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Verlieren und Gewinnen

von oldi
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Dr. John Watson Irene Adler Mary Morstan Mycroft Holmes Professor James Moriarty Sherlock Holmes
11.08.2012
03.11.2014
26
103.667
11
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113 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.08.2012 5.248
 
Ihr lieben: Vielen Dank für eure Treue und Geduld, für jeden Favo-eintrag und besonders für jeden Kommentar! Ich freue mich immer wieder sehr :)
Hier kommt also - mal wieder viel zu spät - das neue Kapitel, das ich noch schnell fertig gebaut habe, bevor ich ins Theater husche ;)

Ich wünsche euch viel Spaß damit :)

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Kapitel 23 - Vertrauen

Sie starrten einander an, und da Zeit bekanntermaßen als relative Größe wahrgenommen wird, fühlte sie sich für beide Beteiligten an, als würde sie stillstehen.
Es verstrich beinahe eine ganze Minute, bis Watson Holmes wortlos am Arm in die Wohnung zog und hastig die Tür hinter ihnen verriegelte.
Mit verschränkten Armen stand er da, Holmes den Rücken zugedreht und blickte zu Boden. Verschämt.
„Ich habe ihnen eine Frage gestellt.“
Watson ignorierte Holmes‘ sanftes Nachhaken.
„Wie viel haben sie gelesen?“
„Genug.“
„Ich wusste nicht, dass es jemand lesen würde. Es war nur für mich bestimmt.“
Holmes schluckte. Akzeptierte, dass Watson seine Frage nicht gleich beantworten wollte.
„Aber Mary hat es gefunden, habe ich recht?“
Watson wandte sich langsam um und nickte, begegnete seinem Blick.
Holmes Herz zog sich zusammen, als er das tiefe Bedauern in Watsons Augen erkannte.
„Sie hat es ganz gelesen. Bis zum Ende. Haben sie das Ende gelesen?“
Holmes schüttelte den Kopf und beobachtete, wie Watson sich schwerfällig in den Sessel gleiten ließ. „Es muss für sie eine einzige Ohrfeige gewesen sein. Ich hätte ihr nichts Schlimmeres antun können. Selbst es ihr ins Gesicht zu sagen, wäre harmloser gewesen.“
Holmes schluckte. Es gefiel ihm gar nicht, dass das Gespräch sich plötzlich ausschließlich um Mary drehte. Aber seine Neugierde war geweckt. Was war am Ende des Manuskriptes nur so schlimm? Er wollte die letzte Seite aufschlagen, als zwei Hände es ihm mit Entschlossenheit wegnehmen wollten. Holmes aber lockerte seinem Griff nicht, hob den Kopf und sah dem Doktor in die Augen.
„Bitte lesen sie das nicht.“ Sein Flüstern war ein Flehen. „Ich könnte es nicht ertragen, ihnen dabei zuzusehen. Sie würden nur über mich lachen.“
Holmes Hände ließen das Papier noch immer nicht los, als er die Brauen hob.
„Wieso glauben sie, dass ich über sie lachen würde?“
„Weil sie solcher Art Schund zum Lachen finden. Ich kenne sie gut genug, um zu wissen, dass sie mich nicht verstehen können. Das haben sie oft genug deutlich gemacht.“
Holmes schmunzelte traurig, wohl wissend, dass Watson kaum so offen mit ihm sprechen würde, spräche nicht auch der Alkohol aus ihm, der ihn ein wenig lallen ließ.
„Das denken sie also von mir?“
„Ich weiß, dass sie rationaler sind als ich. Dass sie längt vergessen haben…“
„Glauben sie das wirklich? Dass ich in der Lage gewesen wäre, das alles zu vergessen?“
„Sie machten nicht den Eindruck, als ob es sie noch kümmern würde, als sie heute Abend zum ersten Mal an meine Tür klopften.“
Holmes schürzte die Lippen. Wusste nicht, was er sagen sollte. Sollte er von seiner Lüge erzählen? Sollte er beichten, dass er all das nur getan hatte, um in seine Nähe zurück kehren zu können? Er konnte es nicht. Er konnte sich selbst nicht so angreifbar machen, solange die Frage noch immer im Raum stand wie der buchstäbliche Elefant.
„Ist das, was sie geschrieben haben, die Wahrheit?“
Watson ließ das Manuskript los und schwieg eine scheinbar unendlich lange Zeit, setzte sich wieder in seinen Sessel, nippte zittrig an seinem fast leeren Weinglas, um dann mit einem zögerlichen Lächeln einen Klassiker zum Besten zu geben.
„Ich werde diese Frage keiner Antwort würdigen.“
Holmes aber verstand die vage Anspielung nicht. Ihm sank der Mut und so blickte er desillusioniert gen Boden.
