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Blicke ins Weltgeschehen

von Jaderegen
KurzgeschichteFantasy / P12
10.09.2012
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Blicke ins Weltgeschehen

Das war ein Tag ganz nach ihrem Geschmack! Kithra liebte es, wenn es in ihrem kleinen Dorf nichts zu tun gab und sie nach Herzenslaune draußen umherstreunen konnte. Für solche Tage nahm sie mit Vorliebe ihre Katzengestalt an und lief Kilometer um Kilometer durch die Gegend. Für gewöhnlich verweilte sie bei sonnigen Lichtungen, um dort herumzutollen und Schmetterlinge zu jagen. Dabei hoffte sie jedes Mal, dass sie sie nicht erwischte, aber der Spiel- und Jagdtrieb, den sie immer verspürte, sobald sie in ihrer tierischen Form war, ließ sich mit dem Rest menschlicher Vernunft einfach nicht bändigen. Glücklicherweise war sie noch nicht geschickt genug, um die Beute oft zu erwischen.

Die junge Gestaltwandlerin wusste noch nicht lange von ihrer genetisch vererbten Fähigkeit. Erst vor wenigen Wochen hatte sie davon erfahren. Ihr normalerweise gütiger Vater war sehr wütend auf sie gewesen, weil sie auf ihrem Hof mit seinem unerlaubterweise genommenen Bogen versucht hatte, Äpfel von einem Baum des Nachbarn zu schießen. Das hatte natürlich zu Schwierigkeiten mit selbigem geführt und zudem war es Kithra gelungen, bei einigen Pfeilen dermaßen unglücklich zu zielen, dass sie nicht mehr auffindbar gewesen waren. Beides hatte dem Ärger ihres Vaters genug Zunder gegeben, um sie außerhalb der vier Wände, also für alle deutlich hörbar, die an ihrem Grundstück vorbei gegangen waren, mit Vorwürfen zu überhäufen. Irgendwann hatte sie nur noch den Wunsch verspürt, auf der Stelle verschwinden zu können. Und während sie sich unter seinen bösen Blicken am liebsten zusammengekauert und geweint hätte, war es plötzlich passiert: Ein unbekannter, stechender Schmerz hatte ihren Körper durchzogen und sie kurz das Bewusstsein verlieren lassen. Als sie wieder aufgewacht war, hatte sie sich im Körper einer Katze befunden und nicht gewusst, ob sie sofort abhauen oder lieber ein lustiges Fangspiel mit den Füßen ihres Vaters anfangen sollte. Der Ärger war sofort vergessen und sie hochgehoben worden, um dem Rest ihrer Familie, der aus den Großeltern, der Mutter, einer Tante und einem Onkel bestand, die freudige Nachricht mitzuteilen.

Es war üblich, dass durch ein starkes emotionales Ereignis während dem Heranwachsen die wandlerischen Fähigkeiten hervorbrachen. Ähnlich erging es den anderen Jugendlichen im Dorf: Manche hatten Ärger mit dem Lehrmeister, andere fochten gerade einen Streit mit Freunden aus, bei einigen spielten erste Liebeserfahrungen eine Rolle, bestimmte Substanzen konnten förderlich wirken (was manchen Ungeduldigen zum Experimentieren provozierte, dies war allerdings selten von Erfolg gekrönt); fast alle erlebten während solcher Situationen ihre Erstverwandlung. Vorher wussten sie auch nicht, was für ein Tier zu ihnen gehörte. Aufgrund der Verwandlungsform der Eltern ließen sich zwar Mutmaßungen anstellen, aber es war genauso möglich, dass die Kinder völlig andere Ausprägungen hatten.

In ihrem kleinen Dorf lebten fast ausschließlich Gestaltwandler. Sie ähnelten den Menschen und abgesehen von dem Tierkorpus waren sie nur an den Augen zu erkennen: Die Iris wies bei ihrer Farbe einen seltsamen metallischen Glanz auf. Das Leben außerhalb ihrer Ortschaft interessierte die Bewohner nicht. Sie waren damit beschäftigt, genug zu erwirtschaften, um leben zu können. Was nicht zwingend leicht war, da sie an keine Handelsroute angeschlossen waren und aufgrund ihrer dorfbezogenen Aufmerksamkeit auch kaum Kontakte nach außen schlossen.

