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Lügen-Märchen

von Unicorn6
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
01.09.2012
01.09.2012
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5.397
 
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„Verflucht du Trottel, was kannst du eigentlich?!“ brüllte einer der dicken Handwerker im Blaumann mitten in der Bibliothek. Er stand auf einer Leiter, die grade gefährlich geschwankt hatte.
Diese Tatsache schrieb der Handwerker seinem Lehrling zu, der schüchtern unten an der Leiter stand und versuchte den schweren Kerl samt dieser stetig ins Gleichgewicht zu bringen. Er bemühte sich redlich, dass musste Millicent ihm ja zugestehen, aber er war einfach zu schmal, zu dürr und zu...kraftlos um die Leiter wirklich zu halten. (Auch wenn letzteres schon fast an eine Beleidigung grenzte)
Der Handwerker brüllte seinen Lehrling weiter an, Millicent seufzte und schlug sanft das Märchenbuch zu, das vor ihr auf dem Pult lag.
Seit Stunden ging das nun schon so; von dem Gebot der Ruhe in Bibliotheken (das Millicent schon fast für heilig hielt) hielten die Männer anscheinend wenig und die Räume voller Bücher waren leer genug, dass sich niemand außer Millicent über den Lärm beschweren würde.
Die Männer dekorierten die Kinderabteilung für eine Lesung, genauer gesagt eine Märchenlesung, die Millicent morgen Nachmittag hier abhalten würde.
Einmal abgesehen davon, dass die Männer keinen Sinn für Kinderinteressen und einen noch schlechteren als Millicent für Dekoration hatten, schwitzen sie unaufhörlich und verbreiteten damit den widerlich süßen, leicht fauligen Gestank von Schweiß zwischen dem Duft der Bücherseiten, Teppiche und Sessel, der sonst hier herrschte.
Auch Millicent schwitzte. Es war Sommer, wirklich Sommer und die Temperaturen waren auf 32 Grad im Schatten gestiegen.
Es hatten sich längst schon Schweißflecken auf ihrer leichten, hellblauen Bluse gebildet, aber sie war wenigstens so umsichtig diese mit Ladungen voller Deo zu überdecken. Zumindest so weit das noch möglich war.
Niemand in der ganzen Bibliothek hatte sich zuständig gefühlt sich um Millicent zu kümmern und so hatte sie sich, in der Absicht sich schon einmal einzulesen, dezent und unauffällig in die letzte Ecke der Kinderabteilung zurückgezogen.
So las sie am liebsten: zurückgezogen, ganz allein mit sich und der Welt des Buches, das sie gerade las.
So hatte sie auch noch gelesen, bis diese Unfähigen Dekokünstler ihre Ruhe und die Stille der Bibliothek gestört hatten.
Mit einem weiteren Seufzer erhob sich Millicent aus ihrem Sessel, nahm das Märchenbuch mit und lieh es sich aus. Würde sie sich eben unter den Baum vor der Bibliothek setzen und sich einlesen.
Sie gab ein weiteres Mal in ihrem Leben nach. Vielleicht hatte sie auch deswegen ihren Job als Kindergärtnerin verloren und musste sich jetzt als Freiberufliche Märchenerzählerin durchschlagen.
Wenigstens sah sie dadurch noch Kinder. Die Bibliothek hatte um Anmeldung der Kinder für die Vorlesung gebeten und obwohl deren Räume sonst für gewöhnlich leer blieben, hatten sich für morgen doch schon gut zwanzig Kinder angemeldet.
Millicent liebte Kinder. Wann immer sie sie sah brachten sie sie zum Lächeln. Ihre Augen strahlten einfach so ehrlich, wenn sie sich freuten, dass man sich einfach mitfreuen, egal wie es einem grade ging.
Als Millicent die Tür nach draußen öffnete, schlug ihr sofort eine Hitzewelle unangenehm entgegen. Ein Blick auf den Baum der gegenüberliegenden Seite des Rathausplatzes genügte und Millicent entschied sich doch nach Hause zu gehen.
Der Schatten der mächtigen, alten Eiche war besetzt mit eisessenden Jugendlichen, die sich alles andere als platzsparend verhielten.
Doch Millicents Wohnung befand sich sowieso buchstäblich um die Ecke. Von der Bibliothek aus links über den Rathausplatz, dann um die Kurve bei der Bank vorbei und schließlich die zweite Straße auf der rechten Seite.
Das erste Haus in dieser Straße war ein Plattenbau, ein grauer, schmuckloser Betonklotz, der einzige, der sich Millicents Zuhause nennen durfte.
Sie musste bis hoch in den sechsten Stock (einen Aufzug gab es nicht) und jetzt im Sommer war das Treppenhaus besonders heiß. Noch dazu waren die Wände vollgeschmiert und die Treppenstufen voller altem Kaugummi.
Hinter der Tür mit der Zimmernummer 6 lag Millicents Wohnung. Sie lebte allein, hatte immer allein gelebt seit sie mit dem Studium angefangen hatte. Entsprechend klein war ihre Wohnung: Ein Bad, eine Küche, ein Schlaf- und ein Wohnzimmer.
Alles voller Ikeamöbel und jeder Raum in einer anderen Farbe: Das Badezimmer blau, die Küche in einem sanften Grün, das Wohnzimmer orange und ihr Schlafzimmer leicht lila. Nicht besonders kreativ, aber effektiv und einfach.
