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Sin City- No place for no hero

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
21.08.2012
27.11.2012
17
21.616
1
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
21.08.2012 1.440
 
AN. An dieser Stelle möchte ich mich einmal ganz herzlich bei Mossmutzel10 bedanken, meiner treuesten Leserin dieser Geschichte.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr du mich mit deinem unermüdlichem, ausführlichem und ehrlichem Feedback immer wieder aufs Neue motivierst für diese Story!
Hab Dank dafür.

Auch einen lieben Dank an erdbeerkaktus für den unten eingeblendeten Link zu diesem -wie ich finde, herrlichem!- Video, dass mich zu dem Titel für dieser Story inspiriert hat.
Bei Interesse und Lust auf noch ein bisschen mehr Sin City- Athmosphäre, einfach mal rein schauen ;-)

http://www.youtube.com/watch?v=Mnqs3Y0eLTQ




DWIGHT


Langsam.

Ich bin mir unschlüssig, ob Amy tatsächlich richtig verstanden hat.
Als sie mir mit diesem Wort antwortet.
Nicke aber wie ein Idiot.
Wie zur prophylaktischen Beruhigung.
Für das, was jetzt gleich kommen wird.

Meine kleine Rede hat offensichtlich nicht die Wirkung gehabt, die sie haben sollte.
Zur Sicherheit lasse ich noch ein paar Sekunden verstreichen.
Zwischen uns.

Nichts.
Dann wohl eben auf die harte Tour.
Gottverdammt, Amy.

Ihr Blick ist wieder nach unten geschnellt, kaum dass mir sie geantwortet hat.
Erneut beißt sie sich auf die Unterlippe.
Dann reißt das Mädchen abrupt ihren Arm nach oben, wischt sich mit ihrem malträtiertem Handrücken übers Gesicht und greift ruckartig an mir vorbei.
Schnappt sich entschlossen den Flachmann.

Gegen ein bisschen Mut antrinken ist nichts einzuwenden.
An sich.
Auch wenn ich mir sehr sicher bin, dass Amy bisher eher auf dem Trockenen gelebt hat.
So, wie sie vorhin die Flasche in meiner Hand beäugt hat.
Aber ich sage nichts.
Lasse ihr diesen kleinen, fitzeligen Strohalm, an den sie sich jetzt so fest klammert wie den Flachmann in ihrer Hand.

Ein heftiger, abrupter Hustenreiz schüttelt die Kleine, kaum dass sie den ersten Schluck gemacht hat.

War klar.
Schließlich reden wir hier nicht von Eierlikör.
Oder sonstigem Weiber – Gesöff.
Sondern von Alkohol.
Richtigem Alkohol.
Nur die Harten kommen in den Garten.
Et cetera.

„Okay“, sage ich und nehme ihr die Flasche wieder ab.
Erkläre ihr wie einem Kleinkind, dass man nur so viel abbeißen darf, wie man auch schlucken kann.
Auf einmal.
Sie nickt, immer noch am Husten und Würgen, als gäbe es kein Morgen mehr.
Für einen kurzen Moment befürchte ich, dass sie mir hier auf dem Doppelbett elendiglich krepiert.
Am Erstickungstod.

Das wäre eine Schlagzeile:

Minderjährige Nutte vom Alkohol dahin gerafft.
In zwei Sekunden.

Soweit darf ich es selbstverständlich nicht kommen lassen.
Ich hole aus und schlage ihr mehrmals mit der flachen Hand auf dem Rücken, solange, bis sie wieder wieder einigermaßen Luft bekommt.
Schon will sie erneut nach der Flasche greifen.
Auch wenn ihr Kopf immer noch leuchtet wie eine rote Ampel.

Aus einem flüchtigem, pervertiertem Gefühl von scheinheiligem Beschützerinstinkt heraus schüttele ich den Kopf.
Will genug genug sein lassen.
In bester Pharisäer Manier.

Aber sie überrascht mich.
Schon zum zweiten Mal an diesem Abend.

