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Verlieren und Gewinnen

von oldi
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Dr. John Watson Irene Adler Mary Morstan Mycroft Holmes Professor James Moriarty Sherlock Holmes
11.08.2012
03.11.2014
26
103.667
11
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113 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
11.08.2012 5.662
 
Hallo zusammen :)

Erst einmal vielen Dank an alle lieben Reviewer und überhaupt an alle, die noch an Bord sind :)

Ich warne euch hiermit: Dieses Kapitel ist schwer merkwürdig. Behauptet nicht, ich hätte euch das nicht vorher gesagt ;D

Dennoch wünsche ich euch viel Spaß :)
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Kapitel 23 - Gestehen

Sherlock Holmes sah mit einiger Beklemmung zum wiederholten Male nervös auf das Zifferblatt seiner silbernen Taschenuhr. Es war viertel nach Acht. Das Royale füllte sich zusehends und der Kellner wurde langsam nervös, weil er sich weigerte, zu bestellen, und er somit einen Tisch blockierte, ohne Geld einzubringen. Holmes trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum – eine Unart, die er sich schon als kleiner Junge angewöhnt hatte – und sah erneut auf die Uhr, nur um zu erkennen, dass kaum dreißig Sekunden verstrichen waren. Allmählich dämmerte ihm, was er sich einzugestehen weigerte. Er wusste, dass John Watson niemals zu spät kam. Selbst eine Verspätung von fünf Minuten wäre ungewöhnlich gewesen. Fünfzehn Minuten aber konnten weder ein Versehen, noch ein Zufall sein. Der Doktor würde nicht kommen.
Nur mit Mühe konnte er das Gefühl unterdrücken, sich wie eine sitzen gelassene Debütantin auf ihrem ersten Ball vorzukommen. Stattdessen fragte er sich, was er sich nur gedacht haben musste. Natürlich war es eine nahezu verrückte Idee gewesen, Watson zu diesem Essen zu bitten. Die ganze gestrige Nacht war verrückt gewesen. Die ganze Idee einer neuen Ehrlichkeit. Diese ganze menschliche Gefühlsduselei, die sein Ich von vor wenigen Monaten vermutlich angewidert hätte. Überfordert mit der Situation ballte er die Fäuste und starrte auf die Tischdecke, als ihn ein schüchternes „Sir…“ aufschrecken ließ. „Herrgott nochmal. Werden sie wohl noch fünf Minuten warten, ehe sie mich hinaus werfen wollen? Ich warte auf jemanden.“ Der Kellner nickte ergeben und stahl sich davon. Holmes sah noch einmal auf die Uhr. Zwanzig Minuten nach Acht. Zuhause warteten Einsamkeit, eine Flasche Wein und ein stinklangweiliger Brief eines möglichen Klienten. Holmes zögerte. Er wollte gerade die Hand heben und beim Kellner eine erste von möglicherweise vielen Weinflaschen ordern, um die Enttäuschung und Wut zu ertränken, als er aus der Entfernung eine Gestalt heran eilen sah, die nach einem gehetzten Doktor Watson aussah.

„Sie sind zu spät.“
Seine Stimme klang schneidender, als gewollt, als Watson sich auf den Stuhl ihm gegenüber gleiten ließ und völlig außer Atem entschuldigend die Hände hob.
„Bitte entschuldigen sie die Verspätung.“
Holmes brummte etwas Unverständliches, ehe der Kellner wieder auftauchte und sie ihre Bestellung aufgaben, ohne in die Karte zu sehen. Sie waren früher Stammgäste im Royale gewesen und wussten, was das Restaurant zu bieten hatte.
Als der Kellner verschwunden war, senkte Holmes die Stimme und sah Watson unverhohlen aufgebracht in die Augen.
„Ich war mir schon sicher, sie würden nicht kommen.“
„Oh das war ich auch.“
„Wie bitte?“
„Ich bin wohl über Nacht wieder zu Verstand gekommen.“
Holmes brach den Blickkontakt und wandte sich ab. Getroffen.
„Was tun sie dann also hier?“
„Meinen Verstand zum Schweigen bringen.“
Holmes hob den Blick und schmunzelte.
„Wir sind schon ein wenig…“
„Verhaltensgestört? Verrückt? Krank?“
„Ich hätte es wankelmütig genannt, aber wenn sie es so ausdrücken wollen.“
Watson lächelte unsicher und musterte dann das blütenweiße Tischtuch.