„Also empfinden sie nicht wirklich so? Es war nur ein impulsiver Ausrutscher? Eine bedeutungslose Momentaufnahme?“
„Bedeutungslos ist wohl nicht das richtige Wort für einen Fehler, der meine Ehe beendet hat, finden sie nicht?“
„Es tut mir leid. Das mit ihnen und Mary. Ich wollte nie, dass sie unglücklich sind. Nicht lag mir ferner, als…“
„Lassen sie es gut sein, Holmes. Wir wissen doch beide, dass sie insgeheim sehr erfreut sind über mein Unglück. Sie wollten nie, dass ich gehe.“
„Ich bin niemals erfreut über etwas, dass sie so betrübt. Aber es ist wahr, dass ich nie wollte, dass sie die Baker Street verlassen.“
Watson schnaubte.
„Weil sie keine Lust hatten, sich einen neuen Kompagnon zu suchen, der ihre Launen erträgt und ihre wahnwitzigen Pläne verfolgt.“
„Nein.“
„Nein? Wieso denn sonst?“
„Das wissen sie doch, Watson.“
„Alles was ich weiß, ist, dass sie mich immer wieder von sich gestoßen haben. Wieder und wieder. Dass wir unsere Freundschaft zerstört haben. Ich nehme die Hälfte der Schuld gerne auf mich. Ich weiß, dass sie alles, was vorgefallen ist als nutzlos bezeichnet haben und mich dafür verantwortlich machten, dass sie nicht mehr makellos funktionierten. Das weiß ich, Holmes.“
„Sie sind betrunken.“
„Ja, das mag sein. Es ändert nichts an der Tatsache, dass sie all diese Dinge gesagt haben.“
Holmes schwieg. Er wusste, dass Watson recht hatte.
„Ich weiß, dass ich sie verletzt habe. Dass ich ihr Leben mehr als einmal unnötig verkompliziert und sie unangemessen behandelt habe. Sie haben jedes Recht, mir nicht weiter zuzuhören. Aber um unsere alte Freundschaft willen bitte ich sie…beantworten sie meine Frage. Sagen sie mir die Wahrheit.“
Watson blickte von seinem Glas auf und starrte ihn an.
„Das Manuskript beschäftigt sie wirklich.“
Holmes zuckte verlegen die Schultern und ließ sich auf dem anderen Sessel nieder, weil er nicht länger verloren im Raum stehen wollte.
Watson indessen seufzte. Alles in ihm flehte ihn an, Holmes einfach fort zu schicken, seine geschundene Seele zu schonen. Aber ihm fehlte die Kraft, die Maskerade länger aufrecht zu halten und er war müde, eine längt verlorene Schlacht auszufechten. Also vergaß er seinen Stolz und riskierte, sich selbst in den Abgrund zu stoßen.
„Lesen sie die letzte Seite.“
Der Detektiv ließ sich nicht zweimal bitten und las.


Diese ungeheuerliche Geschichte hat sich so zugetragen, wie ich sie aufgeschrieben habe. Jedes noch so unangebrachte kleine Wort ist wahr. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es mich nicht hat zur Ruhe kommen lassen, diese Geschichte aufzuschreiben. Es hat keine Last von meiner Seele genommen, mich dem Papier anzuvertrauen. Noch immer kämpfe ich erfolglos gegen meine Gefühle. Ich ertrage die Nähe meiner Frau nur noch schwerlich, obwohl ich sie doch aus Liebe heiratete. Ich schlafe nicht, obwohl ich müde bin. Ich fühle mich rastlos, wie ein heimatloser, obwohl ich endlich ein eigenes Zuhause habe. Ich weiß, dass das Kapitel meiner Freundschaft mit Sherlock Holmes beendet sein muss. Doch die Erinnerungen werden niemals aus meinem Gedächtnis gelöscht werden. Ich werde niemals vergessen, was ich getan habe. Ich werde niemals gegen das Gefühl gewinnen, dass nur er allein in mir auslöst. Ich werde den Verlust niemals verwinden. Und so bin ich eine verlorene Seele, die in ihrem selbstgeschaffenen Fegefeuer verbrennt. Weil ich mich Sherlock Holmes auf einer Ebene verbunden fühle, die mein Verstand nicht zu begreifen weiß.


Holmes blickte auf und bemerkte, dass Watson ihn unsicher und ängstlich beobachtet hatte. „Ich…“ Ihm fehlten die Worte.
Erst langsam begriff er, dass die Antwort auf seine drängende Frage ein „ja“ war, dass Watson nicht bloß einen schwachen Moment gehabt hatte. Dass alles, was zwischen ihnen vorgefallen war, nicht bedeutungslos gewesen war. Dass nicht nur er den Verlust nicht hatte verwinden können.
Watson starrte ihn an, während nun auch er begriff, und Holmes konnte nicht umhin, dem zitternden, verzweifelt dreinblickenden Mann näher zu kommen.
Unsicher erhob er sich, trat einen Schritt näher und deutete dann zögerlich auf die Armlehne. „Darf ich?“
Watson verzog das Gesicht, wirkte plötzlich wieder nüchtern.
