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Meine Heulmuse und Ich

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor / P12 / Gen
21.08.2012
21.08.2012
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21.08.2012 1.754
 
Mit etwa elf Jahren begann ich den größten Fehler meines Lebens und bat um eine Muse.

Schon damals liebte ich Bücher und war fest dazu entschlossen selbst eines Tages zur Feder zu greifen und etwas eigenes zu Papier zu bringen.
Doch ohne Hilfe erschien mir dies ziemlich aussichtslos, da mein Kopf zwar von lauter Ideen befallen war, ich jedoch nicht in der Lage war diese zu ordnen, geschweige denn sie niederzuschreiben.
Jeder Mensch besitzt genug Fantasie, aber nur wenige wissen sie richtig einzusetzen. Manch einer ist sich seiner geistigen Vorstellungskraft nicht einmal bewusst.

Genau dafür gibt es jene wunderbare Wesen, die sich Musen nennen, Lehrerinnen, die die Menschen zu ihren Schülern machen und sie in den verschiedensten Künsten ausbilden.
Im Idealfall verhelfen sie ihnen zu Ruhm und Ansehen, in den seltensten Fällen erscheint ihnen ein Schüler so unbegabt, dass sie seine Ausbildung schlichtweg aufgeben.

In der Hoffnung auf künstlerische Unterstützung schlich ich mich eines Abends heimlich an den Laptop meines Vaters und besuchte die Website eines Musenvereins, der mir seriös genug erschien, ihn um seine Hilfe zu bitten.
Als ich um zehn Euro ärmer war - die einzige Muse, die in meinem derzeitigen Budget lag, wurde zu diesem Preis angeboten - und drei Tage ungeduldig wartete, war es schließlich so weit.
Die erste Muse betrat mein Leben.  

Ein Künstler braucht die Inspiration, um überleben zu können.
Und so war es auch kein Wunder, dass ich nach dem Ableben meiner ersten Muse um eine weitere bat, nicht zuletzt, weil ich gemerkt hatte, wie sinnlos meine kleinen Schreibereien ohne eine anleitende Hand waren.

Für fünf Euro - ein Schnäppchen, das mir bei meiner derzeitigen Geldebbe gerade recht kam - schickte mir man das seltsame Wesen, das sich unverständlicher Weise “Quelle der Inspiration” schimpft und das mich bis heute auf meinen Wegen begleitet.

Meine Muse ist eine Heulsuse.

Die erste Reaktion, die sie zeigte als wir uns zum ersten Mal begegneten, war laut drauflos zu flennen, weil ihr mein Zimmer nicht gefiel.
Schon da wurde mir ziemlich schnell klar, dass ich es mit diesem Wesen in Zukunft alles andere als leicht haben würde…






»Lacrima!« Mit der Faust trommle ich gegen die verschlossene Kleiderschranktür, hinter der sich meine Muse versteckt, wie immer, wenn sie einen ihrer Heulanfälle hat. »Lacrima, du kommst jetzt auf der Stelle da raus, hörst du?!«, poltere ich weiter gegen das Holz, auch, wenn ich weiß, dass es keinen Sinn hat.

»Nein!«, ertönt ihr zartes Stimmchen von der anderen Seite der Schranktür. Sie schluchzt laut und theatralisch auf, was mich dazu bewegt genervt mit den Augen zu rollen.

»Nun stell dich doch nicht so an!«

»Immer bist du mit mir nur am Nörgeln«, wirft sie mir vor, »und nie hör ich mal ein nettes Wort von dir!«

Ich atme hörbar die Luft ein und versuche nicht augenblicklich loszuschreien. »Nettes Wort? Wie soll ich das denn nun wieder verstehen, hä?! Geht’s dir noch gut?! DU warst es doch, die das ganze Word-Dokument gelöscht hat! DU hast den Tee über meinen Schreibtisch verschüttet und DU bist Schuld an dem Fast-Mord an meinem Laptop!«

Im Kleiderschrank wird es mit einem Mal verdächtig still.
Schön, wenigstens hat sie deswegen ein schlechtes Gewissen! Das ist nach alldem ja wohl das Mindeste!
»Das… das war doch keine Absicht«, erwidert sie kleinlaut.
Seufzend verschränke ich die Arme vor der Brust.

