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Nackte Wahrheit

von Einhard
GeschichteSci-Fi / P12 / MaleSlash
16.09.2012
16.09.2012
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16.09.2012 5.524
 
Groß-Frankfurt klingt nach einer homogenen Masse, einem Destillat aus alten Großstädten wie Aschaffenburg, der Universitätsstadt Heidelberg, dem AG Chemie-Plex Mannheim & Ludwigshafen, Darmstadt, Groß-Gerau, dem Slum Mainz, der Pinkel- und Exec-Enklave Wiesbaden, Hanau, Offenbach und eben dem namensgebenden Frankfurt, sowie den großen und kleinen Städten, Gemeinden und Dörfern, die dazwischen liegen; alles wirkt wie aus einem Guß, eingeschlossen von Rhein und Main, umgeben von Hessen-Nassau, dem zwergischen Großherzogtum Westrhein-Luxemburg, Badisch-Pfalz, Württemberg und Franken, beherrscht von Saeder-Krupp, AG Chemie, dem Frankfurter Bankenverein, Cross Applied Technologies und einer Handvoll anderer Konzerne.
Doch können weder politische noch wirtschaftliche Entscheidungen die Metamenschen tief in ihrem Inneren verändern oder gar die Geschichte rückgängig machen.
Manches ändert sich eben nie, nicht einmal dann, wenn die Welt ‚erwacht’ ist. Rudolph Steiner sprach ebenso wie C.G. Jung einst von Archetypen, die tief in unser Gehirn, unser Wesen, unsere Seele einprogrammiert seien – DNS war damals noch etwas völlig unbekanntes - vom Anbeginn der Zeit an und weit darüber hinaus. Wie recht er gewissermaßen hatte, zeigte sich ab dem Weihnachtsabend 2011, als Elfen und Zwerge wiedergeboren wurden, 2012 als der Großdrache Lofwyr erfolgreich anstalten machte, zu einer der ganz großen Nummern unter den Aufsichtsratsvorsitzenden der Megakons zu werden, 2014 als die Magie von einem dummen Aberglauben zu etwas sehr, sehr realem wurde und mit der ‚Goblinisierung’ von Ende April 2021, als ein gutes Zehntel – wir gründlichen Teutonen lagen rund 5 % über dem statistischen Durchschnitt, was das anbelangte - der Weltbevölkerung zu Orks und Trollen mutierten. In den kommenden Jahren gefolgt von weiteren Mutationen, die Vampire, Werwölfe, Ghule und andere Grimmsche Märchen- und Sagengestalten wiederbelebte; die Magie und die alte Welt, jetzt bekannt als die ‚6. Welt’ nach den Vorstellungen der längst vergangenen Maya-Kultur, waren scheinbar endgültig zurückgekehrt. Wahrlich Bunte Republik Deutschland.
Doch obwohl sich buchstäblich alles um sie herum veränderte, zerbrach die Menschheit nicht zu einem wimmernden Häufchen Elend, sondern überlebte erneut, fand sich scheinbar mit den Geschehnissen ab und lebte im Grunde weiter, wie bisher auch; gefangen im Fortschrittswahn, den Zenit der Kultur deutlich überschritten, doch nicht bereit unterzugehen, wie zuvor die Dinosaurier, die Ägypter, die Griechen, die Römer, Byzanz und das Heilige römische Reich teutscher Nation. Statt dessen gründete man die Allianz Deutscher Länder.
Groß-Frankfurt. Jeder kennt die Geschichte der Anarchen-Hauptstadt Berlin, die schlußendlich doch befriedet, wieder in die Reihe der konzerntreuen Ballungszentren eingegliedert wurde. Doch über das, was unter der blitzblank polierten Oberfläche Groß-Frankfurts abgeht, darüber schweigt man, könnte es doch den schönen Schein der Hochglanzbroschüren beschmutzen, zeigen, daß es zwischen Rhein und Main auch nicht anders ist, als, nun - anderswo.
Also erfährt man nichts von den alten Konflikten zwischen Mainz und Wiesbaden - die jetzt im Prinzip ein Sprawl, verschiedene Seiten einer Medaille, sind - noch aus der grauen Vorzeit nach dem Ende des sogenannten 2. Weltkrieges, des Tausendjährigen Reiches unter der Führung eines kleinen österreichischen Gefreiten und dem Bemühen der Alt-Mainzer Ortsteile Amöneburg, Kostheim und Kastell, sich aus dem Griff Wiesbadens zu befreien. Mittlerweile wollen die drei Ortsteile – so nannte man das wohl früher – ihre völlige Unabhängigkeit von Mainz-Wiesbaden. Träumen darf jeder.
Und man hört ebensowenig über die alte Feindschaft, die Mißgunst der ehemaligen Gemeinden Ginsheim, Gustavsburg, Bischofsheim, Rüsselsheim, Raunheim und Bauschheim, die mittlerweile nach der großen Flut de facto als Mainspitz-Plex zusammengewachsen sind und zwangsvereint wurden.
Es ist keine wirkliche Feindschaft, im Sinne von Haß, die die Beziehung der einzelnen Plexbezirke untereinander kenn-zeichnet, doch spürbare Ressintements sind allgegenwärtig an der Tagesordnung, gehören einfach zum guten Ton untereinander. Sozusagen: Tradition.
Aus ähnlich grauer Vorzeit stammen Gangbezeichnungen, wie ‚Opelaner’ (größtenteils aus Rüsselsheim), ‚(Eisen)Bahner’ (Bischofsheim), ‚Altrheiner’ (Ginsheim), ‚SchwedenMAN’ (‚Klein-Venedig’ Gustavsburg) und ‚Massa-Realos’ (Bauschheim).
