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Déjà-vu - Wie Aj Renzino den Stufenpreis für das beste Thema erhielt

KurzgeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
31.08.2012
31.08.2012
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So, mit ach und krach die Deadline gehalten, wohoo! :)

Liebe genso-sekai, ich hoffe, dass ist in etwa so, wie Du es dir vorgestellt hast, und selbst wenn nicht, da die Vorgaben etwas verändert wurden^^, so hoffe ich, dass Du wenigstens Deinen Spaß hast. Ich hatte auf jeden Fall welchen, auch wenn ich sagen muss, dass ich durchaus etwas früher mit dem Plotten hätte anfangen können^^''
Bei der nächsten Runde!
Viele liebe Grüße auch an alle anderen Leser!

Ciao,
Bere :)





Déjà-vu




„Mist elender!“, fluchte Ini und stampfte mit dem Fuß auf, wobei sich mehrere Steinchen vom Boden lösten und über den Klippenrand schwebten. Aj kicherte.
„Soll ich das in den Bericht aufnehmen, Bruderherz?“, fragte sie grinsend. „Ini stand an den Quarzklippen und fluchte?“
Otoowe seufzte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das meiste tropften zu Boden, doch etwas bildete kleine Kugeln und segelten den Steinchen hinterher.
„Mein Mobil hat auch kein Netz!“, jammerte Ini und schüttelte das Mobiltelefon, als könne er so einen Empfang herstellen. Ohne Erfolg.
Hier, im Nolle-Dosoogis-Caunlu, dem Präsidentin-Caunlu-Nationalpark, gab es kein Empfang für Mobile, die nur die Ruhe und den Einklang mit der wilden , unberührten Natur störten.
Ha, von wegen unberührt!, knurrte Otoowe innerlich. Überall Lehr- und Naturschutzpfade, Tafeln, Hologrammabbildungen und die allgegenwärtigen, sich ständig kreuzenden Halterungsseile und -pfosten, ohne die wir alle abtrieben.
Seit einhundert neunundneunzig Jahren und sechsundsiebzig Wochen lebte die Menschheit nun schon auf Raha, einem kleinen Planeten. Achtundsiebzig Wochen ergaben ein Rahajahr, und sobald dieses vollendet wäre – in zehn Tagen – würden die Feierlichkeiten beginnen, die laut Präsident Simon ein Jahr andauern würden. Ein Jahr, in dem die Menschheit das tat, was sie am besten konnte: feiern; sich selbst und ihr Geschick, auf einem an sich zu kleinem, unwirtlichen Planeten mit einer zu geringen Schwerkraft zu überleben.
Auch Ajs, Inis und Otoowes Schule, die Calm Schule für höhere Bildung, hatte einige Aktivitäten geplant, unter anderem eine umfassende Medienpräsentation über Rahas Kultur- und Naturschätze. Einer dieser Naturschätze war der Präsidentin-Caunlu-Nationalpark.
„Hier geht’s nicht weiter!“, schimpfte Ini, strich sich seine türkisfarbenen Strähnen aus dem Gesicht und maulte weiter: „Und wir haben noch kein richtiges Thema für unseren Vortrag, ergo kein Filmmaterial, und dunkel wird es auch bald!“
„Keine Panik!“ Aj genoss die Aussicht vom höchsten Punkt des Nationalparks, sie wollte das Fernglas überhaupt nicht mehr absetzen.
„Wir haben noch etwas Zeit, bevor wir aufbrechen müssen, dann schaffen wir's noch locker bis der Park schließt! Und wir haben doch ein Thema, weiß gar nicht, wieso du dich schon wieder aufregen musst.“ An der Stelle, an der Aj stand, war die Schwerkraft ganz besonders gering. Fröstelnd – zum einen aufgrund der geringen Atmosphäre, welche die Wärme nicht gut hielt, zum anderen wegen der bedrückenden Aussicht über die Klippen zu schweben – trat sie widerwillig ein paar Schritte zurück.
„Ja“, äffte ihr Zwilling sie nach, „deine fliegenden Bäume.“
„Schwebende Bäume“, korrigierte sie ihn und packte das Fernglas weg. Sie hatte leider nichts gesehen, was sie ihrem nörgelnden Bruder triumphierend unter die Nase hätte halten können.
„Schwebende Bäume gibt es nicht!“, stichelte Ini.
„Doch“, erwiderte Aj schlicht. „Und dann“, ihre Augen leuchteten, „kriegen wir den Stufenpreis der Untersekunda für das originellste Thema, und ich“, sie lächelte wohlig bei dem Gedanken, „habe das Thema ausgesucht und ihr beide seid mir dankbar.“
Warum bin ich nochmal mit den beiden befreundet?, fragte sich Otoowe nicht zum ersten Mal an diesem Tag.
Seufzend packte sie die Übersichtskarte aus und hielt sie mit beiden Enden fest, sodass sie nicht davon schweben konnte.
Der Park erstreckte sich über eine Fläche von 30.000 Quadratkilometern und war der größte zusammenhängende Naturpark Rahas. Er beherbergte tausende einheimischer Tier- und Pflanzenarten, vor allem Vögel, kleinere Flugreptilien und Insekten, sowie ein reiches Busch-, Gras-, Flecht- und Mooswerk.