Es ist doch immer wieder dasselbe mit ihr.
Am Tag passieren ihr mindestens fünfzig Ungeschicktheiten, die dann unweigerlich mich als Opfer fordern.
Noch nie ist mir solch eine schusselige Person untergekommen und es vergeht kaum ein Abend, an dem ich nicht darüber nachdenke, wie ich doch noch einen Umtausch erzwingen könnte.
Leider ist es nur so, dass der Musenverein das Wort “Rückgabegarantie” nie gelernt zu haben scheint, ebenso wenig wie “Bitte, bitte, schafft mir doch endlich wieder diese laufende Katastrophe vom Hals!”
Flehen und Betteln jeglicher Art bringt nichts, das könnt ihr mir ruhig glauben!

»Du hasst mich«, geht das Gejammer meiner Muse erneut los. »Ich bedeute dir rein gar nichts!«
»Das stimmt doch gar nicht«, antworte ich so sanft wie möglich. Ich musste schon vor Jahren lernen das kleine Sensibelchen so freundlich wie möglich zu behandeln, um weiteren Tränenattacken aus dem Weg zu gehen. Mit Geschrei erreicht man höchstens die kommende Nacht vorm Kleiderschrank zu hocken, um sie mit tröstenden Worten wieder rauslocken zu können.

Lacrima zieht hörbar die Nase hoch. Ein Geräusch, bei dem sich mir die Nackenhaare sträuben. »Ich weiß, dass ich keine große Bereicherung für die Musenwelt bin. Aber selbst ich habe es nicht verdient ständig mit irgendwelchen Kolleginnen verglichen zu werden!«

»Ich bitte dich…«

»Nein! Leugnen ist zwecklos! Ich weiß ganz genau, dass du meine Vorgängerin mir eindeutig vorziehst!«

Ach ja, meine erste Muse. Von ihr hab ich mir nie solche Anschuldigungen anhören müssen.
»Dabei«, fährt Lacrima beleidigt fort, »weiß ich wirklich nicht, was an ihr besser gewesen sein soll! Bei der waren doch eindeutig ein paar Schrauben locker!«
»Rede nicht so über Melancholia!« Mir ist klar, dass mit ihr wohl wirklich etwas nicht gestimmt hatte, dennoch weiß ich ihre Arbeit noch heute sehr zu schätzen. Sie hat sich nie über irgendetwas beschwert!
Nicht einmal, als sie eines Tages plötzlich unerwarteter Weise vor einen Zug sprang…

»Sie war gestört«, kommt es bissig durch die Tür. »Eine depressive Muse, wer hat so was denn schon mal gehört?!«

Wenn man so darüber nachdenkt, klingt es wirklich ein wenig seltsam.
Aber na ja… was soll man für zehn Euro auch großartig erwarten? Bis zu ihrem Suizid war ich eigentlich immer zufrieden mit ihr gewesen… auch, wenn mich ihr düsterer, leerer Blick und ihr skurriles Interesse an Messern schon das eine oder andere Mal ein wenig gegruselt hat.

»Ich muss mir dein Verhalten nicht bieten lassen! ICH bin die Lehrerin und du bist MEINE Schülerin! Etwas mehr Respekt wäre wirklich angebracht.« Anscheinend hat sie ein Taschentuch in ihrer Kleidertasche gefunden, denn ich höre deutlich, wie sie sich die Nase schnäuzt. »Ich habe schon für weitaus wichtigere Personen gearbeitet, als eine nörgelnde, aufbrausende Achtzehnjährige!!«
»Redest du von dem Typen, der glaubte, die Erde sei eine Scheibe, dem Kerl, der den Joghurt erfundne hat oder doch Hitler?«, frage ich provokativ und mit einem leicht hämischen Lächeln auf den Lippen.
Ich höre wie sie nach Luft schnappt und ins Stottern verfällt.

Wir wissen immerhin beide, dass sie mit keinen der genannten Personen in irgendeiner Hinsicht angeben kann.
Der Scheibenheini hat sich sichtlich mit seiner Theorie geirrt, der Kerl mit dem Joghurt war auch nicht unbedingt eine Leuchte und Hitler… na ja, so viel ich weiß hat sie diesem Verrückten nur zu seinem Hakenkreuz verholfen und selbst das war geklaut. So weit ich mich an den Geschichtsunterricht zurückerinnern kann gab es das Symbol schon lange vorher irgendwo in Asien…
Aber mal abgesehen davon ist ein herrischer Größenwahnsinniger als Schüler nicht unbedingt das, womit man sich brüsten könnte. Viel mehr ein Anlass sich in Grund und Boden zu schämen.

