeer atmete hörbar ein, als er auf die Zöpfe hinabblickte - Zöpfe in allen Farben, sogar ein feuriges Rot befand sich darunter.
„Sie meinten, es wäre ein Geschenk an Euch.“
Ahmeer hätte dem Soldaten am liebsten ins Gesicht geschrien, dass er nicht in diesem Ton mit ihm sprechen sollte. Mittlerweile wusste doch ein jeder, dass er dem Kjer den Zopf auf illegitime Weise genommen hatte – genauso, wie man ihm von verschiedenen Seiten zu verstehen gegeben hatte, dass keine Ehre darin bestand, einem gefesselten Mann seinem Haar zu berauben. Sogar Eliazanar hatte sich darüber mokiert.
Und wenn er daran dachte, wie ihn Lijanas angesehen hatte, als er ihr das Ding entgegengehalten hatte! Als wäre der Schopf eine seltene Kostbarkeit gewesen!

Des Mitgefühls wegen gaben sie ihre Schweife kampflos hin – für ihren gefallenen Prinzen! Es war so, wie es Eliazanar gesagt hatte.

Prinz Ahmeer wischte sich über seine Stirn, die nun mit einem feinen Schweißfilm bedeckt war. Seine Augen wanderten von den Soldaten zu der Truhe. Und von der Truhe zu den Soldaten.

„Was soll ich jetzt damit machen?“, fragte er mehr an sich selbst gewandt, als an die anderen.
„Verbrennen.“, schlug einer vor.
„Haare sind wertvoll.“, widersprach ein anderer. „Auf dem Markt findet sich bestimmt ein Händler, der einen ordentlichen Preis dafür bietet.“
Prinz Ahmeers Finger glitten durch sein schwarzes Haar, als müsse er sich Gewissheit darüber verschaffen, dass sein eigener Schopf noch auf seinem Kopf weilte. „Gebt sie der Schwesternschaft.“, entschied er dann. „Vielleicht haben sie Verwendung dafür.“

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Gierig trank er das Wasser, das seine Kehle erfrischte. Dann gab er die Kelle an den Bärtigen zurück.
„Wie lange noch, bis wir an Land gehen, was glaubst Du?“, fragte Selsamer erschöpft.
Astakir senkte seine Stimme. „Ich habe gehört, dass es schon in wenigen Tagen so weit sein soll.“
„Schon?“
Die Kelle schwenkte im Wassereimer, ehe sie Astakir an den Mund führte. Er trank so schnell, dass das Wasser in einer schmalen Spur an der Kelle vorbei und über sein Kinn lief.
„Nur kurz, um Proviant nachzufüllen.“ Er atmete mehrmals tief durch, ehe er erneut trank. „Der Kapitän wird außerdem Informationen einholen.“
„Was für Informationen?“, hakte Selsamer neugierig nach.
Der Bärtige hob die Schultern, als er dem Jüngeren den Schöpflöffel noch einmal überließ.
„Woher soll ich das wissen? ... Ich hab´s nur gehört!“
Schritte erklangen. Selsamer und Astakier sahen sich seufzend an.
„Zurück an die Ruder, Ihr faules Pack!“, bellte Scrabsch. „Vorwärts, sonst mach ich Euch Beine!“

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Die Kjer ritten mit ihrer Eskorte durch die Straßen Anscharas. Ihre Satteltaschen waren prall gefüllt mit ihren Einkäufen, worüber sich die Nirvard sichtlich amüsierten. Vermutlich dachten diese, sie wären so begierig darauf, in Astrachar einzukaufen, weil sie in Telmahr solche auserlesenen Waren nicht kannten.
Die Kjer wiederum erwiderten deren Grinsen mit stummer Überheblichkeit, da ihre Kaufabsicht im Dunklen blieb.

Sie hatten schon mehrere Gassen passiert, als Ireds kraftvolle Schritte nachließen und sie den Kopf zurückwarf, als genieße sie die sanfte Brise, die ihre schimmernd schwarze Mähne anhob.
„Schon gut, Ired.“ Mit seinen behandschuhten Händen rieb Mordan ihr Fell.
Seine Worte wurden jedoch durch das Schnauben eines Kriegsrosses hinter ihm übertönt. Kaum, dass der Laut von Mailens Hengst verklungen war, erschall leises, gemächliches Hufgetrappel, das gleichmäßig an Lautstärke zunahm.  

