×Träumer

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
Magneto / Eric "Magnus" Lehnsherr Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier
15.08.2012
15.08.2012
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Die Gerüchte kannte Charles sehr wohl, jedoch interessierten sie ihn nicht wirklich. Wieso auch? Es gab so viele Mutmaßungen in diesem Haus, dass diese vergleichsweise Kleine nicht weiter von Belang war. Irgendwie waren nur noch wenige Sachen wirklich von Belang.

Er sollte nicht träumen können... Einfach weil er immer das spürte, was um ihn herum geschah, in den fremden Köpfen lauerte. Manche behaupteten, dass Charles gar nicht mehr schlief, aber das war Unsinn.

Aber Charles würde es ihnen nicht sagen, sie dürften glauben und denken, was sie wollten. Es war ihr gutes Recht.

Und immerhin wusste er es besser.

Besser als sie alle.

Denn sie konnten nicht in seinen Kopf hinein sehen – was Charles auf eine unausgesprochene Art und Weise beruhigte – während er sehr wohl in der Lage war zu sehen, was sie zu verstecken versuchten.

In den Gedanken, in ihren Köpfen, in ihren Herzen. Er konnte alles lesen.

Erinnerungsfetzen.
                              Emotionen.
                                                 Gedanken.
                                                                    Sorgen.
                                                                                 Nöte.    
                                                                                          Ängste.
                                                                                                      Wünsche.
                                                                                                                      Hoffnungen.
                                                                                                                                          Verluste.
                                                                                                                                                        Verlangen.                

All das, was seine Schüler empfanden, in ihnen war, konnte er realisieren, erfassen. Er konnte ihre Emotionen spüren, die Last ihrer vergangenen Taten. Ihre Sorgen um die Zukunft. Ihren Selbsthass.
Einfach ihre Existenz in wenigen Sekunden mit Haut und Haar erfahren. Und das immer.

Ob er wollte, oder nicht.

Charles versuchte so gut er konnte, sich aus der Gedankenwelt seiner Schützlinge herauszuhalten, nicht absichtlich in ihr Bewusstsein einzudringen, aber immer wieder musste er feststellen, dass er nicht stark genug war.

Noch nicht.
Noch immer nicht.

Damals – es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, und doch waren es erst einige, wenige Monate, kaum ein Jahr her – hatte er es schon nicht geschafft sich vollkommen aus dem Kopf seiner Vertrauten zu entfernen, und nun war er immer noch nicht in der Lage, ihre Integrität zu waren.

Er war ein schlechter Mensch.

Doch es war nie seine Absicht gewesen. Er wollte das gar nicht, er wollte nicht in das Heiligste der Kinder eindringen, aber es ließ sich manchmal nicht vermeiden. Manchmal waren Emotionen zu stark, als das sie ungehört bleiben könnten.

Er selbst war – trotz der Ereignisse in Kuba, trotz der Verluste – immer noch zu jung, als dass er sich komplett unter Kontrolle hatte.

Er versuchte es.

Er versuchte mit jedem Tag zu lernen, genau wie die Schüler in seiner Schule.

Es waren noch wenige, kaum mehr als ein Dutzend Schüler, und er liebte sie alle, als wären sie seine eigenen Kinder, aber Charles spürte, dass er auf dem richtigen Weg war...
Auch, wenn er ihn alleine hinter sich bringen musste.

Ohne Erik.

Ein schwerer Kloß entstand in seinem Hals, den er sich so schnell weg räusperte, wie er nur konnte. Es war immer so... Seid dem Unfall – er nannte es immer noch Unfall, er wollte, dass es ein Unfall war – war es schwer an Erik zu denken.
Und noch schwerer nicht an ihn zu denken.

Es tat weh...
Es tat weh, Erik in seinen Gedanken zu haben, realer als jeder Schmerz es je könnte, wichtiger als jeder einzelne Herzschlag. Unverzeihlich ihn nicht in seinem Kopf zu haben.

Immer da, niemals vergessen.

Charles hatte es bedauert, als die Schmerzen in der Schusswunde vergangen waren. Er hatte Sorge gehabt, dass er nicht mehr an ihn denken würde, wenn nicht immer Qual ihn an den Mann erinnern würde, der sein Leben weitaus mehr beeinflusst hatte, als er zu Anfang gedacht hatte.
Gehofft hatte.

Er hatte Angst gehabt, dass der Schmerz, das letzte Bindeglied zwischen ihnen war.
Das Einzige, was sie gleich machte.
Die einzige Bastion in der Einsamkeit, in die sie beide sich flüchten konnten.

Aber das Wegfallen des physischen Schmerzes hatte den Psychischen nur verstärkt.
Und es war wundervoll.