Auf einmal wird die Schranktür aufgerissen und meine Muse sieht mich mit tränenverschmierten Gesicht erbost an.

»Du bist so gemein!«, wirft sie mir an den Kopf und stapft mit rotem Wangen an mir vorbei.

O weh. Ob ich sie sehr wütend gemacht habe?
Sieht ganz so aus.
»Wo... wo willst du denn jetzt hin? Es ist bereits dunkel draußen.«

»Ich hab es satt! Ich halt es nicht mehr aus!«, antwortet sie mir, wobei sie so gut wie möglich versuchte ernst zu sein und Haltung zu bewahren. Was sich als sehr schwer erwies, wenn man gleichzeitig am Flennen ist, wie ein trotziges, kleines Kind - was sie ja auch auf eine Art und Weise noch ist.

»Ich werde mir eine andere Schülerin suchen! Eine, die mich nicht wegen meines Charakters gleich verurteilt!«

»Ich wollte doch nicht-«

»Auf Wiedersehen!«

Mit einem lauten Knall fällt meine Zimmertür ins Schloss und dann bin ich allein.
Seufzend fahre ich mit den Fingern über meine Augen.
Manchmal hab ich das Gefühl, die fünf Euro waren viel zu viel für sie und all die Strapazen, die sie mir schon bereitet hat.

Okay, das klang jetzt eindeutig zu hart, selbst für mich.
Beschämt beiße ich mir auf die Unterlippe und bin froh, meine Gedanken nicht laut ausgesprochen zu haben.
Oft bin ich ja doch froh, dass ich sie habe, auch, wenn ich das vermutlich nur selten zeige. Es ist ja nicht so, dass ich sie nicht mag, sie ist halt nur manchmal so schrecklich anstrengend mit ihrer nervenaufreibenden Heulerei. Und irgendwie wünsche ich mir auch, dass sie mir ein wenig Kontra gibt und nicht immer so leicht einknickt.
Ob ich deshalb wohl als Streithammel durchgehen könnte…?

Ich merke schon... ich hab mich wie ein Idiot benommen.
So schlimm ist sie ja auch wieder nicht.
Vielleicht ist es jetzt an der Zeit ihr das endlich einmal zu sagen.

Entschlossen gehe ich zur Tür und drücke die Klinke runter.
Ich bin kein Stück überrascht, als ich Lacrima mit verweinten Augen auf dem Fußboden vor meinem Zimmer sitzen sehe.
»Du hast nicht gewusst, wo du hin sollst, nicht?«

Ertappt blickt sie zu mir hoch.
Eine Antwort ist gar nicht nötig, das peinliche Schweigen reicht vollkommen aus.

»Hör mal«, versuche ich zaghaft einen erneuten Anlauf. »Es tut mir Leid, okay? Ich meine… so eine schlechte Muse bist du ja auch wieder nicht.«

Überrascht sieht sie mich an. »Wirklich?«, schnieft sie hoffnungsvoll.

»Ja doch.«

Sie wischt sich mit dem Handrücken über die Augen. »Und du bist auch nicht mehr sauer wegen dem Laptop?«

Ein wenig schon, immerhin handelt es sich dabei um meinen wertvollsten Besitzt. »Nein, natürlich nicht.«

Mit einem freudigen Aufschrei springt Lacrima plötzlich hoch und mir direkt in die Arme. Sie hat so viel Schwung, dass sie mich mit sich zu Boden reißt, wo sie mir um den Hals fällt und mir fast allen Sauerstoff aus den Lungen drückt.
»Kyai!«, lässt sie ihren typischen Laut vernehmen, der ihre Freude ausdrücken soll. »Du magst mich doch!«

»Man, das hab ich doch gesagt! Und jetzt hör auf mich zu erdrücken!«

»Das ist alles so schön, ich könnte glatt wein-«

»WAG. ES. NICHT!«

»Ähm… ist gut.«






Was soll ich sagen?
Sie ist mir Sicherheit alles andere als perfekt und ihre Heulerei nervt mich nach wie vor.
Trotzdem muss ich zugeben, dass ich, wenn ich genau darüber nachdenke, nicht wüsste, was ich ohne sie machen sollte.
Sie hat mir schon sooft geholfen… da ist es genau genommen keine große Sache, dass ich ab und an ein Auge zudrücke und ihre Ungeschicktheiten ignoriere.

Mal ganz davon abgesehen…
Ich glaube, dass jede Muse so ihre Ecken und Kanten hat.
Musen sind immerhin auch nur Menschen.
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