„Sie werden alles immer nur noch schlimmer machen, Holmes.“
„Ich will ihnen nicht wehtun.“
„Dann bleiben sie lieber, wo sie sind.“
„Sie verstehen mich nicht. Ich will ihnen wirklich nicht wehtun.“
„Aber das tun sie doch. Ständig. Indem sie die Wunde immer und immer wieder aufreißen. Ich ertrage das nicht mehr, Holmes. Ich kann nicht mehr.“
„Wenn sie wollen, dass ich gehe, dann gehe ich.“
Watson lachte bitter. „Wenn es doch das wäre, was ich wollte.“
Sie schwiegen eine Weile und Holmes legte das Manuskript zur Seite, lief dann unentschlossen auf und ab. Sein Herz pochte hektisch gegen seine Rippen, sein Magen rebellierte und das Reden fiel ihm nicht nur wegen des trockenen Mundes schwer. Ein letztes Aufbäumen seines Intellekts wollte verhindern, dass das Herz die Schlacht gewann. Aber das Kribbeln in jeder Faser seines Körpern brachte all das Zögern zum Schweigen.

„Es gab keinen Fall, Watson.“
„Wie bitte?“
Watson blickte auf und Holmes entdeckte nicht ohne eine Mischung von Amüsement und Furcht, dass er schon wieder wütend wurde.
„Ich habe den Fall erfunden. Er war ein Vorwand.“
„Ein Vorwand wofür?“
Holmes seufzte, verschränkte die Arme, seufzte erneut und ignorierte, dass er am ganzen Körper zu zittern anfing. Watson musterte ihn angespannt, bemerkte, dass Holmes sich völlig untypisch verhielt, dass er sichtlich aufgewühlt war.
„Was stimmt nicht mit ihnen? Ein Vorwand wofür, Holmes?!?“
„Ein Vorwand…“ Der Detektiv schluckte und zögerte einen Moment „…ein Vorwand, um sie wieder zu sehen.“
Watson entglitten die Gesichtszüge. Fassungslos starrte er Holmes an und brachte kein Wort über die Lippen. Also sprach Holmes einfach weiter. Jetzt, wo das Eis gebrochen war, konnte er sich auch ganz auf das Ertrinken einlassen.
„Ich habe das Manuskript gefunden. Heute Mittag. Ich…wenn ich es nicht gelesen hätte, würde ich zugegebenermaßen sicher nicht hier stehen und etwas so unüberlegtes tun oder über irgendwelche irrationalen Gedanken und….Empfindungen schwadronieren, aber…“ er räusperte sich erneut „…aber ich habe es gelesen. Noch vor dem Ende der ersten Seite wusste ich, dass ich sie sehen musste. Ich habe kaum darüber nachgedacht und sie wissen, dass ich niemals impulsiv zu handeln pflege…aber ich war…verwirrt und ich wollte mit ihnen darüber sprechen.“
Watson runzelte die Stirn. „Aber wieso…“
„Der Fall?“ Holmes schmunzelte unsicher. „Ich wusste, dass sie nach unserer letzten Begegnung nicht freundlich gestimmt sein würden. Also musste ich mir etwas ausdenken. Etwas, dass sie vergessen lassen würde, was ich zu ihnen sagte. Ich dachte, wenn es wäre wie in alten Zeiten, würden sie mir nicht länger böse sein können. Leider ging mein Plan nicht auf, weil bestimmte Akteure nicht auftauchten, als sie auftauchen sollten und…“
„Wollen sie mir damit sagen, dass all das Gerede von Abbitte und Entschuldigungen gelogen war?“
„Nein. Das war nicht gelogen.“
„Sie haben einen Fall erfunden? Um mich zu ködern?“
„Ich wusste, dass ihr Gerechtigkeitssinn sie ködern würde…“
„Sie verdammter Bastard! Finden sie das lustig, mich nachts durch die Gegend zu scheuchen? Für nichts und wieder nichts?“
„Nein, ich…ich wusste mir nur nicht anders zu helfen.“
„Sie hätten es ja mal mit der Wahrheit versuchen können.“
„Hätten sie dann mit mir gesprochen?“
Watson zögerte. „Vermutlich nicht.“
„Sie wissen, wie ich bin, Watson. Ich verstehe viele Dinge nicht. Ich weiß nicht wie ich mit ihnen umgehen soll. Ich habe sie zu lange ignoriert.“
„Da sind sie nicht der einzige.“
Holmes blickte ihn fragend an und Watson rang nach Worten, erhob sich, um jetzt ebenfalls nervös auf und ab zu laufen.
„Ich war nicht weniger ignorant als sie. Ich wollte es ja auch nicht sehen.“
„Sie wollten was nicht sehen?“
Watson trat näher an ihn heran. Holmes hätte ihn jetzt berühren können, wenn er sich getraut hätte. Er konnte schon sein Rasierwasser riechen, seinen Atem in seinem Gesicht spüren. Sie rührten sich beide nicht, bis Watson schluckte und ihm fest in die Augen sah, bevor er zu sprechen begann. „Ich wollte nicht sehen, was sie mir bedeuten.“
Holmes Puls beschleunigte sich so sehr, dass ihm beinahe schwindelig wurde.
„Was ich ihnen…bedeute?“
Watson nickte langsam, seine Augen weiter fokussiert, als würde ihm das helfen, den Halt nicht zu verlieren und wegzulaufen.