Ergründet man den Mikrokosmos, den der Mainspitz-Plex bildet, noch tiefer, so stößt man z.B. im Sektor Bischofsheim auf altertümlichen Lokalkolorit wie ‚Neu-Istanbul’, ‚Klein- Ankara’, ‚Peking’, ‚Jerusalem’ und ‚Böckler-Siedlung’, womit einzelne Straßenzüge und ganze Blocks gemeint sind.
Der Mainspitz-Plex bildet ein inoffizielles Sammelbecken und eine halbwegs sichere Zuflucht für diejenigen, die im übrigen Sprawl oder gar der restlichen ADL in den Schatten arbeiten; hat sich bei aller Industrialisierung doch ein bißchen Ländlichkeit beibehalten - nur sollte man weder im Rhein noch im Main baden oder angeln - man kennt sich und beobachtet Besucher aus den umliegenden Sektoren, Plexen und Ländern aufmerksam und argwöhnisch.
Ich weiß das, denn mir ging es nicht anders und selbst nach einigen Jahren hier, bin ich im Grunde das, was die Bayern, Franken und Österreicher – Hannibals fußkrankes Volk am Ende der Alpen einem alten Scherz zufolge – ‚Zugroister’ nennen.
In meiner – zumindest zur Zeit sehr raren – Freizeit mache ich nichts anderes, als in meinen vorherigen Leben und Berufen: überleben.
Im großen und ganzen läuft es in beiden Fällen auf das gleiche hinaus: ich inhumiere – ‚geeken’ oder ‚Wetwork’ klingt mir doch zu abgedroschen, daß neue Wort habe ich einem Klassiker des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts entlehnt - andere Personengruppen, wenn auch längst nicht mehr so elegant, wie früher – oder auch nur so oft.
Eigentlich hätte ich einen derartigen Lebensstil nicht nötig gehabt, nein – ich könnte mitschwimmen, im oberen Mittelfeld, auf der Welle der Kon-Junkies, aber dazu bin ich wohl zuviel Freigeist, genieße die Unabhängigkeit, die Illusion der Freiheit, auch wenn die übliche soziale und rechtliche Absicherung weitestgehend fehlt.
Aber hat nicht alles im Leben zwei Seiten?
Ich hatte ein echt tolles Leben, Mann.
Ja, mir ging es wirklich gut, damals; ich war Teil der Gesellschaft, offizieller Teil. Arbeitsamer Teil. Hatte ’ne echte SIN und ein ruhiges Zuhause. Im Schoß des Konzerns.
Kein Exec, aber nahe genug dran – ein Pinkel eben.
Drek, meine Konzentration läßt etwas nach, Moment.
So, besser - wo war ich stehen geblieben?
Meine Eltern waren Stino-Norm’s im unteren Management einer der zahllosen Tochtergesellschaften der scheinbar all-gegenwärtigen Präsenz von Saeder-Krupp und damit war mein Leben eigentlich vorherbestimmt und festgelegt, noch ehe ich geboren wurde. Doch glücklicherweise – für mich – neigten auch meine Erzeuger zu einer gewissen Sentimentalität und Nachsicht, wenn es um die Bedürfnisse ihres Nachwuchses ging und außerdem hielt sich ja wenigstens meine ältere Schwester an die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln und fand ihren endgültigen Platz bei Lofwyr’s Spielzeug, während ich mich hemmungslos der Egomanie hingab und ganz hoch oben auf der Welle der Elfenposer mitschwamm.
Mit 16 hatte ich wohlgeformte spitze Ohren, mit 18 meinen ersten Reflexbooster, nachdem man Jahre zuvor schon festgestellt hatte, daß ich über keinerlei magisches Talent verfügte, und einen Sprachlehrer für Speherthiel, der Kunstsprache der echten Elfen, unterstützt von entsprechender Linguasoft. Dies mag übertrieben erscheinen, aber zum einen war ich ein verwöhntes Bürschchen und zum anderen unterstützt es tatsächlich den Lernprozeß; versuchen sie es ruhig einmal.
Nebenbei sozusagen besuchte ich selbstverständlich die hauseigenen Schulen, die mich in ein loyales und voll funktionstüchtiges Zahnrädchen im Getriebe der modernen Drachenhöhle verwandeln sollten. Mein Interesse galt primär den technischen Bereichen und Waffen aller Art, so daß es nicht wirklich ein großer Zufall war, der mich nach meinem Abschluß zur Konzernsicherheit brachte, schließlich gab man sich die größten Mühen, angeborene Charakteristika zu stärken.
Meine Vorgesetzten lobten meinen Lerneifer und meine Kollegen respektierten mich: nichts stand einer sprichwörtlichen Bilderbuchkarriere im Weg, abgesehen von meinen persönlichen Neigungen natürlich, die selbst der regelmäßige Loyalitätscheck nicht aufgedeckt hatte.