Als Millicent heute schnaufend die Treppen zu ihrer Wohnung geschafft hatte, lehnte da lässig an der Wand neben ihrer Haustür ein hagerer Mann mit markant hervorstehendem Kinn. Er trug einen Ziegenbart und schulterlange, braune Haare. Seine braune Lederweste und das weiße Hemd darunter ließen ihn ein wenig so wirken, als sei er irgendwie mit dem Mittelalter verwandt.
„Verzeihung, kann ich Ihnen helfen?“ fragte Millicent und bemühte sich ihren keuchenden Atem so gut es ging zu verbergen.
„Vielleicht, ich weiß es nicht“ antwortete der Mann schlicht und Millicent starrte ihn ein wenig verwirrt an.
„Worauf warten Sie denn?“ startete sie einen zweiten Anlauf.
„Auf gar nichts“, kam die Antwort.
„Und warum in aller Welt stehen Sie dann vor meiner Tür?“ langsam stieg Wut in ihr auf. Ohne irgendeinen Grund hatte auch kein Fremder etwas vor ihrer Haustür zu suchen.
„Ich warte auf eine Märchenerzählerin. Sie soll hier wohnen. Aber sie ist eine Person und keine Sache, Fräulein. Sie hätten mich also fragen müssen auf wen ich warte.“
Die Art wie er das Wort „Märchenerzählerin“ aussprach klang als wäre es eine grobe Beleidigung. Eine für Millicent nicht nachvollziehbare Abneigung schwang in seiner Stimme mit, sodass sie zögerte zu antworten.
„Ich bin Märchenerzählerin und dies ist meine Wohnung.“
„Sehr erfreulich“, antwortete der Mann steif.
Entnervt von der Hitze und aus Angst vor den Nachbarn im Treppenhaus schloss Millicent ihre Wohnungstür auf und bat den Fremden herein.
Im Flur blieb er stehen, ohne sich auch nur noch einen Zentimeter weiter zu rühren.
„Ich bleibe nicht lange“, erklärte er. „Ich übermittle ihnen nur eine Drohung von mir und einigen meiner Mitgeschädigten: Unterlassen Sie es ab sofort diese furchtbaren Märchen, diese Lügen weiter unter den Menschen zu verbreiten. Ich warne Sie, diese Drohung wird von einigen wichtigen Königen der „Märchenwelt“ unterstützt. Sagen Sie ihre Veranstaltung morgen umgehend ab! Nur damit sie mich auch wirklich ernst nehmen: Wälder, Wiesen und ganze Städte gehören mir, König Drosselbart!“
und damit öffnete er die Tür und verschwand wieder.
Millicent starrte ungläubig ins Leere. König Drosselbart? Der Kerl gehörte definitiv in eine Psychiatrie! Wie kam er überhaupt dazu ihr zu drohen? Sie hatte noch nie jemandem auch nur ein Haar gekrümmt und hatte auch nicht vor jemanden bloß zu stellen! Sie las doch bloß Märchen vor!
Erst nach fast einer halben Stunde hatte sie sich wieder einiger Maßen beruhigt und beschlossen den Spinner zu ignorieren! König Drosselbart! Pah! Was bildete der sich eigentlich ein?
Ein kurzer Blick aus dem Fenster bestätigte, dass es immer noch deutlich zu heiß war um sich draußen zu bewegen und weil sie sich deswegen auch für nichts anderes mehr begeistern konnte, kramte Millicent aus den Tiefen ihrer Schokoladen-Schublade eine Tafel Pfefferminzschokolade und setzte sich vor den Fernseher.
Schon als kleines Mädchen hatte sie Unmengen Pfefferminzschokolade essen können. Der kleine Unterschied zu heute war allerdings, dass die Schokolade sie nicht mehr in die Länge, sondern in die Breite wachsen ließ.
In Momenten wie diesen brauchte Millicent ihre Schokolade jedoch. Andere Leute brauchten Asperintabletten und Millicent eben Pfefferminzschokolade. So hatte sie sich ihren hohen Schokokonsum stets schön geredet.
Zuerst zappte Millicent lustlos durch die Programme und regelte die Lautstärke hin und her. Auf vielen Programmen lief nichts als Werbung und die ist ja erfahrungsgemäß immer lauter als das normale Programm. Zwischen gefühlten hundert Programmen die (nett gesagt) nur irgendwelche erfundenen Menschen aus der Unterschicht dabei filmten, wie sie ihre Alltagsprobleme durch gegenseitiges Anschreien lösten, fand sich irgendwann ein Kultursender, der doch tatsächlich ein Märchen sendete.
Aus einem Impuls heraus wollte Millicent sofort wieder umschalten (eigentlich hatte sie für heute definitiv genug von Märchen), aber dann entdeckte sie, dass es „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ war, ein Märchen das ihre Oma ihr jedes Jahr zu Ostern erzählt hatte. Sie kannte die wirkliche Geschichte gar nicht mehr, weil sie sie selbst so oft verändert hatte.