Bevor die Menschen Raha besiedelten und die Gravitationskammern und Schwerkraftnetze bauten, welche schließlich alle Städte in irgendeiner Art umschlossen, waren größere Tiere und Pflanzen aufgrund der geringen Anziehungskraft nicht vorstellbar – so die Theorie, so hatten alle drei es im Biologieunterricht gelernt. Trotzdem war Aj davon überzeugt, hier im Nationalpark schwebende Bäume zu finden.
„Woher willst du denn überhaupt wissen, dass es diese Bäume hier gibt?“, fragte Ini verzweifelt. Er hatte keine Lust mehr, durch Dornen und Savannengras zu laufen und sich ständig ein neues Seil an den schweren Gürtel zu hängen.
Alle fünfhundert Meter ragte eine „Umspannstation“, wie sie volkstümlich genannt wurde, ein Pfahl, zwischen denen das Seil verlief, an dem sie mit einem weiteren eingehakt waren, in die Höhe; waren man bei dem nächsten Pfosten angelangt, hieß es, ein neues Seil suchen, einhaken, sichern, altes Seil aushakten. Oft gingen mehrere Seile von einem Pfahl in verschiedene Richtungen ab und nicht immer war alles einwandfrei gekennzeichnet. Nein, er, Ini, hatte genug von ihrem blöden Ausflug! Ihm war es egal, ob er einen Preis bekam oder nicht, das konnte seine Versetzung auch nicht mehr retten. Wäre er doch bloß zu Hause geblieben und hätte einfach die ganze Medienarbeit am Computer übernommen. Aber nein, Aj hatte es mal wieder geschafft, ihn zu umgarnen, ihm zu sagen, was für ein toller Photograph und Kameramann er doch sei – und er Idiot hatte sich so über das Kompliment seiner drei Minuten älteren Schwester gefreut, dass er eingewilligt hatte. Wie schaffte sie das nur immer?
„Von Oma“, riss ihn Ajs Antwort aus seinen Gedanken. „Die hat sie hier schonmal gesehen.“
„Oma behauptet auch, Hunde könnten nicht nach oben sehen!“
„Ach, können sie's etwa doch?“
„Was interessiert's mich?“
„Haltet jetzt beide eure Klappe, aber pronto!“, unterbrach Otoowe die Streithähne und drehte die Karte, sodass beide mit hineinsehen konnten.
„Okay, wir wissen, dass Bäume, wenn überhaupt, dann nur da schweben können, wo die Anziehungskraft ganz besonders gering ist, oder?“
Aj und Ini nickten zustimmend.
„Damit bleiben also diese drei Regionen hier.“ Otoowe deutete auf drei mit roten Kreuzen gekennzeichnete Flächen.
„Neu-Sumatra im Osten, da waren wir letzte Woche.“
„Fehlanzeige!“, knurrte Ini.
„Sch!“, machte Aj.
„Die Quarzklippe im Südosten des Parks.“ Otoowe tippte auf die Stelle, an der sie sich momentan befanden, „und schließlich ganz im Süden die Helio-Kalahari-Wüste.“
„Die Helio-Sahelzone. Nicht direkt die Wüste“, verbesserte Aj sie. Otoowe verdrehte die Augen.
„Entschuldigung Aj, die Helio-Sahelzone. Um ein paar mehr Angaben von deiner Oma wäre ich schon froh gewesen.“
„Das ist über siebzig Jahre her! Oma war fünf, als sie die gesehen hat!“ Aj zuckte mit den Schultern.
„Ihr Vater hat sie an ihrem Geburtstag hierher mitgenommen.“ Otoowe seufzte.
„Aber ich finde ihre Beschreibung der Bäume ziemlich gelungen“, meine Aj.
„Für unsere Präsentation finde ich, sollten wir sie das nochmal sagen lassen und dann aufnehmen. Oma hat eine sehr schöne Stimme. Das lassen wir einfach erstmal kommentarlos laufen, bevor wir mit der allgemeinen Beschreibung unseres Projekts und den Bildern beginnen. Das ist doch ein prima Einstieg, findet ihr nicht?“
„Aj!“ Der Tonfall ihres Bruders klang inzwischen mehr als gequält. „Wir brauchen erst einmal die Bilder, bevor wir uns überhaupt mal um den Einstieg kümmern können!“
„Aber der Beginn ist wichtig“, beharrte Aj. „Und ich finde meine Idee hervorragend.“
„Klappe jetzt, alle beide!“, blaffte Otoowe. Allmählich bekam sie Kopfschmerzen von der ewigen Streiterei. Energisch faltete das Mädchen die Karte und stopfte sie in seinen Rucksack.
„Nächstes Wochenende nehmen wir uns die Helio-Sahelzone vor. Falls wir da nichts finden, berichten wir über die Tigerheuschrecke, klar?“
„Aber dann bleiben uns nur noch drei Tage!“, jammerte Ini.
„Weiß ich!“, knurrte Otoowe, seufzte erneut und mäßigte ihren Ton.
„Sorry Ini. Aber so leicht gebe ich nicht auf. Wir suchen noch einmal nach diesen blöden Bäumen...du kannst ja schonmal in Neowiki nachlesen, was da über Tigerheuschrecken steht. Kommt, gehen wir nach Hause.“

