Leseprobe: Rebellion der Synthetiker

LeseprobeAllgemein / P12
11.09.2012
11.09.2012
1
5824
 
Alle
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
 
Rebellion der Synthetiker wird vom Begedia-Verlag verlegt. Es ist bereits bei Amazon und anderen Internethändlern erhältlich und zwar sowohl als Ebook als auch als Taschenbuch.

ISBN-13: 978-3-943795-26-4
Länge: 380 Seiten
Preis Taschenbuch: 13,95€

Die Geschichte spielt im selben Universum wie "Vagabunden des Alls", jedoch hundert Jahre früher.

Weitere Infos zu diesem Roman kann man auf meiner Homepage finden:

http://angelafleischer.npage.at
http://verlag.begedia.de/
Amazon

Ich wünsche dann noch viel Spaß mit Bol, Breladan und Tamian!
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Klick, surr, krach, bumm!
Der Roboter schwebte an ihm vorüber. Breladan betrachtete die Anzeige seines Scanners. Alles in Ordnung bei diesem Exemplar.
Klick, surr, krach, bumm!
Ein weiterer gerade gefertigter Roboter flog an ihm vorbei. Auf den Supraleitern seines Rechenkerns befanden sich minimale Kristallablagerungen, die Werte lagen aber noch im Toleranzbereich. Breladan fielen die Augen halb zu.
Nicht einschlafen!
Er hatte diesen Job nur bekommen, weil Arbeiter billiger als leistungsstarke Roboter waren. Dem Betreiber der Fabrik wäre es ein Leichtes, Breladan gegen irgendeinen anderen Hungerleider auszutauschen.
Klick, surr, krach, bumm!
Breladan blickte sich nach einem Pfeiler um, an dem er sich anlehnen konnte. Wie immer befanden sich jedoch keine in seiner unmittelbaren Umgebung. Zumindest geriet er so nicht in Versuchung, sich eine unerlaubte Pause zu gönnen.
»He du, warum starrst du ins Leere, Synthetiker?«, schreckte ihn die rivianische Aufseherin von der Seite auf. »Kümmere dich sofort wieder um die Roboter!«
Er sah auf das pelzbedeckte Wesen mit der riesigen Nase hinab. Die Gestalt wirkte drahtig. Die Knie wiesen nach vorne und sie hielt den Oberkörper gebeugt, als setze sie zum Sprung an – ein Eindruck, den alle Rivianer erweckten.
»Wie die Herrin es wünschen«, antwortete Breladan, obwohl die Rivianerin als Geruchsempathin seine wahren Gefühle erschnüffeln konnte. Als die Aufseherin gegangen war, murmelte er: »Sklaventreiber!«
Er hatte in der Schule als hochbegabt gegolten und ausgezeichnete Noten nach Hause gebracht. Aber ihm haftete auch der Makel an, als Timianerten-Abkömmling auf die Welt gekommen zu sein und nicht als Mensch, Rivianer oder Krone-Aqualon. Für Synthetiker – der Sammelbegriff für im Labor gezüchtete Rassen und Mechanoiden – existierten keine guten Jobs. Es gab nur miese Arbeit wie diese hier, mit Gehältern, die gerade ausreichten, sich über Wasser zu halten.
Er ballte eine Faust, dabei bohrten sich die scharfen Fingerspitzen in seinen Körperpanzer.
Klick, surr, krach, bumm!
Der Roboter war in Ordnung, Breladan ließ ihn passieren.
Klick, surr, krach, bumm!
Mit der Zeit verschmolzen die einzelnen Roboter miteinander, ebenso wie die Zahlen und holografischen Abbildungen, die er von seinem Scanner ablas. Breladans Gedanken drifteten ab, wanderten zu seinem Bruder Naschwolar, der zu Hause auf ihn wartete. Er hätte jetzt eigentlich bei ihm sein sollen anstatt in dieser Fabrik.
Breladans Hals schmerzte. Es war anstrengend, ständig dieselbe Körperhaltung beizubehalten. Unter leisem Knacken lockerte er seine Gliedmaßen.
Klick, surr, krach, bumm!
Dieser Roboter war defekt. Breladan schickte mit seinem Scanner einen elektronischen Befehl ab, der ihn als Ausschussware kennzeichnete.
Die Sirene schrillte. Schichtwechsel. Breladan rieb sich die Augen. Der Chronometer zeigte 28:73 an. Heute würde er nicht mehr zum Schlafen kommen, denn es fand eine Gewerkschaftsversammlung statt, die er auf keinen Fall verpassen wollte.
Breladan duschte sich den Staub vom Panzer und trat in die kühle Nacht Zolks hinaus. Er war noch nicht lange in der Gewerkschaft. Seine Mitgliedschaft hatte begonnen, als er von Ijon Asstur, dem Freiheitskämpfer auf Valerio, erfahren hatte. Der Stawe hatte auf seiner Heimatwelt eine regelrechte Lawine losgetreten. Einst war er ein Mitglied des Galaktarats gewesen, doch eines Tages hatte er sich nicht mehr damit begnügt, im Rat Anträge zu stellen, die von den großen Vier – der Erde, Fuitschant, Talessa und Omardan – abgeschmettert wurden. Er begann, auf Valerio eine Rebellion zu organisieren. Ein undenkbares Unterfangen, sagten die meisten, denn Valerio besäße keine Waffen, keine nennenswerte Raumflotte und keine mächtigen Verbündeten.
Asstur hatte ihnen das Gegenteil bewiesen, und die Rebellion dauerte noch immer an. Nun behaupteten die Medien, es wäre irrelevant, wenn sich Valerio gegen das Galaktareich stellte, es sei nur ein kleiner Planet ohne wirtschaftliche und politische Bedeutung. Doch Valerio stellte ein Symbol für all die übrigen Arbeiterplaneten dar, von denen einige durchaus über Waffen und politischen Einfluss verfügten. Zolk zum Beispiel, der ein wichtiger Knotenpunkt für den galaktischen Güterverkehr war.
