Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Verlieren und Gewinnen

von oldi
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Dr. John Watson Irene Adler Mary Morstan Mycroft Holmes Professor James Moriarty Sherlock Holmes
11.08.2012
03.11.2014
26
103.667
11
Alle Kapitel
113 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
11.08.2012 5.784
 
Freunde, es ist soweit.
Ende Gelände.
Das hier ist das letzte bisschen Handlung, das ich für diese Geschichte geschrieben habe. Der Abschied fällt mir schwer, aber ich hoffe, der Epilog gefällt euch.
Er ist ein bisschen lang geraten, weil die Figuren dann wohl doch noch mehr zu erzählen hatten, als ich dachte ;D

Danke, dass ihr diese Reise mit mir gemacht habt! Es hat großen Spaß gemacht und mir Freude bereitet, zu lesen, wie ihr mitfiebert :)

Nach diesem Epilog wird es noch ein Bonuskapitel geben, dass die wunderbare Sturmflut - die mir bei dieser Geschichte immer mit Rat zur Seite stand - mir letztes Jahr zum Geburtstag geschrieben hat. Es fügt sich an einer Stelle der Geschichte hübsch ein und ich dachte mir, es ist so hübsch und ihr seid so toll, da habt ihr verdient, es zu lesen (natürlich mit freundlicher Genehmigung der Autorin).

Außerdem gibt's noch ein kleines Nachwort. Meine fünf Cents zur Thematik an sich, zur Frage "wieso HolmesxWatson" und "woher kam die Idee?".

Für die Zukunft ist eine Oneshot-Sammlung als lockere Fortsetzung dieser Geschichte geplant, außerdem schlummert in meinem Hirn eine Idee für den BBC-Sherlock (nein, kein Johnlock ;D).

Ladies und Gentlemen, es hat mich gefreut.
Wenn es ihnen gefallen hat, empfehlen sie mich weiter.
Bis zum nächsten mal <3
Oldi
__________________________________________________________________________________________________________________________________________

Epilog



Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel und ließ ihr die Schweißtropfen von der Stirn in die Augen rinnen. Nach einem erschöpften Seufzen wischte sie sich mit dem Ärmel ihres Arbeitskleides über die Stirn, bevor sie die letzte Bluse von der Wäscheleine nahm und in den Weidenkorb warf, der zu ihren Füßen darauf wartete, in die Kühle des Hauses getragen zu werden. Ihr Rücken schmerzte, als sie sich bückte und den Korb hinein trug, Auch nach Monaten wollte ihr Körper sich nicht recht an die körperliche Arbeit gewöhnen, aber sie war sich sicher, dass sie eines Tages nicht mehr so sehr schwitzen würde. Niemandem machte die Sonne so viel aus, wie ihr. Niemand bekam so schnell Sonnenbrand. Aber es trug auch niemand Kleider, so hochgeschlossen wie die ihren und niemand hatte solch blasse Haut wie ihre, die seit ihrer Ankunft von ständigem Sonnenbrand gerötet war.
Ohne sich weiter den Kopf über die Hitze oder die Hausarbeit zu zerbrechen, brachte sie die Wäsche hinein, legte sie zusammen und verteilte sie auf die Kleiderschränke der Hausbewohner. Nachdem diese Aufgabe erledigt war, ging sie in die Küche, um den Lunch zuzubereiten und eine Einkaufsliste für den nachmittäglichen Gang in die Stadt anzufertigen. Auf einem Schaukelstuhl am Küchenfenster saß die Hausherrin, eine Stickarbeit auf dem Schoß und bedachte sie mit einem dankbaren Lächeln, als sie begann, Kartoffeln zu schälen. „Wie geht es ihnen heute, Mrs. Walker?“, fragte sie die gebrechlich wirkende Frau am Fenster. „Ich kann nicht klagen. Seit sie hier sind, habe ich ja gar nichts mehr zu tun.“ Die beiden Frauen lächelten einander an und niemand kommentierte die zitternden Hände der Hausherrin, die eine Stickarbeit unmöglich machten.
„Kommt Thomas heute zurück?“
„Nein, ich denke, er sagte, er bliebe bis zum Ende der Woche in der Stadt. Er will sehen, ob er eine gute Arbeit finden kann. In der Bank oder vielleicht im Sägewerk.“
„Ich kann ihm ihre Grüße ausrichten, wenn ich später zum Einkaufen gehe.“
„Das wäre sehr nett von ihnen.“

Der Lunch stand dampfend auf dem Tisch, als die Kinder aus dem Mittagsschlaf geweckt und zum Essen gerufen wurden. Betsy, Jonah und Clark polterten die Treppe hinunter und verschlangen lachend und plappernd das Essen in Gesellschaft ihrer Mutter und der Haushälterin, die auch ihre Gouvernante war. Das Essen verlief außergewöhnlich friedlich, bis Jonah seiner Schwester an den Haaren zog und Betsy zu Kreischen anfing. Bevor die Situation eskalieren konnte, verbannte die Gouvernante Jonah mit seinem Teller in den Salon und verbot Clark das Kichern. Betsy, die vor Genugtuung lächelte, warf der Gouvernante ein verschwörerisches Lächeln zu, bevor diese ihr zulächelte, und sie dazu aufforderte, ihr Mittagessen zu beenden, wenn sie später mit in die Stadt wollte.