Als ich der Meinung war, alles gelernt zu haben, was nötig war und auch genug Cyberware implantiert bekommen zu haben –Chipbuchse, Cyberglubscher von Zeiss mit Infrarot, Blitzkompensation, Restlichtverstärker, einer elektronischen Vergrößerung und einer hippen SOTA-Erweiterung auf eigene Rechnung, die mir die Iris eines Falken gab, Lauschlappen mit Audioverstärker und Dämpfer, dazu Kunstmuskeln und natürlich eine Smartgunverbindung; was der etwas bessere Konzerngardist nun mal so braucht - um meine eigenen Interessen durch- und umsetzen zu können, verließ ich den Konzern, ohne mich großartig um Kündigungsklauseln – oder um das Schicksal meiner Familie - zu kümmern. Jeder ist sich selbst der nächste, egal was die Bibel oder der Konzernleitfaden sagt. Nein, ich kann für diesen Schritt keine moralisch vertretbaren Gründe aufführen; letztlich war es nichts anderes, als...
Tja, Egomanie nannte ich schon, vielleicht sogar der wirkliche Wunsch, mich im beinahe sagenhaften Elfenreich Pomorya niederzulassen – auch wenn ich nicht ganz glauben kann, jemals so naiv gewesen zu sein - dazu noch eine Prise Freigeist – hatten wir auch schon, ich weiß - und Abenteuerlust und spätjugendliche Rebellion... Un’ sicher wollt’ ich auch nich’ ... nicht einfach nur eine Drohne sein, eine Nummer, sondern jemand, der wirklich etwas bewegte, sein Schicksal selbst in die Hand nahm, kein Hänschen sondern Hans. Oder Hanns.
Ein bißchen von allem eben, nichts handfestes, greifbares, nichts, was eine politisch korrekte Entschuldigung sein könnte, denke ich.  
Egal.
Nun, wenigstens meine Schwester, Juliane heißt Sie, hat es wohl einigermaßen unbeschadet überstanden, soweit ich hörte, auch wenn Sie nach wie vor nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen ist, denke ich. Typisch Sararimann. Beziehungsweise –frau. Aber das is’ ihre Entscheidung.
Natürlich hat mir gerade in der Anfangszeit und bei der Vorbereitung meiner ... Desertation klingt so negativ, Flucht zu feige und Lebensumorganisation zu abgehoben ... Als ich meine Sachen – und ein wenig Konzerneigentum – packte hat mir der Umstand sehr geholfen, daß mein inzwischen seliger Vater häufiger als Schmidt eingesetzt wurde und es mit der Geheimhaltung innerhalb der Familie nicht immer so genau nahm, wie es sich Seine Vorgesetzten wohl gewünscht hätten.
So hatte ich doch eine recht gute und konkrete, ja, handfeste Vorstellung davon, wo und wie ich Helfer finden konnte, um den Berliner Saeder-Krupp-Sektor schnellstmöglich zu verlassen, auch wenn mir von Anfang an klar war, daß man natürlich nirgendwo vor einem Drachen sicher sein kann, wenn man Seine Aufmerksamkeit erst einmal erregt hat.
Weswegen sich das Barvermögen, welches ich mir von einem angeblich sicheren Kon-Konto mit den ID-Daten meines Vaters unberechtigterweise abhob, auch nur auf knapp unter Hunderttausend Ecu belief. Wirklich nicht genug, um einen Drachen oder einen Kon langfristig zu beunruhigen, meiner Meinung nach. Außerdem ließ ich deutliche Spuren zurück, die beweisen sollten, daß ich keineswegs versucht hatte, an Konzerneigene Daten heranzukommen, um diese dann auf dem freien Markt zu verkaufen. Man darf das Schicksal nicht allzuoft herausfordern, würde ich sagen.
Die Strategie funktionierte jedenfalls weitestgehend; ich bekam lediglich eine Kugel in die Schulter und dafür blieben die Leichen zweier ziviler Sicherheitskräfte – bis vor kurzem meine Kollegen - im Hamburger Hafen zurück.
Nun, im Laufe der Zeit kristallisierte sich erwartungsgemäß heraus, daß meine Ausbildung und die Implantate zwar einen recht soliden Grundstock für meinen weiteren Lebensweg bildeten, aber eben nicht mehr - und natürlich lachten mich die Spitzohren im Herzogtum nur aus, sagten, ich dummer Poser solle doch wieder nach Hause gehen. Obwohl ich dadurch doch unbestreitbare Vorteile gegenüber manchem Mitbewerber hatte, auch wenn mir keine Alphaware implantiert worden war.
Und das es – gerade auch in der ADL – recht schwer sein kann, ohne einen Namen, der mit einer gewissen Reputation verbunden ist, vorwärts zu kommen; zumal, wenn einem die Vergangenheit wie Blei anhängt.
Einem Aussteiger, einem Ex-Pinkel, einem freischaffenden Konzerngardisten gegenüber sind die ‚echten’ Runner, also diejenigen, die auf der Straße groß wurden und nicht in den behüteten, heiligen Hallen einer Konzerneigenen Arcology, irgendwie immer sehr mißtrauisch eingestellt; was man den Jungs & Mädels aber wohl kaum verübeln kann, immerhin leben sie davon, sich mit den Megakons und deren Ablegern anzulegen und man arbeitet im Regelfall nur mit ansatzweise vertrauenswürdigen Chummern – oder Hawara wie man in der nachbarschaftlichen Alpenrepublik so schön sagt - zusammen, wenn man irgendwann den Altersruhestand halbwegs unversehrt erreichen will. Tja - und wer traut unter diesen Bedingungen schon einem Verräter, wenn dieser darüber hinaus offensichtlich ein Elf ist. Trau keinem Elf ist mehr als ein geflügeltes Wort unter den Schattenläufern, wie mir recht bald und deutlich bewußt wurde.
