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Vampirjäger - Van Helsing

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
23.08.2012
14.12.2012
9
19.511
4
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
23.08.2012 4.141
 
Jaaa, es geht auch mal weiter ;) kleine Schreibblockade (hoffentlich erfolgreich) überwunden :D
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Ein Blick auf die bewusstlose junge Frau sagte Van Helsing, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Dort, wo der Vampir sie gebissen hatte, lief immer noch das Blut in beängstigender Geschwindigkeit heraus. Es war keine Hauptschlagader, da war er sich sicher, jedoch musste er sich beeilen. Fieberhaft dachte er nach. Plötzlich hörte er hinter sich einen Schrei. „Oh mein Gott! Miss Johanson!“ Mr. Oliver. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. „Bleiben Sie da, wo Sie sind, Sie Trottel!“, brüllte der Professor ihn an. Die Schritte hinter ihm verstummten. Stattdessen begann Dracula zu lachen. „Aber Professor! Sein Sie doch etwas netter zu Ihrem Handlanger!“ Und mit einem leisen Zischen löste der Vampir sich auf. „Verflixt!“, fluchte Van Helsing. Er drehte sich zu dem Pfleger um. „Bleiben Sie bei den Pferden! Und hier“, er holte noch ein Fläschchen Weihwasser aus seinem Koffer und warf es ihm zu, „Das wird Sie schützen!“ Dann drehte er sich wieder zu Catrina, holte eine Kompresse aus seinem Koffer (wie praktisch das Ding war) und presste sie auf die immer noch blutende Wunde. Mit der freien Hand
holte er ein zweites Fläschchen Weihwasser aus seiner Manteltasche und träufelte etwas über Catrinas ganzen Körper. Der Vampir war sicherlich noch nicht weg, er wartete nur, um wieder zuschlagen zu können. Doch das würde Van Helsing ihm gründlich vermiesen.

Er behielt Recht. Kaum hatte er die Flasche wieder verkorkt, zischte es erneut. Van Helsing hatte Catrina in eine andere Position gelegt und beugte sich nun schützend ein Stück über sie. Er war sicher, dass der Vampir nicht mitbekommen hatte, was er dabei hatte verschwinden lassen. Er nahm das Kruzifix wieder in die Hand und drehte sich auf den Knien um, in der Erwartung, den Vampir vor sich zu haben. Die Kreatur stand tatsächlich hinter ihm... jedoch nicht in Menschengestalt! Er war in Gestalt eines riesigen Wolfshundes mit rot glühenden Augen. „Scher dich fort, Kreatur!“ Das letzte Wort spuckte Van Helsing ihm förmlich vor die Füße. Nein, vor die Pfoten, natürlich. Dracula setzte zum Sprung an, doch im selben Moment erhob sich der Professor und hielt ihm den Knoblauch entgegen. Abrupt blieb der Wolfshund stehen und bleckte die Zähne. Dann lief er langsam zur Seite, doch Van Helsing durchschaute ihn sofort: Er wollte ihn von Catrina weglocken. Er wollte sie immer noch haben. „Vergiss es, du Monster! Du kriegst sie nicht!“ Mit diesen Worten warf er Kruzifix und Knoblauch beiseite und holte stattdessen das heraus, was er vorhin der bewusstlosen Catrina in die Manteltaschen gesteckt hatte: Holzpflock und Hammer! Damit stürzte er sich auf den Vampir. Dieser hatte leider ziemlich gute Reflexe und wich dem weniger wendigen Professor aus. Jetzt knurrte der Wolfshund. „Gib es auf, Dracula! Du wirst niemals gewinnen!“ Bildete er sich das ein, oder lächelte der Hund? Es war keine Zeit, um erneut nachzusehen, denn der Hund schlich zu Catrina. Bevor Van Helsing jedoch handeln konnte, wich der Vampir zurück. Natürlich, das Weihwasser, dachte der Professor. Ein Glück. Anscheinend hatte Dracula begriffen, das er diesen Kampf nicht gewinnen konnte, jedenfalls nicht heute. Er schnaufte einmal und mit einem weiteren leisen Zischen verwandelte er sich in eine Fledermaus und verschwand in der dunklen Nacht.

