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Sin City- No place for no hero

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
21.08.2012
27.11.2012
17
21.616
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21.08.2012 1.014
 
DWIGHT

Sie sitzt mit hochgezogenen nackten Beinen auf der roten, zerknitterten Bettdecke.
Zusammengekauert, die dünnen, kantigen Arme fest um ihre Knie geschlungen.
So, wie ich sie verlassen habe.

Ihr Zittern wird schlimmer, als ich ganz in den Raum eintrete.
Wie erwartet.
Langsam, ruckartige Bewegungen nun vermeidend, schließe ich die Tür hinter meinem Rücken.
Sie soll keine Angst vor mir haben.
Haben müssen.
Dass sie die sowieso schon hat, erschwert Gails kleines Arrangement ungemein.
Ihr ambitioniertes Projekt.

Ich seufze gereizt und steuere auf das großzügige Doppelbett in dem ansonsten kahlem Raum zu.
Lediglich zwei klobige, schwarze Nachtkästchen befinden sich noch zu beiden Seiten des obligatorischen Liebesnestes.
Machen das Mobiliar komplett.
Mehr braucht es auch nicht.
Schließlich kommt Keiner hierher, um die Innenausstattung zu bewundern.
Die meisten interessiert sowieso nur das, was auf dem Bett liegt.
Naturgemäß.

In den schwarzen Schubladen dezent verborgen liegen mit Sicherheit noch ein paar extra Gummis bereit, um von perfekten roten Nägeln routiniert hervorgeholt zu werden.
Falls man(n) dieses kleine Detail mal vergessen haben sollte, wenn man nach der Arbeit nochmal schnell einen kleinen Abstecher in die Altstadt gemacht hat.
Bevor es dann hinterher im Schweinsgallop zu der Gattin, den Kindern und dem Hund heimgeht.
Nach der unerwarteten Überstunde.
Wahlweise auch zurück in die schäbige Einzimmerwohnung mit dem billigem Fernseher und dem angebrochenem Kasten Bier.

Vielleicht befindet sich auch noch das eine oder andere Spielzeug in den Schränkchen.
Nicht auszuschließen.
Die Nutten hier sind für alle Eventualitäten bestens vorbereitet.
Sofern der Preis stimmt.
Kunststück.
Schließlich sind die Damen von Old Town Profis.
Ich bezweifele stark, dass Amy jemals eine von ihnen wird.
Zu ihnen gehören kann.
Nicht wegen ihres Äußerem.
Sondern aufgrund mangelnder Motivation.
Vorsichtig formuliert.
Meine Springfield Armory drückt beruhigend gegen meine Rippen.
Gibt mir ein besseres Gefühl als der kleine Flachmann in meiner anderen Jackentasche.
Niemals die Kraft des Hasses und der Verzweiflung unterschätzen.
Auch ein Tier in der Falle kann noch zubeißen, ist unberechenbar.
Egal, wie klein es ist.

Auf dem Nachttisch rechts neben dem Bett steht eine kleine Drahtgestell – Lampe mit funzeliger Glühbirne.
Das Licht ist schummrig und nicht gerade hell.
Rotstichig.
Wie man es in einem Puff eben erwartet.
Sowohl vorteilhaft für den Kunden als auch der Dame seiner Wahl.
Zumal ersterer das in der Regel meist bitter nötig hat.

Amy hebt ihren eingezogenen Kopf erst, als ich mich am äußersten rechten Rand der Matratze niederlasse. Etwas.
Sieht mich aber nicht direkt an.
Mein Gewicht drückt uns Beide tiefer nach unten.
Ich sage nichts, warte ein paar Sekunden.
Worauf, weiß ich selbst nicht so genau.
Dass ihr Zittern nachlässt?
Sie sich von selbst wieder beruhigt?
Guter Witz.

Die Ruhe vor dem Sturm.
Wie ich sie hasse.

Die Meisten fürchten das donnernde Gewitter.
Vermeiden es, wo es nur geht.
Die Kräfte, die dort walten.
Ich ziehe es dem aufgeladenen, erdrückendem Lüftchen jederzeit vor.
Bei Weitem.
Trotzdem kann ich mich des Gedankens jetzt nicht erwehren, dass hier Fingerspitzengefühl gefragt ist.
Nicht gerade mein Spezialgebiet.
Ich zwinge mich, nicht auf die Uhr zu schauen.