Vor dem Eingang zum Gewerkschaftsgebäude zeigte er Breladan seine Tätowierung vor, die ihn als Gewerkschaftsmitglied auswies.
»Das genügt schon, Breladan.« Der Mechanoide L-35, der die Tür bewachte, winkte ihn durch.
Breladan betrat den Versammlungsraum und erschrak. Überall missmutige Mienen. Sogar die Ravidanerinnen, die wie ihre rivianischen Verwandten normalerweise ein fröhliches Gemüt besaßen, wirkten traurig.
»Was ist denn passiert?«, fragte er eine Stawin, die in der Ecke des Raums lehnte. Die glatzköpfige Humanoide mit der grünbraunen Haut und den großen Füßen überragte ihn um gut einen halben Meter.
»Sie haben ihn gefangen genommen und wollen ihn vor ein Tribunal stellen, wegen Volksverhetzung.« Sie verzog verächtlich das Gesicht. Ihre Spezies war für ihre Aggressivität und Energiegeladenheit bekannt. »Unsere Muskeln haben sie schon, jetzt wollen sie auch noch unsere Münder kontrollieren.«
Breladans Tasthaare sanken hinunter. Wenn die Galaktas Asstur für Jahrzehnte einbuchteten, starb jede Hoffnung für Valerio und all die anderen Welten. Das Galaktareich würde einen seiner verlogenen Prozesse abhalten, in dem sie ihm die Schuld für alles zuschoben, den Verstoß gegen Gesetze vorwarfen, denen niemand von ihnen je zugestimmt hatte – mit denen die Galaktas lediglich sich selbst und ihren unrechtmäßig erworbenen Wohlstand schützten. Es blieb nur zu hoffen, dass sich woanders ein zweiter Asstur erheben und neuerlich die Fahne des Widerstands ergreifen würde.
Für einen Moment sah sich Breladan die Fackel weitertragen, entgegen aller Schwierigkeiten, ohne Rücksicht auf das eigene Leben. Doch er war zu jung, kein führendes Gewerkschaftsmitglied, mit einem Wort: schwach.
Das werde ich ändern!
Eine vor nervöser Energie strotzende Schtrowima trat ein, eine Humanoide, die Breladan noch nie zuvor gesehen hatte. Sie trug Markenkleidung, die Gewandung der Unterdrücker, als ob ihr niemand auf der Welt etwas anhaben könne, dabei überragte sie alle außer den Stawen um mehrere Zentimeter. Zornig reckte Breladan den Kopf in die Höhe.
Doch halt, ihre Kleider waren Fälschungen!
Die Schtrowima war niemand anderes als Tamian Gerrbodden! Jeder kannte sie als die Geliebte Assturs. Früher hatte sie mit gefälschter Markenkleidung gehandelt, und sie stand im Ruf, eine Rebellin zu sein.
Gerrbodden betrat die kleine Bühne, Paron Kabb, die Anführerin dieses Gewerkschaftsstandortes, stellte sich neben sie. Kabb war eine grimmige Stawin, hart wie Stahl,  die hatte viele Entbehrungen in ihrem Leben ertragen müssen, ein Zustand, der immer noch andauerte. Doch mit ihrer Stärke inspirierte sie auch die anderen Mitglieder der Gewerkschaft und gab ihnen Hoffnung.
Kabb erhob ihre Stimme: »Liebe Freunde! Heute ist ein ganz besonderer Gast zu uns gekommen. Ich freue mich, euch Tamian Gerrbodden vorstellen zu dürfen, die Freundin des hochgeschätzten Freiheitskämpfers von Valerio, Ijon Asstur. Sie möchte einige Worte an uns richten.«
Applaus brandete auf, der sich aus den verschiedensten Klappergeräuschen zusammensetzte. Breladan übertönte dank seines Körperpanzers alle.
Gerrbodden trat ans Rednerpult und platzierte ihre graphitschwarzen Hände darauf. »Liebe Freiheitskämpfer! Ich bin heute hier, weil mir diese warzigen Scheusale meinen Ijon weggenommen haben!« Ihre hellblauen Augen blitzten. »Und nicht nur mir, sondern euch allen! Es geht ihnen nicht um ihre Gesetze, sie wollten ihn nicht festnehmen, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Nein, sie haben ihn festgenommen, weil er ihnen in ihre Pläne gepfuscht hat! Den verdammten Omardan-Konzern lassen sie ja auch machen, was er will!«
Sie hieb mit der Faust aufs Podium. »Ich sage, wir lassen uns das nicht gefallen, wir holen ihn da wieder raus! Wer kommt mit mir? Wer hilft mir, ihn vor dem Stasis-Gefängnis auf Talessa zu bewahren?«
Auffordernd sah sie sich in der Menge um. Gemurmel entstand.
»Wie sollen wir das anstellen?«, fragte einer aus der Mitte in Standard-1, der hellen Zwitschersprache der Appianer. »Wir können uns doch nicht einmal selbst retten!«
»Aber Ijon braucht uns, er braucht uns wirklich!«
»Das ist ja schön und gut«, entgegnete Paron Kabb, »aber wir können es nicht riskieren, zu diesem Zeitpunkt auf uns aufmerksam zu machen. Assturs Freiheit ist ein Opfer, das wir im Zweifelsfall für unser aller Freiheit erbringen müssen.«
»Aber Ijon …« Ihre helle Standard-4-Stimme brach. »Er … ich wusste doch, dass das passieren würde. Ich … ach, ihr könnt mich doch alle mal!«
Fluchtartig stürzte sie aus dem Raum. Breladan erhaschte gerade noch einen Blick auf ihren weiß behaarten Hinterkopf.
Was mochte diese übertriebene Reaktion bei ihr hervorgerufen haben? Sicher nicht die Ablehnung durch gerade einmal zwei Mitglieder der Gewerkschaft.