Er hatte einen furchtbaren Tag hinter sich. Nachdem er nicht geschlafen hatte, war er in die Praxis gegangen, um den ganzen Tag über abwesend seine Patienten zu behandeln und ihnen nur dann zuzuhören, wenn sie etwas Relevantes von sich gaben. Zu Privatgesprächen war er kaum in der Lage gewesen. In Gedanken wälzte er stetig Argumente für und gegen das Treffen, kam nach Gesichtspunkten der Vernunft immer wieder zu dem Ergebnis, dass es verrückt wäre, Holmes weiterhin zu sehen und beschloss schließlich, sich nicht blicken zu lassen und Holmes eine schriftliche Entschuldigung zukommen zu lassen. Am Nachmittag aber, war er beim Verfassen ebendieser Notiz beinahe verzweifelt. Wie sollte er erklären, warum er Holmes verletzen würde, nachdem dieser so auf ihn zugekommen, so ehrlich gewesen war? Blatt um Blatt war tintenbefleckt in den Papierkorb gewandert, bis ihm übermüdet die Augen zugefallen waren. Als er wieder erwachte – mit dem Kopf auf dem Schreibtisch und kapitalen Nackenschmerzen – war es bereits viertel nach Sieben. In nervöser Aufregung wurde ihm bewusst, dass er nicht gehen sollte, aber er es dennoch so sehr wollte, dass ihm keine passende Entschuldigung einfallen wollte. Also beschloss er hektisch, ein Bad zu nehmen und seinen Bart endlich zu stutzen. Nach dem Aufenthalt im Badezimmer stürzte er in die nächste Entscheidungskrise, wusste er doch nicht, was er anziehen sollte und kam sich weibisch vor. Also saß er zwanzig Minuten ratlos und nahezu unbekleidet in seinem Sessel, fragte sich, ob er noch ganz bei Trost war und beschloss von neuem, nicht zur verabredeten Zeit im Royale zu erscheinen. Dann aber blätterte er in seinem Manuskript, das noch immer auf dem Kamin gelegen hatte, besann sich der Dringlichkeit ihrer Unterredung, straffte sich und kleidete sich an, um bereits mit fünf Minuten Verspätung aus dem Haus zu hasten und nach einer Droschke Ausschau zu halten. Und hier saß er nun. Ein wenig außer Atem, die frisch rasierten Wangen leicht gerötet von Nervosität und seiner Hast, die erneut zittrigen Hände auf dem Tisch in sicherem Abstand zu Holmes ineinander verschränkt und konnte keinen klaren Gedanken fassen, wenn er den Detektiv auch nur länger als eine Sekunde ansah.

„Ihnen ist klar, dass ihr Hemd nicht ganz…angemessen geknöpft ist?“
Watson zuckte zusammen, als Holmes sich ein wenig zu ihm hinüber lehnte und ihm die vertrauliche Äußerung ins Ohr flüsterte. Irritiert sah er an sich herunter und erkannte, dass er die obersten drei Knöpfe seines Hemdes nicht geschlossen hatte. Unangenehm berührt knöpfte er sie hastig zu und warf Holmes ein entschuldigendes Lächeln zu.
„Danke.“ Holmes konnte sich das Grinsen nicht verkneifen und Watson schnaubte leise.
Sie saßen eine Weile da, sahen sich nicht an, sprachen nicht und waren mehr als bemüht, sich in keinster Weise auch nur ansatzweise zu berühren. Nicht einmal ihre Füße kamen unter dem Tisch in Kontakt. Dieses Dinner sollte das Gerede absterben lassen, sollte signalisieren, dass sie zwei Gentlemen waren, die eine ganz gewöhnliche Freundschaft pflegten. Dass ihre enorme verkrampfte Anspannung nicht besonders hilfreich war, kam ihnen nicht in den Sinn.
Schließlich erlöste der Kellner sie von ihrem Elend und brachte das Essen, das sie, weiterhin schweigend, zu sich nahmen, obwohl ihnen beiden nicht nach essen zumute war. Schließlich räusperte sich Holmes, bedeutete ihm mit einem Blick, dass ihr Schweigen ganz und gar nicht zum Ersterben des Geredes führen würde und begann ein harmloses Gespräch.
„Also Doktor, wie läuft ihre neue Praxis? Ich höre nur Gutes.“
Erleichtert, von etwas sprechen zu können, das weit vom Gefahrengebiet „Gefühle“ entfernt war, sprach Watson von seinen Patienten und seinen Einnahmen, wechselte dann das Thema und erkundigte sich, ob Holmes gerade in einem Fall ermittelte. Holmes berichtete von einem Kunstdieb, der ein Gemälde aus der Portrait Gallery entwendet hatte und dem er auf der Spur war. Der Kellner schenkte gerade Wein nach und räumte die kaum leeren Teller ab, als Holmes sagte: „Ich würde sie bitten, sich einige der Indizien einmal anzusehen, die ich in diesem Fall angehäuft habe. Ich könnte eine zweite Meinung gebrauchen. Wenn sie nichts Wichtigeres vorhaben, vielleicht nach dem Essen?“
Watson verstand die Maskerade für den neugierigen Kellner, der zweifelsohne von den Gerüchten gehört hatte, und nickte. „Sicher.“
Sie sprachen über das Wetter, die Musik und Holmes deduzierte einige Gäste. Sie lachten, tranken weitere Gläser Wein und erweckten von außen zunehmend den Anschein, zwei alte Freunde beim Dinner beobachten zu können, die einander länger nicht gesehen hatten und nun amüsante, harmlose Anekdoten austauschten.
In Wirklichkeit war das Schauspiel zunehmend anstrengend. Ihnen war bewusst, dass sie eine gewisse Zeit im Royale verbringen mussten, um kein Aufsehen zu erregen. Sie wussten, dass sie unter Beobachtung standen. Es drängte sie, zu gehen und endlich über die Dinge zu sprechen, die so viel wichtiger waren, als ihre gespielte, triviale Konversation. Schließlich hatte die Tortur jedoch ein Ende. Sie winkten den Kellner herbei und schickten nach der Rechnung. Doch bevor sie bezahlen und in die sichere, unbeobachtete Nacht verschwinden konnten, trat eine auffällig in lila gewandete Dame aus der höheren Gesellschaft an den Tisch um mit spitzer Stimme die Stimmung noch angespannter werden zu lassen. „Doktor Watson! Schön sie zu sehen!“
Watson und Holmes erhoben sich, Watson gab der Dame nur widerwillig die Hand.
„Mrs. Knightley. Guten Abend. Sie sehen erholt aus.“
„Danke sehr, Doktor. Es geht mir auch schon viel besser.“
„Das freut mich zu hören. Sie entschuldigen mich?“
Er deutete entschuldigend auf den Kellner, den sie gerade bezahlt hatten und wollte sich zum gehen wenden.
„Natürlich Doktor. Erlauben sie mir nur eine Frage. Ich weiß, Neugierde gehört sich nicht, aber ich mag nicht glauben, was ich höre.“
Watson schluckte und ahnte, was kommen würde.
„Neugierde, Mrs. Knightley, ist eine jugendliche Zierde. Fragen sie nur.“
„Ist ihre Frau tatsächlich in Amerika?“
„Ja, Mary hilft ihrer schwer kranken Cousine mit den Kindern, bis die ärmste sich wieder ein wenig besser fühlt.“
Mrs. Knightley legte theatralisch ihre behandschuhte Hand auf ihre Brust.
„Mrs. Watson ist ja so ein guter Mensch. Wollen wir hoffen, dass sie bald zurück kehren kann.“ Watson schluckte und verkniff sich einen Blick zu Holmes, der sich dezent im Hintergrund hielt und geduldig wartete.
„Das hoffen wir alle. Einen schönen Abend noch, Mrs. Knightley.“
„Auf  Wiedersehen Doktor. Und alles Gute.“
Watson nickte ihr unverbindlich zu und verschwand mit Holmes aus dem Royale.

