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Russisch Roulette

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Fuji Syusuke Tezuka Kunimitsu
16.09.2012
18.04.2015
14
16.198
 
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16.09.2012 1.249
 
Mit Erleichterung lehnte Nioh seine erhitzte Stirn gegen das kühle Spiegelglas. Seine eigenen Augen blitzten ihm gerötet und grimmig entgegen. Es tat gut, er hasste es zu weinen. Dennoch fühlte er sich besser. Irgendwo mussten noch Schmerztabletten herumliegen.
„Masa-Mausi, wie lange willst du noch das Bad belegen? Ich will heute noch ins Bett“, meldete sich seine grosse Schwester zu Wort, die ungefragt das Bad betreten hatte. Nioh fragte sich nicht mehr bei seinen Geschwistern. Unerlaubte Dinge zu tun lag irgendwie in der Familie, dazu gehörten verschlossene Dinge zu öffnen so dazu wie Nachts aus Fenstern zu klettern.
„Bin beschäftig. Schönheitspflege und sowas. Du weisst schon“, antwortete Nioh und ärgerte sich über seine eigene kratzige Stimme.
„Ooh diese Schönheitspflege kenne ich gut…soll ich dich nur knuddeln oder willst du mir die Fingernägel schön anpinseln während du deiner grossen, lieben, süssen Schwester erzählst wer meinem kleinen Brüderchen das Herzchen so gemein gebrochen hat?“, plapperte sie und Masharu hasste sie dafür. Sie waren sich einfach zu ähnlich.
„Ich hab es mir selbst gebrochen…“, entgegnete er unwillig. Er sprach nie gerne über seine Gefühle, und er wollte es nicht unbedingt auch noch seiner Schwester erzählen. Schlimm genug, dass er einen wirklich jämmerlichen Anblick bot. Dennoch konnte er nicht bestreiten, dass die Umarmung gut tat. Seine Schwester war gleich gross wie er selbst, aber er würde noch wachsen und sie überholen.
„Dummer kleiner Bruder…“, neckte sie ihn liebevoll. Mit einem Kuss auf die Wange überliess sie ihn wieder sich selbst. Ihre Kosmetika und die Haarbürste entführte sie jedoch skrupellos.