* * *

Als Tamian Gerrbodden auf dem Weg in ihr Hotel war, wehte ein schneidender Wind. Hier, in der Mitte des einzigen Kontinents des Planeten, kam es häufig zu starken Temperaturschwankungen. Darüber hinaus besaß Zolk eine hohe Sauerstoffkonzentration, was die Gefahr von Bränden erheblich erhöhte.
Doch all das interessierte die Schtrowima im Moment überhaupt nicht. Stattdessen machte sie sich Gedanken über die Rede, die sie vor wenigen Minuten gehalten hatte.
Ich bin ein hohles Nüsschen!
Wie hatte sie sich vor versammelter Menge nur so blamieren können? Nicht einmal ein Roboter würde Tamian jetzt noch ernst nehmen. Das war bereits das fünfte Gewerkschaftsgebäude gewesen, in dem sie es versucht hatte. Wenn die Galaktas Ijon wegen ihres Versagens verurteilten …
Es schüttelte sie. Sie würden ihn zusammen mit Mördern und Vergewaltigern einsperren, in ein finsteres Loch, aus dem es kein Entkommen gab!
Verdammter Planet! Verdammte Dummheit!
Wie konnte sie nur so töricht sein? Heftig schüttelte sie den Kopf.
In diesem Moment fiel ihr ein Lebensmittelgeschäft ins Auge. Tamian stürmte hinein und warf wahllos Zuckerkringel, Sonnenringe und Wabberwürfel in ihre Schwebekarre. Kaum hatte sie das Warenhaus verlassen, riss sie die Verpackungen auf und stopfte sich ihre Einkäufe in den Mund.
Mampfen. Sie konzentrierte sich aufs Kauen, die weiche Konsistenz der Sonnenringe, den süßen Geschmack der Zuckerkringel und das säuerliche Aroma der Wabberwürfel.  Bald stieß sie sauer auf, weil sie zu viele Süßigkeiten auf einmal hinuntergeschlungen hatte.
Sie seufzte. Ach Ijon! Was sollte sie jetzt tun? Wenn sich niemand darum kümmerte, ihn herauszuholen, würde er bis an sein Lebensende in einer Zelle schmoren. Bisiwaka, der derzeitige Anführer der Rebellen Valerios, hatte klargemacht, dass diese zuerst andere Probleme zu lösen hatten.
Ihr Blick fiel auf die leeren Süßigkeitenpackungen, und sie seufzte erneut. Das waren bestimmt an die 2000 Kilokalorien gewesen. Sie betrachtete ihren aufgeblähten Bauch und die dicken Oberschenkel. Widerlich! Sie war eine Schande für ihre sonst so schlanke Spezies.
Tamian kehrte in ihr Hotelzimmer zurück, entfernte sich das Make-up und zog die Perücke aus. Das Galaktareich suchte zwar nicht besonders gründlich nach ihr, aber sie veränderte dennoch jedes Mal ihr Aussehen, bevor sie aus dem Haus ging. Eine der Vorsichtsmaßnahmen, die Ijon ihr nahegelegt hatte.
Dann nahm sie Polyfolie und Stift zur Hand und legte sich in ihre Hängematte. Sie würde nicht mehr aufstehen, bis sie einen Einfall hatte. Nach einer Weile begannen ihre Gedanken zu wandern, wiederholten sich und verhedderten sich schließlich ineinander.
Tamian erinnerte sich. Sie hatte Ijon auf Talessa kennengelernt, dem korrupten Herz des Galaktareichs. Er hatte ihr gezeigt, wogegen er kämpfte: Rivianer in ihren Luxusbehausungen und mit ihren ultraviolett gefärbten Fellen. Unverdienter Reichtum, der von Generation zu Generation vererbt wurde.
Unwillkürlich hatte sie das Bild mit Schtrowa verglichen, sah sie den roten Sand in der Sonne brutzeln. Ihre Heimatwelt, ein einziges Drecksloch, das von Verbrechen und Gewalt beherrscht wurde. Ijon hatte ihr klargemacht, dass es auch noch andere Dinge gab als nur den Kampf ums nackte Überleben. Sie musste nicht ihr ganzes Leben als Kleinganovin zubringen, sondern hatte tatsächlich die Macht, etwas zu verändern. Nach und nach war auf diese Weise aus einer Opportunistin eine Kämpferin für das Gute geworden.
Viele Monate waren sie durch die Milchstraße geflogen und hatten verschiedenste Welten besucht, zum Beispiel Alaster Alelot, wo der Schwarzhandel blühte. Später waren sie nach Valerio gegangen, wo es einst eine Hochkultur gegeben hatte, die den Fabriken und nüchternen Arbeiterstädten des Galaktareichs hatte weichen müssen. Der ganze Planet hatte den Aufschwung der galaktischen Wirtschaft nicht verkraftet und sich zu einem einzigen Billiglohnsystem entwickelt.
Warzfüße!
Sie schrieb das Wort kunstvoll auf ihre Polyfolie und unterstrich es.
Tamian blickte aus dem Fenster und genoss die Skyline Toliots. Eigentlich hatte sie eine ärmere Welt erwartet, doch ein erstaunlich großer Prozentsatz der Stawen hier hatte es trotz des allgegenwärtigen Rassismus geschafft, hohe Positionen zu bekleiden. Dabei blieben sie ihren einkommensschwachen Nachbarn weiterhin verbunden.
Ijon hätte hier sein sollen! Seine Ideen wären auf fruchtbaren Boden gefallen. Tamian war auf vielen Welten gewesen, aber nur bei Zolk hatte sie das Gefühl, auf einem regelrechten Pulverfass zu wandeln.
Sie erhob sich und ging hinaus in die Stadt, denn dort gab es noch viele andere, die zu erreichen sie versuchen konnte. Bald redete sie mit diesem, dann mit jenem Arbeiter über die Ausbeutung, die er durch das Galaktareich erfuhr. Doch nur in den seltensten Fällen fand sie Gehör, die meisten hatten genug mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen.