„Sie hilft ihrer schwer kranken Cousine mit den Kindern? Das ist ihre Tarnung?“
Holmes schnaubte, während sie durch die nur wenig bevölkerten Straßen Richtung Bakerstreet gingen.
„Es war Marys Wunsch.“
Holmes nickte und ließ das Thema fallen.
Sie sprachen nicht weiter, bis sie endlich die Tür der 221b hinter sich zuwerfen konnten.
Sie legten ihre Mäntel ab und Holmes schenkte ihnen Brandy ein, bevor sie sich vor dem Kamin niederließen, in dem Holmes eilig ein Feuer entzündet hatte.
„Da sind wir also.“ Holmes schmunzelte sachte über seine eigene Bemerkung, die seine Sprachlosigkeit verschleiern sollte.
„Haben sie hier drin aufgeräumt?“
Holmes folgte Watsons Blick, der durch die Räume schweifte.
„Oh. Ich…Es ist ein neues Ordnungssystem.“
Watson hob die Brauen. „Haben sie auch ein neues Ordnungssystem für ihre Haare?“
„Wie kommen sie darauf?“
„Vielleicht, weil sie eindeutig kürzer sind als gestern Nacht?“
„Das müssen sie sich einbilden.“
Watson nickte lachend. „Aber natürlich.“
Holmes verschränkte die Arme, seine Augen funkelten angestachelt.
„Sie wollen also Schlussfolgerungen ziehen, ja?“
„Vielleicht.“
„Schön. Ihr Bart ist gestutzt, ihre Kleidung sorgfältig gewählt, aber schludrig zugeknöpft, sie riechen bis hierher nach ihrem Rasierwasser und Seife, der kleine Kratzer in ihrem Gesicht lässt mich schließen, dass sie beim Rasieren abgerutscht sind. Sie waren also um ihr Äußeres Bemüht, aber in Eile und nervös. Habe ich Recht?“
„Soll ich vielleicht zusammenfassen, was uns all das sagt?“
„Bitte. Versuchen sie es nur.“
„Wir sind zwei unreife Frauenzimmer.“
„Ich verbitte mir die Verallgemeinerung. Sie sind ein Frauenzimmer.“
„Wer von uns beiden hat wohl noch den Barbier aufgesucht?“
„Die Haare fielen mir ständig in die Stirn. Ich konnte so nicht arbeiten.“
Watson lachte und lehnte sich zurück.
„Was machen wir hier eigentlich?“
„Sie reden über meine Haare, ich über ihre Gewohnheiten, die Körperhygiene betreffend.“
„Wir sind äußerst kindisch.“
„Es muss am Alkohol liegen, der aus uns spricht.“
„Wollten wir für das hier nicht nüchtern sein?“
„Vielleicht ist es der Ehrlichkeit förderlicher, wenn wir es nicht sind…“
„Kluger Gedanke.“
„Das ist mir bewusst.“
„Und nun, sie Genie?“
Holmes zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht.“
Watson schnaubte leise und nippte an seinem Brandy, starrte dabei ins Feuer.
„Warum wollten sie nicht kommen?“
Die Frage traf Watson unerwartet. Nachdenklich beobachtete er, wie Holmes seine Pfeife stopfte, bevor er antwortete. „Ich hatte wohl einfach Angst.“
Holmes lachte leise und nahm den ersten Zug aus der entzündeten Pfeife.
„Vor mir?“
„Nicht mehr als vor mir selbst.“
„Was sollte denn an uns so fürchtenswert sein?“
„Könnten sie aufhören, so zu tun, als wüssten sie nicht, wovon ich rede?“
„Wieso? Wovon reden sie denn, Doktor?“
„Von dieser ganzen, unschicklichlichen Sache zwischen uns, Herrgott.“
Holmes schmunzelte und inhalierte noch einen Zug Tabak.
„War es wirklich so schwer, es laut auszusprechen?“
„Sie haben ja keine Ahnung.“
Watson erhob sich ruckartig und stellte sein Glas mit einem lauten Knallen auf dem Kaminsims ab. Holmes zog die Brauen zusammen, seine Stirn legte sich in Falten.
„Keine Ahnung wovon, Doktor? Davon, was sie durchgemacht haben? Oh doch, das habe ich. Ich weiß, dass sie ihre Frau gehen lassen mussten, obwohl sie sich gewünscht hatten, eine glückliche, normale Familie mit ihr zu gründen. Ich habe mich lange genug dafür geschämt, dass ich der Grund für ihr Unglück bin. Ich habe ihnen gesagt, dass es mir leid tut. Also behaupten sie nicht weiterhin, ich wüsste nicht, dass die Situation für sie unangenehm ist.“
Watson, überrascht von Holmes plötzlichem Ausbruch, verschränkte die Arme und flüchtete sich in die Defensive. „Das habe ich nicht gemeint.“
„Ach so. Meinen sie dann vielleicht, dass ich keine Ahnung habe, was in ihnen vorgeht?“
Watson schnaubte.
„Wollen sie etwa behaupten, sie hätten eine Ahnung?“
„Unterschätzen sie nach all den Jahren wirklich noch immer meine Fähigkeiten?“
„Empfindungen waren noch nie ihre Stärke.“
Holmes wirkte einen Moment getroffen, räusperte sich dann aber hastig, um sich wieder zu fassen. „Ich kann vielleicht nicht ihre Gedanken lesen, Doktor. Und vielleicht irre ich mich ja, in dem, was ich schlussfolgere. Aber meiner Einschätzung nach haben sie kein Problem, das ich nicht hätte.“