Sanadas Zimmer war typisch japanisch. Den Futon hatte er bereits ausgebreitet, die Aufgaben erledigt und die Schultasche schon vorbildlich gepackt. Während Sanada ihm am Tischchen im Seiza gegenüber sass, hatte sich Nioh für einen bequemen Schneidersitz entschieden. Das Rollbild konnte er nicht lesen, die Zeichen waren so kunstvoll kalligrafiert dass ihm der Sinn verborgen blieb. Sicher war es ein uraltes Haiku. Sanada schrieb ja selbst gerne welche, zumindest hatte Yanagi ihm das letztens anvertraut.
„Das nächste Mal wirst du wie jeder normale Mensch bitte deinen Besuch ankündigen“, wies ihn Sanada mit scharfer Stimme zurecht. Nioh senkte schuldbewusst den Kopf.
„Ich wollte deine Grosseltern wirklich nicht erschrecken. Aber sie hat mich auch erschreckt! Erst schimpft sie mich einen Geist, dann sei ich eine Schande für meine Eltern…“, klagte er missmutig, verstummte aber unter dem strengen Blick.
„Tut mir ja leid“, murmelte er reumütig. Das nächste Mal würde er sich geschickter anstellen und direkt durch den Garten in Sanadas Zimmer klettern statt durch die Übungshallen des Dojos in die Wohnräume zu gelangen. Ein auffordernder, unnachgiebiger Blick auf sich zu spüren war keine angenehme Erfahrung, doch alle Worte die sich Nioh zurecht gelegt hatte, waren verpufft. Statt an seine mühsam gesponnenen Fäden an denen er ziehen wollte zu denken, schwirrten nur noch Yukimuras Worte in seinem Kopf herum.
Sanada räusperte sich und Nioh hob etwas verpeilt den Kopf. Was von allem sollte er sagen? Unmöglich die Wahrheit.
„Das Training ist sehr nachlässig wenn weder du noch Yuki-Buchou anwesend seid. Auf Yanagi ist da einfach kein Verlass“, begann Nioh und hoffte, dass Sanada den eigentlichen Sinn in seinen Worten verstand. Die laute Aufforderung zurück zu kommen.
„Wir hatten familiäre Angelegenheiten zu besprechen“, entgegnete Sanada überraschend offenherzig.
„Aber das entschuldigt nicht, dass ihr das Training vernachlässigt, sobald wir nicht dabei sind! Ich habe von euch erwartet, dass ihr auch ohne Anweisung ein Training absolvieren könnt. Ich bin enttäuscht“, tadelte ihn Sanada jedoch sogleich. Nioh grinste breit und ungeniert ehe er wieder einen ernsteren Gesichtsausdruck aufsetzte.
„Ist es wegen Yukimura?“, fragte er vorsichtig.
Sanada wurde eine Spur blasser. Nun war er es, der den Blick abwandte.
„Nicht nur.“
„Sag schon…was noch?“, Nioh war wie eine neugierige kleine Katze, aber er konnte nichts dagegen tun.
„Ominai. Meine Eltern bestehen darauf“, antwortete Sanada zerknirscht. Es geschah selten dass Nioh die Fassung verlor, aber das hier war wenigstens ein guter Grund.
„Was?!“, rief er entsetzt aus und rang kurz theatralisch mit den Händen.
„Ein arrangiertes Treffen mit anderen Mädchen um eine potentielle Ehefrau zu finden“, erklärte Sanada unnötigerweise.
„A-aber du bist noch viel zu jung! Das macht man Mitte Zwanzig! Das ist doch nur für Leute, die es nicht hinbekommen jemanden anzusprechen!“ Niohs wachsende Panik liess sich kaum unterdrücken. Genau so wenig der Schmerz, der sich allmählich in seinen Zügen widerzuspiegeln drohte.
„Und überhaupt, wie willst du so jemanden finden, der zu dir passt?!“
„Nioh, beruhig dich. Ich bin auch dagegen, und habe bisher immer abgesagt“, erklärte Sanada und liess sich zu einem schweren seufzen hinreissen. Masaharu war es nicht gewohnt dass man ihm gleich nachgab und starrte Sanada verblüfft schweigend an.
„Das ist doch völlig….altertümlich. Dojo hin oder her, wir leben doch nicht mehr in der Edo-Periode! Auch wenn dir eine Samurairüstung sicher gut stehen würde. Ich meine…das sähe beeindruckend an dir aus…du weisst schon“, plapperte Nioh und schalt sich für seine unbedachten Worte.
„Danke“, antwortete Sanada skeptisch. Verärgert über sich selbst kaute Nioh an seiner Lippe herum. Es fiel ihm selten schwer, die Dinge in Bahnen zu lenken, aber wegen Fuji hatte er die Kontrolle plötzlich verloren. Schon wieder gegen Fuji zu verlieren war eine bittere Erfahrung gewesen, und sich seinen kindischen Spielchen zu fügen war zwar amüsant gewesen, aber sicher nicht das, was er wollte.
„Du hättest nicht herzukommen brauchen, um mit mir zu reden“, brach Sanada von sich aus die Stille und sah ihn mahnend an. Seine Grossmutter hatte Nioh erst für einen Geist gehalten und ihn, nachdem er beteuert hatte ein quicklebendiger Teenager zu sein, eine Schande für seine Eltern geschimpft. Mit solch weissen Haaren. Kein Wunder war Sanada mies gelaunt.
„Naja…du bist mir eben wichtig“, entgegnete Nioh ausweichend. Sein Herzschlag beschleunigte sich auf unangenehme Weise aber zumindest fühlte sich sein Gesicht nicht heiss an.
„Du bist wirklich ein besonderer Mensch. Du durchschaust dein Gegenüber und scheust dich auch nur selten, dich aufs Glatteis zu wagen. Aber ich wollte dich bei den Regulars, weil du einen ungemeinen Kampfgeist besitzt. Dass du so empfindsam bist hätte ich nicht gedacht. Ich hoffe dein Verhalten wird bald Verantwortungsbewusster.“ Er hatte Sanada selten so viel auf einmal reden gehört. Yukimura genoss diesen Luxus bestimmt viel öfter. Die schönen Komplimente konnte auch seine letzte Bemerkung nicht mildern. Das schmale Lächeln welches kurz in seinem Gesicht aufflackerte liess bei ihm eine Sicherung durchbrennen.
„Ich liebe dich!“ Er hatte es schneller gesagt als er wollte. Es lag ihm schon seit Wochen auf der Zunge. Dennoch fühlte er sich keineswegs erleichtert, als er mit mulmigen Gefühl Sanadas Geischt betrachtete, dass einen sehr ernsten Zug annahm.

Er hatte ihn ernst. sanft und bestimmt zurück gewiesen. Seine Schwester zerzauste ihm seit geraumer Zeit die Haare und sogar sein kleiner Bruder hatte es sich auf dem Sofasessel bequem gemacht.
„Armes Brüderlein, kein Wunder hast du geweint bis deine Augen rot und verquollen aussahen!“ Seine Schwester hatte die Arme um ihn gelegt und lag schon halb mit ihm auf dem Sofa. Es war schon ewig her seit sie zu dritt zusammen gesessen hatten. Das war schön. Dennoch würde er lieber mit Yagyuu darüber sprechen. Es gab niemanden, der ihn derart gut verstand, auch wenn er seine Geschwister liebte.
„Ich versteh dich nicht. Ich finde Yukimura-Buchou viel…bewundernswerter“, murmelte sein kleiner Bruder und versteckte sein Gesicht halb hinter seinen angezogenen Knien. Dennoch sah Nioh deutlich dass seine Wangen ein wenig gerötet waren. Verwirrt starrte er seinen kleinen Bruder an. Nein, er verstand manchmal wirklich nicht, was in seinen Geschwistern vorging.
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