Es war wirklich hart, anfangs. Doch man bringt es als Freiberufler ohne SIN auf der Flucht vor einem Drachen nicht sonderlich weit, wenn man nicht härter ist, als die anderen und in der Lage ist, zu wissen, wann man mit wem fair spielen muß – und wann besser nicht.
Die ersten Runs, an denen ich unter dem Straßennamen Rellik  - das ist ‚Killer’ rückwärts und kam mir damals so gottverdammt cool vor; heute sehe ich es mehr als eher peinlichen Ausrutscher, den ich mit meiner Jugend entschuldigen will - teilnahm, waren eigentlich nicht der Rede wert; für unsere Auftraggeber waren wir wenig mehr, als billiges Kanonenfutter, aber wenigstens machte ich mir in monatelanger Arbeit einen Namen als zuverlässiger Straßen-samurai mit technischem Verständnis und guter Treffsicherheit.
Gelernt is’ gelernt – also hab’ ich versucht, daß Beste daraus zu machen. Wollte erst gar nich’ gegen Kons ziehen, aber ohne Moos nix los, sag’ ich mal und am Ende blieb nix anderes übrig. Nur Saeder-Krupp ging und gehe ich großzügig aus dem Weg; einmal das Schicksal herausfordern reicht eigentlich für meinen Geschmack.
Der übliche Weg in die Schatten eben, so ganz ohne Idealismus. Wer überlebt kommt weiter - und für die anderen interessiert sich letztlich niemand.
Obwohl man aus deren Fehlern hier und da vielleicht sogar etwas lernen kann.
Dabei kommt es aber natürlich auch noch darauf an, ob man sich als Team oder als Solist einen Namen macht; beides ist eine Möglichkeit. Im Team muß man die Erträge teilen, während man als Solist immer auf sich allein gestellt ist, selbst, wenn man mit einem Team zusammen arbeitet, was sich bei den wenigsten Aufträgen vermeiden läßt.
In unserer hochspezialisierten Zeit braucht man solides Knowhow in nahezu allen Bereichen um erfolgreich zu sein oder wenigstens lebend rein und raus zu kommen und ein Team bietet da natürlich den Vorteil, sich die jeweiligen Spezialisten mehr oder weniger sorgsam – und so gut wie immer auch abhängig von den Ecu – auswählen zu können; die so gewonnene Zeit kann man darin investieren, sich in seinem Arbeitsfeld weiterzubilden.
Hasso, ein Stammgast der so heißt, weil er zu seiner klassischen Gangermontur ein Hundehalsband mit einer Blechplakette trägt, auf dem dieser Name eingestanzt ist, in Gerber’s Café - dem Schuppen in dem ich meine halbwegs regulären Brötchen damit verdiene, auszusortieren, wer rein darf und wer nich’ – erzählt immer, wenn er in Bierlaune ist gerne von ‚Team Wolf’, auch als ‚Das Rudel’ bekannt; angeblich eine Spezialeinheit des Trollkönigreiches Schwarzwald, angeführt von einem Wolfsschamanen und ansonsten überwiegend aus Gestaltwandlern bestehend, ja klar. Obwohl – Tiere als Kanonenfutter würden auf jeden Fall metamenschliche Ressourcen schonen, irgendwie. Unser Hasso kommt dabei jedenfalls immer regelrecht ins schwärmen und man könnte beinahe meinen, er gehört dazu oder zumindest ins Umfeld, dabei weiß jeder hier, daß er ein einfacher Bauschheimer Bub ist.
Nun, klappern gehört wohl zum Handwerk, nich’?
Allerdings nützt es nicht sonderlich viel, ein relativ vollvercyberter Straßensam zu sein, der einer Fliege auf 100 Metern das linke Auge herausschießen kann, wenn man im Rücken einen Konzernmagier hat und vor sich eine solide Titantür mit den modernsten Schließeinrichtungen.
Nun ja, den meisten nützt es nicht viel; immer auch in Abhängigkeit der jeweiligen Umstände, versteht sich. Und ich spreche da aus eigener Erfahrung. Der Lohnmagier war zu langsam und das Türschloß hielt mich auch nicht lange auf, yeah. Aber eine gehörige Portion Glück gehört halt auch dazu.
Viele, die diese Erkenntnis erlangen, ehe sie zwischen den Interessen der Konzerne zermalmt werden, versuchen tatsächlich einen goldenen Mittelweg zu finden. Natürlich ist ein pseudo Allround-Genie in den einzelnen Teilbereichen nicht so gut, wie ein entsprechender Profi, der sich gänzlich in die eigene Fachmaterie vertieft hat, aber die Überlebenschancen und auch die Auftragslage liegen im Regelfall deutlich höher.
Dr. mag. Julius Goethe ist so ein Allrounder, zumindest, was die Magie anbelangt; ein Studierter aus Heidelberg, den es warum auch immer in die Schatten verschlagen hat; im Grunde geht es Ihm ähnlich wie mir, als Ex-Lohnmagier; ’türlich hat er den Vorteil eben Magier zu sein und sowas ist – vor allem mit einer vernünftigen, soliden Ausbildung und einem recht breiten Spektrum an Möglichkeiten – doch eher selten.
Aber egal wo, ob als Solist, Team, Spezialist oder Mädchen für alles – Konkurrenz belebt das Geschäft, drückt die Preise und Inhaltsschwere Worte wie ‚Ehre’ zählen letztlich nicht viel in den Schatten, auch wenn das mancher anders sehen will, was häufig daran erkannt werden kann, in welchem Rinnstein man die Überreste dieser hirnlosen Idealisten findet.
