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Schlaflos in Silbermond

von Liliana
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
26.08.2012
26.08.2012
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4.228
 
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Na prima. Hervorragend. Das erste Mal seit Monaten liege ich in einem Bett. Und was für ein bequemes es ist! Federleichte Daunendecken, die sich an mich schmiegen, ein Kissen, das exakt meinen Anforderungen an ein Kissen entspricht. Die Sin´Dorei wissen halt am besten, was gut ist. Nicht, dass ich verwöhnt bin oder so. Wenn man zu einer Gilde gehört, die überwiegend umherreist und Abenteuer erlebt, muss man einiges ertragen können, was die Unterbringung angeht.

Eben aus diesem Grund ärgere ich mich, weil ich nicht schlafen kann, obgleich ich in Silbermond in einem Gasthaus bin und mich erholen könnte. Gereizt seufze ich auf und erhebe mich von meiner Lagerstatt. Es gibt keine Ursache für meine Schlaflosigkeit. Ich bin zu Tode erschöpft. Die letzten Wochen waren unglaublich anstrengend.
Doch hier bin ich in Sicherheit.

Oder doch nicht? Sitzt die Erinnerung an den Überfall der Geißel, der immerhin fast ein Jahrzehnt zurückliegt, noch so tief und lässt mich wachsam bleiben in dieser Stadt?
Ich verschränke meine Arme und gehe die wenigen Schritte zum Fenster, das weit geöffnet ist. Es ist mild draußen, die Luft duftet nach Pracht, Stolz, Flieder. Silbermondduft. Den Kopf in die Hand stützend vergesse ich meinen Groll über meine Unfähigkeit, einschlafen zu können und versinke in meinen Erinnerungen.

Am Tag des Einmarsches der Geißel in Quel Thalas verlor ich meine Mutter, die damals einzige Familie, die mir noch geblieben war. Ich war von Hause davon gelaufen, weil die eifrige Hektik mich antrieb. Nachdem ich Enelya zuhause abgeholt hatte, rannten wir durch die Stadt und hörten mit großen Augen und bangen Herzen die Gerüchte, die immer schlimmer wurden. Und als die Geißel kam, schafften wir es nicht mehr zu unseren Familien. Wir versteckten uns. Ewig wird mir das im Gedächtnis bleiben. Während meine Mutter starb, verbarg ich mich zitternd im Keller eines Schmiedes zwischen den Kohlen. Wir hörten den Lärm, die seelenzerreißenden Schreie und drückten unsere Hände so fest wir konnten.
Trotz der beinahe warmen Luft schaudere ich. Diese Gedanken werden mich sicher nicht beruhigen. Ob es auch anderen unseres Ordens so geht? Ich denke kurz nach und fasse dann einen Plan. Er ist gewagt, und er könnte scheitern, aber…

Entschlossen werfe ich mir ein leichtes Gewand über, welches ich locker zubinde, dann überwinde ich die Distanz zur Tür und öffne sie. Heller Magieschein erleuchtet die Flure des Gasthauses. Ich schüttele ein wenig den Kopf über eine solche Verschwendung der arkanen Mächte, wie sie für mein Volk so typisch ist.
Im Zimmer neben mir liegt Enelya. Leise drücke ich die Klinke herunter und erkenne als erstes die wachsamen Augen Ninims. Enelya schläft tief und hat ihre Hände im Fell der Tigerin vergraben. Ninim scheint es nichts auszumachen, dass sich ihre Herrin zu ihr auf den Boden gesellt hat. Beschützend hat das Tier eine Pfote um sie gelegt. Es scheint nicht begeistert von meiner Störung, also schließe ich die Tür sanft. Immerhin habe ich einen ähnlichen Plan wie Enelya, doch ob er gelingen wird?
Mein Herz schlägt mit einem Mal wild in meiner Brust und irgendwie kann nicht besonders klar denken. Mein eigenes Vorhaben macht mir Angst. Deswegen beschließe ich, meinen Plan noch etwas aufzuschieben und wandere die Stufen zur Schenke hinunter.
Diese ist beinahe leer. Kaum verwunderlich, ist es doch sehr spät. Doch der Blutelf, der noch an der Theke sitzt, ist mir bekannt. Er hebt die Augen und prostet mir mit einem leeren Weinglas zu. Ich nehme das als Einladung, mich zu ihm zu gesellen und ignoriere den Blick, den mir die Bedienung zuwirft. Sie scheint es nicht gewohnt zu sein, eine Priesterin mitten in der Nacht in einem dünnen Gewand in Gesellschaft eines solchen Blutelfs zu sehen. „Thameron“, begrüße ich den Krieger, der das Glas in den Händen dreht.
„Nienna, meine Liebe.“  Ich bemerke, wie sich die Ohren der Schankmaid in unsere Richtung drehen. Selbst Sin´Dorei sind sich offensichtlich für Klatsch nicht zu schade.