Als die Kinder aufgegessen hatten und gebändigt waren, weil man ihnen Papier und Stifte zum Malen gegeben hatte, machte die Gouvernante den Abwasch, säuberte die Küche und verschwand kurz in ihr Zimmer, um ihr verschwitztes Hauskleid gegen ein frisches Ausgehkleid auszutauschen. Nachdem sie sich umgekleidet hatte, warf sie einen kurzen Blick in den Spiegel. Ihr rotbraunes Haar hatte sich teilweise rebellisch aus dem sauberen Dutt vom Morgen befreit, sodass sie es hastig mit ein paar Klammern bändigte, sich mit einem kühlen Waschlappen über das müde Gesicht strich, ein Lächeln auf ihre Züge zwang, ihre festen Schuhe für den Weg in die Stadt anzog und die Treppe hinunter eilte.
Am Fuß der Treppe erwarteten sie bereits die hibbelige Betsy und ihre erschöpfte Mutter.
„Danke, dass sie Betsy mit in die Stadt nehmen.“
„Keine Ursache. Ich habe Mrs. Smith von nebenan Bescheid gegeben, damit sie in einer halben Stunde einmal nach den Jungen sieht. Machen sie sich keine Sorgen. Sie können sich ruhig ausruhen, während ich fort bin.“
Misses Walker lächelte, während die Gouvernante Betsy bei der Hand nahm und sachte aus der Türe in die langsam weniger unerträgliche Nachmittagssonne schob.
„Mary?“
Die Gouvernante drehte sich erschrocken um, erstaunt, ihren richtigen Namen noch einmal zu hören, obwohl man sie inzwischen Edith nannte.
„Ja, Mam?“
„Sie sind ein Engel.“
Mary lächelte matt.
„Danke. Aber vergessen sie nicht, dass ich Edith heiße.“
„Keine Sorge. Ihr Geheimnis wird dieses Haus niemals verlassen.“
Mary schluckte, lächelte gequält und verschwand dann mit Betsy zu den staubigen Wegen, die in die Stadt führten.


Zur gleichen Zeit in London:
Der verfluchte Higgins war schneller, als sie befürchtet hatten und so dauerte ihre kleine Verfolgungsjagd nun schon länger als zehn Minuten an. Watson bekam auf ihrer Hetzjagd allmählich zu spüren, dass er in seinem Alter für wilde Rennerei eigentlich nicht länger geschaffen war und ignorierte schnaubend sein schmerzendes Bein und das Seitenstechen, um mit ein paar flinken Schritten Holmes einzuholen, der abrupt stehen geblieben war. „Was ist?“
Holmes bedeutete ihm mit einem kurzen Handheben, still zu sein und Watson sah sich irritiert um, weil er nicht verstand, warum sie den Mörder nicht länger verfolgten.
Einige Sekunden standen sie in der dreckigen, dunklen Gasse, während die Sonne sich langsam dem Abend neigte. Holmes ließ den Blick über die Häuserdächer schweifen, während Watson allmählich unruhig wurde. Die Gelassenheit von Holmes würde ihn eines Tages noch in den Wahnsinn treiben, dessen war er sich gewiss.
Bevor er jedoch in die Versuchung geraten konnte, Holmes in seinem Starren zu unterbrechen, begann der Detektiv auf diese unnachahmliche Weise zu Grinsen, von der Watson wusste, dass sie Triumph bedeutete. Watson folgte seinem Fingerzeig hinauf zu einer Dachluke eines Hauses nur wenige Meter entfernt, die sich gerade hinter jemandem zu schließen schien. „Woher wussten sie, dass er dorthin verschwinden würde?“
Holmes rollte mit den Augen. „Weil ich hingesehen habe, Watson. Er wiegt sich in Sicherheit, weil er glaubt, er hätte uns abgehängt. Warum also sollte er sich nicht in sein Versteck zurück ziehen?“
„Sie wussten, wo er sein Versteck hat?“
„Schon seit Tagen.“
„Wieso genau mussten wir ihm dann durch die halbe Stadt hinterherlaufen?“
Holmes schmunzelte, amüsiert über die Verärgerung in Watsons Stimme, die sich auch auf den Falten seiner Stirn abzeichnete.
„Körperliche Ertüchtigung.“
„Wie bitte?“ Watson verpasste Holmes mit seinem Spazierstock einen Schlag gegen dessen Schienbein, was dieser völlig unbeeindruckt geschehen ließ.
„Ein kleiner Scherz. Wir brauchten den rechten Zeitpunkt, um ihn überraschen zu können.“
Nun war es an Watson, mit den Augen zu rollen.
„Überlassen wir die Verhaftung dem Yard?“
Holmes warf ihm einen amüsierten Blick zu und Watson lächelte.
Der Detektiv deutete auf die Haustür, in deren Haus sich der gesuchte Verbrecher verbergen musste.
„Nach ihnen, Doktor.“

