Wochenende

von Loboscha
KurzgeschichteFreundschaft / P12
Agent Smith Trinity
23.08.2012
23.08.2012
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Entnervt fand sich Trinity am Samstag vor der Appartementtür des Orakels wieder. Eigentlich wollte sie gar nicht so schnell wieder in die Matrix. Sie wollte umkehren und zurück nach Zion. Convex war gestern in der Matrix mit so etwas wie einem epileptischen Anfall zusammengebrochen. Seinem Körper ging es nicht besser. Er war in eine katatonische Starre gefallen und Switch hatte eine schlechte Prognose erteilt.  So konnten sie unmöglich bei ihrer Mission bleiben. Sie hatte sich furchtbar mit Morpheus gestritten. Er müsse erst die Antwort des Rates abwarten, außerdem war er der Meinung, Trinity müsse gerade jetzt das Orakel besuchen.

Und nun war sie hier. Sie hob ihre zitternde Hand und klopfte an die Tür.

„Besuch! Besuch!“ ertönte auf der anderen Seite eine klingende Kinderstimme und einen Augenblick später wurde ihr die Tür geöffnet. Ein vertrautes asiatisches Gesicht blickte ihr entgegen und Trinity lächelte zur Begrüßung.

„Hallo“

„Sie hat schon auf dich gewartet.“ Sagte der Mann, als er sie in die Wohnung ließ. Seinem Unterton nach war er beunruhigt und kontrollierte den Hausflur, bevor er die Tür wieder schloss. Trinity bahnte sich einen Weg durch die Kinder, die im Wohnzimmer mit einem Ball Zuwerfen spielten, ohne den Ball zu berühren.  Klirrend schob sie den Perlenvorhang zur Seite und trat in die Küche. Es duftete nach Apfelkuchen.

„Trinity! Laß dich ansehen mein Kind!“ Das Orakel kam herzlich auf sie zu und drückte sie wie eine Enkeltochter, die nach einem langen Urlaub zurück war. Als die alte Dame einen Schritt zurückgetreten war, wurde ihr Blick strenger, aber blieb so warm wie der Apfelkuchen von dem sie Trinity ein Stück servierte.

„Du hast doch was auf dem Herzen….“

Trinity setzte sich an den Küchentisch und biss in das Kuchenstück, um sich Zeit zum Nachdenken zu verschaffen.

„Sag mir nichts – die Woche war einfach zu viel für dich. Aber das ist nicht der Grund warum du hier bist.“

Trinity lächelte mit vollem Mund und geschlossenen Lippen. Deutete sie, dass sie immer noch nicht mit Kauen zu Ende war. Komisch überlegte sie. Sie hatte nur einen Bissen genommen und nicht das ganze Stück Kuchen.

„Wenn du diese Woche schon verrückt findest, dann sag ich dir lieber nicht, was dir sonst noch passieren wird. Auch wenn du im Moment keine Lust hast es selbst herauszufinden.“

Trinity protestierte unartikuliert. Dieser verdammte Kuchen zog jeden Tropfen Speichel im Mund zusammen.

„Also gut – ein bisschen kannst schon erfahren: Wenn du denkst, Morpheus jagt einem Hirngespinst nach, dann irrst du dich. Vertraue ihm und du solltest auch nicht so böse auf ihn sein. Vertragt euch wieder!“

Langsam griff das Orakel in ihre Handtasche und zog ihr Zigarettenetui hervor.

„Schau mal, ist das nicht schön. Seraph hat es mir geschenkt – aber bitte sage ihm nicht, dass ich es verlieren werde.“

Trinity  zuckte mit den Schultern. Als ob sie in der Lage wäre, überhaupt etwas zu sagen.

Die alte Dame sah sie verschmitzt an „Du wirst Morpheus noch verstehen und du wirst dich verlieben. Und du wirst dich fragen, ob das mit Hirngespinsten überhaupt geht…“

Endlich konnte Trinity den Kuchenklumpen runterschlucken.

„Was soll das denn heißen?“

„Genau das was ich gesagt habe.“ Das Orakel lächelte ihr seltsames und durchaus gütiges Lächeln. Das war Trinitys Stichwort zu gehen. Also erhob sie sich und packte den Rest des Kuchenstücks in eine Stoffserviette ein. Bevor sie den Vorhang aus bunten Glasperlen erreichte, hörte sie das Orakel noch etwas sagen.