~ † ~


Catrina öffnete die Augen. Ihr erster Blick fiel auf ein hölzernes Kruzifix an der Wand. Ein weiterer Blick sagte ihr, dass sie nicht wusste, wo sie sich befand. Als sie sich jedoch aufsetzten wollte, sagte eine Stimme: „Bleib lieber liegen, Catie.“ Catie blickte sich um, und entdeckte, dass Lucy neben ihr saß. Ihre rotblonden Haare hatte sie hochgesteckt, was ihr sehr gut stand, und auch sonst war sie so bildschön wie immer. „Lucy... Wo bin ich?“ Ihren Rat befolgte sie, denn ihr war doch ziemlich schwindelig, und so legte sie sich wieder hin. „Wir sind bei Professor Van Helsing. Du bist ganz schön blass“, bemerkte sie dazu. Das brachte Catie zum lächeln. „Bin ich das nicht immer?“ „Ja, aber nicht so extrem.“ Sie strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Das brachte Catrina dazu, an sich herunter zu schauen. Sie trug ein weißes Nachthemd, war jedoch mit einer Decke zugedeckt. Auch unter ihr war ein Laken ausgebreitet worden. „Keine Sorge, ich habe dich umgezogen“, sagte Lucy mit einem Zwinkern. „Ich hole den Professor, er wird sicher wissen wollen, das du wach bist.“ Sie erhob sich, doch Catie hob die Hand damit sie stehen blieb. „Lucy... Wie lange war ich bewusstlos?“ „Heute ist Montag. Du warst den ganzen Sonntag bewusstlos. Der Professor ist mit Jack im Wohnzimmer und wird genötigt, etwas zu essen. Der Gute ist die ganze Zeit nicht von deiner Seite gewichen.“ Mit einem Lächeln öffnete sie die Tür. „Professor? Catie ist aufgewacht.“ Mit einem letzten Blick verließ Lucy das Zimmer. Catie sah sich um. Es schien ein Arbeitszimmer zu sein. Links von ihr war ein Schreibtisch und ihm gegenüber ein ziemlich volles Bücherregal. Über diesem Regal hing das Kruzifix, das sie vorhin schon gesehen hatte. Sie selbst lag auf einer Liege, ein weiches Kissen stützte ihren Kopf. Dieser schwirrte ihr wie verrückt, nicht nur wegen dem Schwindel, auch wegen all der Fragen, die durch ihren Kopf sausten. Was war passiert? War Dracula tot? Wurde der Professor verletzt?