Das Versteck von Higgins war schnell ausgemacht, nachdem Watson mit seinem Dietrich erst die Haustür und dann die Tür zur mutmaßlichen Wohnung des Verbrechers geöffnet hatte – Holmes war sich sicher, dass es seine Wohnung sein musste, wegen den Abnutzungserscheinungen des Türschlosses – und so dauerte es nicht lange, bis sie dem überraschten Higgins gegenüber standen, der dummerweise gerade eine geladene Waffe zu Hand hatte, mit der er nun mehr oder minder bedrohlich vor ihnen herum fuchtelte.
„Keinen Schritt weiter, oder ich mach‘ euch beide kalt.“
„Ihnen ist klar, dass wir in der Überzahl sind?“, bemerkte Holmes mit erhobenen Händen.
„Einen von euch kann ich trotzdem erwischen.“
„Gut. Gehen wir davon aus, sie erschießen einen von uns, was den anderen vermutlich sehr wütend machen würde. Wut ist, wie sie selbst zu gut wissen, ein guter Motivator für Mord. Bevor sie ihre Waffe nachladen könnten, wären sie also vermutlich selbst tot. Ich an ihrer Stelle würde mir das bewusst machen, bevor ich den Abzug betätige.“
„Ihr haltet euch wohl für besonders schlau, wie?“
„Oh, es ist nicht schwer, sich selbst für intelligenter zu halten, als sie es zu sein scheinen.“
„Halt dein Maul.“
Higgins nahm Holmes in den Schwitzkasten und setzte seinen rostigen Revolver an dessen Schläfe an.
„Wieso denn so unhöflich?“
„Ich puste dir das Gehirn weg!“
Watson tauschte einen leicht beunruhigten Blick mit Holmes, doch der zwinkerte ihm gelassen zu, wofür Watson ihm nur zu gerne einen Schlag ins Gesicht verpasst hätte. Er hasste Holmes für seine grenzenlose Leichtfertigkeit und seine völlig überhöhte Risikobereitschaft.
„Higgins, sie sind vielleicht ein Dummkopf, aber sie sind nicht kaltblütig. Sie werden mich nicht umbringen.“
„Ich habe Jackson umgebracht.“
„Ja, aber das haben sie für Irland getan, nicht wahr? Für die Unabhängigkeit. Warum sollten sie mich töten? Sie sind gläubiger Katholik. Sie glauben an die zehn Gebote. Sie haben sie nur ein bisschen ausgedehnt. Das scheint ihnen legitim. Aber ein kaltblütiger Mord an einem wenig kronetreuen Detektiv? Das passt nicht zu ihnen.“

Watson beobachtete angespannt, wie Higgins offenbar mit sich haderte. Der Doktor wusste, dass Holmes vermutlich Recht hatte, dass Higgins wirklich nicht der Typ Mensch war, der ohne Motiv tötete. Doch Fakt war, dass er ins Gefängnis gehen würde, wenn er sie nicht beide tötete. Und obwohl Holmes ihm die Aussichtslosigkeit seiner Situation aufgezeigt hatte, würde Watson nicht darauf wetten, dass Higgins nicht in plötzlicher Panik unüberlegt abdrücken würde. Er hatte als Soldat oft genug gesehen, wie Männer im Angesicht des Todes ihre Moral und Menschlichkeit über Bord warfen. Also war es an Watson, die winzige Millisekunde abzupassen, in der Higgins voll von seinen Zweifeln übermannt wurde und unachtsam wurde. Schweißtropfen bildeten sich auf Watsons Stirn, während er das Gesicht des Iren beobachtete. Die Entscheidung fiel, als Higgins den Fehler machte, den Blick zur kurz gen Boden zu wenden. Der Soldat in Watson kämpfte sich an die Oberfläche seines Bewusstseins und handelte, statt lange nachzudenken. Binnen weniger als einer Sekunde fand sich Higgins entwaffnet und mit einer kapitalen Platzwunde am Hinterkopf bewusstlos auf dem Boden wieder.
Holmes klopfte sich die Jacke sauber und lachte kopfschüttelnd.
„Gut gemacht, alter Junge.“
Watson wandte ihm den Blick zu. Er lächelte nicht. Stattdessen loderte in seinen Augen die Wut. Sein Gehstock fiel zu Boden, als er auf Holmes losging und ihn am Kragen packte und gegen die Wand warf.
„Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen, Sherlock?“
„Beruhige dich. Sieh‘ dir seinen Revolver an, bevor zu mich verprügelst.“
Watson ließ zögernd von ihm ab und hob die Waffe vom Boden auf, um sie zu überprüfen und mit einem wütenden Schnauben festzustellen, dass die Munitionskammer leer war.
„Woher zur Hölle…“
„Ich war schon vor Tagen hier und habe die Munition heraus genommen. Er hatte nur diese eine Waffe und da es auch die Mordwaffe ist, war es eher unwahrscheinlich, dass er sie mit sich herum tragen und neue Munition einlegen würde.“
„Wieso musst du dann ein solches Theater veranstalten? Ich habe Blut und Wasser geschwitzt!“
Wütend warf Watson den Revolver zu Boden und nahm seinen Stock wieder auf.
„Restrisiko. Und außerdem war dein Gesicht zu köstlich.“
Ehe Watson wieder auf ihn los gehen konnte, packte Holmes ihn bei den Handgelenken.
„Ich habe dir zugezwinkert.“
„Das kann bei dir alles Mögliche heißen. Du elender-“
„Du kannst mich in der Baker Street beschimpfen wie du willst, aber Lestrade kommt in etwa drei Sekunden durch die Tür, also…“
Sie entfernten sich einige Schritte voneinander und Holmes richtete gerade seinen Kragen, als Lestrade mit Clark und einigen anderen Polizisten herein kam und die Brauen ob des am Boden liegenden Higgins hob.
„Schön, dass sie auch schon da sind, Lestrade. Ich schätze, es wird nicht einmal ihnen schwerfallen, jetzt die Wahrheit aus ihm heraus zu bekommen. Wenn sie einen Zeugen benötigen…der Doktor und ich haben ihn sagen gehört, dass er Jackson ermordet hat.“
Lestrade winkte ab. „Ich komme darauf zurück.“
Watson tauschte einen Blick mit Holmes und räusperte sich dann.
„Sie entschuldigen uns? Ich muss mir das da mal ansehen.“
Er deutete auf einen harmlosen Kratzer an Holmes Schläfe. Lestrade scheuchte sie davon, ohne ihnen weitere Aufmerksamkeit zu schenken.