Kithra mochte diese Einstellung nicht unbedingt. Sie hatte aus Erzählungen, die trotz Abgeschiedenheit irgendwie jeder kannte, genug Mysterien der größeren Städte gehört, um eines Tages einmal dorthin zu wollen. Doch momentan bestand ihr Tagesablauf daraus, ihrer Mutter und der Tante beim Anbau und der Ernte von Obst und Gemüse zu helfen. Die Großeltern erledigten Dinge im Haushalt, während Vater und Onkel auf die Jagd gingen.

Interessanterweise gab es kaum einen Gestaltwandler, der sich für das Standardleben eines Tieres entschied. Das lag vermutlich daran, dass sie trotz der Verwandlung ihren vernünftigen Geist behielten, der die aufkeimenden Triebe in Schach hielt. Etwas, das die Jüngeren erst lernen mussten. Ab und an gab es Geschichten, in denen diese Kontrolle nicht gelungen war und die Person es nicht gelernt oder irgendwann verlernt hatte, sich zurückzuverwandeln. Kithra erfuhr von solchen Dingen gerne, denn sie fragte sich dann jedes Mal, wie es wohl wäre, ständig in ihrem Katzenkörper zu bleiben. Nicht, dass sie es jemals ausprobieren würde, es war lediglich ein spannendes Gedankenspiel.

Am heutigen Tag blieb sie bei keiner Lichtung stehen, obwohl sie ein paar wirklich schöne überquerte. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, das Dorf so weit wie möglich hinter sich zu lassen, wollte ein Abenteuer erleben und den ersten freien Tag seit Wochen mit einer Glanzleistung in punkto Entfernung feiern. Und es sah ganz danach aus, als ob ihr das gelingen würde. Nach einigen Stunden erkannte sie ihre Umgebung nicht mehr. Geräusche sowie Gerüche waren dem Gewohnten ähnlich und doch ganz anders. Kithra jubilierte innerlich. Das war genau das, was sie sich für heute vorgestellt hatte!

Als sie irgendwann einen breiteren Bach erreichte, verweilte sie dort kurz, um etwas zu trinken. Dafür nahm sie ihre Menschengestalt an und schöpfte das Wasser mit den Händen. Sie schaute sich ein bisschen um und entdeckte leckere Beeren. Durch das Umherstreifen und Pflücken mit ihren weiblichen Verwandten wusste sie, dass diese Sorte bedenkenlos zu verzehren war.

Gestärkt machte sie sich wieder auf den Weg, nachdem sie sich anhand des Sonnenstandes vergewissert hatte, dass sie bedenkenlos noch in unbekannte Gebiete vorstoßen konnte, ohne befürchten zu müssen, dass sie zu spät nach Hause kommen würde.

Es verstrich noch eine geraume Zeit, bis sich die Gestaltwandlerin eingestehen musste, dass sie so müde war, dass eine Pause nötig wurde und sie danach den Rückweg antreten sollte. Bedauernd verwandelte sie sich abermals in ihre menschliche Form und schlenderte den Trampelpfad entlang, um ein Plätzchen für ihre längere Rast zu suchen. Sie hatte sich an den Weglauf des Baches gehalten, um nicht Gefahr zu laufen, sich zu verirren und trat in diesen nun hinein, um dort weiter zu waten. Dabei betrachtete sie ihr Spiegelbild, dass durch die Strömung und ihre eigenen Schritte ständig durcheinandergebracht wurde. Mit ihrer in kein Extrem ausschlagenden Statur war sie zufrieden. Die von der Rennerei zerzausten dunkelbraunen Haare fielen ihr bis knapp auf die Schultern; das Kämmen später würde eine helle Freude werden. Sie blieb stehen und beugte sich hinunter in der Hoffnung, ihre Augen zu sehen. Sie mochte den Bronzestich ihrer Iris. Bei dem unruhigen Gewässer ließ sich davon natürlich nichts erkennen und sie erhob sich wieder, um weiter zu gehen; dabei verscheuchte sie nachlässig eine Fliege, die sich knapp oberhalb ihrer Brust niedergelassen und sie damit gekitzelt hatte. Bei den Dörflern war es üblich, keine Kleidung zu tragen, wenn man vorhatte, sich zu verwandeln. Sie als Katze hätte sich vielleicht noch ein Bündel auf den Rücken schnallen lassen können, für eine Feldmaus wie ihre Mutter wäre das jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. Durch diese Gegebenheit war es nicht unüblich, an einem Tag etlichen nackten Bekannten zu begegnen.