* * *

Es war schon spät, weswegen nur noch wenige Gäste die Dschungel-Disco besuchten. Bol nutzte die Gelegenheit, um ihren Kopf in Richtung des Himmels zu wenden und die Sterne zu betrachten, die ihr Nacht für Nacht Gesellschaft leisteten. Es hielt sie wach, das zu tun.
»Schlafmütze, konzentriere dich!«, fuhr Jobin, ihr stawischer Chef, sie an.
Bol wäre gerne etwas anderes als Türsteher geworden, doch jeder außer ihrer Mutter hatte gesagt, sie wäre zu dumm dafür.
Sie warf die Stirn in Wülste. Sie war nicht dumm! Manchmal brauchte sie länger, um eine Sache zu begreifen, aber das hieß nicht, dass sie nichts verstand.
»Ja, Mister Jobin, ich pass schon auf.«
Bei den meisten, die in die Disco hinein wollten, handelte es sich um solche, die kurz an die frische Luft gegangen waren und nun zurückkehrten. Der Rest waren Querulanten, Leute, die immer dieselben Probleme verursachten, aggressive Intelligenzler, die Streit suchten. Aber in Bols Nähe verhielten sie sich vorsichtiger, denn sie fürchteten sich vor dem Zyangas, das Bol wie jeder erwachsene Solchtaq produzieren konnte - eine tödliche Substanz für die Mehrzahl der Spezies.
Plötzlich vernahm Bol laute Geräusche aus dem Park in der Nähe. Zwar hatte Jobin sie gerade ermahnt, sich auf die Gäste zu konzentrieren, aber sie sah trotzdem hin. Eine Bande Stawen stritt mit einer Gruppe Menschen. Die Stawen rauchten förmlich vor Wut, aber ihre Gegner blieben betont ruhig und trugen arrogante Mienen zur Schau.
Eine Stawin stieß ihren deutlich kleineren und schwächeren Gegenüber. Dieser landete auf dem Hintern und beschmutzte sich seine feine Kleidung. Jetzt hielten die anderen Stawen ihre Artgenossin an den Schultern zurück, ehe sie dem Mann noch mehr antun konnte. Die Menschen schrien mit ihren dünnen Stimmen, fauchten und keuchten. Der Mann, der geschubst worden war, schrie am lautesten von allen und deutete dabei auf seine Hose.
Nicht gut.
Stawen waren aggressiv. Irgendetwas in ihrem Blut reizte sie, verlieh ihnen ungewöhnliche Energie. Doch die Stawen zogen überraschenderweise einfach ab, ließen das Gezeter der Menschen hinter sich zurück.
Bol presste die Lippen aufeinander. In letzter Zeit gab es ständig Unruhen, als ob ein Stoff in der Luft läge, der alle wütend machte. Sie lehnte sich gegen die Wand und zupfte ihren Kragen zurecht. Kalt und feucht war es heute. Die meisten Spezies trugen keine Kleidung, aber die Solchtaq taten es, denn ihre Haut war empfindlich und vertrug weder Trockenheit noch Kälte. Sie stammten von Tieren ab, die sowohl im Wasser als auch an Land gelebt hatten.
Die Stunden verstrichen langsam, wie jeden Abend. Bol schlummerte fast ein, es fiel ihr jedoch leichter wach zu bleiben als ihren Kollegen.
Endlich schloss die Dschungel-Disco, und Bol half, die letzten Gäste hinauszutreiben. Einige hatten sich zu viele Dosen in ihren Dosiszugang gespritzt oder andere Rauschmittel zu sich genommen, sodass sie nicht mehr richtig mitbekamen, was um sie herum vorging. Bol stupste sie sanft Richtung Ausgang.
Anschließend schlenderte sie nach Hause und genoss die frische Brise. Die Straßen waren leer, bis auf die Lethoni, kleine, geflügelte Tierchen, die sich auf ihrem Kopf festsaugten. Bol ließ sie in Ruhe, ihrer Haut tat das nur gut.
Da vernahm sie ein leises Schluchzen aus dem Park, in dem vorhin der Streit stattgefunden hatte. Bol folgte dem Geräusch zu seiner Quelle.
Auf einer Bank zwischen zwei verdorrten Sträuchern saß eine Schtrowima. Sie trug teure Markenkleidung, wie sie sich nur Reiche leisten konnten. Die schwarze Haut der Frau bildete einen interessanten Kontrast zu ihrem schlohweißen Haar und den hellen Iriden ihrer Augen. Sie starrte ins Leere, versteckte ihre Tränen nicht.
Hier, ganz alleine im Dunkeln, wirkt sie richtig verloren.
Bol näherte sich ihr langsam. »Was ist denn los?«
Die Frau schrak heftig zusammen und sah auf. »Mein Freund, er ist ganz allein. Mutterseelenallein! Sie wollen ihn für den Rest seines Lebens einsperren.« Ein paar weitere Tränen quollen aus ihren Augen. »Er ist ihr Sündenbock! Sie werden ihn auf die Schlachtbank führen wie einen Mörder.« Die Schtrowima schlang sich die Arme um den Leib, als ob sie fröstelte. »Und es gibt nichts, das ich dagegen tun könnte.«