Thameron erhebt sich und deutet eine zackige Verbeugung an. „S ist spät“, bemerkt er, nachdem er mich einen Moment lang gemustert hat.
„Ich kann nicht schlafen“, erwidere ich. „Aber was ist mit Euch?“
„Schlaf finde ich auch nicht oft“, gibt der Krieger zu und setzt sich wieder. Mir ist es lieber so. Häufig ist es mir unangenehm, wenn er auf die Etikette besteht.
„Die schenken so spät keinen Wein mehr aus“, sagt er entschuldigend und wirft einen betrübten Blick auf sein Glas.
„Das ist nicht nötig“, winke ich ab. Das Ausschankverbot erklärt den Trübsinn.
„Vielleicht ja doch. Könnte Euch beim Einschlafen helfen.“ Ich wundere mich ein wenig über Thameron. Für gewöhnlich trägt er immer einen guten Tropfen in seinem Gepäck. Doch heute scheint er nicht daran gedacht zu haben.
„Was hält Euch wach?“ fragt er, als ich nur mit einem Schulterzucken auf seine Bemerkung reagiere.

„Ich fürchte, das kann ich kaum sagen.“ Schuldgefühl kommt in mir auf. Silbermond ist doch meine Heimat. Warum kann ich mich nicht sicher fühlen?
Thameron lächelt und ich stelle nicht zum ersten Mal fest: Der Krieger ist nicht so unsensibel, wie er viele glauben machen will. „Ich kenne diesen Blick“, sagt er und sieht mir in die Augen. „Und Ihr braucht Euch nicht zu schämen. Der Fall Silbermonds hat solch tiefe Wunden in uns allen, in der Welt, hinterlassen, dass sie nicht in nur wenigen Jahren heilen können.“
Ich schaudere erneut, als er mit seinen Worten genau die Unsicherheit beschreibt, die ich empfinde. „Ist es für jeden so?“
„Ich weiß es nicht. Es gibt viele, die heute Nacht umherwandern, so wie Ihr.“
„Und Ihr?“ frage ich leise.
Thameron lacht und schiebt sich eine lose Strähne seines langen Haares zurück. „Ich bin ein Grobian, kleine Priesterin.“ Er wendet sich ab.
Gut, er will wohl nicht darüber reden. Typisch Mann. „Natürlich“, seufze ich.
Soll er seine Maske behalten.

Mit einem Mal sehe ich meinen Plan als gefährdet an. Was ist, wenn das Ziel meines Vorhabens in der Taverne herumgeistert, oder gar in der Stadt? „Wen habt Ihr denn noch gesehen?“ versuche ich herauszufinden. Wahnsinnig subtil, Nienna. Glückwunsch.
Wie erwartet lacht der Krieger erneut. „Er war nicht dabei.“ Nun funkelt er mich spitzbübisch an. „Was habt Ihr vor?“
„Nichts.“ Ich zucke wieder mit den Schultern, aber Thameron lässt sich nicht täuschen.
„Ihr habt es faustdick hinter den Ohren“, bemerkt er und grinst breit. Tu etwas für deinen Ruf, fleht mich eine innere Stimme an. Verteidige deine Ehre! „Ich habe gar nichts vor, Thameron.“ Gut so, feuere ich mich an. Das klang schon mal überzeugend. Glücklicherweise ist mein Kampfgefährte so höflich, nicht weiter darauf herumzureiten. „Natürlich“, lächelt er.

