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Regel 63

von Romilly
GeschichteHumor, Familie / P12
31.08.2012
31.08.2012
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So, mein Beitrag zu den Puzzlegeschichten Runde 11. Nach zwei erfolglosen Runden schaffe ich es endlich mal wieder, eine Geschichte fertig zu schreiben. Und wieder einmal war Samantha, mein Geschichten schreibender Dschinn, meine Puzzlegeschichten-Rettung.


*



Ein Dschinn saß in den Baumwipfeln und sponn eine Geschichte.

Samantha mochte diesen Satz, vor allem, weil er wahr war. Sie saß hoch oben in den obersten Zweigen des Kirschbaums in Familie Reiners kleinem Gärtchen, sie war ein Dschinn und sie dachte über ihre aktuelle Geschichte nach: Julia Caesar und Kleopatrus – sandige Liebe und blutige Schlachten. Der Titel war zwar noch nicht perfekt, aber da die Geschichte sowieso nicht wirklich ernst zu nehmen sein sollte, scherte Samantha sich nicht sonderlich darum.

Seit sie im Internet Regel 63 kennengelernt hatte – für jeden männlichen Charakter gibt es eine weibliche Version und umgekehrt – wollte sie eine solche Geschichte schreiben. Und dafür eigneten sich Julia und Kleopatrus doch perfekt, nicht?

Nun, wenn Julia und Kleopatrus das Geschlecht gewechselt hatten, wer dann noch? Wie sollte ihre Welt genau aussehen? Sie sollte schon ein bisschen interessanter sein als die reale, und auch interessanter als das reale Alte Rom. Samantha konnte da aus Erfahrung sprechen – sie hatte es mit eigenen Augen gesehen und festgestellt, dass die Dinge sowohl damals wie heute in Geschichten eindeutig spannender waren.
Nach Inspiration suchend sah sie sich um.

Da war der Kirschbaum, in dem sie saß, Larissa Reiners hoffnungsvolles Projekt für ihre Karriere als Obstzüchterin. Konnte Samantha damit in ihrer Geschichte irgendetwas anfangen?
Ungeduldig schaute sie sich weiter um. Das Haus! Ein einfaches Reiheneckhaus, rotes Dach, weiße Mauern, ein kümmerlicher Garten drumherum. Kein guter Schauplatz für eine Geschichte, erst recht nicht eine über Caesarinnen und Pharaonen.

Hm. Larissa, die derzeitig Samanthas Meisterin war, seit sie sie aus ihrer Teekanne befreit hatte, liebte es, in ihrem Garten zu entspannen. Das tat sie am liebsten auf ihrer großen, höhenverstellbaren Kunststoffliege, die nun vor der Küchentür stand.

Und wenn es in Julia und Kleopatrus‘ Universum keinen Kunststoff gab?

Im alten Rom würde das gar keinen Unterschied machen. Und wenn sie Julia und ihren Lover ein paar Jahrtausende in die Zukunft versetzte? Dann könnte sie ihre Geschichte Julia Caesar und Kleopatrus – kunststofflose Liebe und Schlachten ohne PVC nennen.
Ja … das klang doch irgendwie … witzig. Und interessant. So würde sie’s machen.

„Sammy! Sammy! Sammy, wo bist du?!“

Das war Johanna, Larissas achtjährige Tochter. Anscheinend war die Schule schon aus und Samantha sollte wieder Babysitter für sie spielen. Seufzend löste sich der Dschinn aus dem Tagtraum, glitt von dem Ast herunter und landete leichtfüßig im Gras.

„Sammy! Sammy! Wo bist duuuu?!“ Johannas Stimme war gar nicht nervtötend und bestimmend wie sonst. Samantha horchte besorgt auf. Johannas Stimme war weinerlich und nahezu verzweifelt.

„Ich bin hier hinten!“, rief sie und eilte ihrem Schützling entgegen.