Die Tür zum Appartement B hatte sich kaum hinter ihnen geschlossen, als Watson seinen Mantel wütend auf das Sofa im Salon warf und Holmes einen vernichtenden Blick zuwarf.
„Wieso?“
„Wenn sie ganze Sätze formulieren, Doktor, dann verstehe ich sie auch.“
„Du weißt, was ich meine, Sherlock.“
Holmes hob die Brauen, überrascht, dass John sich scheinbar dazu entschlossen hatte, ihre kleine Abmachung zum zweiten Mal an diesem Tag zu brechen. Persönliche Anrede war verboten, solange das Haus nicht leer war oder die Nacht sich über die Stadt gelegt hatte und natürlich insbesondere in der Öffentlichkeit. Aber es war noch nicht ganz dunkel und Mrs. Hudson war noch wach und könnte sie hören, wenn sie wieder einmal neugierig an der Türe lauschte. Wenn Watson sich nicht an die Regeln hielt, bedeutete das also, folgerte Holmes, dass er wirklich, wirklich wütend sein musste. Also hob er beschwichtigend die Hände. „Du weißt, dass ich nun mal so bin.“
„Lebensmüde?“
„Es war keine Munition in der Waffe!“
„Was dich immer noch zu einem Arschloch qualifiziert.“
„Wieso das?“
„Weil du es mir hättest sagen können!“
„Dann wäre Higgins nur wieder weggelaufen und wir hätten ihm erneut hinterher laufen müssen. Und seien wir ehrlich…er war schneller als wir.“
„Vorher, Sherlock. Du hättest mir vorher sagen können ‚John, wir überraschen jetzt Higgins. Mach‘ dir keine Sorgen, falls er eine Waffe hat. Sie ist nicht geladen.‘ Das wäre vielleicht eine Möglichkeit gewesen, mich vor einem Beinahe-Herzinfakt zu bewahren.“
„Du bist melodramatisch. Wenn du mich fragst, warst du sehr souverän. Selbst wenn die Waffe geladen gewesen wäre, hätte niemand von uns jetzt auch nur einen Kratzer.“
„Du verstehst einfach nicht, dass du mir einen verdammten Schreck eingejagt hast, oder?“
„Das war nicht meine Absicht.“
Watson schnaubte.
„Natürlich. Es ist ja nie deine Absicht, dich in Gefahr zu bringen, beinahe zu sterben oder mich wenigstens glauben zu lassen, dass dich jemand ermorden wird.“
„Du würdest dich langweilen, wäre es anders.“
„Oh nein. Ich wäre wesentlich entspannter und würde mich nicht andauernd fragen, in welchem Holz du wohl gerne deinen Sarg sehen würdest.“
„Mahagoni. Und außerdem wärst du jetzt nicht hier, wenn ich kein solch risikofreudiger Idiot wäre.“
„Wir haben eine Abmachung.“
„Die besagt, dass ich keine fragwürdigen Substanzen konsumieren darf. Was ich nicht tue.“
Watson biss die Zähne aufeinander, schwieg und schaute zu Boden.
Holmes seufzte.
„Es tut mir leid. Nächstes Mal sage ich es dir vorher.“
„Ich sollte jetzt gehen. Es wird dunkel.“
„Es regnet.“
„Ich habe einen Schirm.“
„John, bitte.“
Watson hob den Blick, begegnete Holmes Augen, die ihn bittend fixierten und seufzte.
„Du bringst mich nochmal ins Grab.“
„Welches Holz?“
„Eiche.“


Später am Abend, als sie bei einer Partie Schach vor dem Kamin saßen, klopfte es an der Tür und Holmes bat den Besucher herein. Es war Lestrade, der sich für die Zusammenarbeit bedanken wollte. „Guten Abend die Herren.“, brummte er, wohl ein wenig überrascht, Watson um diese Uhrzeit hier anzutreffen.
„Wie können wir helfen, Lestrade?“, fragte Watson mit einem freundlichen Lächeln.
„Will Higgins nicht reden?“, murmelte Holmes abwesend, während er das Schachbrett betrachtete und seinen nächsten Zug überlegte.
„Nein, das ist es nicht. Im Gegenteil. Ich wollte mich bei ihnen bedanken, dass sie Higgins lebend gefasst haben. Er hat uns die Namen all seiner Hintermänner genannt. Sie haben sicher einige Morde verhindert.“
Holmes runzelte die Stirn. Lestrade war nicht die Art von Mensch, die sich überschwänglich zu bedanken pflegte. „Deshalb sind sie doch nicht hier.“
„Doch. Ich kam auf dem Weg nachhause zufällig vorbei und dachte, ich bedanke mich bei den Herren. Also, bei ihnen, Holmes. Mit dem Doktor hatte ich zugegebenermaßen nicht gerechnet.“
„Sie kommen auf ihrem Heimweg nicht an der Bakerstreet vorbei.“
„Ich habe noch bei einer Cousine vorbei geschaut. Sie lebt in der Nähe.“
Jetzt runzelte auch Watson die Stirn. „Ist alles in Ordnung, Lestrade?“
Lestrade tupfte mit seinem Taschentuch seine Stirn ab und nickte.
„Es ist alles bestens. Sie entschuldigen mich? Meine Frau wartet mit dem Essen.“
Watson und Holmes tauschten einen verwirrten Blick, während Lestrade mehr aus der Tür stolperte, als ging, und sich auf der Türschwelle plötzlich noch einmal umdrehte und einen Umschlag aus seiner Manteltasche hervor holte.
„Den hat mir ihre Vermieterin vorhin gegeben. Sie hat wohl vergessen, ihn ihnen zu geben und wollte so spät nicht noch einmal hinauf kommen.“
Unentschlossen stand er eine Weile mit dem Umschlag in der Hand herum, bevor er ihn auf der Kommode neben der Tür ablegte und ohne ein weiteres Wort verschwand.