„Ich muss gehen“, sage ich leicht unsicher.
„Geht nur und viel Spaß.“ Ich bin fasziniert, wie hoch der Krieger seine Augenbrauen ziehen kann. Das zweideutige Zwinkern ist aber dann doch alles andere als dezent.
„Danke.“ Werde ich rot? Positiv. Fühlt sich an wie kirschrot, der Hitze meiner Wangen nach zu urteilen. Ich erspare mir die Peinlichkeit, noch etwas zu sagen und klettere wieder die Stufen hinauf.

Doch auf der Treppe kommt mir jemand entgegen. Falastra. Sie ist eine der Verlassenen, die sich dem Orden angeschlossen haben. Seltsamerweise ist sie nicht nach Hause gereist, als Neuveo als Großmeister uns allen eine Zeit des Ausruhens und der Regeneration zugesagt hatte. Andererseits stelle ich mir Unterstadt auch nicht besonders heimisch vor. Kein Wunder, dass sie da nicht hinwill. Warum schläft sie nicht? Ist sie auch unruhig? Aber warum? Dann erinnere ich mich daran, dass Untote nicht schlafen und werde noch etwas röter.

„Grüße“, sage ich freundlich und leise, da die Schlafräume in Hörreichweite sind. Zwar gibt es einen Zauber, der den Lärm der Schankstube von der oberen Etage abschirmt, doch ich weiß nicht, wo er zu Wirken beginnt. „Ihr braucht nicht zu flüstern“, antwortet sie. „ Die Magie wirkt ab der obersten Treppenstufe.“

Ihr Lächeln ist seltsam und fast traurig. Ich frage mich warum. Spürt sie all die Aufregung, die Unruhe der anderen? Auch hat sie auf meinen Gruß nicht geantwortet, obgleich sie sonst sehr höflich ist.
„Geht nur weiter, Ihr habt doch etwas vor, oder nicht?“ Offensichtlich hat sie Thamerons Bemerkungen gehört. Hat sie gelauscht? Sie wartet nicht einmal ab, sondern passiert mich, ohne noch einen weiteren Blick auf mich zu werfen.
Verwirrt schaue ich ihr nach, wie sie Thameron zunickt und dann den Schankraum verlässt.

Doch endlich richtet sich meine Aufmerksamkeit wieder auf mein Ziel. Ich überwinde die letzte Treppenstufe und spüre tatsächlich, jetzt, da ich aufmerksamer bin, die gewobene Magie.
Das Zimmer, in das ich möchte, liegt am Anfang des Flures. Sicherlich hat er darauf bestanden, dass er diesen Raum bekommt. Damit mich auch jeder sehen kann, wie ich das Zimmer eines Paladins betrete. Ach nein, das konnte er nicht ahnen. Ich presse die Lippen zusammen, schlucke so das Kichern herunter. Woher kommt diese alberne Stimmung mit einem Mal? Achja. Neuveo. Ich taste mit den Fingerspitzen nach der Wärme meiner Wangen und stelle fest, dass ich vermutlich immer noch rot bin. Was solls.

Bewege ich mich schon? Nein. Ich stehe nun wohl schon seit Minuten wie zur Salzsäule erstarrt vor der Zimmertür meines Angebeteten. Es erscheint mir auf einmal keine gute Idee mehr, mich in das Zimmer eines heiligen Ritters zu schleichen. Vielleicht ist unsere Beziehung einfach noch nicht so weit. Guter Scherz, welche Beziehung eigentlich, Nienna?