Drei Männer tauchten vor ihnen auf, die auf die Abzweigung zugeritten kamen, die sie gerade passierten. Zwei der Männer waren in einen braunen Umhang aus leichter Wolle gehüllt. Der dritte trug Blau – ein Gardist des Fürsten.
Obgleich Mordan mit seinem erfahrenen Blick die beiden anderen Männer systematisch nach Waffen abtastete, blieb seine Suche erfolglos. Nicht einmal ein Schwertgehenk war sichtbar. Beide Männer hatten die Hände an den Zügeln.
„Wer ist das?“, fragte er zu einem der Nirvard hingewandt, ohne jedoch die Männer aus dem Blick zu lassen.  
„Der Untersekretär des Fürsten und sein Diener.“
Nicht verwunderlich, dass sie keine Waffen bei sich trugen. Und vor Schreibfeder, Pergament und Tinte brauchte er sich wahrlich nicht beunruhigt zu fühlen.
Unwillkürlich legte sich Mordans Stirn in Falten.
Was für ein fataler Irrtum!
Vielleicht waren sogar Schreibfeder und Tinte die grausamsten aller Waffen. Mit ihnen wurden Befehle unterzeichnet – Befehle, die über Leben und Tod entschieden.

In der Abzweigung stehend, beobachtete die Gruppe, wie sich der Gardist freundschaftlich von den beiden Männern trennte und sein Pferd in ihre Richtung lenkte.  
Kardan drängte sich zu Mordan durch. „Wisst Ihr, wer das ist?“, fragte er, ohne seine Reaktion abzuwarten. „Ich glaube, das ist der Mann“, konzentriert blinzelte er in Richtung des Neuankömmlings, „der die Heilerin gestern ins Lager brachte.“

Mordan hatte den Mann kühl gemustert, während Kardan ihm die Information zugeflüstert hatte. Mit seinen grauen Strähnen schien er nicht mehr der jüngste zu sein, aber Mordan konnte sich auch nicht vorstellen, dass er so alt war wie Brachan. Und im Gegensatz zu seinem alten Gefährten hatte der Gardist, der sich den Kjer nun absichtsvoll näherte, dunkles Haar.

Es stellte sich heraus, dass er auf höchstem Befehl agierte.
Nachdem Fürst Rusan in Erfahrung gebracht hatte, dass die Kjer in Auftrag ihrer Königin Anschara aufsuchten, hatte er ihnen einen seiner erfahrensten Männer zur Seite stellen wollen, damit ihnen kein Ansinnen verwehrt blieb.
Sapiento stand schon seit langer Zeit in den Diensten des Fürsten wie sein Vater vor ihm, was bedeutete, dass er mit den Gegebenheiten der Stadt und seinen Einwohnern bestens vertraut war. Ihnen diesen Mann zu überlassen, bedeutete ein Paar weiterer Augen, die sie beobachteten, aber genauso konnte es auch als Akt des guten Willens betrachtet werden. Anstatt mehrere Gardisten auszusenden, schickte er nur einen, damit es nicht so aussah, als unterstellte er ihnen schlechte Absichten. Ein Akt der Freundschaft hingegen hätte einen Höfling erfordert.

Mordan fragte sich, ob Fürst Rusan diese Gedanken in Erwägung gezogen hatte. Außerdem reizte es ihn, die Grenzen des Befehls zu erkunden. Würde ihnen etwa das Ansinnen, einen Waffenschmied aufzusuchen, nicht verwehrt bleiben? Wäre ihre Beziehung nicht so fragil und könnte nicht jedes doppeldeutige Wort der Auslöser eines Blutbads sein, hätte er Sapiento auf die Probe gestellt. Doch es war genau das, worüber seine Königin ein Verbot verhängt hatte. Die Schlacht der Worte sollten sie den Herrschern überlassen.
Fragte sich nur, ob ihre Königin auch tatsächlich in der Lage war, als Siegerin aus dem Schlachtfeld hervorzugehen, wo sie doch Winter lang auf der Schattenseite gestanden war.
 
Wenn er es sich aber recht überlegte, war die Entscheidung, ausgerechnet Sapiento abzukommandieren, ein strategisch kluger Spielzug gewesen. Er hatte bisher den engsten Kontakt zu den Kjer.
Mordan dämmerte es gerade, dass er ihm sogar selbst schon begegnet sein musste! - Vom Hals bis zu den Füßen in Ketten gelegt!
Sie hatten ihn zuerst in Fürst Rusans Gemächer geschleift, damit der die Bestie in aller Ruhe besichtigen hatte können. Dort hatte die Fürstengarde Wache gehalten, jedenfalls solange, bis sie Rusan der Gemächer verwiesen hatte.
Obgleich sein Hals über eine kurze Kette an einem Ring im Boden verankert gewesen war, hatten die Gardisten ihre Plätze nur widerwillig verlassen - was geradezu lächerlich gewesen war! Er hätte sich nicht einmal aufrecht auf die Knie erheben können, es sei denn, er wäre in der Lage gewesen, eiserne Ketten und Ringe zu sprengen!

Vielleicht habt Ihr eine Ahnung davon, welche Genugtuung mir Eure Anwesenheit verschafft, Bestie. Wie lange ich auf den Moment gewartet habe, ... Euch für Eure Taten an meinem Volk zur Rechenschaft zu ziehen. ... Ehrlich gesagt, frage ich mich, ob ein Mann, der Kinder ins Feuer befiehlt, überhaupt zu irgendeiner Art der Gefühlsregung fähig ist.

