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Der Kuss des Kjer - Fortsetzung eines Fans

von Melicis
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Ahmeer Haffren Lijanas Mordan Rusan
17.09.2012
06.03.2014
10
75.440
6
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17.09.2012 2.027
 
10. Die Halle der Gesegneten

Mordan war vorhin derart in das Gespräch vertieft gewesen, dass er zwar Notiz von der hohen Mauer und dem großen Bohlentor genommen hatte, aber keine weitere Überlegung daran verschwendet hatte, ob dieses Anwesen, das eher wie eine Festung denn eine religiöse Städte anmutete, die Halle der Gesegneten sein könnte.

Alle Nirvard stiegen ab und führten ihre Schlachtrösser durch das große Tor, das einladend offenstand, wodurch die Kjer gezwungen waren, es ihnen gleichzutun. Als Mordan daran vorbeiging, erkannte er das stilisierte Auge, das in das Holz eingemeißelt war und von dem er wusste, dass es die Gabe der Ersten Gesegneten verkörperte. Die Federn, die sich über das Oval bogen, wirkten mit ihrem markanten Kiel und der zarten Fahne geradezu echt.

Sapiento führte sie in dem großen Vorhof zu zwei holzüberdachten Steintränken, in deren Nähe sie ihre Pferde anbinden konnten.  
„Sapiento, vergesst nicht, niemand soll sich unseren Pferden nähern.“, sagte Mordan laut, um auch die anderen Nirvard an ihre Abmachung zu erinnern.
„Ja. Zwei Männer werden darüber wachen.“ Er wandte sich um und wies zwei Männern diese unerfreuliche Aufgabe zu, stellte es ihnen aber frei, sich abzuwechseln.
Einer der beiden ergriff einen Holzeimer, um die Pferde zu tränken. Sapiento deutete auf die restlichen vier Eimer, um die Kjer aufzufordern, es ihnen nachzumachen. Unauffällig suchten sie nach Mordans Signal, doch der schüttelte den Kopf. Sie hatten ihre Pferde ausreichend mit Wasser und Futter versorgt und führten auch jetzt noch etwas mit sich, wie auch ihren eigenen Proviant.
Sapiento nahm nun selbst einen Eimer, füllte ihn am Brunnen und hielt ihn seinem Pferd unter die Nase. Als es genug hatte, ging er zum nächsten Tier. Dann drückte er Mordan, der nach dieser Demonstration schon darauf gewartet hatte, den Eimer in die Hände. „Tränkt eure Pferde, Kjer. Die Sonne ist heiß und das Wasser frisch. An der zweiten Tränke könnt ihr Wasser zum Waschen schöpfen.“
Er erklärte das ohne eine Spur der Verachtung oder des Spotts in der Stimme, ehe er einen kleinen Kupfereimer ergriff und Wasser aus der Tränke nebenan schöpfte, um Gesicht und Hände zu waschen. Das gebrauchte Wasser leerte er nicht etwa auf den Boden, sondern in eines der dafür vorgesehenen Kupfergefäße, mit welchen die Schwestern ihre Pflanzen gossen. Nachdem er sich gewaschen und seine Kleidung zurechtgezogen hatte, schöpfte er noch einmal Wasser, dieses Mal, um zu trinken. Aber auch hierbei berührte er das Wasser in der Steintränke nicht mit den Händen, sondern mit einem Schöpflöffel.

