Der Kuss des Kjer - Fortsetzung eines Fans

von Melicis
GeschichteRomanze, Fantasy / P16 Slash
Ahmeer Haffren Lijanas Mordan Rusan
17.09.2012
06.03.2014
10
75.440
6
Alle Kapitel
87 Reviews
Dieses Kapitel
28 Reviews
 
 
17.09.2012 9.031
 
Von
Gabriele, Sabine G. (2012)
Schwabenland

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Die letzten Seiten des High Fantasy Romans „Der Kuss des Kjer“ von Lynn Raven, der im Jahr 2010 im cbt Verlag erschien, haben mich nicht mehr losgelassen. Ständig habe ich mich gefragt: Wie könnte es weitergehen?
Die Antworten darauf habe ich schriftlich festgehalten:

Die Geschichte setzt unmittelbar an Lynn Ravens Buch "Der Kuss des Kjer" an: Mordan hat die Hinrichtung am Kreuz überlebt. Im Zelt der Königin verweilt Lijanas an seiner Seite. Doch sie sehen sich schon bald mit Problemen konfrontiert. ... Eine Geschichte über Intrigen, den Kampf um Macht, Magie und sinnlicher Leidenschaft.

Altersempfehlung: ab 16 Jahren

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„Der Kuss des Kjer“ – Fortsetzung eines Fans




1. Die Macht der Seelenhexe

Lijanas sah auf den friedlich schlafenden Mordan hinab, betrachtete seine abgeschnittenen Haare und seinen fehlenden Daumennagel.

Ahmeer hatte es getan, um sie zu strafen.
Dafür musste Mordan nun leiden.
Sie erinnerte sich genau! Sogar das Gewicht des Zopfes auf ihrem Schoß konnte sie noch spüren. Immer noch konnte sie es riechen. Der Geruch verbrannter Haare! Seiner Haare im Feuer!
Ihre Wehklage.

Mordans Gesicht verschwamm. Tränen füllten ihre Augen und tropften so schnell von ihrer Wange, dass es keinen Sinn hatte, sie aufzuhalten. Sie wollte schreien, doch Mordan musste schlafen. Er brauchte seine Ruhe.
Nur deshalb presste sie die Luft in ihre Lungen zurück, atmete stockend, aber lautlos. Er würde ihre Klage nicht hören. Er würde friedlich schlafen!

Sie schloss die Augen, spürte den Luftstrom nach und entließ ihren Atem in einem flüssigen Hauch.
Die Flammen der Feuerbecken begannen zu zucken.

Ohne es zu bemerken, erhob sie sich vom Stuhl, die Fäuste geballt. Luft strömte zwischen ihren Lippen hindurch, brachte die Kerzen zum Flackern.

Sie schwindelte bei der Erinnerung daran, wie sie Mordans Arme an den Querbalken gezwungen hatten. Unter den Jubelschreien der Nirvard war das Schlagen des Hammers auf Eisen beinahe untergegangen.

Unbewusst legte sie den Kopf ins Genick und breitete die Arme aus. Die Handflächen nach oben gehalten, als genieße sie die Frische des Regens nach einem heißen Sonnentag.
Doch ihr Gesicht sah alles andere als entspannt aus. Sie hatte auch kein Lächeln auf den Lippen, das ihr Entzücken verkündet hätte. Der Ausdruck war pure Gefahr und hätte widersprüchlicher nicht sein können:
Ihre Lippen waren zu einem erschreckend verächtlichen Lächeln verzogen und doch spiegelten sie traurige Ernstheit wieder. Die Iris ihrer Emerald-Augen glich geschliffenen Kugeln, die den Schein der Flammen in ihrer grünen Pracht übertrafen. Eine gelockte Haarsträhne, die auf ihrer Nase lag, hob sich zögernd, tanzte auf ihrer Haut. Das schimmernde Rot war ein greller Farbtupfer auf der Blässe, aus der scheinbar das ganze Blut gewichen war.

Etwas lag in der Luft, das Lijanas fremd war, obwohl es gleichzeitig etwas seltsam Vertrautes hatte – etwas – das sie seit ihrer Kindheit kannte. – Auch, wenn sie nicht erklären hätte können, was.
Ein Flimmern, eine Energie, die spürbar, aber nicht greifbar war.

Verzerrte Bilder mit Ahmeers zynischem Lachen suchten sie heim und vergifteten ihren Geist. Wut brodelte in ihr - so sehr, dass sie sich in diesem Moment selbst nicht erkannte.
Eine seltsame Mischung aus Angst und Schmerz hatte sich in ihr Herz gebohrt. Stück für Stück! Wie Säure hatte es gebrannt, als sie sich immer tiefer in ihren Leib fraß. Hilflos und verzweifelt hatte sie innerlich geschrien und doch nichts ausrichten können.

Ein merkwürdiges Gefühl der Fremde überkam sie; ein Verlust, der sie Veränderungen unterwarf, die sie zwangen, ihr Selbst aus dem Blick zu verlieren.

Verzweiflung, Schmerz, Enttäuschung, Hilflosigkeit!

Ihre Augen weiteten sich. Die Konturen traten messerscharf hervor, als hätte sie die Welt bisher nur im Spiegelbild eines Sees wahrgenommen.  
Ihre Gesichtszüge wandelten sich unaufhaltsam zu einer grausam schönen Maske.
Eine seltsam aufwallende Kraft schoss durch ihren Körper und füllte die Leere, von der sie erst jetzt Notiz zu nehmen schien.

Sie labte sich an dem Gedanken an Rache.
Sie ergötzte sich an ihrer eigenen Macht!

Nein! - Sie war nicht hilflos. Nicht mehr!

Das Knistern der Glut in den Feuerbecken wurde lauter. Die Flammen züngelten hinauf und tanzten mit der Dunkelheit.
Lijanas´ Lider senkten sich. Ein Stöhnen trat aus ihrem Mund: die Bekundung fluchbeladener Vergeltung!

Das Feuer loderte laut auf! Funken stoben nach oben und rieselten als verglühende Ascheflocken zurück in die Kohlebecken. In ihrem grellen Schein leuchtete Lijanas´ Gesicht hell auf. Doch sie wich nicht zurück, sondern sonnte sich in den warmen Strahlen.  
Als sei sie Teil der Kraft.
Als beherrsche sie die Kraft.


Ein Boot glitt über die Wellen, schnell wie der Wind. Das Lachen ihrer Mutter im Ohr. Der Arm ihres Vater an ihrer Schulter.
Aufgeladene Luft. Wallende Energie.


Sie ist die Gebieterin der Gewalt!

 
Grashalme biegen sich durch, reiben aneinander, rascheln. Herabgefallene Blätter wehen über die steinigen Wege hinweg, bedecken die Straßen mal grün, mal rot, mal gelb. Kinder versuchen sie zu fangen, rennen ihnen hinter her, lassen sich treiben, spielen gemeinsam Fangen.

Doch plötzlich ändert sich die Stimmung. Ein Raunen erfüllt die Luft. Graue Wolken ziehen von allen Seiten auf, als hätten sie sich abgesprochen - verdunkeln den Horizont.
Ein Luftstrom wirbelt die Blätter auf, fängt sie in einem bunten Strudel. So fegen sie über die Straßen hinweg, kratzen über Steine und Gräser. Mütter schauen nach oben, nehmen ihre Kinder an den Händen, ziehen sie in den Schutz der Häuser. Äste biegen sich durch und schaukeln im Rhythmus der Natur. Der Wind fährt in die Baumkronen, rüttelt am Geäst. Zweige knacken! Blätter fallen!  
Der Gold durchwirkte Stoff des königlichen Baldachins bläht sich auf, flattert in Wellen und schlägt in lauten Stößen gegen die Pfosten.
Der Wind bläst, wirbelt den Sand auf, ehe ein entsetztes Heulen losbricht, das einer Wehklage gleichkommt.

Die Blätter zieht es in weiten Spiralen nach oben, immer höher, immer höher.

Ein Ruck erschüttert die Erde. Holz bricht. Die Pfosten geben den Stoff aus Gold frei. Der flattert über den Boden, wiegt sich im Wind, zieht in Spiralen nach oben, tanzt mit den Blättern.

Eine blaue Wand spiegelt sich in den Augen des Fürsten, der von seinem Turm aus hinab blickt.
Vor Kurzem war es ein Meer, das sich zurückzieht, ehe es sich zu einer riesigen Woge auftürmt, die mit jedem Schritt wächst, den sie sich nähert.
Eine unglaubliche Höhe. Eine unfassbare Masse. Vom Sturm entfesselt!
Donnerndes Tosen! Mörderische Gewalten!
Fluten, die alles mitreißen werden, was sich ihnen in den Weg stellt!

Ohrenbetäubender Donner lässt die Hausmauern erbeben, ehe ein Blitz den Himmel im Zickzack erleuchtet, hinabfährt und den Stoff entflammt.

Das Gold glänzt!

Dann wird es still.


„Mein Fürst, bitte, das müsst Ihr Euch ansehen.“
Der Diener eilte voran, öffnete die mit Gold verzierte Flügeltüre.
„Wie hoch ist der Schaden?“, wollte Fürst Rusan wissen.
„Nein, nein! Kein Schaden. Keine Toten. Das ist es ja.“, antwortete der Diener Kopf schüttelnd.

Fürst Rusan schritt die Treppen hinab und ließ sich auf sein Pferd helfen. Die Finger an seinem unnützen Arm fühlten sich schon seit Stunden merkwürdig an. Obwohl sie taub waren, konnte er ein Kribbeln spüren.

Im Trab schritt seine prachtvolle Stute durch Anschara. Abgebrochene Zweige und Äste lagen auf den Straßen und erschwerten ab und an den Ritt. Doch kein Baumblatt bedeckte den Boden. Es war, als hätte der Sturm sie alle weggefegt.

Auf dem Marktplatz gab er das Signal zum Halt. Adel, Gardisten und Diener hielten auf sein Kommando hin an.

Rusans Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er sich umsah.  
Das Kreuz, an dem sein Neffe starb, stand noch immer da.
Irgendjemand musste den Querbalken wieder aufgezogen haben!
Doch das Holz war nicht nackt!

Rasch drehte er sich um und schlug in einer Geste des Unglaubens die Hand vor den Mund. Der mit Gold durchwebte Stoff des königlichen Baldachins lag über dem Querbalken und ergoss sich über das Kreuz.

Rusan sog scharf die Luft ein, als er das, was von dem Baldachin noch übrig war, entdeckte. Die Holzpfähle, die mit riesigen Nägeln und Lederriemen verbunden gewesen waren, lagen nun entzwei. Nichts erinnerte mehr an das prachtvolle Dach, das noch vor einem Tag einen Unterstand geboten hatte, der jedem König würdig war, der seinen Todfeind endlich zu Fall gebracht hatte.  

Er drückte seinem Pferd die Knie in die Flanken. Ein paar Hufschläge später stand die Stute vor dem Kreuz. Langsam erhob sich der Fürst in den Stand und streckte sich, damit er das raue Ende des Querbalkens erreichen konnte.
Daran waren die Arme seines Neffen gefesselt gewesen! Nägel waren ihm zwischen Elle und Speiche durchtrieben worden! Sein Blut haftete immer noch daran.

Ohne Zweifel, der Blutwolf war ein prachtvoller Mann gewesen, ein Mann, der jedem Prinzen würdig gewesen war.
Er wusste es! Er war vor ihm gestanden.
Traktiert und vom Hunger gezeichnet, hatten sie ihm dennoch Ketten angelegt. - So sehr hatten sie ihn gefürchtet.  
Der Sohn seines Bruders. Sein Neffe - wie Ahmeer. Der eigentliche Regent des Fürstentums. Tot! Weil er ihn getötet hatte. Er, Rusan. Grausam hingerichtet!

In einer hilflosen Geste hob er sein Gesicht zum Himmel.
„Vergib mir Bruder. Ich konnte es doch nicht wissen. Ich hatte doch keine Ahnung!“

Er hatte noch nicht ausgesprochen, da fühlte er einen Tropfen auf seiner Stirn und einen weiteren auf seiner Nase. Langsam suchte sich der Regen einen Weg an der Wange hinab und tropfte ihm vom Kinn. Obwohl nach dem furchtbaren Unwetter kaum eine Wolke am Himmel stand, begann es zu regnen! Vereinzelte dicke, klare Tropfen, die in den Strahlen der Sonne glitzerten!
Als könnte das Wasser das plagende Gefühl in seinem Bauch wegwaschen!

Mit ihnen kamen die Blätter zurück, von denen der Boden wie lehrgefegt schien. In einer lebhaften Formation aus Grün, Rot und Gelb zogen sie ihre weiten Kreise. Ein bunter Wald inmitten des strahlend blauen Himmels.

Der Schritt beschlagener Hufen auf Stein erklang und sein Pferd stand direkt vor dem Längsbalken, der über dem Anderen nur wenig emporragte.
Rusan rümpfte seine Nase und wusch sich über das Gesicht, um ein paar Regentropfen fortzuwischen. Es roch verbrannt und er sah auch, was den Geruch auslöste:
Der Stoff war in der Mitte versenkt worden, wobei das Loch einem Ausschnitt entsprach, denn hier hatte sich der Stoff aufgehängt.

Ehrfürchtig glitten seine Finger über das feine rot-goldene Tuch.
Es war ihm egal, dass ein paar seiner Begleiter ihn merkwürdig ansahen. Es spielte keine Rolle! Bald würden alle erfahren, weshalb; auch das Volk würde es erfahren. Vermutlich hatte sich eh schon ein Gerücht ausgebreitet, denn die Adeligen hatten Naisees Worte gehört, ehe er sie weggeschickt hatte. Es würde sich schon bald herumsprechen, also konnte er es auch offiziell veranlassen. Das war das Einzige, was er noch tun konnte! Es war nicht viel. Doch er würde es tun! Für seinen verehrten Bruder!

Naisee kannte er nicht, den Blutwolf kannte er nicht, doch seinen Bruder hatte er geliebt. Und der hatte Naisee geliebt, ansonsten hätte er ihr nicht das Medaillon überlassen. Naisee liebte ihren Sohn, wenngleich sie ihn nie hatte kennen lernen dürfen!
Das Kind seiner Mutter entrissen. Den Liebhaber der Frau geschlachtet. Dreiundzwanzig Winter Gefangenschaft für das Leben ihres Sohnes!

Oh! - Sie hatte nicht gelogen! Daran bestand kein Zweifel! Seine Erinnerungen stimmten mit Naisees Geschichte vollkommen überein und dann war da noch das Medaillon und das weinrote Mal an seiner Schulter. Wie Ahmeer hatte auch er tiefschwarzes Haar, und das, obwohl man Haffren nachsagte, silberblond gewesen zu sein!
Und zu guter Letzt sprach für die Wahrheit ihrer Behauptung die plötzliche Gesundung ihres Verstandes - nach dreiundzwanzig Wintern!
Das alles konnte kein Zufall sein.
Die Geschichte war so verfahren, dass sie Rusan nicht mehr los ließ. Selbst wenn er keine Rolle in ihr gespielt hätte, wäre er von dem Drama betroffen gewesen.

Naisee kam hier her, um ihren Sohn zu retten. Eine mutige Frau, sich in die Hände ihrer Feinde zu übergeben. Ein Fingerschnippen und auch sie wäre ans Kreuz geschlagen. Vielleicht hatte sie aus Erzählungen von Kedar erfahren, in welchem Maße der Zusammenhalt der Familie geehrt wurde. Eine Frau nach Kedars Geschmack, und zwar nicht nur, weil sie trotz ihrer Winter noch schön war.

Nun war das Rätsel also gelöst. Jetzt wusste er, was Kedar ihm in seinen Briefen verschwiegen hatte. Alles ergab einen Sinn. Winterdekaden später!
Haffren, der eifersüchtige Gemahl der Königin, war es gewesen, der den Mord Kedars in Auftrag gegeben hatte. Schon immer hatte er sich gefragt, weshalb Naisee ihm die Ketten abgenommen hatte, mit ihm ausgeritten war und ihn dann hatte umbringen lassen.
Insgeheim hatte er sich gedacht: Weil sie eine wahnsinnige Hure ist!
Diese Erklärung zeugte von der Ratlosigkeit seines Verstandes und von der Trauer und Wut in seinem Herzen.

Er schüttelte den Kopf.
Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für solche Gedanken. Er musste endlich zur Ruhe kommen und das konnte er nur, wenn er etwas unternahm.
Das Kreuz hatte ihm den Weg gewiesen und er würde diesem Zeichen folgen. Das bloße Holz eingehüllt in das königliche Tuch der Nirvard. Der nackte Körper eines Mischlings. Edelstes Blut, das vergossen wurde.
Nicht umsonst!
Es musste endlich Frieden herrschen nach Dekaden des Krieges. Die Schlachterei musste ein Ende haben. Schuld musste vergeben werden.

Die Taten konnte man nicht vergessen oder gar ungeschehen machen, aber man konnte einen Neuanfang wagen. Die Schuld war ohnehin gebüßt.
Kedars Sohn geopfert!

Und Naisee traf keine Schuld. Sie litt seit dreiundzwanzig Wintern. Eingesperrt von ihrem eigenen Ehemann; dazu bestimmt, das Leben einer Gefangenen zu fristen. Von allen als Kindsmörderin verurteilt und als Wahnsinnige verspottet. Sie hatte es erduldet.
Niemand, dem sein Kind gleichgültig wäre, hätte diese Folter auf sich genommen. Sie hatte das Andenken Kedars mit Leib und Seele verteidigt.
Nun, er würde es ihr gleichtun. Nichts war ihm wichtiger als die Familie; sein Fleisch und Blut.
Zwar liebte er seine Schwester und Ahmeer, doch niemanden hatte er mehr geliebt als Kedar - nicht einmal seinen Vater.
Im Gedenken an seinen Bruder würde er sich in Zukunft leiten lassen. Etwas Anderes kam nicht infrage. Er würde nachholen, was ihm die Unwissenheit verwehrt hatte.

Rusan schnaubte.
Bis vor Kurzem hatte er Mutter und Kind noch gehasst und verflucht. Auch jetzt, wo er die Hintergründe einigermaßen durchschaute, konnte er sie nicht lieben. Wie sollte er auch! Es war kaum fassbar, was er in dem letzten Tag erfahren hatte. Aber es ging auch gar nicht um die Entwicklung zärtlicher Gefühle, sondern um Ehre und Anstand. Und die konnte man jedem entgegenbringen, egal ob Freund oder Feind.

Bei dem Gedanken entfuhr Rusan ein lästerlicher Fluch. Kraftlos stützte er sich am Längsbalken ab und rieb sein Gesicht an dem feinen Tuch, das um seinen Hals geschlungen war.
Die Erste Gesegnete hatte für den Blutwolf um Gnade ersucht, auch im Namen der jungen Heilerin. Diese habe erzählt, dass der Blutwolf ein ehrenhafter Mann sei, der den Befehlen von Haffren blind gehorcht und selbst mit der Ausführung zu kämpfen gehabt habe. Außerdem habe er ihr nie etwas angetan. Ihrer Entführung sei er nur nachgekommen, da Haffren ihre Dienste als Heilerin hatte in Anspruch nehmen wollen.
Zu guter Letzt hatte Niegra behauptet, der Nirvard-Prinz habe dem Kjer das Leben zu verdanken. Die Heilerin sei Augenzeugin seiner Rettung geworden und jeder Zeit bereit, ihre Behauptung mit einem Schwur zu untermauern.  

Rusan hatte abgewunken, hatte nichts davon wissen wollen, weil für ihn die lang ersehnte Zeit der Rache gekommen war. Davon hatte ihn nichts abbringen können, auch nicht die Worte der Gesegneten und der Frau, die ihm das Leben gerettet hatte. Seinen Blick auf seinen unnützen Arm gerichtet, hatte er sie zum Schweigen gebracht. Für den Blutwolf würde es keine Gnade geben!

Rusan nahm den Arm vom Balken und fasste sich ans Herz.
Und die Heilerin war während der Hinrichtung zu seinen Füßen zusammengebrochen, als habe sie geahnt, dass dies keine Gerechtigkeit war. Niemand hatte sie ernst genommen!
Doch jetzt stellte sich die Frage, ob sie ihnen einen Schritt voraus war.

Rusan hatte entsprechend Ahmeers Behauptung angenommen, die Heilerin sei im Geiste erkrankt. Aber jetzt fiel ihm auf, dass Ahmeers Geschichte nicht im geringsten mit Niegras Worten übereinstimmte.
Einer der beiden musste ihn angelogen haben oder zumindest falsch informiert sein! Oder war die Heilerin verrückt?
Nun, er stand in ihrer Schuld, weswegen er sich noch ein Mal nach ihrem Befinden erkundigen und notfalls einen Heiler konsultieren würde.
Nein! Er würde selbst mit ihr reden und nicht mit ihrem Bräutigam.

Von ihr würde er auch erfahren, was für ein Mensch der Blutwolf war. Immerhin hatte er sie entführt und über einen Mondlauf mit ihr verbracht. Wenn sie recht bei Sinnen war, würde sie ihm einen unverfälschten Einblick in das Leben des ersten Heerführers geben. Und dann würde er auch selbst rasch feststellen, ob sie krank war oder nicht. Und ob und wer gelogen hatte!

Der Friede mit den Kjer würde ihrer beider Völker einen regen Handel bescheren. Kaufleute und Händler würden profitieren, genauso wie die Menschen, die die Waren benötigten. Zwar hätte er es nie zugegeben, aber so manches Mal hatte er geflucht, wenn die Ernte knapp war und der Handel mit Korn über die Grenzen Astrachars nur schleppend voranging. Der Krieg hatte so manches Opfer gefordert und deshalb war es an der Zeit, den Frieden herzustellen. Frieden - ein letzter Rachefeldzug gegen Haffren!
Naisee war nah, weswegen es nur recht war, die Verhandlungen so bald wie möglich aufzunehmen - insofern sie nach dem Tode ihres Sohnes noch dazu bereit war.
Wäre sie es nicht, würde er sie im Namen Kedars dazu auffordern, so wie sie es getan hatte, als sie um das Leben des Kjer, nein, des ... Heerführers gebeten hatte. Und wenn sie Kedar wirklich geliebt hatte, dann würde sie zustimmen.

Er atmete tief durch und machte seinen Rücken gerade. Die gesunde Hand in die Hüfte gestemmt, wandte er sich dem Kommandanten seiner Leibgarde zu.
„Schickt nach dem Prinzen, meiner Schwester und nach den Gesegneten der Gnädigen Göttin! Sagt Niegra, sie solle das Kästchen mitbringen und sich in weißes Tuch kleiden.“, befahl er, während er ein Blatt von seinem Kopf nahm. Es segelte beinahe schwerelos wie eine Feder zu Boden.
„Seht zu, dass die Heilerin Lijanas die Schwesternschaft begleitet. In einer Stunde treffen wir uns hier.“

Der Kommandant tätschelte den Hals seines Hengstes, da dieser unruhig wieherte. Rasch gab er den Befehl an einen Wachposten weiter. Dann wandte er sich wieder dem Fürsten zu.
„Stellt Wachposten ab. Alles soll so bleiben, wie es ist. Und findet heraus, wer den Querbalken aufgezogen hat.“

Rusan zog das Seidentuch zurecht, während er seine Stute im Kreis laufen ließ, um den Marktplatz noch ein Mal in Augenschein nehmen zu können. Es war unfassbar, was sich hier abgespielt hatte!
„Jetzt zeigt mir die Schäden, die die Flutwelle verursacht hat.“

Der Kommandant ritt näher heran, schüttelte den Kopf und erwiderte:
„Mein Fürst, die Welle hat keine Schäden angerichtet, obgleich das Wasser bis zu den Palmen  vorgedrungen war. Mir wurde berichtet, ihre Gewalt hätte sogar ein paar Palmen herausgerissen, aber mehr gibt es nicht zu sagen. Nicht einmal die nächsten Häuser wurden berührt.“ In einer hilflosen Geste hob er die Schultern.
„Wie ist das möglich?“, fragte Fürst Rusan ins Leere.
„Wir wissen es nicht. Es ist unerklärlich. ... Vielleicht war die Welle doch nicht so hoch, wie sie vom Turm aus schien.“

Gewiss, es war dunkel gewesen, aber Rusan hatte die Woge mit eigenen Augen gesehen!
„Reitet voran. Ich will mich selbst davon überzeugen.“

Der Kommandant der Leibgarde hob die Hand und gab damit das Signal zum Aufbruch.

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Lijanas´ Körper bebte, wenn sie ein Schluchzer überkam. Sie hatte längst aufgegeben, sie zu unterdrücken, sondern achtete nur darauf, leise zu weinen. Sie ließ einfach alles heraus: die Enttäuschung mit Ahmeer, Mordans Leid und ihr Abschied von der Heimat. Gleichzeitig weinte sie auch vor Glück. Mordan lebte und seine Feinde, die ihm das Leben auf undenkbare Weise erschwert hatten, waren tot. Anstatt dessen herrschte Königin Naisee und jeder konnte sehen, wie sehr sie sich um ihren Heerführer sorgte. Die Frau, die bisher über Mordan gewacht hatte und der man nachsagte, sie habe ihr Kind im Wahnsinn getötet, schien so gesund wie sie selbst.
Die Königin wäre niemals auf den Gedanken gekommen, Mordan nach Anschara zu schicken, um eine Heilerin zu entführen, da sie niemals zugelassen hätte, dass er sein Leben so sinnlos aufs Spiel setzte.

