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Der Kuss des Kjer - Fortsetzung eines Fans

von Melicis
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Ahmeer Haffren Lijanas Mordan Rusan
17.09.2012
06.03.2014
10
75.440
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Dieses Kapitel
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17.09.2012 6.553
 
2. Aussprachen

Lijanas hielt die Schriftrolle in den Händen, die ihr ein Mann der Leibgarde Rusans überreicht hatte. Eine schwierige Entscheidung stand ihr bevor.

„Ihr müsst nicht gehen. Er kann Euch nicht zwingen, da Ihr unter dem Schutz unserer Flagge steht.“, ermutigte sie die Königin.

Brachan gab zu bedenken: „Aber er gab Euch schriftlich sein Wort, dass es nur um ein Gespräch gehe, das die Heirat mit dem Prinzen betrifft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er wortbrüchig wird.“

„Ich auch nicht.“, stimmte Naisee schließlich zu, „aber es gefällt mir nicht und noch weniger gefällt mir der Gedanke, es Mordan sagen zu müssen, wenn er aufwacht.“

In Gedanken stimmte Brachan der Königin zu. Mordan würde einen Wutanfall bekommen, wenn er von Lijanas´ Abwesenheit erfahren würde. Er konnte nur hoffen, dass sie zurückkehren würde, bevor er erwachte.  

Lijanas schaute auf Mordan hinab. Auch sie hatte Angst, ihn zu verlassen, aber gleichzeitig hoffte sie, ein paar Angelegenheiten ins Reine bringen zu können, die sie schon die ganze Zeit über beschäftigten.

Entschlossen hob sie das Kinn und verkündete mit fester Stimme: „Ich gehe und komme so schnell wieder, wie ich kann.“
„Jemand der Leibwache wird Euch begleiten.“, warf Brachan ein.
„Nein. Das ist nicht nötig. Mir wird nichts geschehen und wenn, könnte er mich davor auch nicht bewahren. Er würde nur sein Leben lassen und das will ich nicht. ... Ich muss es versuchen - auch für ihn.“ Sie nickte zu Mordan hin.

Die Königin strich sich nachdenklich ihre langen Haare hinter das Ohr und wechselte mit Brachan einen fragenden Blick. Schließlich nickte sie ihre Zustimmung.
„Denkt daran, dass Ihr über bestimmte Vorgänge nichts erzählen dürft.“
Lijanas nickte eifrig.  

Als spüre Mordan ihren Aufbruch und die Aufregung der Anwesenden, regte er sich unerwartet. Rasch griff Lijanas unter seinen Kopf und hob ihn vorsichtig an, um ihm etwas Honigwasser einzuflößen. Sie murmelte ihm Worte in besänftigendem Ton ins Ohr, worauf Mordan sich wieder entspannte und weiter schlief.

Mit einer Feder in der Hand setzte sie sich an den großen, ovalen Tisch. In jedem Fall würde sie nicht gehen, ohne Mordan versichert zu haben, wie sehr sie ihn liebte. Er musste wissen, wie lange sie schon Gefühle für ihn hegte, auch wenn sie ihn das nie spüren hatte lassen.

Brachan würde ihm den Brief übergeben, falls sie nicht zurückkehren würde.

Schweren Herzens, aber im Wissen, dass sie keine Ruhe finden würde, wenn sie jetzt nicht ginge, verließ sie das Zelt und ließ sich von Denn zu den Soldaten des Fürsten führen, wo bereits ein Pferd auf sie wartete. Die Soldaten nahmen sie in die Mitte und so verließen sie das Lager.
Alle Augen waren auf sie gerichtet, als sie durch die Gänge zwischen den letzten Zelten hindurch ritten.  

Sie wusste, dass sie das Richtige tat. Wegen Ihr würde es keine Unruhe geben.


Im Palast des Fürsten fühlte sie sich wie eine Gefangene, obwohl jeder einen höflichen Umgang mit ihr pflegte. Doch sie hatte das Gefühl, als werde sie abgeschirmt.

Mit zitternden Knien betrat sie Rusans Gemach, das sie schon seit drei Wintern kannte. Dort hatte sie ihn schon behandelt, als Mordan ihm das Schwert in die Schulter getrieben hatte.

Der Diener zog die beiden Seiten der Flügeltüre hinter Lijanas zu, sodass sie mit dem Fürsten alleine war.
Lijanas fiel in einen tiefen Knicks.

„Ah, Heilerin, kommt herein.“
„Fürst Rusan.“

Unsicher blieb sie stehen, wusste nicht wohin.

„Wie ich höre, habt Ihr dem Heerführer die letzte Ehre erwiesen.“
Lijanas fragte sich, ob die Worte einem Vorwurf entsprachen, bejahte aber dennoch.
„Leider wart Ihr nicht hier, doch auch ich habe ein Gedenken für die Opfer des Krieges arrangiert: schlicht, kurz und ohne jeden Prunk im Freien - vor seinem Kreuz.“
„Oh!“
Mehr konnte sie nicht sagen, denn sie wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Einerseits handelte es sich um ein Totengedenken für die Kriegsopfer andererseits fand es vor Mordans Kreuz statt.
Genau genommen, war aber auch Mordan ein Opfer des Krieges.

Lijanas fühlte, wie sie gemustert wurde und versteinerte unter Rusans Blick.

Nach einer Weile befahl er: „Setzt Euch Lijanas. Ich habe mit Euch zu reden.“

Zaghaft ging sie auf die runde Erhebung zu, die mit dicken Kissen gepolstert war.
Sie wusste, was sie darauf finden würde!
Mut und Trost machten sich plötzlich in Lijanas breit und verdrängten ihren dunklen Argwohn.