Kithra lachte leise auf. Ihre Mutter achtete peinlich genau darauf, sich nicht in der Nähe von ihr zu verwandeln. Dieses Risiko würde sie erst in ein paar Jahren eingehen, wenn sie davon ausgehen konnte, dass Kithra ihre Fähigkeit sicher unter Kontrolle hatte. Diesen Streich des Schicksals fand das Mädchen besonders lustig. Ebenso wie die Überlegung, dass ihr Vater die Gestalt eines Tigers annahm und die Vorstellung, wie die beiden zusammen aussahen. Früher, als es bei Kithra noch nicht die Spur einer Begabung gegeben hatte, war es für sie immer ein Vergnügen gewesen, sich von ihren Eltern aufmuntern zu lassen, denn dafür hatte sich ihre Mutter auf den Kopf ihres Gefährten gesetzt, was jedes Mal ein lustiges Bild abgegeben hatte.

Als das Wasser zu ihren Füßen unruhiger wurde, blickte sie auf. Ein gutes Stück vor ihr ragte ein Fels in die Höhe und es schien, als entspränge das kühle Nass ebendiesem. Sofort war alle Müdigkeit vergessen und Kithra hastete so schnell wie möglich los, um die Quelle zu finden.

An dem großen Gestein angekommen, bemerkte sie gleich, dass der Bach tatsächlich aus einer Öffnung hinauslief. Zudem schien diese groß genug zu sein, um sich durch zu quetschen. Vielleicht hatte sich hier vor Jahrhunderten ein Fluss durchgegraben, der nun langsam am versiegen war. Kithra ließ sich auf die Knie sinken, wobei ihr kleine Steine unangenehm in die Haut drückten. Sollte sie wirklich riskieren, dort einzudringen? Was für eine Frage ... natürlich würde sie genau das jetzt tun! Sie rutschte an den Rand des Gewässers und verwandelte sich in ihre Tierform.

Sie watete auf die Öffnung zu. Mit ihrer jetzigen Schulterhöhe, sie hatte die Maße einer Hauskatze, stand ihr das Wasser wortwörtlich bis zum Hals und es war alles andere als angenehm, sich ihrem Ziel zu nähern und halb schwimmend hindurch zu gelangen.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie die gangähnliche Formation durchquert hatte. Dass sich das Unwohlsein gelohnt hatte, erkannte sie auf den ersten Blick. Der riesige Fels beherbergte einen großen Hohlraum. Eine diffuse Helligkeit ließ Kithra erkennen, dass der Bach etwa in der Mitte entsprang. Sie bewegte sich ins Trockene und schüttelte lauter Tropfen aus ihrem Fell, die den Boden benetzten und das Licht, dessen Ursprung nicht erkennbar war, reflektierten.

Ein sonderbarer Ort, den das Mädchen nicht recht zuzuordnen vermochte. Es schlich an den Wänden entlang, die mit seltsamen Schriftzeichen verziert waren. Immer wieder meinte es Schatten zu erkennen, die nicht von ihm stammten. Ein leises Summen lag in der Luft und Kithra konnte sich dem Eindruck nicht erwehren, dass etwas Mächtiges hier hauste. Während der Besichtigung der runden Höhle entdeckte sie Kerzen in verschiedenen Größen, die auf dem Boden und natürlich entstandenen Simsen standen, jedoch nicht angezündet waren. Sie erklärten die Dämmerung, die vorherrschte, also nicht, obwohl oben an der Decke kein Loch zu sehen war, das einen Lichteinfall ermöglichte. Zudem schien es noch einen weiteren Bereich zu geben; einen Stollen, der von einem Menschen passierbar war und in absolute Dunkelheit führte.

Noch während Kithra überlegte, ob es ratsam war, sich hier weiter umzuschauen, huschte sie schon darauf zu. Es reizte sie herauszufinden, ob es dahinter erneut einen helleren Bereich gab; also tapste sie vorsichtig hinein, die Ohren gespitzt, damit ihr kein Geräusch entging.

Für das laute Rauschen und Dröhnen, das nun erfolgte, hätte sie auch halb taub sein können und es trotzdem deutlich wahrgenommen. Sie schreckte zusammen und wirbelte herum, um zurück zu preschen. Vielleicht brach der Tunnel gerade hinter ihr ein! Mit einem entsetzten Miauen war sie schon dabei in den Bach zu springen, um diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen, doch das Gerumpel brach abrupt ab. Es hatte sich nichts verändert, keine Einsturzspuren waren zu sehen.

Unsicher blieb Kithra stehen. Das fand sie sehr eigenartig. Nach einem längeren Moment bewegte sie sich noch einmal auf den Gang zu und ein paar Schritte hinein. Erneut begann es zu Rumpeln und zu Beben. Kaum hatte sie sich zurückgezogen, war alles still, als ob nie etwas gewesen wäre. Sie wiederholte das Spielchen noch ein paar Mal – immer mit demselben Ergebnis. Es schien, als sei sie dort nicht willkommen.

Plötzlich hörte sie leise Schritte, die näher kamen. Sie wich nach hinten aus, den Eingang des unbekannten Gebiets aufmerksam im Auge behaltend. Alles in ihr schrie danach zu verschwinden, sie konnte unmöglich wissen, was da gerade auf sie zu kam. Aber die Neugierde siegte und sie blieb, zur Flucht bereit, an Ort und Stelle stehen, während das unbekannte Wesen die Distanz zwischen ihnen verringerte.

Ein leises Miauen verriet ihre Überraschung und damit auch den Aufenthaltsort, als sie die Silhouette einer jungen Frau erkannte, die sich suchend umsah und ihren Blick schließlich auf Kithra ruhen ließ.
„Hartnäckige kleine Katze“, murmelte sie und trat ein paar Schritte auf sie zu, um dort in die Hocke zu gehen. Sie streckte die Hand in Richtung der Gestaltwandlerin aus, als wolle sie sie herbeilocken.

Kithra wagte sich ein Stück nach vorne, neugierig auf die Person, die mit diesem Ort offenbar vertraut war. Jene hatte, soweit das im Dämmerlicht zu erkennen war, blonde Haare, die ihr weit über die Schultern fielen und mit irgendetwas im Nacken zusammengehalten wurden. Sie schien eine durchschnittliche Statur zu haben und war in weiße, wallende Gewänder gehüllt.

„Du schaust mich so aufmerksam an, dass man meinen könnte, du unterziehst mich einer genauen Musterung.“ Die Stimme der Fremden klang hell und angenehm, mit einer leicht amüsierten Nuance. „Das liegt vielleicht daran, dass du lediglich vorgibst, eine Katze zu sein.“ Sie lachte leise auf und erhob sich. Eine Handbewegung später war die Höhle hell erleuchtet.

Hier musste Magie am Werke sein! Anders waren die Geschehnisse nicht zu erklären. Und die Frau hatte ebenfalls etwas an sich, das auf Übernatürliches mehr als deutlich hinwies. Im Licht erkannte Kithra, dass deren Ohren spitz zuliefen. Und als sie sich erneut der Gestaltwandlerin zuwandte, war ein silberner Glanz der Iris deutlich erkennbar – womit auch der letzte Zweifel ausgeräumt war. Die Weißgewandete war definitiv anders.

Kithra verwandelte sich nach kurzem Überlegen in ihre menschliche Form. Die Neugierde überwog und kommunizieren als Tier war beinahe unmöglich. Die folgende Reaktion hätte sie jedoch nicht erwartet. Ihr Gegenüber wandte erschrocken den Blick ab. „Hast du keine Kleidung?“
„Wie hätte ich die mitnehmen sollen?“ Sie hätte sich ein Bündel ja wohl kaum nach Benutzung selbst auf den Rücken schnallen können.

„E-e-entschuldige, so kann ich mich nicht mit dir unterhalten.“ Sprach's, drehte sich die Frau schon herum und hastete in den Durchgang, aus dem sie gekommen war. „Warte“, rief sie noch über die Schulter.

Erheitert blieb Kithra an Ort und Stelle stehen. Es gab Gründe, warum sich ihr Volk niemals unbekleidet in einer Stadt zeigen würde. Von Wesen auf dem Lande hätte sie allerdings erwartet, dass sie dieses Verhalten kannten. Bisher war es nie anders gewesen.

Nach kurzer Zeit kehrte die Unbekannte zurück und warf der Gestaltwandlerin ein Kleid aus Leinen zu. Kithra zog es über, der farblich unauffällige Stoff hing locker am Körper und fiel ihr bis auf die Füße. „Ich heiße Kithra“, stellte sie sich vor, als ihr endlich wieder ins Gesicht geschaut wurde. Was sie war, erwähnte sie nicht, davon ausgehend, dass das ohnehin offensichtlich war.

„Jiliana“, stellte sich ihr Gegenüber vor. „Entschuldige meine Reaktion, aber bei uns ist es nicht üblich, sich auf diese Art zu zeigen. Das ist etwas Persönliches.“

„Bei uns ist es einfach praktisch“, lachte Kithra auf.
Einen Atemzug später sprach sie bereits die Fragen aus, die ihr auf der Zunge lagen: „Was bist du und was hat es mit dieser Höhle auf sich?“

Fast schon unerwartet kam eine prompte und offene Antwort. „Ich bin eine Druidin. Mein Vater ist ein Elf, daher die Verbindung zur Magie, Ohrenform und Augen.“

Kithra riss die Augen auf. Da war sie ja auf eine richtig faszinierende Zeitgenossin gestoßen! Druiden standen für eine Beziehung zu den Göttern, mysteriösen Ritualen und allgemeiner Sagenumwobenheit. Sie war sich sicher, dass es auch menschliche Druiden gab, aber das Blut einer anderen Wesensart in sich zu tragen, vergrößerte das magische Potential in der Regel. „Dich mehr darüber zu fragen, wird mir keine Antworten bringen, oder?“ Soweit sie wusste, unterlagen Mitglieder des Druidenzirkels absoluter Verschwiegenheit und diese Regel zu brechen, wurde mit Verbannung bestraft.

„Die Gerüchte eilen uns voraus.“ Nun lachte Jiliana auf. „Ich versuche deine Fragen zu dieser Höhle ausreichend zu beantworten. Oder vielleicht …“ Sie brach ihren Satz ab und musterte Kithra mit schief gelegtem Kopf, als würde sie etwas abwägen.

Die Gestaltwandlerin presste die Lippen zusammen, um nicht nachzuhaken und mit Bemerkungen hinauszuplatzen, die vielleicht dazu führen würden, dass Jilianas Überlegungen negativ ausfielen. Zu sagen und hinterfragen hätte sie allerdings einiges. Unter Druiden hatte sie sich ältere Männer und Frauen vorgestellt, offenbar war das ein Trugschluss. Oder die elfische Abstammung gaukelte ein Alter vor, das nicht den Tatsachen entsprach.

„Falls dich das gerade beschäftigt: Ich bin in deinem Alter. Man entscheidet sich früh für diesen Weg. Und du kannst mich ruhig ansprechen. Davon hängt nicht meine Entscheidung ab, ob ich dir das Geheimnis dieses Ortes verrate oder nicht. Ich habe sie ohnehin schon getroffen.“

„Und?“ Ganz begierig auf die Lösung dieses Rätsels, wäre Kithra am liebsten von einem Bein auf das andere gehüpft und hatte ihre vorherigen Fragen schon fast wieder vergessen.

„Kennst du dich mit dem Weltgeschehen aus? Mit dem, was außerhalb deines Dorfes - ich nehme an, dass du in einem lebst, die meisten deines Volkes haben ähnliche Verhaltensweisen - geschieht? Politik? Wirtschaft?“

Das waren alles die Dinge, mit denen ihre Leute nichts zu schaffen hatten. Sie lebten im Hier und Jetzt, was früher geschah oder irgendwann geschehen sollte, hatte für sie keine Bedeutung. Ebenso wie weit entfernte Orte, mit deren Bewohnern sie sowieso keinen Kontakt aufnahmen. Also schüttelte Kithra den Kopf.

„Dieser Ort ist den Göttern geweiht. Er dient als Anlaufpunkt für diejenigen, die sich für das Wohl unserer Welt interessieren. Diejenigen, die etwas ändern wollen und einen Anreiz brauchen. Oder für die, die allgemein wissen wollen, wie es um großflächige Angelegenheiten steht. Dass jemand zufällig hier landet, ist selten. Aber deine Neugierde beim Herumstreunen hat ausgereicht, um den Eingang der Höhle für dich sichtbar zu machen.“

„Also kommt man hier normalerweise nicht rein?“ Jetzt konnte Kithra ein Herumwibbeln nicht mehr unterdrücken. Das war alles höchst aufregend und die Fragen, die Jiliana ihr gestellt hatte, schürten den Wunsch nach Befriedigung der Neugier noch mehr. Jetzt, in diesem Moment, wollte sie sehr genau wissen, was es da draußen noch gab und scherte sich nicht um die eigenbrötlerische Art, die ihresgleichen anhaftete.

„Der Eingang ist normalerweise von viel Farn verdeckt, sodass er nicht erkennbar ist und offenbart sich nur denen, die auf der Suche nach Weisheit sind. Ich merke deutlich, dass du wissbegierig genug bist.“ Die Druidin lachte bei ihren Worten leise auf und deutete dann auf die Wände. „Du musst auf die Schatten achten.“

Kithra folgte dem Fingerzeig und ein Luftzug fuhr durch die Höhle. Das Licht flackerte, veränderte seine Helligkeit und verlieh den Schatten Gestalt. Sie waren beim Betreten schon auffällig gewesen, aber nun führten sie ein richtiges Eigenleben. Zeigten große, dunkle Flächen. Tanzen als menschenähnliche Gebilde an dem Gemäuer entlang. Sorgten dafür, dass Kithra sich um die eigene Achse drehte, um möglichst viel zu Gesicht zu bekommen, auch wenn sie sich keinen Reim auf die Muster machen konnte. Sie erzählten augenscheinlich eine Geschichte, die jedoch unverständlich war. Allerdings nur solange, bis Jiliana den Bildern ergänzende Erklärungen beifügte.

Die Welt bestand aus zwei Inseln, die durch ein großes Meer getrennt waren. Auf beiden herrschte je ein Kaiser. Der eine war gutmütig und weise. Bedingt durch sein hohes Alter gelang es ihm nicht, sein Volk unter Kontrolle zu halten. Revolutionen kündigten sich an, obwohl sich die verschiedenen Wesen eigentlich nicht beklagen durften. Sie wurden nicht ausgebeutet, bekamen viel vom Kaiserreich und hatten ein relativ unbeschwertes Leben. Offenbar war dieser Luxus der Grund, dass ihnen langweilig wurde und sie die Waffen gegeneinander und letztendlich gegen die Staatsgewalt zu erheben gedachten. Auf diesem Kontinent lebte Kithras Volk und der ruhigen Herrschaft war es zu verdanken, dass sie bisher nichts von politischen Ränkespielen mitbekommen hatten. Die Schatten deuteten daraufhin, dass sich das in den nächsten Monaten rapide ändern würde.

Auf der anderen Insel lebte ein junger, dynamischer Kaiser. Ihn interessierte das Wohl des Volkes nur bedingt und er war mehr damit beschäftigt, seine eigene Macht zu vermehren. Als ehemaliger Soldat wandte er an, was er damals gelernt hatte – Waffen und Gewalt. Den Bewohnern ging es schlecht, sie durften nichts tun, das dem Willen des Herrschers widersprach, mussten hohe Steuern zahlen und selbst in den Militärdienst treten. Unglück breitete sich aus und es wurden ebenfalls revolutionsorientierte Pläne geschmiedet.

Besonders interessant fand Kithra die Tatsache, dass viele Bewohner ihrer eigenen Insel auf die andere wollten, in der Hoffnung, da ein bisschen mehr Strenge und Vorgaben zu finden, während die Leute von dort unbedingt fort wollten. Bei den anderen konnte sie es verstehen, bei ihren eigenen nicht.

Über Jusne, die Bilder und Töne zu anderen Jusne schickten, wenn sie richtig bedient wurden, hatten die Lebewesen Kontakt zueinander und erzählten sich gegenseitig Ereignisse und Entwicklungen. Die einzelnen Darstellungen waren subjektiv geprägt und dadurch verzerrt, sodass ständig jeder annahm, mit seinem Reich das schlechtere erwischt zu haben.

Von diesen Übertragungsbällen hatte Kithra vor etlichen Jahren beim Herumstreunen einen gefunden und begeistert mit nach Hause geschleppt. Er hatte nicht funktioniert, beziehungsweise erfuhr sie nun, dass sie ihn falsch benutzt hatte. Ihr Vater war erschrocken gewesen und hatte ihn sogleich an sich genommen und niemals mehr jemanden einen Blick darauf werfen lassen. Vielleicht aus dem Grund, dass sie von dem Geschehen um ihr kleines Gebiet herum nichts mitbekamen. Unter diesen Umständen konnte sie das nachvollziehen. Es schien einfach zu sein, sich einer Gruppe anzuschließen, die versuchte das Meer zu überqueren, um den vermeintlich besseren Ort zu erreichen und es ließ sich leicht ausmalen, was für Konsequenzen das möglicherweise nach sich zog.

Die Herrscher wussten von den Jusne nicht, diese wurden der einfachen Bevölkerung von Göttern zur Verfügung gestellt, damit sie ausgleichende Möglichkeiten der Obrigkeit gegenüber haben. Ein junger Mann hatte einst einen Traum mit den Bauplänen dieser Geräte gehabt und den Rest seines Lebens daran gearbeitet, sie zu erschaffen; was ihm einige Monate vor seinem Tod schließlich gelungen war. Die Staatsoberhäupter ahnten, dass Kontakt zwischen den verschiedenen Kontinenten bestand und versuchten, bisher erfolglos, herauszufinden, welcher Art dieser war.

Nach und nach wurden die vielen Informationen verwirrend für die Gestaltwandlerin. Sie ging dazu über, sich die leicht verständlichen Fakten einzuprägen, bei denen man nicht viel mitdenken, sondern sie nur abzuspeichern brauchte. Früher hatte es einen großen Kontinent gegeben, der von Seen übersät gewesen war. Im Zuge geologischer Aktivitäten hatte sich nach und nach ein großes Meer gebildet, das nun die Landmasse teilte.

Als Jiliana erzählte, dass inzwischen aus beiden Nationen Gruppen aufgebrochen waren, um die andere zu erreichen, hob Kithra protestierend die Hand. Es wurde zu viel! Da war jetzt ein richtiger Sturm an Neuigkeiten und unbekannten Dingen über sie hereingebrochen, den sie erst einmal verdauen musste. Die Druidin erkannte das Problem schnell; eine Handbewegung später lösten sich die Schatten und die seltsame Atmosphäre in nichts auf. Die Höhle sah aus wie zuvor.

Kithra atmete erleichtert auf. „Das war ...“ Ihr fiel kein passender Begriff ein, außer dass sie völlig überfordert war. Soeben Gehörtes und Gesehenes schwirrte in ihrem Kopf herum. Sie war sich ziemlich sicher, dass es eine ganze Weile brauchen würde, sich dazu ihre Meinung zu bilden.

„Du kannst jederzeit wiederkommen, wenn du möchtest. Jetzt weißt du, wo sich die Höhle befindet und wirst sie jederzeit leicht finden können. Ich glaube, die Zeit drängt für dich ohnehin inzwischen, oder?“

Ohne zu fragen, woher Jiliana wissen konnte, dass Kithra am Abend daheim sein sollte, nickte sie nur. Sie hatte keine Vorstellung, wie lange sie bereits weg war, aber der Rückweg würde noch einige Stunden in Anspruch nehmen. Und gut geeignet sein, ihre Gedanken ein wenig zu ordnen.
„Danke für diese … Eindrücke“, sagte sie an die Götterbotin gewandt – nichts anderes konnte Jiliana in ihren Augen sein – und bewegte sich schon rückwärts in Richtung des Baches, durch den sie hineingekommen war.

Die Druidin lächelte freundlich. „Ich gehe davon aus, dass wir uns wiedersehen werden“, schmunzelte sie, ohne drängend oder überredend zu wirken. Es bestätigte nur noch einmal das Angebot von vorhin.

Mit einem zustimmenden Ton in ihrer Stimme gab Kithra ein leises „Hm ...“ von sich, dem sie ein „Bis bald vielleicht“ hinterhersetzte, um nicht unhöflich zu wirken. Das erschien ihr an diesem Ort nicht angebracht. Dann verwandelte sie sich in ihre Katzengestalt, woraufhin sie einen Moment damit beschäftigt war, sich aus dem Kleid zu wühlen, das Jiliana ihr gegeben hatte, und sprang in das Gewässer, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Wieder auf trockenem Boden angekommen, ging sie bereits ebenfalls davon aus, dass sie diese Gegend erneut besuchen würde. Jedoch nicht innerhalb der nächsten Tage, selbst wenn Gelegenheit dazu wäre. Sie musste sich über einiges klar werden. Wie stand sie zu dem Erfahrenen? Interessierte sie das Weltgeschehen? Würde sie sich bei einem Umbruch, der sich ihrer Einschätzung nach deutlich ankündigte, für eine aktive Rolle entscheiden? Könnte sie Mitglieder ihrer Familie oder dem Dorf überreden, sich daran zu beteiligen? Sollte sie überhaupt irgendetwas von dieser Begegnung erzählen?

Fragen über Fragen, deren Antworten noch auf sich warten lassen würden. Kithra musterte ein letztes Mal den Fels, der völlig unauffällig aussah und doch ein solch mystischer Ort war.

Es war Zeit, zurückzukehren. Wenn sie sich den Sonnenstand anschaute, wartete daheim ohnehin ein dringlicheres Problem auf sie: Wie sollte sie erklären, dass sie bis zum Anbruch der Dämmerung nicht im Dorf war? Darüber hatte sie sich Sorgen zu machen, bevor alles andere relevant wurde, sonst wäre das der vorerst letzte Ausflug gewesen. Konzentriert auf das Wichtigste, trat sie also den Rückweg an, wobei sich doch immer wieder der Gedanke in den Vordergrund drängte, ob dieser ereignisreiche Tag etwas an ihrem Leben ändern würde.