Johanna kam ihr entgegen, ihr rosa Schulranzen hüpfte auf ihrem Rücken, ihr Gesicht war tränenüberströmt. Sie schniefte und warf sich einer sehr überraschten Samantha in die Arme, sobald sie in Reichweite war.
Verwundert, verunsichert und dennoch irgendwie glücklich über diesen Vertrauensbeweis zog Samantha das kleine Mädchen in die Umarmung und hielt ihren zerbrechlichen kleinen Körper schützend fest.
Samantha hatte kein wirklich gutes Gespür für das Alter, denn jegliche Menschenalter erschienen ihr mit ihren etwa viertausend Jahren vollkommen irrelevant. Trotzdem ging ihr in diesem Moment auf, dass Johanna erst acht Jahre alt war. Noch ganz klein, ein Kind, eine Grundschülerin, fast noch ein Baby, egal, wie nervig sie manchmal sein mochte.

„Sch, sch schhhhhh“, machte Samantha so beruhigend wie möglich.

Was war nur geschehen? Hatte jemand ihr Pausengeld gestohlen oder war sie gemobbt worden oder was konnte kleinen Menschen heutzutage sonst noch in Schulen geschehen?

„Hey, Johanna, hey, sch, es wird alles gut werden“, versprach Samantha.

Johanna schniefte in Samanthas Schulter und schien nicht loslassen zu wollen. Sie vergrub ihren Kopf an Samanthas Halsbeuge und klammerte sich mit den Fingern an Samanthas T-Shirt fest.

„Hey, Johanna, was ist passiert?“, fragte Samantha und schob das Mädchen sanft von sich weg, um ihr in die Augen sehen zu können. „Erzählst du’s mir?“

Johanna sagte erst nichts, ihre Unterlippe zitterte, in ihren Augen standen Tränen. Dann riss sie sich plötzlich ihren rosa Schulranzen vom Rücken und schmiss ihn wütend gegen den Stamm des Kirschbaums, von wo er abprallte und im Gebüsch verschwand.

„Johanna? Was ist los?“, fragte Samantha vorsichtig. Sie biss sich auf die Lippen; was konnte sie tun, damit sich ihr Schützling besser fühlte? Himmel, sie war ein mächtiger, uralter Dschinn, sie sollte ein kleines Mädchen trösten können, nicht?

„Johanna?“ Sie schaute das Mädchen ernst an. „Du weißt doch noch, wen deine Mama aus der Teekanne befreit hat und wer ihr jetzt drei Wünsche erfüllt und wer jetzt euer Babysitter ist, damit eure Mama in Ruhe arbeiten kann, nicht? Du weißt ja, dass dieser Jemand zaubern kann … weißt du vielleicht auch, wie dir dieser Jemand helfen kann?“

Johanna blinzelte ein paar Mal, dann legte sich ihre Stirn kurz in Falten. Sie dachte nach, dabei wischte sie sich die Tränen ab und als sie Samantha wieder ansah, lag Entschlossenheit in ihrem Blick.

„Sammy, kannst du mich in einen Jungen verwandeln?“, fragte sie.

„Ähm. Was?“

„Kannst du mich in einen Jungen verwandeln?“, wiederholte Johanna. „Ich will kein Mädchen mehr sein. Die sind doof.“

„Was?“ Samantha war völlig perplex. Mit sowas hatte sie definitiv nicht gerechnet.

„Kannst du?“

„Äh … wieso?“

„Wieso was?“, wollte Johanna wissen.

„Wieso findest du es doof, ein Mädchen zu sein?“ Samantha zuckte mit den Schultern. „Wenn ich dich verwandeln soll, muss ich doch den Grund wissen, oder nicht? Ist in den Märchen auch immer so.“

Johanna ließ sich mit einem Plumps ins Gras fallen, Samantha tat es ihr nach. Mit einem wütenden Blick starrte Johanna auf das Gebüsch, in dem ihr rosa Ranzen verschwunden war.

„Mädchen dürfen nichts!“, rief sie. „Die Lehrerinnen sagen zwar immer, dass das nicht stimmt, aber das ist nicht wahr! Im Klassenraum dürfen Mädchen zwar so viel wie Jungs, aber wo es wichtig ist, nicht!“
Sie rupfte etwas Gras und schmiss es halbherzig in Richtung des Ranzens.

„Ich hatte keine Lust, mit meinen Freundinnen Vater liest die Zeitung zu spielen, außerdem ist Lara sowieso gerade total blöd, und die Jungs haben Fußball gespielt. Und ich wollte mitspielen, weil eigentlich ist Fußball cool. Aber die haben mich nicht mitspielen lassen! Jan und Jonas lassen mich auch nie mitspielen, aber ich dachte immer, das ist weil die meine Brüder sind. Nicht, weil ich ein Mädchen bin.