Watson lachte trocken auf. „Oh bitte, Holmes. Sie hatten versprochen, diesmal ohne Maskerade zu spielen. Binden sie jemand anderen diesen Bären auf.“
„Sie halten sich nicht an die Regeln. Wir hatten einander versprochen, ehrlich zu sein.“
„Bin ich es denn nicht?“
„Sie leugnen schon wieder und vergessen.“
„Was sollte ich denn vergessen?“
„Dass sie längst wissen, dass wir im selben Dilemma stecken.“
„Sie wollen doch nicht behaupten…“
„Dass ich zu gelassen habe, nicht mehr von meinem Verstand geleitet zu handeln? Doch. Wie viele Beweise brauchen sie noch?“
„Beweise?“
Holmes legte die Pfeife beiseite, erhob sich in zunehmenden Aufruhr und lief im Zimmer auf und ab.
„Sie werden mir nicht ersparen, mich schon wieder zu erniedrigen, oder?“
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon sie sprechen.“
„Gut. Dann muss ich also ihr Gedächtnis auffrischen.“
„Bitte. Erleuchten sie mich.“
„Ich habe unlogisch gehandelt. Ich habe mich verletzlich gemacht. Ich habe meine Fähigkeiten beinahe eingebüßt. Ich verlor die Kontrolle über mein lange diszipliniertes Empfinden. Ich suchte nach Betäubung. Ich akzeptierte den Schmerz. Ich hieß die Einsamkeit willkommen. Ich gab zu, menschliche Empfindungen zu besitzen, obwohl es mich angreifbar machte. Ich scheiterte in dem Versuch, zu ignorieren, dass ich mich verändert habe. Ich erfand eine Lüge. Ich gestand, was ich nicht einmal mir selbst gestehen wollte. Wollen sie vielleicht riskieren, ihren Verstand ein wenig anzustrengen und sich fragen, warum ich mich so erniedrigt habe? Warum ich nicht verhindern konnte, dass mein Verstand die Oberhand verliert?“
Watson sah ihm in die Augen und erkannte, wie aufgebracht der Detektiv war und wie sehr ihm die beschriebene Verletzlichkeit ins Gesicht geschrieben stand. Watson schluckte und blickte haltsuchend zu Boden, unsicher, was er antworten sollte.
„Ich kann ihnen nicht ganz folgen, fürchte ich.“
„Ihretwegen, Watson. Allein ihretwegen.“
Holmes ließ sich zurück in seinen Sessel gleiten, als sei er Erschöpft von seinem Geständnis, und blickte beinahe beschämt in die Flammen, um Watson nur nicht ansehen zu müssen. Watson indessen stand hilflos da, die Lippen leicht geöffnet, und wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. „Ich…habe nicht gewusst, dass sie…“
„Dass ich auch Gefühle besitze? Ich wusste das auch nicht.“
Watsons Gesichtszüge entspannten sich und verzogen sich zu einem sachten Lächeln.
„Doch das wussten sie. Und ich wusste es auch. Sie waren immer ein guter Freund. Ein guter Mensch. Und sie haben sich immer ein wenig selbst verloren, wenn Irene den Raum betrat.“
Holmes schmunzelte kurz, starrte aber weiter in die Flammen.
„Ich ahnte nur nicht, dass sie eingestehen würden, dass sie welche besitzen. Schon gar nicht…meinetwegen.“
„Glauben sie nicht, dass es mir Freude bereitet.“
Watson lachte und schüttelte den Kopf.
„So sehr haben sie sich nicht verändert. Sie sind immer noch derselbe alte Sturkopf.“
„Wie beruhigend.“
„Ich glaube trotzdem nicht, dass sie verstehen, was in mir vorgeht.“
„Dann erklären sie es mir doch. Wo Empfindungen ja nicht meine Stärke sind, kann ich vielleicht noch etwas von ihnen lernen.“
„Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich fürchte, ich bin bei weitem nicht betrunken genug.“
„Versuchen sie es. Tun sie mir den Gefallen.“
Und obwohl Holmes – noch immer beschämt – weiterhin mehr mit den Flammen zu sprechen schien, als mit ihm, straffte Watson die Schultern, seufzte und stürzte den letzten Brandy hinunter, ehe er sich auf seinen Sessel gleiten ließ und nervös die Hände miteinander verschränkte. Alles in ihm wehrte sich gegen das Geständnis, das er im Begriff war, nicht nur vor Holmes, sondern auch vor sich zu machen. Er wusste, dass es unvernünftig war, unmoralisch, falsch, verhängnisvoll. Aber das Verlangen nach Erleichterung war größer. Das Bedürfnis, endlich einmal die Wahrheit laut auszusprechen und den ewigen Selbstbetrug für einen Moment zu vergessen. Also räusperte er sich und riskierte, sein letztes bisschen Verstand der Lächerlichkeit preiszugeben.