»Warum soll er denn eingesperrt werden?«
»Die vom Galaktareich behaupten, er wäre ein Aufwiegler.« Die Frau schüttelte den Kopf. »Pah! Er hat den Leuten doch nur die Wahrheit gesagt. Die Wahrheit ist schließlich kein Verbrechen, oder?«
Bol dachte einen Moment lang darüber nach, dann schüttelte sie langsam den Kopf. »Nein, bestimmt nicht. Meine Mama hat immer gesagt, dass man zur Wahrheit stehen soll, also tue ich das auch.«
Die Schtrowima lächelte und zeigte dabei strahlend weiße Zähne hinter den anthrazitfarbenen Lippen. »Danke. Ich fühle mich schon etwas besser. Wie heißt du?«
»Bol Karrel. Ich arbeite als Türsteher und bin Mitglied beim Winterfrost-Selbstverteidigungszirkel.« Das Gesicht der Solchtaq spiegelte Stolz wieder. »Ich habe viel gelernt. So kann ich mich selbst und alle Unschuldigen schützen.«
Die Schtrowima streckte ihr die Hand entgegen, die humanoide Grußgeste. »Nenn mich Tamian. Freut mich, dich kennenzulernen, Bol.«
Sie schüttelten sich die Hände, dabei achtete Bol darauf, nicht zu fest zuzudrücken. Die humanoiden Finger wirkten im Vergleich zu ihren eigenen so zart und fragil.
»Sag, welche Position hast du in deinem Kampfzirkel?«
»Ich bin Jungmeisterin.« Bols Kinnwülste schoben sich zusammen, was bei Solchtaq ein Zeichen der Freude war. »Fünf Jahre lang habe ich dafür hart trainiert.«
Tamian nickte. »Das ist beachtlich. Sag Bol, bist du zufrieden mit dem, was du jetzt machst?«
»Warum fragst du mich das?«
»Nur so.«
»Na ja, ich will nicht ewig Türsteher bleiben, also mein ganzes Leben lang. Ich möchte etwas erleben und das tun, was mir Spaß macht.«
»Interessant.« Die Schtrowima erhob sich und bedachte Bol mit einem schwer zu deutenden Blick. »Vielleicht kann ich dir helfen. Ich möchte nicht, dass mein Geliebter für immer in einer Zelle schmort und suche Mitstreiter, die mich dabei unterstützen, ihn zu befreien.«
Bol atmete tief ein und aus. »Ist das nicht verboten?« Sie stellte sich vor, in einer Gefängniszelle zu vermodern und jeden Tag von den Wächtern verprügelt zu werden. Unwillkürlich machte sie einen Schritt nach hinten. Vielleicht war es doch nicht so gut, mit Tamian zu sprechen.
Deren Finger spielten miteinander. »Bol, ist es gerecht, wenn jemand eingesperrt wird, weil er die Wahrheit sagt? Mein Ijon ist nicht der einzige, es gibt noch andere, die zu unrecht vom Galaktareich gefangengehalten werden. Außerdem besitzen wir viel Geld.« Sie holte ein paar Ültostäbchen – die galaktisch akzeptierte Währungseinheit – hervor und jonglierte mit ihnen. »Na? Na? Du willst doch kein Türsteher mehr sein. Ich kann dir neue Orte zeigen, dich auf einen anderen Planeten bringen.«
Auf eine andere Welt? Bol lief ein Schauer über den Rücken. Lediglich die Allerreichsten besaßen ein eigenes Raumschiff und nur Wohlhabende konnten sich einen Flug von Planet zu Planet leisten. Bol hatte Zolk noch nie verlassen und sie hatte sich oft ausgemalt, wie es wäre, eine andere Welt zu besuchen. Zum Beispiel würde sie gerne Netzwelt sehen, den Planeten, den ihre Spezies vor wenigen Jahren besiedelt hatte.
»Du möchtest mit Ijon zusammen Babys bekommen, oder?«
Tamian lachte schrill. »Ja, genau. Nun, wie sieht’s aus? Willst du mich begleiten?«
Bol sah auf ihre Hände. »Tut mir leid, ich muss nachdenken. Es ist nicht leicht, die Heimat hinter sich zu lassen.«
»Natürlich. Nimm dir alle Zeit der Welt.«
»Gehe mit Wohlgeruch!« Bol wandte sich von Tamian ab.
»Warte! Wie wirst du mich finden, wenn du weder meine Adresse noch meinen Kontaktcode kennst?«
Bol blickte zu Boden. Das war dumm.
Sie tauschten die Kontaktcodes aus, mit denen sie sich über die Kommunikatoren am Handgelenk erreichen konnten und verabschiedeten sich voneinander.
Bol dachte auf dem Nachhauseweg über die Begegnung nach. Was für eine fröhliche Person diese Tamian doch war, zwar ein bisschen überdreht, aber eigentlich sehr sympathisch.

