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Sin City- No place for no hero

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
21.08.2012
27.11.2012
17
21.616
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21.08.2012 1.230
 
DWIGHT


Als ich auf den Gang trete, bin ich allein.
Keine Menschenseele weit und breit.
Nichts könnte mir besser passen.

Ein kurzer Blick auf meine Uhr zeigt, das vielleicht noch was zu retten ist.
Wenn ich mich ran halte.

Zielstrebig steuere ich auf die Treppe zu.
Nehme die Stufen mit großen Schritten.
Immer zwei oder drei auf einmal.

Auch unten angekommen, herrscht gähnende Leere.
Die Damen des Hauses haben zu dieser fortgeschrittenen Stunde gewiss gut zu tun.
Jede Wette.

Mit einem Ruck stoße ich die Haustür auf.

Draußen ist sie unerwartet kalt.
Die Nacht.
Ich stelle den Kragen meiner Lederjacke hoch, beschleunige meine Schritte.
Als ich um die Ecke biege, unterdrücke ich einen Fluch.
Von der deftigen Art.
Gerade so.
Zur Hälfte noch.

Da steht sie.

Direkt bei meinen Wagen.
Lässig gegen die Fahrertür gelehnt.
Führt sich eine Zigarette an ihren Mund.
Und nimmt einen kräftig Zug.
Schnippt die abgebrannte Kippe dann achtlos auf den Boden und gibt dem Kippenstummel mit ihrem spitzen Schuhabsatz den Rest.

Habe schon Stecknadeln gesehen, die stumpfer waren.

Rekelnd richtet sie sich auf.
Schon von Weitem sucht ihr Blick den meinen.
Abschätzend.
Herausfordernd.
Ein sardonisches Lächeln auf ihren glänzenden, dunkelrot bemalten Lippen.

Herrgott nochmal.

Hat die Frau heute Abend nichts zu tun?
An ihrer Erscheinung sollte es weiß Gott nicht liegen.
Dass sie hier allein unten rumsteht.
Ohne männliche Begleitung.
Oder Weibliche.

Ich stecke die Hände in meine Taschen.
Verlangsame meine Schritte nicht.

Kaum bei meinem Eldorado angekommen bin, geht es auch schon wieder von vorne los.

Dejavu.

„Und?“
Eins muss man Gail wirklich lassen.
Sie gehört definitiv zu den wenigen Exemplaren ihrer Gattung, die gleich zum Punkt kommen.
Direkt und ohne Umschweife.
Dir das nervtötende Geschwafel davor ersparen.
Weitgehendst.
Bevor Blut aus deinem Ohr tropft.
Oder dein Hirn Konkurs anmeldet.

Ihre Stimme ist eine deutliche Spur dunkler als sonst.
Rauchiger.
Der lauernder Unterton darin ist trotzdem nicht zu überhören.

Wie eine Katze, die ihr Knurren mit einem Schnurren zu tarnen versucht.
Dich einlullen will.
In trügerische Sicherheit.
Bis sie zuschlägt.
Mit ihren Krallen, ihren Reißzähnen.
Sobald auch nur die kleinste Kleinigkeit ihr Missfallen erregen sollte.
Hinterhältige, kleine Mistviecher.
Früher habe ich Katzen mal gemocht.
Doch das war lange vor Ava.

Aber dafür kennt sie mich zu gut.
Die Frau jetzt vor mir.

Einschüchtern kann sie mit dieser Art von Nummer Andere.
Mich.
Nicht.

Mein Bedarf an schmutzigen kleinen Spielchen ist gedeckt für heute.
Bei Weitem.
Und das reichlich.

Ich werfe Gail einen meiner besonderen Blicke zu, die ich extra für Anlässe dieser Art reserviert habe.
Und der sie für einen kurzen Moment die Klappe halten lässt.

Will nur noch meine Ruhe jetzt.
Nach getaner Arbeit die Füße hochlegen.
Symbolisch gesprochen.
Ein Bier in meiner rechten Hand, ein Kurzer in meiner anderen.
Den Blick stur nach vorne gerichtet.
Direkt auf Nancys wippende Titten.

„Wie war´s?“, wird Gail nun deutlicher, meinen Blick ignorierend.
Trotz der blitzenden Ungeduld in ihren Augen versucht sie aber, freundlich zu bleiben.
Reißt sich tatsächlich zusammen.
Mehr oder weniger.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

Wortlos gehe ich an ihr vorbei.
Einen kleinen Halbkreis beschreibend um sie herum.
Lasse sie warten.
Ihr Schnauben ist Musik in meinen Ohren.
Dieses Mal.
Langsam krame ich den Schlüssel umständlicher als nötig aus meiner Hosentasche hervor.
Obwohl die Zeit drängt.
Schiebe ihn schließlich ruckartig ins Schloss.

„Sie wird’s überleben“, sage ich.
Öffne ohne Umschweife die Wagentür.
Oder Rücksicht auf irgendwelche Verluste.
„Hey!“, empört sich Gail mit einem spitzen Aufschrei, als die Tür unsanft ihren Hintern trifft.
Dieser noch unsanfter beiseite geschoben wird.