Langsam trat sie näher, wobei ihr Blick gebannt auf den Kissen lag, auf denen das Zeichen der Gnädigen Göttin glänzte:
Eine rote Lotusblume, um die eine weiße Rose geschlungen war. Die Lotusblüte ragte  inmitten ihrer großflächigen Blätter aus dem Wasser, wobei auf einem der Blätter ein kleines Häufchen Erde lag.
Die weiße Rose, deren langer Dornenstiel sich um die rote Blüte wand, ging aus der Erde hervor.
Feuer, Wasser, Erde und Luft – alle vier Elemente waren in dem Bild vereint, wobei Feuer durch das Rot der riesigen Lotusblüte repräsentiert wurde, in deren Mitte viele gelbe Staubblätter standen.
Die Vier war eine Zahl voller Symbolkraft! Die Zahl allen natürlichen Seins!
Dazu gehörten die vier Grundelemente und nicht zuletzt die vier Richtungen, mit denen jeder Reisende seinen Weg beschrieb.
Genauso existierten vier Urbotschaften der Gnädigen Göttin, die die Erste Gesegnete vor vielen hunderten von Wintern empfangen hatte.
Das Zeichen war ein wunderbares Bildnis! Voller Reinheit und Anmut. In ihm erkannte man die Vollkommenheit der Natur - die Vollendung alles Lebendigen.  
Jeder Fremde, der das erste Mal nach Astrachar kam, bewunderte dieses Bild. In jedem Haus war es zugegen. Die Fremden neigten jedoch dazu, die Lotusblume mit einer Seerose zu verwechseln, da die Lotusblume außerhalb Astrachars kaum bekannt war.  

Lijanas ließ sich bedächtig auf der runden Erhebung nieder und fühlte sich beschützt und geborgen.

Für einige Lidschläge wanderte ihr Blick durch den fürstlichen Wohnbereich. Auf Anhieb konnte sie keine Veränderungen ausmachen. Alles war so geblieben, wie sie es in Erinnerung hatte:  
Das Gemach war – ähnlich wie der Saal der Gesegneten – mit weißem Marmor gepflastert. Graue und silberne Adern zogen sich durch die Steine hindurch. Das Holz des prachtvollen Mobiliars war mit goldenen Ornamenten verziert. An den Wänden hingen Porträts, die, wie Lijanas nur vermuten konnte, Rusans Ahnen oder seine Verwandten zeigten. Ein Bild schien momentan zu fehlen, da eine größere Lücke klaffte, die dort nicht hinzugehören schien.  

Lijanas musste sich eingestehen, dass sie gerne hier gewohnt hätte. All das, könnte sie ihr Eigen nennen, wenn sie Ahmeer zum Gemahl nehmen würde.

„Ich habe gehört, Ihr werdet meinen Neffen nicht zum Gemahl nehmen.“, begann Fürst Rusan sachlich.
Sie nickte und räusperte sich leise. Wie immer kam er sofort zur Sache und vergeudete keine Zeit.
Er zupfte sein weißes Hemd zurecht, das mit goldenen Knöpfen verziert war, ließ sie dabei aber nicht aus den Augen. „Was hat Euch umgestimmt?“, fragte er forsch.

Schon auf dem Ritt hierher hatte sie sich Gedanken über diese Frage gemacht, weshalb sie rasch antworten konnte. „Ich habe ihn in letzter Zeit besser kennengelernt und festgestellt, dass wir nicht zusammen gehören. Er ist anders als ich.“
„Aber er hat Euch doch gepflegt, als Ihr krank wart.“
Eine Spur des Vorwurfs war deutlich in seiner Stimme zu hören. Er glaubte also, sie wäre undankbar! Nun, er würde bald erfahren, dass dies nichts mit Undank zu tun hatte, sondern mit Gewalt und Zwang.  

So eine Gelegenheit würde sich ihr nicht mehr bieten. Egal, was im Anschluss passierte! Er sollte wissen, was sein Neffe getan hatte!
Offen schilderte sie ihm, dass sie nicht krank gewesen sei, sondern Ahmeer ihr Mohn verabreicht habe, um ihre Fügsamkeit zu erzwingen, da sie seinen Antrag letztendlich abgelehnt hatte.

Lijanas konnte nicht sagen, was in Rusan vorging, doch sie spürte den Blick schmaler Augen auf sich, die sie eingehend musterten.

„Und weshalb habt Ihr Eure Meinung geändert?“
Lijanas konnte hören, dass er unzufrieden mit ihr war. Mit der Ablehnung des Heiratsantrags hatte er genauso wenig gerechnet wie Ahmeer.
„Verzeiht Fürst Rusan, aber es ist mir unangenehm diese Frage in aller Offenheit zu beantworten.“, erklärte sie höflich, aber bestimmt. Sie barg ihre Hände im Stoff ihres Rocks und bemühte sich, das leichte Zittern ihrer Stimme unter Kontrolle zu halten.  
„Weshalb?“, wollte er ungeduldig wissen.
„Sie würde Prinz Ahmeer in ein schlechtes Licht rücken und da er Euer Neffe ist ...“
„Heilerin, Ihr könnt ganz offen sein. Prinz Ahmeer ist über Eure Ablehnung nicht sehr erfreut und ich verlange zu wissen, was hier vor sich geht.“
Die letzten Worte sprach er mit Nachdruck, was Lijanas nicht entging. Er erwartete eine
Antwort und würde sich mit Ausflüchten nicht zufriedengeben.

„Ich habe gesehen, wie er den ersten Heerführer grausam quälte und ihn für Dinge verantwortlich machte, die er niemals getan hatte.“

Damit sprach sie seine zentralen Anliegen gleichzeitig an. Rusan wollte einen Einblick in das Leben des Heerführers und die Gründe für die Ablehnung der Hand seines Neffen.
Daher nickte er ihr ermutigend zu, damit sie weitererzählte.

Und so schilderte Lijanas, wie Jerdt Ahmeer demütigte und dieser seine Wut an Mordan aus- ließ, indem er den wehrlosen Mann schlug, ihn bestahl und seinen Zopf abschnitt. Dabei ließ sie auch nicht aus, dass Mordan als Unfreier aufgewachsen war, dem regelmäßig die Haare geschoren wurden. Lijanas konnte noch immer die Kälte an ihrer Haut fühlen und scheute sich nicht, Rusan eine Vorstellung davon zu vermitteln.
Sie versicherte ihm, dass Mordan Ahmeer als Gefangenen beansprucht hätte, um ihn vor Jerdt zu schützen, doch der Ehrenkodex des Heers ihm das untersagt habe. Ferner erzählte sie, dass Mordan dem bewusstlosen Prinzen das Leben gerettet habe:
„König Haffren hatte Prinz Ahmeer mit einem Schlafmittel betäuben lassen. Die Erde bebte und riesige Steine regneten auf uns herab. Der bewusstlose Prinz lag direkt in der Gefahrenzone. Mordan riskierte sein eigenes Leben, um ihn dort herauszutragen. Ich habe Ahmeer in Mordans Armen gesehen. Er hat ihn mir übergeben, damit ich mich um ihn kümmern konnte. Keine Stunde später traf die Heermeisterin ein und hat Mordan überwältigt.“