In dem Moment hatte er darüber geflucht, dass das Schicksal ihn mit Lijanas zusammengeführt hatte. Denn sie war es gewesen, die ihn für die Gefühlsregung, zu der er anscheinend nicht fähig war, erst recht empfänglich gemacht hatte. Ihre Worte, die ihn ohnehin schon in seinen Träumen heimsuchten, hatte er in die ewige Verdammnis verwünscht!
Wenigstens hatte er früher seine Selbstvorwürfe immer mit der Rechtfertigung abschwächen können, dass es im Falle seiner Weigerung ein anderer getan hätte. Doch den trügerischen Lichtschimmer hatte Lijanas ausgelöscht, um ihn in der tiefsten Dunkelheit mit der bitteren Erkenntnis zurückzulassen, dass er eine Wahl gehabt hatte. Gehabt - und getroffen!
Was früher vor seinen Augen vernebelt worden war, hatte sich nach und nach zu einem Weg geformt, der stabil genug gewesen wäre, um ihn beschreiten zu können. Die Tatsache mal außer Acht gelassen, dass er dafür sein Leben hätte lassen müssen, wäre er jedoch – und diese Erkenntnis war es, die ihn bis aufs Mark erschüttert hatte – vermutlich dennoch nicht in der Lage gewesen, den Nebel zu vertreiben. Erst Lijanas´ überaus lästige Widerworte mitsamt ihrem ganzen Wesen hatten den Gesinnungswandel bewirkt. Und wenn es auch ein anderer getan hätte! - Er wäre es nicht gewesen. Und wenn alle diesem Urteil gefolgt wären, hätten die Funken der Feig- und Ehrlosigkeit diesen Tag nie verdunkelt.  
Das eine Wenn für das andere Wenn!

Als hätte Fürst Rusan genau gewusst, in welche Wunde er das Salz reiben musste, hatte er die Kinder erwähnt!
Ein Leben war ein Leben. Und doch gehörten die Erinnerungen an die Kinder zu den Furcht erregendsten. Während die Erwachsenen wenigstens eine Ahnung von den Geschehnissen gehabt hatten - auch sie hatten eine Entscheidung getroffen - waren die Kinder sowohl unschuldig als auch unwissend gewesen!
Es war ihm nie schwer gefallen, in einer Schlacht gestandenen Männern das Licht auszublasen, auch bei Frauen – die in seinen Augen sowieso die grausamsten aller Geschöpfe waren – hatte er kaum gezögert, wenn sie so dumm gewesen waren, das Schwert gegen ihn zu richten. Tatsächlich gab es nicht viel, von dem er zurückschreckte und er scherte sich auch nicht darum. Doch Kinder und Tiere bildeten die Ausnahme schlechthin!
Wie sie nach ihren Müttern geschrien hatten! ... - Wie er, als seine Mutter ihm den Rücken gekehrt hatte, in der tollkühnen Hoffnung, sie würde sich seiner erbarmen.

Da er sich gewünscht hatte, für eine Tat angeklagt zu werden, auf die er mit Stolz und nicht mit Selbstverachtung zurückblicken hatte können, hatte er sich – wie Arkell es ihm gelehrt hatte – der Vorstellung hingegeben, in Telmahr für die verweigerte Aushändigung von Lijanas verurteilt zu werden. Nur so hatte er es ertragen können und das Ergebnis wäre ohnehin dasselbe gewesen.

Bestünde nur der Funke der Chance, dass Ihr an meinen Worten keine Zweifel hegen würdet, würde ich Euch die Wahrheit unterbreiten.

Der erste Satz, den er seit zwei Wochen gesprochen hatte, war nur krächzend über seine aufgesprungenen Lippen gekommen. Aber anscheinend hatte Rusan mit keinerlei Reaktion gerechnet – nicht, dass eine zu erwarten gewesen wäre –, denn er hatte sich, als Mordan den Kopf zum Sprechen gehoben hatte, beharrlich zu ihm hinabgebeugt.
Ihre konzentrierten Blicke waren von einer markerschütternden Stille begleitet gewesen.

Nachdem er die Verantwortung für die Verbrechen übernommen hatte, war Fürst Rusan zu seinem Arbeitstisch geschritten, um sein Hinrichtungsurteil zu unterzeichnen. Mit einem geradezu selbstverächtlichen Ausdruck hatte er das Siegel des Reihers in das blaue Wachs getaucht.
Wahrlich, ich wüsste nicht, was mich davon abhalten sollte, Euch für all Eure Verbrechen zur Gänze bezahlen zu lassen!

Es war Mordan nicht möglich gewesen, diesen seltsam anmutenden Ausbruch einordnen zu können. Doch er hatte ohnehin alles gesagt, was es zu sagen gegeben hatte.
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