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Sin City- No place for no hero

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
21.08.2012
27.11.2012
17
21.616
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21.08.2012 1.091
 
DWIGHT

Sie zuckt vor mir zurück, als unsere Blicke sich erneut treffen.
Hart.
Der Schmerz verdunkelt ihre Augen.
Legt sich wie ein durchsichtiger, schwarzer Schleier darüber.
Nur sichtbar für den aufmerksamen Beobachter.

Dass die Kleine den Alk nicht angerührt hat, ehrt sie auf gewisse Weise.
Macht es aber keinen Deut leichter.
Für sie.
Ganz im Gegensatz zu mir.

Fragen des sogenannten Anstands sind mir in der Regel schon immer kräftig am Arsch vorbei gegangen.
So auch jetzt.

Also habe ich mir noch einen weiteren, kräftigen Schluck genehmigt, bevor ich die Flasche wieder fest zugeschraubt und danach achtlos auf dem Nachkästchen abgestellt habe.
Schließlich möchte ich gewappnet sein.
Für das, was ich gleich tun werde.

Sicherlich nicht die feine, englische Art, zugegeben.
Meilenweit davon entfernt, um ehrlich zu sein.
Aber wir befinden uns hier auch immerhin im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Gottes eigenes Land, sozusagen.
Wer noch immer an der Existenz dieses kranken Wichsers zweifelt, sollte dieser Stadt hier mal einen kleinen, kurzen Besuch abstatten.
Nur, damit wir uns richtig verstehen.

Amy zittert in einem fort.
Krallt ihre Finger in das weiße, kaum vorhandene Fleisch ihrer Beine und beißt sich wiederholt auf die Lippen.
Nichts wäre mir lieber, als dieses arme, verängstigte Kind in die Arme zu nehmen und ihr zu versichern, dass Alles gut wird.
Aber Lügen sind mir verhasst.
Schon immer gewesen.

„Shh“, mache ich, als sie unter meiner Berührung zittert wie ein Alkoholiker auf dem Trockenen und ziehe sie so sanft wie möglich an mich heran.
Irgendwann muss die Sache langsam ins Rollen kommen.
Irgendwie.

Auch wenn sie mich dafür dann wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens hassen wird.
Aber damit kann ich leben.
Habe nicht vor, an einem Wettbewerb der beliebtesten Bürger dieses Counties teilzunehmen.
Geschweige denn, für die Wahl des Bürgermeisters zu kandidieren.
Sei´s drum.

„Keine Angst“, sage ich nach einer Weile leise und streife meine Lippen vorsichtig über ihre Schläfe.

Ich bin ehrlich genug zuzugeben, dass ihre Haut verblüffend weich ist und gut riecht.
Unter all ihrer zitternden Angst.
Verdammt gut sogar.
Die Blüte der Jugend.
Noch einmal hauche ich einen Kuss auf ihren ungewöhnlich hohen Wangenknochen.
Kalter Schweiß steht auf ihrer Stirn.

Sie zittert zunehmend unkontrollierter, wie ein zu Tode verängstigter, junger Vogel.
Auf Beton geklatscht und mit gebrochenem Flügel.
Für immer aus dem Nest gefallen.

Ich lasse von ihr ab und kämpfe mit mir selbst.
Schimpfe mich in Gedanken einen Schweinehund, ein dummes, erbärmliches Arschloch, aber es hilft nichts.
Ich darf nicht nachgeben, auch wenn ihre absurd blauen Augen jetzt voller Angst und Verzweiflung zu mir aufblicken.

Mitleid ist das Letzte.
Ich habe noch nie gehört, dass es Irgendwem schon mal Irgendwas gebracht hätte.
Tatsächlich gebracht.

Amys Atem geht schnell und hektisch, wird zunehmend panischer.
„Langsam“, sage ich. „Du musst langsamer atmen, sonst kippst du noch um.“
Was sie wahrscheinlich begrüßen würde.

Oder auch nicht.
Wer weiß das schon.

Gleich fängt sie an zu hyperventilieren.
„Hier“, sage ich und greife nach unten. „Drück meine Hand. Los.“
Sie sieht mich an, als wäre ich verrückt geworden.
„Fest“, ergänze ich. „Los!“
Mein Blick erledigt nach nur kurzer Zeit den Rest.