Obwohl die Schauspieler eher nach frisch-von-der-Schauspielschule aussahen, blieb Millicent dem Sender treu und sah zu, wie der Jüngling erst am ausgetrockneten Brunnen der ersten Stadt, dann am verdorrten Baum der zweiten Stadt und schließlich am Fährmann, den niemand ablöst, vorbeikam. Wie er von des Teufels Großmutter versteckt wurde und so an die drei goldenen Haare kam. Der Schluss jedoch, bei dem der Jüngling natürlich die Prinzessin heiratete und durch einen Trick von ihm der König den Fährmann ablösen musste, zog sich in dieser Version ein wenig, weswegen Millicent genervt den Fernseher wieder ausschaltete.
Gerade als sie überlegte morgen doch genau dieses Märchen vorzulesen, klingelte es ein weiteres Mal an ihrer Haustür.
Misstrauisch stellte sie sich erst einmal einen Stuhl unter ihren Spion. Wenn das wieder so ein verwirrter Märchenkönig war, würde sie erst gar nicht aufmachen.
Doch der sichtlich schwitzende und gelangweilte Mann auf der anderen Seite der Tür war lediglich ihr Nachbar von gegenüber.
Schnell ließ Millicent ihren Stuhl verschwinden und öffnete ihm.
„Schönen Tag, Herr Lehmann“
„Ja, den wünsche ich Ihnen auch!“ zeterte der Herr übertrieben ironisch. „In meinem Briefkasten, Frau Amsaga, in meinem Briefkasten habe ich heute Morgen fast ausschließlich Post gefunden, die an Sie andressiert war. Ich würde ihnen wünschen, dass sich solche derben Scherze nicht wiederholen. Allein schon um des Nachbarschaftsfriedens willen...“
„Bitte entschuldigen Sie, das war nicht so gemeint...ich meine ich kann mir das auch nicht erklären...“ versuchte Millicent ihren Nachbarn zu beruhigen. Dass es keinen Sinn hatte, das wusste sie bereits. Deswegen ließ sie sich auch wortlos eine Plastiktüte (prall gefüllt mit Briefen) an den Kopf werfen und schloss so schnell sie konnte die Tür.
Wenn Herr Lehmann erst einmal einer bestimmten Meinung war, dann änderte diese Meinung nichts mehr. Gar nichts mehr.
Seufzend kippte sie den Inhalt der Tüte auf ihren Küchentisch und fing an zu sortieren. Ergebnis: Drei oder vier Rechnungen waren dabei, aber der Rest (immerhin siebenundfünfzig Briefe) waren voller Rechtschreibfehler an sie adressiert. Das, was Millicent dabei am meisten Angst machte, dass die Absender allesamt Märchenfiguren zu sein schienen.
Da gab es Briefe von Schneewittchen, der bösen Hexe, mehrerer Stiefmütter, Prinzen, noch mehr Königen, Rapunzel, Aschenputtel, den drei Schweinchen, Rosenrot, Däumelinchen und noch einigen mehr.
Millicents erster Gedanke war: Lauter Briefbomben. Doch dann fiel ihr auf, dass einige Briefe (wie z.B. der von der bösen Hexe aus Schneewittchen) geöffnet worden waren.
Das war zweifelsfrei ihr Nachbar gewesen und der hatte nicht angesengt, sondern wütend ausgesehen.
Zögernd zog Millicent deshalb den Brief aus dem Kuvert.

„Gnedige Frou Amsaga,
Da ich davon ausgehe, dass Sie die reine Form der Briefsprache, das Mittelhochdeutsch, nicht zu verstehen im Stande sind folgt mein Brief in Ihrer Sprache.
Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie von Beruf eine so genannte Märchenerzählerin sind. Eine Frau, die das Gefasel der Brüder Grimm vor hunderten von Jahren wieder und wieder rezitiert und somit dafür sorgt, dass es sich unter der heutigen Menschheit verbreitet.
Ich möchte Ihnen vorweg sagen, dass ich nichts von Ihrem Beruf halte und diese so genannten „Märchen“ nichts als Lügen sind.
Da ich davon ausgehe dass Sie durch ihren Beruf auch bestens mit der Lüge um meine Person vertraut sind, fasse ich zusammen was daran alles nicht stimmt.
Zuerst einmal ist Schneewittchen meine Tochter und ich bin auch nicht nach ihrer Geburt gestorben. Mein Mann hat sich keine neue Frau genommen und ich bin auch keine Hexe. Ich habe nicht versucht meine fortgelaufene Tochter zu vergiften, sondern lediglich sie von diesen Kleinwüchsigen (die Lügen nennen sie Zwerge) fern zuhalten. Denn so ein Bergwerk ist furchtbar gefährlich für ein junges Mädchen.
Anbei spare ich Ihnen die Auflistung der restlichen Lügen und komme zu meiner Forderung: Hängen Sie ihren Beruf an den Nagel und machen Sie was Ordentliches. Hören sie auf andere Menschen so bloß zu stellen und zu solchen Hassfiguren ihrer Zeit zu machen. Das ist Rufmord.
Die böse Königin“

Unterschrieben war in einem so dicken Schwarz, dass die Unterschrift wie eine Drohung wirkte. Auch ein paar der anderen Briefe die Millicent öffnete, unterschieden sich nur in der Person von dem der bösen Königin. Sie alle bezeichneten die Märchen als Lügen und baten Millicent ihren Beruf aufzugeben. Angefangen bei der Vorlesung morgen Mittag.