Endlich macht sie ihren ersten eigenen Zug in diesem grausamen Spiel.
Dass das hier nichts anderes ist, wissen wir beide.
Sie hebt ihren Blick, bringt schließlich den Mut auf, mir ins Gesicht zu sehen.
Eine Sekunde lang.
Dann beißt sie sich auf die Lippen und senkt hektisch ihre Lider.
Rückt unwillkürlich noch ein Stück von mir weg und drückt sich mit ihrem Rücken fester gegen die Wand.
Ihr Gesicht ist trotz wasserfester Schminke um die Augen herum verschmiert.
Dunkel und gerötet.
Ich muss an einen wilden Waschbären denken.
Einen kleinen, ängstlichen Waschbären mit spitzen Zähnen und scharfen Klauen, seinen einzigen Waffen gegenüber dem Jäger mit der geladenem Schrotflinte.

Ich nehme mir kurz Zeit, dass Mädchen genauer zu betrachten.
Ihre dunklen Haare sind ordentlich auftoupiert, die herzförmigen Lippen kreischrot bemalt und ihre Haut schimmert weiß durch schwarze Spitzenunterwäsche.
Ihre Figur ist zierlich und schlank, fast mager.
Trotzdem hat sie noch ausreichend Fleisch an den richtigen Stellen sitzen.
Ich kann ums Verrecken ihr Alter nicht einschätzen, so wie sie von Gail und den anderen Mädels aufgebrezelt geworden ist.
Für eine Sekunde zögere ich.
Frage mich, ob ich es wirklich wissen will.
Dann ist es auch schon entschieden.
„Amy“, sage ich ruhig.
Sie zuckt zusammen, als sie ihren Namen aus meinem Mund hört.
Wahrscheinlich hat es endgültig bei ihr geklingelt, dass ich nicht mehr so schnell abhauen werde.
Dieses Mal.

Voller Furcht sieht sie mich an.
„Amy“, wiederhole ich. „Wie alt bist du?“
Sie schluckt, zuckt erneut zusammen.
Bringt aber schließlich eine ehrliche Antwort heraus.
„Gail hat gesagt, ich soll-“
Ich hebe meine Hand.
„Gail ist aber nicht hier jetzt“, unterbreche ich sie. „Und sie wird es auch nicht sein, egal wie lang das hier dauert“, lüge ich.
Ein einziger beherzter Schrei ihrerseits, und dieser Raum würde von bis an die Zähne bewaffneten Frauen in Sekunden gestürmt.
Okay.
Vielleicht nicht dieser Raum.
Heute Nacht.
„Ich bin hier“, fahre ich fort. „Ich bin dein Kunde. Und die erste Regel lautet: Please your Client. Also“, ich hole tief Luft. „Wie alt?“
Sie senkt den Blick erneut unter ihren immer noch stark getuschten Wimpern.
„Neunzehn“, flüstert sie schließlich.
Ich bin erleichtert.
Erleichtert darüber, dass sie trotz oder gerade wegen der ganzen Kriegsbemalung jünger aussieht, als sie ist.
Ich hatte schon mit Schlimmeren gerechnet.
Wesentlich.
Schlimmeren.
Allerdings kann ihr Lolita- Charme auf eine gewissen, perfide Weise durchaus anziehend wirken.
Unleugbar diese Tatsache auch für mich.

Abermals stechen mir ihre körperlichen Besonderheiten ins Auge.
Die helle Haut.
Das lange schwarze Haar, das bis zu ihren kleinen Brüsten reicht.
Die schmale Narbe, die sich quer über ihr linkes Brustbein erstreckt.
Ein Souvenir von Daddy, jede Wette.
Mit besten Grüßen von Zuhause.

Meine Augen wandern höher, ihren weißen Hals entlang und ihr Gesicht hinauf.
Registrieren eine weitere, kleine Narbe am Kinn und die ungewöhnlich hohen Wangenknochen.
Ihre Augen, die von einem überraschenden dunkelblau sind.
Selbst in diesen Lichtverhältnissen noch zu erkennen.
Der Irische - Typ also.
Wahrscheinlich das, was man im Durchschnitt als gut aussehend bezeichnet, hübsch für Viele und vielleicht auch schön - für Einige.
Aber ihre Augen.
Mann, die können dich fertig machen.
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