All I want for Christmas… is You

von Kuon-kun
GeschichteRomanze / P12
Kyoko Mogami Ren Tsuruga
19.08.2012
03.01.2013
7
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19.08.2012 4.094
 
Es war ein kalter Morgen Anfang Dezember in Toyko. Der noch tiefschwarze Himmel war von dichten Wolken verhangen und schon am zweiten Tag in Folge fielen Schneeflocken auf die Millionenstadt nieder. Die Temperaturen bewegten sich knapp unterhalb des Gefrierpunkts, weshalb ein Teil des gefallenen Schnees sogar die Nacht über liegen geblieben war und nun die Häuser und Straßen wie eine dünne Puderschicht überzog.

Rory Takarada betrachte mit Freude, wie die Weihnachtsbeleuchtung, mit der der Garten seines Anwesens verziert war, die dünne Schneedecke in der Dunkelheit zum Glitzern brachte, während er genüsslich an einer Tasse Tee nippte. In seinem Rücken stand eine bequeme Couchgarnitur mit einem großen Flachbildfernsehr davor, der wie üblich zu dieser frühen Stunde bereits eingeschaltet war. Der Abspann eines Dating-Games, mit dessen Lösung der extravagante Mann die letzten zwei Monate verbracht hatte, flimmerte über den Bildschirm.
Hach, es tat einfach immer wieder gut, wenn man eine Aufgabe beenden konnte! Und das Zusammenbringen seines Lieblingspaares aus dem Spiel zählte Rory Takarada ebenso zu seinen Aufgaben, wie seine Arbeit als Präsident der Künstleragentur LME. Außerdem halfen ihm die Spiele sein Gemüt aufzuhellen, denn im realen Leben waren seine Kupplungsversuche in letzter Zeit leider nicht so erfolgreich verlaufen, wie er es sich erhofft hatte… Der Präsident verkniff sich ein gedankliches Aufseufzen, während er erneut an dem angenehm warmen und wohltuend riechenden Weihnachtstee nippte. Seine Gedankengänge wurden allerdings unerwartet unterbrochen, als das schwarz-goldene Telefon auf einem Beistelltisch neben der Couchgarnitur zu klingeln begann.

Überrascht wandte der Mann mittleren Alters seine Aufmerksamkeit dem Ursprung des schrillen Klingelns zu. Wer wollte ihn um diese Uhrzeit bloß erreichen? Neugierig auf die Antwort zu dieser Frage, überwandte der Präsident eilig die kurze Distanz und stellte mit der linken Hand die Teetasse auf dem Tisch ab, während er mit der rechten bereits nach dem Hörer griff.
„Ja?“, war das Einzige, was der Schwarzhaarige in den Hörer sprach, während er sich nun auch wieder auf der Couch niederließ und gemütlich seine langen Beine auf dem Polster ausstreckte.

„Guten Morgen, Boss“, tönte es nach einem winzigen Augenblick des Schweigens aus dem Telefonhörer.

„Guten Abend, Kuu“, erwiderte Rory sofort erfreut über den Anruf seines alten Freundes, „Was verschafft mir die Ehre deines frühen Anrufs?“

Erneut folgte ein Moment des Schweigens, der sich dieses Mal auch deutlich länger zog, als beim ersten Mal. „Nun… ich wollte mich ehrlich gesagt erkundigen, wie es meinen Söhnen geht?“, folgte eine etwas unsicher klingende Antwort. Der Präsident schmunzelte bei dem zurückhaltenden Tonfall und dem fragenden Unterton des Hollywoodstars und griff nun mit der freien Hand wieder nach seiner Teetasse.

„Es geht ihnen ganz gut, soweit ich das weiß. Auch wenn mich das langweilige Image deines älteren Jungen langsam immer mehr verzweifeln lässt“, antwortete Rory und nahm wieder einen Schluck von seinem Tee.