Ich mache eine Bewegung im Augenwinkel aus und Thameron taucht lautlos neben mir auf. Dieser Zauber ist irgendwie gruselig.
Anstatt etwas zu sagen, marschiert er schnurstracks an mir vorbei. Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Kurz bevor er sein Zimmer betritt, bedeutet er mir mit einer Geste: Na los! Dann ist er weg und der Flur gehört mir allein.
Ich atme tief durch, hebe meine Hand und lege sie auf die Türklinke. Sachte und vorsichtig drücke ich sie hinunter. Das wäre geschafft. Ich lächle siegessicher und stelle fest, dass ich immer noch auf der falschen Seite der Tür bin. Mein Lächeln wird ein wenig von dieser Tatsache getrübt, aber ich lasse mir nicht so leicht die Laune vermiesen.

Das Zimmer liegt dunkel vor mir. Wie ein Abgrund. Ich wundere mich, warum Neuveo die Fenster nicht geöffnet hat. Die Tür ist zugefallen und ich stehe still in völliger Dunkelheit. „KEINEN LAUT“, flüstert mir eine Stimme ins Ohr. Eigentlich würde mich ja jetzt ein wohliger Schauder durchfahren, weil ich die Stimme meines Liebsten so nahe höre, aber im Moment rühre ich mich lieber nicht. Er fährt mit der Hand meinen Arm hinunter und packt meine Hand. Hat er mich erkannt und das soll eines dieser Liebesspiele sein, über die ich Mandalia und Thameron ausgequetscht habe?
„Führ die Hände zusammen“, raunt er jetzt. Inzwischen kann ich mich doch nicht eines Schauders erwehren, aber er scheint es nicht zu bemerken oder anders zu deuten. Gehorsam führe ich die Hände zusammen und überlege, ob ich mich nun zu erkennen geben soll, aber ich zögere noch. Neuveo packt meine Hände in unnachgiebigem Griff und zieht mich ein paar Schritte weiter. Ich entschließe mich nun doch, mich bemerkbar zu machen. „Ähm, Neuveo?“

Der Paladin zuckt merklich zusammen und bringt hastig Abstand zwischen uns. Offenbar hat er mich nicht erkannt. Na großartig. Nachts ist er nicht wirklich anschmiegsamer.
„Nienna!“
Ein Feuer wird entzündet, ganz altmodisch von Hand. Hätte ich mir denken können, dass er sämtliche Magie aus dem Zimmer verbannt.
Überhaupt hat er den Raum etwas verändert. Neugierig sehe ich mich um, doch das scheint unseren Großmeister nicht daran zu hindern, mich entsetzt anzustarren.

DAS finde ich nun doch unschmeichelhaft. Es gibt immerhin Schlimmeres, als mitten in der Nacht von mir besucht zu werden.
„Was, beim Licht…“ Er ringt um Fassung, tritt auf mich zu. „Es tut mir sehr leid.“
So in fein gewebter Hose und ohne Hemd, mit etwas unordentlichen Haaren wirkt er seltsam verletzlich.

„Verzeiht“, bittet er noch einmal und bringt wieder Distanz zwischen uns.
Da ich meiner Stimme angesichts seiner Berührung nicht mehr vertraue, winke ich ab.
„So sagt, was ist geschehen?“ Besorgt betrachtet er mich.

Er ist großartig! Es berührt mich immer, wenn er so ist.
„Nichts“, antworte ich verlegen mit brüchiger Stimme.

Auch wenn er die Stirn runzelt, ist er sehr anziehend.
„Wie meint Ihr das? Es muss doch etwas geschehen sein!“

Immer glaubt er an das Gute in seinem Gegenüber.
„Nein, nichts besonderes“, erwidere ich.

Ich kenne sehr wenige Elfen, die verwirrt noch derartig attraktiv wirkten.
„Was beim Sonnenbrunnen TUT Ihr dann hier?“
Das war nun nicht unbedingt so freundlich, wie er es sonst ist. Er hatte aber auch einen langen Tag!