Verwirrt und auch ein wenig wütend fegte Millicent den Briefstapel in die nächste Ecke. Sie versuchte krampfhaft der Situation etwas positives abzugewinnen, wie ihr Vater es ihr stets ans Herz gelegt hatte, jedoch war das Einzige, was ihr lange Zeit einfiel, dass sie wären die Briefe Rechnungen gewesen, jetzt pleite gewesen wäre.
Es wollte einfach nicht in ihren Kopf, warum jemand auf die Idee kommen sollte sie mit Märchen zu terrorisieren. Denn dass es wirklich die Märchenfiguren waren, war es noch nicht einmal wert, es in Betracht zu ziehen.
Sie beschloss es mit logischem Denken zu versuchen: Zusammengefasst waren da heute vier zählbare Märchenbegegnungen gewesen.
Die erste war ihre Arbeit gewesen. Nichts besonderes, nur die übliche Vorbereitung auf eine Lesung.
Die zweite Begegnung war der Mittelaltertyp im Treppenhaus, der sich „König Drosselbart“ nannte und erwartungsgemäß kleinkrämerisch und verkleidet genug gewesen war um als halbwegs glaubwürdig durchzugehen. Wo hatte der nur sein Kostüm her?
Sie schweifte ab. Ein wenig enttäuscht von sich selbst (sie hatte sich diese Macke eigentlich abgewöhnen wollen) wandte sie sich der dritten Begegnung zu:
Der Film. Eigentlich hatte sie ihn ja freiwillig gesehen, aber trotzdem passte er in ihr Konzept. Das restliche Fernsehprogramm hatte ihr ja fast keine Wahl mehr gelassen.
Allerdings war die weitaus wichtigste Begegnung die mit den unzähligen Briefen. Zugegeben, nicht ganz unzählig, sondern siebenundfünfzig, was aber definitiv immer noch genug war um zumindest der Definition „jede Menge“ zu entsprechen.
Die vielen Rechtschreibfehler kamen mit fast hundertprozentiger Sicherheit aus dem mittelhochdeutschen, was auch in dem Brief der Königin erwähnt worden war und zu „König Drosselbarts“ Kleidung passte.
Fazit: Wer auch immer es war, er hatte sich seinen Streit sehr gut überlegt und detailgetreu geplant. Wen kannte sie denn bloß, der sie genug hasste um so einen Aufwand zu betreiben? Vor allem jemanden der gut genug organisieren konnte um so einen Streich durchzuhalten.
Damit fielen zumindest ihre beiden Exfreunde aus. Beide waren eine Untertreibung von organisier-unfähig und sowieso nicht bereit so einen peniblen Aufwand zu betreiben.
Sie waren nichts, worauf Millicent stolz war, sondern einfach das Ergebnis zweier Partynächte auf denen sie nicht so ganz nüchtern gewesen war. Plus das Drängen ihrer Freundinnen sie brauche „einen Kerl in ihrem Leben“ und ihrem Streben es immer allen Recht zu machen hatte das eben zwei sinnlose Beziehungen ergeben.
Immer noch frustriert angelte Millicent nach einem weiteren Schokostückchen musste jedoch bemerken, dass die Packung leer war. Sie hatte ununterbrochen und nur so nebenbei eine ganze Tafel Schokolade gegessen!
Für einen furchtbaren Moment holte sie auch noch ihr schlechtes Gewissen ein und sie kämpfte einen Moment mit den Tränen.
Scheiß Tag! Verdammter Märchenterror, blöder Vorlesungsort, ödes Kaff, olles Leben und verfluchtes Hüftgold.
Das konnte sie ganz toll: Immer wenn es ihr schlecht ging, konnte sie tausende sinnlose Kleinigkeiten addieren.
Nach weiteren zwei Stunden sinnlosen Grübelns (Millicent hatte sogar die Möglichkeit einer Verschwörung in Betracht gezogen), legte sie sich lieber hin. Was außerdem den Vorteil hatte, dass es sie von einer zweiten Frust-Schokoladentafel abhielt und ihr Grübeln beendete. Sie wäre nicht mehr zu einem vernünftigen Ergebnis gekommen, da konnten die Philosophen und Psychiater der Welt reden wie sie wollten: Es ließ sich eben nicht immer alles durch pures Denken und Reden lösen.
Deswegen schlief Millicent auch mit dem tröstlichen Gedanken ein, dass ihre erste Idee gar nicht so schlecht und es einfach der Veranstalter der Lesung gewesen war, der sie in die Märchenwelt befördern wollte und sie gleichzeitig ein wenig auf die Schippe nahm.

Nach einer ziemlich unruhigen Nacht, durchzogen von Albträumen in denen die Fieslinge sämtlicher ihr bekannter Märchen sie mindestens einmal verfolgt hatten, wachte Millicent auf und erschrak wirklich, als sie im Bad tot müde in den Spiegel sah.
Erstmal, weil ihre rotblonden Haare in alle Richtungen abstanden und sie sich ernsthaft Sorgen machen musste wie um alles in der Welt sie sie zurück in ihre normale Form bringen sollte und zweitens, weil ein Rabe auf ihrem Fensterbrett saß und sie förmlich anschrie es zu öffnen.
