Scharf und Bittersüß

von KyaStern
GeschichteAllgemein / P12
Elizabeth Hawke Toby Johnson
02.09.2012
02.09.2012
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Titel: Scharf und Bittersüß
Autor: KyaStern

Kommentar: Ich lebe noch, auch wenn es manchmal nicht so aussieht!
                    Deshalb gibt es (endlich) wieder ein kleineres Stück, welches ich in den
                    Sommerferien verfasst habe. Hinweise und Anmerkungen, Kritik und alles,
                    was euch auf der Seele liegt, könnte ihr einfach als Review hinterlassen. Ich
                    freue mich über jede Rückmeldung!

Viel Spaß!

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Scharf

Elizabeth Hawke war vieles, doch 'scharf' kam kaum jemanden in den Sinn. Dabei war das
nach Tobys Einschätzung das einzige Adjektiv, welches das andere Genie treffend und in
alle ihren Facetten beschrieb...

Ihr Verstand war messerscharf und ihre Zunge um einiges schärfer, wenn sie Befehle
erteilte oder andere im Wortduell regelrecht erdolchte.

Die kalten Blicke, mit denen sie einen nur zu gerne bedachte, konnten jemanden mit der
Präzision eines Skalpells in seine Einzelteile zerlegen und analysieren. Dann tat sie meist
das Gesehene mit einem missbilligenden Kopfschütteln ab und hätte dem Betroffenen mit
so viel Verachtung glatt die Pulsadern aufschneiden können.

Wie ein abgerichteter Wachhund wurde sie sofort aufmerksam, wenn der bloße Klang
ihres Namens oder sonst etwas potenziell Wichtiges fiel.

Jeder ihrer Pläne war bis ins letzte Detail durchdacht und wurde so lange verbessert und
geschliffen bis sie auf die Spitze trieb. Sollte einer ihrer perfekten, genialen Pläne nicht wie
geplant verlaufen – und Toby hätte mal wieder die Ehre, ihn zu vereiteln -, dann schaute
Elizabeth erst einmal wie ein Schaf...

Nur ganz kurz, bevor sie den üblichen Wutanfall bekam, aber lange genug, damit Toby es
sah. Andere Mädchen schmollten, doch Elizabeth hatte nie gelernt einen herzzerreißenden
Hundeblick aufzusetzen. Sie hatte ihren einmalig verdatterten Dolly-Schaf-Blick und dieser
dumme Gesichtsausdruck war es immer wert, Elizabeths wasserdichte Pläne ins Wasser
fallen zu lassen.

Manchmal –  ganz manchmal – war Elizabeth der Sicherheitsgurt, wenn Toby scharf
bremste:
eine gekritzelte Formel auf der Seite seines Hausaufgabenheftes, ein geflüstertes Wort auf
dem Flur oder ein zerknickter Zettel, den sie ihm im Vorbeigehen zusteckte...

Immer gaben sie den Ausschlag zu einem längst überfälligen Geistesblitz und waren die
Lösung, mit der er seiner persönlichen Katastrophe haarscharf ausweichen konnte.

Elizabeth war eine zweischneidige Klinge: Scharf wie ein Arzt-Skalpell und  eine Chilli-Schote
zugleich, verbrannte man sich an ihr nicht nur die Zunge, sondern auch viel zu leicht die
Finger.

Gerade dachte Toby, er käme mit dem prickelnden Gefühl, mit dem sie seinen Magen
versengte, klar, da tat sie etwas unerwartetes und trieb ihm schon wieder den Schweiß
auf die Stirn.

Mit hysterischen Tiefkühltemperament machte sie jedem – vor allem Toby Johnson – das
Leben zur Hölle und trotzdem kam er immer wieder zurück für mehr. Wie eine Droge, eine
Sucht, der er erlegen war... Würde irgendwer – und schlimmstenfalls Russ – das hören,
dann würden sie ihn in einer Zwangsjacke in die Psychiatrie einliefern.

Doch wenn Elizabeth mal wieder viel zu nah bei ihm stand, sodass er das Shampoo in
ihren Haaren und die feurig-würzige Note ihres Parfums riechen konnte, dann wurde Toby
wieder bewusst, dass er sie mehr als 'scharf' fand.

Wenn er sich sicher war, dass es keiner merkte, beobachtete er sie. Er achte auf ihre
energischen Schritte, mit denen sie durch die Schülermenge stolzierte, auf die langen
Beine, die man unter den Röcken erahnen konnte, und auf die Kurven, von denen niemand
wusste, warum die Streberin sie so lange versteckt hielt.

Toby ertappte sich dabei, wie er ihre Hand oder die Cilli-roten Lippen einfangen wollte,
wenn sie sich eine Strähne hinters Ohr strich, sich noch dichter lehnte und irgendetwas
über „ebenbürtig“ und „Partner“ flüsterte. Jedes mal musste er seine ganze Willenskraft
aufbringen und sich alle ihre schlechten Eigenschaften vorhalten, um es nicht zu tun.

Er konnte sich zusammenreißen und jedes mal noch scharf die Kurve kriegen.

Fraglich nur, wie lange noch...

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Bittersüß

Den meisten Mädchen war Toby Johnson zu süß und naiv. Er war so lieb und
zuvorkommend, dass es einem den Mund zusammenklebte und die Zähne zog.