Lijanas´ Stimme zitterte, als sie sprach, denn nach wie vor lasteten die Ereignisse schwer auf ihrer Seele. Doch sie wollte die Sache unbedingt geklärt wissen und setzte daher noch einmal nach: „Fürst Rusan, ich habe gesehen, wie Mordan sein eigenes Leben riskierte, um das Leben von Prinz Ahmeer zu retten. Und ich habe gesehen, wie der Prinz Mordan brutal schlug, als der wehrlos und schon verletzt an einem Balken angebunden war. Ich habe versucht, ihn aufzuhalten, indem ich ihm erklärte, dass er ihm das Leben gerettet habe. Ich erinnerte ihn daran, dass nicht Mordan ihn gedemütigt habe, sondern Jerdt. ... Ferner hättet nur Ihr das Recht wegen Sajidarrah und Tejidannar ein Urteil zu sprechen. Doch Prinz Ahmeer hat mein Bitten ignoriert. Anstatt dessen hat er ihm den Zopf abgeschnitten und ihn halb tot geschlagen.“  

Wie hatte Ahmeer eigentlich fliehen können? Hat Mordan ...

Fürst Rusan und Lijanas sahen sich direkt in die Augen. Und etwas in ihrem Ausdruck schien tief in sein Inneres einzudringen. Fassungslosigkeit stand darin, als sie das Handeln der beiden Männer beschreibend miteinander verglich.
Was er ablesen konnte, war die wertende Schlussfolgerung aus ihrer Erzählung: Ahmeers Verhalten hatte dem einer Bestie geähnelt, nicht das des Heerführers!  

Es war nicht nötig, dass sie es laut aussprach, ohnehin hätte sie das niemals getan. Es war nicht schwer, sich den Rest zu denken.
Das war der Grund, weshalb sie seinen Antrag abgelehnt hatte. Das war der Grund, weshalb sie nicht zusammen gehörten.

Für einen Moment hatte er eine Lüge ihrerseits in Erwägung gezogen, doch der Gedanke wurde sofort zunichtegemacht, als er genauer darüber nachdachte. Er müsste nur Eliazanar fragen oder die Soldaten, die ihn ... Mordan bewacht hatten.
Und das würde er! Er würde der Sache genauer auf den Grund gehen. Sofort, nachdem die Heilerin weg wäre, würde er nach Prinz Ahmeer und Eliazanar schicken lassen, um genauere Auskunft zu verlangen.
Denn wenn die Schilderung der Heilerin zutraf, dann war das Verhalten Prinz Ahmeers nicht rechtmäßig, um nicht zu sagen, unehrenhaft!
Die Heilerin hatte Recht, nur er, der Fürst der Nirvard, hatte ein Urteil zu sprechen, nicht der Prinz.

Natürlich konnte Fürst Rusan nachvollziehen, dass sein Neffe sich für die Entführung seiner Braut gerächt hatte. Doch in erster Linie war Haffren – wieder einmal Haffren – für die Entführung verantwortlich gewesen. Der Heerführer wäre gewiss nicht freiwillig nach Astrachar, geschweige denn nach Anschara gereist! Nein, bestimmt nicht!
Außerdem ging es um die Einhaltung einer der Tat angemessenen Rache. Der Heerführer schien Lijanas nicht misshandelt zu haben. In jedem Fall hatte sie keine Genugtuung gefordert.

„Schickt nach Eliazanar. Sie soll umgehend in meinem Gemach erscheinen!“, befahl Rusan plötzlich in die Stille hinein, kaum dass er die Tür einen Spalt breit aufgezogen hatte. Lijanas erschrak bei seinen unerwartet scharfen Worten und überlegte, was das zu bedeuten haben könnte.
Sie begann stärker zu zittern und umfasste das runde Kissen unter sich.

Aufmerksam hatte Fürst Rusan ihrem Bericht gelauscht und sie währenddessen kritisch beobachtet. Er schien einen inneren Konflikt zu verhandeln.  

„Wenn Ihr an der Wahrheit meines Berichts zweifeln solltet“, begann Lijanas, da sie intuitiv spürte, dass er ihr nicht ganz traute, „dann bitte ich Euch, Mordans Wachposten um eine Bestätigung zu ersuchen, denn die Heermeisterin war bei dem Geschehen nicht zugegen.“

Zu ihrer Verwunderung nickte Fürst Rusan zustimmend. „Dann wird mir die Heermeisterin die Namen der Wachposten übermitteln. Oder könnt Ihr mir ihre Namen nennen?“
Trotz ihrer angestrengten Versuche, sich an die Wachposten zu erinnern, musste sie die Frage verneinen. Jedoch war sie in der Lage, die damaligen Aufenthaltsorte aufzählen, sodass die Männer schneller ausfindig gemacht werden könnten.

Rusan gab sich damit erst einmal zufrieden.

„Erzählt vom ersten Heerführer. Was für ein Mensch oder Kjer war er?“

„Ein guter, ehrenhafter Mensch, der die Menschen in Sajidarrah nie verbrennen hätte lassen, wenn es ihm nicht befohlen worden wäre. Das blinde Befolgen von Befehlen war seine einzige Schwachstelle, aber die gab es nur, weil man ihn von Kindestagen an darauf abgerichtet hatte. König Haffren ließ schon seinen eigenen Willen brechen, als er noch ein kleiner Junge war. Aus irgendeinem Grund hatte er ihn gehasst, genauso wie sein Sohn Jerdt. ... Ja! - Auch Mordan wurde von Jerdt gequält, doch deshalb hätte Mordan nie seine Wut an einem wehrlosen Unschuldigen ausgelassen.“

Rusan legte seinen Kopf schief und hob eine Augenbraue. Die Heilerin schien nichts über Mordans Identität zu wissen, was bei näherer Überlegung auch kein Wunder war, denn schließlich hatte der Blutwolf selbst nichts von seiner wahren Herkunft geahnt.

