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Sin City- No place for no hero

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
21.08.2012
27.11.2012
17
21.616
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21.08.2012 1.455
 
DWIGHT


„Na phantastisch, Gail!“, brülle ich und haue meine Hand ruckartig auf die Klinke der Eingangstür.
Die auch wieder nach draußen führt.
Genau meine Richtung jetzt.

Eine Sekunde nach ihrer hübschen kleinen Rede ist Zorn in mir aufgewallt, der nicht mehr feierlich ist.
Aber meinen Kopf umso klarer gemacht hat.
Ich habe Miho ignoriert und Gail wutschnaubend zur Seite gefegt, mir den Weg zur Tür selbst frei gemacht.
Schon ist sie hinter mir her und hat eine ebenso laute wie zornige, sinnlose Tirade vom Stapel gelassen.

In dem Moment, als sie meine Schulter packt, brennt eine kleine Sicherung bei mir durch.
Doch noch.
Ich fahre herum und entreiße ihr meinen Arm.
Brutaler als nötig, vielleicht.
Aber Gail wäre nicht Gail, wenn sie sich von so was sonderlich beeindrucken, geschweige denn aufhalten ließe.
Breitbeinig pflanzt sie sich vor meine Nase und holt Luft für die nächste, verbale Ladung.
Die Frau hat Nerven.
Schon immer gehabt.
Soviel gestehe ich ihr zu.
Sie zetert weiter, und ihre Stimme wird mit jeder Silbe lauter.
Dass ich ihr verdammt nochmal was schulde, bei ihr immer noch bis zum Arsch in der Kreide stünde.
Das ewig gleiche Lied.
Ich höre nicht mehr hin.
Will kein Wort mehr davon hören.
Höre mich selbst nicht, als ich impulsiv auf ihre Einladung eingehe, uns Beide gemeinsam im Dreck zu wälzen und irgendetwas Unschönes lautstark erwidere.

Ich habe weiß Gott nicht um Informationen dieser Art gebeten.
Ich kenne das Mädchen da oben nicht, will es auch nicht kennen lernen.
Erst recht nicht ihre ganze Lebensgeschichte.
Will von so einer verfluchten Scheiße einfach verdammt nochmal nichts wissen.
Schon gar nicht an einem gottverdammten Samstag Abend.

Daisy und Liz schieben sich mittlerweile wie zwei aufgescheuchte Hühner zwischen uns.
Gackernd und kopflos.
Mein Gebrüll hat die Beiden die Treppe hinunter fliegen lassen.
Sie versuchen, zu beschwichtigen, oder wenigstens meine Stimme auf Zimmerlautstärke zu dezimieren.
Sie wollen nicht, dass ich als Bedrohung von einem der Mädels oben aus Versehen abgeknallt werde.
Rührend.
Ich schulde ihnen was.
Miho selbst steht wie zur Marmorsäule erstarrt hinter Gail, auf das geringstes Zeichen ihrer Freundin wartend, mich zu Sushi zu verarbeiten.
„Da fühle ich mich doch gleich viel besser, wenn ich jetzt da wieder rauf gehen und das Mädchen vögeln soll, dass jahrelang von ihrem säuischem Vater missbraucht worden ist!“
Ruckartig breite ich die Arme aus.
„Ein echter Anturner! Allein bei dem Gedanken geht mir gleich schon einer ab!“

