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Lachesis, die erste Schicksalsschwester

von Yin Yang
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Gannicus OC (Own Character)
26.08.2012
11.09.2020
15
45.234
10
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31.03.2020 3.449
 
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Die Medica

Ein großer, blonder Gladiator saß nach seinem Kampf in der Arena in Behandlungsraum des Ludus und wartete auf den Medicus.
Er war nur einen kurzen Augenblick unaufmerksam gewesen und schon hatte ihm das Schwert seines Gegners in das Fleisch geschnitten.
Und auch wenn ein Stück Stoff um seinen Arm herum gebunden wurde, blutete es noch immer.
Aber es war ihm gleich, denn am Ende hatte er gesiegt.
Nur darauf kam es letztlich an.
Trotzdem saß er jetzt hier und musste warten, dass sich die Medica seinen Arm ansah.
Der alte Medicus war ein griesgrämiger, grober Mann, zu dem man nur Verletzungen trug, die nicht von alleine heilen würden.
Wer wollte schon auf einer Pritsche sitzen und bei einer Behandlung mehr Schmerz erleiden, als die Verletzung selber hervorgerufen hatte.
Doch seit einiger Zeit saßen die Gladiatoren wieder vermehrt im Medizinraum des Ludus.
Denn der alte Mann war verkauft und dafür stand jetzt eine Heilerin an dessen Stelle.
Helena, eine bildschöne, junge Frau mit unendlich langem, goldblondem Haar.
So schön, dass wenn sie ihre Augen öffnete, man glaubte, ins azurblaue Meer sehen zu können.
Ihre Haut hell und ihre Finger so zart, dass sich eine Behandlung wie ein Orgasmus anfühlen konnte.
Bis heute war niemandem klar, wie ein einfacher Lanister, wie Batiatus, sich eine Medica leisten konnte, die zu allem Übermaß nicht nur gottgleich schön, sondern auch aus Achaia kam.
Achaia, eine kleine Region in Griechenland.
Und wenn ein Teil des römischen Reiches gute Medizinkenntnisse hatte, dann die alten Griechen.
Es gab keine Verletzung, die sie nicht behandeln konnte.
Kein Leiden, das sie mit ein paar Heilkräutern nicht zu lindern vermochte.
Und vor allem keinen schmerzenden Muskel, den sie nicht mit ihrem Wissen über den Körper wieder entspannen konnte.
Diese Frau war das Beste, was Batiatus der Gladiatorenschule hatte beschaffen können.
So ging es auch Gannicus, dem ersten und besten Kämpfer dieser Schule.
Als er die Wachen, die neue Sklaven dabei hatten, durch das Tor kommen sah, zerrte einer von ihnen auch diese kleine Frau hinter sich her.
Damals war sie noch verdreckt und ihr Haar zerzaust und schmutzig, doch schon damals starrte er in himmelblaue Augen.
Als er gehört hatte, dass sie ab jetzt die Aufgaben des alten Medicus übernehmen sollte, war ihm allerdings anders zu Mute.
In einer Gladiatorenschule, wo es wichtig und das einzig Gute war, groß, stark und hart zu sein, war sie das genaue Gegenteil.
Ein kleines, zierliches Mädchen, das so wunderschön mit glitzerndem Haar zwischen muskulösen Wilden herumspazieren musste.
Gannicus ahnte, dass sie nicht lange überleben würde, geschweige denn unberührt bliebe.
Allerdings stellte diese winzige Person klar, dass man auch in ihr einen bösen Gegner hätte, wenn man es darauf anlegte.
Drei Tage nach ihrer Ankunft, als einer der Kämpfer, neu und noch nicht lange im Ludus lebend, anfing aus Augen, Mund, Nase und allen anderen Körperöffnungen zu bluten, wurde jedem Mann klar, dass man einer Frau, die einem so etwas antun konnte, vielleicht doch nicht zu nahe treten sollte.
Batiatus hörte man durch das ganze Haus.
Er schrie und fluchte wie ein alter Ziegenbock.
So laut und vulgär, dass selbst die Gladiatoren auf dem Übungssand überrascht die Augenbraunen hoben.
Doch dann herrschte genauso schnell auch wieder Ruhe.