„Das ist gut“, begann Kuu, aber Rory spürte bereits, dass das noch nicht alle Worte seines Freundes waren. Und tatsächlich fuhr der andere Mann nach einer kurzen Pause fort: „Kuon hatte in seiner Videonachricht an uns dieses Projekt erwähnt, dessen Herausforderung er sich stellen wollte… Er meinte, er spiele einen ‚blutrünstigen Killer‘... Er klang sehr ernst dabei und… nun ja, Boss, du weißt was ich meine... Julie und ich haben daher seine aktuellen Projekte verfolgte, aber nichts Entsprechendes in den letzten Monaten finden können, daher haben wir uns ehrlich gesagt etwas Gedanken gemacht…“

„Das war vollkommen unnötig. Dieses Projekt ist nicht bei seiner offiziellen Arbeit aufgelistet, daher konntet ihr es nicht finden. Aber er hat sich bei den Dreharbeiten gut geschlagen. Genau genommen wurden die letzten Szenen des Films vor 10 Tagen erfolgreich abgedreht. Die Kinopremiere wird also wahrscheinlich im Frühjahr des nächsten Jahres sein, wenn alle Nacharbeiten beendet sind.“

„Wirklich?! Das ist gut zu hören!“, erwiderte Kuu nun mit deutlich lebhafterer Stimme, „Wir hatten uns schon ernsthafte Sorgen gemacht… Und Boss, es geht ihm wirklich gut?“

Rory schlicht sich der leichte Ansatz eines Schmunzelns auf die Lippen, als er diese Frage nun zum zweiten Mal hörte. Nur Sekundenbruchteile später wurde das Schmunzeln außerdem noch von einem schelmischen Glitzern in den Augen des Präsidenten begleitet…

„Nun ja… an sich schon, aber es wäre gelogen zu sagen, dass ihn die Arbeit an diesem Projekt nicht geschlaucht hätte. Genau genommen sieht er im Moment ziemlich ausgezerrt und müde aus… Ich habe bereits versucht ihn dazu zu überreden sich einmal ein paar Tage frei zu nehmen und etwas abzuschalten, aber davon möchte dieser Workaholic partout nichts hören…“, begann Rory seine Antwort mit gespielt niedergeschlagenem Tonfall, den er langsam in einen beinahe weinerlichen Ton übergehen ließ:
„Stattdessen steigert er sich weiter in seine Arbeit hinein und lässt dadurch auch seinen Manager kaum zur Ruhe kommen… Hach, es ist wirklich ein Wunder, dass dieser Junge es schafft gesund zu bleiben und nicht vor Erschöpfung zusammenzubrechen…“

„Boss!“, unterbrach Kuu ihn schließlich. Der Hollywoodstar wäre am liebsten direkt durch die Telefonleitung nach Japan geklettert, aber das war leider nicht möglich und auch wenn er und Julie den nächstbesten Flug nach Tokyo nehmen würden, würde das wohl kaum helfen seinen Sohn dazu zu bringen zu entspannen, sondern eher das Gegenteil bewirken…
„Verflucht… Gibt es nicht irgendetwas, dass Julie und ich für ihn tun können, Boss?“

Bei dieser Frage verzog Rory sein Gesicht zu einem breiten Grinsen: „Hm, jetzt wo du fragst… Ich glaube ich habe da eine Idee!“


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Tsuruga Ren betrat mit seinem Manager Yashiro Yukihito im Schlepptau von der Tiefgarage kommend die Eingangshalle des überragenden Wolkenkratzers, dessen Front die deutliche Aufschrift „LME“ trug. Der Schauspieler hatte eine Hand in seiner Hosentasche vergraben, während er über dem anderen Arm seinen Wintermantel trug. Sein Manager hatte es ihm gleich getan und ebenfalls seinen Mantel über seinen Unterarm gelegt. Der nur wenige Zentimeter kleinere Mann bemühte sich schließlich mit einigen etwas schnelleren Schritten zu dem Starschauspieler aufzuschließen.

„Ren? Ist alles in Ordnung mit dir?“, erkundigte sich Yashiro, sobald er nahe genug an dem Einundzwanzigjährigen war.