Holmes drehte den Umschlag unentschlossen in seinen Händen. Er hatte längt erkannt, dass das Umschlagpapier zwar Mycroft gehörte, aber aufgrund der Adressierung gleich geahnt, von wem der Brief stammen musste, der sich darin befand.
„Was ist los?“
Watson war hinter ihn getreten und unterbrach seine Gedanken, ehe er auch nur darüber nachdenken konnte, den Brief vielleicht nicht seinem Empfänger zu überreichen, sondern ihn in die Flammen zu werfen. Mit einem Seufzen drehte er sich um und überreichte Watson den Umschlag.
„Es ist ein Brief von Mary. Für dich.“
Watson nahm den Umschlag entgegen, wirkte wie betäubt und schluckte.
Holmes räusperte sich, als er leise Schritte vor der Tür hörte und ahnte, dass Mrs. Hudson sich entschlossen hatte, zu lauschen, weil sie wohl neugierig war, wer diesen Brief an die Bakerstreet schicken würde, obwohl er an John Watson adressiert war.
„Wenn sie wollen Doktor, unterbrechen wir das Schachspiel, damit sie ihre Korrespondenz gleich über ihre geänderte Adresse in Kenntnis setzen können. Es ist ja wirklich höchst seltsam, ihnen ihre Post weiterhin hierher zu senden.“
Watson verstand den Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung lauschende Mrs. Hudson und antwortete, ebenfalls unnötig laut. „Danke, Holmes. Es ist sicher am besten, wenn ich das gleich erledige.“
Holmes bedeutete ihm stumm, dass er in sein Zimmer gehen würde, solange Watson den Brief las, doch Watson schüttelte vehement den Kopf, packte ihn am Handgelenk und zog ihn zu sich, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern.
„Du musst nicht gehen. Ich kann ihn morgen lesen.“
Holmes schüttelte den Kopf und ließ sich zum ersten Mal an diesem Tag zu einer Berührung hinreißen, indem er Watson sanft über die Schulter strich und wortlos ins Nebenzimmer verschwand.

Eine Weile starrte Watson dem Detektiv beinahe hilflos hinterher, ehe er sich zittrig in den Sessel zurück fallen ließ und den Umschlag betrachtete. Er war sich nicht sicher, ob er Marys Brief wirklich lesen wollte. Die Wunde war kaum wirklich verheilt und wenn er ihre – sicher nicht nur freundlichen – Worte lesen würde, lief er Gefahr, sie wieder aufzureißen. Es war merkwürdig, sich einzugestehen, wie sehr sich die Dinge gedreht hatten, nun da es sich wie ein Betrug Holmes gegenüber anfühlte, eine Korrespondenz mit seiner Ehefrau aufzunehmen. So sehr er sich in den vergangenen Monaten bemüht hatte, ihre Adresse zu erfahren, nur um sich nach ihrem Wohlergehen erkundigen zu können – wobei Holmes ihn stets unterstützt hatte – so sehr fürchtete er jetzt, ihre Worte zu lesen und sich damit an die schmerzlichste Episode seines Lebens zurück zu erinnern, die kaum sieben Monate zurück lag. Schließlich aber siegte die Neugierde und so riss er den kleinen Umschlag doch beinahe hastig auf und entfaltete zwei Papierbögen um beim Anblick von Marys geschwungener Handschrift unerwartet heftige Schmerzen in der Brust zu empfinden, noch bevor er zu lesen begonnen hatte.



John,

Ich schreibe dir, weil ich es als meine Pflicht empfinde, dir zu sagen, dass es mir gut geht.
Auch wenn wir unter unangenehmen Umständen auseinander gingen, so will ich doch, dass du weißt, dass ich wohlbehalten in den Vereinigten Staaten von Amerika angekommen bin. Ich lebe jetzt unter einem neuen Namen als Gouvernante und Haushälterin bei der Familie eines ehemaligen Agenten von Mycroft Holmes, einem jungen Mann namens Thomas Walker. Die Familie wohnt im Süden, wo es sehr heiß ist, aber die Menschen freundlich sind. Die Familie weiß um meine Geschichte und hat mich dennoch anstandslos aufgenommen. Ich möchte nicht behaupten, dass ich glücklich sei, aber ich bin in Sicherheit und ich habe ein Auskommen, ein Dach über dem Kopf und in Thomas schon jetzt einen guten Freund gefunden. Die Kinder sind in einem schwierigen Alter, aber sehr liebenswürdig und ganz so, wie ich mir unsere Kinder gewünscht hätte.
Du wirst dich vielleicht wundern, dass ich dir all dies schreibe, aber ich hatte auf der Überfahrt hierher sehr viel Zeit, um über alles nachzudenken.
Ich kann dir nicht vergeben, was du getan hast und ich kann nicht behaupten, du hättest mir keinen Schmerz zugefügt. Aber ich empfinde keine Wut und keinen Hass. Weder dir gegenüber, noch gegenüber Holmes. Ich weiß, dass, was zwischen euch vorgefallen ist, sich nicht gehört und dass du eine Sünde vor Gott begangen hast.
Dennoch habe ich begriffen, dass es zu keinem Zeitpunkt deine oder seine Absicht war, mich, oder einen anderen Menschen zu verletzen. Wie könnte ich dir vorwerfen, einen Menschen zu lieben? Auch wenn die Menschen sagen, dass manche Liebe unnatürlich ist, glaube ich nicht, dass Gott sie uns gegeben hätte, wäre sie falsch.
Ich wünschte nur, du hättest begriffen, was du fühlst, bevor wir einander das Eheversprechen gaben. Du hättest glücklich sein können und ich hätte es auch gekonnt. Vielleicht wären wir gute Freunde geworden. Leider kann man die Zeit nicht zurück drehen und so ist es vermutlich gut so, wie es ist, auch, wenn du eine Lücke in meinem Leben hinterlassen hast, die ich zu füllen nie imstande sein werde.
Ich wünsche dir, dass es dir gutgeht und du glücklich werden kannst. Die Wege des Lebens sind unergründlich und auch wenn Gefühle zerstörerisch sein können, ist es nicht immer falsch, auf sie zu hören.
Sorge dich nicht um mich. Ich habe den Verlust einer Liebe schon einmal verwunden. Ich werde es auch dieses Mal können. Diese Welt hält mehr für uns bereit, als nur die Ehe. Ich habe meine Arbeit und sie füllt mich aus, wie sie es nach dem Tod meines Verlobten auch getan hat.
Bitte versuche nicht, mir zu antworten. Es ist für uns alle leichter, wenn wir keinen Kontakt zueinander aufrecht erhalten.