Mit aller Kraft zerrt sie an der Flasche und schreit mir ihren Zorn ins Gesicht.
Ihren reinen, weißglühenden Zorn.
Ich kann fühlen, wie er ihren schmalen, dünnen Körper vibrieren lässt.
Von Kopf bis Fuß.
Kein Zittern mehr, im klassischem Sinne.
Sondern ein Beben.
Nicht vor Angst.
Sondern gespeist von einer gänzlich anderen Kraft jetzt.
Eine, die ich respektieren kann.
Auf gewisse Art.

Einem zum Tode - Verurteiltem lässt man schließlich auch seine Henkersmahlzeit.
Bevor es ab in die Gaskammer geht.
Oder auf den alten Blitz.

So betrachtet ist es nur fair, wenn sie dieses Recht nun auch von mir einfordert.
Ihrem ganz persönlichem Henker.
Kein besonders schmeichelhafter Vergleich, zugegeben.
Aber realistisch.
Um es mal mit Gails Worten zu formulieren.

Außerdem war ich derjenige, der Amy zuerst mit dem Flachmann vor der Nase herum gewedelt hat.

Ohne ein Wort lasse ich los.
Sie prallt mit voller Wucht rücklings auf die Matratze.
Verspritzt großzügig noch mehr Doppelkorn auf die Laken, als wäre es Weihwasser.
Bleibt gleich liegen und trinkt in hektischen, schnellen Schlucken.
Als wollte sie so rasch wie möglich das Zeug hinunter bekommen, bevor sie merkt, wie es schmeckt.
Was man ihr nicht mal verübeln kann.
Trotzdem hustet und würgt sie ohne Unterlass.
Nach zwei gefühlten Minuten reicht es.
Mir.
Energisch greife ich nach der Flasche und entreiße sie Amys Hand.
Ein für alle Mal.
Nicht, dass sie sich noch eine Alkoholvergiftung zuzieht.
Obwohl ich das untrügliche Gefühl habe, dass genau das ihr Plan war.

Entschlossen drehe ich die Flasche wieder zu und stecke sie in meine Lederjacke.

„Was?“, frage ich.
Ich habe von ihrem verwaschenem Gemurmel eben kein Wort verstanden.
„Okay“, sagt sie leise.

Wortlos drehe ich mich um.

Sie liegt noch immer auf dem Rücken, hat die Augen geschlossen und streift sich mit ihrer Hand die schwarzen Haare aus der Stirn.
Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass sich etwas in mir langsam regt.
Als ich sie so da liegen sehe.
Ihre Finger gleiten ihren nackten Hals entlang, verweilen kurz auf der Narbe über ihrem Herzen.

Ohne darüber nachzudenken, beuge ich mich über sie.
Stütze mich mit beiden Händen ab.
Direkt neben ihrem Kopf.
Sie atmet in tiefen zitternden Zügen, als mein Schatten über ihren Körper gleitet.
Versucht, die Ruhe zu bewahren.
Tapfere, kleine Amy.

Noch immer sind ihre Augen geschlossen.

Ich muss schlucken, als mir die Schönheit ihrer Verletzbarkeit bewusst wird.
Die ich formvollendet auf dem Silbertablett serviert bekomme.
Mit frisch geschlagenem Sahnehäubchen.
Obwohl die Kellnerin selbst davon nichts weiß.
Im Moment.

Gerade als ich mich auf meine Arme abstützen und die Hand nach ihr ausstrecken will, öffnet sie die Augen.
Blickt mir direkt ins Gesicht.
Ein Zittern läuft durch ihren gesamten Körper.
Von oben nach unten.
Und wieder zurück.
Sofort wendet sie den Blick wieder von mir ab.
Ich sage nichts.
Warte.
Dass Worte hier keinen Dreck der Welt mehr helfen, ist sogar einem Idioten wie mir klar.
Ich warte.

Wie zuvor.
Als ich mich neben sie aufs Bett gesetzt habe.
Was eine Ewigkeit her zu sein scheint.
Aber jetzt ist Später.