„Sie haben mich gestern sehr oft gefragt, ob stimmt, was in meinem Manuskript steht. Dass ich sie nicht vergessen konnte. Ich konnte ihnen gestern keine echte Antwort geben, weil ich feige bin. Ich bin ein feiger, ratloser Soldat, der sein Ziel aus den Augen verloren hat. Die traurige Wahrheit ist, dass ich sie wirklich nicht vergessen konnte. Vermutlich werde ich das nie können. Sie waren mir immer der beste und weiseste Freund. Ich habe immer geglaubt, dass unsere Freundschaft besonders ist, aber immer verdrängt, dass sie mir wichtiger waren, als sie es normalerweise hätten sein dürfen. Ich sagte gestern, dass ich erst begreifen konnte, dass ich mehr fühle als ich sollte, als ich sie beinahe verlieren musste. Sie wissen nicht, was es für mich bedeutet hat, sie mehr als einmal fast sterben zu sehen, wie schwer es war, unsere Zusammenarbeit, unsere Freundschaft zu beenden. Die furchtbare Wahrheit ist, dass ich nicht von ihnen loskomme, Holmes. Egal wie weit ich laufe, wie viel ich trinke oder wie sehr ich mir jeden Gedanken an sie verbiete. Ich kann nicht aufhören, sie in meiner Nähe wissen zu wollen. Ich kann nicht verleugnen, dass ich mich zu ihnen…hingezogen fühle.“ Watson lachte peinlich berührt auf, fuhr dann aber – mit wenig stabiler Stimme – fort: „Ich bin verloren, Holmes. Ich habe mich versündigt und kann dennoch nicht bereuen, was ich getan habe. Sie haben recht. Ich funktioniere ohne sie, wie sie ohne mich funktionieren. Wie eine leblose Hülle.“
Watson stockte und Holmes hob den Blick, um ihm in die Augen zu sehen.
Ihre Blicke trafen sich und Watson wollte wegschauen, als Holmes sich plötzlich erhob und ans Fenster trat. Eine Weile schwiegen sie, bis Holmes die Stille zerbrach.
„Ist es normal?“
„Was?“
„Dieses merkwürdige warme Gefühl.“
Watson atmete zischend ein. Schluckte.
„In diesem Zusammenhang wird es wohl eher als unnormal gelten.“
„Ich meine das nicht…gesellschaftlich. Aber wenn man einen Menschen…wenn man häufig an einen Menschen denkt. Ist es dann normal, dass man sich entgegen jeder Vernunft seltsam beschwingt fühlt?“
Die Dominosteine in Watsons Verstand fielen. Einer nach dem anderen.
Unschlüssig erhob er sich, konnte sich das Lächeln hinter Holmes Rücken nicht verkneifen.
„Als Mediziner würde ich es wohl als typisches Symptom bezeichnen, ja.“
„Bin ich allein mit diesem Empfinden?“
Watson stand jetzt hinter ihm und erkannte, dass der Detektiv am ganzen Leib zitterte.
Aus einem Impuls heraus legte er ihm die Hand auf die Schulter.
Holmes wandte sich erschrocken um und suchte hilflos nach seinem Blick.
„Nein. Das sind sie nicht.“
Holmes atmete zittrig aus, scheinbar erleichtert und wandte sich dann ab, um zu seinem Platz zurück zu kehren.
Watson tat es ihm nach.