„Ich wusste es wohl schon, bevor ich ausgezogen bin. Ich kann nicht sagen, wie lange es wohl schon so gewesen sein muss. Begriffen habe ich es erst, als ich glaubte, sie seien tot…Es fühlte sich an, als sei ein Teil von mir gestorben und alles woran ich denken konnte, war, wie grausam es war, dass ich nie widersprochen hatte, als sie sagten, sie würden allein sterben. Und als sie dann doch noch die Augen aufschlugen, da…“ Watson stockte plötzlich, sah peinlich berührt zur Seite. „Ich sollte aufhören, mich lächerlich zu machen. Ich klinge wie ein unreifes junges Fräulein.“
Holmes konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Ich klinge doch nicht anders.“
Watson lächelte matt. „Erinnern sie sich noch an die Nacht, die wir im Gefängnis verbringen mussten?“
„Welche? Ich erinnere mich an mehr als eine.“
„Das Mysterium um Lord Blackwoods Wiederauferstehung.“
„Oh ja, ich erinnere mich. Sie waren ein wenig…aufgebracht.“
Watson schmunzelte sachte bei der Erinnerung an ihren kleinen Streit.
„Sie erinnern sich, dass ich meine Notizen durchgegangen war und zu dem Schluss kam, gestört sein zu müssen, weil ich trotz ihrer...nennen wir es Eigenheiten, noch immer ihr Freund blieb und ihnen vertraute?“
„Ich erinnere mich gut. Sie beschwerten sich über meine Methoden und unser Zusammenleben und den Hund.“
„Ich glaube, da habe ich es gewusst. Ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmte. Das etwas nicht normal sein konnte.“
„Sie sagten damals auch, ich würde ihre Beziehung zu Mary sabotieren…ich versichere ihnen, dass dies nie meine bewusste Absicht war.“
„Vielleicht wusste ich trotzdem, dass sie es taten, einfach, weil sie existierten und ich nicht von ihnen loskam. Im Rückblick kommt es mir so logisch vor, beinahe so als wäre ich damals einfach zu blind gewesen, es zu verstehen.“
Sie schwiegen erneut. Das Verlangen Watson zu berühren wurde beinahe übermächtig, je länger sie so voreinander standen und einander ansahen, aber Holmes widerstand dem Drang um nicht schon wieder etwas zu tun, dass sie beide noch tiefer in den Abgrund reißen würde. Auch Watson war erneut um Beherrschung bemüht. Er verstand noch immer nicht ganz, worüber sie eigentlich sprachen, ob sie denselben letzten Nenner besaßen und was Holmes jetzt von ihm erwartete. Er wusste nur, dass er nicht mehr lange dazu in der Lage sein würde, seine Worte so sorgfältig zu wählen. Alles in ihm schrie danach, seine Empfindungen endlich zu verbalisieren, sie Holmes ins Gesicht zu schleudern, nur um mit seiner Schuld und seiner Angst nicht länger allein leben zu müssen. Allein die Angst vor endgültiger Ablehnung und ein letztes bisschen strenge viktorianische Erziehung hielten ihn davon ab, nach Holmes Händen zu greifen, und endlich zu gestehen, was unausgesprochen seit Monaten wie eine Mauer zwischen ihnen stand. Das Schweigen dehnte sich aus und hing schwer in der Luft, verdrängte langsam den Sauerstoff und füllte den Raum bald gänzlich aus. Irgendwann, als sie es beide kaum noch aushielten, ergriff Watson schließlich das Wort.

„Darf jetzt ich eine Frage stellen?“
Holmes nickte.
„Was tun sie hier? Wieso wollten sie mit mir reden? Was…erhoffen sie sich davon?“
„Sie erwarten jetzt wohl eine ehrliche Antwort?“
„Ich hätte zur Abwechslung nichts dagegen einzuwenden.“
„Die ernüchternde Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Mir ist bewusst, dass ich es nicht mehr rückgängig machen kann, sie als Freund verloren zu haben. Ich weiß, dass ich mich nicht von der Schuld reinwaschen kann, ihre Ehe sabotiert zu haben. Ich weiß, dass es auf den ersten Blick vielleicht besser war, dass wir uns nicht mehr gesehen haben, aber sie wissen, dass ich immer alle Fakten betrachten muss, dass ich mich der Wahrheit nie entziehen kann. Wenn ich aber alle Fakten betrachte, muss ich feststellen, dass ich entgegen meiner Annahme ohne sie nicht besser funktioniere. Im Gegenteil. Ich mag funktionieren, aber ich verliere jedes Gefühl. Ich bin nicht mehr in der Lage, etwas anderes zu tun, als zu arbeiten. Ich empfinde keine Freude und keinen Triumph mehr, wenn ich einen Fall löse. Ich empfinde gar nichts. Der reine Trotz hält mich davon ab, mein Leben durch Bewusstseinserweiterung wieder spannender und erträglicher zu machen. Ich existiere, aber nichts scheint mir mehr wirklich erstrebenswert oder bedeutungsvoll.“
Er stockte, schmunzelte sachte, während Watson ihn ungläubig musterte.