Aber die Jungs haben zu mir gesagt, dass Mädchen kein Fußball spielen können und totale Nieten sind. Und dass ich bestimmt keine berühmte Fußballspielerin kenne und sie auch wissen warum, weil es nämlich keine guten Fußballspielerinnen gibt! Und dass Frauenfußball gar kein Sport ist, das ist wie Reiten oder so. Dabei reite ich doch gar nicht, ich schwimme!

Aber dann hab ich ihnen gesagt, dass ich ja nicht berühmt werden will und dass sie selbst ja auch nicht berühmt sind, deshalb ist es ja egal, ob ich mitmache. Aber das wollten sie auch nicht. Das war voll gemein! Selbst Patrick, der neben mir sitzt, hat das gesagt. Und sie haben gesagt, dass ich niemals mitspielen darf, weil ich ein Mädchen bin. Mädchen dürfen nicht bei Jungs mitspielen! Nie! Und dann saß ich die ganze Pause rum und die Jungs haben mich ignoriert. Das war scheiße! Aber ich will Fußball spielen, und deshalb will ich lieber ein Junge sein.“

„Okay. Und deshalb willst du ein Junge werden?“

Johanna nickte.

„Aber …“ Samantha suchte nach guten Argumenten. „Findest du denn nicht, dass du sozusagen aufgibst, wenn du ein Junge wirst? Anstatt dafür zu kämpfen, dass alle Mädchen zusammen mit Jungs Fußball spielen können, gibst du einfach nach und wirst auch ein Junge.“

„Ich will gar nicht für die anderen kämpfen!“, rief Johanna. „Ich will nur Fußball spielen, und Jungs sind viel cooler, außerdem wollen die andern Mädchen sowieso nicht mitspielen! Die spielen nie mit den Jungs, weil die Jungs doof finden.“

„Äh, aber, weißt du … es ist eigentlich egal, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist“, meinte Samantha. Sie hatte auf keinste Weise vor, Johanna ihren Wunsch zu erfüllen. „Es geht nur darum, dass da ein paar Personen, die zufällig Jungs waren, gemein zu dir waren und dich nicht mitspielen lassen wollten, weil du nicht zu ihrer Gruppe gehört hast. Das geht gar nicht so sehr darum, ein Junge zu sein … sondern … äh … eine Person.“

Johanna schenkte Samantha einen strafenden Blick. Samantha seufzte.

„Gut“, probierte sie es erneut. „Warum willst du ein Junge sein, wenn die Jungen gemein zu dir waren?“

„Weil die cooler sind.“, meinte Johanna störrisch. „Willst du mir jetzt meinen Wunsch erfüllen oder nicht?“

Samantha sah Johanna lange an, das tränenverschmierte Gesicht, die wirren braunen Haare, ihr roter Pullover und die grauen Augen. Wie konnte sie ihr zeigen, was sie meinte? Auf keinen Fall würde Samantha Johanna verwandeln – was würde Larissa, die Mutter, dazu sagen? Der Rest der Welt? Und außerdem hielt Samantha es für falsch.
Hm. Johanna wünschte sich, ihre eigene Regel 63 zu sein. Zu schade, dass sie kein FF-Charakter war …
… aber wieso eigentlich nicht?

In Julia und Kleopatrus‘ Welt waren doch alle Männer Frauen und alle Frauen Männer – und alle Mädchen Jungen! Also auch Johanna und ihre Klasse.
Samantha konnte Johanna diese Welt zeigen … und gleichzeitig ein wenig Gefühl für sie kriegen, damit Julia Caesar und Kleopatrus – kunststofflose Liebe und Schlachten ohne PVC noch besser werden würde.

Zwei Fliegen mit einer Klappe, das gefiel Samantha.

„Johanna, ich werde dir etwas zeigen“, sagte sie, stand auf und nahm das Mädchen an die Hand. Sie vollführte eine Geste, die eigentlich nur zur Show da war und erschuf ein fremdes Universum, in dem einst ihre Geschichte spielen sollte. Sie war ein Dschinn. Sie konnte so etwas mit einer einfachen Handbewegung.