Geschockt starrte Millicent ihn ein paar Minuten an. Es dauert eine Weile, bis ihr Gehirn Märchenbegegnung Nummer Fünf vermerkte und sie den Raben herein ließ um zu hören, womit er sie denn beschimpfen wollte.
„Du kennst doch das Märchen mit dem Fuchs und dem Raben?“ schrie der Rabe ihr empört entgegen, sobald sie das Fenster auch nur einen Spalt geöffnet hatte.
„Und untersteh dich in Ohnmacht zu fallen, ich weiß langsam dass ihr nicht wisst dass ich sprechen kann!“ drohte er noch im selben Atemzug und so war alles wozu Millicent kam ein scheues Nicken.
„Erzähl es mir, erzähl mir wie du es kennst, aber bitte kurz!“ forderte er auf seine erste Frage hin.
„Es war einmal ein Rabe, der saß auf einem Baum und besaß ein Stück Käse, auf das es der Fuchs, der sich unter dem Baum befand, abgesehen hatte. Der schlaue Fuchs machte also dem Raben so lange Komplimente, bis der sein Stück Käse vor Stolz und Selbstverliebtheit fallen ließ und der Fuchs mit seiner Beute verschwinden konnte.“
Das war wirklich kurz gewesen, eigentlich ganz und gar unüblich für Märchen und Millicent war fast noch ein bisschen stolz auf sich, weil sie es so kurz hatte zusammenfassen können. Auf die ersten drei Worte, mit denen jedes, aber auch wirklich jedes Märchen begann, hatte sie aber trotz Kurzfassung nicht verzichten wollen.
„So!“ schrie der Rabe aufbrausend. „Und jetzt erzähl ich dir mal was an diesen drei Sätzen alles nicht stimmt! Erstens: „Es war einmal“ ist totaler Müll! „Es ist immer noch“ sollte es heißen. Ich bin nicht tot, ich fall auch nicht gleich um, bin nicht ernsthaft krank, habe keinen Schnupfen und erfreue mich also bester Gesundheit! Zweitens: Seit wann stehen Raben auf Käse? Früchte und Nüsse, ja, aber Käse? Welcher Idiot hat sich das ausgedacht? Drittens: Das Verhältnis ist total falsch! Jeder moderner Forscher bestätigt dir, dass wir Raben durchaus intelligenter sind als so ein Füchslein, die im übrigen auch nicht so besonders auf Käse stehen. Du siehst also: Dein ganzes, so genanntes „Märchen“ ist nichts als eine Aneinanderreihung von Lügen und Unsinn. Was hat es für einen Nutzen es weiter zu verbreiten, he?“
Dieser Rabe fluchte ja wirklich in einem durch. Und auch er sprach das Wort Märchen aus wie ein derbes Schimpfwort. Aber auch Millicent konnte schreien, wenn dieses Vieh es so wollte. Sie hatte sich die Märchen ja immerhin nicht ausgedacht. Dieser Märchenterror reichte ihr langsam!
„So, jetzt hör mal zu du...du Federvieh!“ schrie sie.
„Rabe!“ korrigierte der Rabe eindringlich und die ganze Wirkung ihres Auftrittes war futsch.
„Mir doch egal!“ rettete Millicent, was noch zu retten war. „Mir reicht es wirklich was wer-auch-immer hier gerade mit mir treibt! Lasst mich endlich in Ruhe mit eurem Märchen-sind-Lügen-Kram! Es sind nur Geschichten! Geschichten mit denen die Leute damals sich die Welt erklären wollten und von denen die Leute sich heute unterhalten lassen!“
„Aber auf Kosten anderer! Auf unsere Kosten, die der „Märchenfiguren“. Auf unsere Kosten geht das alles!“ unterbrach das Vieh sie schon wieder.
„Vergiss es! Sag deinem Chef oder wem auch immer er soll aufhören euch zu mir zu schicken. Es soll verflucht noch einmal aufhören! Ich hab‘s kapiert!“ versuchte sie es jetzt auf die verzweifelt-wütende Tour.
„Wieso Chef? Ich bin in eigener Sache hier, mich bezahlt keiner und mich zwingt auch keiner dazu!“ machte der Rabe ihr auch das zunichte. Konnte man sich hier denn noch nicht einmal in Ruhe aufregen?
„Wie kein Chef?“ fragte sie also verwirrt und gab das große Schmierentheater auf. Es ging jetzt nicht um ihre Würde, sondern darum, warum ihr seit gestern nur noch Märchenfiguren über den Weg liefen.
„Na, ich bin echt! Ich bin lebendig und ich bin eben jene „Märchenfigur“ von der du mir eben in drei Sätzen erzählt hast“, erklärte der Rabe jetzt geduldig. Dummes Vieh! Konnte es nicht einmal so reagieren wie sie es von ihm erwartete?
„Du schaust wie ein Auto!“ Wenn das ein Lachen des Raben sein sollte, dann war es verdammt mies. Es war eine Mischung aus einem menschlichen Lachen und einem Rabenlaut. „Du bist Märchenerzählerin, Millicent, du solltest dich eigentlich auskennen. Glaubst du nicht eigentlich sowieso dass es uns gibt?“
„Es ist doch egal was ich glaube, es geht darum ob es sein kann...“ begann Millicent fahrig. Doch im selben Moment bemerkte sie die Absurdität dieses Gesprächs. Sie unterhielt sich gerade mit einem sprechenden Raben über den Wahrheitsgehalt eines Märchens und besagter Rabe beteuerte aus diesem Märchen zu stammen, was Millicent auch so hinnahm, aber nicht die Tatsache, dass es auch andere Märchenfiguren wirklich gab?
