Don't be dead!

von anyrei
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
12.08.2012
24.10.2012
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(Anmerkung des Autors: Ich kenne Sherlock nur auf Englisch, daher weiß ich nicht, wer sich im Deutschen mit "Du" oder "Sie" anredet. Ich habe das also per Gefühl entschieden und hoffe, dass dies in der Story nicht stört.)

Kapitel 1: Rain

„Das passt einfach“, dachte Dr. John H. Watson grimmig, als er zum Fenster herausschaute. Die Wolken hingen tief und dunkelgrau am Himmel und verschluckten alle Farben. Es regnete in Strömen. Nichts Ungewöhnliches in London zu dieser Jahreszeit. Aber John war dieses Wetter im Moment lieber als Sonnenschein. Denn der Regen spiegelte seine inneren Gefühle perfekt wieder. Seine Therapeutin meinte, er würde angesichts seines Traumas durch eine depressive Phase gehen. Sie hatte ihm Medikamente verschrieben, doch John hatte sie einfach nicht genommen. Er wollte sich nicht besser fühlen. Er wollte seine Trauer um Sherlock nicht vergessen. Er wollte Sherlock nicht vergessen. Sherlock hatte John gerettet. Als John aus dem Krieg zurückgekehrt war, war er gebrochen. Er wusste nicht, was er mit seinem Leben noch anfangen sollte. Sherlock hatte allem wieder einen Sinn gegeben. Auch die Einsamkeit, die sich in sein Leben geschlichen hatte, als er aus Afghanistan zurückgekehrt war, verschwand, als Sherlock ihn in sein Leben ließ. Er konnte sich ein Leben ohne Sherlock nicht vorstellen und er wollte es auch nicht.
John ließ sich seufzend in seinen Sessel fallen. Er blickte auf den leeren Sessel am Fenster auf dem Sherlock sonst saß und Violine spielte. Er schüttelte langsam den Kopf und hielt seine Hand an die Stirn.
Warum?

John schloss die Augen und verlor sich in seiner Trauer. Vor seinem geistigen Auge stand er wieder vor Sherlocks Grabstein.

„Eine Sache noch. Ein Wunder noch Sherlock – für mich. Sei nicht tot. Würdest du... nur für mich. Hör einfach auf. Lass es...“

John spürte wie sich sein Herz zusammenzog und wieder Tränen in ihm hochstiegen. Wütend stand er auf und lief unruhig durch die Wohnung. Sherlock war sein bester Freund. Er verstand es einfach nicht. Wieso hatte er das getan? Warum hatte er ihm am Telefon so einen Unsinn erzählt? Dass er Moriarty erfunden hatte und nur ein Betrüger war. Das ergab keinen Sinn.

Es ist ein Trick. Es ist nur ein Zaubertrick.

John schüttelte wieder zornig den Kopf. Er konnte das einfach nicht glauben. Was war nur auf dem Dach passiert? Detective Inspector Lestrade hatte ihm berichtet, dass sie die Leiche von Moriarty gefunden hatten. Die Forensik hatte ergeben, dass er sich selbst umgebracht hatte. Warum war Sherlock gesprungen? Auch mit Moriartys Tod hätten sie es doch bestimmt geschafft Sherlocks Unschuld zu beweisen. John kannte Sherlock gut genug um zu wissen wie hartnäckig er war. Sherlock würde niemals einfach aufgeben. Das ergab einfach keinen Sinn.

John öffnete den Kühlschrank – nur um ihn wieder zu schließen. Keine abgetrennten Köpfe, kein Blut oder andere unappetitlichen Dinge waren darin. John lächelte leicht, als er an seine alltäglichen Streitereien mit seinem besten Freund über dieses Thema dachte. Alles in dieser Wohnung erinnerte John an ihn. Der Ex-Soldat ließ seinen Kopf schwer gegen das Küchenfenster sinken. Er schaute nicht wirklich auf die regnerischen Straßen, sondern hing nur weiter seinen Erinnerungen nach.

Sein erster Fall mit Sherlock. „A Study in Pink“ wie er ihn selbst in seinem Blog genannt hatte. Sie verfolgten das Taxi in einer irren Hetzjagd durch die Straßen Londons. Es war der Moment als John seinen Gehstock bei Angelos vergaß. Was seine Therapeutin nicht geschafft hatte, schaffte Sherlock innerhalb eines Tages. John hatte sein Leben wieder bekommen. Mycroft hatte ihm damals erklärt, dass seine Beschwerden nur deswegen weg waren, weil Sherlock ihm den Krieg zurückgegeben hatte. John wurde nicht vom Krieg heimgesucht – er vermisste ihn. John wusste, dass dies nur teilweise richtig war. In diesem ersten Fall hatte John noch etwas anderes herausgefunden. Er bewunderte Sherlock. Der Consultant Detective war ein Genie, ein Meister im Ziehen von Schlussfolgerungen. Aber er hatte auch eine Schwäche – eine destruktive, selbstzerstörerische Seite. In diesem ersten Fall erschoss John den Mann, der Sherlock dazu bringen wollte, das Gift zu nehmen und rettete ihm damit das Leben. In diesem Moment wurde John klar, dass er Sherlock beschützen würde. Diesen wundervollen, genialen Mann, der sein bester Freund wurde.

Doch am Ende hatte er es nicht geschafft. Er war nicht rechtzeitig da gewesen um Sherlock diesmal zu retten. John rutschte langsam die Wand herunter, an der er lehnte und gab seinen Tränen endlich nach.

~~

Auf einem flimmernden schwarz-weiß Video konnte man John Watson sehen, wie er zusammengekauert auf dem Boden saß. Das Video lief auf einem kleinen Laptop, der in einem dunklen Raum auf einem schmalen Tisch stand. Eine Hand berührte sanft den Bildschirm an der Stelle, wo John in dem Video zu sehen war. Dann wanderte sie zu dem Mobiltelefon, dass neben dem Laptop lag. Eine SMS wurde eingetippt.

Molly, bitte schau nach ihm. SH