Nie wieder vergessen... Nie wieder.

Denn sein Gehirn schien zu allem in der Lage, nur nicht dazu zu vergessen. Eine grauenhaft süße Gabe, die Charles irgendwann mit Haut und Haar verschlingen würde.
Er würde es lieben. Denn lieber im ewigen Schmerz leben, als auch nur eine Sekunde vergessen.
Vergessen war schlimmer als der Tod.

Die Nächte waren immer besonders von Gedanken geprägt. Nicht nur von seinen eigenen, auch denen der Menschen in der Villa...
Aber seine...
Seine stachen aus dem Wust an Emotionen immer am deutlichsten hervor... Weil Charles nun Mal nicht aufhören konnte zu denken. Er wollte nie aufhören zu denken.

Er hatte es sich geschworen, und Schwüre hielt Charles immer ein, komme was wolle.
Selbst der Tod.

Sein Segen und sein Fluch.
Sein Schicksal.

Charles zog die Decke hoch bis zu der Nasenspitze, tastete mit der linken, blassen Hand nach dem Lichtschalter seiner Nachttischlampe, schaltete sie aus.

Ein Klicken.

Ein kurzes Aufflackern der Glühbirne, ein monotones Summen. Nichts.

           Ende.

Anfang.


                                                                        Finsternis.
                                                      Einsamkeit.
                                     Gedanken.
               Erinnerungen.
Wünsche.

Die Nächte waren meistens am Schlimmsten. Wenn die Kinder das verarbeiteten, was gewesen war, was noch sein würde. Charles spürte, wenn sie aufgebracht einschliefen, einen Alptraum hatten. Aber es berührte ihn nicht wirklich. Die Nächte waren seine Zeit.
Seine alleine...

Da war er egoistisch, ja.

Aber er konnte nicht alles von seinen Schützlingen abhalten. Und er wollte es auch nicht.
Was, wenn sie ihn verließen?
Irgendwann würden sie ihn verlassen müssen... Es ging nicht anders. Dann würden sie Nacht für Nacht von Alpträumen geplagt werden, Dinge in der Finsternis entdecken, die ihnen auf Grund ihrer Unbekanntheit mehr Angst machten. Nur, weil er die Alpträume von ihnen fern gehalten hatte.
Sie würden leiden.

So wie wohl Erik es tat, als er ihn verließ.

Jede Nacht hatte Charles einen Teil seiner Energie Erik geschenkt, hatte seinen Geist ihm schützend gegeben, damit er nicht von den Bildern Shaws verfolgt wurde.
Von den Konzentrationslager.
Magda und seiner Mutter.
Dem Tod.
Im Nachhinein erkannte er seinen Fehler, aber es war zu spät für Charles. Und für ihn.

Ein leises Seufzen.
Der Ast des halbtoten Baumes, der mit seinem knochigen Ästen gegen das Fenster tippte, als begehrte er Einlass.
Das Flüstern des Windes.
Die Stille.

Charles ertrank in dieser Stille, während die Augen immer schwerer wurden.

Die Wärme.
Der Sand, der leise bei jeder seiner Bewegungen knirschte.
Das Rauschen der Wellen in seinen Ohren.
Der schwere Atem auf seiner Haut.

Arme, die ihn hielten.
Starke Arme.

Geborgenheit.

Charles öffnete nicht die Augen, er wusste wo er war, er wusste, wie es um ihn aussah.
Ein sonniger Tag am Strand vom Kuba. Weicher, feiner Sand, helles, warmes Wasser. Ein U-Boot, dass die meisten der Palmen weggerissen hatte. Leichen, Blut, verstörende Emotionen, der Geruch von Explosionen, den der Meereswind mit sich brachte.
Kleinigkeiten, die objektiv betrachtet ein Nichts waren, sich aber mit grausamer Intensität in Charles Kopf gebrannt hatten. Für immer.
Alles war normal...

Wie immer.
Wie jede Nacht.

„Warum tust du dir das Nacht für Nacht an, Charles?“, flüsterte die so wohl bekannte Stimme, die Charles niemals vergessen konnte. Arme, die ihn in eine warme Umarmung zogen, hielten. Zu bald wieder los lassen würden.

Der Schmerz.

Charles stöhnte leise auf, drückte seinen Rücken durch, die ersten Tränen sammelten sich in seinen Augenwinkeln. Das Atmen fiel ihm schwerer, und er spürte die so bekannte Taubheit in seinen Zehenspitzen anfangen.

Es war wie immer.
Wie jede Nacht.