Die Spannung, die zwischen ihnen in der Luft lag, wurde nahezu greifbar, während die Standuhr unerbittlich laute Löcher in ihr Schweigen tickte und einige Minuten im Meer der Nacht verrannen.
Watsons Innerstes befand sich in hellem Aufruhr. Beinahe allumfassendes Glücksgefühl und das Verlangen nach Nähe kämpften mit seinen bohrenden, anständigen Zweifeln und ließen ihn schwindeln. Beinahe panisch beschleunigte sich seine Atmung und er musste seinen obersten Hemdknopf öffnen, um die Beklemmungen zu lindern, die ihn plötzlich überkamen.
Holmes indessen brach nicht weniger in Panik aus. Die Leichtigkeit der letzten Nacht war lange verflogen, die Rationalität seines scharfen Verstandes lange verstummt. Übrig geblieben waren nur wirre Empfindungen, verzweifelte Hoffnungen und berechtigte, ängstliche Zweifel. Der Vorsatz, den er gefasst hatte, lag ihm auf der Zunge, aber sein Sprachzentrum schien ihm nicht gehorchen zu wollen, während er sich nur mit Mühe davon abhalten konnte, Watson auf die Beine zu ziehen, um zu testen, wie es sich jetzt anfühlen mochte, ihn zu berühren.
Schließlich war es Watson, der es schaffte, seine Artikulationsfähigkeit zurück zu gewinnen. „Was tun wir also jetzt?“
Holmes reagierte nicht, sah ihn nicht einmal an.
Watson räusperte sich. „Holmes. Wir wollten miteinander reden, um eine Lösung zu finden. Was denken sie also, können wir dagegen tun, den Verstand zu verlieren?“
„Nichts.“ Holmes Flüstern wehte kaum zu Watson herüber, der ihn ratlos anstarrte.
„Was wollen sie damit sagen?“
„Das wir nichts tun können. Ich dachte lange, ich könnte die Selbstdisziplin aufbringen, aber ich kann nicht.“
„Aber wir können doch nicht zulassen….“
„Was haben wir denn noch zu verlieren?“
Watson schluckte. Darauf hatte er keine gute Antwort und so kam ihm nur eine Floskel in den Sinn. „Es gehört sich nicht.“
„Sie wissen, dass mich nicht schert, was sich gehört und was nicht.“
„Aber mich schert es.“
„Und sie haben selbst schon erkannt, dass sie ohnehin verloren sind. Wir landen beide in der Hölle, so es eine Hölle geben mag.“
„Ich bin ein verheirateter Mann.“
„Nur noch auf dem Papier.“
„Ich bin es Mary schuldig.“
„Mary ist eine kluge Frau, Watson. Sie hatte alles begriffen, was wir erst jetzt sehen, noch bevor sie ihr den Ehering ansteckten.“
„Was wollen sie damit sagen?“
„Sie hat einmal zu mir gesagt, dass sie weiß, dass ich für John Watson nicht weniger empfinde als sie. Und sie hat es gebilligt.“
„Und ich habe ihr Vertrauen missbraucht.“
„Und sie hat die Konsequenzen gezogen.“
„Ich liebe sie immer noch.“
„Ich weiß. Und sie werden sie immer lieben.“
Watson erlaubte sich, Holmes jetzt in die Augen zu sehen. Beim Anblick des blitzenden grünlich schimmernden Brauns, das endlich wieder zum Vorschein getreten war, schmolz sein Widerstand beinahe dahin.
„Das ist verrückt, Holmes.“
Er kam auf die Beine, klammerte sich schließlich haltsuchend an den Kaminsims, Holmes den Rücken zugewandt.
„Wir waren immer schon verrückt.“
Watson erzitterte unter dem Kribbeln, welches das sachte Flüstern an seinem Ohr verursacht hatte. Aber er blieb standhaft und drehte sich nicht um.
„Wie um alles in der Welt soll das funktionieren?“
„Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es so nicht funktioniert.“
„Was ist mit ihrer Arbeit? Sie bedeutet ihnen die Welt und ich dachte, sie dürften nichts empfinden, wenn sie sie ausüben wollen.“
„Ich werde mich daran gewöhnen. Mein Verstand funktioniert auch so noch besser, als ich dachte.“
„Was ist mit dem Gerede?“
„Es wird verstummen.“
„Das Gesetz…“
„…haben wir schon mehr als einmal ignoriert.“
Watsons Selbstdisziplin verlor und er drehte sich um. Beinahe zuckte er ein wenig zusammen, als er Holmes Gesicht erblickte und begriff, wie nahe der Detektiv ihm jetzt war. „Ich kann nicht in die Bakerstreet zurück ziehen.“
Watsons Flüstern war das letzte verzweifelte Aufbäumen seiner wehrhaften Ehrbarkeit.
„Ich weiß.“ Holmes lehnte sich nach vorne, stützte sich mit den Händen am Kaminsims seitlich Watsons Hüften ab und nahm ihm somit jede Fluchtmöglichkeit.
„Wir wissen nicht, ob das funktionieren wird.“
„Es könnte furchtbar schief gehen, das ist wahr. Aber was bringt es uns, es nicht zu versuchen?“
Watson öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder. Seine Argumente waren aufgebraucht. Holmes schmunzelte und Watson erwiderte es verwirrt.
„Allerdings dürfen wir einige Dinge nicht vergessen.“
Watson hob fragend die Augenbrauen, erwartete fast, dass Holmes jetzt doch noch zur Vernunft kommen würde. Ein Teil von ihm hoffte es. Ein anderer fürchtete es.
„Ich spiele mitten in der Nacht Violine.“
Watson lachte. „Ich weiß.“
„Ich setze manchmal die Wohnung in Brand. Ich rede wirr und bin unhöflich. Ich stehle ihre Kleidung. Ich bringe manchmal fast den Hund um.“
„Unseren Hund.“
Holmes lächelte.
„Ich bringe manchmal fast unseren Hund um.“
„Ich weiß.“
„Ich werde nicht aufhören, ein furchtbarer, egomanischer Idiot zu sein.“
„Wir werden einander oft genug hassen.“
„Aneinander geraten.“
„Uneinig sein.“
„Das Ganze ist ein großes Risiko.“
„Aber wir haben das Risiko nie wirklich gescheut.“
Holmes lächelte, löste dann aber plötzlich seine Hände vom Kaminsims und blickte zu Boden. „Ich weiß nicht, ob wir dasselbe wollen.“
Watson streckte seine Hand aus und strich zaghaft über Holmes Hand.
„Das weiß ich auch nicht. Ich meine…ich weiß ja nicht einmal, was ich will.“
„Ich habe noch nie einen Mann begehrt.“
Watson lachte. „Bei Gott. Ich auch noch nicht.“
„Ich bin nicht gut in…diesen Dingen.“
„Mein Erfahrungshorizont ist in dieser Sache auch mehr als begrenzt.“
Holmes schmunzelte.
„Ich meine nicht nur körperliche Gelüste. Ich rede von…Beziehungen.“
Watson grinste. „Und wenn wir es Partnerschaft nennen? Würden sie sich dann besser fühlen?“
„Es wäre nicht ganz so ungewohnt.“
„Ich weiß nicht, ob ich es wirklich kann, aber…wir könnten es versuchen. Wir haben nichts zu verlieren.“
„Nur unseren letzten Rest Verstand.“
„Den habe ich lange verloren.“
Stille kehrte ein. Hände fanden einander. Herzen klopften. Gehirne schwiegen.
Sachte wanderte Holmes Hand nach oben, erkundete unbekanntes Gebiet und legte sich sanft an Watsons Wange. Dieser seufzte leise und lehnte sich unbewusst in die Berührung, ehe sie schon vorbei war und Holmes Hand in die seine zurück kehrte.
„Watson?“
„Hm?“
„Ich würde gerne etwas versuchen.“
Watson hob ein wenig ängstlich die Brauen.
„Was haben sie jetzt schon wieder vor?“
„Keine Angst. Es ist nichts, was wir noch nie getan hätten. Ich will nur testen, ob es ist, wie in meiner Erinnerung.“
„Wovon sprechen sie?“
„Vertrauen sie mir.“
„Immer wenn sie das von mir verlangen, mein lieber…“
„Bitte.“
Watson erkannte die Aufrichtigkeit in seinem Blick und nickte.
„Schließen sie die Augen.“
Watson tat, wie geheißen und wartete in zittriger Nervosität ab, was passieren würde, als seine Hände plötzlich losgelassen wurden und er eine Sekunde beinahe verloren und haltlos dastand, ehe sich zwei warme, raue Hände vorsichtig an seine Wangen legten und sein Gesicht sachte nach vorne zogen. Kaum dass er verwirrt lächelnd begriffen hatte, was Holmes vorhatte, berührten Holmes Lippen beinahe schüchtern seinen Mund.
Der Damm brach und Watsons Hände fuhren in Holmes Nacken, zogen ihn näher zu sich und seine Lippen drängten sich fordernd gegen die dargebotenen.
Holmes erwiderte sein Drängen. Erst zurückhaltend, dann zunehmend verlangend und schließlich fast ein wenig grob, bis sie sich, in Ermangelung genügend Sauerstoffs im Gehirn, voneinander trennten und Holmes überrascht mehrere Schritte Sicherheitsabstand zwischen sie brachte.