Paulchen –das ist der Präsi der NIKAB-Gang aus Bischem – ist so ein Kandidat. Dabei sollte es ein Ork doch besser wissen, nicht wahr?
Vertrauen basiert eigentlich auf der Menge an Ecu, die auf einem Ebbie platz finden, der freiwillig den Besitzer wechselt. Zahle mehr, als der oder die, die deinen Arsch wollen, und du bleibst im Geschäft. Ein ungeschriebenes und ewig gültiges Gesetz der Schatten.
Ganz einfach. Und zweckmäßig.
Was sollten die ganzen erfolgreichen Runner denn auch sonst mit ihren sauer verdienten Ecu anfangen – vielleicht eine einsame Insel irgendwo in der Südsee kaufen und darauf den Rest ihres Lebens als unumschränkter Herrscher verbringen?
Ich mag mich ja täuschen – aber für dieses SimSinn-Ideal gibt es wohl etwas wenig Inseln auf dem freien Markt, selbst, wenn man noch die verseuchte Nordsee mit dazu nähme. Und man währe dort, auf der einsamen, ansonsten unbewohnten Insel, ein gefundenes Fressen für diejenigen, die noch eine offene Rechnung begleichen wollen, finden sie nicht auch? Und von diesen Typen muß es unendlich viele geben, wenn man sich endlich eine Insel kaufen kann.
Dennoch – irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man mal wieder eine Entscheidung treffen muß. In den Fällen, die eben nicht den Rest ihres Lebens mit Kleinkram verbringen wollen; man sollte – selbst als Individualist und Möchtegern-Allrounder – etwas haben, in dem man wirklich glänzen kann.
Sich einen aktuellen Überblick über die Sekundärbereiche verschaffen, aber ein oder zwei Dinge wirklich, wirklich gut können. Talent- und Wissenssofts sind einfach eine geniale Idee, auch wenn es nicht das gleiche ist, wie selbst erarbeitetes Wissen, ganz klar. Aber es ist eben weitaus besser, als gar keine Ahnung zu haben. In meinem Fall habe ich jedenfalls entdeckt, daß mein ursprünglicher Wunsch geringfügig modifiziert tatsächlich gewinnbringend umsetzbar ist, nein - war.  
Für Geld andere Individuen endgültig von ihrer meist faden Existenzebene zu lösen, sozusagen. Um das nochmals in Erinnerung zu bringen. Auch mir selbst gegenüber.
Natürlich macht man sich dadurch nicht nur Freunde und deswegen ist das wichtigste vor Vertragsabschluß, zu wissen, um wen es sich wirklich handelt. Wer und was noch alles an dem Ziel hängt, ehe man voreilig sein Konto aufbessern will.
Was wiederum bedeutet, erstmal einen mehr oder weniger großen Haufen Ecu – oder in seltenen Fällen wie dem Rheinmainer auch anderes, doch dazu gleich etwas mehr - investieren zu müssen, um eine sinnvolle Entscheidung treffen zu können– was aber keine absolute Garantie dafür ist, daß auch die Informationen besser werden.
Liegt natürlich nicht jedem, wenn auch den meisten, die an ihrem Leben hängen, aber oft genug fehlt es eben an dem nötigen Kleingeld; gerade Anfängern.
Natürliche Selektion nennt man so etwas, würde ich sag’n.
Mein im Endeffekt knappes Startkapital war ziemlich schnell aufgebraucht, obwohl ich mir keine sonderlich großen Sprünge oder ein echtes Luxusleben erlaubt habe. Hätte auch nur unerwünschte Aufmerksamkeit erregt, nicht nur bei Saeder-Krupp, versteht sich.
Wer in den Schatten des Sprawl zu Geld gekommen ist und diese Tatsache jeden wissen läßt, wird kaum ein hohes Alter erreichen, nicht einmal als Ork.
Ein halbwegs gutes Stichwort übrigens, wenn auch etwas vorzeitig. Ich komme darauf zurück.
Glücklicherweise war ich aber nicht nur ein aufgewecktes Kerlchen sondern auch ein regelrechtes Glückskind. Kombiniert mit einer reellen Einschätzung der eigenen Mittel und Möglichkeiten und einem klaren Ziel vor Augen – überleben und dabei reich werden, mir einen Namen in den Schatten machen.
Nach einigen kleineren und größeren Jobs in und um Karlsruhe konnte ich mir verhältnismäßig schnell und oft den Luxus erlauben, mir meine Aufträge aussuchen zu können, sogar den ein oder anderen abzulehnen. Letzteres natürlich nur sehr höflich und stets gut begründet, schließlich weiß man ja nie, wann man sich mal wieder über den Weg läuft, nicht wahr? Im Grundsatz: immer zweimal im Leben, wenn nicht öfter. Wenigstens aber das erste und letzte Mal.
Abgedroschen, aber wahr.
Letztlich ist alles ein Spiel, ein sehr großes und gefährliches Spiel mit dem eigenen Leben als Haupteinsatz und ohne allzu feste, allen bekannten und verständlichen Regeln oder gar ein praktisches Benutzerhandbuch.
Der eigentliche Grund, warum diejenigen, die eigentlich ganz andere Möglichkeiten gehabt hätten, dieses Leben führen wollen. Ein absolut unvergleichlicher Kick, die beste aller Drogen. Ehrlich.