In diesem Moment stürmte Professor Van Helsing förmlich in das Zimmer. Als er sah, das sie wirklich wach war, lächelte er. „Wie geht es Ihnen?“ Langsamer kam er auf sie zu und setzte sich auf den Stuhl, auf dem Lucy vor ein paar Minuten noch gesessen hatte. „Ich habe Kopfschmerzen...“ Nun kam auch Lucy wieder herein, Jack ging vorsichtig hinter ihr her. „Hey Catie.“ Etwas irritiert lächelte sie. „Jack!“ Der Professor begann wieder zu sprechen. „Ich müsste Sie noch einmal untersuchen...“ Er sah Lucy und Jack an. „Würden Sie uns einen Moment allein lassen?“ Catie entging der Blick, mit dem er Jack bedachte, nicht. Er sah ihn prüfend, ja fast besorgt, an. Lucy nickte. „Ja, natürlich. Wir machen dann schon einmal Tee.“ Sie nahm Jack bei der Hand und die beiden verließen das Arbeitszimmer. Van Helsing legte Catie die Hand auf die Stirn. „Haben Sie außer den Kopfschmerzen noch irgendwelche Beschwerden?“ Catie fühlte kurz in sich hinein, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, sonst nichts. Professor, was ist passiert?“ Einen Moment lang sagte er nichts, sondern maß ihren Puls. Dann blickte er auf. „Das ganze war eine Falle. Als wir bei Jack ankamen, fanden wir nur einen toten Renfield vor. Von Dracula keine Spur.“ „Wieso haben Sie Jack gerade so angesehen?“ Er hob die Augenbrauen. „Das ist Ihnen aufgefallen?“ Als sie nickte, seufzte er. „Dracula war nicht körperlich anwesend. Er hatte Besitz von Jacks Körper genommen. Es war Jack, der Renfield getötet hat.“ Catie saugte scharf die Luft ein. Diese plötzliche Reaktion ließ sie augenblicklich Sternchen sehen. Sie versuchte jedoch ganz normal zu wirken, sie wollte wissen, wie es weiterging. „Aber... wieso?“ Doch sie konnte den Professor nicht täuschen. Er holte eine kleine Taschenlampe heraus und leuchtete ihr in die Augen. „Ist Ihnen nicht gut?“ „Nur ein bisschen Kreislaufbeschwerde. Bitte, fahren Sie fort.“ Er winkelte ihre Beine an. „Wird es besser?“ Catie seufzte ebenfalls. „Ja, wird es. Bitte erzählen Sie weiter. Was ist passiert?“ „Dürfte ich Sie bitten, Ihren linken Ärmel hochzukrempeln?“ Leicht genervt tat sie wie geheißen. Als sie den Stoff des Nachthemds über ihre Armbeuge zog, kam eine kleine Einstichwunde zum Vorschein. „Was ist das denn?“, fragte sie erstaunt. Van Helsing sah sich den kleinen roten Punkt an. „Der Vampir hat viel Blut von Ihnen getrunken. Sie hatten zu viel verloren. Deshalb musste ich bei Ihnen eine Bluttransfusion vornehmen.“ Catie spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. „Eine Bluttransfusion? Aber... Wer hat mir denn sein Blut gegeben?“ Anstatt einer Antwort zog der Professor seinen rechten Ärmel hoch. Auch bei ihm war ein kleiner Einstich zu sehen. „Ich weiß nicht, wie viel nötig war, jedoch haben Sie es gebraucht. Mr. Oliver hatte mir bei der Operation geholfen.“ Er zog den Hemdsärmel wieder zurück. Catie nahm seine Hand. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Professor. Sie haben mir das Leben gerettet.“ Van Helsing berührte mit seinen Lippen sanft ihre Fingerspitzen. „Keine Ursache.“ Diese kleine Geste bedeutete Catrina sehr viel. Sie lächelte. Der Professor legte ihre Hand zurück auf die Liege und sah sich die Bisswunde an ihrem Hals an. „Um Ihre Neugier zu stillen: Nachdem Sie ohnmächtig geworden sind, habe ich Weihwasser über Sie geträufelt. Dracula hat eingesehen, dass er Sie dieses Mal nicht bekommt und ist verschwunden.“ Catie nickte. „Vielen Dank.“

~ † ~


Es hatte nicht funktioniert. Dieses Mal. Doch so leicht gab er nicht auf. Es musste einen Weg geben, das Mädchen zur Umkehr zu bewegen. Es würde nicht allzu schwer sein, ihr das ewige Leben schmackhaft zu machen. Nein, das Problem war der Professor! Dieser Narr begriff einfach nicht, dass er gegen ihn keine Chance hatte. Wenn er Van Helsing ausschaltete, würde der Rest ein Kinderspiel sein. Nur wie sollte ihm das gelingen? Dracula legte sich in seinen Sarg. Den Professor zu töten würde nicht so einfach sein. Doch vielleicht konnte er ihn von innen zerstören. Schließlich hatte er ihn damals schon einmal fast zerstört. Das Herz war nun einmal ein schwaches Ding. Mit diesem Gedanken schloss der Vampir die Augen und wartete darauf, dass die Sonne  unterging.