„Interessant…“ murmelte Holmes, um Atem ringend.
Watson lachte. „So könnte man es wohl nennen.“
„Ist ihnen das unangenehm?“
Watson zuckte die Schultern.
„Ich weiß es nicht. Es ist ungewohnt.“
„Gut oder schlecht?“
„Ich bin bei weitem zu verwirrt, um das jetzt beurteilen zu können.“
„Hm.“
Holmes verschränkte die Arme und lief im Raum auf und ab, was von Watson in zunehmender Verunsicherung beobachtet wurde.
„Worüber zerbrechen sie sich jetzt wieder den Kopf?“
„Nichts.“
Watson schnaubte. „Wirklich?“
„Ich frage mich, ob unsere Freundschaft nicht bei weitem zu wertvoll ist, um sie auf diese Art und Weise aufs Spiel zu setzen.“
Überrascht hob Watson die Brauen.
„Das ist sie in jedem Fall. Leider fällt uns das ein wenig spät auf. Vor dieser vermaledeiten Zugfahrt hätte uns dieser Gedanke wohl weiterhelfen können.“
„Menschen können ihre Triebe kontrollieren. Das unterscheidet uns vom Tier.“
„Also wollen sie, dass wir wieder gewöhnliche Freunde sind?“
„Wäre alles andere nicht völlig verantwortungslos?“
„Das wäre es ganz sicher. Allerdings frage ich mich, seit wann sie ein Gefühl für Verantwortung besitzen.“
Holmes hob den Blick und schnaubte verärgert.
„Ich will keinen Fehler machen, der sie wieder einer Gefahr aussetzt.“
„Kann ich nicht selbst entscheiden, welche Fehler ich machen will?“
„Ich glaube nicht, dass sie dazu in der Lage sind, solange ihr Gehirn offensichtlich nicht mehr die Kontrolle über ihren Körper besitzt.“
Holmes hob vielsagend die Brauen und Watson blickte ein wenig beschämt zu Boden.
„Sie haben mich geküsst.“
„Ich habe nicht damit angefangen. Das waren sie, die ersten beiden Male.“
„Es ist ja nicht so, als wären sie nicht darauf eingegangen.“
„Das war ein Reflex.“
Watson zog die Stirn kraus und verschränkte die Arme.
„Warum führen wir jetzt schon wieder dieselbe leidliche Diskussion, würden sie mir das erklären?“
„Weil sie sich offensichtlich nicht sicher sind.“
„Im Bezug auf was?“
„Das hier.“
Holmes machte eine allumfassende Handbewegung und Watson konnte nicht anders, als zu lachen.
„Wie soll ich mir auch sicher sein, ob ich Gefühle für einen Mann zulassen soll, obwohl es verboten ist, ich verheiratet bin und ebendieser Mann mein launischer bester Freund zu sein pflegte?“
„Sehen sie. Lassen wir es also.“
„Sie scherzen wohl?“
„Nein. Ganz und gar nicht. Ich will sie zu nichts überreden, das sie nicht wollen.“
Watson lächelte. Ihm war ein Licht aufgegangen.
„Sie haben Angst.“
Holmes lachte. Trocken, aber eindeutig unsicher.
„Ich? Angst? Wovor denn?“
Watson trat einen Schritt auf ihn zu und packte ihn beim Kragen.
Holmes zuckte zusammen, wehrte sich aber nicht.
„Sie haben Angst, die Kontrolle zu verlieren, habe ich Recht?“
„Ihre Beobachtungsgabe lässt wirklich zu wünschen übrig.“
Watson seufzte.
„Geben sie es dran, Holmes. Ich kenne sie zu gut. Sie fürchten sich regelrecht davor, nicht mehr alles kontrollieren und steuern zu können.“
„Warum sollte ich mich dann darauf einlassen, dieses Gespräch überhaupt zu führen und mich ihnen derart zu offenbaren, wie ich es getan habe?“
„Oh, darum geht es nicht.“
„Sondern?“
„Es ist ihnen neu, dass ihr Körper nicht agiert, sondern reagiert. Habe ich Recht?“
Er entließ Holmes aus seinem Griff, der erleichtert einen Schritt nach hinten machte.
„Ich weiß nicht, wovon sie sprechen.“
Watson legte den Kopf schräg und hob die Brauen.
Holmes seufzte.
„Schön, vielleicht haben sie doch etwas von mir gelernt, was das Beobachten von Menschen angeht.“
Watson seufzte, allmählich müde und schwindelig von ihrem ständigen hin und her.
„Es ist spät, Holmes und ich bin müde. Vielleicht sollten wir morgen noch einmal in der Nüchternheit des Tageslichts miteinander sprechen.“
„Sie sind wütend, habe ich recht?“
Watson schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich bin erschöpft und ich wette, sie sind es auch.“
„Sie wissen, dass sie in ihrem alten Zimmer schlafen könnten? Es steht alles noch immer dort, wo sie es hinterlassen haben.“