„Ich kann nicht schlafen und da dachte ich, ich komme mal rüber.“ Ich versuche mich an einem verführerischen Lächeln, wie ich es bei Mandalia gesehen hatte, die wirklich jedes Mannes Herz erweichen kann, aber entweder, ich habe es nicht besonders gut wiedergegeben, oder Neuveo hat eine natürliche Resistenz gegen Charme. Bestimmt, weil er selbst so charmant ist.
„Aber…“  Ein wenig ratlos sieht er aus. „Und Ihr wollt reden?“

„Ich dachte, ich schlafe hier… bei dir.“ Die vertraulichere Anrede erschien mir doch angebrachter angesichts meines Vorschlags.
War er zuvor verwirrt, sieht er nun fassungslos aus. So langsam wird es schon ein wenig kränkend.
„Das geht nicht“, sagt er entschieden, aber seine Stimme wackelt ein kleines bisschen. Darauf baue ich meine Hoffnung und den Mut zum Hinterfragen auf. „Warum nicht?“

Die Frage bringt ihn aus dem Konzept. Für gewöhnlich ist er aufgeweckter. Aber ich habe ihn ja auch aus dem Bett geholt. Daher, wo ich jetzt hinmöchte.

Während er noch über eine Antwort nachdenkt, und diese Zeit will ich ihm gerne zugestehen, sehe ich mich um. Die Plattenrüstung ist ordentlich auf einem Rüstungsständer platziert. Umhang und warme Kleidung liegt sauber gefaltet daneben. Auf dem Tisch ist es etwas ungeordneter. Pergamente stapeln sich und auch Bücher und Folianten. Das Bett scheint kleiner als mein eigenes zu sein. Die Fenster sind geschlossen und verhüllt. Das erklärt die Dunkelheit.

Neuveo scheint die Sprache wiedergefunden zu haben. „Es geht nicht“, sagt er mit mehr Nachdruck. Tagsüber sind seine Argumente echt besser.
„Erklärt mir, warum!“ bestehe ich.
„Ihr seid eine ungebundene Priesterin“, erklärt er schließlich. „Wir können nicht die Nacht gemeinsam in einem Raum verbringen.“

„Na ja, so ganz ungebunden…“, beginne ich langsam und überhöre sein Seufzen, „bin ich nicht. Mein Herz schlägt für einen Blutelf, weißt du.“ Etwas kokettieren kann nicht schaden. Ich habe das Gefühl, er würde am liebsten mit den Augen rollen und tut es nicht, weil er zu höflich ist. Offensichtlich bin ich nicht besonders anziehend, wenn ich kokettiere.

„Niemand wird es wissen“, zucke ich mit den Schultern.
„Du glaubst nicht daran, dass irgendetwas in diesem Orden geschieht, ohne dass alle etwas davon wissen.“ Ich finde, er hat nicht Unrecht. Aber immerhin sagt er nicht mehr dauernd, dass es nicht geht.

„Es interessiert sich auch niemand dafür“, füge ich mutig geworden hinzu. Neuveo schüttelt den Kopf und sieht mir in die Augen. Er lächelt. „Aber ich interessiere mich für deine Ehre.“
Ich muss einen kleinen Seufzer unterdrücken. „Das ist ja wahnsinnig romantisch, aber du bist wirklich ein bisschen altmodisch. Ich wette, Eldarwen und Pragos….“
„Wir sprechen nicht darüber!“ fällt er mir wütend ins Wort. Aha. Wir sind wohl ein wenig gereizt heute.
„In Ordnung. Also darf ich hier bleiben?“
„Bitte, Nienna“, sagt er leise. Ob er ahnt, dass ich ihm nicht widerstehen kann, wenn er mich bittet?
Und auch jetzt kann ich ihm den Wunsch nach Distanz nicht verwehren, obwohl er mich schmerzt. Kann mein harmloses unschuldiges Begehr so schlimm für ihn sein, dass er sich nicht vorstellen kann, es zu erfüllen?