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Feeertig! :) Ich bin ja stolz, denn am Anfang habe ich wirklich gezweifelt, ob mir überhaupt etwas zu meiner Vorgabe einfällt. Teilweise ist das bei den Puzzlerunden doch nicht ganz so einfach. ^^ Unter Anbetracht der Schreibumstände, die diesmal wirklich nicht optimal waren (eine Operation mit entsprechenden Scherereien vorher und nachher), bin ich mit dem Ergebnis zufrieden. Den Abgabetermin wollte ich nicht noch weiter ausreizen, um die Möglichkeit zu haben, mich auch noch anderen Projekten zuwenden zu können, ohne später in zeitliche Bredouille zu kommen, da bald einiges an Privatzeugs ansteht.

Ein paar Worte noch zu den gewählten Charakteren:
Die Katzengestaltwandlerin Kithra spukt mir schon eine ganze Weile im Kopf herum, ohne dass ich wusste, was ich mit ihr machen soll. Jetzt hat sie ihr Plätzchen gefunden. Für solche Fälle sind die Puzzlegeschichten echt super!
Jiliana ist eine Druidin, die ich früher in meinem Foren-RPG gespielt habe. Ihr Charakter, bzw. die Bedeutung ihrer Herkunft und ihre Aufgaben ist für diesen Oneshot ein bisschen abgewandelt, damit es besser ins Gesamtbild passt. Auch bei ihr freue ich mich, dass ich ihr noch einmal eine Bühne geben konnte.

Und meine Vorgabe, die ich in diese Geschichte einbauen musste – auch wenn ich das sicherlich anders gemacht habe, als Mondschreiberin sich das vorgestellt hat:

Eine Welt, bestehend aus zwei großen Mächten. Getrennt durch ein riesiges Meer. Keiner hat sich je gewagt, dieses zu durchqueren, vielleicht wirst du es ja schaffen? Das erste Land wird von einem Kaiser regiert. Er ist ziemlich alt und gutmütig, den Menschen geht es gut. Nur gibt es immer wieder Probleme, da der König langsam zu schwach wird um zu regieren und das Volk sich gegen ihn stellt. Im anderen Land gibt es einen jungen König, der an der Macht ist. Allerdings regiert er streng, er war einmal Soldat und nun sind Waffen seine Hauptlösung. Den Menschen geht es nicht so gut, sie werden gezwungen etwas zu tun, haben viele Verbote und wünschen sich, in das andere Reich zu kommen.

Durch kleine Bälle, die man dort Jusne nennt, haben die Menschen der verschiedenen Reiche Kontakt zueinander. Die beiden Oberhäupter wissen davon nichts, doch sie wissen, dass die Menschen in irgendeiner Art und Weise Kontakt haben. Das wollen sie verhindern. Diese Bälle sind miteinander verbunden und durch Kameras kann man den gegenüber sehen. Wenn man ihn anschaltet, dann kann man nach den Leuten suchen, mit denen man “telefonieren” will und wenn deren Ball ebenfalls an ist, dann klappt das. Allerdings wissen die Menschen aus beide Reiche die Schattenseiten der anderen nicht. Die aus dem ersten Reich wollen ins zweite Reich, da ihr Kaiser zu schwach ist und sie aus dem anderen Reich gehört haben, dass es dort einen jungen König gibt, die aus dem zweiten Reich wollen ins erste, da ihr König zu brutal ist und sie gehört haben, dass der Kaiser gutmütig ist.

Zusätzliche Idee, die nicht mit eingebaut werden muss:
Nun beschließt aus dem ersten Reich eine kleine Gruppe an Männern, in das zweite Reich zu reisen. Sie bauen ein Schiff und fahren dann los, werden sie es schaffen? Fast zeitgleich, haben auch die anderen diese Idee und beginnen ebenfalls ihren Plan in die Tat umzusetzen. Durch ihre Bälle haben sie Kontakt mit ihrem eigenen Reich, dem anderen und der Gruppe. Doch was, wenn die Herrscher das herausfinden, und alles versuchen, um es zu verhindern?

Ich hoffe, der Text hat euch ein klein wenig unterhalten. :) Über Lob/Kritik/Anmerkungen-jeder-Art/Verbesserungsvorschläge/... freue ich mich sehr und garantiere eine zeitnahe Antwort. :)

Liebe Grüße an alle Leser und Mitpuzzler!
Jade
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