* * *


Klackend rastete der Karabiner am Gürtel ein. Mit geübtem Blick und Griff überprüfte Otoowe die Sicherung, bevor sie den anderen Karabiner an ihrem Gürtel löste. Das war zum Glück die letzte „Umspannstation“ für heute. Von ihrem Standort aus konnte das Mädchen bereits das Ausgangstor erkennen, welches sie durch eine Schleuse in einen Tunnel führen würde, in dem wieder künstliche Schwerkraft herrschte. Dann konnte sie endlich den Anorak loswerden.
Der Tunnel verzweigte sich, das wusste Otoowe, aber irgendwo ging es zur Hyper-U-Bahn, und in einer Stunde wären sie am Calm City Hauptbahnhof angekommen.
Ihre Füße taten weh, sie fühlte sich staubig, müde, durstig und hungrig und sie hatte Kopfschmerzen von der immer noch ungewohnten sauerstoffarmen Luft. Außerdem drückten die Rucksackgurte. In der U-Bahn würde sie etwas schlafen können, hoffentlich bekam sie einen Sitzplatz.
Otoowe drückte gegen das Ausgangstor, das jedoch keinen Millimeter nachgab. Stirnrunzelnd versuchte sie es erneut, wieder ohne Erfolg.
„Was ist?“, fragte Aj hinter ihr.
„Ich kann das Tor nicht öffnen.“
„Nein!“, stöhnte Ini. „Nicht das auch noch!“
„Lass' mich mal“, Aj, die Zungenspitze an der Oberlippe, trat vor und rüttelte energisch an der Pforte. Als sich immer noch nichts rührte, drückte sie auf den Notrufknopf.
Guten Tag, hier ist der Servicedienst des Nolle-Dosoogis-Caunlu, schepperte eine automatische Bandansage durch die Lautsprecher.
Momentan ist diese Station leider nicht besetzt, bitte beachten Sie unsere Öffnungszeiten in den Ostbezirken Corona, Deliah, Neu-Sumatra, Neu-Java, der Quarzklippenregion und Blue: Sieben Uhr bis neunzehn Uhr dreißig coronaler Zeit.
Außerhalb dieser Zeiträume werden Sie gebeten, sich an die Nachtstützpunkte zu wenden. Das Rangerteam des Präsidentin-Caunlu-Nationalparks wünschen Ihnen noch einen schönen Aufenthalt. Es klickte und die Computerstimme verstummte. Perplex starrten sich die drei Freunde an.
„Seltsam.“ Aj blickte auf die leuchtenden Ziffern ihres Mobils. „Auf meiner Uhr ist erst halb sieben. Wir haben uns zwar auf dem Rückweg mal geirrt und mussten umkehren, aber so spät kann es doch noch gar nicht sein!“
„Ähm“, murmelte Otoowe kleinlaut. „Hat irgendjemand heute Morgen seine Uhren umgestellt?“
Aj zuckte zusammen und grinste dann.
„Au backe“, meinte sie belustigt.
„Der Osten des Parks liegt ja in der Coronazeitzone“, beendete Ini den Satz für sie. Seine Stimme zitterte.
„Mist elender!“, brüllte er urplötzlich los und hämmerte gegen den hohen Zaun, der den Park umgab, sprang aber sofort mit Schmerz verzerrtem Gesicht zurück, denn dieser stand unter Strom.
„Wir sind hier drin eingesperrt!“
„Ach Quatsch!“ Aj schlug ihrem Bruder kameradschaftlich auf die Schulter.
„Wir müssen nur zum nächsten Nachtstützpunkt, und der kann ja nicht weit weg sein. Das macht sich sicher gut in unserem Bericht.“ Ihre dunklen Augen glitzerten wieder. „Wir scheuten keine Mühen, um unser Projekt zum Abschluss zu bringen!“, verkündete sie voller Pathos, so als spräche sie zu einem große Publikum und nicht zu ihrem Bruder und ihrer Sandkastenfreundin.
Otoowe schüttelte nur den Kopf und beschloss, beide einfach zu ignorieren. Sie warf einen letzten, prüfenden Blick auf ihre Uhr.
Achtzehn Uhr vierzig Retinazeit. Somit neunzehn Uhr vierzig Coronazeit. Kein Irrtum möglich.
Verflucht, wie hatte sie das bloß vergessen können!
Na ja, sie musste es nun ohnehin so nehmen, wie es kam. Erneut setzte das Mädchen seinen Rucksack ab und kramte nach dem Parkplan.