Die Frage, was einmal sein wird, wenn man alles irgendwie überlebt hat und einfach zu alt für den ‚aktiven Dienst’ geworden ist, sollte man besser nicht stellen, denn die Zukunftsperspektiven nach einem mehr oder weniger langen Leben als Runner sind nicht wirklich die allerbesten, ehrlich gesagt. Insbesondere dann nicht, wenn sich der Megakon, aus dessen Fängen man entronnen ist, durch die eigenen Aktivitäten wieder an einen erinnert – jetzt wissen sie die Bedeutung der genauen Ausleuchtung des Hintergrundes eines potentiellen Zieles wie zuvor beschrieben sicherlich zu schätzen; mir jedenfalls ging das so.
Zwar bietet es sich an, selbst einmal als Schieber – jetzt komme ich gleich wie versprochen auf den Rheinmainer zurück - zu arbeiten und die eigentliche Drecksarbeit und somit das größte Risiko offiziell den anderen zu überlasen, dafür sogar noch bezahlt zu werden – aber je länger man in den Schatten unterwegs ist, je mehr man sich damit seinen mehr oder weniger mageren Lebensunterhalt verdient, desto mehr Feinde und Rivalen sammeln sich auch an.
Nicht-Chummer, die nur darauf warten, bis sich eine passende Gelegenheit für eine Revanche ergibt.
Dennoch – sofern man dieses gesegnete Greisenalter erreicht, stellt es die naheliegendste aller Alternativen da. Von irgendwoher muß ja schließlich das Geld für den Lebensunterhalt kommen, wenn man selbst nicht mehr wirklich SOTA ist. Ich denke noch darüber nach. Manchmal.
Der als Rheinmainer bekannte Schieber – ich kenne seinen richtigen Namen nicht und auch sonst niemand, den ich kenne; sogar sein Geschlecht ist umstritten - ist da so eine Art Vorbild und Beispiel; ein cleveres Kerlchen, denn er arbeitet nur über die Matrix, tritt nie direkt in Erscheinung, sondern bleibt sicher im Hintergrund. Man erzählt sich, er – die meisten sagen ‚er’ und ‚der’, was daran liegen mag, daß die meisten eben Kerle sind - sei selbst in früheren Jahren als Decker eine ganz, ganz heiße Nummer gewesen und eigentlich noch gar nicht so alt ist. Hat sich angeblich auf dem Höhepunkt seiner Karriere zurückgezogen und umorientiert. Nun, man soll gehen, wenn’s am schönsten ist, wird er sich gedacht haben. Wenn man egal was wissen will – abgesehen von Fakten über Ihn oder Sie selbst - oder einen Job braucht – Rheinmainer fragen, da führt in der Mainspitze gar kein Weg dran vorbei. Coolerweise verlangt er nicht nur prall gefüllte Ebbies, nein, er macht auch gerne andere Tauschgeschäfte.
Tja – Rellik, mein alter Ego, jedenfalls war auch eine wirklich heiße Nummer, in nahezu jeder Hinsicht. Jedenfalls auf dem besten Weg dahin.
Bis diese Drek-Seuche, dieser Frag-Virus, zugeschlagen hat - und das in meinem Alter, war doch schon lange der Pubertät entflohen, ja, ein gestandenes Mannsbild mit Anfang der Mittzwanziger. Was meine weitere Lebensplanung doch gehörig über den sprichwörtlichen Haufen geworfen hat. Andererseits hat es mir wieder völlig neue Perspektiven eröffnet; schließlich sucht Saeder-Krupp ja nach einem Möchtegern-Killerelf, ne?
Trotzdem war mein selbstbestimmtes Leben, mein Straßenname, alle damit verbundene Reputation und vor allem ein Großteil der Cyberware erstmal futsch. Weg, einfach so, wegen der Gene oder was auch immer die Verwandlung letztlich wirklich ausmacht.
Kohle war erstmal nicht mehr viel zu machen, schließlich war bekannt, daß Rellik ein Löwenzahnfresser war und ich war ja nun ein Slot von Troggy, ein unschöner, grober Hauer eben und ein ausgefallener noch dazu. Ohne jede Ähnlichkeit zu meinem früheren Selbst. Außerdem hatte ich mich mittlerweile – aus falscher Sicherheit heraus und einfach, weil ich mit meiner Vergangenheit quasi abgeschlossen hatte und fälschlicherweise davon ausging, daß sie das ebenso handhaben würde - als dieser ultracoole Killerelf zu sehr exponiert; war nicht länger im Dunkeln der Schatten von Karlsruhe, sondern deutlich zu nahe an der Dämmerung, wenn sie verstehen, was ich meine.
Will sagen: ich war zwar Lofwyr und Saeder-Krupp mitsamt Ablegern, Subunternehmen, Holdings und was weiß ich noch mit meiner Arbeit nicht bewußt unmittelbar in die Quere gekommen, aber meine ‚Gastauftritte’ bei der Konkurrenz – und dem, ich sage nur Fuchi, was sich dafür hielt – hatten mir wie erwähnt zu einer gewissen Reputation verholfen, Namen und Gesicht in den Schatten bekannter gemacht. Und in den Schatten lauern immer auch – von Denunzianten, Neidern und Verrätern abgesehen - die Schmidts... Kurz gesagt: ja, man hatte mich sozusagen gefunden, vielmehr lokalisiert und wollte mir die fällige Rechnung präsentieren, was sonst. Ohne den Virus währe ich wohl nicht noch einmal durch die Maschen des Drachennetzes geschlüpft. So gab es ein paar Tote mehr auf der Gegenseite, was im Endeffekt natürlich nicht zu einer Entspannung der Lage beiträgt, schon klar.
Fünf, sechs kleinere Runs hab’ ich als Minotaurus – eine mediterrane Trollsubspezies, die ich wohl meiner griechischen Großmutter Persephone, gebürtig auf Kreta, zu verdanken habe – in Karlsruhe noch mitgemacht; da waren meine internen Kenntnisse der Gegenseite und meine bisherige Erfahrung – soweit ich dies alles rekapitulieren konnte - schon gefragt. Zum Killer aber reichte und reicht es nicht mehr wirklich, abgesehen von der ich-reiß-Dich-mit-bloßen-Händen-auseinander-Methode; ich bin trotz Reflexbooster zu langsam, unbeholfen und falle allein durch meine Größe viel zu sehr auf; von meinen imposanten Hörnern – blauschwarz und mit beigeweißen Spitzen - und der Schweineschnauze – mit dicken Chromring, wie ein Stier oder Ochse und bis jetzt hat es noch niemand geschafft, mir den Ring aus der Nase zu reißen, versucht haben es auch nur wenige, mal gar nicht zu reden - kann mich nicht länger in der Menge verbergen.
Genauer betrachtet: während ich früher – als Möchtegernelf – eher etwas auffälligere und teurere Kleidung vorzog, außer Dienst versteht sich - beschränkt sich mein aktuelles Arsenal diesbezüglich – Max & Maurice, zwei Mainzer Oger, Rigger, die oft bei uns abhängen, nennen mich deswegen auch schon mal ihren ‚dritten Zwilling’ - auf Synthleder (okay, ich habe für besondere Anlässe auch eine echte Lederjacke, die mir sogar paßt; hat eine große Stange Geld gekostet, ist aber echtes Rindsleder, dick, stabil und einfach – nun, cool) und Kevlar; auffällig bin ich eh; okay und die Preise haben sich nicht wirklich geändert, immerhin brauche ich XXXXL, also nur relativ preiswert, aber praktisch, zumal es die potentielle Drohung meiner physischen Präsenz – bei guten 293 cm bringe ich knapp 250 Kilo auf die Waage und unter der Fettschicht kann man kräftige Muskelstränge sehen, die mit Stahlseilen Ähnlichkeit haben, aber echt sind, mein Pelz (ja, so kann man die dichte, borstige Behaarung wohl nennen) ist mittelbraun, was nachts ganz gut tarnt; die Haare trage ich als Rastalocken zum Zopf gebunden, den Schnurrbart wie ein Mongole und in einen Kinnbart a la Gamsbock übergehend und beide Brustwarzen sind gepierct und mit mattschwarzen kevlarbezogenen Plast-Brustschilden nach römischem Vorbild gepierct - eindrucksvoll unterstreicht. Dazu noch die tiefliegenden Falkenaugen; ein Überbleibsel meiner Zeit als Elf; die Drähte und Kabel haben gehalten, gerade so; sind nur ein bißchen kurz.
Daraufhin hab’ ...
Ich habe also versucht, meine Kenntnisse und Fähigkeiten auf legalere Art und Weise an den Mann oder die Frau oder das Meta zu bringen.
Als Bodyguard; massiver Kugelfang für diejenigen, die gut zu zahlen bereit waren.
Der erste Job war auch ganz locker – der Typ, ein Brüter, brauchte was großes, imposantes, um damit anzugeben, wie unheimlich wichtig er doch ist - aber beim zwoten hätt’ ich mich mal besser informieren soll’n - war’n abgewrackter Mafiosi, Schmalspur-Itaker und die andere Seite die Bull’n. Hm, hab’s eben noch selbst gesagt: Information, die wahren Hintergründe, sind das A und O in der Branche. Hätte mal auf mich hören sollen, ne?
’kay – Karlsruhe hat mir dann nich’ mehr so gefall’n und ’n Chummer von mir empfahl mich als Teilzeit-Türsteher in’ner netten kleinen Kaschemme im Mainspitz-Plex, im sogenannten ‚SchwedenMAN’-Sektor, sprich: Gustavsburg. Dieser Name hat auch was mit einem Krieg vor wirklich langer Zeit zu tun, der angeblich 30 Jahre gedauert haben soll; es soll aber nur im Frühling und Sommer gekämpft worden sein und Schuld war – natürlich – die Kirche.
Weit ab vom Schuß und ich hab’ erstmal meine Ruhe, auch wenn die Ecu etwas mager sind. Viel zu mager, denn mein Stoffwechsel brauch einiges an Energie und das kostet. Insbesondere, wenn man eine Abneigung gegen Rind- und Schweinefleisch hat.
Bin jetzt aber kein Veganer, klar.
Wird also Zeit für’n neuen Run oder’n Typ, der etwas Schutz brauch’ - oder aber, endlich aus diesem Alptraum aufzuwachen – aber das bleibt wohl nur ein Traum. Wie sie sehen können, kann ich mich immer noch vernünftig artikulieren.
Jedenfalls, solange ich mich darauf ... konzentriere?
Ja, so heißt das wohl.