„Wohin gehen wir?“, fragte Johanna, die näher an Samantha heranrückte und ihre Hand umklammerte.

Um sie herum war nur weißer Nebel, der alle Geräusche verschluckte und selbst ihre Stimmen dumpf werden ließ.

„In deine Schule“, entgegnete Samantha. „Aber … nun, es ist nicht ganz deine Schule. Es ist wohl eher … nun, du wirst sehen.“

„Warum in die Schule? Kannst du mich nicht einfach in einen Jungen verwandeln?“

Der Nebel begann, sich zu lichten. Ein kräftiger Windstoß blies die weißen Schwaden fort und wirbelte durch Samantha und Johannas Haare.
Nun konnten sie sehen, wo sie waren: Der Schulhof von Johannas Grundschule. Am hinteren Ende des Hofs gab es zwei Tore mit ausgeblichenen Netzen, wo eine Gruppe von Mädchen spielte. Sie kickten einen Ball hin und her, ihr Rufen und Lachen war über den gesamten Pausenhof zu hören.

Samantha führte Johanna zu den Mädchen. Niemand schenkte ihnen Beachtung, die zwei sahen einen Moment einfach nur zu, wie die Mädchen Fußball spielten.

„Weißt du, wer die sind?“, fragte Samantha und deutete auf die Fußballspielerinnen.

Johanna schüttelte den Kopf.

„Was machen die in meiner Schule?“, entgegnete sie. „Und … sind wir wirklich in echt in meiner Schule?“

„Nein. Das hier ist eine … andere Version deiner Schule. In einem anderen Universum. Hier sind alle Mädchen Jungen und alle Jungen Mädchen.“, erklärte sie. „Julius Caesar war hier eine Julia. Karl der Große eine Karla. Albert Einstein eine Alberta. Hier gibt es anstatt von Königen Königinnen. Und hier spielen die Mädchen Fußball anstatt den Jungen. Ich schreib darüber eine Geschichte.“

Johanna warf ihrer Babysitterin einen kritischen Blick zu, dann starrte sie die Fußballspielerinnen an. Verkniffen musterte sie sie.

„Hey, das ist Patrick!“, rief sie und deutete auf eins der Mädchen. „Oder eher … Patrizia? Und da! Das ist Laurenz – Laura! Und Alex … Alexandra … Sebastiane … Tobiasine?“

Johanna lachte.

„Das ist voll cool! Jetzt kann ich mit ihnen Fußball spielen!“, rief sie und klatschte in die Hände. Ihre Augen leuchteten. „Anstatt dass ich anders werde, hast du einfach alle anderen anders gemacht, Sammy! Cool! Hier – halt mal!“

Johanna schlüpfte aus ihrem Pullover und drückte ihn Samantha in die Hand. Gutgelaunt stürmte das Mädchen auf ihre Klassenkameradinnen zu. Eine kleine Willensanstrengung später konnte auch dieses Universum Johanna wahrnehmen und die Fußballspielerinnen blickten den Neuankömmling erwartungsvoll an.
Schnell hatte Johanna die Mädchen überredet, sie mitspielen zu lassen.

Samantha faltete den Pullover ordentlich zusammen, hoffte, dass Johanna sich im T-Shirt keine Erkältung holte und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden um zu warten.
Johanna kickte wie eine Weltmeisterin, energetisch wieselte sie über das Spielfeld, passte schoss und flankte, was das Zeug hielt. Zusammen mit der weiblichen Version Patricks und Laurenz‘ stürmte sie nach vorne, überrumpelte die träumende Verteidigung des Gegners und schoss ein Tor.

Jubelnd warf sich Johannas Mannschaft auf einen Haufen, sie schlossen sich in die Arme und feierten, als hätten sie gerade die Champions League gewonnen. Vielleicht hatten sie das auch gerade, dachte Samantha grinsend. Fußball war auch in kunststofflosen Universen der Renner, immerhin spielte man mit Lederbällen.
Samantha hörte Johannas fröhliches Lachen und beobachtete, wie sie zusammen mit Patrizia einen kleinen Freudentanz aufführte.