„Schlaft gut, Großmeister“, sage ich förmlich. Steif drehe ich mich um und greife nach dem Türgriff.
Ich höre ihn leise stöhnen. „Wartet.“
Doch noch wende ich mich nicht um. Ich wage es nicht zu hoffen.
„Warum wollt Ihr hier schlafen?“
Meint er die Frage ernst? Weil ich dich liebe--- weil ich in deiner Nähe sein will--- weil ich mehr für dich sein will als nur eine Heilerin in deinem Orden, die du einfach deines Zimmers verweist---
„Weil ich nicht zur Ruhe komme.“

Er überwindet die Distanz und kommt mir von sich aus näher. Das ist selten passiert und ich bleibe ganz still stehen.
„Warum? Was quält Euch?“ Seine smaragdgrünen Augen dringen bis auf den tiefsten Grund meiner Seele. Dort muss er den Schmerz sehen, der seine Zurückweisung gebracht hat.
„Ich denke an den Tag, als die Geißel kam“, berichte ich wahrheitsgemäß und schließe die Augen. Nur wenige Male habe ich bisher auf seinen Anblick verzichtet, wenn er sich mir bot.
Seine Hand berührt warm die meine, überrascht fliegen meine Augen auf und sanft zieht er mich zurück zu dem Stuhl, der vor seinem Tisch steht. Es ist der einzige im Raum. Ich setze mich. Neuveo lässt sich vor mir auf die Unterschenkel sinken. Unsere Gesichter sind beinahe auf gleicher Höhe.
„Du warst mit Enelya zusammen“, sagt er leise und verzichtet mit einem Mal auf die formelle Anrede, auf der er sonst besteht.
Ich nicke und verräterischerweise zittern meine Hände, die im Schoß liegen. „Wir haben uns versteckt.“ In diesem Satz schwingt so viel mit, die Worte können es nicht alles tragen, aber meine Stimme. Schuld, Scham, Nichtbegreifen.
„Und das war gut so.“
„Wie kannst du das sagen? Sie starben… alle! Wir haben sie gehört!“ Tränen brennen in meinen Augen, doch die kann ich jetzt nicht weinen, nicht an einem Abend, an dem ich mit meinem Liebsten zusammenbin.

„Ich war nicht hier, Nienna. Als meine Heimat mich am nötigsten brauchte, war ich nicht hier. Und wäre ich hier gewesen, und hätte Seite an Seite mit Pragos gekämpft, wäre ich wie er gefallen. Und du wärst auch gestorben. Enelya wäre tot. Selbst der gefallene Prinz hätte dieses Schicksal gefunden.“
Verbitterung schwingt in seinen Worten mit. Ich spüre, dass ihn dies alles lange belastet hat. „Was wäre gewonnen? Auch wir hätten Silbermond nicht retten können. Aber jetzt braucht es immer noch Schutz. Und wir kämpfen für die Sin´Dorei. Unser Volk wäre ausgelöscht, hätte es nicht solche wie uns gegeben.“
Auch diese Überlegung ist richtig. Ich nicke langsam. Er nimmt meine Hand und bannt so das Zittern.

„Auch mich trifft der Fluch des Überlebens. Aber wir müssen das Beste daraus machen. Das Licht leitet uns stets.“ Neuveo lächelt mich an. Meine Tränen schwinden. Wenn ich ihn ansehe, kann ich nicht mehr traurig sein.
„Danke“, flüstere ich und hebe seine Hand an meine Lippen. Eine Seltenheit, dass sie nicht in Platte oder Leder gefasst ist. Er lässt mich gewähren und so küsse ich sanft seine Handfläche.

Er antwortet nicht, steht aber auf und entzieht mir so seine Hand wieder. Ich kenne ihn gut genug um zu wissen, dass das Absicht war.
„Ich werde jetzt gehen.“ Sag was! Bitte mich zu bleiben!
„In Ordnung“, erwidert er. Ich würde sagen, an der wortlosen Verständigung arbeiten wir noch.

Aber er ist lieb und verständnisvoll gewesen, wenn auch wie immer etwas altmodisch in seinen Ansichten, und ich fühle mich besser. Also beschließe ich, in mein Zimmer zu gehen und ihn mit seinen keuschen Gedanken alleine zu lassen. Offensichtlich ist es ihm mit seiner Abstinenz sehr ernst und die schließt auch das Nebeneinanderschlafen ein, oder ich muss noch eine Menge von Mandalia lernen.
Als ich wieder bei der Tür bin, sagt er zögernd: „Nienna?“

ICH WUSSTE ES, jubele ich innerlich und drehe mich um.
„Wenn du möchtest, kannst du mein Bett nehmen. Ich schlafe auf dem Stuhl.“
Immerhin im selben Zimmer bleiben, das ist schon mal was. Außerdem bleibt er immer noch in der vertraulichen Anrede, die sonst auf Armlängenabstand reduziert wird. Ich frohlocke und streite mich vorläufig nicht um den Stuhl, sondern nicke, als wäre das alles seine Idee gewesen. Etwas verlegen nehme ich auf seinem Bett Platz. Über das ganze Reden ist es abgekühlt, was ich unglaublich schade finde. Es wäre schön, seine Wärme um mich zu haben, auch wenn er das Bett schon verlassen hat.
„Schläfst du im Sitzen?“ scherzt er mit einem schiefen Grinsen, als ich mich nicht rühre, sondern ihn weiter ansehe.
Ich lege mich nieder und drehe mich seitlich, um ihn weiter im Blick zu haben. Er nimmt seinen Umhang und nestelt sich daraus eine Schlafstatt zurecht, die er auf dem Stuhl drapiert.
Sein Bett ist genauso weich und bequem wie das in meinem Zimmer.

Ich kann mich eines Gähnens nicht erwehren und höre erstaunt, wie er leise lacht. Ein Lächeln ist selten bei Neuveo und ich kann die Male, dass ich ihn lachen gehört habe, an einer Hand abzählen. Da mich Müdigkeit überkommt, beschließe ich, mein Vorhaben wieder in die Tat umzusetzen, bevor ich darüber einschlafe.

„Weißt du“, beginne ich, „wenn wir in einem Zimmer übernachten, wird sowieso jeder davon ausgehen, dass wir auch zusammen gelegen haben.“
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er rot wird. Ich reiße meine Augen auf, die unerklärlicherweise etwas zugefallen sind und stelle fassungslos fest: es stimmt! Ich habe meinen Paladin zum Erröten gebracht!
„Das… kümmert mich nicht“, sagt er schließlich langsam. „Ich werde wissen, wie es wirklich war.“

Der Mann ist einfach zu rechtschaffend. Jetzt ist es ein ganzes Jahr her, dass wir uns unsere Gefühle gestanden haben. Und noch immer sind wir nicht darüber hinaus, uns ab und an zu küssen. Ich mag das Küssen und ich weiß, dass wir sehr sehr lange leben. Aber allmählich könnte es schon ein wenig vorangehen.

„Das Bett ist wirklich sehr bequem“, versuche ich es und räkele mich, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Er nimmt den Blick nicht von meinem Gesicht, aber ein Lächeln vertreibt den ernsten Ausdruck. Ich kann nicht umhin, seine Standhaftigkeit zu bewundern. Ich bin zwar unerfahren (was denkt ihr euch? Ich bin Priesterin!), aber irgendwie habe ich aus Erzählungen anderer Sin´dorei mitbekommen, dass sich die männlichen Wesen eher nicht so zieren.

„Ich weiß“, antwortet er trocken, „bis zu deinem Überfall habe ich selbst darin gelegen.“
„Hier ist noch genug Platz“, ermuntere ich ihn weiterhin.
„Nienna“, lächelt er. „Was für ein Mann wäre ich, wenn ich die Situation ausnutzen würde?“
„Aber ich kann nicht schlafen so alleine!“
„Du redest ja auch ununterbrochen.“

Gut, er hat Recht. Ich entsinne mich der Geschichten, die mir seine Schwester Eldarwen erzählt hat und entschließe mich, die harten Geschütze aufzufahren. Verführerisch hat nicht geklappt. Aber Eldarwen hat mir geschworen, dass es ihrem Bruder unmöglich ist, den Bitten eines schutzbedürftigen Wesens zu widerstehen.
Ich verziehe ein wenig den Mund, nur nicht zu dick auftragen, achtung, Nienna. Gequält schließe ich die Augen. „Ist die Vorstellung so schrecklich für dich, mit mir in einem Bett zu sein?“ Mit einem Mal empfinde ich die gespielte Emotion doch in echt. Die Enttäuschung, weil er mich zurückweist. „Bin ich so abstoßend für dich?“