~ † ~


Als Lucy und Jack zum Tee riefen, half Van Helsing der jungen Frau aufzustehen und den Morgenmantel anzuziehen, den Lucy über den Schreibtischstuhl gehängt hatte. „Woher kommen eigentlich meine ganzen Sachen?“, fragte Catrina, als er ihr in die  fliederfarbene Seide half. „Jack und Lucy haben sie geholt. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich den beiden Ihren Wohnungsschlüssel gegeben habe.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, kein Problem.“ Er öffnete ihr die Tür. Als sie leicht zu schwanken anfing, hielt er sie am Arm. „Alles in Ordnung?“ Sie hielt sich an seiner Schulter fest. „Mir ist nur ein wenig schwindelig. Es geht schon wieder.“ Er führte sie zum Sofa, wo Lucy den Tee servierte. Auch ein wenig Brot mit Marmelade hatte sie auf den Tisch gestellt. Van Helsing hatte keinen Hunger, jedoch wollte er, das Catrina etwas zu sich nahm. Sie war fast zwei Tage lang bewusstlos gewesen, und sie brauchte die Nährstoffe. Er reichte ihr einen Teller mit Brot und stellte die Marmelade dazu. Sie betrachtete das Ganze kurz und fragte: „Lucy, hast du die Marmelade selbst gemacht? Es sieht mir so danach aus.“ Lucy nickte. „Ja, die habe ich selbst gemacht. Lass es dir schmecken!“ Glücklicherweise bestrich Catrina sich eine Scheibe mit dem roten Gelee und biss hinein. Jack wandte sich an den Professor. „Herr Professor, Sie müssen auch endlich etwas essen. Sie sind ganz bleich.“ Seufzend nahm Van Helsing ebenfalls eine Scheibe Brot mit Marmelade und aß. Es tat gut, das musste er zugeben. Es hatte nur in den letzten zwei Tagen Wichtigeres als Essen gegeben.
Sie aßen und tranken schweigend. Nachdem Lucy alles abgeräumt hatte, sagte Van Helsing: „Miss Johanson, ich denke es ist schlauer, wenn Sie vorübergehend hierher ziehen. Mir ist noch eine Eigenschaft von Vampiren eingefallen, die hier außer Kraft tritt. Vampire können Menschen in einem Haus nur berühren, wenn sie vom Besitzer des Hauses eingeladen werden. Dieses Haus gehört Ihnen nicht, also ist es ausgeschlossen, das Sie Dracula hierhin einladen. Bewusst oder unbewusst“, fügte er hinzu. Catrina nickte. „Dann ist es wirklich schlauer.“ Sie blickte zu Jack und Lucy. „Könnte ich meinen Wohnungsschlüssel wieder haben?“ Jack lächelte. „Der liegt schon vorne an der Tür auf der Kommode. Außerdem haben wir in weiser Voraussicht schon ein paar Sachen für dich eingepackt und hergebracht. Der Koffer steht oben.“ Er deutete auf eine der beiden Türen, zu denen die Treppe führte. Da die Decke des Hauses sehr hoch war, konnte man sehen, wo sie hinführte. „Oh“, sagte Catrina, „Danke. Dann ist das wohl geklärt.“ Sie lächelte. Lucy und Jack erhoben sich. „Es wird Zeit für uns, aufzubrechen“, sagte der Irrenarzt. Van Helsing und Catrina erhoben sich ebenfalls. „Catie, wir haben übrigens auch dein goldenes Kruzifix mitgebracht. Ich habe es auf deinem Nachttisch gefunden. Es liegt jetzt auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer“, sagte Lucy. Sie drückte Catrina einen Kuss auf die Wange. „Werd bis zu unserer Hochzeit nächste Woche wieder gesund, hörst du?“ Die Frauen lächelten sich an. „Ich bemühe mich“, antwortete Catrina. „Danke für das Kruzifix, das hat mir damals meine Großmutter geschenkt.“ Sie verabschiedete sich von Jack. „Macht es gut. Wir sehen uns spätestens nächste Woche.“ Lucy grinste. „Ich bin die im weißen Kleid!“ Ebenfalls lachend ging Catrina ins Arbeitszimmer. Van Helsing deutete zur Tür. „Ich bringe euch noch raus.“