In Liebe.
Mary

PS: Bitte lass‘ Mary Watson am 5.1.1893 versterben. Meine Eltern werde ich über diese Lüge in Kenntnis setzten, aber niemanden sonst.




Nachdem Holmes eine ganze Stunde damit zugebracht hatte, in seinem Schlafzimmer rastlos auf und ab zu laufen, begann er langsam, mit dem Gedanken zu spielen, in den Salon zu gehen, nur um nachzusehen, ob Watson noch dort war, oder ob er gegangen war, um sich eine Fahrkarte für eine Überfahrt nach Amerika zu besorgen. Die Angst davor, den Salon leer zu finden, war jedoch zu groß und so traute er sich nicht hinaus und ließ sich in wachsender Verzweiflung auf sein Bett sinken, wo er sitzen blieb und sich bemühte, die Dinge aus dem Blickwinkel seiner alten Distanziertheit zu betrachten.

Wenn Watson gehen wollte, würde er gehen und es gäbe nichts, womit er ihn aufhalten könnte oder überhaupt wollte. Es würde alles seinen gewohnten Gang gehen. Er würde allein sein und sich einzig und allein der Arbeit widmen. Allein sein war nicht schlecht. Es würde ihn vor Verletzungen beschützen.
Während Holmes also schon wieder versuchte, seinen Gefühlspanzer zu reaktivieren – obwohl er es längst als halbwegs sinnloses Unterfangen klassifizieren musste – öffnete sich mit einem leisen Quietschen die Tür und eine schattenhafte Gestalt lehnte sich im Halbdunkeln gegen den Türrahmen.

Holmes war so in Gedanken, dass er Watson erst bemerkte, als dieser sich neben ihm auf die Matratze setzte und ihn damit erschrocken zusammen zucken ließ.
Holmes erholte sich ein wenig von seinem Schreck und räusperte sich.
„Falls sie gekommen sind, um mir zu sagen, dass sie gehen werden ohne jemals zurück zu kehren, möchte ich sie darüber in Kenntnis setzen, dass ich ihnen und ihrer Gattin alles Gute wünsche.“
Watson starrte ihn an, doch Holmes weigerte sich, ihn anzusehen.
„Ist das ihr Ernst?“
„Mein vollster Ernst, Doktor. Man soll nicht trennen, was zusammengehört.“
„Das sehe ich genauso.“
„Wie schön, dass wir uns einig sind. Wenn sie möchten, mache ich einen Spaziergang, während sie die Dinge einsammeln, die ihnen gehören.“
„Ja, ein Spaziergang würde ihnen jetzt sicher guttun.“
„Schön, dann werde ich also…“
Holmes wollte sich erheben, doch Watson packte ihn bei den Schultern und drehte ihn zu sich, ehe er aufstehen konnte. „Sherlock, du bist ein solcher Idiot!“
„Ich würde sie bitten, mich nicht mit diesem Namen anzusprechen. Es könnte sein, dass es mich ein wenig sentimental stimmt und ich möchte ihnen den Weggang nicht unnötig erschweren.“
„Würdest du jetzt bitte mit dem Schmierentheater aufhören?“
„Wenn sie mich loslassen, gehe ich sofort und lasse sie in Frieden.“
„Herrgott nochmal.“
Watson presste seine Lippen auf die des Detektives, legte seine Hände in dessen Nacken und hielt ihn fest, als er Watson von sich schieben wollte.
„John, bitte.“, murmelte Holmes schließlich, als er ihn endlich abgewehrt hatte. „Keine melodramatische Abschiedsszene.“
„Ich habe nicht vor, irgendwo hin zu gehen?“
Holmes runzelte überrascht die Stirn.
„Nicht?“
„Nein. Aber wenn du mich so dringend loswerden willst, dann sollte ich vielleicht doch noch einmal darüber nachdenken.“
„Ich…nein. Ich dachte nur, wegen des Briefes…“
„Du dachtest wirklich, ich würde alles stehen und liegen lassen und dich verlassen, nur weil ich einen Brief von Mary erhalten habe?“
„Es schien mir offensichtlich, dass der Erhalt des Briefes dich verwirren würde und dass du nach einigem Nachdenken die kluge Entscheidung treffen würdest, nach ihr zu suchen.“
„Du enttäuschst mich, Sherlock. Sehr sogar.“
„Ich verstehe nicht, wieso. Ich habe immer akzeptiert, dass du den Verlust von Mary nicht verwunden hast.“
„Nach all den Monaten glaubst du also immer noch, ich würde das, was zwischen uns passiert ist, einfach wieder vergessen können? Du denkst wirklich, dass ich noch so sehr an Mary hänge, dass ich das hier einfach wieder aufgeben würde?“
„Ich dachte nur…“
„Du liegst falsch! Ja, Marys Brief hat mich getroffen. Ja, manchmal ist es schwer, zu wissen, dass ich sie so verletzte habe. Aber ich könnte meine Gefühle nie wieder verleugnen, Sherlock. Verstehst du das?“
Er nahm Holmes Gesicht fest in seine Hände und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen. Allmählich schien der Detektiv zu begreifen, aber Watson war noch nicht fertig.
„Ja, ich habe Mary geliebt. Aber ich gehörte doch schon längst jemand anderem. Das konnte Mary nicht ändern, während sie an meiner Seite war und das wird sie auch jetzt nicht ändern.“
„Du bist melodramatisch.“
„Ich bin melodramatisch? Du hast unsere ‚Partnerschaft‘ wie du es gerne nennst, gerade beinahe beendet, weil du mir noch immer nicht vertraust.“
„Es…ich verstehe nicht, wieso du dich für das hier entschieden hast.“
„Immer noch nicht? Nach allem, was wir durchgemacht haben?“
„Du weißt, dass ich mit solcherlei Empfindungen keinerlei Erfahrung habe.“
„Doch, Eifersucht kennst du ziemlich gut.“
„Das meine ich nicht.“
„Ich weiß.“