„Natürlich, Yashiro-san. Wieso sollte etwas nicht in Ordnung sein?“, kam direkt die Gegenfrage. Obwohl Rens Gesicht bei diesen Worten sein typisches freundliches Lächeln zierte, war es für den Manager nicht schwer zu erkennen, dass es sich dabei um eine Fassade handeln musste.  

„Nun, du siehst ehrlich gesagt müde aus… noch müder als Gestern. Hast du wieder nicht gut geschlafen?“, hackte Yashiro weiter nach.

„Yashiro-san, es geht mir gut. Und ich habe nie gesagt, dass ich schlecht schlafe.“

„Gesagt zwar nicht, aber ich bin jetzt seit fast 5 Jahren dein Manager. Wenn ich so etwas nicht erkennen könnte, hätte ich definitiv den Beruf verfehlt“, konterte Yashiro diesmal mit etwas spitzerer Stimme, bemühte sich anschließend aber wieder um einen sanfteren Tonfall: „Ren, bist du sicher, dass du nicht darüber reden willst? Du weißt, ich höre dir jederzeit zu.“

Ren brauchte gar nicht neben sich zu sehen, um zu wissen, dass sich auch in Yashiros Augen die gleiche Sorge ausdrückte, wie in seinen Worten. Der Schauspieler seufzte innerlich, bemühte sich aber weiterhin davon nichts nach außen dringen zu lassen. Ja, es stimmte, er schlief in letzter Zeit nicht sonderlich gut. Manchmal schlief er sogar gar nicht…
Umso weiter die Dreharbeiten als B.J. fortgeschritten waren, umso tiefer war er sowohl in diesen als auch den Charakter von Cain Heel eingetaucht… und umso mehr hatte er zwangsläufig auf Kuons Wesen zurückgegriffen. Er hatte es zwar letztendlich geschafft eine Grenze zu ziehen und diese, dank der Hilfe seiner „kleinen Schwester“ Setsu, auch aufrecht zu erhalten und sich somit nicht in seinem alten Wesen zu verlieren, aber es war kräftezehrender als er jemals gedacht hatte… Und das Schlimmste war, dass es unmöglich zu sein schien das, was er von Kuon freigelegt hatte, wieder vollständig in sich zu verschließen.
Er hatte bereits bei den Dreharbeiten nächtelang Alpträume gehabt. Mehr als einmal hatte er auf Setsu beziehungsweise Mogami-san zurückgegriffen, um überhaupt ein Auge zubekommen und etwas schlafen zu können. Sie war deutlich mehr als sein Talisman was das betraf. Sie war ein Fels inmitten des Strudels aus seinen Gefühlen und somit das Einzige, was ihm Halt geben konnte. Auch wenn sie nie offen darüber sprachen, schien die Siebzehnjährige zu wissen, was für eine Bedeutung sie während dieser Zeit für ihn hatte. Sie waren sich als Geschwister deutlich näher gekommen und auch so scheute Mogami-san seine Berührungen nicht mehr. Zumindest ein kleiner Fortschritt, den diese Rolle als die Heel-Geschwister mit sich gebracht hatte.

