Dienstag bis Freitag

von Loboscha
KurzgeschichteSuspense / P12
Agent Smith Trinity
16.08.2012
16.08.2012
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16.08.2012 3.445
 
Nach den Vorkommnissen am Montagmorgen meldete sich Trinity auf der Krankenstation für einen ergebnislosen Routinecheck. Trotz ihrer scheinbar tadellosen Gesundheit machte sich eine gewisse Unsicherheit in ihr breit. Sie hatte mit niemandem über das Gespräch mit Smith geredet; von dem Trace-Programm ganz zu schweigen...

Morpheus hatte nach der gescheiterten Mission mit ihr unter vier Augen geredet. Er wollte ganz genau wissen, warum sie für den Operator nicht erreichbar war. Trinity gab eine Erklärung ab, die sehr nah an der Wahrheit lag: sie hatte einen unerwarteten Kampf mit einem Agenten, verlor dabei das Handy, konnte es aber wiedererlangen und fliehen.

Sie fühlte sich aus mehreren Gründen mies:

dieser vermaledeite Agent hatte sie mit irgendetwas infiziert.

Er hatte sie mit Leichtigkeit besiegt; warum war sie nicht einfach abgehauen?

Wenn Smith recht behielt, bahnte sich das Ende der Menschen an.

Sie hatte Morpheus wichtige Informationen verschwiegen.

Am liebsten hätte sie mindestens eine Woche Fronturlaub genommen und wäre zurück nach Zion gekehrt,  aber es ging nicht. Es sollte ein zweiter Versuch unternommen werden, Descartes aus der Matrix zu holen – in einer Woche. Sie persönlich hielt das für keine gute Idee und Morpheus stimmte ihr zu – aber Befehl war Befehl. Also setzte sie sich mit Morpheus auf der Brücke zusammen um eine neue Strategie auszuarbeiten. Das System war alarmiert, keine Frage. Daher sollten weniger bekannte Crewmitglieder in den nächsten Tagen die Matrix sondieren, das Zielobjekt beobachten und einen neuen Treffpunkt ausspähen. Trin ging die spärliche Besetzungsliste durch und seufzte.

„Für heute ist nur ein Kandidat möglich: Convex. Was hältst du von ihm?“

Morpheus zog die Stirn kraus. „er trainiert hart und gut. Außerdem ist er motiviert…“

„Aber er war bisher nur zwei  Mal drin.“ Hielt Trinity dagegen. Wenn die Maschinen auch nur halb so wachsam sind, wie sie befürchtete, wäre der Mann so gut wie tot. Morpheus konnte ihre Gedanken lesen.

„Er wird nicht in unmittelbarer Nähe der Zielperson einsteigen und sich nur ein paar Gebäude ansehen, die als mögliche Treffpunkte genommen werden können. Es wird keinerlei Verbindung zu Descartes geben“

Das war eine Lösung mit der die beiden ruhigen Gewissens umgehen können. Trinity sollte Convex unmittelbar den Befehl überbringen, als Morpheus sie noch am Arm zurückhielt.

„Ich verspreche dir als Freund, dass, wenn die Sache zu scheitern droht, machen wir uns auf den Weg nach Hause und Zion kann sich seine Befehle dahin stecken wo niemals die Sonne schien.“

Trinity lächelte ein kleines dankbares Lächeln.



Auf der anderen Seite des Krieges war großes im Gange. Die Maschinen arbeiteten am Projekt ‚Genesis‘ – der Rekultivierung der Erde – ohne Unterlass. Ein zweites Projekt befand sich in der Abschlußphase. Das Arche-Projekt. Eine Handvoll Menschen sollte damit für die Maschinen, u.a. die Sentinel-Drohnen,  kenntlich gemacht werden, damit sie verschont und in die Biosphäre-Einheiten übersiedelt werden konnten. Dort würden die Menschen in kleinen Verbänden, Familien und Stämmen leben… Bald.

Und noch ein Projekt wurde entwickelt. Ein höchst vertrauliches: Spionage. Es war den Maschinen lange Zeit undenkbar und unnötig, die Menschen auszuhorchen. Das Verhalten dieser auf Proteinen aufgebauten Art war zu offensichtlich, die Technik zu rückständig. Aber durch die Zweiteilung der Welt in die reale und die virtuelle, in der die Menschen in jüngster Zeit ein und aus gingen wie es ihnen recht war, zwangen die Maschinen zum Umdenken:

Das Projekt Troja.2.0.