Das laut schallende Klatschen, das darauf folgt, hat man garantiert noch bis oben in den letzten Stock gehört.
„Bastard!“, zischt Gail fuchsteufelswild und holt zur nächsten Ladung aus, aber jetzt ist Schicht im Schacht.
Ich bin schneller als sie und fange ihre Hand noch in der Bewegung ab.
Packe ihr Handgelenk so fest, dass ich mit einer gewissen perversen Befriedigung ihr schmerzhaftes Aufkeuchen vernehme.
Ruckartig ziehe ich sie an meine Brust.
„Bei der dritten knallt es zurück“, flüstere ich in ihr Ohr und streife mit meinen Lippen die zarte Haut ihres Ohrläppchens entlang.
Sie weiß, dass ich nicht bluffe.
Jetzt nicht.
Gail versteift sich unter meinem harten Griff, tritt aber einen Schritt zurück und lässt ihre andere Hand schnell sinken.
Gibt Miho mit dieser das Zeichen, inne zu halten.
In dem Moment, als ich Gail berührt habe, ist sie nach vorne geprescht.
Eines ihrer Schwerter zum Schlag ausgeholt.

„Es ist ok, Miho“, sagt Gail und starrt zornfunkelnd in meine Augen.
Stur und ohne mit der Wimper zu zucken halte ich ihrem brodelndem Blick stand.
Ich habe hoch gepokert und sie weiß, dass ich es weiß.
Genau das ist ihr Problem.
Sie weiß, dass ich immer volles Risiko fahre.
Eben das liebt sie an mir.
Wahrscheinlich hat mir dieses Feature gerade das Leben gerettet.
Wieder einmal.
„Jetzt lass endlich los, du verdammter Bastard!“
Das tue ich.
Trete einen Schritt zurück und hebe kurz meine Hände in die Höhe, als Zeichen für Gail und den Rest der Mädchen, dass von mir kein weiterer Ärger mehr zu erwarten ist.
Zumindest vorläufig.
„Lasst uns allein!“, befiehlt Gail ihren Frauen, und nach nur kurzem Zögern verschwinden sie tatsächlich.
„Du auch, Miho,“ ergänzt sie und reibt sich immer noch ihr rechtes Handgelenk, dass ein paar feuerrote Striemen aufweist. „Los.“
Erst als die zierliche Schwertkämpferin wieder in den Schatten zurück tritt und ich nicht mehr ihre Silhouette erahnen kann, atme ich erleichtert auf.
Als hätte ich die ganze Zeit über die Luft angehalten.
Vielleicht habe ich das sogar.
„Und jetzt spuck´ es endlich aus, Dwight“, verlangt Gail, „und diesmal keine faulen
Ausreden! Was ist wirklich los? Du hast doch sonst auch kein Problem damit, einem schönen
jungem Ding die Nacht zu versüßen?“
„Ihre Augen“, murmele ich und blicke nach unten.
„Was?“
Mir wird bewusst, dass ich geflüstert haben muss und ich räuspere mich, versuche es erneut.
„Ihre Augen, Gail.“
Ihre Stirn legt sich zum wiederholtem Male in tiefe Falten und sie verzieht ihr für mich
so perfektes Gesicht abermals zu einer ungeduldigen Grimasse.
„Was ist damit, verdammt?“
Ich schlucke.
Soviel Furcht habe ich selbst in Shellies Augen nicht gesehen in der Nacht, als Jackie Boy und
seine feinen Freunde sie in ihrer eigenen Wohnung überfallen und tyrannisiert hatten.
Wie ein Tier.
Gehetzt.
Gejagt.
Gefoltert.
„Gail, hast du es denn wirklich überhaupt noch nicht bemerkt, verdammt nochmal!?“
„Sprich endlich Klartext!“, faucht sie mich böse an und innerhalb von Sekunden nur
kochen unsere beide Gemüter wieder hoch.
„Sie hat Angst, kapiert!? Und nicht nur irgendeine Angst!“
Ich lange mit meinem Arm hinüber und drücke meinen Zeigefinger fest auf ihre Stirn, tippe mehrmals grob dagegen.
„Todesangst! Geht das in deinen Kopf rein, Gail?“
Bevor sie mich erwischen kann, bin ich bereits wieder außerhalb ihrer Reichweite.