* * *

Breladan öffnete mit seinem Lichtschlüssel die Tür, die zur Wohnung seiner Familie führte, und trat ein. Aus dem Nebenraum drang ein Pfeifen – sein Bruder. Er litt an der Blaufleckenseuche, einer bakteriellen Krankheit, gegen die Breitbandantibiotika wirkungslos waren. Zwar existierten wirksame Behandlungsmöglichkeiten, doch die konnte sich die Familie nicht leisten. Sie hatten ihre gesamten Ersparnisse für die ersten zwei Behandlungszyklen geopfert, und trotzdem hatte es nicht ausgereicht, Naschwolar zu heilen. Sie sparten und sparten, aber wie es aussah, würden sie niemals genügend Geld zusammenkratzen können. Höchstens ein Kredit konnte ihnen jetzt noch helfen.
Breladan näherte sich seinem Bruder. Naschwolar blickte auf, das ausdruckslose Gesicht fleckig und blau statt kupferfarben, der Panzer matt. Seine vier ovalen Augen glänzten schwarz, was bei Löpern ein Anzeichen von großem Schmerz oder großer Angst war.
Breladan setzte sich auf den Stuhl neben der Hängematte. »Wie geht es dir heute?«
»Gut, schon besser, habe ich das Gefühl.« Doch Naschwolar mied den Blick seines Bruders.
In Breladans Brust bildete sich ein Klumpen. Naschwolar behauptete jedes Mal, dass sein Zustand sich besserte. Er schämte sich für seine Schwäche und Machtlosigkeit, als ob er an seiner Krankheit selbst schuld wäre. Breladan legte seine Hand auf die seines Bruders. »Du bist so jung«, murmelte er.
Sein Bruder formte die Nein-Geste. »Bitte beginn nicht wieder damit.«
Der Klumpen wanderte in Breladans Kehle hoch. »Es ist nicht gerecht. Du …« Er unterbrach sich. Wie oft hatten sie diese Unterhaltung in der Vergangenheit geführt, an die zwanzig Mal? Sie endete immer gleich. Er protestierte gegen die Ungerechtigkeit ihrer Situation und sein Bruder beruhigte ihn mit den Worten, dass es anderen noch viel schlechter ging.
Das ist ebenso wenig in Ordnung.
Das Blut schoss ihm in die Arme, trieb ihn zur Bewegung an, aber er blieb still sitzen und umklammerte die Lehnen seines Sessels. »Morgen werde ich wieder die Banken abklappern. Sie werden mich schon nicht feuern, wenn ich einen Tag fehle.«
Sollen sie sich doch mit mir anlegen, diese Warzfüße!
Sein Bruder hustete mehrere Minuten lang, bis sein Kopf in die Hängematte sank, die Augen halb geschlossen. Breladan gab ihm zu trinken.
»Danke«, wisperte Naschwolar, und sogar dieses eine Wort fiel ihm schwer.
Breladan erinnerte sich an früher. Naschwolar war der Stärkere gewesen, der ihm seine körperlichen Kräfte unter die Nase gerieben hatte, während er selbst seinen Bruder bei den schulischen Leistungen übertrumpfte. Der brüderliche Konkurrenzkampf hatte Mutter und Vater gestört, aber er und Naschwolar hatten das ignoriert und sich immer neue Wettbewerbe überlegt, obwohl es der Tradition entsprach, der Mutter den höchsten Gehorsam und Respekt entgegenzubringen. Bis Naschwolar beim Raufen plötzlich verloren hatte. Breladan hatte sich darüber gefreut, doch mit der Zeit war die Freude der Sorge gewichen.
»Ich … bin müde. Morgen geht es mir bestimmt besser.«
Breladan zupfte die Decke über seinem Bruder zurecht, verdunkelte das Zimmer und verließ es. Er trottete in den Wohnraum, den er sich mit seinem Vater teilte, setzte sich hin und starrte ins Leere. Keine Hoffnung. Das Leben seines Bruders verrann vor seinen Augen. Mit jedem Tag wurde Naschwolar ein bisschen schwächer.
Morgen würde Breladan die Banken sowie die organisierten Kriminellen abklappen und sie auf Knien anflehen, ihm einen Kredit zu gewähren, egal zu welchen Konditionen. Irgendjemanden würde er finden, ganz bestimmt!
Er legte sich in die Hängematte und schlief wie immer sofort ein. Der ständige Schlafentzug wegen der Zwanzig-Stunden-Schichten forderte seinen Tribut. Darüber hinaus hatte er sich darauf trainiert, jede Ruhemöglichkeit zu nutzen.