Und wir beide wissen, dass sie am Zug ist.
Jetzt.

Tatsächlich drückt sie sich nicht.
Zum ersten Mal, seit ich einen Fuß in diesem gottverdammten Raum gesetzt habe, versteckt sie sich nicht.
Vor mir.
Oder sich selbst.

Langsam öffnet sie die Augen und ihr Blick gleitet nach unten, meinen Oberkörper entlang, weiter hinunter und an der anderen Seite wieder hinauf.
Dasselbe nochmal in Grün.
Linke Seite.
Ich warte.
Lasse ihr die Zeit, mich zu begutachten.
Rühre mich nicht.
Als erfahrener Jäger weißt du, wann du still zu halten hast.
Vor allem, wenn dir ein derart junges und verängstigtes Exemplar ins Fadenkreuz gegangen ist.
Wie jetzt.
Ich warte.

Es dauert, bis ihr Blick wieder langsam mein Gesicht hinauf wandert.
Sie endlich den Mut aufbringt, mir in die Augen zu sehen.

Ein paar Sekunden vielleicht nur.
Die aber völlig ausreichend sind.

In diesem kurzen Moment sind wir uns so nah, wie es uns nur die einzigartige, menschliche Natur ermöglichen kann.
Und wie sie und ich es nie mehr sein werden.
Danach.
Selbst wenn es jetzt noch zum Äußerstem kommen sollte.
Unsere Körper sich heute Nacht zu einem lebendem, pulsierendem Etwas verknoten sollten.
In der flüchtigsten, höchst zweischneidigen Lust, die es geben kann.

Die nicht mal annähernd an diese Intimität heran reicht.

Wahrhaftigkeit.
Fast genau so selten wie reine, echte Unschuld.

Ersteres schenkt Amy mir gerade völlig uneigennützig.
Und ohne ihr bewusstes Zutun.
Als sie mich in ihre Augen blicken lässt
Mich alles darin lesen lässt, was ich wissen muss.
Und was ich niemals hätte erfahren sollen.
Erfahren dürfen.
Egal, unter welchen Umständen.
Unter keinerlei Umständen.
Jemals.

Es gibt Dinge, die für immer unausgesprochen bleiben sollten.
Weil es keine auch annähern adäquaten, verdammten Worte dafür gibt.
Weil das Unbegreifliche dem Anderen begreiflich zu machen immer scheitern muss.

Dafür hat Amy ihre Augen.

Ihre großen, verheulten, intensiven, unergründlichen, klaren, tiefen blauen Augen.
All ihr Leid spiegelt sich darin wieder.
Wurde dort hineingekippt wie Müll in einem See.
In dem man bisweilen fast bis auf den Grund schauen kann.
Der im Laufe der Zeit kräftig zugemüllt worden ist.
Aber alles kommt gleichzeitig wieder hoch und wird zurück an die Oberfläche gewirbelt, sobald ein Sturm tobt.
Der stark genug ist.

Wie jetzt.

Dieser wirbelnde, hypnotisierende Orkan aus Angst, Hass, Schmerz, Verzweiflung, Hoffnung.
Und tief in diesem schwarzen Strudel, kaum noch auszumachen, vereinzelte, winzige, weiß glühende, leuchtende Punkte.
Wie Sterne im tödlichem Schwarz des Universums.
Momente selten erfahrenen Glücks, vielleicht.

Sie sind es, die mich in diesem abstoßendem und grausam faszinierendem Strudel unaufhaltsam in ihren Bann ziehen.
Ihren Bann.

Und das alles hat sie mir im Schnelldurchlauf offenbahrt.
Hat sich selbst bloßgelegt vor meinen Augen wie eine blutende, wieder aufgebrochene, alte und sehr tiefe Wunde.
Grausam.
Und wunderschön.

Verdammt, Amy.

„Fang an“, flüstert sie, ohne den Blick nochmal von meinen Augen abzuwenden.
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