Die letzten Tage waren einfach zu viel für sie und so ergab sie sich den Gefühlen, die sie bisher hatte herunterschlucken müssen, weil jeder hoffnungsvolle Gedanke im Keim erstickt wurde. Auch die Erbin der Weißen Schlange musste mal weinen, ansonsten gäbe es ja kein Elixier, das man die Tränen der Weißen Schlange nannte!
Beinahe hätte sie während ihres nächsten Schluchzers gelacht. Was für ein törichter Gedanke!

Erst als sie langsam zur Ruhe kam, bemerkte sie, dass Brachan sie im Arm hielt.
„Oh, Verzeihung, Brachan. Ich ... ich habe mich vergessen.“, entschuldigte sie sich beschämt. Rasch löste sie die Arme von seinem dunklen Lederwams, spürte dabei die eisernen Ringe des Kettenhemds, das er darunter trug.  
Brachan lächelte auf sie hinab, zeigte ein Grinsen, das zwei Reißzähne hinter den Lippen erkennen ließ. Dann tauschte er einen Blick mit einer Person, die hinter Lijanas stand. Rasch drehte sie sich um, um zu sehen, wer sich in ihrem Rücken befand.

Königin Naisee reichte ihr einen Silberpokal mit heißem Wein.
Dankbar über die Geste, knickste Lijanas förmlich und nahm einen Schluck.
Die Frau mit dem dunkelblonden Haar musterte sie lächelnd und tauschte mit Brachan einen weiteren Blick. Lijanas´ Augen wanderten mit. Gerade noch rechtzeitig sah sie, wie Brachan den Kopf fast unmerklich schüttelte und dann mit einer Verbeugung in Richtung Mordan nickte. Die Königin schien es zu verstehen, während Lijanas eine Augenbraue hob. Nach wie vor quollen Tränen aus ihren Augen.
Mordan litt und sie stand dumm herum und heulte. Damit war sie ihm ja wirklich eine große Hilfe! Sie war doch Heilerin und daher wurde es Zeit, sich nützlich zu machen.
Ihr Zukünftiger würde sich auf sie verlassen.
Ihr Zukünftiger! Wie sich das anhörte!
Mordan würde ihr Gemahl werden und so sehr sie sich damals in Cavallin gesträubt hatte, jetzt fühlte es sich richtig an.
Sie schluckte und hoffte, dass das Weinen nun ein Ende hatte, doch kaum, dass sie wieder an die Gewalt dachte, die Mordan widerfahren war, stiegen erneut Tränen in ihre Augen.

Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Wange und betrachtete gedankenverloren die Träne auf ihrer Perlmutthaut. Der glitzernde Tropfen spaltete das Licht in seine Farben, sodass ein Regenbogen entstand. Bedächtig drehte Lijanas ihren Arm, bis der bunte Bogen auf das weiße Seidentuch fiel, das Mordans Brust bedeckte.
Aus dem Augenwinkel gewahrte Lijanas den versonnenen Ausdruck der Königin, während sie das Lichtspiel beobachtete.  

„Heilerin, darf ich fragen, ob Ihr mit uns geht?“
Lijanas drehte sich ruckartig zu Brachan um, sodass der Rock um ihre Beine schwang. Einen Moment lang zögerte sie mit ihrer Antwort und betrachtete anstatt dessen die schwarzen Stiefel des Kriegers. Dann verkündete sie leise:
„Ja. Ich habe mich von Ahmeer losgesagt. Ich will ihn nicht. ... Beinahe zu spät habe ich erkannt, dass ich einen anderen Mann liebe.“
Sie schluckte schwer und fuhr sich mit ihrem blauen Ärmel über ihre Wange. „Ich wollte es nur nicht wahrhaben, aber ich glaube, alles begann schon in Cavallin.“
Ihr Lippen zitterten, als sie sprach. Man sah, dass sie Mühe hatte, ihren Ausdruck zu wahren. Jeden Augenblick konnten ihr die Gesichtszüge entgleiten und die Heilerin war offensichtlich bemüht, weitere Tränen zu unterdrücken.  

Brachan grinste, als er sich an das Fest in Cavallin erinnerte. Entspannt legte er eine Hand auf den Knauf seines Schwertes. „Nun, die Änderung zwischen Euch beiden war kaum zu übersehen.“
Lijanas lächelte. Wehmütig dachte sie an die Zeit in der Stadt am Berg zurück.
Die Königin hörte interessiert zu, als Brachan ihr davon erzählte. So vermutete Lijanas wenigstens. Die beiden schienen Geheimnisse zu haben, denn Brachan sprach in Kjer, obwohl Lijanas genau wusste, dass Königin Naisee flüssig, wenn auch nicht akzentfrei Nirvard sprechen konnte.

„Wie in letzter Zeit häufiger der Fall, habe ich meinen Arzneikasten nicht zur Hand. Wo ist denn Euer Heiler? Ich würde mit ihm gerne die bisherige Behandlung durchgehen und alternative Möglichkeiten besprechen.“, kündigte Lijanas an und nahm sich fest vor, ihre ganze Kraft in Mordans Heilung zu stecken.

Nachdenklich tippte sie sich mit dem Finger ans Kinn.
Jede seiner Verletzungen erforderte gewisse Kräuter: Für den Fall, dass die Wunden stark eiterten, würde sie Bärlauch verwenden, um einer Entzündung nachkommen zu können. Den würde sie zu Reinigungszwecken durch kaltes Wasser ziehen und anschließend vorsichtig mit heißem Wasser übergießen. Die klein geschnittenen Stückchen würde sie auf die Wunde legen.
Ähnliches galt auch für Echinacea purpurea - dem roten Sonnenhut! Erst kürzlich hatte sie bei einem schwer erkrankten Patienten, der sie trotz ihres Ansehensverlustes angefleht hatte, ihr zu helfen, die frisch geernteten Blätter zerquetscht und auf eine entzündete Schnittwunde an dessen Fuß gelegt. Zusätzlich zu der äußeren Wundbehandlung hatte sie ihm aufgetragen, die Blätter zu kauen. Nach ein paar Tagen war die Wunde abgeheilt, so, als hätte die Entzündung nie existiert.
Im unkomplizierten Fall würde sie eine Wundsalbe aus den gelben Blüten der Ringelblume herstellen.

Da Mordan ihr einmal mitgeteilt hatte, dass die Heilungen bei ihm einen unproblematischen Verlauf nähmen, würde sie wohl zunächst auf den Bärlauch verzichten.
Letztendlich war die Entscheidung natürlich von der Untersuchung der Verletzungen abhängig. Doch im Augenblick schlief Mordan und die Behandlung des Kjer-Heilers machte einen fachkundigen Eindruck. Also würde sie mit der Begutachtung warten, bis er aufwachte.
Mit der Erstellung eines Speiseplans konnte sie jedoch sofort beginnen. Von ihrem Meister Galenacelsas hatte sie gelernt, welche Nahrungsmittel und Kräuter halfen, den Blutverlust auszugleichen. Durch den Aderlass, der in manchen Gebieten als gängige Heilmethode praktiziert wurde, existierten zahlreiche Schriften, die sich mit der Problematik auseinander setzten.

Im Moment war jedoch weniger bedeutsam, was er aß, sondern, dass er aß.
Ohnehin würde er erst einmal eine Suppe bekommen. Später würde sie ihm dann seine Wunschspeise zubereiten und sie mit Zitrone und Brennnesseln auftragen.
Im Laufe der Wochen hatte Mordan viel Gewicht verloren. Seine Wangenknochen traten deutlich hervor und die Haut hatte ihre Röte verloren.

Lijanas, die wie Königin Naisee vor Mordans Krankenlager stand, ließ den Blick über das Bett schweifen, das – wie sie vermutete – Königin Naisee gehörte. Mordans hatte sie anders in Erinnerung. Dieses hier war eindeutig größer und reicher an Schnitzereien.  
     
Lijanas gefiel der Stil, den Königin Naisee pflegte.
Sie erkannte, dass nichts im Raum stand, das nicht hier her gehört hätte.
Keine Banner, Schilder oder Trophäen, die von vergangenen Schlachten zeugten, schmückten das Zelt.  
Alles diente einem pragmatischen Zweck, wenngleich die Gegenstände die Augen des Betrachters zum Leuchten brachte:
Ein niedriger, mit Silber beschlagener Tisch stand neben dem Bett. Auf ihm waren die Döschen und Glasphiolen mit Mordans Arzneien aufgereiht.
Eine geschwungene Silbervase mit mehreren Schnittblumen zierte das hohe Tischchen, das weiter abseits vom Bett stand. Zwar waren es nur ein paar Wildblumen, aber sie trugen ihren Teil dazu bei, dem Raum eine freundliche Note zu verleihen. Dasselbe galt für die Feuerbecken, Ölschalen und Kerzen, deren Flammen gleichmäßig vor sich hin prasselten und zeitweise den Duft von Zitronenmelisse frei gaben.
Auf dem Boden waren dicke Teppiche mit schnörkeligen Ziermustern ausgebreitet. Die dunkelblauen Schnörkel lagen auf hellbeigem und rotem Hintergrund.
Ein riesiger Samtvorhang in demselben dunklen Rotton, der auch in die Teppiche geknüpft war, trennte den hinteren Teil des Zeltes von dem großen Rund ab.