Die einzige Strafe für die Heilerin war der Entzug von Essen und Wasser, eingesperrt in eine Zelle, für einige Tage.
Anders die Ansprache an die Gladiatoren.
Batiatus versprach, dem nächsten Mann, der der Heilerin zu nahe trat, den Schwanz abschneiden zu lassen.
Und damit war es das, keine harte Strafe gegen die Heilerin.
Den angehenden Gladiator, der am Ende nicht verblutet war, verkaufte der Dominus.
Niemals wieder wurde von ihm gehört.
Ab da an war es ein unausgesprochenes Gesetz, die Medica war tabu.
Das bedeutet für ihn aber nicht, es nicht zu versuchen.
So wartete er auf einer der vier Liegen, im letzten Raum vor dem Übungsplatz und starrte zur Tür.
Er beobachtete die zarte Frau, wie sie durch den Eingang kam und überrascht stehen blieb, als sie ihn erkannte.
In ihrer Hand hatte sie einen ihrer kleinen Flechtkörbe, in denen sie ihre Kräuter aus der Villa holte.
„Als ich hörte, du hättest ohne Schwert gegen einen Mann gekämpft, hoffte ich schon, dass uns dein Anblick erspart werden würde und das Schattenreich dich endlich geholt hätte.“
Wer würde ihm schon so entgegentreten und ihm sozusagen den Tod wünschen.
Nur sie.
Und das gefiel dem ersten Kämpfer des Hauses Batiatus so an der Frau.
Dass sie ihm entgegentrat, als wäre es scheiß egal, wer er war.
„Das Schattenreich wird wohl auf mich verzichten müssen“, grinste er.
Er sah ihr nach, als sie durch den Raum ging und in dem kleinen angrenzenden verschwand.
Es war nur eine kleine Kammer.
Rechts und links Regale bis hoch an die Decke, aber für die Materialien eines Medizinraumes reichte es mehr als aus.
So kam die Medica mit einer kleinen Schale zurück und stellte sie auf die Liege neben der seinen ab.
Wieder folgte sein Blick der schlanken Gestalt, bis zu der großen Amphore, wo sie mit einem kleinen Krug Wasser entnahm.
Mit dem und zwei weißen Lappen kam sie dann auf ihn zu.
„Du hast also doch gewonnen“, sagte sie, als er ihre zarten Finger an seinem Arm spürte.
„Die Geschichte über meinen Sieg drang also schon bis zu deinen anmutigen Ohren“, meinte er stolz, wieder einmal gesiegt zu haben.
„Nicht unbedingt über deinen Sieg. Eher über die ungewöhnliche Art deines Kampfes“, meinte ihre feine Stimme und wickelte den Stofffetzen von seinem Arm.
„Gegen so einen Schwanz konnte ich auch ohne Schwerter siegen. Die Götter lieben mich einfach!“, schmunzelte er nur.
Sie tauchte eines der Tücher in Wasser und wischte ihm vorsichtig das Blut von der Haut.
Ganz behutsam berührte ihre Hand seinen Oberarm und hielt ihn in der richtigen Position, während sie mit dem Tuch das Blut entfernte.
„Vielleicht hatte der Totengott Hades nur keine Lust, dass du ihm dort unten auf die Eier gehst. Also lässt er dich so lange wie möglich hier oben bei den Lebenden, die sich dagegen nicht wehren können!“, schmunzelte sie und sah kurz zu ihm hoch.
Gannicus liebte es, wenn sie ihn von unten herauf mit ihren himmelblauen Augen ansah.
Was würde er in diesem Augenblick nicht alles für sie tun.
„Pluto“, entgegnete er ihr dann, als er sich zusammengenommen hatte.
„Was?“, gluckste sie.
„Gott der Unterwelt ist Pluto“, schmunzelte er.
„Bei eurem Folk vielleicht“, sagte sie darauf nur und ließ seinen Arm los.
Helena war Griechin und so glaubte sie an andere Götter als die Römer.
Er vergaß das manchmal, weil es ihm auch gleich war.
Er glaubte nur mäßig an die Götter, egal ob griechisch oder römisch.
Die Medica nahm ein weiteres Tuch und tupfte die Wunde vorsichtig trocken.
Sie war tief, aber ein gerader, glatter Schnitt.