„Abstoß!“, rief Laura, die den Ball in den Händen hielt. „Beide Mannschaften auf ihre Hälften!“

Johanna warf Samantha einen Blick zu und trollte sich auf ihre Seite.

„Auf die Plätze!“, rief Laura und schob den Ball der Mannschaft zu, die gerade ein Tor kassiert hatte. Eine Spielerin platzierte sich mit dem Ball am Mittelpunkt des Felds.

„Fertig!“

Die Spielerin setzte ihren Fuß direkt an den Ball, um sofort losschießen zu können. Alles machte sich bereit.

„Halt!“, rief eine andere Stimme.

Laura, Johanna und die anderen Spielerinnen sahen verwirrt zum Spielfeldrand.
Dort stand ein Junge mit braunem Haar, grauen Augen und einem hoffnungsvollen Ausdruck im Gesicht.

„Halt“, wiederholte der Junge, diesmal weniger selbstsicher. Er trat von einem Bein auf das andere. „Also … ich, ich wollte nur kurz fragen, ob ich mitspielen darf? Jetzt, wo die Neue da dabei ist, braucht ihr doch noch wen in der andern Mannschaft, nicht? Damit es fair ist.“

Laura trat vor den Jungen und verschränkte ihre Arme.
„Wir bräuchten noch ‘ne Frau.“, sagte sie abschätzig. „Keinen Jungen. Jungen können kein echtes Fußball spielen, das weiß doch jeder. Und wir spielen hier Profifußball, also zisch ab, klar?“

„Aber ich bin echt gut im Fußball!“, beharrte der Junge. Johanna sah ihn nachdenklich an. „Ich übe manchmal mit meinen großen Schwestern, wenn denen langweilig ist und deshalb bin ich voll gut! Ich kann gut spielen!“

Laura rollte mit den Augen und sah Patrizia an, während sie den Kopf schüttelte.
„Hör mal, Kleiner“, mischte sich Patrizia ein. „Fußball ist einfach kein Männersport. Klar? Kannst du mir vielleicht einen einzigen berühmten Fußballer nennen? Hm?“

Betreten sah der Junge zu Boden. Johanna sah entrüstet drein, bemerkte Samantha, mischte sich jedoch noch nicht ein.

„Kannst du nicht!“, rief Laura triumphierend. „Weil es keine gibt! Aber berühmte Fußballerinnen gibt es viele – Maria Gomez. Philippa Lahm. Bastiane Schweinsteiger. Und so weiter! Nur Frauen können so spezielle Fußballtricks wie Christiana Ronaldo die Übersteiger!“

„Aber … aber ihr seit noch gar nicht berühmt!“, rief der Junge. „Und ich auch nicht, also ist es doch erstmal egal, oder? Ich kann doch bei euch mitspielen, ich meine, wen interessiert’s?“
Laura und Patrizia verschränkten die Arme und verzogen ihre Münder zu einem spöttischem Lächeln.

„Nee, Johann, vergiss es.“, sagten sie im Chor und drehten sich zu den anderen Mädchen um.

Johanna schien nun genug zu haben – der Name des Jungen brachte wohl das Fass zum Überlaufen. Sie sah kurz zu Samantha, doch Samantha lehnte sich demonstrativ zurück, legte die Arme hinter den Kopf und mischte sich nicht ein.
Johanna schüttelte entnervt den Kopf und nahm die Dinge selbst in die Hand. Sie drückte sich an Laura und Patrizia vorbei, bis sie vor ihrem männlichen Gegenstück stand. Sie sahen sich wirklich bemerkenswert ähnlich, allein die Länge der Haare und einige unwesentliche Gesichtszüge unterschieden sie. Niemandem außer Samantha schien diese Ähnlichkeit aufzufallen … so war Magie nun einmal.

„Ich sage, dass Johann mitspielen darf!“, rief Johanna laut und deutlich.

Laura, Patrizia und die anderen Mädchen sahen skeptisch zu ihr.