Die Theorie: wenn im Geiste des Menschen nur aus chemischen Bausteinen und elektrischen Impulsen eine ganze Welt erschaffen werden kann, so müsste es auch möglich sein, etwas in den Geist hineinzubringen. Die Menschen hatten vor Jahrhunderten simple Rattenversuche gemacht, die aber erfolgversprechend waren; die Maschinen gingen auch dort weiter.

Heute war die Stunde Null für den ersten Spionage-Angriff gegen die Menschen.

Das Agentenprogramm ‚Smith‘ wurde zum Mainframe einberufen. Eine Routine. Zuerst wurde ein Backup erstellt und dann das Upgrade mit dem Spionagetool eingespielt. Mit diesem Tool war es möglich den Körper eines Menschen zu infiltrieren und sich in dessen Geist breitzumachen – mit fatalen Auswirkungen für das Individuum.

Nach dem Upgrade brauchte Agent Smith nur auf ein potentielles Opfer zu warten.

Und er brauchte nicht lange zu warten. Über seine permanente Verbindung zum Mainframe bekam er signalisiert, wo die Matrix Fehlfunktionen hatte. 99% dieser Meldungen waren für ihn irrelevant, aber er erkannte die Veränderung der Codes, wenn Rebellen die Matrix betraten. Diese Stellen mussten nur genau ausgelesen werden und schon wusste er, wo in etwa sich die unerwünschten Individuen befanden.

Früher hätte er sofort interveniert, aber mit der Zeit nahm er sich den Luxus heraus und beobachtete die Personen; studierte sie. Seine höchste Priorität war ohne Frage Morpheus. Maschinen und Programme können keine Schadenfreude haben,  aber nach dem Upgrade würde es eine Genugtuung für ihn sein, wenn er Morpheus infiltrieren könnte.

Aber vor Morpheus war Trinity – seine Nemesis. Unwillkürlich knirschte er bei dem Gedanken an sie mit den Zähnen und doch… So sehr diese Frau auch ein Ärgernis für ihn, für das ganze System war; so sehr war dieses ständige Katz und Maus-Spiel eine angenehme Routine geworden. So sehr, dass er es im geheimen nicht mehr drauf anlegte, sie zu töten. Er hatte andere Mittel und Wege gefunden um einen Sieg anzuzeigen… Für sie war es ein Sieg an sich, wenn sie ihm entkam und ihn von Morpheus Fährte abgebracht hatte. Eine Tatsache, der er großen Respekt zollte und die ihn zu der Entwendung einer ‚Arche Noah‘-einheit verleitete. Sollte der Mainframe je dahinter kommen, war er so gut wie aus der Matrix gelöscht…

Der Code, der ihm diesmal übermittelt wurde war eindeutig einem Rebellen zuzuordnen, aber er war unbekannt. Entweder war das ein neuer Trick oder ein Frischling. Smith materialisierte in der Nähe des Individuums in einem Hinterhof. Von dort konnte er in eine Souterrainwohnung schauen, in der ein Mann gerade einen Telefonanruf beantwortete. Bingo.

Der Agent beobachtete den Rebellen etwa eine Stunde lang, wie dieser scheinbar unauffällig einen Spaziergang durch das Stadtviertel machte. Dann kam der entscheidende Augenblick: der Mann telefonierte kurz mit seinem Handy und strebte dann in eine ganz bestimmte Richtung. Eine Telefonzelle am nahen S-Bahnhof war das Ziel.

Fast hätte der Mann es geschafft. Das Telefon läutete; nur zwei Schritte um den Höher zu berühren – aber da war Agent Smith schneller. Er rammte seine Hand in den Körper des Menschen-  was seltsamerweise keine Verletzung hinterließ -  und übertrug sich selbst in dessen Geist. So schnell, dass selbst der Operator nicht schlau wurde aus dem Bild, das ihm die Monitore lieferten. Dann nahm er den Hörer ab.



Das erste, was Smith in Convex Körper wahrnahm, war dieses Pulsieren im oberen Torso. Herzschlag. Als er sich darauf konzentrierte, wurde der Herzschlag schneller und kräftiger. Er erinnerte sich an die wenigen Trainingseinsätze, was er im menschlichen Körper nun tun musste. Augen auf.