„Woher wisst Ihr all das?“
„Von ihm selbst. Über einen Mondlauf habe ich mit ihm verbracht, und da wir viel gereist sind, hatten wir genügend Zeit, um uns zu unterhalten. Aber vieles habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Der Hass von König Haffren und Jerdt gehörten dazu. Mordan hatte nie verstanden, weshalb sie ihn demütigten, schließlich hatte er ihnen nie etwas getan. Im Gegenteil! Jeden Befehl hatte er gehorsam und bis in die letzte Konsequenz ausgeführt.“

Die Anspannung war aus Rusans Gesicht gewichen. Seine Augen hingen nun nicht mehr strikt an Lijanas, sondern wanderten im Gemach umher.
Instinktiv spürte Lijanas, dass er ihr gerne zuhörte. Es kam ihr so vor, als fiebere er regelrecht nach Informationen über Mordan. Manchmal nickte er, schloss die Augen oder schüttelte den Kopf, als treibe ihn echtes Interesse an.

Als sie geendet hatte, wedelte er auffordernd mit der Hand, um ihr zu signalisieren, dass sie weiter erzählen sollte. „Was wisst Ihr noch über ihn?“, drängte er ungeduldig.

Lijanas verschränkte die Fußknöchel und überlegte.
Dann begann sie von Cavallin zu erzählen und wie Mordan ihr geholfen hatte, die Kranken zu versorgen. In allen Feinheiten beschrieb sie, wie er dem kranken Jungen mit einer Legende die letzte Stunde erleichtert hatte. Auch von der Wandlung ihrer eigenen Gefühle berichtete sie. Wie sie ihn anfangs gehasst hatte, weil er absoluten Gehorsam erwartet hatte, aber sie aufgrund nachfolgender Ereignisse feststellen musste, dass sie ihm damit nicht gerecht wurde.

Ein Mann, der sich in der Schuld sah, eine Frau zurückzugeleiten, weil er sie aufgrund eines königlichen Befehls hatte entführen müssen, konnte nicht durch und durch schlecht sein.
Ein Mann, der das Risiko auf sich genommen hätte, von den Nirvard gefasst zu werden!

Lijanas war nun in ihrem Element. Auch wenn man sie hier behalten und die Vermählung mit Ahmeer erzwingen würde! Momentan hatte sie die Möglichkeit, die Dinge richtig zu stellen.
Und das tat sie.
Schließlich begann sie, über Sajidarrah zu erzählen.
In diesem Augenblick war es ein Segen, in Mordans Seele geblickt zu haben. Die Bilder lagen klar vor ihrem inneren Auge. Noch immer fühlte sie, was er gefühlt hatte, als er auf den Befehl hinab gesehen hatte. Es fiel ihr daher nicht schwer, das Geschehene in Worte zu fassen.
Sie versicherte, dass er keinen anderen Weg gesehen habe, als dem Befehl Folge zu leisten, da man ihm das auf grausamste Weise schon als Kind beigebracht hatte. Schließlich hatte sie mit eigenen Augen die Narben der Rattenbisse gesehen, die von den vielen Stunden herstammten, die er im kalten Winter an einem Balken angebunden zubringen hatte müssen.  

Es war klar, dass dies sein Verhalten nicht entschuldigen konnte, doch es erklärte die Hintergründe der Tat. Lijanas zitierte den genauen Wortlaut des Befehls, um Fürst Rusan aufzuzeigen, dass nicht Mordan, sondern Haffren der ursprüngliche Befehlsgeber gewesen war und Mordan keine der Taten aus eigenem Antrieb herbeigeführt hatte.
Er habe den Befehl, der das Vorhaben in allen Einzelheiten vorschrieb, gehorsam und pflichtgemäß ausgeführt.  

Rusans Nackenhaare standen bereits, als sie zu dem weißen Cujan kam. Als wolle sie ihn noch weiterquälen, schilderte sie, wie er nachts keine Ruhe mehr finden habe können, weil ihn die Bilder sogar im Schlaf verfolgt hätten. Nur noch mit Cujan habe er einen traumlosen Schlaf und Erleichterung finden können. Doch der Konsum habe ihn nach einiger Zeit in die Abhängigkeit getrieben und nur mithilfe seines Freundes sei er der Substanz wieder Herr geworden.
Lijanas endete damit, dass sie den weißen Cujan mit eigenen Augen gesehen habe, als er ihn einem Kranken verabreicht hatte. Aus Angst vor einem erneuten Fall in die Abhängigkeit habe er sich nicht einmal getraut, den Rest von der Hand zu lecken.

Als Lijanas mit ihrer Schilderung endete, lehnte Rusan an einer der Säulen und schien gänzlich in seine eigenen Gedanken vertieft. Seine Augen lagen nicht auf ihr, sondern waren in die Ferne gerichtet.

Lijanas´ Kopf begann schon zu schmerzen und ihre Kehle war steintrocken. Hartnäckig überlegte sie, ob sie alles Wissenswerte erzählt hatte und es ihr gelungen war, das Bild zurechtzurücken.
Da fiel ihr beispielsweise noch ein, dass sie nicht erzählt hatte, wie oft Mordan ihr das Leben gerettet hatte. Nun, die Jagd nach den Seelenfressern würde sie wohl auslassen, doch die Rettung in der Salzwüste hätte sie ansprechen können.

In dieser gedenkwürdigen Ruhe trat plötzlich Stimmengewirr auf. Dann klopfte es.
Als Fürst Rusan, der nach wie vor seinen Gedanken nachhing, nicht sofort die Erlaubnis zum Eintritt erteilte, wurde die Tür geöffnet und Ahmeer tauchte im Rahmen auf.
Hastig trat er an dem sichtlich verärgerten Diener vorbei und verbeugte sich vor seinem Onkel.
„Onkel, bitte verzeih mein Eindringen, aber als ich hörte, dass meine Braut hier ist, musste ich kommen.“

Aus dem Augenwinkel sah Rusan, wie die Heilerin zurückzuckte, als wolle sie aufspringen und gleichzeitig zurückweichen.

„Ich fürchte, lieber Neffe, die Heilerin hat sich anders entschieden.“, gab er ruhig zurück. Rusans scharfer Blick lag nun nicht mehr auf der Heilerin, sondern auf dem Prinzen. Er musterte ihn eingehend, so wie er Lijanas zuvor gemustert hatte.