„Es ist total unfair, dass ihr ihn ausschließt, nur weil er ein Junge ist!“, fuhr Johanna fort. „Stellt euch vor er wäre ein Mädchen, dann würdet ihr ihm erlauben, mitzuspielen! Er kann doch nichts dafür, dass er ein Junge ist und außerdem heißt das überhaupt nicht, dass er schlechter Fußballspielen kann! Das hat überhaupt nichts damit zu tun!“

Laura seufzte genervt.
„Aber es gibt gute Gründe dafür, dass Jungen nur Männerfußball spielen dürfen.“, erklärte sie. „In der echten Bundesliga und so dürfen sie nicht mitspielen, weil sie zu schlecht sind. Und das ist hier genauso. Wir wollen nicht mit Johann spielen.“

Johanna stampfte wütend mit dem Fuß auf.
„Da, wo ich herkomme, da spielen nur die Männer Fußball!“, rief sie. „Und wenn ein Mädchen bei den Jungen mitspielen will, darf es das nicht! Findet ihr das etwa gerecht? Und jetzt tut ihr genau dasselbe!“

Das beeindruckte die Spielerinnen nicht sonderlich. Patrizia wies spöttisch daraufhin, dass es gar kein solches Land gab und dass überall auf der Welt Fußball nichts als ein Frauensport wäre.
Johanna tobte wütend dagegen an, doch irgendwann beachteten die anderen Mädchen sie gar nicht mehr. Die Pausenaufsicht kam und erkundigte sich, was los war. Nachdem Johanna ihm berichtet hatte, wie Johann behandelt wurde, zuckte der Lehrer nur mit den Schultern und sagte, dass er die Mädchen nicht dazu zwingen könnte, jemanden mitspielen zu lassen, wenn sie das nicht wollten. Danach schlenderte er weiter und trank seinen Kaffee.

„Dann will ich auch nicht mehr mit euch spielen!“, rief Johanna den Mädchen zu. „Ich dachte eigentlich immer, dass nur Jungs so gemein sind, aber ihr seid genauso schlimm!“

Sie wandte sich Johann zu, der stumm neben ihr stand und sie verdattert anstarrte.
Johanna seufzte.

„Wollen wir zusammen Fußball spielen?“, fragte sie ihr Ebenbild. „Wenn du nichts dagegen hast.“

Zögerlich nickte Johann.

„Zu zweit ist es zwar nicht ganz so toll, aber besser als gar nicht“, erklärte er. „Und vielleicht wollen ja noch ein paar andere Leute mitmachen, egal, ob Jungen oder Mädchen.“

Johanna nickte zustimmend, warf einen letzten Blick auf die Fußballspielerinnen und lieh sich mit ihrem Ebenbild einen Ball an der Spielekiste aus.
Den Rest der Pause verbrachten sie damit, den Ball hin- und herzukicken.
Als es geklingelt hatte und Johann im Schulgebäude verschwunden war, kehrte Johanna zu Samantha zurück.
Gemeinsam saßen sie für eine kleine Ewigkeit auf dem Rand der Sandkiste.

„Hast du eigentlich auch ein Gegenstück wie ich mit Johann?“, fragte Johanna irgendwann.

Samantha zuckte mit den Schultern. Eine interessante Frage.
„Vielleicht. Aber zumindest ist er im Moment nicht hier, und ehrlich gesagt habe ich keine Lust, nach ihm zu suchen.“

Johanna ließ sich nachdenklich Sand durch die Finger rinnen. Samantha konnte ihr ansehen, dass ihr etwas auf der Zunge lag.
„Es war irgendwie ein bisschen seltsam, mit Johann zu spielen“, meinte sie schließlich. „Ich meine, er ist ich, zumindest irgendwie. Aber er war nett und wenn ich nicht daran gedacht habe, hat es Spaß gemacht. Außerdem … außerdem heißt das ja auch, dass ich auch nett bin.“

Samantha nickte zustimmend.
„Und, willst du immer noch in einen Jungen verwandelt werden?“, fragte sie.