Mordan mutmaßte, dass sich die Nirvard an eine Art ritueller Vorschriften hielten.
Da in Astrachar trotz der warmen Bedingungen weniger Regen als in Telmahr fiel, wurde mit Wasser sorgsam umgegangen. Darüber hinaus sah man den Tränken aus vorwiegend weißem Marmor an, dass sie regelmäßig gesäubert wurden. Auch der Brunnen war in einem Zustand, wie er es in Telmahr selten gesehen hatte.
Im Gegensatz zu den kleinen Kupfereimern, die mit einer dünnen Kette versehen waren, standen die acht Zinnbecher frei in der Ablage. Scheinbar befürchtete hier niemand, dass sie einem Dieb zum Opfer fallen könnten.
Wachsam beobachtete Mordan, wie Sapiento erneut Wasser mit dem Schöpflöffel in den Becher goss, zwei Schlucke trank und ihm das Gefäß auffordernd hin hielt.
Unsicher streckte er seinen Arm aus, Sapiento direkt in die Augen sehend. - Nicht etwa, weil er dem Gardisten unterstellte, etwas gegen sie im Schilde zu führen – den Beweis, dass dem nicht so war, hatte er längst erbracht –, sondern weil ihn ein Gefühl der Scham und Bitterkeit übermannte.

Hier stand er nun, auf astracharischem Boden, und trank aus dem Becher eines Nirvard. Frisches Wasser rieselte seine Kehle hinab, dieselbe Kehle, die befohlen hatte, tote Kadaver und Schutt in die tejidanarischen Brunnen zu werfen.

Hört das denn nie auf! Ich habe meine Strafe dafür erhalten, die Waage ist ausbalanciert.

„Danke, Kommandant.“, erwiderte er gelassen, obgleich er sich fühlte, als hätte ein Nirvard verächtlich vor ihm ausgespuckt.

Sapiento nickte knapp und goss nach. So wanderte der Becher von Kjer zu Kjer, ehe Sapiento weitere Becher füllte, um auch den Nirvard, die bereitwillig warteten, welche reichen zu können. Erst nachdem er diese Aufgabe – als Ranghöchster noch dazu –  erfüllt hatte, marschierte er in Richtung Haus, wo er hinter einem weiteren Tor, das nach wenigen Klopfversuchen mit einem Messingring gegen das Holz geöffnet wurde, verschwand.

Mordan beobachtete seine Männer, zwischen denen die Zinnbecher noch immer hin und her wanderten. Verdrossen nippte Norda daran, die Augen auf dem Boden. Ihm schmeckte die astracharische Gastlichkeit genauso wenig wie ihm selbst. Es war eine bittere Arznei, die sie zu schlucken gezwungen waren – und, was noch schlimmer war, ebenso wirksam. Für Norda musste sie besonders bitter sein, denn kein anderer als er war es gewesen, der ihm vor zwei Wintern während einer Besprechung mit der Gardewacheinheit die Stirn geboten hatte: „Warum überfallen wir die Städte nicht einfach, rauben, plündern und brennen ein paar Häuser nieder, wie es die Nirvard vergangenen Winter in Braknadan getan haben?! ... Wir sind Krieger!“

Darauf hatten alle ihn, Mordan, stumm angesehen. Ihr Schweigen eine einvernehmliche Zustimmung.

Es war nicht nur sinnlos und grausam gewesen, alles niederzubrennen, sondern unbesonnen dazu. Das Vieh und die Kornbestände hätten sie selbst gut gebrauchen können, ganz im Gegensatz zu weiteren Kriegsgefangenen! Sie hatten so viele, dass es Haffren nie gekümmert hatte, ob sie den ersten Winter überlebten oder nicht.

Da Mordan damals keine Erwiderung eingefallen war, hatte er die Rolle mit Haffrens Befehl unter seinem Gürtel hervorgezogen und sie ihnen vor die Augen gehalten. Sein Schweigen und die Tatsache, dass er Norda für seinen offenen Widerspruch weder getadelt noch bestraft hatte, war ihnen Erklärung genug gewesen.


Es dauerte nicht lange, bis Sapiento ihnen wieder entgegentrat und sie aufforderte, mit ihm zu kommen. So folgten sie ihm in einen weiträumigen Park, der seitlich an den Vorhof anschloss.

Es war ein riesiger Platz, der von der Farbe Grün, die in sämtlichen Schattierungen vorlag, dominiert wurde; nur unterbrochen von einem schneeweißen Dach, das auf ebenso weißen Säulen stand. Hier und da sorgten braune Sprenkel und bunte Tupfen für Abwechslung. Am Ende der malerischen Szenerie erhob sich das Blau des Horizonts, erleuchtet vom Rund der blendend hellen Sonne.  