„Ja, sie benötigt dringend Ruhe und einen Heiler, der ihr ihre Arznei verabreicht. Sie hat geschrien, sie sei die Erbin der Weißen Schlange. ... Da siehst Du, ich habe doch gesagt, die Bestie, ich meine der Blutwolf“, verbesserte er sich rasch, da er wusste, dass sein Onkel dieses Wort nicht länger hören wollte, „hat sie verrückt gemacht.“

Röte stieg sowohl in Rusans als auch in Lijanas´ Gesicht auf. Ärger keimte in beiden, doch in Rusan überwog die Verwunderung über seinen Neffen. Erst jetzt wurden ihm die Parallelen zwischen König Haffren und Ahmeer bewusst. Beide hatten aus selbstsüchtigen Gründen ihre Frauen für wahnsinnig erklären lassen, vorausgesetzt, die Heilerin hatte die Wahrheit gesprochen.
Doch da fiel Rusan ein, dass er sogar die Behauptung, Ahmeer habe sie mit Mohn betäubt, überprüfen konnte. Irgendwoher musste er den Mohn ja schließlich bezogen haben. Dafür kamen nicht einmal eine Hand voll Leute infrage. Und anhand der Menge der Arznei ließe sich feststellen, ob es zu Berauschungszwecken oder als Schmerzmittel eingesetzt worden war.
Das wusste er so gut wie die Heilerin.

Rusan schloss einen Herzschlag lang die Augen.
Schon seit Ahmeers Rückkehr waren ihm Veränderungen aufgefallen. Seine schlechten Eigenschaften kamen in verstärktem Maße zu tragen, insbesondere seine Ungeduld, die in der Familie zu liegen schien. Ahmeer hätte es noch vor drei Monden nicht gewagt, ihn während eines Gesprächs zu stören. Zumindest hätte er die Türe nicht geöffnet, bevor Rusan die Erlaubnis dazu erteilt hätte.

Noch ehe Rusan etwas sagen konnte, ergriff Lijanas das Wort:
„Du weißt genau, dass ich das nur gesagt habe, damit Du Dich endlich von mir abwendest, denn ich werde Dich nicht heiraten. Ich hatte in dem Moment furchtbare Angst, einen Streit zwischen Kjer und Nirvard auszulösen, denn Du hättest versucht, mich von der Bestattung fernzuhalten. Das wollte ich mit allen Mitteln verhindern. Ich wusste, dass Du mich auf diese Weise sofort gewähren lassen würdest. ... Und so war es dann ja auch.“
Lijanas krallte ihre Nägel krampfhaft in das Kissen. Sie versuchte, bei dem letzten Satz selbstsicher zu wirken, so als wäre Ahmeers Abkehr von ihr das alles wert gewesen.

Ahmeers Augen wurden groß. Er stockte im Schritt. Und Rusan schien die Kontrolle über seine Gesichtszüge verloren zu haben. Seine Stirn lag in scharfen Falten.

Es war kaum fassbar, was die Heilerin da getan hatte. Sie wollte dem Heerführer unbedingt die letzte Ehre erweisen und hatte sich daher als Tochter einer Seelenhexe betitelt!
Oder hatte sie so große Angst, Ahmeer würde sie wieder unter Mohn setzen und einsperren?
Was auch immer der Grund für diese Maßnahme war, es gab keinen Zweifel daran, dass die Heilerin eine schwierige Zeit hinter sich hatte. Nicht umsonst war sie zu seinen Füßen zusammengebrochen.

„Onkel, bitte. Sie weiß nicht, was sie sagt. Das ist doch Unsinn. Bitte lass sie mich in mein Gemach nehmen, damit ich einen Heiler zu Rate ziehen kann.“

Ahmeer sprach in einem flehendlichen Ton, der dafür geschaffen war, seinen Onkel zu erweichen.

Lijanas wunderte sich selbst über ihre Gelassenheit, doch andererseits wusste sie, dass ein anderes Verhalten nicht nur unangemessen, sondern auch töricht gewesen wäre.
Wenn sie sich jetzt aufregte, käme das nur einer Bestätigung von Ahmeers Behauptung gleich.
Also wartete sie still auf Rusans Urteil. Seine Worte würden die Entscheidung bringen und Lijanas harrte nun bangend auf den Ausgang.

„Ahmeer, wie stellst Du Dir das vor? Ich kann Lijanas nicht zwingen, Dich zu heiraten. Sie ist eine freie Frau, die ihre eigenen Entscheidungen trifft. Du weißt, dass sie ihren Gemahl selbst wählen darf.“

Lijanas erhob sich; ein erhabenes Lächeln auf ihren Lippen, das ihren Triumph nur allzu deutlich ausdrückte. Doch ein paar Lidschläge später war ihr Ausdruck wieder beherrscht. Sie durfte ihren Sieg nicht nach außen tragen.

„Ich danke Euch, Fürst Rusan. Ich bin Eurem Wunsche entsprechend hier her gekommen und wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr mich nun wieder zurückeskortiert, so wie Ihr es mir angeboten habt.“

Sie knickste ergeben.

„Du bist der Fürst der Nirvard.“, warf Ahmeer ein, der über das Geschehen sichtlich entsetzt war.

„Deshalb kann ich mich nicht über die Gesetze hinwegsetzen.“, gab Rusan zu bedenken, und zwar in einem Ton, der endgültig war. Einen weiteren Widerspruch würde er nicht mehr dulden.
Es gab wichtigere Angelegenheiten. Das Kreuz hatte das bewiesen!
Als wolle Kedar selbst aus dem Schattenreich herabschreien, hatte die Erde gebebt und ein Sturm getobt. Und doch war jedes Leben verschont geblieben.

Rusan rief seinen Leib-Diener herbei, der daraufhin das Gemach verließ, aber schon nach kurzer Zeit wiederkehrte. Auf einem Silbertablett trug er etwas herein.
Rusan stellte sich daneben und neigte das Tablett, sodass Lijanas sehen konnte, was darauf lag.

Es war ein Gewand aus weißer Seide, Silber und Perlen.

Lijanas schluckte, rührte sich aber nicht von der Stelle.

„Das ist ein Teil meines Hochzeitsgeschenks.“, erklärte Rusan feierlich.
„Aber ich heirate doch gar nicht.“, sagte Lijanas verdattert.
„Das spielt jetzt keine Rolle. Ich habe es nach Euren Maßen anfertigen lassen. Was sollte ich sonst damit machen! Es wäre ehrlos, es einer anderen zu schenken, obwohl es für Euch bestimmt war.“

Ungeduldig zog er es an den durchsichtigen Ärmeln hoch und bedeutete ihr, her zu kommen. Nur zögerlich trat Lijanas näher.  
„Es ist sehr schön. Wunderschön.“, brachte sie stockend heraus. Ehrfürchtig strich sie über den Stoff.

