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FF mit Lysander

Kurzbeschreibung
GeschichteThriller, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Amber Castiel Lysander Rosalia Viola
14.09.2012
01.11.2012
16
44.198
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14.09.2012 1.716
 
Als mein Wecker klingelte, rieb ich mir verschlafen die Augen und brauchte noch einen Moment, bis ich begriff, wo ich eigentlich war. Dann fiel es mir wieder ein: Ich war in meiner neuen Wohnung, die mir meine Tante, die ein Stockwerk unter mir wohnte, zur Verfügung gestellt hatte. Meine Eltern waren auf’s Land gezogen, und da es von dort aus ziemlich weit zu meiner neuen Schule war, war ich zu meiner Tante gezogen. Dieses Gefühl von Freiheit und Selbstständigkeit war fast unbeschreiblich. Ich war wochenlang durch unser altes Haus getanzt bis meinen Eltern der Geduldsfaden gerissen ist und sie mich früher als eigentlich nötig hierher geschickt hatten.
Ich war die halbe Nacht wach gewesen und war erst um 3 Uhr nachts eingeschlafen, weil ich so nervös war wegen meines ersten Schultags. Gähnend quälte ich mich aus dem Bett und machte erst einmal das Fenster auf, um frische Luft hineinzulassen. Nach einer Dusche und einem Kaffee fühlte ich mich auch schon etwas wacher und trat vor den Kleiderschrank. Was sollte ich zum ersten Schultag anziehen? Nach langem Überlegen entschied ich mich für unauffällige Klamotten: Eine schwarze Jeans, Stiefeletten und ein grünes Top mit leichter Raffung. Danach suchte ich mir meine Sachen für die Schule zusammen und stopfte sie in meine schwarze Tasche. Ich war erst zwei Tage hier und schon sah es aus, als wäre ein Wirbelsturm durch die Wohnung gezogen. Ich nahm mir fest vor, nach der Schule aufzuräumen. Auch wenn ich wusste, dass es höchstwahrscheinlich nicht passieren würde.
Ich schnappte mir meine Schlüssel und verließ das Haus.
Meine Wohnung war nicht wirklich weit von der Schule entfernt, ich brauchte ungefähr zehn Minuten. Gerade als ich den Schulhof betrat, trat eine kleine Gestalt vor mich. Vor Schreck hätte ich beinahe aufgeschrien, aber ich konnte mir gerade noch so auf die Zunge beißen. „Ken?“, sagte ich überrascht. „Hallo, Georgiana!“, begrüßte er mich erfreut. Kentin war auf meine alte Schule gegangen. Er war kleiner als ich – ok, das war nicht schwer mit einer Größe von 1,70 m. Er war eigentlich ein total netter und niedlicher Kerl, jedoch fand ich ihn etwas... unheimlich. Er lief mir schon seit über einem Jahr hinterher, obwohl er wusste, dass ich nicht auf ihn stand. Er rückte seine riesige Harry-Potter-Brille zurecht und schaute mich freudestrahlend an. „Ich habe gehört, dass du auf diese Schule gewechselt bist. Und nachdem meine Eltern auch hier in die Nähe gezogen sind, habe ich mich auch gleich hier angemeldet!“ Okay, DAS machte mir doch etwas Angst. „Ähm... wie lange bist du denn schon hier?“, fragte ich ihn etwas verdutzt. „Schon fast einen Monat! So konnte ich mich schon ein bisschen an die neue Umgebung gewöhnen, bevor du jetzt zum Halbjahr gekommen bist.“, antwortete er mir. Irgendwie war ja das, was er tat, süß. Hatte aber auch etwas von einem Stalker. Ich kaute auf meiner Lippe herum. Ich entschied mich, es ihm nicht übel zu nehmen, auch wenn es wirklich unheimlich war. „Kannst du mir vielleicht zeigen, wo das Direktorat ist?“, fragte ich ihn. „Klar!“, rief er und lief schon voraus. Ich musste lächelnd den Kopf schütteln und folgte ihm.
