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Chummer

von Einhard
GeschichteSci-Fi / P12 / MaleSlash
16.09.2012
16.09.2012
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16.09.2012 679
 
Zeit.
Eine beständig unter Druck setzende, rein relative, mathematisch-künstliche Einteilung der Natur, ein viel zu enges Korsett, indem man sich wand und stetig mehr verstrickte.
Ein Zwang. Ein Ergebnis der Wissenschaft. Unnütz. Nervend. Langweilig. Einengend. Abstoßend. Widerlich. Unnatürlich.  
Lustig.
Zu beobachten, aus den Augenwinkeln und den Schatten heraus, wie sich die beseelten Leiber diesem seltsamen, seelenlosen Konstrukt unterordneten, sich abhetzten, sich selbst gefangen nahmen, einsperrten...  
Tztztz...
ER schüttelte amüsiert den Kopf und er tat es IHM nach.
Nein, nein, nochmals nein, er und ER würden das nie verstehen, nein. Wie konnte man sich derart seiner Freiheit berauben, sich von der Natur, der allumfassenden Ordnung des Chaos lösen?
ER sah ihn mit vorwurfsvollem Blick an, schnaubte verächtlich.
Er zuckte lächelnd die schmalen Schultern, was soviel heißen sollte, wie „es war ja auch Deine Idee“.
Außerdem, so sagte er IHM lautlos, denn das gesprochene Wort war nur selten wirklich zwischen ihnen nötig, außerdem ist die Natur selbst hier. Irgendwo. Er blinzelte. Gut versteckt?
ER legte den Kopf leicht schräg. Hätte ER Augenbrauen gehabt, hätte ER sie bestimmt jetzt angehoben. Aber es sah fast so aus, als würde ER die Stirn kraus ziehen, fand er.
Es gibt hier Leben, meinte er nach einem Moment des Nachdenkens. Jajaja, er rollte mit den Augen, als ER deutlich SEINE Verachtung zeigte, ich weiß ja auch, daß die Weite fehlt. Das lebendige Grün. Und es stinkt.
Voller Sehnsucht sahen sich zwei Augenpaare in beiden Welten um. Die farbenfrohe Tristheit der Stahl- und Beton-konstruktionen -Menschenhand geformte Materie, die jetzt tot war, einst aber im Schoß Gaias ruhte- machte beiden zu schaffen, waren sie doch scheinbar endlose Weiten von Grasmeer gewohnt. Das kalte Neonlicht –so grell, das man kaum die Sterne sehen konnte- schmerzte in den Augen
Statt dem stolzen Schrei des Adlers –ER schnappte tatsächlich nach Ihm, aber doch mehr spielerisch- war der monotone Singsang zahlreicher Elektromotoren zu hören, das fröhliche Plätschern der Flüsse wurde durch Satz- und Wortfetzen derjenigen ersetzt, die das hier eine Heimat nannten, ihr Zuhause. Und es roch intensiv nach Benzin, Schweiß, Blut und Exkrementen.
Kopfschütteln.
Und doch – genau das war es doch, was sie beide hierher getrieben hatte, wie der süße, schwere Duft von frischem Aas.
Auch diesen Teil der Welt erleben, sehen, fühlen, schmecken, riechen.

Der stämmige Rastalocken-Ork im dunkelgrauen Duster stand lässig neben die rostrote, zerkratzte Tür gelehnt, die Hände in den Taschen und einen glimmenden Zigarrenstummel zwischen Mundwinkel und Hauer geklemmt.
Über ihm blinkte hektisch und in grellem neongrün der Runenartige Schriftzug ORCIZH PARADIZE; erhellte für Sekundenbruchteile die Nacht in der Straße.
Die Zigarrenspitze glühte kirschrot auf und aus der Dunkelheit näherten sich Schritte; ein Pärchen näherte sich engumschlungen.
Vor dem Ork mit der schief zusammengewachsenen Nase blieben sie stehen und er –ein Pinkel in Designerklamotte, jung und gutaussehend- langte nach dem Türgriff, während sie –ein noch recht junge Orkin im unzweideutigem Dress- ihrem Artgenossen freundlich zunickte.
Ganz ruhig, aber bestimmt legte der Ork dem Norm die rechte Hand auf die breite Brust.
 „Nur für Orks.“
Seine Stimme war rauh und kratzig, wie eine alte, abgenutzte Feile, die über Stahl schrubbt.
Der Pinkel warf seiner Begleiterin ein kurzes, zähne-blitzendes Lächeln zu und griff in die Hosentasche, holte ein dickes Bündel Scheine hervor und hielt es dem Türsteher unter die breite Nase.
 „Ich Ork jetzt sein, Chummer?“
Tunnelsprech wie aus einer drittklassigen Trivid-Soap.
Der Ork beachtete das Geld nicht, schüttelte nur ganz leicht den Kopf.
 „Nur für Orks.“, wiederholte er etwas gereizter.
Die linke Schulter des Menschlings zuckte kaum merklich und er wich einen Schritt zurück, holte zu einem wuchtigen Schwinger aus, als auch schon die Linke des Türstehers hochzuckte und Matsch aus der Strahlemannvisage machte.
Der Schockhandschuh tat ein übriges und der Pinkel kippte ächzend nach hinten, sackte auf dem schmalen Gehsteig wimmernd zusammen.
Die Orkin bückte sich an seine Seite und versuchte ihn wieder auf die Beine zu ziehen, während sie ihrem Metabruder einen entschuldigenden Blick zuwarf.
Die Zigarrenspitze glühte auf, als er ihr ruhig zunickte.

Er und ER schüttelten synchron den Kopf und zogen lautlos weiter.
 
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