~ † ~


Catie öffnete die Tür zum Arbeitszimmer. Tatsächlich lag das kleine vergoldete Kruzifix von ihrer Großmutter auf dem Tisch. Sie hatte es meist auf dem Nachttisch liegen gelassen, da sie Angst hatte, es zu verlieren. Es war das einzige richtige Andenken an ihre Großmutter. Vorsichtig nahm Catie es in ihre Hand und betrachtete es. Es war ein einfaches Kruzifix, kein Jesus war daran gekreuzigt. Einzig ein kleiner Edelstein war in die Mitte eingelassen. Catie legte sich die Kette um. Da fiel ihr Blick auf ein Foto, das auf dem Schreibtisch stand. Es zeigte eine junge Frau mit schwarzen Haaren. Sie war sehr schön. Ein leichtes Lächeln lag auf ihren Lippen, und die Augen sahen selbst auf dem Bild lebendig aus. Etwas auf diesem Foto kam Catie bekannt vor. Sie betrachtete es genauer, bis es ihr auffiel: Die Frau auf der Fotografie trug das selbe Kruzifix, das heute um den Hals des Professors hing.
In diesem Moment hörte Catie die Haustür zugehen. Sie ging zur Zimmertür und öffnete sie. „Wie spät ist es eigentlich?“, fragte sie den Professor. Dieser sah kurz auf die Uhr. „Es ist kurz nach sechs. Sind Sie müde? Wollen Sie schon zu Bett gehen?“ Sie lachte kurz auf. „Nein, ich bin noch nicht müde.“ Sie deutete auf die Zeitung, die auf dem Wohnzimmertisch lag. „Ist das die heutige Zeitung?“ Van Helsing nickte. Catie nahm die Zeitung und setzte sich. Was sie las, verstand sie jedoch nicht. Ihre Gedanken waren woanders.
Als die Uhr neben der Küchentür sieben schlug, sah Catrina auf. „Was, es ist schon sieben Uhr? Jetzt ist die Zeit aber schnell vergangen.“ Der Professor blickte von dem Buch, das er gerade las, auf. „Ja. Wollen Sie etwas essen?“ Catie dachte kurz nach, schüttelte jedoch den Kopf. „Ich bin nicht wirklich hungrig..“ Van Helsing stand auf. „Aber Sie müssen etwas zu sich nehmen. Irgendetwas.“ Er dachte nach. „Ich hätte ein wenig Obst da. Möchten Sie wenigstens das essen?“ Catie musste lächeln. Er war so gutmütig. „In Ordnung, dann esse ich etwas Obst.“ Sie folgte ihm in die Küche. Dort sah sie ihm beim Apfel, Bananen und Birnen schneiden zu. Er platzierte alles auf zwei kleinen Tellern und stellte sie auf den Küchentisch. Catrina nahm sich ein Stück Apfel und aß. Plötzlich deutete der Professor auf ihren Hals. „Das ist ein sehr schönes Kruzifix. Ein Erbstück?“ Catie lächelte. „So ungefähr. Meine Großmutter hat es mir geschenkt, ein paar Wochen bevor sie starb. Ich glaube sie hatte es geerbt. Wie alt es genau ist, weiß ich nicht. Ihres ist aber auch sehr schön.“ Van Helsing sah auf seinen Teller und schwieg einen Moment. „Ja, ein Geschenk.“ Da er nichts mehr sagte, wechselte Catie das Thema. Er schien darüber nicht reden zu wollen, also bedrängte sie ihn nicht. „Wollen Sie mir nicht ein wenig von Amsterdam erzählen? Wie ist es denn dort so? Ist es sehr anders als London?