Ken führte mich durch ein Wirrwarr von Gängen, und als ich schon glaubte, komplett die Orientierung verloren zu haben, blieb er stehen. „So, hier ist es. Ich gehe jetzt schon mal in den Unterricht, wir sehen uns dann später!“ Und schon war er weg. Hoffentlich würde ich den Weg zurück finden. Ich seufzte, klopfte einmal kurz an die Tür und trat dann ein. Eine kleine Frau mit grauem Dutt saß an einem Schreibtisch und füllte verschiedene Papiere aus. Als ich eintrat, blickte sie auf. „Ah, du bist bestimmt die neue Schülerin. Willkommen im Sweet-Amoris-Gymnasium!“ Sie stand auf und schüttelte mir die Hand. Ich habe gerade zu tun. Kannst du bitte zum Schülersprecher Nathaniel gehen und nachfragen, ob deine Anmeldeunterlagen komplett sind? Er ist im Zimmer gegenüber von hier.“ Sie deutete vage in Richtung Gang. „Ja, mache ich.“, antwortete ich ihr und verließ wieder das Direktorat. Das ging schnell, dachte ich mir. Vielleicht geht das mit der Anmeldung ja auch so.
Wie sich herausstellte, war dem nicht so. Nachdem das Zimmer der Schülervertretung zwei Räume weiter war als die Direktorin mir beschrieben hatte, hatte ich mittlerweile an fünf Türen geklopft, in denen Gott sei Dank kein Unterricht statt fand. Weil ich genervt war, trat ich einfach in den nächsten Raum ein und – tada! – das war die Schülervertretung! Ich lief prompt rot an und trat einen Schritt zurück. Über einen Haufen Papiere gebeugt saß ein blonder Junge, der nun überrascht aufblickte. „Was... oh, du bist die neue Schülerin nicht wahr?“ „Ich... ja, die bin ich. Tut mir leid, dass ich so reingeplatzt bin.“, brachte ich schließlich hervor. „Du heißt Georgiana, oder?“ Ich nickte. „Die Direktorin hat gesagt, dass du meine Anmeldeformulare hast und ich schauen soll, ob die vollständig sind.“, erklärte ich ihm. Er ging zu einem Aktenschrank und kramte darin herum. Hier war es so viel ordentlicher als in meiner Wohnung, bemerkte ich mit Bewunderung...
„Da ist deine Akte. Mh... aber da scheint noch ein Passfoto, 25 $ und die Unterschrift deiner Eltern zu fehlen.“, meinte nun Nathaniel. „Was? Aber ich habe die doch selber zusammengestellt!“, sagte ich entsetzt. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein? Meine Eltern waren weit weg, bis ich die Unterschrift von ihnen bekommen würde, würde es ewig dauern. „ Bist du sicher, dass sie nicht einfach woanders reingerutscht ist? Ich kann ja auch mal bei mir Zuhause schauen.“ „Ich kann ja mal nachgucken...“, murmelte er und fing schon an in irgendwelchen anderen Schubladen herumzuwühlen. „Äh... ich komme später wieder“, meinte ich und verließ schließlich die Schülervertretung.
In den nächsten zwei ( Unterrichts-)stunden war ich damit beschäftigt, meine Wohnung noch mehr auf den Kopf zu stellen. Erfolg hatte ich nur bei der Anmeldegebühr und dem Passfoto, die Einverständniserklärung meiner Eltern fehlte jedoch. Dabei war ich mir doch so sicher, dass ich sie mit in den Ordner gelegt habe..., dachte ich mir. Na ja, jedenfalls hatte ich schon mal meine ersten beiden Schulstunden geschwänzt. Was für ein Anfang!
Als ich zurück in die Schule kam, war bereits die erste Pause. Ich drängelte mich durch die Schülermassen hindurch, bis ich eine mir sehr vertraute Stimme hörte.