Johanna musste darüber erst einmal nachdenken.
„Wenn ich ein Junge wär, würden mich die Jungen mitspielen lassen“, antwortete sie dann. „Hier durfte ich ja mitspielen, weil ich ein Mädchen war. Aber dafür durfte Johann nicht mitspielen, und das war wirklich unfair. Und zwar von den Mädels, weil Johann ja nichts Schlimmes getan hat, er ist nur als Junge geboren worden. Und ich will nicht gemein sein. Ich will lieber ich sein und eigentlich macht es ja keinen Unterschied. Mädchen sind nicht doof. Oder sie sind genauso doof wie Jungs. Glaube ich. Und vielleicht finde ich ja auch Leute, die mit mir spielen wollen, so wie Johann mich gefunden hatte.“

„Klingt gut“, meinte Samantha.
Sie wusste zwar selbst nicht so genau, ob ihr kleiner Ausflug in diese Welt ein Paradebeispiel für Erziehung darbot oder ob sich aus dieser Parabel irgendetwas lernen ließ, aber zumindest hatte sie Johanna von ihrem Trip abgebracht und sie war für jemand anderen eingetreten. Dass dieser Andere irgendwie sie selbst gewesen war, machte es vielleicht etwas komisch, aber wenn man schon so lange mit Magie zutun hatte wie Samantha, störte man sich an so etwas nicht mehr.

„Können wir zurück nach Hause? Sonst macht Mama sich noch Sorgen um uns.“ Johanna stand auf und zog Samantha auf die Beine.

„Hm, das können wir ja nicht zulassen“, meinte Samantha und grinste. „Was wäre ich dann für ein Babysitter …“

Nur einen Gedanken später wallte wieder weißer Nebel auf und verschluckte die Welt. Nachdem er sich gelegt hatte, standen die Zwei im Garten der Familie Reiner, so als wäre nichts geschehen.
Samantha reichte Johanna ihren Pullover und das Mädchen stürmte davon, in Richtung Haus, wo mittlerweile ihre Mutter Larissa sein musste. Sie arbeitete oft und lang und kam meist erst spät nach Hause, und dieser Zeitpunkt wurde von Johanna oft sehnsüchtig erwartet.

Samantha sah ihr hinterher, bis sie hinter dem Haus verschwunden war. Dann machte sie sich auf die Suche nach Johannas Schulranzen, den sie im Gebüsch wiederfand.
Prüfend sah sie ihn an.

Rosa.

Die Farbe hatte Samantha nie sonderlich gut gefallen. Sie wusste zwar nicht, wie es Johanna ging, aber irgendwie konnte einem die Farbe ziemlich auf die Nerven gehen … außerdem war sie sich sicher, dass auch Julia Caesar diese Farbe verabscheute.

Julia Caesar und Kleopatrus … vielleicht konnte sie in die Geschichte auch noch ein paar Fußballspieler einbauen. Oder Fußballspielerinnen. Oder beides.
Ein neuer, besserer Titel fiel ihr ein: Julia Caesar und Kleopatrus – kunststofflose Liebe und fußballspielende Schlachten.
Nun, naja.
Es war ein Arbeitstitel.

Samantha hörte es im Haus rumoren und entschloss sich, nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Babysitter war zwar sicherlich nicht der angenehmste Job, der ihr durch einen Wunsch jemals aufgehalst worden war, aber es gab bedeutend Schlimmeres. Und sie war gewissenhaft genug, um ihn ordentlich erfüllen zu wollen.

Der Schulranzen … der sollte nicht mehr so aussehen.
Mehr so im Thema von Julia und Kleopatrus. Wüsten, Sonne und Sand.
Samantha lächelte.
Eine kleine Geste sorgte dafür, dass der Ranzen plötzlich viel, viel schöner aussah.
Den Schulranzen würde sie garantiert nicht zurückverändern!


*



Etwas später war jegliches Chaos im Haushalt behoben und Samantha saß vor dem Computer, um den Anfang von Julia Caesar und Kleopatrus – kunststofflose Liebe und fußballspielende Schlachten zu tippen.

Sie war ungestört, bis sie von unten einen Schrei hörte. Larissa.

„Samantha!“, tönte es. „Samantha! Warum um alles in der Welt ist Johannas Schulranzen gelb? Und warum sind dort fußballspielende Ägypter und Römerinnen drauf?!“

Samantha überhörte das Gezeter, grinste in sich hinein und schrieb weiter. Sie hatte das Gefühl, dass die Geschichte gut werden würde. Das Fandom hatte mit Regel 63 einen Geniestreich geschafft, fand sie. Regel 63 war äußerst inspirierend!



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Wer selber mal die Regel 63 nachschlagen will, kann auf tvtropes nachschauen: http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/RuleSixtyThree :)

Ich würde mich über Rückmeldungen freuen. :)
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