+ + +


Die Nacht war schnell herein gebrochen, viel zu schnell für den Geschmack der drei Freunde. Da niemand von ihnen damit gerechnet hatte, auch noch bei Dunkelheit im Park festzusitzen, tasteten sie sich an den Sicherungsseilen entlang durch die Dunkelheit in Richtung des sieben Kilometer entfernten Nachtstützpunktes, von dem aus „nocturne Safaris“ in den Busch starteten. Die Bildschirmbeleuchtung ihrer Mobile wollten sie sich aufsparen, denn das belastete die Akkus zu sehr.
„Okay, wir müssen uns abschnallen!“, verkündete Aj, welche die Führung übernommen hatte.
„Wie viele Wege gibt es?“, fragte Otoowe.
„Vier“, antwortete Aj. „Einer geht geradeaus, einer schräg nach rechts, einer genau nach rechts und einer nach links.“
Ini brummte etwas Unverständliches.
„Alles klar.“ Otoowe kramte ihre Karte hervor.
„Ini, halt' mal“, forderte sie ihren Vordermann auf und gemeinsam beugten sie sich über den Plan.
„Hm, theoretisch nach rechts, aber hier sieht man nicht genau, ob rechts oder schräg rechts...könnte Osten oder Nordosten sein“, meinte Otoowe nach einer Weile.
„Wir müssen auf den Hauptweg C. Aj, siehst du irgendwo ein violettes, liegendes Rechteck?“, fügte Ini hinzu. Die Hauptwege waren mit farbigen Aufklebern auf den Pfählen gekennzeichnet.
„Nö“, antwortete diese, nachdem sie das Holz mit ihrem Mobil abgeleuchtet hatte.
„Was machen wir jetzt?“, jammerte ihr Bruder los.
„Auf jeden Fall nicht den Kopf verlieren und rumheulen!“, knurrte Otoowe zurück. Ini schwieg beleidigt.
„Wie wär's, wenn wir eine Münze würfen?“, schlug Aj vor.
„Aj, die fliegt dir weg!“, patzte ihr Bruder.
„Ach, stimmt ja! Dann bin ich für abstimmen.“
Sie entschieden sich für den rechten Weg, da das Seil stabiler wirkte.
„Wir können ja immer noch zurück, falls das violette Rechteck auch am nächsten Pfahl nicht zu sehen ist“, meinte Otoowe.
Zwar erkannten sie den Aufkleber am nächsten Pfahl, jedoch nicht am übernächsten und als sie zurückliefen und es erneut versuchten, war auf dem nächsten Pfosten der gewählten Route ebenfalls nichts zu sehen. Sie liefen wieder zurück, wussten aber nun in der völligen Dunkelheit nicht mehr, woher sie gekommen waren.
Erst da wurde ihnen klar, dass sie sich vollkommen verlaufen hatten.

# # #


„Selbstverständlich, ma'am.“ Ranger Hanna McCracken rieb sich mit der freien Hand über seinen ungewollten Dreitagesbart. Mit der anderen hielt er den Hörer des altertümlichen Telefons. Genervt nahm er seine Hand vom Kinn, griff einen Bleistift, der von der Platte geschwebt war, aus der Luft und begann, damit auf der Schreibtischplatte zu trommeln.
„Natürlich. Ich werde persönlich losziehen. Sofort. Danke, ma'am, dass sie uns benachrichtigt haben.“ Fluchend legte er auf und knallte den Bleistift auf den Tisch. Der Stift zerbrach, beide Teile schnellten von dem Schreibtischuntergrund in die Höhe und trudelten um sich selbst kreisend durch das Zimmer.
Drei Sechzehnjährige allein bei Nacht im Park!
Die Mutter einer gewissen Otoowe Paulsen hatte ihm gerade völlig aufgelöst berichtet, dass ihr „Spätzchen“ und seine beiden halbwüchsigen Freunde nicht ordnungsgemäß um acht Uhr zu Hause gewesen seien und da sie sich am Mobil nicht meldeten und der Bahnhofsvorsteher der Hyper-U-Bahn-Station des Parks keine drei einzelnen Jugendlichen gesehen habe, sei anzunehmen, dass sie noch im Park seien.
Hanna blickte auf die Uhr. Jetzt war es viertel vor zehn. Er fluchte erneut und gürtete Taschenlampe und Seil, befestigte die Stirnlampe und warf sich die sandfarbene Rangerweste mit Reflektoren um.
Im Park gab es per se keine gefährlichen Tiere, kein „räuberisches“ Großwild oder giftige Reptilien, wenn die Kinder sich allerdings zu sehr verirrten, konnte es sehr lange dauern, bis man sie wiederfände.
„Wu! Ich brauche jemanden, der mitkommt! Drei Kinder allein im Park!“
Bom Wu, seit vierzehn Tagen in seinem Team, erbleichte bis unter den Haaransatz und sprang sofort auf, wobei sie fast über ihren festgeschraubten Stuhl gefallen wäre.
„Jawohl, sir!“
McCracken verzog das Gesicht.
„Wie oft noch, Wu! Kein sir, ich arbeite für meinen Lebensunterhalt. Rogers!“, er wandte sich an Leha Rogers, einen gemütlichen Typen, der immer die Schmetterlingsführungen übernahm. „Sie bleiben hier und telefonieren bitte Verstärkung herbei! Wir müssen das gesamte Gebiet durchkämmen, von Ausgang 22 ab in einem zehn Kilometerradius, klar?“
„Alles klar, Chef!“
McCracken stürmte aus der Tür, Wu dicht hinter ihm.