Sie würde mit ein paar Stichen gut und schnell heilen, ohne dass eine große Narbe bleiben würde.
Gannicus beobachtete, wie sie aus der kleinen Schale auf dem Nachbarbett Nadel und Faden nahm, diesen einfädelte und dann an seine Haut ansetzte.
Sie sah zu ihm auf, dann stach sie zu.
Er zuckte, aber blieb still.
Manchmal hatte sie zu viel Freude daran, ihm Nadeln in die Haut zu stechen.
Sie setzte sieben Stiche und schon wirkte der Schwerthieb nur noch halb so schlimm wie zuvor.
Die blonde Frau legte Nadel und Faden bei Seite, tupfte mit dem Tuch die Wunde noch einmal ab und wusch sich dann die Hände mit dem restlichen Wasser.
Erst danach ging sie wieder in den kleinen Nebenraum und kam mit dem grünlichen Gefäß zurück, in dem eine stinkende Paste war.
Er kannte sie schon und nahm beim ersten Mal, als sie sie bei ihm auftrug noch an, das sie ihn vergiften wollte.
Doch sie half.
So sah er zu ihr runter, als sie damit wieder neben ihn trat und mit sanften, behutsamen Fingern die dreckig braune Paste, die etwas nach Pferdescheiße roch, auf die Wunde auftrug.
Bei jedem Mal spürte er ihre kleinen Finger, die sich selbst beim auftragen einer Salbe so zart und weich anfühlten.
Wie sich ihre zierlichen Finger wohl auf seinem Schwanz anfühlen würden?
Wie sanft sie wohl wäre, wenn er sie unter sich auf die Pritsche legen würde?
Wenn sie auf seinem Schoß säße?
Gannicus Gedanken verloren sich, als die sanfte Berührung endete und ein kurzer Schmerz durch seinen Arm schoss.
Er sah sie an.
„Au!“
Sie lächelte nur und knotete den Verband um seinen Oberarm zu.
„Sonst noch irgendwelche Beschwerden?“, fragte sie ihn und er sah in ihre meerblauen Augen.
„Fit wie ein junger Gott“, antwortete er nur.
„Na dann kann ich mich ja wieder wichtigen Dingen widmen“, nickte sie und begab sich zu dem Tisch am Fenster, wo sie zuvor ihren Kräuterkorb abgestellt hatte.
Gannicus stand von der Liege auf und machte ein paar Schritte bis zu dem Tisch am Fenster.
Erst hinter ihr blieb er stehen.
Er spürte die Wärme, die von ihr ausging und wollte nichts lieber tun, als sie packen, auf den Tisch setzen und sie ficken.
Seit sie zum ersten Mal den Sand des Ludus betreten hatte, dachte er daran, wie sie sich unter ihm anfühlen würde.
Doch Batiatus hatte sie bis heute an keinen Mann vergeben.
„Heute Nacht ist noch Platz in meinem Bett!“, sagte er, auch wenn er genau wusste, dass so etwas niemals passieren würde.
Doch der Versuch war nicht strafbar.
Gannicus bekam seine Antwort, allerdings anders als er es sich erhofft hatte.
Denn sie hielt einen Stiel mit kleinen zackigen Blättern hoch.
„Dieses Kraut ist erstaunlich. Wenn man es mit einem anderen Blatt mischt und es dann unter das Essen eines Menschen gibt, fängt dieser irgendwann an, aus allen möglichen Körperöffnungen zu bluten“, sagte sie, als würde sie es durchaus sehr interessant finden.
„Dann wird mein Schwanz wohl oder übel mit jemand anderem vorlieb nehmen müssen“, schmunzelte er, auch wenn er seine Hände davon abhalten musste, um ihre Mitte zu greifen.
„Das ist wohl eine gute Idee. Wäre doch schade, wenn ich mich doch noch mit den ganzen, ähnlich aussehenden Kräutern vertun würde. Und das nur, weil ich abgelenkt war“, hörte er sie sagen.
Und dann sah sie doch noch zu ihm hoch.
Von unten zu ihm herauf, der Blick, dem er nicht widerstehen konnte.
Er schluckte und nickte nur.
Denn jetzt musste er gehen, wenn er sich noch länger in Griff haben wollte.