„Wenn ich mich dann hier umsehe, wenn ich mir ihr Zittern und ihre Augenringe  betrachte, wenn ich zugebe, dass mir nicht verborgen bleibt, wie nervös und fahrig sie in meiner Anwesenheit sind, dann bin ich mir nicht mehr sicher, ob es für alle Parteien die beste Lösung ist, wenn wir uns voneinander fern halten. Ich habe von den Gerüchten gehört. Ich weiß, dass ihr Ruf als einfühlsamer, guter Arzt gelitten hat und sie nunmehr als gleichgültig gelten. Ich zähle eins und eins zusammen. Sie funktionieren ebenso wie ich. Und deshalb Doktor, bin ich hier.“
Watson schluckte, beeindruckt von Holmes kleiner Rede und der unerwarteten, unverhohlenen Ehrlichkeit in seiner Stimme.
„Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.“
Holmes runzelte leicht amüsiert die Stirn. „Ich selbst wusste auch nicht, wieso genau ich hier bin. Es war nur so ein Gefühl. Der wahre Grund ist mir zugegebenermaßen wohl gerade erst klar geworden.“
Watson ließ sich, erschöpft von ihrer Diskussion, wieder in seinen Sessel gleiten. Er deutete auf den anderen Sessel und nickte in Richtung Weinflasche.
„Wollen sie auch ein Glas?“
„Wieso nicht?“
Der Detektiv ließ sich in den Sessel sinken und beobachtete, wie Watson in die Küche ging, um ein weiteres Glas zu holen, um es dann mit Wein zu füllen.
„Es ist nicht der edelste Tropfen, aber das hat sie ja nie groß geschert.“
Holmes nahm das Glas mit einem schrägen Lächeln entgegen und trank das es beinahe in einem Zug leer, um dann angewidert den Kopf zu schütteln.
„Das ist ja ein ganz widerliches Gebräu!“
Watson lachte, während er sich wieder setzte und das Etikett der Flasche musterte.
„Ein Geschenk einer Patientin. Vermutlich der billigste Fusel, den sie in ihrem Weinkeller finden konnte.“
„Im Weinkeller ihres Geliebten.“
„Wie bitte?“
„Sie wollen jetzt nicht hören, wie das Etikett es mir verraten hat, oder?“
„Nein.“
„Dann fragen sie auch nicht.“
„Hört ihr Gehirn eigentlich auch manchmal damit auf?“
„Mit dem Deduzieren und Analysieren?“
„Ja. Können sie nie einfach beobachten ohne zu Urteilen?“
„Nein, sie wissen doch, dass es mein ewiger Fluch ist.“
Sie schwiegen eine Weile, weil niemand recht wusste, worüber sie hätten sprechen sollen, ohne schon wieder ein Tänzchen am Rande des Vulkans aufzuführen.
„Wenn ich es mir recht überlege…“ Holmes tippte sich unentschlossen mit den Fingern gegen die Stirn, „…habe ich in den letzten Monaten nicht immer unter diesem Fluch gelitten. Eine Zeitlang war es mir nahezu unmöglich, irgendeine sinnvolle Schlussfolgerung anzustellen.“
„Ich habe nie verstanden, warum ausgerechnet sie eine Schwäche für Morphium haben.“
Holmes konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, während er den restlichen Wein gedankenverloren im Glas hin und her schwenkte.
„Weil es mich zur Ruhe kommen lässt.“
„Ich dachte, Ruhe wäre ihr Feind.“
„Natürlicherweise, ja. Wenn es etwas zu untersuchen, zu denken gibt.“
Watson schnaubte. „Und sie hatten nicht genug zu bedenken?“
„Zu viel. Viel zu viel, was ich nicht erklären, in keinem meiner Kategoriensysteme einordnen und zu einer Lösung führen konnte. Die Wahrheit am Ende der Analyse wollte ich nicht sehen. Mein innerer Ruhepol hatte mich verlassen. Deshalb das Morphium.“
Watson blickte zu Boden. „Früher, wenn Irene ihnen Kopfzerbrechen bereitete, haben sie sich einfach in die Arbeit gestürzt.“
Holmes meinte fast, einen Funken Eifersucht in Watsons Stimme zu erkennen und ignorierte das leichte Stechen in seiner Brust, welches jetzt, da er sich selbst verwundbar gemacht hatte, jeden seiner Gedanken an Irene begleitete. Dann musste er lachen. „Sie glauben immer noch, allein die Arbeit hätte mich dann aufrecht gehalten?“
„Ich wüsste nicht, was sie jemals sonst interessiert hätte.“
Holmes hob die Brauen und warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
Watson wich unangenehm berührt seinem Blick aus und räusperte sich.
„Wissen sie, wie Irene gestorben ist?“
Holmes zuckte zusammen. Er hatte eine solche Frage nicht erwartet. Vor Allem nicht gerade jetzt. Normalerweise hätte er elegant das Thema gewechselt, aber da sie gerade nun einmal ehrlich zueinander waren, und er nicht gleich wieder zerstören wollte, was sie gerade mühsam aufzubauen versuchten, antwortete er doch.