Königin Naisee unterbrach Lijanas´ Besichtigung, indem sie sich ihr lächelnd zuwandte, um auf ihre Frage von vorhin zu antworten:
„Ich habe gehört, dass Ihr eine fähige Heilerin seid und Eure Arbeit versteht. Wenn Ihr Euch also mit meinem Leib-Medicus beraten möchtet, würde mich das freuen. Jede Stunde, die er weniger leidet, ist mir ein Trost bis in die Ewigkeit. Ich werde ihn rufen lassen. Doch im Augenblick schläft Mordan und wir haben etwas zu besprechen.“
Während dieser Ankündigung tippte sich die Königin auf ein goldenes Medaillon, das auf dem rosa Stoff ihres Gewandes lag. Lijanas hatte das Medaillon schon irgendwann einmal gesehen, auch wenn sie momentan nicht sagen konnte, wo.

Ergeben schob Lijanas Königin Naisee den Stuhl hin, damit diese sich setzen konnte.

Ja, die Kette kam ihr irgendwie bekannt vor, sogar sehr bekannt. Warum nur musste sie jetzt an Corfars Feuerbestattung denken? Das ergab doch gar keinen Sinn!

„Ihr könnt Euch gerne setzen. Wir werden hier bleiben und uns leise unterhalten, denn ich möchte Mordan nicht aus den Augen lassen.“
Das kam Lijanas sehr entgegen, denn so konnte sie regelmäßig seinen Herzschlag abhorchen und seine Atmung überprüfen.
Sie neigte ergeben den Kopf und blieb trotz der freundlichen Aufforderung stehen.
Erwartungsvoll schaute sie Königin Naisee an, die ein Kleid aus einem rosa Stoff trug. Über dem Rock aus glänzendem Satin, lag eine Schicht aus durchsichtiger rosa Seide, die mit schwarzen Mustern und Borten verziert war.
Man konnte die Röcke rascheln hören, wann immer Naisee sich bewegte.  

„Lijanas, Ihr wisst, dass Ihr die Macht habt, das Böse von unseren Völkern zu vertreiben. Doch die Legenden sind nicht eindeutig. Klar ist nur, dass der Dämonengott unsere Völker zur Knechtschaft gezwungen hätte. Bei dem Volk der Kjer hätte es begonnen. Wir wären gezwungen geworden, ihnen zu Diensten zu sein, egal in welcher Hinsicht! Vor hunderten von Wintern wurden ganze Völker unterworfen. Männer dazu getrieben, ein Leben lang Steine zu tragen, um die aufwendigen Baupläne ihrer Herren zu verwirklichen. Frauen waren geschändet und als Gebärerinnen eingesetzt worden, um neue Sklaven hervorzubringen, wenn die Alten vor Erschöpfung dem Tode erliegen. Die Seelen der Kinder dazu genutzt, um ihren Gott zu stärken.“
Die Königin neigte in einer Dankesgeste den Kopf. „Ihr habt Eure Macht genutzt, um das zu verhindern.“

Lijanas hatte die Hände im Schoß gefaltet und spielte nervös mit ihren Fingern. Es war ihr unangenehm mit einer fremden Person über ihre Gaben als Seelenhexe zu sprechen, auch wenn es sich hierbei um die Königin der Kjer handelte.

„Wir kannten die Geschichten bisher nur aus Legenden, wie die Seelenfresser Kreaturen aus fast vergessenen Legenden sind. Doch in Eurem Fall treffen die Geschichten nicht ganz zu. Seelenhexen sind gefürchtet, da sie die nobelsten Männer der Völker für sich beanspruchen. Seelenhexen lieben nicht – normalerweise! Doch Ihr seid die Tochter einer Seelenhexe, die aus Liebe gezeugt wurde. Liebe, die so stark war, dass Eure Eltern zusammen in den Tod gingen - um Euch zu schützen!“

Lijanas fasste sich ans Herz und machte plötzlich von Angst gepackt einen Schritt zurück. „Woher wisst Ihr das?“, fragte sie in einer Mischung aus Ungläubigkeit und Entsetzen.
Die Königin streckte die Hände in einer versöhnlichen Geste nach ihr aus. „Ladakh hat die Vorbereitungen der Machtübernahme seines Gottes präzise festgehalten. Schließlich konnte er nicht ahnen, dass er diesen Tag nicht überleben wird. Leider hatte ich kaum Zeit, um die Schriftstücke genauer zu studieren, da ich nach Anschara aufbrechen musste. Ich habe die Rollen zufällig gefunden, als ich auf der Suche nach anderen Dokumenten war.“

Lijanas spürte, wie ihr Herz hämmerte. Wäre Mordan nicht da gewesen und hätte sie Brachan nicht getraut, wäre sie aus dem Zelt gerannt.

Der alte Krieger bemerkte Lijanas` Beklommenheit und mischte sich in beruhigendem Ton ein: „Heilerin, Ihr braucht keine Angst zu haben. Wir werden Euch gut beschützen, und zwar nicht nur, weil wir Euch brauchen.“ Er deutete mit seinem Kopf zu Mordan. „Sondern auch wegen ihm und nicht zuletzt wegen Euch selbst.“

Die Königin nickte zustimmend, ehe ihr aufmerksamer Blick zu Mordan wanderte. Ihre Finger schlossen sich um das Medaillon.  

„Aber es gibt ein Problem. Das Volk der Edari. Euer Volk. ... Töchter der Seelenhexen sind laut edarischem Gesetz zum Tode verurteilt, da sich in ihnen die Macht ihrer Mütter zentriere. Es heißt, sie seien deshalb unkontrollierbar.“ Mit dem letzten Wort hob die Königin eine Augenbraue, während sich ein leicht amüsierter Zug um ihre Lippen legte. Sie machte keinen Hehl daraus, dass es für sie keinen Grund gab, die Ansichten der Edari zu teilen. Doch schon einen Moment später schlug ihre Miene in Sorge um. Sie legte eine Hand auf die Schulter der Heilerin, um ihre ganze Aufmerksamkeit einzufordern, ehe sie in durchdringendem Ernst und befehlsgewohnter Stimme erklärte: „Deshalb darf niemand von Eurer Existenz erfahren! Zumindest nicht, bis wir wissen, was hier vor sich geht.“ Zur Verstärkung ihrer Worte drückte sie sie, dann trat sie einen Schritt zurück. „Die Geschichten wurden Legenden, weiter gegeben von Generation zu Generation. Verändert und verfälscht, so wie die Erzählungen um die Seelenfresser. Bis vor Kurzem waren sie Kreaturen aus Legenden und nicht die Todbringer fast vergessener Zeiten.“

Lijanas konnte ihren eigenen Herzschlag spüren. Abschätzend blickte sie von Brachan zu der Königin. Beide hatten ein leichtes Lächeln auf den Lippen, das nichts Bedrohliches hatte.
Nun, vielleicht war sie hier sicher, aber wenn es stimmte, was ihr die Königin gerade mitgeteilt hatte, dann hing das Schwert über ihr.  