Als kleines Mädchen hatte sie sich oft Dornröschen, Schneeweißchen und Rosenrot, Schneewittchen und all die anderen her geträumt und wenn sie ehrlich war, hatte sie nie aufgehört. Sie hatte lediglich die Logik in den Vordergrund gestellt, die die Tatsache dass Märchenfiguren existieren unmöglich macht.
Doch wirklich aufgehört zu glauben hatte sie nie. Deswegen fiel es ihr nicht schwer dem Raben wirklich zu glauben.
„Du hast wirklich Glück, dass ich kein Problem damit habe unmögliche Dinge real vor mir zu sehen!“ erklärte sie dem Raben deswegen bloß trotzig.
„Deswegen haben wir dich ausgesucht. Du musst damit aufhören. Als erste. Du darfst keine Märchen mehr lesen und damit den Persönlichkeiten in ihnen so erheblich schaden. Du musst andere überzeugen das auch nicht zu tun, also Märchen verbreiten.“
„Auf keinen Fall! Davon lebe ich!“ wehrte sich Millicent.
Gerade als der Rabe etwas erwidern wollte, klopfte es an Millicents Haustür und sie verschwand schnell um den energischen Störer abzuwimmeln.
Sie riss die Tür auf und vor ihr stand: Ihr Nachbar. Welch Überraschung!
„Guten Morgen Herr Lehmann!“ grüßte sie ihn ein wenig zu gepresst um noch wirklich freundlich zu klingen. Doch das schien er ihr verzeihen zu können, angesichts der Tatsache dass er nicht viel netter antwortete: „Sparen Sie sich Ihr „Guten Morgen“, liebe Frau Amsaga, denn dass sie hier alle Nachbarn aus dem Bett schreien ist keineswegs so schön! Sie sollten Ihren Ton mäßigen, wenn sie nicht demnächst ein ausführliches Gespräch mit der Hausverwaltung führen möchten. Langsam verstoßen Sie ein paar Mal zu oft gegen ungeschriebene wie geschriebene Gesetze dieses Hauses.“
Diese Drohung konnte und wollte Millicent eigentlich nicht ignorieren, diesmal musste sie ihren Nachbarn ernst nehmen, oder sie würde wirklich Wohnungsprobleme bekommen. Doch sie hatte einen sprechenden Raben in ihrem Badezimmer, der ihr fürs Erste ihre ganze Konzentration abverlangte.
„Es tut mir furchtbar Leid, Herr Lehmann, und ich schwöre Ihnen, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt. Aber bitte gehen Sie nicht zur Hausverwaltung, ich bin sicher dass wir das auch so klären können“, brachte sie zustande.
„Können wir“, klang ihr Nachbar zufrieden. „Sorgen Sie dafür, dass Sie Ihr Versprechen halten und meine Familie in Zukunft nicht mehr mit ihrem Leben in Berührung gezwungen wird. Einen schönen Tag noch!“
Millicent ließ ihm seinen Abgang, ein wenig neidisch weil ihr so etwas nicht vergönnt gewesen war, und stürzte fast zurück in ihr Bad.
Doch der Rabe war weg. Das Fenster stand offen, wie vorher, jedoch ohne Vogel davor. Eine Sekunde lang kam der Rabe ihr wie ein Traum vor, bis sie die schwarze Flaumfeder in ihrem Blumenkübel entdeckte.
Sie schüttelte diesmal jedoch nur müde den Kopf und widmete sich wichtigeren Dingen, wie zum Beispiel ihrer Frisur.
Als sie nach einer Viertelstunde wirrem und lustlosem herum probieren jedoch immer noch nichts zufrieden stellendes in diese Richtung zusammengestellt hatte, gab sie entnervt auf und beschloss, dass die Kinder sich für ihr Aussehen nicht interessieren würden, wenn sie nur gut genug las. Und Vorlesen, das konnte sie.
Zudem bestätigte ein Blick auf die Uhr, dass sie es jetzt eilig hatte. Mit einem leisen Seufzen straffte sie die Schultern, griff sich das Märchenbuch von ihrem Wohnzimmertisch und eilte mit laut hallenden Schritten durch das leere Treppenhaus.
Auf den letzten Stufen wäre sie beinahe gestolpert, bei dem Versuch einen Teil der Treppe zu überspringen indem sie einfach sprang. Dabei fiel ihr das Märchenbuch aus der Hand und klappte auf.
Doch Millicent hatte nicht die Zeit sich genau anzuschauen, wohin der Zufall sie verschlagen hatte, sie ärgerte sich einfach nur über ihren Beinahe-Sturz und hastete weiter.
„Das war ja schon mal ein Anfang!“ hörte sie plötzlich die Stimme des Raben hinter sich. „Blöder Weise hast du jetzt aber auch noch den Teufel höchstpersönlich beleidigt!“ frotzelte er.
Millicent blieb stehen.