“ Sie schien ein Thema gewählt zu haben, das ihm gefiel, denn er redete munter drauf los. Auch Catie begann irgendwann von den Orten zu erzählen, an denen sie schon gewesen war.  Die Stunden vergingen und irgendwann schlug die Uhr elf. Der Professor sah auf. „Was, so spät ist es schon? Wir sollten besser langsam mal ins Bett gehen!“ Er stand auf und stellte die leeren Teller auf die Anrichte. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo Sie schlafen.“ Er führte sie die Treppe hinauf zu einer der Türen. „Hier ist das Schlafzimmer. Die Tür nebenan führt zum Badezimmer.“ Catie betrat den Raum. Ein Bett stand links an der Wand, vor dem Fußende stand ein Sessel, rechts war ein Kleiderschrank und ein kleiner Tisch. Alles war sehr einfach gehalten, jedoch sehr gemütlich. „Das ist aber schön hier.“ Catie öffnete den Koffer, der vor dem Kleiderschrank stand. Lucy und Jack hatten an alles gedacht. Ihre Toilettenartikel, ein paar Kleider, sogar ihr Lieblingsbuch hatte Jack eingepackt: Die Märchen von Hans Christian Andersen. Das Buch lag oben und Catie nahm es heraus und legte es neben den Koffer. „Hans Christian Andersen?“ Catie blickte auf. „Ja, ich mag seine Märchen wirklich sehr gern.“ Der Professor lachte kurz auf. „Na so etwas. Zufälligerweise bin ich mit Andersen ziemlich gut befreundet.“ Catrina hob die Augenbrauen. „Ehrlich? Nein, wie witzig! Er schreibt wunderbar!“ Sie stand auf. Ihr Nachthemd hatte sie ja schon an. „Ich gehe kurz ins Bad.“ Sie nahm ihre Toilettenartikel und ging in den zweiten Raum dieser Etage. Auch das Bad war sehr einfach gestaltet, aber es erfüllte seinen Zweck. Catie kämmte ihre langen Haare. Sie fielen ihr nun in leichten Wellen über die Schultern. Catie sah sich im Spiegel an und entdeckte zum ersten Mal die kleinen Bisswunden, die Dracula hinterlassen hatte. Vorsichtig strich sie mit dem Finger darüber. Eine kleine Kruste hatte sich gebildet. Seufzend verließ sie das Bad und fand den Professor im Schlafzimmer in ihrem Märchenbuch blätternd. Als sie eintrat, sah er auf. „Ich hoffe es stört Sie nicht, das ich kurz hinein geschaut habe?“ Sie lächelte. „Nein, kein Problem. Kennen Sie seine Märchen?“ „Natürlich kenne ich Sie.“ Er stand auf und reichte ihr das Buch. „Am liebsten mag ich das von dem Kaiser, der neue Kleider haben will. Es ist so lustig geschrieben.“ Catie lachte. „Ja, das Märchen ist wirklich gut. Aber ich mag das von der kleinen Meerjungfrau am liebsten. Ich weiß nicht genau, warum, aber ich mag es einfach.“ Sie legte das Buch zurück in ihren Koffer. Van Helsing deutete auf das Bett. „Bitte, Sie wollen sicher schlafen.“ Catie legte sich dankbar in das Bett. Tatsächlich war sie auf einmal unglaublich müde. „Wo wollen Sie denn schlafen, Professor?“, fragte sie. „Da ich sie ungern alleine lassen möchte, schlafe ich in meinem Sessel hier, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“ Catie sah sich den Sessel an. „Ach machen Sie keine Scherze, das Bett ist doch groß genug!“ Ohne zu zögern rückte sie ein Stück näher an die Wand. „Kommen Sie.“ Van Helsing schüttelte den Kopf. „Es macht mir wirklich nichts aus, im Sessel zu schlafen, er ist sehr bequem.“ Catie lachte und klopfte auf die Matratze. „Jetzt kommen Sie schon, ich bestehe darauf!“ Seufzend, jedoch auch leicht lächelnd, legte der Professor sein Kissen neben ihres und legte sich neben sie. „Und es macht Ihnen wirklich nichts?“ Catrina seufzte übertrieben. „Nein, natürlich nicht.“