Unruhig ihren Gedanken nachhängend, ließ Lijanas ihren Blick über die bunten Wildblumen gleiten, ehe ihre Augen bei Mordan verweilten. Sie beugte sich über ihn, um Herzschlag und Atmung zu kontrollieren. Die Finger seiner rechten Hand regten sich. Aber anstatt ihre Finger in seine zu legen, richtete sie sich schlagartig wieder auf. Entsetzen plagte sie, da ihr in den Sinn gekommen war, was sie Ahmeer vor der Halle ins Gesicht geschleudert hatte. „Aber ... ihr habt gehört“, begann sie stammelnd, „was ich zu Ahmeer gesagt habe. Er weiß, wer ich bin.“  

Sowohl Brachan als auch die Königin taten mit einem Nicken kund, dass sie sich mit diesem unüberlegten Schritt bereits befasst hatten. „Wir werden einen Grund finden, der schlüssig erklärt, weshalb ihr so reagiert habt.“, erwiderte Brachan schlicht. „Ich hatte das Gefühl, als hätte Euch der Nirvard-Prinz nicht gehen lassen, wenn Ihr das nicht gesagt hättet. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, dass Ihr ihn abgewiesen habt, was für alle Anwesenden zweifelsfrei sichtbar war. Habe ich Recht? Lässt sich damit eine Ausrede schaffen?“

Nervös fuhr sich Lijanas durch die Strähnen und faltete bedächtig ihre Hände, als sie zu erzählen begann. Sie berichtete von Ahmeer und wie er sie mit Mohn gefügig gemacht und eingesperrt hatte. Erneut begann sie zu weinen, als sie erzählte, wie sie unter dem Baldachin während der Hinrichtung zusammen gebrochen war und ihre Ziehmutter Niegra sie mit in die Halle der Gesegneten genommen und sie so den Klauen Ahmeers entrissen hatte. Auch, dass er sie mit dem Gerücht, sie hätte durch die Behandlung der Kjer-Bestie den Verstand verloren, erpressen wollte, legte Lijanas vor den beiden offen.  
Alles redete sie sich von der Seele und spürte, wie gut es tat, sich jemandem anvertrauen zu können.
Bei der Schilderung über den Versuch, Mordan selbst aus den Händen der Nirvard zu befreien, brachen sich Schluchzer Bahn. Sie versuchte sie hinunter zu würgen, doch die Erinnerung an Mordans brennenden Haarschopf, ließ sie endgültig die Kontrolle verlieren und so presste sie sich nur noch die Hände vors Gesicht, um so leise wie möglich Luft holen zu können.

„Na, na Mädchen. Es gibt keinen Grund zu weinen.“, tadelte Brachan lächelnd, wenngleich er sich vorstellen konnte, wie es für sie sein hatte müssen, zuzusehen, wie ihr Geliebter ans Kreuz geschlagen wird. Sie war ganz alleine gewesen und hatte außer ihrer Ziehmutter niemanden gehabt, dem sie sich anvertrauen hätte können, geschweige denn jemand, der sie unterstützt hätte.

Königin Naisee wechselte nach Lijanas` Schilderungen die Farbe. Dieser Nirvard-Prinz erinnerte sie zu sehr an ihren ehemaligen Gemahl. Im Grunde hatte Ahmeer dasselbe getan, wie er, und das nur, weil er sie strafen wollte oder von Eifersucht getrieben wurde. Haffren hatte wenigstens noch unter Ladakhs schlechtem Einfluss gestanden!

Entschlossen straffte die Königin die Schultern. Ein verschlagenes Lächeln, das schon beinahe Angst einflößend war, huschte über ihre Lippen. Man konnte ihr ansehen, dass sie irgendeine Gemeinheit ausbrütete - und sich nicht im geringsten dafür schämte.  
„Nun, der Nirvard-Prinz hat uns durch sein Verhalten die Lösung in den Schoß gelegt: Lijanas wollte ihn nicht, doch der Prinz wollte sich das nicht bieten lassen, weshalb er das Gerücht streute, Lijanas sei verrückt. Da sie sich vor Ahmeers unliebsam gewordenen Annäherungen schützen wollte, bezichtigte sie sich selbst als Tochter einer Seelenhexe. Sie wusste, dass er sie auf diese Weise sofort ziehen lassen würde.“ Die Konzentration, die für die Herleitung von Lijanas´ Beweggrund erforderlich gewesen war, verschwand nun aus Königin Naisees Stimme. An deren statt trat eine gelassene Kälte, die von Schwaden der Bitterkeit und Wut durchzogen war. „Es war eine Verzweiflungstat, um den Prinzen zu demütigen. Sie wollte ihm zeigen, wie es ist, eine wahrhaft Verrückte als Gemahlin zu haben.“ Sie legte kurz den Finger ans Kinn und nickte zufrieden: „Ja! Ich kann jetzt schon die Stimmen hören, die flüstern: Die Heilerin wollte so dringend von dem Prinzen loskommen, dass sie geschrien hätte, sie sei die Tochter einer Seelenhexe. Armes Mädchen! Wie muss sie ihn verabscheuen, dass sie so etwas tut!“
Mit einer lässigen Geste, die Lijanas bei einer Königin nie zu sehen erwartet hätte, hob sie die Schulter: „Nun ja! Wenn er eine Ohrfeige nicht richtig zu deuten weiß, muss man sich schließlich anders helfen.“

Brachan lachte und zollte mit einem Neigen des Kopfes der königlichen Raffinesse Tribut. Die zwei Winterdekaden lange Gefangenschaft der Königin hatte ihrer Verschlagenheit keinen Abbruch getan. Im Gegenteil! Ihr Scharfsinn und ihre Arglistigkeit waren kaum zu übertreffen. Man spürte, dass sie gelernt hatte, hinter dem Rücken des Feindes Pläne zu schmieden.

„Ich werde es sofort nach unserem Gespräch schriftlich festhalten und die Rolle im Lager herumgehen lassen. Die Nirvard werden es zwangsweise hören, wenn es zwischen ihnen und uns zu einem Wortwechsel kommt. Und da es genügend Nirvard gibt, die Zeuge der Auseinandersetzung vor der Halle geworden sind, wird jeder Soldat den wahren Kern der Geschichte erkennen.“

Lijanas senkte verlegen den Kopf, obwohl sie kurz zuvor selbst noch über die Schlauheit der beiden gelächelt hatte. „Meine Ziehmutter hat es auch gehört. Ich würde ihr gerne einen Brief schreiben, in dem ich mich verabschiede.“

Brachan und die Königin stimmten nach kurzer Bedenkzeit zu. Es gab keinen Grund, der dagegen sprach.

Alle drei schwiegen eine Weile. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, sodass es im Zelt still wurde. Nur Mordans Atemzüge waren hin und wieder vernehmbar.

Brachan strich sich geistesabwesend mit dem Zeigefinger übers Kinn. „Aber da haben wir die Besonderheit der Geschichte wieder. Es kann kein Zufall sein, dass Ihr von einer Gesegneten der Gnädigen Göttin aufgenommen und zur Heilerin ausgebildet worden seid. Egal ob Freund, Feind oder Fremder, Ihr habt Sie alle behandelt, weil Euch jedes Leben etwas bedeutet. Das war der Grund, weshalb Ihr damals in die Falle ginget – Ihr erinnert Euch. Mordan hat mir das zum wiederholten Male gesagt. Deshalb war er auch bereit, das Risiko auf sich zu nehmen, um Euch nach Anschara zurückzubringen. ... Sicherlich hätte er das nicht für jede Frau getan.“

In Kjer fuhr er fort - wobei er auch in Kauf nahm, unhöflich zu sein - doch er hatte das unstillbare Verlangen, den Gedanken noch in Worte zu fassen, um ihn festzuhalten:
„Sie hat das Unrecht ihres eigenen Verlobten eingesehen und ihn aufgegeben. Lieber bliebe sie alleine, als dass sie ihn zum Gemahl nimmt. Prinz hin oder her! Nicht jede Frau hätte so gehandelt.“ Brachans Grinsen wich Ernsthaftigkeit, als er Lijanas wieder ansah. „Heilerin, ich lasse Euch einen Tee bringen, Ihr seht müde aus. Ich schicke Euch die Unfreien und Raulen. Benötigt Ihr noch etwas, ehe ich meiner Arbeit nachgehe, Königin Naisee?“

„Nein. Denk an das Gerücht. Das eilt am meisten. Lijanas wird ihren Brief schreiben und sich dann mit dem Heiler beraten.“

Nach einer Verbeugung verließ Brachan das Zelt.  

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Am Strand von Anschara galoppierte die Gruppe um Fürst Rusan am Ufer entlang.  
Das Meer rollte in lauen Wellen heran - als wäre nichts gewesen!

Aber es konnten sich nicht so viele Menschen getäuscht haben! Er hatte selbst gesehen, wie sich die Welle aufgetürmt hatte!