Ich höre, wie er den Raum durchquert und an meine Seite eilt. Eldarwen hatte Recht. Das tröstet mich im Moment allerdings nicht so sehr.
„Sag so etwas nicht“, bittet er mich und berührt mein Gesicht. „Ich finde dich sehr anziehend. Wunderschön. Begehrenswert.“

Das tröstet mich augenblicklich. So etwas hat er noch nie zu mir gesagt. Ich öffne die Augen und sehe ihn ganz nah vor mir. Diese Besorgnis in seinen Augen… Ein bisschen wundere ich mich, dass er Gefühle für mich hat. Dieses absolute Verantwortungsbewusstsein und die Pflicht, die er empfindet, Schwächere zu schützen hätte ihn eigentlich jemand anderes lieben lassen müssen. Ich bin absolut selbstständig, weil ich mich schon früh um mich selbst kümmern musste und dank meiner Ausbildung als Priesterin kann ich mich im Kampf ebenso gut wehren wie jeder andere im Orden. Dennoch ist er jetzt hier. Ein letztes Mal: „Bitte, Neuveo.“

Ich kann es kaum glauben, als er tief durchatmet und Anstalten macht, sich auf das Bett niederzulassen. Jubilierend rücke ich zur Seite und mache ihm Platz.
Er legt sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Mit einem Mal kommt mir der Gedanken, dass die Situation genau so neu für ihn ist wie für mich. Diese Unerfahrenheit muss ihn quälen, ist er doch sonst die Kompetenz in Person. Die Überlegung weckt Verständnis in mir für seine Zurückhaltung.

Er schließt die Augen und ich betrachte ihn verzückt. Auch wenn er schläft ist er sehr attraktiv. Hingerissen unterdrücke ich meinen Seufzer.
„Nienna?“
„Ja?“
„Betrachtest du mich gerade beim Schlafen?“
„Entschuldige. Ich bin jetzt still.“ Ich bemühe mich um eine ruhige Atmung und himmele ihn weiter an.
„Das ist schwer vorzustellen“, bemerkt er.
„Doch wirklich“, versichere ich ihm. „Du wirst mich gar nicht bemerken.“
Er wirft mir einen Blick und wirkt ein wenig verwirrt, als er sieht, dass ich ihn unverwandt ansehe. „Brauchst du noch etwas?“

Er hat wirklich die Geduld eines Naarus. Ist ja auch ein Paladin. Ich schüttele den Kopf und betrachte ihn weiterhin.
„Wirklich nicht?“ erkundigt er sich.
„Wirklich nicht.“

„Also bist du vollkommen zufrieden mit der jetzigen Situation?“ Wenn er mich so direkt fragt…
Ich hebe vorsichtig meine Hand, ein schiefes Lächeln liegt auf meinen Lippen. Ein bisschen komme ich mir vor wie auf der Wildjagd. Nur keine hastigen Bewegungen… Meine Hand wandert schwebend an seiner Brust vorbei und legt sich auf seine mir entferntere Schulter. Erneut seufzt Neuveo, dann schlingt er einen Arm um mich und zieht mich an sich. Begeistert drücke ich mich fest in seine Armbeuge und schmiege mich in seine Seite. Dieser Platz ist toll! Es ist, als wäre er dafür gemacht, dass ich mich da reinkuschele.

Sanft drückt er mir einen Kuss auf die Haare. „Du bist ziemlich ausdauernd, wenn du etwas willst.“
„Meine Mutter nannte mich nervtötend“, kichere ich.
„Schlaf gut, Nienna.“
„Schlaf gut, Neuveo.“ Das Einschlafen ist so leicht wie in Wasser eintauchen. Alle Scham, alle Furcht vergessen. Ich fühle mich vollkommen und drifte davon.
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