* * *

Am nächsten Tag konnte Breladan sich an keine Träume erinnern. Er stopfte sich Rodonten-Pressfleisch in den Mund, denn als reine Karnivoren aßen Löper ausschließlich Fleisch. Er wusch sich, sah bei seinem Bruder vorbei und begab sich auf den Weg. Breladan besaß kein LuKi – ein Luftkissenfahrzeug – und schon gar keinen noch viel teureren Schweber. Öffentliche Verkehrsmittel standen in den Außenbezirken Toliots nicht zur Verfügung, also blieb ihm nichts anderes übrig als zu Fuß zu gehen.
Die Sonne stand noch nicht am Himmel, und die Straßen lagen im Nebel, der im Seengebiet des Superkontinents häufig auftrat. Er passierte viele Stawen, die in ihre traditionell bunte Kleidung gehüllt waren. Trotz ihrer Armut behielten sie fast alle ihre Würde. Breladan begegnete keinen Bettlern, stattdessen sah er nackte Straßenkünstler, die mit ihren Körpern verschlungene Skulpturen formten. An manchen Ecken spielten Kinder.
Breladan ignorierte das alles, denn er kannte es zur Genüge. Er hatte keine Zeit, die er an diese nutzlosen Existenzen verschwenden konnte.
Die meisten Banken befanden sich innerhalb des abgesperrten Zentralbereichs, den nur die Vertreter der Natürlichen - der natürlich entstandener Spezies - betreten durften. Die Löper waren von den ausgestorbenen Timianerten in Reagenzgläsern erschaffen worden und zählten somit zu den Synthetikern.
Doch es existierten auch ein paar Bankfilialen außerhalb der Mauer, bei denen schlechter Service geboten wurde. Selbst ein Mikrohirn hätte einen Job in einer Bank ausführen können, aber ihm blieb es dennoch verwehrt.
Breladan kam an der Mauer vorbei. Sie bestand aus undurchdringlichem Duranit und war über und über mit Zeichnungen und Sprüchen beschmiert worden, in denen sich der Unmut der Bevölkerung ausdrückte. An einigen Stellen gab es Einbeulungen, die bewiesen, dass sogar das härteste Material dem Volkszorn nicht auf Dauer standhielt. An den Durchgängen standen Wachen, die alle Unbefugten davon abhielten, ins Zentrum zu gelangen. Breladan spähte durch eine der transparenten Türen. Die Häuser auf der anderen Seite wiesen keinerlei Beschädigungen auf.
Schließlich erreichte Breladan die erste Bankfiliale. Er begab sich geradewegs in den Beratungsbereich, wo lebendes Personal arbeitete, keine Roboter. Ein Mechanoide tat dort seinen Dienst. Diese glichen optisch in jeder Hinsicht den Robotern, ihr Korpus bestand aus Kunststoffteilen und Metall. Schwarze Kugelgelenke verbanden die einzelnen Gliedmaßen miteinander und gestatten ihnen große Bewegungsfreiheit. Ihr Symbol, ein in einem Quadrat eingeschriebener Stern, wies sie jedoch als Intelligenzler aus.
Breladans Tasthaare vibrierten erfreut. Die Mechanoiden zählten ebenfalls zu den diskriminierten Spezies und waren ihres künstlichen Ursprungs zum Trotz gefühlsbegabte Wesen. Vielleicht entwickelte der Angestellte Verständnis für sein Anliegen.
»Guten Tag, ich begrüße Sie im Gelmaron-Institut. Kann ich etwas für Sie tun?«
Normalerweise pflegten die Bewohner Zolks die Tradition, sich gegenseitig zu duzen. Alles andere galt als Unhöflichkeit. Aber die Banken waren ignorant, was das anging.
»Guten Tag. Ich möchte einen Kredit über 30 000 Ültos aufnehmen. Hier sind meine Unterlagen.«
Breladan entsicherte sein Dokumentdatenstäbchen per Generkennung und reichte es dem Mechanoiden. Dieser verband es mit dem Computer und sah sich die Informationen an.
»Sie arbeiten bei Roboform?«
»So steht es in meinen Unterlagen«, entgegnete Breladan heftiger als beabsichtigt. Manche Leute waren offenbar zu dumm zum Lesen.
Der Mechanoide drehte sich ihm zu. Seine drei schachbrettartig gemusterten Sehsensoren leuchteten auf. »Es ist so: Ich sehe keine Möglichkeit, Ihrem Anliegen nachzukommen. Es bestehen Zweifel, ob Sie den Kredit zurückzahlen können. Wir sind angewiesen worden, Arbeitnehmern der Stufe 8 keinen Kredit mehr zu gewähren.«
Breladan wurde schlecht. In seinem Magen gluckerte das Frühstück. »Haben Sie doch ein wenig Verständnis! Mein Bruder leidet an der Blauflecken-Seuche. Wenn er nicht bald behandelt wird, muss er sterben.«
»Das tut mir sehr leid.« Der Mechanoide sah ihm direkt in die Augen. »Aber wenn ich Ihnen diesen Kredit gewähre, werde ich gefeuert, und ich kann mir im Moment für mich und mein Patenkind gerademal den Funktionsstrom leisten. Ich müsste mich dann temporär abschalten, und ob mich jemals wieder jemand einschalten würde, kann ich nicht sagen.«
Mechanoiden benötigten zwar keine Nahrung, aber sie mussten ihre Mangan-Akkumulatoren regelmäßig aufladen und ab und zu defekte Teile ersetzen. Verspürten sie einen Kinderwunsch, konstruierten sie sich ein Patenkind und lehrten dieses alles Wichtige. Im Gegensatz zu anderen Kindern verfügten junge Mechanoiden bereits über ihre volle Intelligenz.
Breladan legte zur Betonung seiner Worte die Arme zusammen. »Das sind alles Vielleichts! Mein Bruder wird ohne jeden Zweifel sterben, wenn er nicht bald die nötigen Injektionen erhält.«
»Ich kann nichts tun. Bitte gehen Sie jetzt.«
Breladan floss das Blut in die Augen, brachte sie zum Glühen. Er erhob sich ruckartig und stapfte aus der Bank. Bedauern, immer nur Bedauern. Dachten diese Mikrohirne ernsthaft, dass diese Ausflüchte bei ihm funktionierten? Möglicherweise stimmte die Geschichte mit dem Patenkind, doch es schien zweifelhaft. Wer in einer Bank arbeitete, konnte nicht so arm sein.

