Verratenes Land

KurzgeschichteAngst, Fantasy / P12
Alice
22.08.2012
23.08.2012
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Es war das Wunderland. Es war die Heimat der Grinsekatze, des Hutmachers, Absolem und vielen anderen. Es war Alice' Geheimnis, das sie niemandem erzählen wollte, sie wusste, dass sie das Wunderland schützen musste, sie wusste, dass es niemand außer ihr betreten durfte. Doch man erfuhr davon, man wollte erfahren, was dort vor sich ging, es durfte nicht mehr geheim bleiben. So zwang man Alice, zu erzählen. Als sie sich weigerte, zwang man sie weiter, man folterte jedes kleine Detail aus ihr heraus und mit jedem ihrer Worte, starb ein weiterer Teil des Wunderlands. Mit jedem weiteren Satz, den sie unter Qualen herausschrie, veränderten sich seine Bewohner ein Stück, bis am Schluss alles verkommen war. Alles war vermodert, verfault und eingegangen. Die Grinsekatze weinte den ganzen Tag, statt ihres Grinsens waren nur noch die Tränen zu sehen, sie den Boden benetzten, der Hutmacher hatte sich in seiner Hütte verschanzt, wollte niemanden mehr sehen, seine einzige Leidenschaft, die Hüte, hatte er an den Nagel gehängt und er überlegte täglich, sich nicht einfach daneben zu hängen, so tief saß der Schmerz. Absolem hatte seine stattliche blaue Färbung verloren, sein Pilz war vertrocknet und er saß immer nur unter einem alten, verfaulten Blatt, das mit jedem seiner Seufzer weiter zerfiel.
Alice hatte auch jeden Fünkchen Lebensmut verloren, sie schämte sich, ekelte sich vor sich selbst. Was sie ihrem Wunderland angetan hatte, war unentschuldbar. So schwach sie auch war, hatte sie einen Entschluss gefasst: Sie musste noch einmal zurückkehren, sie musste noch einmal dort hingehen, wo sie einen großen Teil ihrer Kindheit verbracht hatte. Ihr war es egal, was geschehen würde, was sie erwarten würde. Wenn sie dort sterben würde, wäre sie wenigstens dort, an dem Platz, der ihr so viele schöne Erinnerungen beschert hatte.
Langsam, ganz langsam näherte sie sich dem alten Baum, unter dessen knorriger Wurzel der Eingang zum Wunderland war. Als sie den Kopf hineinsteckte, schlug ihr ein fürchterlicher Gestank entgegen. Es stank nach Fäulnis. Alice stolperte zurück und würgte. Es dauerte eine Weile, bis sie sich beruhigt hatte, doch als sie sich wieder besser fühlte, trat sie zu der Wurzel, atmete tief ein, hielt die Luft an und sprang. Dann fiel sie. Sie fiel und fiel, es schien kein Ende mehr zu nehmen, einen kurzen Moment fühlte sie sich wieder wie damals, als sie voll Freude in das Wunderland hinab sprang, freudig erwartend, was diesmal geschehen würde.
Urplötzlich war der Fall zu Ende. Ihr Sturz war von etwas Weichem gedämpft worden. Sie tastete unter sich und spürte Fell. Ihr blieb die Luft weg, sie fasste sich an die Brust, bis ihr einfiel, dass sie immer noch den Atem anhielt. Sie atmete aus und wieder tief ein, doch der Gestank, den sie schon oben vernommen hatte, war hier unten so unerträglich schlimm, dass ihr die Luft wegblieb. Ihre Augen begannen zu tränen und wieder stieg der Würgereiz in ihr hoch. Hastig sprang Alice auf, erahnte im Dunklen die Türe, die das letzte Hindernis vor ihrem Eintritt in das Wunderland war, stieß diese auf und stolperte nach draußen. Zusammen gekrümmt begann sie, sich zu übergeben. Als sie sich wieder beruhigt hatte, richtete sie sich auf und atmete tief durch. Hier draußen war der Gestank nicht so stark, doch sie wollte trotzdem noch ein mal zurückgehen, sie wollte wissen, was diesen widerlichen Gestank verursacht hatte. Also atmete sie noch ein mal tief durch, hielt abermals den Atem an und ging zurück. Spärliches Licht fiel durch die kleine Türe und Alice konnte die Schemen eines großen, weißen Etwas ausmachen; als sich ihre Augen dann an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte die, was es war. Es war das weiße, sprechende Kaninchen, das immer in Eile war. Seine Taschenuhr lag zersplittert neben ihm und der Mund des Kaninchen war voller Blut.