„Mein Fürst, ich habe schlechte Neuigkeiten.“
Der erste Mann der Garde unterbrach Rusans Gedankenfluss. Er ritt heran und schwenkte eine kleine Schriftrolle in der Luft.
Die Hufen von Fürst Rusans Stute drückten sich in den Sand.
„Sagt, was geschehen ist! Wisst Ihr nun, wer den Querbalken aufgezogen hat?“
„Nein, mein Fürst. Aber ich lasse alle Soldaten befragen. Im Grunde kommen nur wenige infrage, da Seile oder zumindest ein Gerüst benötigt wird. Jedoch handelt diese Nachricht hier um etwas anderes: Die Heilerin Lijanas ist nicht bei der Schwesternschaft. Sie ging mit den Kjer mit, um dem Blutwolf die letzte Ehre zu erweisen.“

Erstaunen zeigte sich auf Fürst Rusans Zügen. Er riss das Tuch vom Mund und wurde sich des Ausdrucks bewusst, der sich auf dem Gesicht seines Kommandanten abzeichnete.
„Was gibt es noch? Rede schon.“
Der Mann, dessen Name Narsif war, drehte die Scheide des Schwertes verlegen hin und her und versuchte den scharfen Augen seines Betrachters zu entgehen. Die silbernen Zierketten an seiner blauen Livree reflektierten die Strahlen der Sonne. „Ich habe gehört, dass sich die Heilerin von Prinz Ahmeer losgesagt hat. Der Prinz wollte das nicht hinnehmen. Es .. es kam zu einer öffentlichen Auseinandersetzung der beiden, die damit endete, dass die Heilerin mit den Kjer davon ritt.“
Fürst Rusans Augen weiteten sich. Sein Befehl war scharf: „Holt sie her! Ich will sie sprechen!“
„Sie ist bei den Kjer. Wir werden es nicht rechtzeitig schaffen.“
„Dann nimmt sie an dem Gebet eben nicht teil. Ohnehin hat sie das jetzt schon getan. Ich will sie trotzdem sehen. Ich habe mit ihr zu reden.“

Narsif druckste herum, ehe er sich aufraffte und die nächsten Worte sprach:
„Einem Gerücht zufolge habe die Heilerin Prinz Ahmeer geschlagen, weil er den toten Körper des Blutwolfs als `Kadaver der Bestie` bezeichnete. ... Als Prinz Ahmeer sie dann zurückhalten habe wollen, mit den Kjer zu gehen, habe sie geschrien, dass er für sie als Gemahl nicht infrage käme, da sie die .. Erbin von Aslajin sei.“
Rusan blieb der Mund offen stehen. Als er es bemerkte, schloss er ihn rasch. Dann lachte er höhnisch auf. „Ist sie jetzt völlig verrückt geworden!“, rief er aus.
„Ich weiß es nicht.“
„Holt sie her!“, befahl er schlicht.
„Mein Fürst, sie ist mit den Kjer. Ich kann sie nicht zwingen, mit mir zu kommen.“, wandte Narsif vorsichtig ein.
„Warum solltet Ihr sie zwingen müssen! Bittet sie und lasst sie hierher begleiten.“
„Ich fürchte ...“
Fürst Rusan wurde ungeduldig. „Was fürchtet Ihr?“
„Nun, der Prinz hat nach der Auseinandersetzung einen Spiegel in seinem Gemach zerschlagen. Er ist erbost über ihre Ablehnung. Ich fürchte, die Heilerin wird nicht kommen – wegen ihm und auch wegen der Worte, die sie sprach.“

Das Gesicht des Fürsten verzog sich missmutig. Doch dann schüttelte er in einer Geste des Unglaubens den Kopf. „Ich kenne die Heilerin seit Wintern. Jeder kennt sie. Ohne sie wären viele in Anschara verloren gewesen. Ich bin einer davon. ... Sie soll sich nicht lächerlich machen!“ Die letzten Worte waren barsch.

In Narsifs Gesicht konnte er jedoch ablesen, dass dieser anders über die Situation dachte.
Rusan seufzte leise, wendete seine Stute und befahl seinem Leib-Diener ihm eine Schriftrolle mit Unterlage auszuhändigen. Rusan würde der Heilerin schriftlich befehlen, in den Palast zu kommen und ihr gleichzeitig versichern, dass sie niemand zu der Heirat mit dem Prinzen zwingen würde. Es ginge hier lediglich um ein Gespräch zwischen ihr und ihm. Danach werde sie zurückeskortiert, um die Totenruhe mit den Kjer zu halten, falls sie das wünsche, oder zu der Halle der Gesegneten begleitet.

Nachdem er dem Kommandanten das Schriftstück überreicht hatte, befahl er ihm, zwei Männer aus seiner Leibgarde mit anderen Soldaten loszuschicken. Sie sollten die Heilerin in sein Gemach bringen.

Erleichterung spiegelte sich im Gesicht des Kommandanten wider, als er die Rolle mit einer tiefen Verbeugung entgegen nahm. Durch die Eskorte zweier Leibgardisten hing die Verantwortung über die Ausführung des Befehls nicht mehr nur an ihm.

Noch während Fürst Rusan seinen Arm hob, galoppierte er los.
Es wurde Zeit, zum Marktplatz zurückzureiten.

Mit dem, was er dort fand, hatte er nicht gerechnet. Seine Anwesenheit zuvor und die Wachen, die er dort abgestellt hatte, hatten die Neugierde der Bürger geweckt. Sie hatten sich hier eingefunden, als hätte er sie her bestellt.

Die Soldaten des Fürsten scheuchten die Bürger noch ein wenig weiter zurück, sodass sich eine Gasse bildete, die die Reiter passieren konnten. Das astracharische Banner, das von zwei Männern in königsblauer Livree geführt wurde, erhob sich über dem Zug. Der aufgestickte Seedrache wehte im Reitwind. Die beschlagenen Hufe klackten im Takt der Schritte.

Fürst Rusan streckte seine Hand aus. Vereinzelt regneten noch ein paar Tropfen herab.
Anlässlich dieses Gedenkens hatte er sich extra passende Gewänder angelegt. Nun trug er ein weißes Hemd, das ihm beinahe bis zu den Knien reichte. Ein weißer Stoffgürtel, in den goldene Fäden eingearbeitet waren, lag fest um seine Taille. Unter dem Hemd trug er bauschige Hosen, die so blau waren wie der Himmel an einem Sommertag. Der Farbton spiegelte das Blau des Saphirs wider, der auf seiner Brust glänzte.

Rusan ließ seinen Blick über den Platz schweifen.
Von der Weite erkannte er Fackeln. Die Gesegneten waren auf dem Weg hierher!
Langsam ließ er den Kopf weiter wandern.
Viele Menschen waren gekommen. Frauen mit Kindern und Körben, die an den Marktständen Besorgungen machen wollten. Männer kamen aus den Häusern gelaufen. So mancher hatte noch ein Werkzeug in der Hand. Sie hatten ihre Arbeit niedergelegt, um zu sehen, was hier vor sich ging.

Sicherheitshalber drängten die Soldaten die Männer weiter zurück, sodass sich vor der Hinrichtungsstädte ein großer Halbkreis bildete, in dem Rusan und sein Gefolge versammelt waren.  

Rusan stieg von seinem Pferd. Seine adeligen Begleiter, die Diener und Wachmänner taten es ihm nach und ließen sich auf einem Meer voll bunter Blätter nieder.

Die Kraft der Sonne überwältigte nun auch die letzte Wolke und überflutete das Blau des Himmels mit Helligkeit. Ein Regenbogen breitete seine bunten Farben wie ein Fächer aus. Frauen und Kinder zeigten mit dem Finger darauf und erfreuten sich an der bunten Pracht.  

Ein Schatten fiel auf ihn – die Gestalt von Prinz Ahmeer. Die Seide seines kurzen Umhangs schimmerte in hellem Blau und Weiß.  
„Onkel, was geht hier vor?“, fragte er ungläubig. „Weshalb lässt Du uns hier her kommen? Das ist die Hinrichtungsstätte dieser Bestie.“

Geduldig wandte sich Fürst Rusan ihm zu. Gleichzeitig schaute er auch allen anderen kurz ins Gesicht, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Seine Erklärung richtete sich vorderkundig an Ahmeer und doch sprach er zu allen Anwesenden:
„Lieber Neffe, er hat Schlimmes getan. Den Tod hunderter unschuldiger Zivilisten auf grausame Weise herbeigeführt.“
Rusan verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und schritt an den adeligen Begleitern vorbei. Die Ärmel seines weißen Hemdes flatterten im Wind.

Mittlerweile hatten auch die Gesegneten den Platz erreicht. An einer Seite des Kreuzes hatten sie sich in vier Reihen aufgestellt, sodass immer drei Schwestern nebeneinander standen. Über ihren Kleidern trugen sie eine breite weiße Schärpe, die fast den ganzen Oberkörper bedeckte. Ein Teil ihrer Haare war eingedreht und hochgesteckt. Ein feines weißes Tuch ging daraus hervor, das weit über die Schultern reichte.

Rusan wartete, bis alle Menschen verstummt waren. Dann hob er den Kopf und sprach - laut und deutlich - wohlwissend, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren:
„Unschuldige Männer, Frauen und Kinder mussten sterben. Doch mit seinem Tod und mit dem Tode König Haffrens muss der Hass ein Ende haben! Eine neue Zeit bricht an – eine Ära des Friedens!“

Als das Volk das Wort „Friede“ hörte, erklangen vereinzelte Jubelschreie. Fürst Rusan hob seine Hand, um Ruhe zu gebieten.