* * *

Breladan besuchte an diesem Tag noch acht weitere Banken, aber überall erhielt er dieselbe Antwort: »Tut uns leid, wir können nichts für Sie tun.«
Er reckte den Kopf vor Zorn in die Höhe. Als er sich bei einer Imbissbude eine billige Zwischenmahlzeit kaufte, zerriss er sie regelrecht zwischen seinen Zähnen. Die anderen Gäste starrten ihn an, als hätte er sich in ein Monster aus urtümlichen Zeiten verwandelt, doch Breladan ignorierte sie.
»Hallo Brell!«, hörte er in diesem Moment eine bekannte Stimme.
Es war Bol, sein persönlicher »Stalker«. Seit Breladan die junge Solchtaq, die damals noch kein Zyangas produzieren konnte, vor Räubern gerettet hatte, fiel sie ihm regelmäßig auf die Nerven.
Ihre dicken Lippen formten gutturale Worte. »Ich dachte, ihr bekommt keine Pausen in der Fabrik.«
Ihr stämmiger Körper wirkte durchtrainiert wie immer und ihre gräulich-grünliche Haut glänzte vor Schleim. Wegen ihrer Masse, die zum größten Teil aus Muskeln bestand, vermochte sie ihn problemlos niederzuringen, und das trotz seines Panzers.
»Ich arbeite heute nicht.«
Bols kugelige Augen blickten ihn verwundert an. »Hast du denn keine Angst, dass sie dich feuern?«
»Tja, sollen sie doch. Dann suche ich mir einfach einen Job in einer anderen Fabrik, denn es macht keinen Unterschied. Im Moment halte ich nach einer Bank Ausschau, die mir einen Kredit gewährt.«
»Einen Kredit?«
Ihre Begriffsstutzigkeit konnte an manchen Tagen anstrengend sein. Andererseits war es nicht ihre Schuld, dass die Natur sie nur mit mäßiger Intelligenz ausgestattet hatte.
»Für meinen Bruder. Die Behandlungen für seine Krankheit sind teuer, das habe ich dir bereits erzählt. Ich werde erst aufgeben, wenn ich alle Banken auf diesem Planeten abgeklappert habe.«
Bols Stirnwülste zogen sich zusammen, ein Ausdruck der Nachdenklichkeit bei ihrer Spezies. »Ich kenne vielleicht jemanden, der dir Geld geben kann.«
Hilfe, und das von Bol? »Wer?«
»Sie heißt Tamian Gerrbodden.«
Natürlich, das ergab Sinn! Tamian Gerrbodden, die Geliebte von Ijon Asstur, hatte angekündigt, Streiter für ihre Sache anwerben zu wollen. Dabei war ihr Auge naturgemäß auf Bol, Jungmeisterin des Winterfrost-Kampfzirkels, gefallen. Doch wie konnte er sich der Schtrowima verkaufen? Seine Schulnoten würden nicht ausreichen, und er hatte noch nie eine Waffe in der Hand gehalten. Er würde all seine Überredungskunst einsetzen müssen.
»Kannst du ein Treffen arrangieren?«
»Ich glaube schon.«
Bol ging ein wenig von ihm weg und rief über ihr Armband jemanden an. Breladan wartete, während die Sekunden quälend langsam für ihn verstrichen. Das war vielleicht seine Chance, seinem Bruder zu helfen.
Bol kam zurück, die Kinnwülste zusammengeschoben. »Sie will sich mit dir treffen!« Ihr gutturales Standard-2 überschlug sich fast vor Freude.
Breladan atmete auf. Endlich ein Hoffnungsschimmer, diese Sache durfte er nicht verpatzen!