Noch ehe einer der Kjer die Gelegenheit gehabt hatte, sich an der Umgebung sattzusehen, drang auch schon ein leises Quietschen durch die Luft. Eine Seitentür öffnete sich und drei Frauen, die alle dieselbe Robe in Schwarz, Blau und Silber trugen, kamen aus dem Haus. Ein weißer, bis zur Schulter reichender Schleier, zierte ihr langes Haar.
 
Als Sapiento sah, wer ihnen entgegen trat, wollte er sich mit den anderen Nirvard zurückziehen. „Wir werden dort drüben auf Euch warten.“ Er wies auf ein paar Bänke, während er sich bereits rückwärts bewegte. „Scheut euch nicht, mich herzuwinken, wenn ihr Hilfe benötigt.“ Damit wandte er sich um.
„Wartet, Kommandant!“ Erst nach zwei weiteren Schritten tat Sapiento Mordan den Gefallen.
„Konntet Ihr eine Privataudienz erwirken?“
„Nein, die Tore müssen offen bleiben.“ Er zog das Schwert ein Stück aus seiner Scheide, um ihnen klarzumachen, dass sie ihre Waffen behalten durften. „Ich warne euch, Kjer“, begann er drohend, worauf sich Mordans Kiefer sofort anspannten, „die Wahrheit offenbart sich dem Auge nicht immer auf den ersten Blick.“  
Mordan war so verblüfft von dieser unerwarteten Wendung, dass ihm erst zwei Herzschläge später ein passender Kommentar einfiel:
Nirvard offenbart sich die Wahrheit nicht einmal auf den zweiten Blick!
Der Höflichkeit und Sicherheit wegen behielt er diesen Gedanken jedoch für sich und beobachtete stattdessen, wie Sapiento stehen blieb, um die näherkommenden Frauen mit einer leichten Verbeugung zu begrüßen und sich zu den Nirvard, die sich ebenfalls verbeugt hatten, gesellte.  

Offensichtlich dachte Raulen dasselbe wie er, denn er rümpfte angewidert die Nase.
Sein Blick fiel wieder zu den drei Frauen. Auch sie – oder eher gesagt: zwei davon – hatten ihr Schritttempo gezügelt gehabt, um mit einer Neigung ihres Kopfes die Soldaten ihrerseits zu begrüßen.
Aha, dachte sich Mordan. Daher hat sie es also.

Die beiden jüngeren Frauen schritten gemeinsam nebeneinander her. Die dritte Frau hingegen, die sich schwer auf einen Stock stützte und in ihrer gebückten Haltung alt und zerbrechlich wirkte, blieb ein Stück hinter ihnen. Eine Welle ihrer grauen Haarspitzen schwappte beim Gehen hinter ihrer Hüfte hervor. Sie war es auch gewesen, die im Gegensatz zu den vorderen beiden die Ankömmlinge mit keinerlei Begrüßungsritual bedacht hatte.

Die Kjer verneigten sich.
Die jüngste der drei Frauen schob ihre Hände in die Ärmel ihres Gewandes und neigte bedächtig den Kopf. Blonde Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht. „Wir heißen euch herzlich willkommen.“ Ihr Lächeln war freundlich, zu freundlich, wie Mordan fand. „Wie können wir euch zu Diensten sein?“

Raulen, der darauf bedacht war, seine Rolle zu spielen, ohne einen Fehler zu machen, trat einen Schritt vor. „Wir danken euch für euren Empfang.“