Watsons Kiefer spannte sich.
„Herrgott, Holmes. Sie treiben mich in den Wahnsinn.“
„Ich verstehe nicht…“
„Sie wollen reden, nicht reden, versuchen, unterdrücken, Etwas anderes als Freundschaft und dann doch nur diese…ich komme da nicht mehr ganz mit.“
„Ich bitte um Verzeihung für meine Unentschlossenheit. Darf ich dennoch eine letzte Frage stellen?“
Watson warf ungeduldig einen Blick auf seine Taschenuhr und rollte mit den Augen.
„Was denn nun wieder?“
„Was, lieber Watson, wollen sie?“
Watson hob den Blick, leicht überrascht von dieser Frage.
„Sie.“
„Was?“
„Wir haben das jetzt mehr als drei Stunden zum wiederholten Male durchgekaut. Ich bin eindeutig Verhaltensgestört und ich will sie. Allerdings nicht als guten Freund.“
„Meinen sie das Ernst?“
„Wenn sie mich das noch einmal fragen, werde ich sie verprügeln, haben sie verstanden?“
„Also ja?“
„Ja, Holmes. Herrgott nochmal. Entweder, sie sagen mir jetzt, woran ich bei ihnen bin, oder ich werde durch diese Tür da gehen, mich irgendwo betrinken und sicher nicht allzu bald noch einmal mit ihnen reden. Ich bin dieser Spielerei überdrüssig. Die Unsicherheit frisst mich auf. Also entscheiden sie sich endlich, was sie wollen, oder geben sie mich endlich frei.“
„So forsch kenne ich sie gar nicht.“
„Tja, ich kenne vieles an mir so nicht. Sie machen mich einfach so…“
Watson ballte die Fäuste und packte dann plötzlich Holmes Schultern.
„Ich kann nicht mehr Holmes. Sagen sie mir, ob ich das alleine durchstehen muss, oder ob wir zusammen in dieser Sache feststecken.“
Holmes erwiderte den Blick seiner gehetzten Augen und die Mauer stürzte endlich in sich zusammen.
„Wir stecken gemeinsam fest. Und es gefällt mir. Ich will nicht, dass sie jetzt gehen.“
Watson stieß einen erleichterten Seufzer aus.
„Sind sie sich sicher, dass sie ihre Meinung nicht in 30 Sekunden wieder ändern.“
„Beinahe. Und sie?“
„Ziemlich sicher.“
„Also dann.“
„Also dann.“
Sie sahen einander in die Augen und die Anspannung fiel endlich ein wenig von ihnen ab.
„Holmes?“
„Hm?“
„Werden sie wieder herum lamentieren, wenn ich sie jetzt küsse?“
„Nicht ausgeschlossen.“
„Dann muss ich das Risiko wohl eingehen.“
Sie küssten sich. Zärtlicher diesmal, weniger ängstlich als neugierig.
Holmes lächelte, als sie sich voneinander lösten.
„Das war…“
„Wenn sie jetzt interessant sagen, vergesse ich mich.“
„Ich wollte schön sagen.“
„Sowas gehört zu ihrem Vokabular?“
Holmes zuckte mit den Schultern.
„Scheinbar schon.“
Watson lächelte und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn, noch immer ein wenig zittrig, obwohl seine Zweifel dank des Glücksgefühls jetzt doch einige Momente schwiegen.
„Und jetzt?“
„Vielleicht sollten wir morgen in Ruhe darüber sprechen, wie es…also das hier…ich meine…wir…wie das funktionieren soll.“
„Vermutlich ist das eine gute Idee.“
Watson löste sich von Holmes und nahm seinen Zylinder vom Kaminsims.
„Ich sollte gehen.“
„Bleiben sie doch.“
„Wir stehen unter Beobachtung, Holmes. Ich kann nicht in der Nacht hier verschwinden und das Haus am Morgen verlassen. Das wäre verdächtig.“
Holmes lächelte schief und nickte.
„Sie haben wohl Recht. Kommen sie morgen zum Sonntagstee.“
„Gerne.“
„Ich wünsche ihnen eine gute Nacht, Doktor.“
„Die wünsche ich ihnen auch.“
Holmes geleitete Watson zur Tür und schon standen sie wieder wie zwei unsichere Jungspunde voreinander und blickten peinlich berührt zu Boden, ehe sie sich ungelenk die Hand schütteln wollten und in einer Umarmung landeten, die einige Momente andauerte, ehe Watson sich hastig löste, ein beschämtes „Schlafen sie gut“ murmelte und in die Nacht entschwand.

TBC

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Ich kann mir denken, dass dieses Kapitel nicht jedermanns Geschmack trifft. Fühlt euch frei, es zu kritisieren und eure Meinungen dazu loszuwerden ;)

Ich bin schwer gespannt was ihr davon haltet und was ihr glaubt, wie es weitergehen mag ;)

Bis dahin, auf bald,
oldi
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