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Possible Escaping

von Anne Var
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer, Familie / P6 / Gen
09.09.2012
09.09.2012
1
1.055
 
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09.09.2012 1.055
 
Diese Geschichte ist 2011 auf der Kopfweide entstanden (Kopfweise=eine zweitägige Veranstaltung mit verschiedenen Kursen für verschiedene Altersgruppen, von denen jeweils einer belegbar ist. Das Thema wird vorgegeben. Ziel ist es, eine Geschichte zu dem vorgegebenen Thema zu schreiben und sie später in ein kleines Büchlein zu binden. Teilweise gibt es auch Kurse, wo auch Zeichnen/Fotografieren/Basteln gefragt ist (Basteln vor allem für die Jüngeren) )
Das Thema meines Kurses damals war Kurzgeschichten mit Kompromissen(oder so ähnlich), und das ist damals dabei herausgekommen.
Das Copyright gehört natürlich mir.

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Es war nicht fair. Es war überhaupt nicht fair. Und vor allem weil es nicht seine Schuld gewesen war. ER hatte nicht gewusst, dass seine doofe große Schwester dadrin war. Selbst wenn er es gewusst hätte... sie hätte es nicht ihren Eltern erzählen müssen. Nur weil ihr doofes Kleid ein klitzekleines bisschen dreckig war.
„Alastair, du kannst doch nicht deine große Schwester so kurz vor ihrer Hochzeit einsperren! Stell dir mal vor, wir hätten sie nicht gefunden!“, hatte sein Vater gesagt.
Und dann hatte er Alastair direkt nach dem Abendessen ins Bett geschickt. Keiner der Väter seiner Freunde hätte so reagiert. Aber ein König sollte doch für seinen Sohn auch ein ganz normaler Vater sein, oder?
Alastair starrte böse seine Kuscheltiere an, und die starrten desinteressiert zurück. „Ungerecht!“, wieder holte er laut. Genauso wie neulich, als sein Vater gesagt hatte, er dürfe nicht immer nur spielen, sondern müsse auch zur Schule gehen. Seine Freunde mussten das noch nicht. Ungerecht!
Aber immerhin hatte er in der Schule gelernt, dass er für Gerechtigkeit zu kämpfen hatte.
Das würde er auch! Und wie!
Alastair kroch aus seinem Bett. Das Kindermädchen hatte seine Sachen auf die Kommode gelegt. Alastair zog seine Kiste mit Bauklötzen heran und kletterte darauf. Und wenn er sich jetzt auf die Zehenspitzen stellte...noch ein bisschen...da! Er bekam etwas zu fassen.
Vorsichtig zog der kleine Prinz seine Kleidung von dem Schrank herunter. Ganz, ganz leise, damit auch ja niemand etwas hörte, tauschte er den Schlafanzug gegen seine Alltagskleidung. Alastair machte sich keine Mühe, den Schlafanzug zu verstecken, sondern öffnete die Tür einen Spalt und lugte nach draußen. Niemand zu sehen. Perfekt.
Auf nackten Füßen huschte er über den weichen Teppich und guckte um die Ecke. Dort standen zwei Wachen am Fenster und beobachteten die Sterne. Vorsichtig schlich er auf Zehenspitzen an ihnen vorbei.
Wenn er jetzt schnell und leise...
„Euer Hoheit?“, fragte einer der beiden Soldaten.
„Solltet Ihr nicht schon längst im Bett sein?“
Während der kleine Prinz sich umdrehte, dachte er – ganz leise und nur für sich – eines dieser bösen Wörter, die er nicht sagen durfte.
„Und solltet ihr nicht Wache halten anstatt die Sterne zu begucken?“, gab Alastair zurück.
Der Wachmann wurde rot und murmelte irgendetwas unverständliches.
„Ihr habt also eure Pflicht vernachlässigt.“, fuhr er fort. „Was soll denn Lady Mylena von dir denken?“
Der Soldat wand sich unter Alastairs anklagendem Blick.
„Aber Euer Hoheit-“, setzte er erneut an.
„Nein!“, erklärte Alastair. „Wenn ihr noch auf sein dürft, dann darf ich das schon lange! Sonst sage ich Mylena, dass...“
„Schon gut, schon gut.“, lenkte die Wache ein. „Wir haben Euch nicht gesehen.“
„Na, bitte!“, entgegnete der Prinz. „Geht doch!“
Und mit einem zufriedenen Lächeln spazierte er davon.