„Sie hat schon gezittert, da war ich nicht mal mit dem zweiten Fuß im Raum!
Du willst, dass ich ein zu Tode verängstigtes Mä-“
„Jetzt halt endlich deine verdammte Klappe und hör mir zu!“
Gail packt meine linke Schulter.
Hart.
Krallt ihre Finger so fest in meine Jacke, dass ich jeden einzelnen ihrer spitzen Nägel durch das dicke Leder spüre.
„Die Kleine da oben“, ihr Daumen zeigt die Treppe rauf, „hat keine Chance mehr, außer der, die wir Frauen ihr hier noch bieten können. Kapiert? Keine.“
Sie schnaubt.
„Nirgendwo in dieser Scheißstadt noch sonst irgendwo auf diesem dreckigen Planeten.
Sie wird früher oder später wieder auf der Straße landen, wo wir sie erst vor kurzem aufgegabelt
haben. Ohne Geld. Ohne Papiere. Nicht einen verfluchten Cent hatte sie bei sich.
Und allein hat sie keine Chance, Dwight. Kapiert? Sie wird so oder so am Ende des Tages ihr Geld mit Sex verdienen müssen, und ich will nicht, dass sie zu einer der Straßenstrich- Nutten wird, nachdem sie noch ein Dutzendmal davor vergewaltigt worden ist.
Denn das wird sie nicht überleben!“
Sie macht eine kurze, fordernde Handbewegung und erleichtert ich ziehe die Kippenschachtel
aus meiner Jackentasche.
Endlich.
Gail wartet voller Ungeduld, bis ich uns Beiden die Glimmstängel angezündet habe.
„Hier kann sie sich ihre Freier noch selbst aussuchen“,sagt sie und lässt den Rauch geräuschvoll aus ihren Nasenlöchern entweichen.
Ein erboster Blick von mir.
„Ok.“, schiebt sie gereizt hinterher, „nach dir - nach dir kann sie sich ihre Freier dann selbst aussuchen. Zufrieden?“
Ich spar´mir den Atem.
Nehme einen tiefen, zweiten Zug von meiner Zigarette.
Gail redet weiter.
„Hier bieten wir Frauen uns noch gegenseitig wirksamen Schutz. Richtiger Schutz, nicht der Scheiß, den die Cops immer abziehen mit ihrer erst-dann-antanzen- wenn-die-Party-schon-vorbei- ist-Nummer und nichts weiter tun, als nur noch Fleisch und Knochen vom Boden aufzukratzen.“
Ich weiß, dass sie Recht hat.
Obwohl ich protestieren will, dass es noch andere Möglichkeiten für die Kleine geben muss, halte ich den Rand.
Weil es keine gibt.
So einfach ist das.
Scheiße, Gail.
Und jetzt?
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, fährt sie fort.
„Ich möchte, dass du da jetzt wieder hoch marschierst und es ihr so leicht wie möglich machst für den Anfang. Sei nett. Spiel den Verführer, wenn du musst. Aber führ´ sie in den Job ein, verdammt nochmal. Ich hab dich nicht umsonst als ihren ersten Freier ausgesucht, Dwight.“
Sie wartet bis ich ihr wieder ins Gesicht sehe.
Es dauert, bis ich meinen Kippenstummel auf den dreckigen Fliesen ausgetreten habe.
„Tu es für mich, Baby.“
In einer seltenen Geste der Zärtlichkeit streicht sie mir die Haare hinters Ohr.
„Die Kleine wird eine echte Bereicherung für uns sein, wenn sie erst mal anfängt, auch anschaffen zu gehen.“
„Du bist so verdammt -“, ich stocke, blicke auf meine zur Faust geballten linken Hand hinunter.
Ich kann förmlich hören, wie sie ihre Augenbraue nach oben zieht.
„Realistisch?“, vollendet sie den Satz für mich.
Kalt. Herzlos.
Ein eiskaltes, herzloses Biest.
„Yup“, sage ich und sehe ihr wieder ins Gesicht, nicke ernst.
Sie hat Recht.
Das trifft es am Besten.
Realistisch.
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