Allerdings waren die Dreharbeiten inzwischen beendet. Es war fast drei Wochen her, dass sie die letzten Szenen des Films abgedreht hatten und sich als Cain und Setsuka Heel gegenüberstanden. Inzwischen gingen sie wieder ihre eigenen Wege. Er selbst hatte zwei neue Projekte angefangen, eine Serie und eine Kette von Promotionvideos, und auch sie hatte neue Angebote erhalten und natürlich auch angenommen. Nichts gab ihnen allerdings die Möglichkeit gemeinsam vor der Kamera zu stehen, daher sahen sie sich nur alle paar Tage bei LME oder wenn Yashiro mal wieder klammheimlich das junge Mädchen zum Abendessen zu ihm schickte. Es wäre gelogen zu sagen, dass er sie nicht vermisste. Aber daran ließ sich nichts ändern. Und auch wenn es nicht angenehm war, war das aktuell nicht seine größte Sorge. Viel schlimmer waren diese ständigen Träume…
Ohne Kyokos Anwesenheit war ihm das Schlafen in diesen drei Wochen Nacht für Nacht schwerer gefallen. Die Träume, die ihn zum Ende der Dreharbeiten nur noch selten heimsuchten, kehrten bereits nach wenigen Nächten, die er alleine zuhause verbracht hatte, zurück. Erst sporadisch alle paar Tage, aber im Verlauf der aktuellen Woche geschah es immer häufiger. Er schreckte nachts in seinem Bett hoch und war teilweise Minutenlang völlig orientierungslos. Seine Hände begangen unkontrolliert zu zittern, wenn er auch nur abends alleine auf seiner Couch saß und der Augenblick des ins Bettlegens war inzwischen der Gefürchtetste von allen für ihn. Manchmal hatte er Glück und driftete sofort in einen tiefen Schlaf ab, weil sein Körper die Erschöpfung einfach nicht mehr länger aushalten konnte. Aber das geschah nur alle paar Nächte… meistens lag er da und war nicht in der Lage einzuschlafen. Er brauchte nicht einmal seine Augen zu schließen, die dunkle Umgebung reichte bereits um Bilder und Erinnerungen aus seinem Unterbewusstsein hervorzuziehen, die er kaum ertragen konnte. Es war zwar definitiv mehr als peinlich für einen erwachsenen Mann so etwas zu tun, aber die letzten 2 Nächte hatte er durchgängig seine Nachttischlampe eingeschaltet gelassen…
Yashiro lag also definitiv nicht falsch damit, dass er ein Problem hatte. Ren schätze auch das Angebot des Managers, den er zweifelsfrei auch als seinen besten Freund ansah, aber er wollte über dieses Thema nicht sprechen… Wer garantierte ihm, dass es das besser machte? Abgesehen davon müsste er zwangsweise einige Sachen aus seiner Vergangenheit erklären, damit Yashiro das Ganze überhaupt verstehen konnte. Und das stand absolut außer Frage! Es tat Ren zwar leid, aber er würde definitiv nicht über diese Sache sprechen. Und er würde es auch in den folgenden Stunden vermeiden daran zu denken, wie er es jeden Tag tat, damit er anständig seine Arbeit erledigen konnte.

Der Schauspieler hatte gerade dazu angesetzt seine ablehnende Antwort auf die letzte Frage auszusprechen, als plötzlich eine nur allzu vertraute Stimme in seinem Rücken seinen Namen rief. Ren drehte sich sofort in die Richtung aus der die Stimme kam und sah vor sich die Silhouette einer ganz besonderen jungen Frau, die langsam auf ihn zugelaufen kam. Sofort erschien ein diesmal ernsthaftes Lächeln auf seinen Lippen.

„Guten Morgen, Mogami-san“, begrüßte er liebevoll die Siebzehnjährige und nahm erst anschließend die zweite Person wahr, die sich noch vor ihm befand, „Und auch Kotonami-san natürlich.“

Während ihm das rothaarige junge Mädchen eines ihrer bezauberndsten Lächeln als Antwort schenkte, erhielt er von ihrer Love-Me-Kumpanin lediglich eine gegrummelte Antwort. Auch Yashiro zögerte nicht die beiden jungen Frauen zu begrüßen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Beiden Mädchen schien es sehr gut zu gehen, allerdings konnte man in Kyokos Augen im Verlaufe des Gesprächs mit Yashiro ein wenig Besorgnis aufblitzen sehen.

„Tsuruga-san, geht es Ihnen gut? Sie sind doch nicht etwa krank?“, fragte die Siebzehnjährigen an den unnatürlich ruhigen Schauspieler gerichtet. Ren zwang sich augenblicklich wieder zu einem ehrlich Lächeln.
„Nein, ich bin nicht krank. Mir geht es gut“, antwortete der Starschauspieler, allerdings anscheinend nicht überzeugend genug, denn statt zu verschwinden, verstärkte sich der besorgte Ausdruck auf Kyokos Gesicht sogar noch. Ren seufzte gedanklich auf. Wieso konnte ihn dieses Mädchen verdammt nochmal so leicht durchschauen?