Übrigens sollte ich meine altbewährte Höflichkeit langsam auspacken, zeigen, daß ich etwas von Etikette verstehe, also:  ich wurde als Hans-Jochen Grabnowsky in Berlin geboren; Chummer nennen mich häufig ‚Joch’; bei den wenigen, die es aus den UCAS hierher verschlagen hat (speziell meine ich damit Doc Kruger, der wohl mal ein paar Semester Medizin an der UCLA studierte, dann für DocWagon tätig war, bis seine Drogendealerei aufgeflogen ist, vielleicht war er aber auch beim Militär oder auch bei einem der Megakons oder etwas in der Art; jedenfalls mußte er sich recht schnell aus Chicago absetzen und nach einigem hin und her hat es ihn über Umwege dann in die ADL verschlagen) klingt das immer wie Jock, aber im allgemeinen bin ich auf der Straße als der Grieche, meist noch um das Adjektiv ‚groß’ ergänzt, bekannt und manche – z.B. Hauser, noch’n Schieber und Dealer der im GC abhängt und Paulchen - nennen mich auch mal ‚Professor’, weil sie der Ansicht sind, für einen Troggy sei ich doch recht helle, meine, gebildet und kultiviert.
Natürlich wird dieser Name und diese Erklärung nur in meiner Abwesenheit benutzt oder von denen, die meinen Sinn für Humor und meine Stimmung einzuschätzen wissen. Einzig Paulchen nimmt darauf nie Rücksicht, irgendwie. Und ich laß ihn. Hat ’ne Menge Kumpel, nicht nur in seiner Gang. Und ich schulde Ihm auch das ein oder andere, also was soll’s. Meint es ja nicht böse. Und er ist einer der ganz, ganz wenigen, die es nicht nötig haben, sich einen ultraharten Straßennamen zuzulegen.
Und Ra-Ta-Moon sagt immer ‚Hajo’ zu mir. Manchmal auch – warum auch immer – ‚Friedrichs’; sie findet das irgendwie lustig und ich hab’ mich längst an die Marotten der Schamanin gewöhnt; es bleibt einem ja auch gar nichts anderes übrig, den Sie selbst kümmert es wenig, was wer über Sie denkt oder gar erwartet. Außerdem ist Sie eine von diesen widerlichen feministischen Hobgoblins, die sind zänkisch und giftig und nachtragend und gemein. Sie haust irgendwo im Gustavsburger Hafen – was davon übrig ist - aber Ihre Nähe kann man schon auf 10 Meter gegen den Wind riechen. Zum Glück für empfindliche Nasen – wozu die meine gehört – taucht Sie nicht oft auf. Und wenn, dann stumpft man doch recht schnell ab.
Na und damit ist zwar noch nicht die gesamte Schattengemeinde der Mainspitze erfaßt; an wichtigeren Leuten, also, aktiven Schattenläufern, fehlen noch Schraube, eine Gelegenheits-Riggerin die es vor allem als Mechanikerin voll drauf hat, und ihr Team – das sind Pirelli, Flex und Günni;  Stadl, ein bajuwarischer Decker dessen Persona-Icon (heißt doch so, oder?) ein gutgefüllter weißblauer Maßkrug mit Gamsbart darstellt, Arnold, ein Exsöldner aus der Steiermark mit dem Straßennamen ‚Ötzi’, HG, ebenfalls ein ehemaliger Konzerngardist, der das Pech hatte, zum Ork zu mutieren – darauf fuhr sein alter Arbeitgeber SimSin nicht wirklich ab, also ging er freiwillig, sozusagen - und unser heißester Neuzugang Syrrah Brandsteg, genannt Schneewittchen oder auch ‚Snowwhite’; eine zarte und knallharte Elfe aus Hannover (sagt Sie), Norddeutscher Bund, schneeweiße Haut, Haare und blutrote Augen; manche nennen Sie scherzhaft ‚Vampir’, denn angeblich sieht man Sie immer nur nach Einbruch der Dunkelheit und ehe die Sonne wieder aufgeht, was natürlich totaler Quatsch ist, denke ich mal.
Oh – und Herbert ‚das Auge’ Baumann nicht zu vergessen; im Gegensatz zu den meisten anderen hat er tatsächlich noch eine echte SIN und eine Lizenz als Privatdetektiv; aber aufgrund einiger Dinge, die er über die Konzernwelt herausgefunden hat, fühlt er sich „aus moralischen Gründen“ (sagt er) zu uns „asozial-kriminellen Elementen am unteren Bodensatz der Gesellschaft, haha“ – er hat schon eine eklige Lache - hingezogen. Ansonsten aber ein netter Kerl, wirklich. Bis auf die Lache halt.
Gibt noch ein paar mehr, meine, der Plex ist schon recht groß, ne, aber mit denen habe ich seltener zu tun und die meisten ohne SIN sind nicht anders, als anderswo – gesellschaftlicher Abfall, der es nie zu etwas bringen wird; insofern hat das Auge nicht völlig unrecht. Natürlich ist keiner von uns wirklich das, was die über’m großen Teich als Toprunner bezeichnen würden, auch wenn das mancher von sich selbst glaubt – ich selbst gehörte ja während meiner Elfenzeit auch dazu – aber das bedeutet nicht nur, weniger Ecu für einen Run, sondern auch deutlich weniger Aufmerksamkeit von Seiten des Staates und der Konzerne.
Hierzulande ist das schon ein gewisser Unterschied; gut, nicht unbedingt in Groß-Frankfurt, aber im ganzen jedenfalls. Ich mein’, hat man erst einmal eine Reputation wie Howling Cojote oder der Dodger, kann man doch keinen Schritt mehr tun, ohne beobachtet zu werden; sei es von Groupies oder der Gegenseite. Ich frage mich manchmal auch, wie lange es bei derartigen Superstars noch dauert, bis deren Runs Live im Trid übertragen werden. Und ob man das dann ‚Schulfernsehen’ nennt.
In Wahrheit leben solche Superstars doch gar nicht mehr in den Schatten, hm.
Und jetzt ist es an der Zeit, zum Punkt zu kommen:
 
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