„Moriarty hat sie vergiftet. Es muss schnell gegangen sein.“
Watson schluckte. „Es ist nicht ihre Schuld.“
Holmes schnaubte und Watson wollte etwas sagen, aber Holmes hob abwehrend die Hand und bedeutete ihm, die Sache ruhen zu lassen.
„Moriarty wollte wohl den Ernst der Sache verdeutlichen. Von da an wusste ich, dass er auch sie umbringen würde, wenn ich ihn ließe.“
„Warum haben sie mir das nie gesagt?“
„Sie waren verliebt, frisch verheiratet und mit ihren Zukunftsplänen beschäftigt. Ich wollte sie nicht betrüben. In der irrigen Annahme, die Sache allein regeln zu können, kam ich also in den Zug. Ich hatte gehofft, ich könnte es vermeiden, sie in die Sache hinein zu ziehen, hatte aber einen Notfallplan, falls ich es nicht umgehen könnte. Wie sie wissen, kam dieser dann zur Anwendung. Den Rest der Geschichte kennen sie ja.“
„Habe ich mich je dafür bei ihnen bedankt, ohne ihnen Vorwürfe zu machen?“
Holmes räusperte sich, goss sich Wein nach und nahm einen Schluck, um gleich darauf erneut angewidert das Gesicht zu verziehen.
„Lassen wir die Sache einfach ruhen, Doktor.“
Watson biss sich auf die Lippe und schwieg.

Also kehrte die Stille zurück, nur durchbrochen von der leisen Nacht vor dem Fenster und dem Ticken der Uhr. Lange Zeit saßen sie da, ohne zu sprechen und ohne einander anzusehen. Beide waren bemüht, ihre Gedanken zu sortieren, ihre Gefühle zu kontrollieren. So brach also der Morgen allmählich an, während das Feuer im Kamin langsam verlosch und Holmes sich endlich räusperte.
„Ich sollte jetzt besser gehen. Ich habe sie lange genug um ihren Schlaf gebracht.“
Der Detektiv erhob sich und streckte die tauben Glieder.
Watson wollte nicken, aber seine Stimmbänder hatten anderes im Sinn.
„Gehen sie noch nicht.“
„Ich muss. Es wird bald hell. Sie sollten dringend ausnüchtern, wenn sie heute noch arbeiten wollen.“
Watson schmunzelte und erkannte, dass der Detektiv Recht hatte.
Doch so sehr er wusste, dass es dumm war, und so wütend er vor kurzem noch auf Holmes gewesen war, so wenig würde er es jetzt ertragen, ihn erneut gehen zu lassen, ohne zu wissen, ob sie einander wiedersehen würden. Wie sie einander wiedersehen würden. Wann sie vielleicht einen Anlauf machen konnten, das Unausgesprochene endlich aus dem Weg zu schaffen.
„Sie werden jetzt wieder verschwinden und so tun, als existierte das hier nicht, oder?“
Holmes seufzte, zögerte einen Moment und verschränkte die Arme.
„Um ehrlich zu sein, bin ich des Selbstbetruges müde.“
„Ich ebenfalls.“
„Ich stelle verwundert fest, dass wir scheinbar einer Meinung sind.“
„Was tun wir also?“
„Warum glauben sie nur immer, ich hätte eine Antwort auf ihre Fragen?“
„Wieso müssen sie immer alles mit einer Gegenfrage beantworten?“
Holmes lächelte matt.
„Wir könnten für den Anfang versuchen, einander wieder zu vertrauen.“
„Glauben sie denn wirklich, es könnte wieder sein, wie früher?“
„Seit wann genau halten sie mich für töricht, Watson?“
„Sie tun es ja schon wieder.“
„Was?“
„Das Spielchen mit den Gegenfragen.“
„Weil sie andauernd erwarten, ich hätte Antworten parat, obwohl ich völlig ratlos bin.“
„Das ist ihnen neu, oder?“
„Sie tun es ja schon wieder?“
„Was?“
„Fragen stellen.“
Watson rollte mit den Augen.
Holmes grinste.
„Sie haben Recht, Watson. Es ist neu. Vielleicht ist das eine Lösung für das Problem?“
Watson verkniff sich das Nachfragen, sondern blickte Holmes nur abwartend an, was diesen Schmunzeln, dann aber unsicher zu Boden blicken ließ.
„Betrachten wir es doch als das, was es ist. Etwas Neues.“
„Ich glaube nicht, dass wir einfach vergessen können…“
Holmes hob die Hände.