' ' '


„Hast du noch was zu trinken?“
„Nee“, antwortete Ini seiner Schwester, der inzwischen selbst etwas Wasser vertragen hätte. Aj seufzte.
„Schade.“
„Hm. Ich frage mich, ob wir hier nicht einfach rasten und schlafen sollten bis es morgen wird“, dachte Otoowe laut.
„Was? Hast du sie noch alle? Auf gar keinen Fall!“ Inis Stimme kiekste vor Panik. „Das kannst du doch nicht Ernst meinen!“
„Und ob ich das Ernst meine!“, herrschte Otoowe ihn an.
„Besser wir bleiben hier als wenn wir uns noch mehr verirren!“
„Aber...aber hier draußen gibt es lauter gefährliche Tiere! Bestimmt! Wir können doch nicht einfach hierbleiben und schlafen!“
Otoowe stöhnte.
„Ini! Im Park gibt es keine für Menschen gefährlichen Tiere, da der Mensch kein Teil der natürlichen Evolution Rahas ist – mein Gott, hast du auch nur einmal in Bio aufgepasst? Außerdem müssen wir ja nicht schlafen, wenn du nicht willst, aber wir sollten aufhören, noch tiefer in den Park zu irren!“ Das Mädchen leuchtete den Untergrund, ein Mooskissen neben dem Trampelpfad, mit ihrem Mobil ab und setzte sich darauf. Aj tat es ihr nach.
„Otoowe hat Recht“, verkündete sie. Grummelnd fügte sich der Junge.
„Wie lange ist es denn noch dunkel?“, fragte er fünf Minuten später.
Otoowe knurrte.
„Jetzt ist es zehn Uhr. Sonnenaufgang ist um viertel vor sechs morgens. So, jetzt rechne mal!“
„Wisst ihr was?“, unterbrach Aj den Streit. Obwohl es in der Dunkelheit niemand sehen konnte, strahlte sie ihre Freunde an.
„Ich lege mich mal 'ne Runde schlafen! Ihr passt doch schon auf, oder?“ Sie nahm ihren Rucksack ab, kuschelte sich in ihre Winterjacke und legte den Kopf auf die Tasche.
„Gute Nacht!“, flötete sie. Otoowe hätte ihr am liebsten den Hals umgedreht, doch sie wusste genau, dass Aj dann überhaupt nicht verstünde, weshalb sie so sauer sei. Bei dem Gedanken musste das Mädchen fast schon wieder grinsen.
„Otoowe...?“
„Ja, Ini?“, seufzte sie. „Was ist denn nun schon wieder?“
„Nichts ist!“ Er schnaubte empört. Seine beste Freundin wartete ab und legte dabei den Kopf in den Nacken.
Ini schwieg. Dann schluckte er und setzte erneut an: „Otoowe...?“
„Jaa, Ini?“
„Wenn du....wenn du willst, kannst du dich auch gerne ausruhen.“
Überrascht starrte das Mädchen ihren besten Kumpel an.
„Danke Ini, aber...ist nicht nötig.“ Sie grinste.
„Nein, nein, bitte...ich meine bloß, du hast alles organisiert und nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als meine Schwester diese Schnapsidee hatte! Und ich...na ja, viel beigetragen habe ich wirklich noch nicht zu unserem Projekt“, gestand er sich zögernd ein.
„Stimmt.“ Sie gluckste und das traf ihn, doch er schluckte seinen Unwillen darüber.
„Also, ich bleibe schon wach, da kannst du dich auf mich verlassen. Leg' du dich ruhig hin!“
„Wirklich?“ Es reizte sie, für eine halbe Stunde die Augen zu schließen, sie war wirklich müde.
„Klar.“ Er grinste verlegen.
Aj schnarchte laut auf.

? ? ?


Allmählich wurde ihm kalt. Ini vergrub sich noch tiefer in seinen Mantel und spielte gelangweilt an den silbernen Mantelknöpfen herum.
Sein Mobil hatte vor etwa einer halben Stunden den Geist aufgegeben, der Akku war leer; da war es kurz vor Mitternacht gewesen. Am liebsten hätte er eines der beiden schlafenden Mädchen geweckt und sich unterhalten oder wenigstens ihr Mobil geborgt, doch immer wenn er einen Blick auf eines der blassen Gesichter warf, brachte er es nicht über sich, sie zu wecken.
Otoowes Nase und Lippen warfen schwarze Schatten auf ihre Wangen, ihr Kinn auf ihren Hals.
Plötzlich kam Bewegung auf die zuvor klar getrennten hellen und dunklen Flächen im Gesicht seiner besten Freundin.
Ini blickte auf – und starrte staunend auf einen Schwarm Botaru – Leuchtkäfer, welche die Farbe wechseln konnten. Wie verzaubert bestaunte der Junge ihren Tanz nach unbekannter Choreographie: Immer wieder brachen Mitglieder des Schwarms wie willkürlich aus, nur um sich in einem perfekten Bogen oder einer nachlässig geflogenen Pirouette wieder der Menge anzuschließen, woraufhin das Muster für einen Sekundenbruchteil offenbart wurde.
Das musste er aus der Nähe betrachten!
Einem Schlafwandler gleich stand Ini auf und wollte auf die Insekten zugehen, da spürte er mit einem Mal einen unangenehmen Druck in der Magengegend. Er tastete danach und als seine Hände das Hanfseil und den Karabiner erspürten, löste er Letzteren ohne weiter darüber nachzudenken. Er tappte auf die wabernde Insektenwolke zu und streckte die Hände aus, wollte eines von ihnen in der hohlen Hand fangen und das pulsierende Licht sehen, wie es auf seine Haut fiel und diese in allen Farbtönen erglomm.
„Wartet...auf mich...“ Er torkelte wie ein Betrunkener durch die Dunkelheit, berauscht von dem Licht. Ein Hauch frischer Süße lag in der Luft, und der Geruch intensivierte sich noch, je näher er den Insekten kam. Gleich, gleich war er bei ihnen und könnte eines der Tiere fangen. Gleich...
Ini stolperte an den Rand einer steil abfallenden Klippe. Hier in der Quarzklippenregion gab es einige dieser abrupten Einschnitte in die Landschaft, doch normalerweise wurden die Besucher des Parks davor geschützt, indem sie nur auf den Pfaden blieben, sich festschnallten und den Anweisungen des Parkpersonals genau Folge leisteten.
Eines dieser vorwitzigen Tiere summte direkt vor Inis Nase, reizte ihn, um sich dann genau im rechten Moment zurückzuziehen. Der Duft nach wilden Herbstblumen wurde immer intensiver. Ini spreizte die Nasenflügel und öffnete den Mund, während er mit ausgestreckten Händen diesem einen Tier hinterherjagte, welches seine Farbe gerade von grün zu blau wechselte.
Einen Schritt noch, einen weiteren, dann hätte er das Tier in Händen, einen noch...
Mit einem gellenden Schrei stürzte der Junge über den Klippenrand in die Tiefe.