Rusan nahm das Kleid weg, damit Lijanas sah, was darunter lag. Vorhin hatte sie sich schon gewundert, weshalb das Kleid zusammengelegt diese Höhe annahm, obwohl der Stoff so leicht erschien. Nun wusste sie warum. Darunter lag ein gefütterter Mantel aus schwerem Samt, der mindestens bodenlang war. Kapuze und Ärmel waren mit weißem Pelz, Silber und Perlen verziert und die vier kunstvoll gewundenen Schließen, die aus silbernen Kordelgeflechten geformt waren, glänzten genauso wie die Silberfäden des Kleides.

„Ich lasse es Euch einpacken und verschnüren.“
Sie zögerte noch einen Moment, ehe sie den Kopf neigte.
Ihr Ton drückte deutlich ihre Verlegenheit aus: „Ich danke Euch, Fürst Rusan.“
„Nun, vielleicht sehe ich Euch einstmals darin, wenn ich zu einem Fest lade. Ich wäre enttäuscht, wenn mir der Anblick von Euch in diesem Kleid verwehrt bliebe.“, gab er lächelnd zurück, als wäre er über diesen Wunsch selbst verlegen - und als wären die Gewänder eine Kleinigkeit.
Unbewusst rieb er an seinem Arm und verzog das Gesicht. Schon wieder dieses Kribbeln! Es plagte ihn schon den ganzen Tag.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Lijanas besorgt. Sie legte den Kopf schief und sah aus dem Augenwinkel, wie Ahmeers Blick zu dem Diener ging, der die Gewänder in einen schlichten Stoff wickelte und verschnürte.
„Es kitzelt schon den ganzen Tag.“, entgegnete er ihr und rieb sich an der Schulter. Ein Medaillon glitt aus seinem Ausschnitt, das Lijanas sofort entdeckte und erkannte. Den Gedanken, der ihr plötzlich in den Sinn kam, sprach sie ohne nachzudenken aus:
„Königin Naisee hat dasselbe!“
Rusan wurde hellhörig. „Ach tatsächlich?“
Lijanas nickte verblüfft.
Da fiel ihr noch etwas anderes ein: „Mordan – er hat dasselbe weinrote Mal wie Ihr!“, flüsterte sie aufgeregt.
Rusan hob eine Augenbraue. „Habt Ihr es gesehen?“, wollte er neugierig wissen. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn.
„Ja. Er hat sich die Schulter ausgekugelt, als er mir das Leben rettete. Als ich sie ihm wieder einrenkte, habe ich es gesehen.“

Aber ich habe dieses Mal noch viel öfter gesehen. Die Jungen, die getötet wurden, trugen dieses Mal. Die Kerbe im Stein!

Lijanas erstarrte. Ihre Augen wurden schmal. Verwirrung machte sich in ihrem Geiste breit.

Sie hätte sich für ihre Gedankenlosigkeit ohrfeigen können! Was plapperte sie denn da!

Doch Fürst Rusan schien überhaupt nicht überrascht, so als wüsste er von dem Mal.  
Im Grunde war das sogar möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich.

Rusan fragte sich, weshalb ihr die Königin nicht die Wahrheit gesagt hatte. Aber da konnte es natürlich viele Gründe geben. Vielleicht hatte Naisee bei der Bestattung in Kjer gesprochen und die Heilerin hatte es nur nicht verstanden. Oder es hatte sich noch keine Gelegenheit geboten, sie einzuweihen.

Rusan sah, wie ihr Blick unverwandt auf seinem Arm und dem Medaillon lag.
„Ist es normal, dass der Arm kribbelt?“
Das hatte er sich heute schon den ganzen Tag gefragt. Insgeheim hatte er angenommen, das Kribbelgefühl werde von seinen Erinnerungen an den Schwerthieb ausgelöst - oder von der Rastlosigkeit seiner Gedanken.

„Darf ich mal sehen?“, fragte sie und deutete auf seine Schulter.
Ohne zu zögern knöpfte er sein Hemd auf und schlüpfte aus dem Ärmel. Zaghaft tastete Lijanas den Arm ab.
Aufgrund der fehlenden Muskulatur konnte man deutlich spüren, dass der Arm nicht gebraucht wurde.
Rusan beugte seinen Kopf und flüsterte: „Ihr habt die Hinrichtung verhindern wollen, nicht wahr?“
Lijanas nickte angespannt.

Der Gnädigen sei Dank - Mordan lebte! Sie war hin – und hergerissen. Sie stand hier mit dem Mann, der Mordans Hinrichtung befohlen hatte!

„Ja.“, sagte sie frei heraus, hielt aber jeden Trotz aus der Stimme.

Zu ihrer Verblüffung schloss Rusan kurz die Augen. In traurigem Ernst erklärte er:
„Ihr seid eine bewundernswerte und intelligente Frau, Lijanas. Ich beneide den Mann, den Ihr zum Gemahl nehmt und bedaure, dass es nicht Ahmeer ist. Genauso bedaure ich, Euch nicht ernst genommen zu haben.“

Lijanas´ Augen weiteten sich, als sie Rusans Gesicht gewahrte. Erschöpfung stand in seinen Augen, die ihn älter wirken ließ, als er war.  

Langsam strich sie über seinen Oberarm und über die wulstige Narbe an der Schulter.
Bereut er es etwa?
Ihr Blick fiel auf das Mal, das Mordans in allen Einzelheiten entsprach: der Rand, die Farbe, die Größe und die Form.

Sie zwang sich, sachlich zu agieren, so wie es ihre Heilertätigkeit erforderte. „Es ist alles unbedenklich. Kein roter Streifen, keine Hautirritationen. Aber ich rate Euch, den Arm regelmäßig mit der anderen Hand zu bewegen und zu massieren.“
Vorsichtig beugte sie den Arm, um es ihm vorzuführen. Dasselbe tat sie mit den Fingern. „Aber ich nehme an, Euer Leib-Heiler hat Euch diesen Rat längst gegeben.“

Lijanas hatte ihm zwar damals das Leben gerettet, doch als die Heilung absehbar war, hatte sein eigener Heiler die Folgebehandlung übernommen.
Die Konsultation ihrer Person war nur deshalb erfolgt, weil der königliche Leib-Arzt an seine Grenzen gestoßen war und sich absichern wollte. Mehrere Heiler waren damals zu Rate gezogen worden, so wie es bei Menschen, die sich die Behandlung mehrerer Gelehrter leisten konnten, gehandhabt wurde.
Doch es war ihre Methode gewesen, die den ausschlaggebenden Erfolg gebracht hatte. Rusan, der im tödlichen Fieber gelegen hatte, war schließlich aufgewacht.
Noch immer konnte er das schöne Gesicht der Kindfrau vor sich sehen, die ihn schüchtern angelächelt hatte. Damals hatte er Lijanas kaum gekannt, wenngleich er gewusst hatte, dass sie Niegras Ziehtochter war.