Drei Personen standen um ihn herum…. Er lag in etwas nassem; nein, es war diese Flüssigkeitsabsonderung über die Haut, Schweiß genannt. Dieses Zeug, das den ekelhaften Buttersäuregeruch verströmte. Smith riss sich zusammen – diese Hülle aus Fleisch und Blut war eine Herausforderung, aber sie durfte diesen Spionageeinsatz nicht scheitern lassen. Es sollte nur ein kurzer Zeitraum sein, den er an Bord dieses Schiffs verbrachte und dabei so viele Informationen über die menschliche Kriegsführung wie möglich sammelte. Dann sollte er so schnell wie möglich in die Matrix zurückkehren. Die Rückkehr war das schwierigste, denn in der Matrix würde sofort sein wahres Ich offenbart werden und er hatte nur zwei Möglichkeiten: entweder er tötete sofort alle Zeugen oder er sprang sofort aus dem geliehenen Körper – was mit diesem geschah, war nichtvorherzusehen und im Moment auch nicht in seinem Interesse. Jetzt musste er erst mal ‚Mensch‘ spielen.

„Ich glaube ihm geht’s gut…“

„Sicher? Der starrt doch völlig ins Leere.“

Während sich die zwei Männer noch über seinen Zustand stritten, trat der dritte näher heran. Er war groß, dunkelhäutig und hatte etwas Wissendes in seinem Blick. Er sah im lange und durchdringend  in die Augen, hob dann eine Hand in Smiths Blickfeld und schnippte mit den Fingern.

„Er ist ok, aber bringt ihn sicherheitshalber zur Krankenstation.“

„Ja, Morpheus“ sagte der kleinere von den beiden anderen. Morpheus. Smiths Verstand raste. So nah war er noch nie an seinem Erzfeind. Er stand auf. Ein komisches Gefühl. Der Körper war schwer, die Außenhülle, Haut, schickte permanent Informationen: es war kalt; die Kleidung juckte; etwas piekte am linken Fuß; ein Tropfen schweiß floss an seiner Schläfer herunter…. So viele Informationen, die ihn fasst vom Gehen ablenkten und er konnte sich nicht den Weg zur Krankenstation merken.

Die folgende Untersuchung ging schnell. Eine Frau, Switch, leuchtete in seine Augen, dass er für einen kurzen Moment blind war, legte etwas kaltes, rundes auf seine Brust und quetschte ihm zuletzt den Oberarm in einer Manschette. Smith war äußerst beunruhigt und verbrauchte seine ganze Energie dafür nicht aufzuspringen und jeden Menschen in seiner Umgebung zu erwürgen.  Dann stellte die Frau ihm verschiedene Fragen: wie er heist, welcher Wochentag ist, wie lange er an Bord ist, etc.

Zu seinem Erstaunen konnte er die Fragen beantworten. Das Restbewustsein der Person in die er geschlüpft war lieferte all diese Informationen und noch mehr. Erinnerungen, Bilder und Namen kannte er, wusste sie aber noch nicht einzuordnen. Schließlich lächelte diese Frau namens Switch und sprach dann zu dem Mann, Apoc.

„Er ist ok. Ein bisschen durcheinander, aber gesund. Ich verordne ihm 24 Stunden Ruhe – dann müsste er ganz der alte sein.“

Switch gab Smith und Apoc ein Formular mit in die Hand und er fand sich bald darauf in seinem Quartier ein. Hier konnte er endlich durchatmen, hier war er allein. Zumindest für die nächsten 24 Stunden. Dies war eine Art Quarantäneraum, wenn er es richtig verstanden hatte. Hier gab es nicht viel außer 3 Quadratmetern Fläche, einer Liege und einem kleinem Regal an der Wand. Smith ließ sich auf die Liege sinken und hätte fast geheult. Dieser menschliche Körper schwächte ihn und er machte ihn halb verrückt mit den ständig auf ihn hereinströmenden Sinnesempfindungen. Er riss sich diese schreckliche, kratzende Kleidung vom Leib, bis er vollkommen nackt war. Aber auch das war unerträglich, denn er fing an zu frieren und der Anblick von Gänsehaut erzeugte Selbstekel. So zog er sich wieder an und versuchte irgendwie klarzukommen. Er erforschte das Restebewustsein dieses Wirtskörpers und war teilweise erstaunt.