Catie war gar nicht aufgefallen, dass es so dunkel im Zimmer war. Nur eine Kerze auf dem Nachttisch erleuchtete den kleinen Raum. Van Helsing beugte sich zur Kerze, um sie auszupusten, doch Catie sagte: „Warten Sie, Professor!“ Er drehte sich zu ihr. „Ja?“ „Und Dracula kommt wirklich nicht hier herein?“ Er drückte kurz ihre Hand. „Nein, ich habe ja überall Kruzifixe und Knoblauch aufgehängt, vor allem an den Fenstern, und selbst wenn er hereinkommt, so kann er Sie nicht berühren, da ich ihn nicht eingeladen habe.“ Catrina seufzte erleichtert. „Das ist gut. Entschuldigen Sie. Sie können die Kerze jetzt ausmachen.“ Der Professor lächelte sanft. „Da gibt es doch nichts zu entschuldigen.“ Er blies die Kerze aus. Jetzt drang nur das Mondlicht durch die dünnen Vorhänge und bildeten ein merkwürdiges Muster an der Wand.

~ † ~


Van Helsing legte seinen Kopf auf das Kissen und zog die Decke an die Brust. „Schlafen Sie gut“, flüsterte er der leise atmenden Catrina zu. „Danke, gute Nacht“, flüsterte sie zurück. Eine Weile starrte der Professor an die Decke. Er spürte, dass er kein Auge zu bekam. Der jungen Frau neben ihm schien es ebenso zu gehen, denn nach zehn Minuten hörte er sie leise sagen: „Professor? Sind Sie noch wach?“ „Ja“, antwortete er. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Haben Sie Schmerzen?“ Er hörte sie leise lachen. „Nein, zum Glück nicht. Mir geht nur eine Sache einfach nicht aus dem Kopf.“ „So? Was denn?“ Sie zögerte. „Ich frage mich nur … Woher nimmt ein Mann wie Sie die Entschlossenheit, einen Vampir 13 Jahre lang zu jagen?“ Van Helsing spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte und versuchte, abzulenken. „Ein Mann wie ich? Darf ich das als Kompliment auffassen?“ Catrina kicherte unsicher. „Wenn Sie möchten, können Sie das.“ Da sie anscheinend immernoch auf eine Antwort wartete, gab Van Helsing sich einen Ruck. Schließlich hatte sie das Recht, es zu erfahren. Vielleicht war es sogar gut, darüber zu sprechen. „Nun gut. Sie sollen es erfahren. Ich jage Dracula aus einem ganz bestimmten Grund: Er hat mir vor 13 Jahren das Liebste aus meinem Leben genommen. Er hat mir meine Roseanne genommen. Das konnte ich ihm nicht verzeihen. Sie war die Liebe meines Lebens. Seitdem bin ich auf der Jagd nach Dracula, und ich werde nicht ruhen, bis ich ihn getötet, und Roseanne gerächt habe.“ „Roseanne? Das ist ein schöner Name. Ist sie die Frau … auf dem Foto im Arbeitszimmer?“ „Ja, das ist sie.“ Er spürte ihre Hand auf seiner Schulter. „Verzeihen Sie, das ich so unsensibel nachgefragt habe.“ Van Helsing legte seine Hand auf ihre. „Das Foto von ihr ist das einzige, was ich noch von ihr habe. Das Foto und das Kruzifix.“ Im Dämmerlicht sah er, wie Catrina sich auf einem Arm aufstützte, um sein Gesicht besser sehen zu können. „Dann verstehe ich natürlich, warum Sie so verbissen Ihr Ziel erreichen wollen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Dracula Ihnen so etwas schreckliches angetan hat.