Sie schwiegen eine Weile, weil solcherlei Gespräche und das eingestehen ihrer emotionalen Nähe auch nach Monaten immer noch etwas Merkwürdiges, Ungewohntes hatten und es ihnen immer leichter fiel, sich auf humorvolle Weise zu nähern.
Umso überraschter war Watson, als Holmes ihn doch noch einmal auf den Brief ansprach.
„Geht es dir gut, John?“
„Ja, es geht mir gut.“
„Willst du ein bisschen Zeit für dich?“
„Nein, es ist in Ordnung. Wirklich. Es hat mich nicht so sehr mitgenommen, wie ich befürchtet hatte.“
„Du siehst mich verwundert.“
Watson zuckte die Schultern. „Vielleicht habe ich einfach endlich begriffen, dass es gut ist, wie es ist. Dass es so sein sollte. Auch wenn ich immer bereuen werde, was ich Mary angetan habe.“
„Was schreibt sie denn?“
„Du kannst den Brief lesen, wenn du willst.“
„Ich glaube nicht, dass ihr das gefallen würde.“
„So empathisch heute? Was ist mit Sherlock Holmes passiert?“
„Der ist mit der Planung seines nächstes Schachzuges beschäftigt.“
Damit erhob er sich und kehrte zum Schachbrett zurück, als wäre nie etwas gewesen.
Watson folgte ihm mit einem sachten Kopfschütteln.
Er hatte sich damit abgefunden, dass Holmes solcherlei Diskussionen gerne beendete, wenn es unangenehm wurde. So war er nunmal.


Nach einem Tag voller Turbulenzen und Diskussionen entschloss sich der erschöpfte Watson, nach Wochen zum ersten Mal wieder in der Bakerstreet zu nächtigen.
Der Sommer hatte erstaunlich wenig schlechtes Wetter, dafür aber sehr viel Arbeit in die Praxis gebracht und so war er kaum dazu gekommen, Zeit mit Holmes zu verbringen.
Es war anstrengend, die Tarnung aufrecht zu erhalten, den vielen Fragen nach Mary standzuhalten und sich nebenbei auf das Experiment ‚Partnerschaft mit Sherlock Holmes‘ einzulassen. So war der Fall, den sie heute erledigt hatten, ihr erster seit zwei Monaten gewesen, was dazu beigetragen hatte, dass sich zwar das Gerede beruhigte, sie sich aber auch wieder voneinander entfernten. Gemeinsame Nächte waren noch immer ein merkwürdiges seltenes Privileg und so waren sie immer noch unsicher und steif im Umgang miteinander.
Obwohl Watson ihre Entscheidung, das Unmögliche zu versuchen, noch keinen Tag bereut hatte, war es manchmal schwer und anstrengend und an Tagen wie dem vergangenen auch schmerzhaft. Natürlich hatte Marys Brief ihn mehr verstört, als er vor Holmes zugeben wollte. Es war kaum zu ertragen, von der Ehefrau zu hören, wann man ihren angeblichen Tod zu verkünden und den trauernden Witwer zu spielen hatte. Es fühlte sich falsch an und schürte die Schuldgefühle, die immer noch in ihm loderten. Es war nicht so, dass er es immer noch als falsch empfand, mit Holmes zusammen zu sein. Er hatte akzeptiert, dass er ihn liebte und nichts dagegen tun konnte. Es machte ihn glücklich, neben Holmes einzuschlafen und er genoss es, seine Gefühle nicht mehr verstecken zu müssen, auch wenn sie bisher in expliziter Form noch immer unausgesprochen waren. Es war vielmehr so, dass er wusste, dass Mary Recht hatte. Er bereute die Zeit mit ihr keineswegs, doch er bereute, ihr ihre Zukunft verbaut zu haben, eine Teilschuld daran zu tragen, dass sie ihr Zuhause verlassen musste, ihre Freunde, ihre Familie. Er wünschte sich, er hätte früher erkannt, dass er den egomanischen Detektiv von ganzem Herzen auf die furchtbar verbotene Art und Weise liebte. Nicht nur wegen Mary. Auch, weil er dann weniger Zeit verloren hätte, die er damit hätte verbringen können, die Farbnuancen in Holmes‘ Augen zu studieren, was er tat, während sie wach nebeneinander im Bett lagen und sich stumm anstarrten.