Zu ihrem Erstaunen schüttelte Rusan den Kopf. Lijanas´ Augenbraue hob sich in einem stummen Tadel.  
„Nun, ich rate Euch das dringend! Der Arm ist Teil des Körpers und muss wie dieser versorgt werden.“

Rusan nickte knapp.

Ahmeer nutzte sofort die Unterbrechung:
„Ich werde Dich begleiten.“, kündigte er entschlossen an.
„NEIN.“ Rusan und Lijanas hatten gleichzeitig gesprochen, was Lijanas selbst verwunderte.
„Lijanas wird teilweise von Männern meiner persönlichen Garde begleitet. Sie ist absolut sicher. Ich wünsche, dass Du hier bleibst, denn ich möchte noch etwas mit Dir bereden.“, kündigte er bewusst sanft an und winkte seinen Diener heran.

Es dauerte nicht mehr lange, bis der Fürst der Nirvard Lijanas verabschiedete.
Mit einem merkwürdig befriedigenden Gefühl im Bauch knickste Lijanas förmlich und verließ in Begleitung des herbeigerufenen Dieners das Gemach. Ahmeer hatte sie mit keinem Blick mehr gewürdigt.

Als sie mit ihrem Bündel die Treppen hinab schritt, warteten bereits fünf Soldaten auf sie. Die braune Stute, die sie geradewegs anwieherte, war für sie gesattelt. Mit zittrigen Knien stieg sie in die Steigbügel.
Ihr nächster Weg würde sie zu Niegra führen - zumindest, falls man sie tatsächlich dort hin bringen würde.

Mit hämmerndem Herzen ritt sie im Trab den Weg entlang. Es war längst dunkel geworden und die Wege lagen verlassen. Nur ab und an kam ihnen Fußgänger entgegen, die sofort zur Seite sprangen, als sie die drei Männer in blauer Livree gewahrten.
Nur Leibgardisten des Königs oder des Prinzen trugen eine Livree, damit jeder sah, dass sie Soldaten waren, die einem Mann königlichen Geblüts dienten.

Als sie am Marktplatz vorbeikamen, fielen Lijanas die beiden hohen Ölschalen sofort auf. Verblüfft zügelte sie ihr Pferd und bat die Soldaten kurz anzuhalten.

War das nicht der Stoff des roten Baldachins, unter dem sie während der Hinrichtung zusammengebrochen war?

„Was ist hier passiert?“, fragte sie ungläubig.
„Ihr wisst es nicht?“, erwiderte einer der Soldaten mit einer Gegenfrage. Er schien verblüfft, dass sie noch nichts davon erfahren hatte.

„Fürst Rusan ließ hier ein Totengedenken abhalten.“
„Hier?“, fragte sie laut.

Erst als sie die Frage schon ausgesprochen hatte, fiel ihr ein, was Rusan ihr zu Beginn des Gesprächs gesagt hatte.  

„Ja.“
Wäre Mordan nicht am Leben gewesen, hätte sie die Leuchten am liebsten umgeschmissen. Was brachte es, ein Totengedenken abzuhalten, wenn man den Menschen hingerichtet hatte!
Aber sie kam nicht umhin zu bemerken, dass sich die Stimmung gewandelt hatte.
Fürst Rusan schien seine Meinung plötzlich geändert zu haben, auch wenn sie nicht nachvollziehen konnte, weshalb.

Vor Kurzem hatte sie sich noch gewünscht, der Baldachin möge zusammenbrechen und der Stoff verbrennen. Allen Nirvard, die Mordans Hinrichtung bejubelt und ihn noch am Kreuz mit Unrat beworfen hatten, hatte sie den Tod gewünscht, ehe sie wieder zu Sinnen gekommen war und ihre Wut besänftigt wurde. Die Situation war viel zu kompliziert, als dass so ein Urteil gerechtfertigt gewesen wäre. Das hätte sie nicht besser gemacht, als alle Anderen. Rache mit Rache zu vergelten! Seit vielen Wintern sah man, wohin das führte: Zu Grausamkeit und Leid. Ahmeer war das beste Beispiel dafür.
Und so hatte sie sich nur eins gedacht. Ein Nebeneinander war möglich. Sie und Mordan hatten das bewiesen. Wenn sie es geschafft hatten, konnten es alle anderen auch.

Bedächtig streckte sie die Hand nach dem Längsbalken aus und spürte trotz des Stoffs unter ihren Fingern das raue Holz.
Mordan lebte! Er hatte das Kreuz überlebt und bald würde er gesund sein.

Sie sehnte sich so danach, ihn in ihre Arme schließen zu können oder ihn wenigstens küssen zu können, ohne Angst haben zu müssen, dass sie ihn umbrachte. Sie wollte ihn auf den Beinen sehen mit einem Schwert in der Hand und mit den Schatten tanzend.

Langsam entließ sie ihren Atem und schloss die Augen.
Sie spürte die Wärme in ihrem Gesicht, als das Feuer aufflammte und ihr Pferd unruhig hin und her tänzelte. Als wollten alle anderen Pferde ihrem antworten, begannen sie zu wiehern. Überrascht nahm sie die Hand vom Kreuz und schenkte dem Gebilde einen letzten Blick, ehe sie zu den Männern zurück ritt und sie den Weg fortsetzten.

Es würde ein längerer Weg werden, der sie auf einen Felsenberg führte. Doch die Straße war geglättet und verbreitert, um den Weg, den viele Menschen – darunter auch Kranke – tagtäglich passierten, so unbeschwerlich wie möglich zu gestalten.

Seit ihrer Kindheit war die Halle der Gesegneten Lijanas´ Zu Hause. Im Alter von fünf Wintern war sie hier her gebracht worden und stand seit dem unter der Obhut der Schwesternschaft. Niegra hatte ihr schon damals eine eigene Kammer zugestanden, damit sie sich ungestört zurückziehen konnte.