Helena dagegen sah dem blonden Mann nach, als der den Raum verließ.
Sie war kein all zu großer Freund des Mannes, aber das lag nicht an ihm, alleine an ihr.
Ihn zu sehen und seine Ähnlichkeiten zu einem ihr geliebten Menschen, war für sie schwer zu ertragen.
Vor allem in dem Wissen, dass er tot war.
So war es ihr lieber Gannicus aus dem Weg zu gehen und ihn nicht zu treffen, wenn es sich vermeiden ließ…

Gegen Abend beobachtete Helena wie in Gannicus Zelle zwei Sklavinnen verschwanden.
Ihr kam es oft so vor, als würde er von Frauen nie genug bekommen.
Aber sie war auch kein Mann, sie konnte also nicht erahnen, wieso ein Fick für Männer so wichtig war, dass es ihnen egal war mit wem.
Allerdings konnte sie mit der offenen Freizügigkeit der Römer sowieso nichts anfangen.
Bevor die Römer kamen, hatte sie nur einen einzigen Mann und zwar den, den sie liebte und dem sie vor den Göttern Treue geschworen hatte.
Jemanden alleine aus einer Laune oder aus Lust heraus zu ficken, war ihr also fremd.
Doch die Römer hatte ihr schnell anderes beigebracht.
Also war das auch nicht mehr überraschend.
Genauso wenig wie der viele Wein.
Männer tranken hier Wein manchmal wie Wasser.
Gannicus war da keine Ausnahme.
So oft schon hatte er ganze Krüge an einem Abend geleert.
Sie schüttelte also nur den Kopf und fegte ihren Medizinraum.
Sauberkeit, etwas das ihr Vater sie ganz am Anfang ihrer Ausbildung gelehrt hatte.
So tat sie es heute noch und das so oft sie konnte…

Einige Zeit darauf bemerkte sie Melissa an ihrer Zellentür vorbei gehen.
Sie lehnte den Besen an die Wand und holte zu der Frau auf.
„Für heute schon fertig?“, fragte diese sie, als Helena sich ihr auf ihrem Weg angeschlossen hat.
„Ja und ich wollt dich nur kurz fragen, ob der Dominus die Erlaubnis gegeben hat, die Kräuter zu besorgen, um die ich gebeten hatte?“, fragte sie ihre Freundin.
Die einzige wohlgemerkt.
Sie blieben auf dem Übungsplatz der Gladiatoren stehen.
Zu so später Stunde war dort allerdings keiner der Männer mehr anzutreffen.
„So viel ich weiß, ja. Sie werden bestimmt morgen aus der Stadt mitgebracht werden“, nickte Melissa.
„Sehr gut. Und verrätst du mir noch, wieso du hier stehst und nicht schon längst der Göttin der Träume einen Besuch abstattest?“, fragte Helena neugierig.
Doch das Öffnen einer Tür und das Gekicher von zwei Frauen unterbrachen die beiden.
Und sofort wusste sie, wieso Melissa hier war.
Sie würde sicherstellen, dass Gannicus die beiden Frauen auch aus seinen Händen geben würde.
Sie sah den beiden Mädchen nach, als sie an ihnen vorbei liefen.
„Ich würde mich wohl nur wundern, wenn keine Frau aus seiner Zelle kommen würde“, schmunzelte Helena und sah Melissa noch einmal an.
„Dann wäre wohl Sorge angebracht“, lächelte auch diese dann.
Helena legte zum Abschied der Frau eine Hand auf die Schulter und verließ sie dann.
Sie wollte noch ihren Korb holen und sich dann auch endlich schlafen legen…

Als sie kurz darauf auf dem Weg in die Villa war, sah sie drei Personen am Gitter der Treppe stehen.
Gannicus stritt mit Drago und Melissa, allerdings nur im Scherz.
„Ich stinke also nach Ziege?“, fragte er Melissa belustigt, die den beiden Sklavinnen gesagt hatte, sie sollen sich seinetwegen gründlich abschrubben.
„Wohl eher nach toter Ziege“, ging Drago belustigt dazwischen.
Helena kam in dem Augenblick um die Ecke und hatte ein Schmunzeln im Gesicht.
Sie blieb nur kurz neben dem blonden Gladiator stehen und griff in ihren kleinen Korb mit den Kräutern.