Holmes runzelte die Brauen.
„Dich beschäftigt doch etwas, John.“
„Ich frage mich, was Lestrade wirklich wollte.“
„Eine sehr gute Frage, über die ich auch schon nachgedacht habe. Ich denke, ich werde dem Morgen auf den Grund gehen.“
„Leider ohne mich. Es haben sich schon zu viele Patienten für morgen angemeldet.“
„Ich sehe bei dir vorbei, wenn ich etwas weiß.“
„Danke. Meinst du, er hat Verdacht geschöpft?“
„Wie sollte er?“
„Er hat so merkwürdig darauf reagiert, dass ich hier bin.“
„Vielleicht sollten wir uns darüber Morgen den Kopf zerbrechen. Es ist spät.“
„Seit wann verschiebst du irgendwelche Überlegungen?“
„Gut. Ich formuliere es anders: Wie wäre es, wenn du das Mysterium Lestrade mir überlässt und stattdessen schläfst.“
„Ich kann nicht.“
Holmes rollte mit den Augen.
„Wieso nicht?“
„Erstens, weil du ununterbrochen redest und zweitens, weil…“
„Weil?“
„Ach komm schon. Zwing‘ mich nicht, es zu sagen.“
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
Und weil Holmes wirklich nicht zu begreifen schien, was er meinte, drehte Watson sich auf den Rücken und breitete auffordernd die Arme aus.
Endlich verstand Holmes und schmiegte sich widerstandslos in seine Arme.
Niemand der beiden wagte es bisher, dem anderen ohne eine solche Aufforderung auf eine zärtliche Art und Weise nahe zu kommen, und so machte die Situation beide noch immer nervös.
Holmes lauschte seinem eigenen beschleunigten Herzschlag, der sich in seinen Ohren mit dem Herzrasen Watsons mischte und schmunzelte.
„Ob es jemals aufhören wird, so merkwürdig zu sein?“
Watson lachte, schloss die Augen und küsste seine Stirn.
„Vermutlich nicht.“


Der Regen prasselte gegen die Fenster, während die Stadt schlafen ging und die Menschen dem hektischen Leben für die Nacht den Rücken kehrten.
Einige von ihnen schliefen allein ein, andere neben ihren Ehefrauen, ihren kranken Kindern, die sich ins Bett geschlichen hatten, ihrem Liebhaber, guten Freunden, erkauften Liebschaften, Schwestern, Brüdern, Müttern und Vätern. Einige glücklich, andere weniger. Einige angekommen, andere sehnend. Vielleicht liebten viele von ihnen, einige gar jemand, den sie nicht lieben sollten, weil er oder sie dem falschen Stand, dem falschen Geschlecht, der falschen Familie angehörte oder nicht dasselbe empfinden konnte. Während viele glückliche Seelen schliefen, versuchten weniger glückliche vielleicht, ihren Schmerz in düsteren Hafenkneipen oder Bordellen zu betäuben. Leichte Mädchen weinten um ihre verlorene Jungfräulichkeit und gestandene Ehefrauen über die Affäre des Mannes mit der Gouvernante. Witwen und Witwer besuchten die Gräber ihrer verstorbenen Lieben, damit niemand ihre Tränen sah, wenn das Tageslicht nahte.
Ein junges Paar stahl sich aus seinen Elternhäusern um über die Zäune des Hydeparks zu klettern und eine Nacht unter dem Sternenzelt zu verbringen. Ein Obdachloser bettelte um Asyl in einem überfüllten Armenhaus und wurde abgewiesen, während eine engagierte junge Krankenschwester sich weigerte, einer jungen Mutter ihren Bastard wegzunehmen. Die Welt drehte sich und das Jahr 1892 rann weiter dahin.
Die Menschen dieser Zeit lebten und atmeten in einer Zeit, in der Verstand, Wohlstand, Anstand, Ansehen und Vaterlandsliebe mehr zählten, als jede Form der Zuneigung.
Ehen wurden nicht nur aus Liebe geschlossen, sondern zur finanziellen Absicherung, aus Kalkül, der Familie wegen. Homosexuelle galten als pervers, wurden erpresst, ins Zuchthaus gesteckt oder für verrückt erklärt. Frauen besaßen wenig Rechte, die Unterschicht hungerte und erstickte in ihren eigenen Exkrementen und der Hartherzigkeit der Obrigkeit. Soldaten fielen in Kolonialkriegen für die Krone, die ihre Kolonien nicht nur liebte, sondern oftmals unterjochte.
Doch obwohl vieles am Leben der Menschen lieblos erscheint und obwohl viele von ihnen unter Liebe mehr litten, als sie Freude daran empfinden konnten, existierte die Liebe weiterhin. Die Liebe ist zu allen Zeiten eine unzerstörbare Macht, die sich nicht auslöschen, nicht beirren lässt. Sie ist immer in uns und niemand kann den Menschen verbieten, sie zu empfinden. Sie ist eine zerstörerische Kraft, die oft wütet, wo sie mehr schadet als nutzt. Sie verletzt und verwirrt und verändert. Aber sie bringt uns auch zum Leuchten und lässt uns erfahren, wer wir sind.
Sie hält sich an keine Regeln.
Weder damals, noch heute, noch irgendwann.

THE END
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast