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Sin City- No place for no hero

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
21.08.2012
27.11.2012
17
21.616
1
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18 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
21.08.2012 1.657
 
No Place For No Hero

AN: Bei dieser Geschichte dienten mir sowohl der brilliant umgesetzte Film wie auch die genialen Comics von Frank Miller als Vorlage. Die Idee schlummerte schon lange in meinem Kopf herum und wollte nun auch endlich mal geschrieben werden...
Viel Spaß!


DWIGHT

Ich komme mir vor wie ein Idiot, als ich langsam die Treppen rauf gehe.
Bei jedem Schritt knarrzen und ächzen die maroden Stufen laut und schwer, wie ein alter Kettenraucher mit Lungenkrebs.
Klingt nach Endstadium.
Mein Blick streift die heruntergekommene Tapete, während ich die Stufen nehme.
Sie ist so verblasst, dass man die Farbe nicht mal mehr erahnen kann.
Dafür bröckelt der Putz überall gut sichtbar von den Wänden.
Ein Hauch von sich ansetzendem Schimmel und schweren, süßen Parfumes streift meine Nase.
Weiter oben riecht es nach unzähligen Eu de Toilettes. Billigen Rasierwassern. Verlaufender Schminke. Schweiß.
Eine muffige Mischung, die meine Kehle reizt.
Sie wird intensiver, je höher ich komme,
Als ich oben angekommen bin, schwingt noch etwas anderes deutlich mit in der Luft:
der Geruch von alten, neuen, zerknüllten, glatt gestrichenen, lieb gewonnenen, geklauten, selten ehrlich verdienten, druckfrischen, knisternden Scheinen, die ihren Besitzer wechseln.
Im Stundentakt.
Nur Bares ist Wahres.
Zumindest hier.
Kalt ist es im Treppenhaus, von irgendwo her zieht der Wind kurz durch.
Dieses Freudenhaus hier hat seine besten Tage schon lange hinter sich.
Ganz im krassen Gegensatz zu seinen weiblichen Bewohnern.
Soviel steht fest.

Eigentlich wollte ich diesen Abend nur schön im Kadie´s abhängen.
Mit all den alten, verklemmten Bastarden Nancy während ihrer Show beglotzen.
Vielleicht die restliche Nacht mal wieder bei Shellie verbringen.
Danach.
Diese versorgt zwei Fettsäcke gerade mit alkoholischem Nachschub und zwinkert mir kurz zu.
Aber jemanden, der einem bereits zum zweiten Mal den Arsch gerettet hat, drückt man nicht so einfach weg.
Auch wenn Nancy sich auf ihrer kleinen Bretterbühne gerade warm gelaufen hat.
Also gehe ich an mein Handy ran und halte mir mit dem Finger das andere Ohr zu.
Gail.
Ich soll ihr einen Gefallen tun.
Viel mehr als das habe ich nicht verstanden.
Außer, dass es heute Abend sein muss.
Worum es geht, wollte sie mir erst sagen, wenn ich da bin.
In der Altstadt.
Phantastisch.
Das letzte Mal, als ich Old Town war, habe ich noch am nächsten Morgen schrubbend in der Dusche gestanden.
Blut und Teer kriegt man so leicht nicht mehr von einem runter.
Besonders im getrocknetem Zustand.

An der richtigen Zimmernummer angekommen, klopfe ich und öffne dann die Tür.
Lasse meinen Augen kurz Zeit, sich an das schummrige Dämmerlicht zu gewöhnen, bevor ich eintrete.
Wie angewurzelt bleibe ich stehen.
Mein erster Gedanke ist, dass das hier ein schlechter Scherz ist.
Mein zweiter ebenfalls.
Gail will mich wohl verscheißern.
Das Mädchen, dass sich hier mit ihrem halbnackten Rücken zitternd gegen die Wand drückt, kann
nicht älter sein als ein Teenie.
Sie ist neu, hat Gail gesagt.
Stirnrunzelnd betrachte ich sie einen Moment.
Nicht, dass sie nicht hübsch wäre.
Oder aufreizend gekleidet.
Ganz im Uniformstil der Mädels von Old Town.
Auch ihre körperlichen Vorzüge werden dadurch bestens betont.
Aber sie wirkt verkleidet darin, so deplatziert wie ein Kind im Sado- Maso- Shop.
Ihre Augen sind deutlich, sichtbar geweitet.
Groß wie Untertassenteller in dem viel zu schmalen Gesicht.
Ich räuspere mich kurz und fange mich wieder.
„Amy“, sage ich. „Richtig?“
Sie nickt nur.
Stumm.
„Ich bin Dwight“, sage ich. „Gail hat dir gesagt, dass ich vorbeischaue?“
Ein Blick in ihr Gesicht, und ich weiß Bescheid.
Sie nickt wieder.
Stumm.
Offensichtlich nicht sehr gesprächig, die Kleine.
Wer sollte es ihr verübeln.
„Ok“, ich nicke ebenfalls.
Bevor ich weiß, was ich als nächstes tue, packe ich die Türklinke wieder und sage im beruhigendem Ton zu ihr:
„Ich bin gleich wieder da.“


„Was denn“, fragt Gail ungläubig und zieht eine Augenbraue hoch, „schon fertig, Cowboy?“
„Yup“, sage ich und stocke mitten in der Bewegung. „Kann man so sagen“, murmele ich.
Verdammt.
Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie noch hier unten ist.
Im Flur rumsteht wie ein alte Gouvernante und auf den neuesten Klatsch wartet.
Ein kurzer Blick auf meine Uhr zeigt allerdings, dass ich noch ein paar Minuten hätte warten können. Warten sollen.
Zu spät, alter Knabe.
„Aha.“ Ihre Skepsis vertieft sich zu einer steilen Stirnfalte. „Und wie hat sich die Kleine so angestellt?“
Ich beiße für eine Sekunde die Kiefer aufeinander.
Gail weiß fast immer, wann ich sie anlüge.
Die Mädels von Old Town verstehen es wie keine andere Frau, die Mimik eines Mannes richtig zu deuten. Das ist in ihrer Branche quasi Berufs- Voraussetzung und war früher nicht selten überlebensnotwendig.
Die meisten von ihnen beherrschen diese Kunst mittlerweile perfekt.
Allen voran Gail.
Ich merke, dass ich ihr noch eine Antwort schuldig bin und unterdrücke mühsam ein gereiztes
Seufzen.
„Blendend“, sage ich und weiß, dass ich mich in dem Moment verraten habe, als ich die Treppe runter gekommen bin. „Bis die Tage dann.“
Ruckartig schießt ihr Arm nach vorne.
„Nicht so schnell, Cowboy!“
Mit überraschend eisernem Griff packt sie mein Handgelenk, läuft mit ihren mörderischen High Heels laut klackernd um mich herum.
„Was ist da oben eben verdammt nochmal gelaufen?“
Schnaubend bleibt sie stehen und versperrt mir den Weg.
„Ich meine, es sind keine fünf Minuten rum, und schon bist du wieder draußen?“
Zungenschnalzend schüttelt sie den Kopf.
„Ich weiß ja, dass du gelegentlich von der schnellen Sorte sein kannst, aber so -“
„Verdammt Gail, es ist alles Bestens!“
Abrupt unterbreche ich sie, gereizter, als ich das erwarte habe.
Gott, diese Frau kann einen zur Weißglut bringen.
In jeglicher Hinsicht.
Ich unterdrücke das dringende Bedürfnis nach einer Zigarette, die ich seit dem Gespräch mit Jackie-Boys Kopf vor ein paar Monaten wieder ständig mit mir herumtrage.
Schachtelweise.
Zwei angebrochene Packungen liegen in meinem Eldorado, die dritte steckt in meiner Jackentasche mit den Streichhölzern.
„ Alles Bestens?“ Gail schnaubt lauter. „Ich schicke dich als Kunde zu einem neuem Mädchen rauf, und du kommst nach noch nicht mal fünf Minuten alles andere als entspannt da wieder raus? Sag mir die Wahrheit, Dwight!“
Ihr Zeigefinger fuchtelt enervierend vor meinem Gesicht herum.
„Hat die Kleine da drinnen irgendwie rumgezickt? Oder sonst irgendwelche Probleme gemacht?“ Ungeduldig verlagert sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
Allein für die Schuhe bräuchte sie einen Waffenschein.
Ganz abgesehen von der Beretta, die um ihre Hüfte hängt.
„An ihrem Äußerem kann es ja wohl kaum liegen, immerhin kenne ich deine -“
„Herrgott nochmal Gail, halt endlich den Rand! Das Mädchen hat nichts falsch gemacht, klar?“
Gereizt streiche ich mir die Haare aus der Stirn.
Überlege fieberhaft, wie ich aus der Nummer wieder raus komme.
Spontan entscheide ich mich für die billigste aller Lügen.
Nicht zuletzt, weil mir die Zeit ausgeht.
„Ich bin heut´ Abend einfach nicht in Stimmung, kapiert?“
Sie stemmt beide Hände in die Hüften und verengt ihre Augen zu schmalen Schlitzen, hebt ihr Kinn hoch.
„Genau deswegen habe ich dich angerufen - damit du hierher kommst und sie dich in Stimmung
bringen kann, Mr.- allerdings musst du ihr dazu auch eine faire Chance lassen!“

