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Wo ist Mama?

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
Peter Bishop
29.08.2012
20.04.2013
6
4.227
 
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29.08.2012 645
 
Ich steh auf einer Weide. Langes, saftgrünes Gras umspielen meine Knie. Gänseblümchen und Löwenzahn machen die Wiese bunt. Der Wind spielt mit meinem roten Kleid und weht durch meine langen, blonden Haare.  Ich leg meinen Kopf in den Nacken. Die Sonne wärmt meine Haut. Ich zieh die Luft tief ein. Schließe meine Augen. Lege meine kleinen Hände auf die Augen und zähle runter von 5-0. Als ich bei 0 angekommen bin flüstere ich: „Ich will das meine Mummy wiederkommt.“ Ich mache die Augen wieder auf. Die Sonne blendet mich, ich muss blinzeln. Von hinten legen sich zwei große Hände auf meine Augen. Es ist Mum. Ich dreh mich voller Freude um und schließe meine Mummy in den Arm.

„Etta wach auf!“, Peter weckte seine Tochter, „Etta, wir müssen los. Schnell.“

Ich öffnete schwerfällig meine Augen und sah meinen Vater mit total hitzigem Gesicht. Es war alles nur ein Traum. Dad hob mich schon hoch. Er ging zu meinem Schrank und schmiss mir eine Hose, mein Lieblingspulli und Socken entgegen.

„Zieh dich an.“

„Aber warum denn?“, ich wusste innerlich schon die Antwort.

„Die Beobachter.“, sagte mein Dad kurz. Mir lief es kalt den Rücken runter. Ich hatte Heidenangst vor diesen…Männern oder was es auch waren. Ich zog mir meinen Schlafanzug aus und zog mich schnell um. Daddy packte meinen Rucksack. Wiedermal.

Als ich in die Küche gerannt kam, hatte Dad alles nötige gepackt und schnallte mir meinen Rucksack auf den Rücken.

„Jetzt müssen wir aber wirklich los.“, er nahm meine Hand und rannte mit mir durch den Hintereingang. Ich wusste noch nicht mal das dieses Haus ein Hinterausgang hatte, wir waren erst vor kurzem hierher gezogen. Wegen den Beobachtern. Schmerzlich musste ich an das alte Haus erinnern. Mein altes Zuhause. Wir mussten alles zurück lassen. Die Bilder mit Mummy, einfach alles. Ich konnte mir damals nur noch schnell einen Pulli von Mum schnappen. Nach ein paar Tagen roch er nicht mehr nach Mummy und ich war tagelang deswegen traurig. Das einzige was Daddy und ich noch von Mum hatten war der Pulli und ein Bild das Dad immer bei sich trägt. Wo Mummy ist weiß ich nicht. Ich wurde aus den Gedanken gerissen als ich hinfiel, wir waren im Wald hinterm Haus. Dad bemerkte es zuerst nicht das ich hingefallen bin, er rannte weiter. Doch als ich mich gerade wieder aufrappelte drehte er sich und rannte auf mich zu. Ohne das er etwas sagte, riss er mich vom Boden. Nahm mich Huckepack und rannte weiter. Hinter mir hörte ich schon Schreie, die pure Angst wiederspiegelten. Und die Energiestöße aus diesen komischen Beobachter-Waffen. Ich klammerte mich an meinem Daddy. Als wir an der Waldgrenze ankamen, hielt Dad an. Er brauchte eine Pause. Nein, er ging hinter einem großen Busch und kam mit einem Roller wieder.

„Ich hoffe du magst blau.“, mein Vater grinste kurz und warf mir einen kleinen blauen Helm zu. Ich nickte und lächelte auch kurz. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, um meinem Daddy diese Frage zu stellen. Ich hab ihn sie schon so oft gestellt und jedes Mal hatte er die gleiche Antwort.

„Wann kommt Mommy wieder?“

„Sie kommt bestimmt irgendwann wieder zu uns.“, es war eine Lüge, ich bemerkte es sofort. Sogar als 4-jährige spürte ich das etwas mit Mum nicht stimmte. Papa nahm mich hoch und setzte mich auf den Roller. Kurz darauf brausten wir los. Wieder in ein neues Zuhause. Nein kein Zuhause. Ein neuer Unterschlupf, ein neues Haus, wo wir uns verstecken konnten. Diese Nacht durfte ich wie so oft bei Daddy im Bett schlafen. Ich vermisste meine Mum so. Ich vermisste ihre Wärme, ihre Freundlichkeit, ihre Augen, ihr Gesicht, ihre Armen die um mich schlossen. Einfach alles an ihr. Aber ich blieb stark und weinte nicht. Ich kuschelte mich an Dad. Er streichelte meine Haare und sang mir leise ein Schlaflied ins Ohr.
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