„Mogami-san, ich bin wirklich nicht krank, nur etwas müde. Es gibt aktuell viel zu tun“, hing Ren schließlich noch an, worauf sich der Gesichtsausdruck der Rothaarigen wieder etwas aufhellte.

„Sie sollten nicht so viel arbeiten! Es ist fast Weihnachten, was wenn Sie krank werden?! Maria-chan wird enttäuscht sein, wenn Sie nicht zu ihrer Geburtstagsfeier kommen können…“, begann die Love Me-Praktikantin nun in ihrer typisch überschwänglichen Art. Ren war kurz davor ein leises Lachen seinerseits unterdrücken zu müssen, als die einzige Frage kam, die seine gerade besser werdende Stimmung wieder trügen konnte…
„Tsuruga-san, haben Sie gefrühstückt?“

Ren kam gar nicht dazu etwas zu antworten. Der kurze Augenblick des Zögerns, indem er versuchte eine möglichst diplomatische Antwort auf diese Frage zu finden, hatte bereits ausgereicht um ihn zu verraten.

„TSURUGA-SAN! Das ist unprofessionell! Kein Wunder, dass  Sie so erschöpft aussehen!...“ Und damit begann die nur allzu vertraute Predigt über seine Essegewohnheiten… Der Einundzwanzigjährige wusste aus reichlich Erfahrung, dass er aus dieser Sache nicht mehr rauskam, daher ließ er die Predigt einfach stumm über sich ergehen, in der Hoffnung, dass es nicht allzu lange dauern würde, bis die junge Frau Luft holen musste und somit eine Pause in ihrem Redeschwall entstand.

Yashiro und Kanae beobachteten stumm die sich abspielende Szene, bis sich das Handy des Managers plötzlich zu Wort meldete. Der junge Mann streifte sich eilig einen Handschuh über und zog anschließend das Handy aus seiner Tasche, um den Anruf entgegen zu nehmen. Das Gespräch bestand nur aus wenigen Worten von Seiten des Managers, ehe es auch schon beendet war.
Da Kyoko noch immer in ihre Predigt vertieft war, räusperte sich der Sechsundzwanzigjährige, um die Aufmerksamkeit der umstehenden Personen auf sich zu ziehen.