Automatisch gingen die Mädchen auf Abstand und himmelten offensichtlich attraktive,
junge Vollidioten aus dem Fußballteam an und übersahen das ungenutzte Potenzial,
welches sich in Toby verbarg. Vielleicht besser so... Sie waren viel zu oberflächlich, um
mit den bitteren Nachgeschmack, den Toby hinterließ, klar zu kommen.

Elizabeth selbst war ja schon immer irgendwie anders gewesen und hatte es gleich
bemerkt. Bei Tobys Anblick wusste sie darum nie, ob sie lachen oder weinen sollte, da er
ein perfekte Beispiel einer Tragikomödie bot:

Toby war ein Vorzeigebild von Höflichkeit und Tugend – durch und durch Idealist -, sodass
er sich selbst allzu gerne in den Schatten stellte und bescheiden seine Eigenleistung
herunterspielte, bis jemand anderes sie für sich beanspruchte. Viel zu gerne und zu oft
passte er sich der allgemeinen Meinung an, um das Gruppenklima nicht zu gefährden, und
akzeptierte seine Rolle als kleiner Teil des Universums – welches sich von Dina Demires
und exzentrischen Lehrern regieren ließ.

Eine kleine, böse Stimme flüsterte manchmal in seinem Inneren, dass es nicht gerecht sei;
dass er Recht habe.

Toby ignorierte das Flüstern und setzte ein liebenswürdiges Lächeln auf. Er machte gute
Mine zum bösen Spiel.

Nur in seinen Augen blitzten die wahren Gefühle auf. Bitter und traurig und dunkel und so
wütend, dass Elizabeth nicht anders konnte, als sich davon angezogen zu fühlen.

Ja, Toby Johnson war attraktiv, auch wenn er es selbst nicht wusste. Wenn er sich erst
selbst bewusst würde und seine Vorteile einzusetzen wüsste, dann lege ihm die Welt –
und alles verdammten Mädchen von Sandy Bay – zu Füßen...

Elisabeth konnte doch nicht die einzige sein, der aufgefallen war, wie breit seine Schultern
geworden waren. Schon alleine an seinen Finger konnte man erkennen, dass er in den
nächsten Jahren noch einen gehörigen Schub in die Höhe machen würde. Sein Vater war
ja auch kein Zwerg. Mit den Wirbeln im Haar und dem ihm eigenen Surferlook könnte er
sicher jede haben...

Ein Blick seiner grünen Augen und man wäre ihm verfallen, wenn er es darauf anlege. Ein
wenig Übung und er könnte alles haben...

Doch seine Mutter hatte ihm nicht nur zu gut erzogen, sondern ihm auch noch eine tief
greifende Verlustangst mit ihrem Ableben aufgedrückt. Ohne seine Freunde war Toby
Johnson gar nichts. Alleine war die süße Seite hilflos und er wäre gezwungen, sich
seinem viel dunkleren, bitterem Ich zu stellen. Es war einfacher, brav die Klappe zu halten,
und so aufgeschlossen und lieb und zuckersüß normal zu tun, wie er gerne wäre.

Die unsensible Zicke Dina hatte es gar nicht gemerkt. Er war ein begnadeter Schauspieler,
wenn er wollte. Russ – selbst ernannter und gleichzeitig ausgewählter, bester Freund von
Toby – hatte wahrscheinlich auch keine Ahnung, was alles in dem anderen Genie
schlummerte.

Seine Cousine wusste es.

Manchmal schickte Sascha ihr deprimierte Blicke und schüttelte dann leicht den Kopf.

Je größer Tobys Bedürfnis, seine Meinung zu vertreten und doch einmal nur ein bisschen
egoistisch zu handeln, desto mehr unterdrückte er es und kämpfte dagegen an. Es war ein
wunderbarer Anblick, wie mit sich selbst rang, und die einzigartig grünen Augen sich
verdunkelten.

Je mehr er es bekämpfte, desto mehr sehnte Elizabeth den Tag herbei, an dem er
schließlich brach und nachgab und sich endlich nahm, was ihm zustand.

Bald - schon bald – wäre es so weit, wenn sie die Zeichen richtig deutete:
In ihrer Gegenwart sprach er aus, was er dachte, er benahm sich, wie er wollte, und er
ließ seiner Wut freien Lauf.

Wenn er aus der Haut fuhr, war er so unsagbar ehrlich und Elizabeth konnte nicht anders,
als gleichzeitig Stolz und Schmerz zu empfinden, wenn er sie anzischte und beschimpfte.
Es war jede Sekunde wert, wenn jedes Wort, jeder Blick ihr galt. Bloß ihr! Und sie sah, wie
er sie mit den verdunkelten grünen Augen beobachtete, doch diesem Drang – noch – nicht
nachgab.

Toby wollte sie und sie wollte ihn. Der Tag würde kommen, da würde er sie aus freien
Stücken küssen und vielleicht würde er nach dem schwarzen Kaffee schmecken - den er
natürlich 'nicht' trank, wenn er die Nacht mal wieder durchgemacht hatte, um die Welt zu
retten -  und es würde perfekt zu ihm passen.

Er war eine bittersüße Versuchung. Zum Glück war Zartbitter schon immer Elizabeths
Lieblingsschokolade gewesen. Toby würde die Erfüllung all ihrer Träume und gleichzeitig
ihr Untergang sein.

Und Elizabeth konnte es kaum erwarten...

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Fin
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