! ! !


„Haben Sie das gehört, Wu?“ Automatisch beschleunigte Hanna McCracken seine Schritte. Bom Wu passte sich ihm an.
„Den Schrei?“, fragte sie noch nach und im Schein ihrer Taschenlampe ruckte der Kipf ihres Vorgesetzten gespenstisch auf und ab.
Auf einmal blieb McCracken so abrupt stehen, dass Wu nur durch eine Vollbremsung in allerletzter Sekunde und mit einem Griff an das Halterungsseil verhindern konnte, mit Karacho auf den breiten Rücken ihres Chefs zu knallen.
Der schallte sich bereits ab.
„Chef...was tun Sie da?“, stammelte die drahtige Frau entsetzt. Wenn sie irgendetwas gelernt hatte in den letzten zwei Wochen, dann, dass sie sich niemals – unter gar keinen Umständen – abschnallen durfte.
„Wu!“ McCracken drehte sich zu ihr um und blickte sie lange an.
„Ich kann von Ihnen nicht verlangen, dass sie sich ebenfalls abschnallen, ich werde es aber tun. Ich fürchte, ich weiß ganz genau, was dieser Schrei zu bedeuten hat.“
„Und was hat er zu bedeuten, Ihrer Meinung nach?“, fragte sie vorsichtig, während ihr Chef den Karabiner fallen ließ.
„Dass eines der Kinder abgestürzt ist, etwa einen halben Kilometer von hier. Und dass wir schnell zu ihm müssen, da es ansonsten das Plateau, auf das es gefallen ist, herunter rollen und beim Aufprall auf dem Boden sterben wird.“
Wu hielt die Luft an.
„Aus einem Schrei lesen Sie das heraus?“, meldete sich ihr gewohntes Misstrauen. McCracken lachte rau.
„Nein, das nicht. Das ist Rangerintuition. Immerhin haben wir bald die 200-Jahrfeier...Wenn Sie wollen, Wu, erzähle ich Ihnen die Sache später. Kommen Sie nun mit, Ranger?“
„Ich bestehe darauf.“ Die junge Frau schnallte sich zügig ab, ohne jedoch zu erklären, auf welchen Teil von McCrackens Rede sie sich bezog.

. . .


Aj und Otoowe rissen synchron die Augen auf, schrien selbst erschrocken auf und wandten sich dann suchend nach Ini um.
„Oh nein...“ Ajs Stimme klang brüchig.
„Otoowe, Ini ist nicht hier! Er ist nicht hier!“ Den letzten Satz schrie sie fast. Vorsichtshalber packte ihre Freundin sie an den Schultern; keinen Augenblick zu früh, denn schon nestelte Aj an dem Karabinerhaken.
„Aj, lass' das!“, mahnte Otoowe ihre Freundin.
Ruckartig hob diese den Kopf und schrie in einer solchen Lautstärke, dass ihre Freundin fast zurückgewichen wäre und ihren Griff gelockert hätte. Nur ihre Angst um Aj hielt Otoowe, wo sie war.
„Mein Bruder ist weg! Das war sein Schrei! Ich muss ihm helfen, und du wirst mich nicht daran hindern!“
Otoowe griff fester zu und rüttelte an Ajs kleinen, dünnen Schultern.
„Aj! Du weißt nicht, ob es die Stimme deines Bruders war!“ Aj wollt sie unterbrechen, doch Otoowe schüttelte sie einfach und sprach weiter: „Es ist stockdunkel, und die vielen Steilklippen, die hier überall abgehen, sehen wir gar nicht, alles ist bis an den Rand bewachsen! Du könntest abstürzen!“
„Ini ist abgestürzt!“, schluchzte Aj.
„Wie gesagt, das weißt du nicht!“, widersprach ihr Otoowe, obwohl sie insgeheim denselben Gedanken hegte. Energisch schob sie ihn von sich.
Das Mädchen merkte, dass Aj wieder zugänglicher wurde für rationale Überlegungen-
„Aber irgendetwas müssen wir doch tun!“, flehte sie ihre Freundin an, „wir können doch nicht hier ewig rumsitzen, während wir nicht wissen, was mit ihm ist!“
Da konnte ihr Otoowe nur zustimmen. Fieberhaft dachte sie nach.
„Wir wissen...“, begann sie eindringlich, „dass hier im Park Safaris laufen.“
„Ja.“ Aj blickte sie verständnislos an.
„Wir könnten versuchen, auf uns aufmerksam zu machen. Einen Schrei hört man anscheinend ganz gut.“
Augenblicklich fing Aj an zu brüllen: „Hilfe! Hier sind wir! Wir haben uns verirrt! Hilfe!...“
Otoowe stimmte mit ein.