Dann hielt sie ihm eine kleine hässlich aussehende Blume hin, die wirkte, als wäre sie verdorrt und tot.
„Mit warmem Wasser mischen und gut abschrubben. Vertreibt den Geruch von totem Ass, auch von toten Ziegen“, sagte sie nur und ging weiter, ohne seine Antwort abzuwarten.
„Sehr witzig“, hörte sie ihn sagen und Drago auflachen.
Doch Helena war schon am Ende der Treppe und betrat die Villa.
Sie durchschritt die Gänge und hoffte weder auf den Dominus noch seine Frau zu treffen.
Und als sie in den letzten Raum des Hauses ankam, stellte sie den Korb bei Seite und ging ohne Umwege zu ihrer Liege.
Sie war müde und würde nur Augenblicke brauchen, um ins Land der Träume hinüber zu gleiten…

Drago machte sich Sorgen um Gannicus.
In letzter Zeit war er immer öfter verletzt, selbst beim Training.
Manchmal wirkte es auf ihn sogar so, als würde der Gladiator nur darauf warten, einen Fehler begehen zu können.
Irgendetwas stimmte mit seinem Bruder nicht und er musste herausfinden was, bevor der Dominus etwas davon bemerkte.
Der erste Kämpfer, der öfter auf der Liege der Medica saß, als auf dem Sand des Übungsplatzes stand, das würde Frage aufkommen und Zweifel geben lassen.
So folgte Drago dem Gladiator, als er ein weiteres Mal von einem Übungsschwert getroffen und verletzt wurde.
Er wollte ihn zur Rede stellen und endlich klären, was bei den Göttern mit ihm los war.
Doch als er an die Räume der Medica kam, hörte er diesen schon reden.
So konnte es Drago nicht lassen, kurz zu lauschen.
Vielleicht würde er so erfahren, was mit seinem Gladiatorenbruder los war…

Helena nähte die kleine Wunde an der Augenbraue des blonden Gladiators mit zwei Stichen.
„Wenn du nicht still hältst, nähe ich dir vielleicht noch die Augen zu“, murrte sie und versuchte gerade den letzten Stich zu setzte.
Eine verzogene Augenbraue würde ziemlich blöd aussehen.
Auch bei einen sonst so begehrenswerten Mann wie Gannicus.
„Da es dein Bild wäre, was meine Augen zuletzt sahen, wäre das zu verkraften.“
Helena seufzte und stach jetzt einfach zu und zog den Faden durch.
Denn langsam ging dieser Mann ihr auf ihre kostbaren Nerven, an diesem heißen Tag.
Als sie es endlich geschafft hatte, dass er noch den letzten Stich still hielt, nahm sie ein feuchtes Tuch und wusch das letzte Blut ab.
Manchmal stellte er sich wie ein kleiner Junge an, konnte einfach nicht still halten.
Dabei konnte ein Mann wie er die schlimmsten Schwertverletzungen einstecken, ohne zu zucken.
„Festhalten!“, befahl sie dem Mann, der daraufhin auch das Tuch an sein Auge hielt.
„Soll ich jetzt etwa unter dem nassen Tuch aufweichen?“, schmunzelte er und hielt sich trotzdem das Tuch an die Stirn.
„Das Wasser kühlt und deine Wunde wird nicht weiter anschwellen“, sagte sie nur.
Gannicus beobachtete, wie die kleine Griechin zum Tisch ging und mit gelernter Hand einige Kräuter in den Mörser warf.
Gekonnt zerkleinerte sie diese, bis ein grüner Brei entstand.
Dann erst wandte sie sich wieder dem Gladiator zu.
Ihr goldblondes Haar war zu einem langen, dicken Zopf zusammen geflochten.
Wenn Gannicus sie ansah, dachte er wirklich an Griechenland.
Er war selber noch nie in Achaia gewesen, aber so stellte er es sich vor.
Tempel aus Marmor für die griechischen Götter und blonde Jungfrauen die Opfer darbrachten.
Was für ein schöner, friedlicher Ort musste das sein.
Auch überlegte er oft, wo sie herkam?
Wie es kam, dass sie so viel über Medizin wusste?