„Ja, ihr könnt es ja haben...“, jammerte Ken. Ich ging um eine Ecke auf dem Pausenhof herum und sah ihn von drei anderen Mädchen eingekreist stehen. Eine Asiatin, eine Brünette und eine Blondine, mehr Schüler waren nicht hier. So wie ich die Gruppe einschätzte hatte die Blonde das Sagen. Sie nahm gerade Ken sein Geld ab. Mir fiel fast die Kinnlade herunter. Warum ließ sich Ken von diesen Weibern abzocken? Ok, er war nicht der Größte... aber trotzdem. „Hey, lasst ihn in Ruhe!“, rief ich empört. Die drei drehten sich zu mir um, Ken schaute mich entsetzt an. Die Blonde trat einen Schritt vor und musterte mich abschätzig. „Ach, du bist also die Neue“, sagte sie herablassend zu mir. „Willst wohl deinen Freund beschützen oder was?“ Die anderen beiden kicherten. „Was... nein, er ist nicht mein Freund!“, stellte ich klar. „Sicher... wenn ich du wäre, würde ich jetzt schön hier verschwinden. Wir haben hier noch etwas zu klären.“, sagte sie zu mir in einen drohenden Ton. „Wenn ich du wäre, würde ich die Finger von Leuten lassen, die sich nicht wehren können, Blondie. Du bist nicht der Mittelpunkt der Erde.“, giftete ich zurück. Sie schaute mich geschockt an. Anscheinend hatte noch nie jemand sich gegen sie gestellt. Ich schluckte. Vielleicht war das ganze doch keine so gute Idee gewesen. Wieder einmal hatte ich ohne Nachzudenken einfach gehandelt. Jetzt kamen die Konsequenzen auf mich zu. Auf zehn Zentimeter- Highheels. Mindestens. Ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück und stieß dabei an die Wand. „Was fällt dir eigentlich ein...“, fing sie an. „Lass sie in Ruhe, Amber! Sie hat dir nichts getan.“, hörte ich jemanden ruhig sagen. Er hatte eine wundervolle, weiche Stimme. Amber stieß einen beleidigten Laut aus, funkelte noch einmal in meine Richtung und stolzierte mit ihren Freundinnen davon. Ich blickte dankbar zur Seite und – mir fielen fast die Augen aus den Kopf. Der Kerl, der mich soeben vor Amber bewahrt hatte, war... perfekt. Er war bestimmt zehn Zentimeter größer als ich und hatte weiße Haare mit schwarzen Spitzen. Er war im viktorianischen Stil gekleidet. Ich erkannte den, weil ich ihn manchmal selber gerne trug.
Das Erstaunlichste aber waren seine Augen: Das eine grün, das andere gelb. Und sie ruhten auf mir. Ich konnte nicht anders, ich musste ihn anstarren.
„Ich bin Lysander, schön dich kennen zu lernen.“ Bevor ich anfing zu sabbern, räusperte ich mich und stellte mich auch vor: „Ich... ich heiße Georgiana. Danke.“ Jetzt lachte er wirklich, auch wenn es nur kurz war. „Du hast Amber ganz schön aus der Fassung gebracht.“, meinte er. Ich wurde rot. „Naja... normalerweise bin ich auch nicht so offensiv. Aber ich hasse Ungerechtigkeiten.“, erklärte ich ihm. Er lächelte wieder. Dann ertönte die Pausenglocke. Ich schluckte. „Man sieht sich, Georgiana.“, verabschiedete er sich und verschwand um die Ecke. Ich blieb noch gefühlte Stunden einfach so verdattert da stehen.
Auf jeden Fall fiel mir nach diesen Stunden ein, warum ich eigentlich zurück in die Schule gekommen war. Schnell ging ich in das Schulgebäude und fand – auf Umwegen – schließlich das Zimmer der Schülervertretung wieder.
Nathaniel strahlte mir entgegen und hielt eine Mappe in den Händen. „Da bist du ja! Ich habe deine Anmeldung doch noch gefunden, sie ist bloß in einen anderen Ordner gerutscht.“ Oh Wunder. Ich atmete erleichtert aus und musste mich zusammenreißen, dass ich keinen Freudensprung machte. Ich schnappte mir die Blätter und rannte in das Zimmer der Direktorin. „ Hier ist meine Anmeldung!“, rief ich aus und streckte ihr die Mappe grinsend hin. Sie war zwar etwas überrumpelt von mir, sagte aber nichts weiter dazu. Sie gab mir meinen Stundenplan und einen Schlüssel für ein Schließfach. Der restliche Tag verlief eigentlich ohne weitere Komplikationen und ich war relativ froh, dass mein erster Schultag nun vorbei war. Ich war sogar so froh, dass ich sogar mit Ken nach Hause lief, der sich so sehr freute, dass ich schon Angst bekam, er würde mir bis in meine Wohnung folgen und diese nicht mehr verlassen. Und ich musste die ganze Zeit an diesen Lysander denken. Wann ich ihn wohl wieder sehen würde?
 
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