§ § §


McCracken zuckte zusammen, als er nur etwas fünfhundert Meter von sich entfernt Kinderrufe hörte. Dort musste auch ungefähr der Besucherpfad verlaufen. Der Ranger lächelte und zog das Tempo noch einmal an, zuvor vergewisserte er sich allerdings, dass Wu, deren Gurt er mit seinem durch ein Seil verbunden hatte, damit wenigstens sie sich nicht verlören, mit dem Tempo klarkam. Zwar keuchte sein Ranger mittlerweile stark, doch sie nickte ihm entschlossen zu. Ach sie hatte die Entfernung abgeschätzt und wusste, dass sie diesen halben Kilometer auch noch überleben würde.
„Nicht aufhören!“, brüllte McCracken in seiner Basslage.
„Hier spricht Ranger Hanna McCracken. Bei mir ist Ranger Bom Wu. Wir suchen Otoowe Paulsen und ihre Freunde Aj und Ini Renzino. Nicht aufhören zu rufen, bitte!“
Die Erleichterung stand McCracken ins Gesicht geschrieben, als er kurze Zeit später mit seiner Taschenlampe die bleichen, müden Gesichter zweier Mädchen anstrahlte, welche bei dem hellen Lichtkegel die Augen zusammen kniffen.
„Otoowe Paulsen und Aj Renzino?“, fragte er matt. Die beiden nickten.
„Gottseidank!“
Wu runzelte die Stirn.
„Ich dachte, es seien drei Kinder.“
Die Kleinere der beiden schluchzte laut auf.
„Ihr Bruder“, die andere deutete auf ihre weinende Freundin, die sie nun in den Arm nahm, „ihr Bruder ist verschwunden.“ Sie berichtete knapp und mit angespannter Stimme, wie sie in diese Situation geraten waren.
„Ein Déjà-vu...“, murmelte McCracken, bevor er sich zu seiner Untergebenen umdrehte.
„Wu, Sie bringen die Kinder zurück! Ich gehe den Jungen suchen!“
„Aber-!“ Der Ranger unterbrach sie mit einer knappen Handbewegung.
„Sie haben Ihre Anweisung, Ranger!“
„Ja, Chef“, seufzte die junge Frau.
„Und ihr beide“, die Augen des Mannes glommen bedrohlich, „ihr beide haltet euch strikt an das, was Ranger Wu euch sagt, kapiert? Mit euch habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.“ Ergeben nickten die Mädchen.
Zufrieden richtete McCracken sich auf und stürmte davon. Wu sprach durch ihr Funkgerät mit einigen Beamten und teilte ihnen mit, dass die Suche noch nicht zu Ende sei, sie aber schon zwei der Kinder gefunden hatten.
In Gedanken war sie aber bei den hingeschluderten Worten ihres Chefs.
Wieso ausgerechnet ein Déjà-vu?