“ Der Professor seufzte. „Wenn das mal alles gewesen wäre.“ Er spürte, wie ihre Hand auf seiner Schulter sich leicht verkrampfte. „Was meinen Sie?“ Er seufzte erneut. „Er hat Roseanne nicht einfach getötet.“ Bei dem letzten Wort zuckte Catrina leicht zusammen. „N-nicht? Aber was -“ Der Professor drehte den Kopf. „Erst dachte ich, das er sie nur getötet hatte. Ich richtete eine Beerdigung für sie aus, und damals fiel es mir schon schwer genug, Abschied zu nehmen. Aber zwei Wochen später …“ Er hörte, wie Catrina scharf die Luft einsog. „Er hat nicht …“ „Doch, hat er. Er hat Roseanne in einen verdammten, verfluchten Vampir verwandelt. Als ich sie so sah, dachte ich, meine Welt bliebe stehen. Ich sah ein Abbild ihrer selbst mit kalten, leblosen Augen. Sie war nicht mehr sie selbst gewesen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nur ein Bruchteil von dem, was ich heute weiß. Ich suchte einen Freund von mir auf, der mir schon des öfteren etwas über Vampire erzählt hatte. Auch in den verschiedensten Bibliotheken habe ich nachgeforscht. Ich war in London, Amsterdam, Rom, selbst in Paris und Berlin. Ein Jahr später kam ich zurück. Dracula und Roseanne hatten in dieser Zeit sehr viel Unheil angerichtet. Als ich sie tötete, war mir klar, das ich nicht meine Roseanne getötet hatte. Es war nur ein Schatten ihrer selbst gewesen. Trotzdem brach mein Herz ein zweites Mal. Seit diesem Tag mache ich Jagd auf Dracula. Ich werde nicht zulassen, das noch jemand so leiden muss, wie ich es damals tat.“ Als er geendet hatte, spürte er eine große Last von sich abfallen. Es war gut, darüber geredet zu haben. Vorsichtig sah er zu Catrina herüber, um zu sehen, wie sie mit der Geschichte klarkam. Im schwachen Licht des Mondes sah er eine kleine, schimmernde Träne ihre Wange herunterlaufen. „Aber Sie brauche doch deswegen nicht zu weinen!“ Vorsichtig wischte er die Träne weg. „Bitte, hören Sie auf.“ Sie nahm ihre Hand von seiner Schulter und umfasste seine Hand. „Ich habe gar nicht geahnt, wie schrecklich es Ihnen geht. Es … Es tut mir so leid für Sie.“ Van Helsing strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl, aber bitte, hören Sie auf zu weinen.“ Catrina lächelte angestrengt. „Jetzt verstehe ich natürlich, warum Sie Dracula um jeden Preis vernichten wollen.“ Er reichte ihr ein Taschentuch. „Ja, und ich werde es auch schaffen. Das schwöre ich.“ Catrina tupfte sich mit dem Taschentuch über das Gesicht. „Ich danke Ihnen für alles, was Sie bisher für mich getan haben.“ Van Helsing nahm das Taschentuch wieder an sich und legte es zurück auf den Nachttisch. „Vielleicht sollten Sie jetzt versuchen zu schlafen.“ Sie legte sich wieder hin. „Ja, vielleicht sollten wir beide schlafen. Die nächste Zeit wird sicherlich anstrengend.“ Auch der Professor legte sich nun wieder hin. „Das befürchte ich auch. Schlafen Sie gut.“ Sanft küsste er ihre Hand, die immer noch seine hielt und legte sie wieder auf die Decke. Dann schloss er die Augen und schlief ein paar Minuten später ein. Das Catrina sich unruhig im Schlaf hin und her wälzte, bemerkte er nicht.
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