„Das meine ich nicht. Wir vergessen nichts. Wir verleugnen nicht. Wir weichen nicht mehr aus.“
„Sie meinen doch nicht ernsthaft, was ich denke, dass sie meinen.“
„Da sie für mich unerfreulicherweise gerade ein Buch mit sieben Siegeln sind, weiß ich nicht, was sie meinen. Ich allerdings meine, wir hören auf, uns voreinander zu verstecken. Wir versuchen es noch einmal mit dieser erstaunlich erfrischenden Ehrlichkeit. Wenn wir beide nüchtern sind und in der Lage, die Dinge weniger…unlogisch zu betrachten.“
„Sie wollen also reden? Nüchtern, ehrlich und logisch?“
„Ihre Auffassungsgabe ist doch immer wieder bemerkenswert.“
Sie lachten beide, fühlten sich erinnert an ihre zahllosen Wortgefechte in der Vergangenheit.
„Was ist also ihr konkreter Vorschlag?“
„Das Royale. Morgen Abend. Zivilisiertes Abendessen, um das Gerede zu unterbinden, das im Gange ist. Baker Street nach dem Essen. Dann sehen wir weiter.“
„Was ist mit Mrs. Hudson?“
„Was soll mit ihr sein?“
„Sie wissen, was ich meine.“
„Und sie wissen, dass Mrs. Hudson ohnehin denkt, was immer sie denken will.“
„Ich bin nicht davon überzeugt, dass ihr Plan eine gute Idee ist.“
„Haben sie eine bessere?“
„Besser als die der Verleugnung, die, wie wir erkannten, wenig erfolgreich blieb?“
Holmes nickte abwartend.
„Nein. Ich habe keine bessere Idee.“
„Gut. Wir sehen uns im Royale. Acht Uhr. Tragen sie ein Jackett.“
Watson schmunzelte bitter.
„Tragen sie eins!“
Sie gingen zur Tür und standen dann unentschlossen voreinander, bis Holmes schließlich seine Hand ausstreckte und Watsons Hand zum Abschied schüttelte.
Die kleine Berührung ihrer Hände reichte beinahe, um ihre zivilisierte Maskerade zerbröseln zu lassen. Viel länger als nötig blieben ihre Hände ineinander verschränkt, fuhren Daumen verstohlen über fremde Fingerknöchel.
Unbewusst löste Holmes schließlich seine Hand, strich federleicht und vorsichtig über Watsons Unterarm, auf dem sich sogleich eine Gänsehaut bildete, bis sich beide ihrer Abmachung und ihrer Erziehung besannen und sich noch einmal peinlich berührt zunickten, bevor Holmes endgültig die Wohnung verließ.


Da der Himmel wolkenlos und sein Körper noch hellwach war, entschloss Holmes sich, den Nachhauseweg zu Fuß zurück zu legen. So kurz vor Tagesanbruch war es noch still in den Straßen. Mit dem Sonnenaufgang würde die Stadt zum Leben erwachen, würden Bäcker und Schuhputzer und Zeitungsjungen sich auf den Weg machen, ihr Tagewerk zu verrichten. Droschken würden über das Pflaster holpern und das Londoner Bürgertum die Straßen bevölkern. Aber jetzt, in der Stunde vor dem ersten hellen Tageslicht, wenn das Zwielicht der Nacht sich verzogen hatte und das echte Leben noch nicht gänzlich erwacht war, blieb es beinahe gespenstisch still. Seine eigenen Schritte waren das einzige Geräusch, welches der Detektiv auf seinem Weg vernahm. Es gab keine Menschen auf der Straße, deren Wege und Eigenschaften er hätte deduzieren können, kein Buntes Treiben, das er hätte beobachten können. Und so richtete sein Blick sich also nach innen, so horchte er in sich selbst hinein und widerstand dem Drang, die vergangene Nacht zu analysieren. Stattdessen fragte er sich, zum ersten Mal in seinem Leben wahrlich interessiert, was er selbst gerade fühlte. Nun, da er es voll und ganz zuließ, ohne jeden Kampf und ohne jedes Zögern, fühlte er sich nicht nur nervös und ängstlich, sondern auch auf merkwürdige Weise freudig erregt. Das seltsam angenehme warme Wabern durch seinen Körper war zurück gekehrt und hatte die Düsternis und Monotonie der letzten Wochen fortgejagt. Er fühlte sich leichter, als habe jemand eine Last von seinen Schultern genommen, deren Gewicht er zuvor nie ganz registriert hatte. Sein Magen fühlte sich merkwürdig leer an, ohne dass er sich hungrig fühlte. Sein Herz pochte und sein Puls raste, aber er empfand es dieses Mal nicht als unangenehm. Sein Gehirn quälte ihn einmal nicht mit Zweifeln, Schlussfolgerungen oder Vorwürfen. Er war ganz bei sich, bei einer Person, als die er sich selbst nie wahrgenommen hatte. Es war nicht so, als ob er sich wie ein neuer Mensch vorkam. Etwas in ihm wusste, dass mit dem Tageslicht auch sein unruhiger Verstand und seine Skepsis zurück kehren würden. Es war eher so, als würde er die Kontrolle über seine Gefühle, die er von Kindheitsbeinen an immer für hinderlich und nutzlos gehalten hatte, aus der Hand geben. Zum ersten Mal versuchte er nicht, was er fühlte und dachte und erlebte in einer der vielen Kisten in seinem Verstand zu verstauen, die mit dem Wort „Ignoranz“ beschriftet waren. Es war eine überraschende Erleichterung, zu fühlen, ohne von jemandem für die Trivialität der eigenen Emotion gescholten zu werden. Obwohl der neue Tag ihn dennoch ängstigte und er ahnte, dass der kommende Abend einen Wendepunkt bedeuten konnte, der nicht zwangsläufig positiv sein musste, lächelte er, als er schließlich in seine Kissen sank und zum ersten Mal seit vielen Monaten in einen traumlosen, erholsamen Schlaf fiel.