Die schlimmsten Erfahrungen, die er in der menschlichen Hülle machen sollte standen ihm aber noch bevor und hatten mit dem Verdauungssystem zu tun. Da war zum einen das Essen. Ein fader, fast farbloser Proteinbrei, der nach Nichts schmeckte und eine glibberige Konsistenz hatte. Er dachte an die kreierten Essensaufnahmen in der Matrix; an die ungeheure Vielfalt und die überwältigenden Gerüche und fragte sich, ob die Menschen sich auch für ein Leben in dieser von ihnen genannten Freiheit entscheiden würden, wenn sie von diesem Fraß wussten.

Und dann war da noch die Ausscheidung. Er wusste theoretisch darüber Bescheid und wenn es nach ihm ginge wäre es auch dabei gebliebenen…Dies jedenfalls sollte sein einziger Ausflug in die Welt der Menschen bleiben, wenn er heil zurückkäme.



Nach den 24 Stunden, die er für sich hatte, begann der Alltag für Convex und somit auch für Smith. Er wusste genug über den Dienst, so dass er nicht auffiel und begann insgeheim Pläne zu schmieden, wie er Morpheus vielleicht aus dem Weg räumen könnte, aber nach kurzer, logischer Überlegung sah er ein, dass es so unmöglich war. Seine Dienstzeiten deckten sich nicht mit Morpheus, außerdem war er in andere Bereiche des Schiffs eingeteilt. Von allen möglichen Kandidaten war er an einen Techniker geraten, der in den entlegensten Winkeln der Neb rumkroch um irgendwelche Sachen zu reparieren. Und es gab viel zu reparieren.

Er fühlte sich froh, kaum andere Menschen zu sehen; er kannte nur die, mit denen er zusammen aß: Cypher, der anscheinend Abscheu gegen das Leben an Bord hatte und häufig mit in die Matrix ging; Switch, die ihn ständig mitleidig ansah und dieser Typ namens Dozer, der keine Anschlüsse an seinem Körper hatte, aber dafür am wenigsten Probleme mit dem Essen. So verging ein weiterer Tag und er erfuhr so gut wie gar nichts über Taktik und Kriegsführung der Menschen; nur unwichtigen Tratsch und ein Gerücht das vielleicht interessant sein könnte: Morpheus war auf der Suche nach einem bestimmten Menschen.  Er wollte darüber noch genaueres Erfahren und sich dann geschickt verabschieden.

Während seiner Nachtwache lerne er ein weiteres Crewmitglied kennen.

Smith war auf den Weg in die Messe um etwas zu trinken. Dieses ständige Auffüllen des Körpers mit Flüssigkeit war entnervend und so wollte er es schnell hinter sich bringen. Da war eine Frau vor ihm am Wasserspender. Es war nicht Switch, denn die hatte blondes Haar. Diese Frau hier hatte dunkles, fast schwarzes und als sie sich herumdrehte erkannte er sie:

„Trinity!“

Sie blickte ihn erstaunt an und trank ihren Becher aus.

„Ja, richtig.“

Sie sah so anders aus. So unscheinbar mit dem grauen Pulli und den strähnigen Haaren; aber die Augen waren dieselben wie in der Matrix. Gewittergrau. Er hatte sie ein paar Mal gesehen, wenn sie im Kampf die Brille verloren hatte. Kaum zu glauben, dass diese Frau ihn seit neun Jahren vorführt und ihm ständig entwischt. Wie leicht könnte er jetzt…

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie wurde misstrauisch und er musste aufpassen, dass er sich nicht verriet, dass er nicht das war, was er vorgab zu sein.

„alles wieder ok bei dir?“

„ja. Switch meinte, dass es so was wie Seekrankheit  war“

Sie nickte nur. Kaufte sie es ihm ab? Anscheinend, denn ihr Blick öffnete sich, aber etwas Abwartendes blieb zurück. Noch war er nicht vom Haken.

„Du machst gute Fortschritte mit den Reparaturen in der Bilge. Aber Arbeit ist nicht alles…“ sprach sie gedehnt, als sie zu einem Bord an der Wand ging und eine Box herausnahm.