„Bevor ich es vergesse: du hast dir da einen merkwürdigen Freund an Land gezogen. Er weiß es nicht, aber du hast ein Stein bei ihm im Brett“

Und schon war Trinity wieder im Wohnzimmer. Der köstliche Kuchen lag ihr schwer im Magen und in ihrem Kopf raste es. Seraph klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter.

„Klar und verständlich wie immer?“ fragte er mit einem Augenzwinkern.

Trinity nickte und wollte gerade den Mund aufmachen, aber Seraph schüttelte den Kopf.

„Du weißt doch: es ist nur für dich bestimmt. Bis zum nächsten Mal…“ er drückte sie fest und begleitete sie zur Tür.

Auf dem Gang lehnte sich Trinity einen Moment gegen die kalte Wand. Der Ausgang war diesmal nicht weit; eine Telefonzelle auf der anderen Seite der Straße. Sie dachte über den Streit mit Morpheus nach. Er war ihr väterlicher Freund, der beste Freund, den sie sich vorstellen konnte, aber seine Sturheit konnte sie zur Weißglut treiben. Sie blickte auf das Stück Kuchen in der Stoffserviette und krümmte sich innerlich. So gut das Orakel auch backen konnte, von diesem Kuchen würde sie keinen Krümel mehr runterbekommen. Aber was sollte sie damit jetzt machen?

Als sie aus dem Gebäude trat und die Straßenseite gewechselt hatte war sie immer noch ratlos. Sie setzte sich auf den Rand eines Hochbeetes und wartete auf das Telefonklingeln. Dabei legte sie das Kuchenpaket neben sich ab. Sie hatte es nicht eilig.

Ein Schatten löste sich aus einer Nische ihr gegenüber und ehe sie begriff stand Agent Smith in voller Lebensgröße vor ihr. Auch das noch.

„Miss Edwards.“

Trin verschränkte die Arme vor der Brust. „Entweder töten Sie mich auf der Stelle oder ziehen Sie Leine. Auf Spielchen habe ich heute keine Lust“ knurrte sie. Dann schluckte sie. Sie hatte geraden einen Agenten angepflaumt – und sie lebte noch.

„ts, ts, ts. Haben wir einen schlachten Tag Miss Edwards?“ antwortete Smith sarkastisch.

War er etwa gut gelaunt? Konnten Programme gut gelaunt sein? Aber nach dieser Woche, vor allem nach ihrer Begegnung am Montag hielt sie alles für möglich. Trinity kniff ihre Augen zusammen.

„Dieses Telefon dort drüben wird gleich klingeln und ich werde meinen Ausgang nehmen. Also was sie mir auch immer noch zu sagen haben – fassen sie sich kurz!“

Smith räusperte sich. „Trotz der Tatsache, dass wir immer noch Feinde sind und ich auf der Stelle am liebsten die Zugangscodes für Zion aus ihnen hinausprügeln möchte, habe ich eine Frage.“

Mit einem Grunzen deutete Trinity an, dass er sich beeilen sollte. Aber Smith machte eine Pause und griff in sein Jackett. Die alten Reflexe setzten ein und Trinity sprang auf und riss die Fäuste hoch.

„Aber, aber….“

Er zog einen Apfel hervor. Dieser Apfel duftete, wie nur ein frischer Apfel duften konnte. Ihr lief sofort das Wasser im Mund zusammen.

„Was ich von ihnen wissen möchte: Hätten sie gewusst, dass sie so etwas…“ Er hob zur Betonung den Apfel ein wenig an „…gegen einen farb- und geschmackslosen Brei eintauschen – hätten sie sich dann ausstöpseln lassen?“

Trinity schaute auf den Apfel. Smith zog in seiner typischen Manier eine Augenbraue hoch und streckte ihr den Apfel entgegen. Der Duft betörte sie, ihre Finger zuckten, aber sie griff nicht zu.

„Dieser Apfel ist nicht echt.“ Sagte sie. Ihre Stimme klang melancholisch.

„Er könnte es sein…“ antwortete Smith mit einem seltsamen Unterton. Beide Schwiegen für einen Moment.

Das Telefon klingelte. Trinity setzte sich in Bewegung, stoppte kurz, als ob sie kurzfristig ihre Meinung geändert hätte und drückte Smith den Kuchen in die Hand. Verdutzt schaute er auf das Ding als wäre dort ein runder Würfel, dann blickte er wieder zu Trinity, die den Hörer ans Ohr hielt und sich sofort in Luft auflöste.
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