John Watson hingegen fühlte sich nicht von neuem geistigem Frieden beseelt.
Obwohl sein Gehirn vom Alkohol noch immer leicht benebelt war und viele seiner Gedanken wie in Watte gehüllt und dumpf daher kamen, gab es zu viele Fragen in seinem Verstand, die ihm den Schlaf verwehrten und ihn wachen Auges durch die sich hebende Dunkelheit seines unangenehm leeren Schlafgemaches blicken ließen. Watson war im Gegensatz zu Holmes wenig entspannt, waren Gefühle doch nichts neues für ihn. Er hatte in den vergangenen Monaten zu viel Schmerz erduldet, den er nicht zu betäuben vermochte, um nach einem einzigen, verwirrenden Gespräch mit der Ursache seines Leids echte Erleichterung zu empfinden. Watson lag also da, lauschte auf sein rasendes Herz und spürte das Flattern seines Magens, ohne sich zu fragen, was das bedeuten konnte. Jetzt, da er es aufgegeben hatte, so zu tun, als wisse er nicht, was sein geistiger und körperlicher Aufruhr bedeutete, den er verspürte, wenn er an Holmes dachte oder er zugegen war, machte ihm die Erkenntnis mehr Angst, als es die bloße, absurde Vermutung getan hatte. Es gab keinen Zweifel mehr daran, dass er Holmes nicht mehr zum Freund wollte. Vor seinem inneren Auge lag sie klar und deutlich sichtbar: Die Erkenntnis, dass er für Holmes nicht nur unerlaubt viel mehr als Freundschaft empfand, sondern etwas tieferes, verdorbeneres. Er hatte es gewusst, ignoriert, es sich immer wieder verboten. Er hatte es nie verbalisiert, nicht einmal auf dem verhängnisvollen Papier seines Manuskriptes niederschreiben können, hatte es nicht einmal zu denken gewagt. Das kleine Wort mit nur vier Buchstaben, zwei Silben und einer beängstigenden Macht bezeichnete wohl am ehesten, was er empfand. Und dennoch war er nicht soweit, es vor sich einzugestehen. Bitter wurde ihm bewusst, dass Mary ihm mehr als einmal den Vorwurf gemacht hatte, dass er für Holmes tiefer empfand, als er es für sie jemals tun könnte. Er hatte es abgestritten und dabei nicht gelogen. Watson war wirklich der Überzeugung gewesen, dass Mary ihm alles bedeutete und damit mehr als Holmes. Es schien ihm nur logisch und völlig legitim. Ohne die Brille der Norm jedoch, konnte er jetzt verstehen, was sie gemeint hatte, als sie sagte, sie wolle nicht mit Holmes konkurrieren. Er sah ein, dass er Mary zwar von ganzem Herzen geliebt hatte, aber dass ihn schon lange etwas an einen anderen Menschen gebunden hatte, ohne dass er es wünschte. Es war nicht so, dass er jemals verleugnet hätte, dass ihre freundschaftliche Zuneigung besonders war und intensiv. Watson hatte immer gewusst, dass ihre Bindung etwas Besonderes war, dass sie mehr als eine gewöhnliche Freundschaft verband. Er hatte nur nie zugeben wollen, dass er seinen besten Freund auf eine Art und Weise brauchen und begehren konnte, die für Ehefrauen reserviert sein sollte.
Die ungewisse Zukunft, die jetzt vor ihm lag, machte seine Erkenntnis nicht besser. Nachdem er sich einmal damit abgefunden hatte, alles verloren zu haben, fürchtete er sich nun, wo die Dinge anders lagen, vor allem, was kommen mochte. Obwohl John Watson ein Abenteurer war und das Unbekannte immer anziehend gefunden hatte, war ihm unwohl zumute. Immer hatte er gewusst, was er zu fühlen hatte, was seine Optionen waren. Jetzt aber lag sein Leben wie ein großes Fragezeichen da und alles woran er geglaubt hatte, schien plötzlich hinterfragt zu werden. Sein rebellierender Körper und sein klopfendes Herz machten es weder einfacher, noch besser.
Der Weg, den er gehen mochte, lag im Dunkeln und er konnte keine Lösung des Problems ausmachen, nicht einmal in der verschwommenen Ferne verrückter Möglichkeiten. Und so machte ihm der kommende Abend mehr Angst, als es das Mündungsfeuer feindlicher Armeen es jemals getan hatte.

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Na, was sagt ihr? ;)
Verkünde übrigens hiermit freudig: Kapitel 24 ist schon halbfertig ;)

Liebe Grüße,
oldi
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