„Setz dich.“

Ihm gefiel diese Aufmerksamkeit nicht. Wären sie jetzt beide in der Matrix, wären die Verhältnisse vertauscht, hätte in einer 90%-Wahrscheinlichkeit die Oberhand. Aber hier… unter diesen Umständen begriff er was es bedeutete, sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen.

„Setz dich! Das ist ein Befehl!“

Smith glaubte nicht richtig gehört zu haben – diese Person gab ihm einen Befehl? Sollte er jetzt weiter mitspielen – sie war der erste Offizier auf diesem Schiff – oder sollte er klarstellen, wer er ist? Er entschied sich logischerweise für das erste und setzte sich an den kleinen Tisch.

Trinity setzte sich gegenüber und öffnete die Box. Es waren mehrere seltsame Teile aus Metall enthalten. Bolzen, Schrauben und anderes. Smith nahm eins der Dinge in die Hand und betrachtete es. Irgendjemand hatte eine Sechskantpass-Schraube mit Bohrungen völlig unnützbar gemacht. Sollte er diese Teile reparieren?

Er beobachtete, wie Trinity die Metallteile nach Farben ordnete: die eine Hälfte war aus Stahl, die andere aus oxidiertem Buntmetall. Dann nahm sie den Deckel der Box ab und legte ihn mit der Innenseite nach oben auf den Tisch. Die Fläche war aufgeteilt in 8x8 Quadrate. So etwas hatte er schon mal gesehen.

„Das hat Mouse gemacht. Du kennst ihn bestimmt – den kleinen vom Dock.“ Sie sah in so an, als müsste er diesen Mouse kennen. Er kramte in den gestohlenen Erinnerungen und fand ein Gesicht. Behäbig nickte er. Sie ordnete die Figuren auf dem Brett an und nun  erkannte er dass es ein Schachspiel war. Er hatte oft genug in der Matrix beobachtet, wie Menschen das spielten und das einzig erbauliche an dieser Tätigkeit war, dass die Menschen dann nicht andauernd redeten.

„Du fängst an.“ Forderte sie ihn auf.

Überrascht sah er sie an, er hatte nämlich keine Ahnung, wie Schach gespielt wird. Sie verstand und lächelte leicht. Dann neigte sie etwas den Kopf und sprach so, als ließe sie ihn an einer Verschwörung teilnehmen:

„Ich weiß auch nicht wirklich wie es geht. Mouse hat mir gezeigt, wie man die Figuren bewegen darf, aber ich hab keinen blassen Schimmer wie man richtig spielt. Sieht so aus, als starten wir mit gleichstarken Voraussetzungen.“

Smith wusste nicht wohin sich die Sache entwickeln wird, aber sie schien keineswegs zu ahnen, dass sie nicht Convex gegenübersaß sondern einem ‚alten Bekannten‘. Sie erklärte ihm das, was sie von Schach wusste und die nächste halbe Stunde spielten sie. Zu seinem Erstaunen gefiel ihm Schach.

Mit der Zeit entspannte er sich und entwickelte eine Faszination für das Spiel. Überlegte, wie Trinity ihren nächsten Zug machen würde und war gleichermaßen entzückt, wenn sie wie vorausgeahnt zog oder überraschend etwas anderes tat. Verstohlen beobachtete er, wie sie beim Überlegen die Stirn kraus zog oder sich die Nase kratzte. Sie roch anders als in der Matrix.

„Du bist dran – schon seit fünf Minuten“

Erschrocken blickte er auf, dann auf das Spielbrett und machte seinen Zug.

„Ich war nur in Gedanken….“ Presste er entschuldigend hervor. Was war los mit ihm?

„Das hab ich gemerkt.“ Sie war nicht verärgert, eher leicht amüsiert.

Schweigend spielten sie weiter. Jetzt wäre es ein geschickter Moment das Gespräch auf Morpheus zu lenken. Smith hatte immerhin eine Mission zu erfüllen und war nicht zum Spielen hier.

„Was ist eigentlich mit Morpheus?“ warf er also in den Raum. Erstaunt sah sie ihm ins Gesicht.

„Was soll mit ihm sein?“

Die Sache gestaltet sich schwieriger… Nun war Improvisation gefragt.