Neben dem Wohnbau der Frauen befand sich der große Saal der Gnädigen Göttin. Er wurde gebaut, um die Menschen bei einer Zeremonie vor Wind und Wetter zu schützen, da die ursprüngliche Halle lediglich bedacht war. Man hatte damals von einem Umbau abgesehen, weil man alles so belassen wollte, wie es vor Hunderten von Wintern beabsichtigt gewesen war.

Die ursprüngliche Halle war kaum mehr als ein Steindach, das an drei Seiten von einer Doppelreihe Säulen getragen wurde. Nur an einer der beiden Schmalseiten war das Bauwerk offen.
Das Dach bestand aus einem flachen Dreieck und war wie der Rest der Anlage weiß. Unterhalb der Dachspitze war eine Skulptur angebracht: Eine stehende Frau in einem wallenden Gewand, die mit einer lässigen Handbewegung das Schwert in die Scheide schob. Vor ihr kniete ihr Opfer: ein Krieger, dessen Brust von einem Harnisch geschützt wurde. Die Frau deutete mit einer würdevollen Geste auf ihn, ein Urteil verhängend. Ihr Gesichtsausdruck ließ beide Möglichkeiten zu: Gnade oder Härte.
Doch die Geste sprach für sich, genauso wie die fremdartige Schrift, die darüber angebracht war. Ihr genauer Wortlaut war nicht überliefert worden, aber man erzählte sich, dass es so viel hieß wie: Besonders im Kampfe zeige Gnade.

Auf dem Dach selbst waren vier Kugeln befestigt. Die Größte davon stellte die Sonne dar, deren Strahlen wie ein ausgebreiteter Fächer auf die drei Monde hinabfielen.
- Das Licht der Welt.

Die beiden Säulenreihen standen auf einem Mauerfundament, das wie ein Rahmen um einen Teil des Wassers und einen Thronstuhl verlief.
Der Boden der Halle war ab der Mitte von einem Streifen Wasser bedeckt, das an der offenen Schmalseite weit über das Dach hinausging und in einen Teich mündete.
Der äußere Uferbereich war an manchen Stellen mit grünem Schilfrohr und verschiedenen Sauergräsern bewachsen. Braune Rohrkolben standen dicht an dicht.
Auf der Oberfläche des Wassers schwammen die blassgrünen Blätter der Lotusblume, aus deren Mitten sich die Sprossachsen lang erhoben. Zur Blütezeit entfalteten sich die Knospen und gaben imposante rote Blüten frei, die erhaben über dem Wasser aufragten.    
Je nach Zeit bot der Teich einen Unterschlupf für manche Tierarten, darunter Insekten und Kröten. Und im Frühling war er Wuchsort mehrerer Lilienarten, die in Gelb, Weiß oder Blau ihre herrliche Blütenpracht entfalteten und mit ihrem betörenden Duft erfreuten.  

Ein ganzes Stück vor dem Wasser führten zwei Stufen zu einer Anhöhe, auf der ein uralter Thron aufragte. Das wuchtige Gerüst war aus schwerem Stein gehauen, doch Lehne und Sitz waren mit Holz verkleidet, das großzügig mit Gold beschlagen war. An der hoch aufragenden Holzlehne, die in geschwungenen Linien zu einem stumpfen Spitz zulief, war in einem Halbrund eine Gravur in das Gold gestochen. In dem Spitz selbst funkelte in einem kraftvollen Blau ein Saphir.
Für den Betrachter schien es so, als wäre das ovale Juwel von zwei Halbrunden eingerahmt, die in schmaler werdenden Streifen den geschwungenen Konturen des Holzes ein Stück nach unten folgten. Die beiden Formen waren mit einem blauen Stein gefüllt, der ein wenig dunkler war, als der Saphir, zu dem sie hinzogen.
Die Rückenlehne war höhenmäßig so gefertigt, dass unabhängig von der Größe des Throninsassen das goldene Halbrund und die darüber liegenden Steine sichtbar waren.

Aus Sicherheitsgründen hatte man bei der Einfassung des Saphirs Änderungen vorgenommen, die es ermöglichten, ihn zu jeder Zeit heraus zu nehmen.
Im Normalfall hätte es niemand gewagt, über die hohen Mauern, die die Bauten umgaben, einzudringen. Doch die Frauen hatten kein Risiko eingehen wollen und so wurde der wertvolle Stein seit langem nur zu bestimmten Anlässen in die Einfassung gefügt.  

Es war allgemein die Aufgabe der Schwesternschaft für die Instandhaltung der weiß-silbernen Halle zu sorgen. Und sie erfüllten diesen Dienst mit Leib und Seele.  
Wenn sie fachkundige Hilfe benötigten, wurden Handwerksgilden hinzugezogen, die Ausbesserungen am Steinwerk oder am Holz vornahmen. Auch die Größe des Wassers im Innenbereich musste eingedämmt werden, damit die Säulenkonstruktion keinen Schaden nahm.  

In dieser Halle hatte Lijanas während der letzten beiden Tage viel Zeit verbracht. Wann immer ihr die Decke in der Kammer auf den Kopf gefallen war, hatte sie sich hier zurückgezogen. Einmal hätte sie sich fast auf den Thron gesetzt, so wie sie es als Mädchen heimlich getan hatte, und das, obwohl Niegra sie immer dazu ermutigt hatte, dort zu sitzen. Doch Lijanas hatte der Mut in diesen Tagen gänzlich verlassen.
Und so hatte sie nur über das Gold an der Armlehne gestrichen und sich schließlich angelehnt, um das Geschehen am Wasser zu beobachten.
Es hatte keinen Sinn gehabt!
Nicht einmal unter dem Himmelszelt hatte sie Ruhe finden können! Binnen weniger Minuten war ihr Blick ins Leere gegangen und alles, was sie gesehen hatte, war Mordan: Mordan, wie er sie mit zornerfülltem Gesicht gepackt hatte; Mordan, wie er gekämpft hatte; wie er gelacht hatte; wie er am Balken angebunden war; wie er ihr zuflüsterte: Es war mir eine Ehre, Dich zu lieben!
Immer wieder Mordan!
Als hätte sie diesen Vorstellungen damit entfliehen können, war sie von einem Ort zum anderen gelaufen: Von der Halle in den Saal und von dem Saal in die Kräuterkammer!
Doch überall hatte sie dieselbe Leere gefühlt – und dieselbe Hilflosigkeit und Verzweiflung.
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