Die alte Frau war mittlerweile neben die junge gehumpelt. Völlig unerwartet und in einer Lautstärke, die der Situation völlig unangemessen war, ergriff sie das Wort: „Was werden sie schon wollen!“ Um zu betonen, dass die Frage überflüssig war, machte sie mit der freien Hand eine abwinkende Bewegung, die ihre Gebrechlichkeit Lügen strafte. „Sieh sie Dir doch an!“ Ihr Stock, auf den sie sich eben noch schwerfällig gestützt hatte, hob sich abrupt vom Boden und zeichnete einen Kreis über die Männer hinweg.
Raulen, der vorhin einen vollen Schritt vorgemacht hatte, wich mit einem Satz zurück und wäre dabei fast auf Denns Füßen gelandet. Mordan konnte es ihm nicht verübeln! Kaum, dass er begriffen hatte, wie es tatsächlich um die Gesundheit der Alten bestellt war, war auch schon der Stock gekommen.
Auch die Jüngere, die der Gefahr viel näher gewesen war als die Kjer, hatte hastig zurückweichen müssen, wobei ihr weißer Schleier verrutscht war. Aufgebracht rückte sie ihn wieder zurecht und strich ihr blondes Haar nach hinten.
Doch die Alte schien das überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Mit überschwänglichem Eifer rief sie: „Hunnngerrr werden sie haben.“ - Als kämen die Leute nur zu ihnen, um nach etwas zu Essen zu fragen. Dann lächelte sie breit, als wäre nichts gewesen, wobei sie eine Zahnlücke entblößte.  
Mit vollkommener Faszination starrte Kardan auf den nicht vorhandenen Eckzahn, ehe er die Hände über Mund und Nase presste.

Hastig stellte sich die Jüngere auf die Seite der Kjer, als wolle sie ihre Gäste vor der Alten beschützen. „Alli, lass sie zufrieden!“, zischte sie, während sie den knochigen Unterarm ihrer Schwester ergriff.  
„Ach wo!“, schrie die Alte mit Namen Alli und machte sich mit einem heftigen Ruck von der Jüngeren los, sodass diese einen Schritt zur Seite machen musste, um ihr Gleichgewicht zu halten. Die Augen der Kjer huschten von einer zur anderen, unsicher, ob sie eingreifen sollten oder nicht.
Kaum, dass Alli die junge Schwester aus dem Weg geschafft hatte, wedelte sie mit der Hand, als wolle sie Raulen bitten, sich zu ihr hinabzubeugen. Mordan konnte die Furcht in seinen Augen sehen. Und es war unüberhörbar, dass auch Kardan es bemerkt hatte!
Raulen warf Mordan einen bittenden Blick zu, ehe er sich mit deutlichem Unbehagen vorbeugte.
Alli schien das sehr zu gefallen, denn sie hob ihre Hand und kniff Raulen in die Wange, als wolle sie selbst fühlen, wie viel Fett an ihm war.
„Alli, das ist jetzt wirklich genug!“
Nachdem Alli Raulen losgelassen hatte, schnellte sein steifer Rücken nach oben. Doch Alli wollte nicht von ihm ablassen. Beide Hände auf ihren Stock gestützt, liebäugelte sie mit ihm. Dabei ließ sie ihre lange Zunge über die Unterlippe schnellen wie ein Frosch, auf dessen Zunge ein Insekt klebte.

Je größer das Entsetzen der Kjer, das sich durch ihre schlitzförmigen Augen offenbarte, desto größer schien Allis Wohlbehagen!

Zwei weitere Schwestern kamen nun eiligst herbei gelaufen, wobei sie mit einem bestürzten Schrei die Hände zusammenschlugen, nachdem sie Allis Verhalten gewahr geworden waren. Mit Verzeihung heischenden Gesichtern packten sie die alte Frau hartnäckig unter den Armen. Die Jüngere entwand Alli den Stock, als der sich erneut bedrohlich in die Luft erhob. Alli ließ sich mehr schleifen, als dass sie selbst ging, und protestierte lautstark, da sich die Jüngere weigerte, ihr den Stock wieder auszuhändigen.
Peinlich berührt von der Szene – unterdrücktes Männergelächter wehte von den Bänken herüber – entschuldigte diese sich mit hochrotem Kopf, immer noch den Stock in der Hand: „Verzeiht! Sie ist ...“, sie machte eine Handbewegung zum Kopf, „schon sehr alt.“
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