„Tut mir leid euch unterbrechen zu müssen, aber Takarada-san möchte dich sehen, Ren. Und Kyoko-chan ebenfalls. Ich habe ihm gesagt, dass wir direkt hochkommen.“


~~~**~~~*~~~~~~~~~~~~~*~~~**~~~

„HOHOHO! Guten Morgen meine Kinder!“, ertönte direkt die tiefe Stimme des Präsidenten, als die Vierergruppe sein Büro betrat. Auch wenn Takarada-san nur nach Kyoko und Ren gefragt hatte, war es ebenso selbstverständlich, dass Yashiro seinen Schützling begleitet, wie dass Kanae ihre Freundin in Anwesenheit dieses Schauspielers nicht aus den Augen lassen würde…

Sobald sie die Tür hinter sich gelassen hatten, fühlten sich die kleine Gruppe wie am Nordpol… Der Boden war mit künstlichem Schnee bedeckt, während die Wände aussahen, als seien sie vollständig aus Eis. Mehrere prächtig geschmückte Weihnachtstannen zierten eine Seite des Raumes, ebenso wie eine Futterkrippe, an der sich ein lebendiger Elch mit einem beachtlichen Geweih gerade sein Frühstück, bestehend aus weichen Laubhölzern, wie Erlen und Buchen, gönnte. Auf der anderen Seite hatte man den Eindruck direkt in die Werkstatt des Weihnachtsmannes blicken zu können... An einem Fließband wurden von einigen „Elfen“ Teddybären und andere Geschenke in weihnachtlichem Geschenkpapier verpackt und mit überdimensionierten Schleifen versehen. Die Geschenkpakete stapelten sich im Hintergrund annähernd bis unter die Zimmerdecke.
Mittig im Raum befand sich ein großer Sessel mit dunkelrotem Polster und goldenen Verzierungen, auf dem eine der Gruppe nur allzu bekannte Person saß, gekleidet in einem roten Weihnachtsmannkostüm mitsamt eines weißen prächtigen Bartes. Im Hintergrund liefen typische alte Weihnachtslieder augenscheinlich als Endlosschleife und der angenehme Duft von frischem Tannenholz erfüllte den Raum.

Ren verkniff sich nur mit Mühe ein Augenrollen. Er war weder grundsätzlich in Weihnachtsstimmung, noch hatte er aktuell den Nerv sich das hier anzutun. Genau genommen hätte der Schauspieler am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre wieder gegangen… Aber der Präsident hatte sie sicher nicht umsonst hierher bestellt, das hoffte er zumindest…
Um sich von dem Ganzen Zirkus um sich herum abzulenken, ließ der Einundzwanzigjährige seinen Blick kurz zu der jungen Frau neben sich wandern. Wie nicht anders zu erwarten, war Kyoko längst in ihre Fantasiewelt abgetaucht… Sie begutachtete mit großen glitzernden Augen die Umgebung und Ren war sich sicher, dass sie sich ernsthaft zurückhalten musste, um nicht loszurennen und alles in diesem Raum genau zu erkunden. Ihr Anblick schaffte es nun aber doch dem genervten Schauspieler wieder ein Lächeln zu entlocken.
Takarada-san holte die Love Me-Praktikantin und den Starschauspieler augenblicklich aus ihren Gedanken in die Realität zurück, als er erneut seine Stimme erhob.

„Ren! Mogami-kun! Schön, dass ihr so schnell kommen konntet!“, mit diesen Worten erhob sich der gefakte Weihnachtsmann von seinem Thron und ging auf die Vierergruppe zu.
„In 3 Tagen ist bereits Weihnachten und ich habe ein Geschenk für euch! Rudolph hat es heute Morgen persönlich vom Nordpol hierher gebracht!“

Diesmal verdrehte Ren die Augen ohne sich zurückzuhalten. Was sollte das bitteschön? Und warum er und Kyoko? Der Präsident führte doch sicher wieder irgendetwas im Schilde…

Takarada-san entging der mürrische und zugleich misstrauische Blick seines Vorzeigeschauspielers natürlich nicht, aber zumindest Kyoko Mogami reagierte angemessen auf seine Bemühungen. Ein freudiges, neugieriges und auch ein klein wenig ungeduldiges Glitzern zierte die großen Augen der jungen Frau und brachte ihre goldenen Iriden nur noch besser zur Geltung. Ohne weitere Zeit zu verschwenden, zog der Präsident zwei Umschläge unter seinem Umhang hervor und drückte sie den beiden Personen vor sich in die Hand: „Na los, öffnet sie!“