„Hör mal zu, ich bin spät dran und ich hab jetzt wirklich keine Zeit für dich. Könnest du nicht einfach wieder verschwinden?“ fragte sie unfreundlicher als beabsichtigt.
„Verschwinden? Mädchen, ich weiß ja nicht wie sehr du an deiner Existenz hängst, aber dir ist buchstäblich „der Teufel auf den Fersen“, wenn du verstehst...er ist nicht ungefährlich!“ drängte der Rabe.
Millicent setzte sich wieder in Bewegung. Sie hasste es zu spät zu kommen. Sie war gereizt, gestresst und unkonzentriert wenn sie auch nur zwei Minuten nach der Zeit kam. Vermutlich ein Relikt ihrer Kindheit, ihre Mutter hatte sie immer pünktliche fünf Minuten zu früh bei Terminen sämtlicher Art abgeliefert. Sie war es gewöhnt, pünktlich zu sein.
Zudem ging ihr der Rabe einfach nur noch auf die Nerven. Doch sie wurde ihn bis in die Bibliothek hinein nicht los. Erst als sie das rettende Gebäude betreten hatte, musste der Vogel klein beigeben.
Um eine Sorge erleichterte atmete Millicent eine Sekunde durch und stapfte dann so schnell sie konnte die weiten Treppenstufen zur Kinderabteilung hoch. Schon jetzt roch es nach Teppich und Büchern. Ein angenehm beruhigender Geruch.
Gerade als sie vor den Regalreihen der Kinderbuchabteilung auftauchte, kündigte der Veranstalter, der mit ihrer Pünktlichkeit gerechnet hatte, sie auch schon an.
„Keine Sekunde zu früh“ murmelte Millicent leise und setzte ein strahlendes Lächeln auf, für die vielen erwartungsvollen Kindergesichter, die sie gleich anstarren würden.
Tatsächlich war alles wie gewohnt. Um die zwanzig Kinder saßen neben ihren auf Kinderstühle gequetschten Eltern oder Großeltern auf niedrigen giftgrünen Plastikstühlen unter der entsetzlich hässlichen Deko der Handwerker.
Manche Eltern hatten es bevorzugt zu stehen und die Fenster, an denen sich die meisten der Plastikstuhl-Boykottanten versammelt hatten, waren bereits wegen der Hitze weit geöffnet.
Millicent nahm gewichtig auf dem Stuhl vor dem Pult auf der improvisierten Bühne platz und schlug wichtigtuerisch das Märchenbuch auf.
Das war fast das wichtigste für kleine Kinder, die Show, die sie aus der Vorlesung machte. Einige Eltern klatschten verhalten höflich, verstummten jedoch schnell wieder als sich der Großteil der Anwesenden dem Beifall nicht anschloss.
Zweites wichtiges Ritual eines Märchenvorlesers: Ein geräuschvolles Räuspern und der frei vorgetragene Satz: „Es war einmal vor langer, langer Zeit...“
Wie einstudiert schaute Millicent erst jetzt ins Buch und blickte erst wieder wirklich auf, nachdem sie das erste Märchen erfolgreich gelesen hatte: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren.
Doch der Zuspruch des Publikums war eher verhalten. Einige Kinder murmelten „Das kannte ich schon...“ oder „Mama hat mir erzählt die Frau wäre die Putzfrau vom Teufel gewesen...“
Bei letzterem fragte sich Millicent ernsthaft, ob die Familie einfach nur versnobt war, oder die Mutter keine Märchen erzählen konnte.
„Möchtet ihr, dass euch die Märchenerzählerin noch ein Märchen vorliest?“ versuchte Millicents Verluste witternder Chef die Situation zu retten.
Einige Eltern verdrehten sichtlich das Gesicht, vor allem jene auf den Plastikstühlen, die meisten reagierten aber erfreut und Millicent wurde genötigt ein weiteres Mal zu lesen.
Sie schlug ihr Buch auf, auf der Suche nach einem etwas unbekannteren Märchen und stieß auf den Fuchs und den Raben mit dem Käse.
Mit fast so etwas wie Genugtuung begann sie erneut zu lesen. Doch weiter als „Es war einmal ein Rabe...“ kam sie diesmal nicht, denn eine breite, schwarze Hand hielt ihr den Mund zu. Sie wollte erschrocken schreien, aber ihr Mund war versiegelt.
„So nicht, Lügnerin!“ zischte eine tiefe, dunkle aber vor allem gruselige Stimme ihr zu. „Genug der Märchen!“
So sehr Millicent auf kämpfte, es gelang ihr nicht sich umzudrehen. Sie hörte ihren Chef den aufgebrachten und panischen Eltern und Kinder zurufen „Alles nur Show! Setzen Sie sich wieder!“ und hätte ihn dafür treten können.
Verzweifelt unternahm sie einen weiteren Versuch sich zu wehren. Jetzt hatte sie wirklich Angst. Der Rabe hatte sie doch vor dem Teufel gewarnt...
Gerade als sie fast in Ohnmacht gefallen wäre vor Stress, Angst und Unverständnis über ihre Situation, löste sich die pechschwarze Hand von ihrem Mund und der Rabe zerrte mit seinem Schnabel an ihrer Nase.