Kaum, dass er um die Ecke war, fiel Alastair ein Stein vom Herzen.
„Uff!“, murmelte er leise.
Auf Zehenspitzen schlich er weiter. Er musste nur noch über die Haupttreppe, durch die Küche (und an der Köchin vorbei9, und dann über den Schlosshof in die Freiheit, wo seine Freunde warteten.

Die Haupttreppe war hell erleuchtet, aber menschenleer. Alastair schlich, eng an das Geländer gepresst, alle hundertundneun Stufen hinunter. Niemand zu sehen.
Vorsichtig bog er in den Gang ein, in den die Küche mündete. Dieser erstreckte sich schnurgerade bis zu dem Schlosspark. In unregelmäßigen Abständen steckten Fackeln in Haltern an der Wand. Aus der Küche drang Geschirrgeklapper, anscheinend waren die Küchenmädchen noch mit dem Abwasch beschäftigt.
Doch plötzlich sagte eine herrische Stimme laut: „RATTEN!“.
Vor Schreck sprang Alastair beinahe einen halben Meter in die Luft. Die Köchin! Mindestens zwei Meter war sie groß, mit Armen wie Baumstämme, und gefährlicher als eine ganze Meute Bluthunde. Und sie bewachte die Küche wie eine Löwin ihre Jungen.
Wenn dieses Monster ihn erwischen würde...sie würde Hackfleisch aus ihm machen. Aber in der Küche war ein Fenster, und wenn er durch dieses Fenster geklettert war, befand er sich auf dem schnellsten Weg in die Freiheit.
Der Prinz stieß die Küchentür ein winziges Stückchen auf und wagte einen Blick ins Innere. Dampfschwaden stiegen von dem heißen Geschirrwasser auf und vernebelte die Sicht. Drei rotgesichtige Küchenmädchen erledigten den Abwasch. Alastair kannte sie alle. Die dicke Marga, Lisabeth, die ihm immer etwas Schokolade zusteckte, und Anissa. Doch wo war die Köchin?
Da! Am Rande seines Blickfelds konnte der Prinz sie sehen, wie sie mit einem Nudelholz nach den Ratten schlug. Das war seine Chance!
Blitzschnell flitzte Alastair hinter einen großen Kupfertopf. Dort war er ersteinmal in Sicherheit. Vorsichtig lugte er um den Kessel herum. Die Köchin wandte ihm gerade den Rücken zu. Jetzt! Wieselflink huschte er im Zickzack durch die Küche. Deckung. Laufe. Und wieder Deckung.
Da endlich: das Fenster in die Freiheit. Und es stand weit offen.
Mit einem letzten Blick auf die Köchin kletterte Alastair auf einen Stapel Kisten und schließlich auf das Fensterbrett.
„Ha! Hab ich dich doch erwischt!“, dröhnte auf einmal eine tiefe Stimme hinter ihm. Erschrocken drehte er sich um.
„Ich werde dich kochen, du kleines Miststück!“
Die Köchin bückte sich und hob eine erschlagene Ratte am Schwanz hoch.
Vor Schreck ließ Alastair das Fensterbrett los – und verlor das Gleichgewicht – und kippte – und kippte – und ruderte mit den Armen – und fiel.
Mit einem Plumps kam er auf dem weichen Gras auf. Da fiel ein Schatten auf ihn.
„Hier bist du also, kleiner Ausreißer!“, sagte eine ihm wohlbekannte Stimme.
Alastair ließ den Kopf hängen.

Sein Vater brachte ihn wieder ins Bett und achtete auch darauf, dass er sich den Schlafanzug anzog. Alastair versuchte es ein letztes Mal: „Papa, bitte-“
Sein Vater ließ ihn nicht ausreden.
„Nein!“, sagte er lediglich.
Aber als er die Tränen in Alastairs großen blauen Augen sah, wurde sein Herz weich.
„Dann darfst du morgen mit zu den Pferden.“, schlug der König vor.
Immer noch schimmerten Tränen in Alastairs Augen, als er fragte: „Versprochen?“
„Versprochen!“, erwiderte sein Vater.
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