Ren hatte ein ungutes Gefühl bei dieser Sache… Irgendwie befürchtete er, dass er nicht wissen wollte, was sich in dem Umschlag befand… und dass er es bereuen würde, wenn er ihn jetzt öffnete. Aber wie so oft hatte er auch diesmal keine wirkliche Wahl…
Vorsichtig lösten sowohl Ren als auch Kyoko die Klebeverschlüsse der beiden weißen Umschläge und griffen anschließend in dessen Inneres. Ren konnte einen einmal zusammengefalteten Zettel ertasten und zog diesen aus dem Umschlag hervor. Nun doch etwas neugierig faltete der das Papier auseinander, worauf ihm sofort zwei Flugtickets ins Auge stachen. Unter den Flugtickets auf dem weißen Papier erkannte er außerdem eine überaus vertraute Handschrift…
Ren wusste nicht, ob er panisch oder wütend werden sollte. Aber da er den Inhalt der Nachricht noch nicht kannte, entschied er sich vorerst noch für keins von beidem. Nervlich deutlich angespannt begann er den Brief zu lesen…


``Sehr geehrter Hr. Tsuruga,

Ich habe „Dark Moon“ auch nach meiner Abreise aus Japan mit Spannung weiterverfolgt. Ich bin absolut begeistert von Ihrer Darstellung als ‚Katsuki‘! Und mein neuer Sohn würde vermutlich ergänzen, dass ich vielleicht sogar ein klein wenig neidisch bin…

Der Erfolg dieser Serie bestätigt die hervorragende Arbeit, die Sie und Ihre Kollegen bei der Umsetzung dieses Dramas geleistet haben! In Anerkennung dieses Erfolges habe ich Ihnen die beiliegenden beiden Flugtickets übersandt.

Ich werde dieses Jahr Weihnachten mit meiner Frau in unserem Ferienhaus in Vancouver/Kanada verbringen. Wir würden uns beide über etwas Gesellschaft über die Feiertage freuen, daher bitte ich Sie, falls es Ihr Terminplan zulässt, mir die Ehre zu erweisen uns für einige Tage zu besuchen.
Das zweite Ticket ist für einen Freund/eine Freundin vorgesehen, falls Sie jemanden mitbringen möchten. Für Unterkunft und Verpflegung werde ich selbstverständlich sorgen.

Meine Frau und ich würden uns sehr über eine baldige und hoffentlich positive Antwort von Ihnen freuen.

Mit freundlichen Grüßen
Kuu Hizuri´´


Ren starrte mit großen Augen auf das Blatt Papier vor sich. Er hatte sich in der Handschrift nicht geirrt, es war wirklich die seines Vaters. Aber der Inhalt des Briefes hatte ihn mehr als überrascht. Seine Eltern hatten ihn wirklich eingeladen? Und das nicht als ihren Sohn Hizuri Kuon, sondern als Tsuruga Ren? Unschlüssig was er dazu fühlen und wie er auf das Schreiben reagieren sollte, betrachtete Ren weiter den Brief und die beiden Erste Klasse Flugtickets nach Kanada in seinen Händen…

„GYAAA!!!“, ertönte plötzlich ein ohrenbetäubender Schrei neben ihm, der Ren erschrocken zusammenzucken ließ. Kyoko wedelte im nächsten Moment aufgeregt mit zwei Flugtickets in der Luft, als sie sich zu ihrer besten Freundin umdrehte.

„Moko-saaaan!!! Es sind Flugtickets!! Flugtickets von Oto… ich meine Hizuri-san! Er hat mich über Weihnachten nach Kanada eingeladen!! Er hat Dark Moon weitergeschaut und auch Box R gesehen und meine Rollen gelobt! Die Tickets sind ein Dankeschön für meine Arbeit!“

Kanae war nicht weniger erschrocken als Ren und wich gerade so noch einer Umarmungsattacke ihrer selbsternannten ‚besten Freundin‘ aus.
„MO! Beruhig dich!“, blaffte sie Kyoko noch im gleichen Atemzug an und wandte dann einen misstrauischen Blick zu dem Starschauspieler, der noch immer etwas steif seinen Brief betrachtete. Kyoko folgte dem Blick ihrer Freundin beinahe automatisch und wandte sich augenblicklich neugierig Ren zu: „Was haben Sie bekommen, Tsuruga-san?“

Ren bemühte sich um ein leichtes Lächeln und hielt nun auch seine beiden Flugtickets hoch. Er hätte es nicht für möglich gehalten, aber die Augen der Siebzehnjährigen begannen noch stärker zu leuchten, als sie es eh schon getan hatten: „Sie kommen auch mit nach Kanada?!“