Sie tut, was ich sage.
Umfasst mit eiskalten, kleinen und bebenden Fingern meine Hand.
Drückt zu.
Vorsichtig erst, dann mit voller Kraft.
Quetscht meine Finger zusammen in einem schraubstockartigen, eisernem Griff, den ich ihr nicht zugetraut hätte.
Überrascht registriere ich, dass es weh tut.
Nicht viel.
Nur ein bisschen.
Immerhin.
„Weiter“, sage ich.
Sie schnaubt, aber ihr Atem wird hörbar minimal ruhiger.
„Weiter,“ wiederhole ich.
Wir sind auf einem guten Weg.
Nach ein, zwei Minuten sind ihre Finger sind nicht mehr kalt wie der Tod, werden spürbar wärmer.
Auch ihre Schnappatmung reduziert sich auf ein erträgliches Mindestmaß.

Na bitte.
Wer sagt´s denn.
Es geht doch.

Allmählich kommt sie ins Hier und Jetzt zurück.
Das aus ihrer Sicht leider auch nicht viel besser ist als ihre Vergangenheit.
Womit sie vollkommen Recht hat.

Und ich dämliches Arschloch habe dank Gails Intention an diesem Samstagabend nichts besseres zu tun, als ihr das Leben noch ein bisschen schwerer zu machen.
Hoch die Tassen.

„Okay“, sage ich nach einer Weile, als sie sich endlich spürbar wieder etwas beruhigt hat.

Keine Ahnung, wie.
An mir dürfte es kaum liegen.
Mit Sicherheit nicht.
Aber vielleicht war Big Daddy früher nicht gerade unbedingt erfreut über derartige Gefühlswallungen und es ist schlicht und ergreifend die Macht der Gewohnheit.
Ziemlich wahrscheinlich sogar.

„Es läuft folgendermaßen,“ erkläre ich. „Heute Abend, jetzt und hier, bestimmst du die Regeln.“

Ich gottverdammtes Arschloch.
Egal.
Weiter.

„Hast du mich verstanden?“
Sie nickt und wischt sich mit dem Handrücken zitternd über die Augen.

„In Zukunft wirst du diese entweder mit deinem Kunden festlegen oder sie ihm gleich von Anfang an unmissverständlich klar machen und dann ganz allein den Preis bestimmen, bevor ihr los legt“, führe ich aus.
„Dabei sollte dir wirklich ganz klar sein, dass allein bei dir alle maßgeblichen Entscheidungsrechte diesbezüglich hier in Old Town liegen. Kapiert?
Allein bei dir“, wiederhole ich eindringlich. „Nur bei dir.“

Warum sie die jetzt noch nicht hat, wird wohl für immer Gails kleines, süßes Geheimnis bleiben.
Was aber gleich sehr schnell und von immenser Bedeutung für Amy sein wird, ist die Tatsache, ob sie verstanden hat, was ich gerade gesagt habe.
Ich meine, wirklich verstanden.

Sie nickt erneut und ihr Kinn fängt an zu zittern.
Aber sie beißt die Zähne zusammen.
Ich sehe ihre Kiefer mahlen.
Tapferes, kleines Ding.

„Also“, fahre ich fort. „Was soll es sein heut Abend? Langsam? Schnell?“
Ich zögere kurz, habe für eine Sekunde das Gefühl, dass neben all der Scheinheiligkeit meiner Worte in meiner Kehle kein sonderlich großer Platz mehr für die Sauerstoffzufuhr bleibt.
Gottverdammt.
Als Mann sollte mir das doch wirklich nicht so schwer fallen.
Aber anscheinend bin ich aus der Übung, was leere Worthülsen betrifft.
Doch der Zweck heiligt ja bekanntlich die Mittel.
„Zärtlich?“, räuspere ich mich und lege noch eine Schippe drauf.
Wahrscheinlich hat sie sowas noch nie ein Mann zuvor gefragt.
Traurige Premiere.

Sie sieht mich nicht an.
Lässt sich Zeit mit ihrer Antwort.
Doch davon habe ich ja mehr als genug an diesem grandiosen Abend.
Ich verabschiede mich von dem Gedanken, es noch rechtzeitig zu Nancys Zugabe mit dem Lasso zu schaffen, als ich einen Blick auf meine Armbanduhr werfe.
Shellie wird extrem angepisst sein, wenn ich bis zu ihrem Schichtende noch immer nicht im Kadie´s zurück bin.
Aber das verkraftet sie schon.

Endlich hebt Amy ihren Kopf.
Ich bin verblüfft, dass sie mir in die Augen sieht, als sie sagt;
„Langsam. Bitte – langsam.“

Ich nicke nur und hole tief Luft.
Auf geht’s.
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