< < <


Ini wollte die Augen nicht öffnen. Sein Kopf fühlte sich an wie eine überreife Wassermelone. Er befürchtete, seine Schläfen könnten bei der kleinsten Berührung platzen.
Warum, warum wurde er geweckt? Die Bewusstlosigkeit war so viel angenehmer.
„Junge!“ McCracken beugte sich über den Rand der Klippe und leuchtete in die Tiefe. Sein Herz verkrampfte sich, als er eine Gestalt erkannte, die etwa zwanzig Meer unter ihm in einer verrenkten Position auf einem Plateau lag.
Wie von Norton beschrieben...
„Junge! Ini Renzino! Hörst du mich? Junge – lebst du noch?“
Von unten hallten schwache Laute an sein Ohr. Vorsichtig beugte der Ranger sich vor. Er merkte, dass die Person, die etwas verkrümmt auf den Steinen lag, versuchte, sich zu bewegen und er stieß einen Warnschrei aus: „Keine Bewegung, du stürzt sonst in deinen Tod!“
Anscheinend waren seine Worte zu dem Burschen durchgedrungen, denn nun blieb er reglos liegen und stöhnte nur noch.
Mit zitternden Beinen sank der Mann ins Gras, riss sich das Funkgerät förmlich vom Gurt und brüllte die Koordinaten weiter.
„Wir brauchen ein medizinisches Versorgungsteam und eine Bergungsmannschaft!“
„Aye, Captain McCracken!“ Rogers leitete alles in die Wege.
Erneut beugte McCracken sich über den Rand. Selbst bei verringerter Schwerkraft konnte man einen solchen Sturz nicht überleben.
„Bleib' bloß liegen, Junge! Hilfe ist unterwegs!“, rief er hinab.
Er hatte Mr Norton nie geglaubt, doch im Stillen bat er den seligen Mann jetzt um Verzeihung. Es musste sie also doch geben, diese schwebenden Bäume...
„Klar!“, krächzte Ini.
Blödmann, dachte er bei sich. Meinen rechten Arm spüre ich nicht und mein linker brennt wie Sau, mir dreht sich alles und mein linker Knöchel pocht. Ich rühr' mich sicher nicht, wenn ich es nicht muss!
Obwohl das Atmen schwerfiel und schmerzte, versuchte er seinen Atem zu beruhigen und gleichmäßig zu schnaufen. Vielleicht konnte er so den Schmerz besser ertragen.
Plötzlich tauchte ein Bild n seinem Kopf auf – es hatte sich wahrscheinlich bis zu seinem Lebensende dort eingebrannt: dieser majestätische, wenn auch dürre Baum, blattlos, die bleiche, elfenbeinfarbene Rinde, faltig und rissig, warf tiefe Schatten so wie Otoowes Nase auf ihre Wangen. Die kahlen Äste und Zweige ragten drohend, vorwurfsvoll in die Dunkelheit, der schlanke Stamm, der sich unten in ein feines Wurzelwerk verjüngte.
An diesem hatte er sich festhalten können, in allerletzter Sekunde, sonst wäre es aus gewesen mit ihm. Und während der Baum, durch Inis Gewicht beschwert, in die Tiefe sank, und dem Jungen die Wurzeln durch die Finger glitten, hatte er weit über sich die tanzenden Botaru gesehen, und mit einem Mal war ihm die Warnung seines Biolehrers über die halluzinogene Wirkung des Lockstoffes eingefallen, den die Tiere absonderten.
Mist elender!, waren seine letzten Gedanken, bevor die Wurzeln rissen, er in die Tiefer fiel, auf der natürlichen Plattform aufschlug und das Bewusstsein verlor.

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„Und Sie meinen nicht, der Junge hat das nicht alles erfunden oder geträumt?“ Wu beugte sich vor. Sie und McCracken hatten Ini Renzino im Calm City Centre Krankenhaus besucht und saßen nun auf dem Rückweg in den Park einander gegenüber in der Hyper-U-Bahn.
Der arme Kerl hatte zwei angeknackste und eine gebrochene Rippe, einen glatt durchgebrochenen Arm und einen Splitterbruch im anderen, dazu ein Schädelhirntrauma plus verstauchten Fuß.
„Aber der wird wieder!“, hatte der Arzt unverschämt fröhlich gemeint.
„Dauert nur etwas.“
„Hm?“, fragte McCracken abwesend. Er musste gerade an Ajs und Otoowes Präsentation denken. Eine Woche lang hatten die beiden sein Rangerteam besucht und mit mehr Fragen gelöchert als die Polizei erlauben sollte. Im Gegenzug hatte er den Vortrag sehen wollen, und sie hatten ihn nicht enttäuscht, da musste er Aj Recht geben.
„Na, seine Geschichte, dass ein schwebender Baum ihn gerettet habe!“ In jedem einzelnen Wort schwang Wus Unglaube mit.
„Immerhin haben die Kiddies ja nach diesen Bäumen gesucht, und er stand unter Drogeneinfluss, wenn man es so will!“
Langsam hob McCracken den Blick und musterte seine Untergebene.
„Ich glaube ihm“, erwiderte der Ranger schlicht. Wus Augenbrauen schossen in die Höhe.
„Wieso?“
McCracken grinste.
„Als ich so alt war wie Sie, Wu – nein, ich war sogar noch jünger, hab' die Schule geschmissen – aber ich war auf jeden Fall auch erst ein paar Tage bei den Rangern, da hat mir der ehemalige Rangerchef Emi Nolton etwas erzählt, was ich ihm bis vor vierzehn Tagen nicht geglaubt hätte. Nolton war damals fast achtzig, und ich hielt es für einen Scherz, den man mit allen jungen Rangern treibt: Vor ungefähr einhundert Jahren stürzte ein kleiner Junge ab, an eben jener Stelle, an der ich Renzino gefunden habe, und wird – allerdings nur leicht verletzt – geborgen, von Noltons damaligem Vorgesetzten. Als der Junge erwacht, erzählt er von schwebenden Bäumen, an denen er sich im letzten Moment habe festkrallen können, sodass ihm der Sprung auf das Plateau geglückt sei.“
Wus Mund stand offen.
„Tja, und dieser Bursche kommt zwanzig Jahre später mit seiner Tochter zu Nolton in den Park und zieht mit ihr los, um diese Bäume zu suchen. Allerdings wusste mein ehemaliger Boss nicht, ob sie sie dann auch gefunden haben, er hat sie auf jeden Fall nicht wieder gesehen.“
„Das glaube ich nicht“, murmelte Wo.
„Doch. Die Stimme, die wir zu Beginn von Ajs und Otoowes Präsentation gehört haben, jede Wette, das war die Tochter eben jenes Bruchpiloten. Schon lustig, nicht?“
McCracken grinste noch breiter in Wus bleiches Gesicht, dann lächelte auch sie.
„Stimmt, Chef. Schon lustig.“
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