Eigentlich war das mehr eine Feststellung als eine Frage, so klang es zumindest. Gerade deswegen tat es Ren auch leid sie enttäuschen zu müssen… Aber er bezweifelte, dass es eine gute Idee war dieser Einladung zu folgen. Er wusste nicht, ob er der Konfrontation mit seinen Eltern gewachsen war, selbst wenn er diese Reise als Tsuruga Ren antrat.
„Nun ja... Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das mit meinen Terminen…“

„Papperlapapp!“, unterbrach ihn der Präsident plötzlich. Irritiert sah Ren den älteren Mann mit seinem weißen Bart an.
„Wir wissen beide, dass du dringend einen Urlaub gebrauchen könntest, Ren. Du hast dir in den letzten 3 Jahren NICHT EINMAL länger als zwei Tage frei genommen! Und selbst das waren Seltenheiten! Was deine Termine angeht, die werden für diese Tage gecancelt. Ich habe bereits ein Team darauf angesetzt sich um neue Terminabsprachen zu kümmern, sobald Yashiro-kun bei ihnen war und ihnen seine Rahmenbedingungen für die Terminvergabe genannt hat“, erklärte der Präsident und sah dabei auch kurzzeitig Yashiro an, der ihm zustimmend zunickte.

„Aber...“, versuchte Ren seinem Chef zu wiedersprechen, was aber direkt von diesem abgeschmettert wurde.

„Es gibt KEIN aber! Nicht solange du mit dieser ungesunden Gesichtsfarbe und Augenringen durch die Gegend läufst, die dich fast 10 Jahre älter wirken lassen! Der Flug geht morgen Nachmittag um 17:30Uhr vom Terminal 2 des Narita-Flughafens aus! Die Flugnummer ist JL 018, aber das steht auch alles auf den Tickets. Was die Flugdauer betrifft, die liegt bei 9 Stunden. Unter Einberechnung der Zeitverschiebung kommt ihr daher am selben Tag, sprich dem 22.12., morgens um 09:30Uhr in Vancouver an. Was den Rückflug betrifft, der wird frühestens am 27.12. sein, also nehmt genug Gepäck für die Zeit mit! Besonders warme Sachen, denn nach dem aktuellen Wetterbericht  ist es dort drüben bereits seit Ende November kräftig am Schneien!“

Ren wusste nichts zu erwidern, weshalb er als Antwort auf nun schon die zweite Predigt an diesem Morgen lediglich leicht nickte. Kyoko hingegen antwortete mit einer tiefen Verbeugung und bedankte sich sogar bei Takarada-san für seine Bemühungen.

„Apropos, habt ihr euch schon entschieden, wen ihr als Begleitperson mitnehmt?“, fragte der Präsident nun wieder mit einem deutlich freundlicheren Gesichtsausdruck, worauf Kyoko völlig unerwartet erneut ihre beste Freundin angriff.

„Moko-saaan! Kommst du mit?? Ich habe zwei Tickets und Otou-san hat geschrieben, dass es ihn freuen würde, wenn ich eine Freundin mitbringe!“

„MO! Kyoko, lass mich los!“, erwiderte die Schwarzhaarige energisch und zwang ihre Love Me-Kumpanin zu etwas mehr Abstand, ehe sie noch von ihr erdrückt wurde. Kanae musste gestehen, dass ihr die Situation eben schon nicht besonders gefallen hatte. Kyoko und dieser Schauspieler alleine in Kanada?? Nur über ihre Leiche!
Einen Moment starrte Kanae in die erwartungsvollen Augen der Rothaarigen, ehe sie zu den beiden Tickets blickte. Blitzschnell entriss sie Kyoko eines der Tickets: „Ich bekomme den Fensterplatz, ist das klar?“

Erneut erfüllten Freudenschreie den Raum, was Takarada-san zufrieden schmunzeln ließ. Sein Blick blieb aber nicht lange bei den beiden Mädchen, sondern wanderte zügig wieder zu seinem Vorzeigeschauspieler. Ren hatte das Love Me-Duo ebenfalls kurzzeitig beobachtet. Immerhin eine positive Sache hatte diese Reise: er würde wie es aussah Kyoko täglich um sich haben können. Ren nahm eines seiner beiden Tickets und streckte es nun Yashiro entgegen, der ihn darauf erstaunt ansah.

„Als Dankeschön für die harte Arbeit. Ich bin nicht der Einzige hier, der in den letzten Jahren kaum Urlaub hatte. Also, falls du noch nichts anders vorhast, würde es mich freuen, wenn du mitkommst.“

Yashiros Gesicht wurde sofort von einem erfreuten Grinsen erfüllt. Er flog tatsächlich mit seinem Traumpärchen über Weihnachten nach Kanada!



Fortsetzung folgt...
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