„Na, was habe ich dir über den Teufel gesagt?“ krächzte er aufgeregt. „Aber du wolltest mir ja nicht zuhören! Das hast du jetzt davon!“
Und plötzlich fühlte Millicent sich wie in einem falschen Film, als die Kinder jubelten und einige Eltern und Großeltern anerkennend klatschten.
„Der Teufel ist böse, das weiß doch jedes Kind!“ rief eifrig ein kleiner Junge aus der ersten Reihe. Er klammerte sich an seinen blauen Kinderrucksack wie an eine Rettungsinsel und strahlte den Raben dabei anerkennungsheischend an.
„Ja“ bestätigte der Rabe, woraufhin der Junge vor Stolz ein wenig Rot wurde. „Den Teufel darf man nicht unterschätzen, sonst passiert es euch wie dieser Frau hier!“
„Warum ist der Teufel denn gekommen?“ fragte jetzt ein kleines Mädchen mit rosa Zöpfen auf beiden Seiten ihres kleinen Kopfes.
„Weil Millicent hier ihn beleidigt hat indem sie Unwahrheiten über ihn verbreitet hat“, protzte der Rabe zufrieden. Er genoss die Aufmerksamkeit sichtlich.
Millicent saß immer noch wortlos und geschockt auf ihrem Stuhl. Unsicher sah sie zu ihrem Chef, der ihr, mit Hilfe eines komplizierten Handzeichens zu verstehen gab, jetzt bloß nicht aufzuhören.
„Ich habe aber doch bloß gelesen, was in meinem Buch stand, Rabe“ verteidigte sich Millicent deshalb medienwirksam.
Der Rabe setzte sich majestätisch und angeberisch auf ihre Schulter.
„Spiel mit und der Teufel bleibt weg“ zischte er ihr ins Ohr. Diesmal wirkte die Drohung. Im Verlauf ihres Gespräches gab Millicent alle „Lügen“ zu, der Rabe korrigierte die veralteten Geschichten und wurde dadurch zum Liebling der Kinder.
Trotzdem war Millicent froh als endlich alles zu Ende war und der Rabe seine Geschichte sowie die des Teufels mit den drei goldenen Haaren korrigiert hatte.
Er hatte ein wenig übertrieben und war in beiden Geschichten als der eigentliche Held dabei herum gekommen, aber die wesentlichen Sachen, die in den Briefen schon bemängelt worden waren, hatte er ausgebügelt: Der Teufel war ungeschlagen und die Königstochter glückliche Singelfrau. Der Fährmann hatte die Großmutter des Teufels entlassen, er sich aber so rettungslos betrunken, dass er bald darauf in die Hölle zurückkehren musste. Einzig alle Dörfer hatten ihre Probleme gelöst und der Teufel war nach wie vor haarlos.
Der Rabe blieb bei Millicent, auch nachdem der Raum bis auf sie und ihren Chef leer war.
„Das war eine ausgezeichnete Vorstellung, Frau Amsaga, mein Lob!“ schüttelte der ihr nun zufrieden die Hand. „Zugegeben, Ihre erste Leistung war ein wenig unterdurchschnittlich, aber mit der kleinen Showeinlage, eine geniale Idee. Nur denken Sie das nächste Mal daran ihren Veranstalter und ihr Publikum ein klein wenig vorzuwarnen. So etwas kann leider auch schnell über die Stränge schlagen...“
„Ich...werde mich bemühen“, erklärte Millicent zögernd, nicht sicher ob sie nun die Wahrheit sagen sollte oder nicht.
„Das freut mich zu hören. Angesichts ihrer doch sehr zufriedenstellenden Leistung bin ich jetzt auch bereit, Ihnen das Honorar einwenig zu erhöhen, sind Sie damit einverstanden?“
Ohne eine Antwort abzuwarten drückte er ihr einen Scheck in die Hand. Peinlich berührt bedankte Millicent sich höflich und deutlich und machte sich dann auf den Nachhauseweg.
Der Rabe, noch immer auf ihrer Schulter, riss sie jedoch plötzlich aus ihren Welt fernen Gedanken.
„Du bist mir noch was schuldig, Millicent!“ krächzte er in ihr Ohr. „Ich hab deine mickrige Vorlesung und dir das Leben gerettet“. Übertrieben wichtigtuerisch...wie sie ihn eben kannte.
„Schon gut“, lenkte sie deshalb ein „Was verlangst du für deine noblen Dienste?“ denn übertreiben konnte sie auch.
„Ich hab mir etwas überlegt“, erwiderte der Rabe fachmännisch. „Ursprünglich wollte ich fordern, dass du deinen Beruf an den Nagel hängst, aber der Auftritt hat mir gut gefallen und ich habe noch einmal nachgedacht.“ Er legte eine Kunstpause ein. „Ich möchte mit dir mitkommen und die Märchen zusammen mit dir berichtigen. Zu deinem Glück mag ich dich nämlich irgendwie...“
Millicent lächelte. Ja. Eigentlich wollte sie den Raben mitnehmen. Er hatte ihr eine Gehaltserhöhung ermöglicht und irgendwie war er ihr auch ans Herz gewachsen.
„Es wäre mir eine Ehre“ erklärte sie und verbeugte sich fachmännisch vor dem Raben, der auf ihrer Haustreppe saß und sie schief anstarrte.
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