Und ihre Geschichte wieso sie als Sklavin in Capua gelandet war?
Aber er hatte sie noch nie zum Reden bringen können.
Sie versorgte seine großen oder kleinen Wunden, aber das war auch schon alles.
Ihre gegenseitigen Sticheleien, seine Bemühungen um diese schöne Frau und doch war das Ende immer gleich.
Er verließ den Raum, alleine.
„Loslassen!“, sagte sie und nahm ihm dann das leicht blutige Tuch ab.
Sie trocknete seine Wunde mit einem frischen Schwamm und verteilte dann den gerade zubereiteten Kräuterbrei auf der kleinen Naht.
„Nicht zulange drauf lassen. Wenn es zu jucken anfängt, abwaschen“, sagte sie in ihrer fast schon neutralen Stimme.
Und dann sah der Gladiator nur noch, wie sie anfing aufzuräumen.
Die blutigen Tücher, den kleinen Mörser, Nadel und Faden.
Wie sie alles säuberte und ordentlich, für den nächsten Gebrauch, aufräumte.
Ihr alter Medicus war nie so akkurat.
Bei ihm klebte Blut oft noch Tage lang an den Liegen oder auf dem Boden.
Seit Helena diese Räume versorgte, war niemals mehr altes Blut zu sehen.
Nicht mal mehr zu riechen.
Hier roch es immer nach Lavendel, sehr angenehm, wie er fand.
Besser als Männerschweiß, Pisse oder schlimmeres.
Doch bevor er erneut versuchen konnte, ein Gespräch anzufangen, sah er Drago in den Raum eintreten.
Auch die kleine Griechin bemerkte den großen Gladiator hereinkommen.
„Es sieht nicht so aus, als ob du medizinische Hilfe benötigst“, meinte sie verwundert darüber, ihn hier zu sehen und das ohne offensichtliche Verletzung.
„Ich bin nur des ersten Kämpfers wegen hier“, klärte er sie auf.
„Erster Kämpfer? Sind das üblicherweise nicht die Männer, die am wenigsten Verletzungen davon tragen?“, schmunzelte sie.
„In diesem Fall wohl nicht“, lächelte er sie an.
Drago war von der ersten Sekunde an, in diese Frau verliebt gewesen.
Nicht so wie in seine Ehefrau, keinen Falls, aber so wie er wohl eine Schwester lieben würde.
Sie kümmerte sich um jeden Mann, jeder Frau, gleich ob Sklave, der Dominus selber oder die Gladiatoren.
Jeder bekam das Beste, was sie zu geben hatte.
Das war selten in einem Ludus, vor allem von einer Sklavin.
Helena war eine Sklavin, aber im Innersten immer noch eine griechische Medica, die liebte, was sie tat.
Und zwar Menschen zu heilen und ihnen den Schmerz zu nehmen.
„Dann lass ich euch alleine“, sagte sie mit einen liebevollen Nicken.
So verließ die Frau den Raum und Drago sah von ihr zu dem blonden Mann auf der Pritsche.
„Ich hatte schon Sorge, dass der erste Kämpfer des Hauses Batiatus an Kraft und Können nachlassen würde. Aber meine Augen und Ohren sagen mir jetzt, dass es nur Vorwand ist, dass du Verletzungen zulässt“, sagte er.
„Die Götter könnten mich kurz vor dem Tod schicken und sie würde mich nicht mal ansehen.“
„Nicht jede Frau verfällt deinem Anblick, mein Freund“, schmunzelte Drago.
Dass sein blonder Bruder der kleinen Frau verfallen war, erheiterte ihn.
Ein Mann, der jede Frau haben konnte, der selbst römische Frauen ficken durfte, verliebte sich in genau die Eine, die er nicht haben konnte.
Erheiternd für Drago, weniger für Gannicus.
Doch wurden sie gestört, denn Naevia betrat den Raum.
„Der Dominus verlangt nach dir“, sagte sie und sah Drago an.
Der nickte, klopfte seinem Freund auf die Schulter und verließ dann mit Naevia den Raum.
Auch Gannicus stand endlich auf und betrat kurz darauf wieder den Übungsplatz.
Zwar war seine kleine Wunde am Auge behandelt, aber sein Herz würde wie immer alleine weiter schlagen müssen…
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