Entsetzt taumelte Alice rückwärts. Das Kaninchen war einer ihrer Freunde gewesen... Es traf sie sehr, es nun so sehen zu müssen. Für einen Moment überlegte sie, noch einmal hinein zu gehen, um es ein letztes Mal zu streicheln, doch angesichts des Gestanks, der ihr wie eine undurchdringliche Wand erschien, drehte sie sich um, schloss die Türe und ging von dannen.
Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie sah, was mit dem Wunderland geschehen war. Fast alle Bäume hatten ihre wunderschönen, grünen Blätter verloren, die nun, aufgeweicht vom Regen, auf dem Boden lagen und vor sich hin moderten. Die Bäume, die das Glück hatten, noch Blätter zu tragen, ließen diese traurig hängen und es schien, als hätten auch sie die Hoffnung bald aufgegeben und würden ihre Blätter abwerfen, um zu sterben.
Alice hätte schreien können. Die Trauer in ihr breitete sich aus, wie ein aufgehender Hefekloß, mehr und mehr drückte sie alles ab, Schritt für Schritt wurde ihr mehr bewusst, was sie angerichtet hatte. Sie sank auf die Knie, große runde Tränen kullerten ihr aus den Augen, als sie den einst so stattlichen Pilz sah, auf dem Absolem ihr immer weise Ratschläge erteilt hatte. Ihre Fingernägel gruben sich in die Erde, als sie schluchzend versuchte, den Gedanken loszuwerden, dass sie Absolem getötet hatte. Ihr Schmerz nahm sie so ein, dass sie nicht merkte, wie sich ihr von links her etwas raschelnd näherte. Es war Absolem.
„Alice?“, sprach er sie mit leiser und kränklicher Stimme an.
Sie reagierte nicht.
„Alice!“, wiederholte er, diesmal etwas lauter. Er hustete und Alice drehte sich erschrocken zu ihm.
„Absolem!“, rief sie erstaunt aus. Sie wollte ihn so viel fragen, doch bei seinem Anblick fehlten ihr die Worte. Seine leuchtend blaue Farbe war einem blassen grau gewichen, er war nur noch ein Schatten seiner selbst, ein Häufchen Elend.
„Was ist mit dir passiert?“, frage Alice entsetzt.
„Frage nicht nach mir, Alice.“, erwiderte er. „Frage nach dem Wunderland, frage, was du angerichtet hast. Alice, du hattest geschworen es für dich zu behalten. Du hattest geschworen... Du hast uns verraten, du hast uns ins Unglück gestürzt. Deinetwegen ist alles verkommen.“
Alice konnte nicht antworten. Jede Anschuldigung Absaloms stach ihr wie ein Messer in der Brust.
„Ich habe das nicht gewollt..“, stammelte sie.
„Du hast es aber getan.“
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie grausam die Menschen sind, Absalom!“, rief Alice unter Tränen aus.
„Schweig!“, fuhr Absolem sie an. „Schweig!: Du hast Unheil über das Wunderland gebracht. Du hast das zerstört, was unser Leben war und deine Zuflucht. Nein Alice, es gibt kein Wunderland mehr. Nur eine Welt voll Trauer und Angst. Du hast es selbst so gewollt, Alice, du warst nicht stark genug...“
Mit diesen Worten drehte er sich um und ließ eine verzweifelte Alice zurück. Warum fragte er nicht nach einer Erklärung? Warum war er ihr gegenüber so kalt? Warum hörte er sich nicht an, was Alice zu sagen hatte und suchte nach einer Lösung, so wie er es sonst immer tat?