Die Wunde in seinem Rücken pulsierte, sandte Wellen der Qual durch seinen Körper, während die starken Arme anfingen ihn wie ein kleines Kind zu wiegen, immer wieder leicht hin und her zu schaukeln, ohne dabei zu sehr den Rücken zu belasten. Dennoch waren es Schmerzen, die Charles um den Verstand brachten.

Aber das war es wert.

„Wieso träumst du nicht von etwas Schönem, etwas, wo ich dir nicht weh tue?Ich bitte dich, träume von etwas Gutem.“

Die selbe Bitte.
Wie immer.
Wie jede Nacht.

Vorsichtig öffnete Charles die Augen, blickte hoch in Eriks Gesicht.
Es war perfekt. Die Augen, seine Nase, der Mund, die Träne, die sich unter seinem Lid hervor stahl, der Schmerz und die Schuld, die ihn beinahe auffraßen.

Es war wie immer.
Wie jede Nacht.

„Weil ich Träume, Erik. Darum.“

Ein sanftes, gequältes Lächeln zuckte über Charles Lippen, und er hob die bebende, entkräftete Hand, um die Träne aus Eriks Gesicht zu wischen. Erik sollte nicht weinen, er sollte niemals unglücklich sein... Wenn Charles ihm doch nur das ermöglichen könnte.
Leicht legte Erik den Kopf schief, betete seine Wange auf der Handfläche, sah so schuldbewusst und friedlich aus. So liebevoll.

Der Schmerz verstärkte sich in Charles Rücken, in Eriks Augen. Und über ihnen stand die Frage nach dem Grund. Nach dem Grund für dieses masochistische Verhalten Charles. Natürlich war Erik nur eine Projektion von Charles Unterbewusstsein, mehr nicht, aber dennoch fragte er das, was Charles schon lange wusste.
Sein Unterbewusstsein in Eriks Form um nicht wahnsinnig zu werden.

Erbärmlich.

Aber es war alles, was er noch von ihm hatte. Und das würde er sich nicht nehmen lassen, niemals. Man konnte seinen Körper beschädigen, aber niemals seinen Geist. Niemals seine
Erinnerungen.

                      Wünsche.
                                      Träume.

„Wieso träumst du uns beiden nicht ein besseres Ende, Charles? Wieso träumst du immer wieder von deinem Schmerz? Wieso tust du dir das an?“

Die Stimme, nicht mehr als ein raues Flüstern, überschattete doch die Meeresbrandung. Eriks Geruch, der typische Geruch von ihm, der eine Mischung aus altem Scotch, den Staub von Büchern im morgen Licht und dem herben Duft von Metall war, verdrängte den Gestank der Explosionen. Verdrängte alles Unwichtige und ließ nur Raum für seine Präsenz.

Seine Nähe ließ den Schmerz ins Unermessliche steigen.

„Das weißt du doch.“

„Nein. Ich weiß es wirklich nicht. Glaubst du, dass ich das wollen würde? Glaubst du, dass ich dich leiden sehen wollen würde?“

„Nein.“

Simple Antwort, absolut ehrlich.
Nein.
Erik würde das nicht zulassen.

„Wieso dann?“

Ein leises Schluchzen kam aus Eriks Mund, als er sich hinab beugte, seine Stirn an die Charles' legte. Der warme Atem strich über die feuchten Wangen des Kleineren, seine Finger krallten sich in das dunkle Haar. Sie waren so nah, so real.
So unendlich wirklich.
Schrecklich verbunden.

Charles lächelte. Liebevoll, gütig, während er sich nach Eriks Lippen reckte, nur ganz leicht die raue Haut mit seinen eigenen Lippen spürte.

„Weil ich hoffe, dass du in einem meiner Träume nicht einfach wieder verschwinden wirst.“ Seine Stimme ging beinahe in seinen Tränen unter, und doch schaffte es jedes Wort aus seinem zitternden Mund, der lieber vor Schmerz sich übergeben würde, als zu reden. „Weil ich jedes Mal mir wünsche, dass du an meiner Seite bleiben wirst, und neben mir liegst, wenn ich wieder erwache.“

Ein wenig schlug er die Augen nieder. Wartete, spürte die Qual, spürte Erik so dicht...
Spürte den Sand.
Das Ende.

„Du weißt, dass ich das nicht kann, dass es nie passieren wird, oder?“ Ehrliches Bedauern lag in seiner Stimme.

Schmerz.

„Ja. Aber viel mehr als meine Träume sind mit nicht von dir geblieben.“

Erik kam ihm entgegen, legte nun selbst seine Lippen auf Charles, küsste ihn kurz, aber nicht minder liebevoll. Sanft. Als habe er Angst ihm noch mehr Schmerz zu zufügen. Charles genoss es, genoss es mit jeder Sekunde, die dieses kleine Zusammentreffen ihrer nackten Haut zu einer Ewigkeit werden ließ, wohl wissend, was folgen würde.

Das Ende.
                Der Fall.
                              Die Qual.

Der Schmerz explodierte in einer wütenden, feurigen Woge in seinem Rücken, ließ den Strand in kleine, kleine Spiegelscherben zerfallen.
Das Wasser tropfte in die Schwärze der Unendlichkeit des Träumenden. Die Palmen, das U-Boot, die Leichen, alles, alles löste sich auf, bis nur noch Erik und er hier lagen.

Und der Schmerz in der Finsternis lauerte.

„Du wachst auf.“

„Ich weiß.“

„Dort wird kein Schmerz mehr sein. In der Wirklichkeit.“ Freude in Eriks Stimme, ein gequältes Lachen von Charles. Wie oft hatten sie das schon gehabt?
Wie oft?

„Aber du auch nicht.“, erwiderte Charles leise, beobachtete wie sich die Gestalt, die ihn hielt – am Leben hielt – langsam auflöste, und auch aus der Dunkelheit entschwand.

Es war wie immer.
Wie jede Nacht.

Er verschwand einfach... wie er es immer tat, und ließ ihn zurück. Alleine am Strand.
Wo er hinging, das wusste Charles.
Hinfort zu der Angst.

Dem Schmerz.
                     Dem Vergessen.

„Darum will ich auch nicht mehr dahin zurück, Erik. Ich will nicht wieder zurück. Lieber Schmerzen und dich, als ohne Schmerz und ohne dich...“, schluchzte Charles, weinte wie ein kleines Kind. Ehrlich, ohne Zurückhaltung. Die Worte verhalten.
Ungehört. Unbemerkt. Ungeliebt.

Die einzige Antwort, die Charles erhalten sollte, war ein Versprechen. Ein leises, nie gesprochenes Versprechen, dass er sich selbst gegeben hatte. Wieder zu kommen.
Jede Nacht.
Immer.

Bereit den Schmerz zu erdulden, der schlimmer als jede Realität war.

Bereit wieder von Erik verlassen zu werden.

Bereit weiter zu hoffen, dass er dieses Mal einen anderen Weg wählen würde.

An seiner Seite.

Charles lächelte ein letztes Mal, bevor die Wunde ihn verschlang.

Er unterdrückte einen Schrei, als er aus der Traumwelt emporgerissen wurde, die Hände auf die aufgerissenen Lippen gepresst, der Körper in Panik verkrampft.
Alles in ihm war angespannt, verspannt, während die Tränen seine Wangen benetzten. Er konnte sie nicht aufhalten, nicht stoppen.

Ein Schluchzen verstarb in der Stille.
Das Wimmern erfüllte den Körper.

Die hellen, blauen Augen, hatte er weit aufgerissen, starrten weit in die Höhe, ohne etwas von der Finsternis zu sehen. Nichts, was real war, nichts was ein Traum sein könnte. Einfach nur die Leere, die nicht nur den Raum erfüllte, sondern auch Charles beinahe zur Gänze in Besitz genommen hatte.

Beinahe.
Da war immer noch dieser kleine Fleck, dieser kleine Punkt in ihm, der sich weigerte aufzuhören zu vergessen. Ein kleiner, grauenvoller Schandfleck, den Charles nicht mehr lieben könnte. Eine Erinnerung, die in ihm war... Die ihn ausmachte, mehr geprägt hatte, als alles andere in seinem Leben.
Erik.

Vorsichtig blinzelte Charles, als seine Augen zu brennen anfingen, das strahlende Blau erlosch in beengender Nacht.

Manchmal...

Manchmal, da wünschte sich Charles, dass Telepathen nicht träumen würden.

Manchmal.




-x-

Guten Morgen.

Das hier ist für Nove. Eine Person, die mir tatsächlich an mein Herz gewachsen ist, und die ich nicht nur sehr achte, sondern auch für einige Ideen, wie Schreibstil bewundere. Darum habe ich versucht etwas zu der momentanen Nove-Obsession [Cherik] zu schreiben.
Wegen all der Feels. Leider bin ich nicht der Feelsmaster und im allgemeinen nicht so wahnsinnig BAMF... Schade, ich wollte es dennoch Mal versuchen. Das hier ist nicht mein übliches Schriftbild, aber ich wollte es mal ausprobieren, und wie es wirkt. Ich hoffe, dass es gefallen hat, und ja: Ich bin mal wieder in die Hurt-Abteilung abgerutscht, aber... das passiert mir eben gerne. Wie dem auch sei:
Ich hoffe, es hat gefallen und ich wünsche einen schönen Tag.
Hochachtungsvoll,
Der General
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