Schon krallt sie reaktionsschnell ihre spitzen Fingernägel in meinen Arm.
Bevor ich auch nur richtig einsteigen kann.
Unwillkürlich beiße ich die Zähne aufeinander, mitten in der Bewegung verharrend und zähle mit geschlossenen Augen bis drei.
Weiter komme ich nicht.

„Geht das auch ein bisschen weniger explizit?“, unterbricht sie mich, hörbar gereizt.
Schon ist sie wieder auf hundertachzig.
Von jetzt auf gleich.
Sollte es eigentlich als Kompliment auffassen, dass ich diese Frau so schnell auf Touren bringe.
Wenn ich es recht überdenke.

„Was soll das verflucht nochmal heißen, sie wird´s überleben?“,
wird Gail deutlich lauter jetzt.

Ruckartig drehe ich den Kopf zur Seite.
Sehe ihr direkt ins Gesicht.
„Dass sie es verdammt nochmal überleben wird“, sage ich.
Entreiße ihr brutal meinen Arm und steige schnurstracks in den Wagen ein.
„So oder so“, füge ich nach einer Sekunde gereizten Schweigens hinzu.

„So oder so?“ faucht sie verständnislos, tief über die offene Wagentür gebeugt.
Ihr Duft streift meine Nase.

Ich kann mir nicht helfen.
Ein Teil von mir liebt die Verwirrung, in die ich sie gerade stürze.

„So oder so“, bestätige ich.
Schiebe den Sitz geräuschvoll etwas nach hinten und lege den ersten Gang ein.
„Dwight, verdammt nochmal, sprich endlich Klartex-“
„Aber wenn du einen freundschaftlich gemeinten Rat von mir willst-“, fahre ich ihr dazwischen und und ziehe die Tür mit einem kräftigen Ruck an mich heran, „gib der Kleinen ihre Waffen zurück.“

An ihrem Gesicht kann ich erkennen, dass es ihr nicht schmecken wird.
Was ich ihr zu sagen habe.
Ganz und gar nicht.
Sieht schon jetzt so aus, als hätte sie auf eine faule Zitrone gebissen.

„Lass dir von ihr das Geld für Kost und Logis zurück geben, sobald sie die Summe als Putze oder anderweitig irgdenwie zusammengekratzt hat“, fahre ich unbeirrt fort.
Platziere meine Hände mit festem Griff um das Lenkrad.
„Und dann lass sie verdammt nochmal ihrer Wege ziehen. Amy wird das Loch in eurem hübschem kleinen Netzstrumpf nicht stopfen können, dass Becky hinterlassen hat. Keine Chance, Gail.“
Kurz schüttele ich den Kopf.
Sehe ihr wieder ins Gesicht.
„Aber das ist nur meine Meinung.“

Sie stemmt die Hände in ihre Hüften, macht ihrem Unmut lautstark Luft.
„Was ist da oben zwischen euch Beiden verdammt nochmal gelaufen?“ faucht sie schnaubend.
„Ein Gentleman genießt und schweigt“, gebe ich bissig- süffisant zurück.

Der Rest ist Frauensache.
Girltalk.
Wie es so schön heißt.
Ich jedenfalls habe damit nichts mehr zu schaffen.
Ab jetzt.

Soll sie doch an ihrer verfluchten Neugierde noch ersticken.
Ich für meinen Teil bin fertig mit Old Town.
Zumindest für heute Nacht.

Habe darüber hinaus exakt das getan, was Gail von mir verlangt hat.
Die Kleine in den Job eingeführt.
Dem Überleben in diesem mörderisch falschen Spiel, indem alle Karten ausschließlich gezinkt sind und der Einsatz dein Leben ist.
Jeden verdammten Tag.
In einer der übelsten Spielhöllen dieser gottverdammten Welt, die sich da Sin City nennt.
Nicht mehr.
Und nicht weniger.
Ab jetzt ist Amy für ihren Einsatz selbst verantwortlich.

Ohne noch ein weiteres Wort abzuwarten, knalle ich Gail die Tür direkt vor der Nase zu.
Trete kräftig aufs Gas und verschwinde mit quietschenden Reifen.
Ihre letzten, gerufenen Worte gehen im Aufheulen des Motors unter.

Erst nach ein paar rasanten Sekunden und einer Ecke später blicke ich zurück.
Atme langsam aus.
Während ich mir den Fahrtwind um die Ohren sausen lasse.
Und zusehe, wie Old Town allmählich aus dem Rückspiegel verschwindet.
Bis zum nächsten Mal, Baby.
Wir sehen uns.

Mit Sicherheit.






AN.:
Vielen lieben Dank an dieser Stelle nochmal bei all meinen Lesern, dass ihr mit mir zusammen bis zum Ende dieser Geschichte dran geblieben seid!
Ja, diese Geschichte ist nun tatsächlich zu Ende (kann es selbst kaum glauben, sie ist so viel länger geworden als geplant!), aber
es wird definitiv ein Wiedersehen mit Dwight und Amy und auch noch dem einen oder anderem Bewohner von Sin City geben ;-)
So long!

Black dove
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