„Der ist doch an einer großen Sache dran, oder?“ Volles Risiko. Wenn es Informationen gab, dann von ihr oder gar nicht. Sie beendete noch ihren Zug und nahm ihm mit einem Funkeln in den grauen Augen dabei einen wichtigen Offizier, dann sah sie ihn an.

„Ach das meinst du. Seitdem er letztens beim Orakel war ist er ganz besessen. Er meint es gibt einen Mann in der Matrix, der den Krieg für uns beenden wird.“

Smith horchte auf. Aus rationaler Sicht war das vollkommener Schwachsinn – ein Mann gegen ein ganzes überlegenes System. Lächerlich.

„Glaubst du das?“

Sie sah ihn an und wirkte auf einmal sehr müde.

„Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Seit neun Jahren kämpfe ich, oder besser: überlebe ich und es scheint Nichts zu bewirken. Der Krieg besteht nach wie vor, jede Woche gehe ich in die Matrix und denke ‚heute komme ich nicht mehr raus‘, aber ich komme wieder raus und das Ganze geht von vorne los. Bis auf diesem Montag…„  sie bricht plötzlich ab, als ob sie ihre Gedanken ordnen muss. Nachdem sie sich einen Becher Wasser geholt hatte fährt sie fort.

„Was ich sagen wollte - aber das bleibt unter uns - Morpheus ist nicht der einzige, der ein Ende des Krieges für möglich hält.“

Smith zog eine Augenbraue hoch.  

„Du auch?“

„Nein. Ich hoffe nur, dass er irgendwann endet und mir ist es mittlerweile gleich, welche Seite ihn beendet.“

Lange und intensiv sah sie ihn an. Wusste sie doch, wer ihr gegenübersaß? Jedenfalls schien sie sein Geschenk, falls man es so nennen konnte, akzeptiert zu haben. Sie beschäftigte sich wieder mit dem Schachspiel und sie spielten schweigend die Partie zu ende. Erst als Trinity die Figuren zurück in die Box legte, sprach sie wieder.

„Ich werde morgen das Orakel sehen und brauche noch einen Freiwilligen für mein Begleitteam. Bist du dabei?“

Das konnte sie doch nicht von ihm verlangen. In der Matrix würde sofort sein wahres Ich enthüllt. Allerdings hatte er ebenfalls das Gefühl es hier in der realen Welt keine Sekunde länger auszuhalten.



Es war früh am Freitag, als sich Trinity und ihr Team bestehend aus Convex alias Smith und Cypher. Trinity gab ein kurzes Briefing: rein, auf zum Orakel, Trinity würde mit ihr etwa fünf Minuten sprechen und dann ab zum nächsten Ausgang. Keine Extratouren – alle würden unter dem Alarm bleiben um den nächsten Annäherungsversuch an Descartes (was Trinity immer noch ablehnte).

Smith war sichtlich nervös. Sobald ihre Abbilder in der Matrix erschienen, würde er sofort als Agent zu erkennen sein. Persönlich hatte er damit kein Problem, ganz im Gegenteil -  er liebte den Ausdruck des Schreckens auf den Gesichtern der Rebellen. Nun bei Trinity wäre das nicht der Fall, sie würde sich da ganz undamenhaft geben – aber genau das brauchte er am wenigsten. Sie würde 1 und 1 zusammenzählen  und die ganze Mission wäre für die Katz. Er bereitete sich darauf vor, in der Nanosekunde, nachdem er in der Matrix erschienen war, in den nächsten Körper außer Sichtweite der Widerstandskämpfer zu springen. Aus diesem Grund regte er an, einen Einstieg in der Nähe der Fußgängerzone zu wählen.

Trinity war erst irritiert unterbrochen zu werden, aber sie stimmte nach reiflicher Überlegung zu. Und nun gab es kein Zurück mehr….

Smiths Plan ging auf – er verließ den Körper, bevor die anderen merkten was da überhaupt passierte; dank des langsamen menschlichen Nervensystems. Dann brach Panik aus: Convex' Körper lag wild zuckend auf dem Boden und redete unzusammenhängendes. Cypher telefonierte mit dem Operator und Trinity war sofort auf Krawall gebürstet.

Heute würde sie das Orakel nicht mehr sehen
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