„Wir alle kennen die Gerüchte, die sich um den Hingerichteten drehen. Wir alle glaubten, ihn zu kennen. Doch nun gibt es Gründe, die mich daran zweifeln lassen.“

Mehr würde er heute dazu nicht sagen, denn dafür war es noch zu früh. Das Volk würde es nicht verstehen. Wie sollte es das auch? Er konnte es ja selbst kaum glauben.  

„Zu viele Fragen sind noch ungeklärt, um Euch zu dieser frühen Stunde zu unterrichten. ... Vielleicht denken jetzt viele, dass die neue und alte Königin der Kjer verrückt sei, doch das ist nicht wahr! Ich selbst konnte mich davon überzeugen. Die Königin trifft auch keine Schuld am Tode meines Bruders. Es war ihr Gemahl, der sie aus eigennützigen Gründen für verrückt erklären hatte lassen, um die Macht an sich zu reißen. König Haffren war es, der die Ermordung Kedars in Auftrag gegeben hatte. ... Ich bin mir sicher, dass seit zwei Winterdekaden Frieden zwischen Kjer und Nirvard herrschen würde, wenn Königin Naisee an der Macht gewesen wäre.“

Er machte eine Pause, um den Menschen Zeit zum Nachdenken einzuräumen.

„So viel steht fest! Sajidarrah und Tejidannar hätte es nie gegeben! Mein Arm würde nicht nutzlos herunterhängen! So viel steht fest!“
Rusans Wangen zuckten und er verzog sein Gesicht, ehe er den Kopf hob und schrie:
„Und ich wünschte, ... ich wünschte anstatt des ersten Heerführers wäre König Haffren an diesem Kreuz gestorben!“

Auf dem Platz war es mucksmäuschenstill. Niemand traute sich auch nur einen Finger zu rühren, als spürten sie die hilflose Wut, die in Rusan brodelte.

„Sei es, wie es ist. Niemand ist in der Lage die Zeit zurückzudrehen. Nun aber ist die Zeit gekommen, um einen Neuanfang zu wagen. Deshalb sind wir hier. Der Tod des ersten Heerführers soll nicht umsonst gewesen sein. Sein Tod hat uns zusammengeführt. Wir haben uns vor seinem Kreuze eingefunden, um all den Toten der letzten zwei Dekaden zu gedenken, egal ob Kjer oder Nirvard. Für alle Opfer des Krieges!“

Rusan drehte sich zu Niegra um und flüsterte ihr etwas zu.
Nachdem er geendet hatte, trat sie mit ihren Schwestern vor. In der gleichen Formation wie eben stellten sie sich in einem Halbkreis vor das Kreuz.

Jede der Frauen trug eine kleine Fackel, die auf einem Rund aus Silber angebracht war. Die Frauen, die in der Mitte der Reihen positioniert waren, begann zu singen.
Es war ein Klagegesang, der zu Bestattungszeremonien vorgetragen wurde, wobei das Solo in einer hohen Stimme erklang und alle anderen nach jeder Strophe mit dem Refrain antworteten:

Alles hat seine Stunde.
Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.

Eine Zeit zum Schweigen – und eine Zeit zum Reden.
Eine Zeit zum Töten – und eine Zeit zum Heilen.
Eine Zeit zum Niederreißen – und eine Zeit zum Bauen.
Eine Zeit zum Spielen – und eine Zeit des Ernstes.

Alles hat seine Stunde.
Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.

Das Klagelied zog sofort alle in seinen Bann. Eine nachdenkliche und bedächtige Stimmung erfüllte die Herzen der Menschen. Anstelle des ungläubigen Gemurmels, das nach Rusans Rede ab und an vernehmbar gewesen war, traten nun Ruhe und Besinnlichkeit.

Rusans Atem kam in harten Stößen. Sein tauber Arm kribbelte schon wieder und so hob er verstohlen seine gesunde Hand, um daran zu reiben.
Endlich hatte er Zeit, um sich umzusehen:
Sowohl der Adel als auch alle anderen standen ruhig da und lauschten dem Gesang. Jeder schien von der traurigen Stimmung ergriffen.

Viele von ihnen hatten Tote oder Verletzte zu beklagen. Ein paar von ihnen kannte er persönlich. Darunter die Frau seines Hauptmanns, die vor drei Wintern ihre Familie an der nördlichen Grenze besucht hatte. Dort war sie einem Überfall der Kjer zum Opfer gefallen. Sie hatte leicht verletzt überlebt, doch ihr Bruder war dabei ums Leben gekommen.
Der Überfall war wiederum ein Vergeltungsschlag gewesen, da die Nirvard einen Handelstrupp überfallen hatten, um Getreide in ihre Gewalt zu bekommen, denn die Ernte war bei ihnen aufgrund der langen Trockenperiode zu gering ausgefallen.
So ging es vielen! Jeder hatte ein Leid zu beklagen.

Eine Zeit zum Weinen!
Eine Zeit für die Klage – und eine Zeit für den Tanz.
Eine Zeit zum Steinewerfen – und eine Zeit zum Steinesammeln.
Eine Zeit zum Umarmen – und eine Zeit die Umarmung zu lösen.

Aber die Menschen, die am schwersten betroffen waren, hatten ihre Anverwandten als Unfreie verloren. Für sie war es unmöglich, den Gedanken an ihre Lieben, egal ob Mann oder Frau, zu verbannen, da sie aus Augenzeugenberichten ehemaliger Gefangener wussten, was diese als Sklaven bei den Kjer zu erwarten hatten. Und doch waren sie wie Tote, denn sie würden nie wieder zurückkehren. Nur durch Verhandlungen über einen gegenseitigen Austausch von Gefangenen wäre es möglich, sie wieder in die Arme schließen zu können. Doch das war in den letzen zwanzig Wintern genau zwei Mal geschehen und das nur, weil Kjer-Krieger aus einem Adelsclan betroffen waren. Ansonsten hatte sich Haffren nie auf einen Austausch eingelassen, so, als bedeute ihm das Leben eines einfachen Mannes nichts.

Rusan fragte sich immer wieder, wie er die Kaltherzigkeit Haffrens hatte übersehen können! Wahrscheinlich, weil seine Wut einzig und alleine Naisee und ihrem Vater gegolten hatte. Sein Hass auf sie hatte ihn für alle anderen Gesichtspunkte blind gemacht!
Doch jetzt, wo er die Hintergründe kannte, ergab so manches einen Sinn und fügte sich zu einem schlüssigen Bild zusammen.

Nun, bald würde sich zeigen, wie Naisee mit so etwas verfahren würde. Man konnte nur hoffen, dass in Zukunft solche Austauschverhandlungen häufiger zustande kommen würden.

Eine Zeit zum Suchen – und eine Zeit zum Verlieren.
Eine Zeit zum Behalten – und eine Zeit zum Wegwerfen.
Eine Zeit zum Zerreißen – und eine Zeit zum Zusammennähen.
Eine Zeit zum Pflanzen – und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen.

Alles hat seine Stunde.
Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.

Als er seine Augen über den Platz wandern ließ, blieb er beim Gesicht seines Neffen hängen. Er fiel aus der Reihe, weil er als einziger erbost dreinschaute, während alle anderen einen besinnlichen Ausdruck wahrten.
Man konnte deutlich sehen, dass ihm nicht gefiel, was hier passierte, und das, obwohl er ihm erzählt hatte, dass er mit dem Blutwolf verwandt war. Ahmeer hatte es nicht fassen können und seine Meinung darüber mit Abscheu kundgetan.

Eine Zeit zum Lieben – und eine Zeit zum Hassen.
Eine Zeit für den Frieden – und eine Zeit für den Krieg.
Eine Zeit zum Gebären – und eine Zeit zum Sterben.

Natürlich konnte Rusan sich denken, warum. Und es würde nicht mehr lange dauern und er würde erfahren, was zwischen ihm und Lijanas vor sich ging. In ein paar Minuten wäre das Totengedenken vorbei und er würde in seine Gemächer zurückkehren können.

Es war richtig gewesen, ein Totengedenken zu zelebrieren.
Jeder, der das Wort „Bestie“ jetzt noch in den Mund nahm, würde sich zwangsweise fragen, was er mit der Andeutung von Zweifeln gemeint hatte. Gleichzeitig hatte er ihnen einen anderen Schuldigen geliefert. Das Volk brauchte einen Schuldigen und deshalb hatte er den Namen nur allzu gerne verkündet. Haffren! Sollte er doch in den Ewigen Labyrinthen verfaulen! Alles wäre anders gekommen, wenn er nicht gewesen wäre. Das stand fest.

Doch er musste in Rücksicht auf das Volk besonnen vorgehen. Das hier war nur ein erster Schritt. Und bald schon würde der Wind aus einer anderen Richtung wehen.
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