Mit gesenktem Kopf ging Alice weiter, sie wollte nicht an dem Ort bleiben, an dem die blaue Raupe sie einst empfangen und nun so verletzt hatte, sie konnte es nicht ertragen. Sie konnte es nicht ertragen, zu wissen, dass sie alleine Schuld daran hatte, was passiert war, weil sie zu schwach war, weil sie dann doch geplaudert und ihr Versprechen gebrochen hatte.
Alice war so in Gedanken versunken, dass sie nicht merkte, wie weit sie schon gelaufen war, bis sie ein leises Wimmern rechts von ihr hörte. Als sie dem Geräusch nach ging, kam sie zu einer Mauer, an dessen Fuße Humpty Dumpty lag, der sich unter Schmerzen krümmte. Er hatte seine Hände auf den Bauch gepresst und Alice konnte sehen, dass er krampfte.
„Humpty!“, rief Alice erschrocken aus. „Humpty, was ist mit dir?“
„Alice...“, sagte Humpty leise. „Was machst du... -?“ Er konnte den Satz nicht zu Ende bringen, da er wieder von heftigen Krämpfen geschüttelt wurde, die durch seinen ganzen Körper zuckten und ihn abermals wimmern ließen.
„Was ist mit dir Humpty?“, rief Alice und beugte sich zu ihm hinunter.
„Ich fühle mich, als würde ich innerlich verwesen...“, stöhnte er und wie zur Bestätigung strömte ein süßlicher Gestank nach Fäulnis aus seinem Mund, der Alice den Atem stocken ließ.
„Kann ich irgendetwas für dich tun?“, fragte Alice und versuchte so gut wie möglich durch den Mund zu atmen.
„Niemand kann mir mehr helfen...ich werde wohl sterben müssen...“
„Nein, du wirst nicht sterben!“, rief Alice bestimmt. „Du bist stark, du kannst nicht einfach so aufgeben.“
„Mag sein...aber ich habe kaum noch Kraft...“ Wieder schüttelten ihn die Krämpfe und eine helle, gelbliche Flüssigkeit tropfte aus seinem Mund.
Alice erhob sich. Zu schockierend war der Anblick als dass sie ihn so von Nahem hätte betrachten können, doch wollte sie ihren Freund Humpty Dumpty auch nicht alleine hier zurücklassen. Neuerliche Krämpfe durchzuckten den Körper Humptys und ein Schwall dieser Flüssigkeit schoss aus seinem Mund und bespritzte Alice' Schuhe.
„Geh, Alice, geh...du sollst mich nicht so sehen“, bat Humpty mit mittlerweile schwacher, gebrochener Stimme.
„Nein, ich bleibe...“, widersprach sie, kletterte geschickt auf die Mauer und setzte sich.
Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, sie wollte, dass Humpty von seinen Qualen erlöst wurde, doch immer wieder schüttelten ihn Krämpfe und immer lauter wurde sein Wimmern, bis es in schmerzerfüllte Schreie übergegangen war. Ein letztes Mal noch erzitterte sein Körper, ein letzter Schrei, der Alice das Blut in den Adern gefrieren ließ und dann war es still. Humpty regte sich nicht mehr, seine Augen waren starr gen Himmel gerichtet, das Entsetzen immer noch in seinem Gesicht geschrieben, der Mund leicht geöffnet.
Langsam glitt Alice von der Mauer und sah Humpty an. Es schmerzte ihr, nun auch noch ihn verloren zu haben, doch war sie ebenso erleichtert, dass er nun keine Qualen mehr erleiden musste. Sie schloss seine Augen, streichelte ihm noch ein letztes Mal über die Wange und entfernte sich mit Tränen in den Augen.
Desto weiter sie lief, desto schlimmer fühlte sie sich, Jetzt, da Humpty Dumpty auch tot war, grauste es ihr davor, was sie noch erwarten würde.