Impulsiv beschließe ich, diesem ganzen Schmierentheater ein Ende zu setzen.
Hier und jetzt.
Ruckartig greife ich in die Innentasche meiner Jacke und ziehe meine Brieftasche hervor.
„Hier“, sage ich und halte ihr einen letzten, zerknitterten Fünfziger vor die Nase. „Keine Sorge, Baby, der geht auf´s Haus!“
Mit ihrer Reaktion habe ich nicht gerechnet, obwohl ich es hätte kommen sehen müssen.
Statt sich den Schein zu krallen, wie jeder normale Irre in dieser gottverdammten Stadt, knallt sie mir eine, die sich gewaschen hat.
„Verdammt nochmal Dwight!“, faucht sie „Ich will dein Scheißgeld nicht! Ich will, dass du da jetzt wieder rein marschierst und sie es sich verdienen lässt!“
Gleich habe ich die Schnauze voll, ich spüre die Wut schon hellrot meinen Nacken hoch schießen.
Aber noch reiße ich mich entgegen meiner Gewohnheiten zusammen.
Keiner mit dem Verstand größer eines vorpupertären, lobotomierten Goldfisches will Ärger in
der Altstadt.
Und eigentlich hatte ich einen guten Tag.
Bis jetzt.
Also lasse ich ihr den Schlag von eben konsequenzlos durchgehen.
Einmal.
„Das Mädchen da oben ist ja fast noch ein halbes Kind!“, platzt es zornig aus mir heraus.
Wem will ich hier etwas vormachen?
Und für wen hält Gail mich?
Wahrscheinlich genau für den, der du bist, flüstert eine boshafte Stimme in meinem Kopf.
Sie gehört Jackie- Boy.
Ich ignoriere sie und schüttele den Kopf.
Meine Entscheidung steht.
Die Richtige, wie ich in einem Anflug selbstgerechter Arroganz denke.
„Vergiss es. Das mache ich nicht.“
„Wie bitte?“
Gails Stimme ist kalt und schneidend, als sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichtet.
In den Schatten hinter ihr sehe ich aus den Augenwinkeln einen weiteren Schatten in den Gang
hinein treten.
Tödliche kleine Miho, denke ich.
Immer da, wo sich Ärger zusammenbraut.
Keine Ahnung, wie sie das macht.
Instinkt, schätze ich.
Ich bleibe bei meiner Antwort.
„Ich mache das nicht.“
Miho tritt einen Schritt hinter ihre Freundin heran und jetzt erkenne ich auch deutlich ihre kleine, zierliche Silhouette.
Und die zwei zur Seite ragenden Griffe ihrer Samuraischwerter an ihrer Hüfte.
Ich habe sie noch nie Ohne gesehen.
Bevor die Situation allerdings zu eskalieren droht, wirft Gail plötzlich den Kopf in den Nacken und
lacht laut auf, als hätte sie endlich einen wirklich saudämlichen Witz verstanden.
Es ist ein spöttisches, fast verächtliches Lachen, und ich weiß, dass es mir gilt.
Meine Finger graben sich fester in meine heißen Handflächen, ballen meine Hände unwillkürlich zu Fäusten zusammen.
„Keine Sorge, Lancelot“, schnaubt sie, als sie mir wieder ins Gesicht sieht, definitiv verächtlich.
„Wenn es dir um die holde Jungfräulichkeit dieser Kleinen geht, dann kann ich dich beruhigen.“
Ihr Blick wechselt von belustigt schlagartig zu kalt.
„Die hat sie bereits mit elf Jahren verloren, als ihr Tier von einem Vater sie das erste Mal vergewaltigt hat. Und jetzt“, zischt sie gefährlich leise,“ bewegst du deinen süßen Arsch da wieder rauf und zeigst ihr, dass Sex nicht nur aus Gewalt und Schmerzen besteht. Schließlich muss sie damit ab jetzt für den Rest ihres Lebens ihr Geld verdienen.“
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