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Verlieren und Gewinnen

von oldi
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Dr. John Watson Irene Adler Mary Morstan Mycroft Holmes Professor James Moriarty Sherlock Holmes
11.08.2012
03.11.2014
26
103.667
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Dieses Kapitel
5 Reviews
 
11.08.2012 4.423
 
Ich weiß, es hat mal wieder viel länger gedauert, als angekündigt...meine Bachelorarbeit, der Umzug, der Beginn des Masterstudiums, das Leben und die Unfähigkeit von Unitymedia, mein Internet ans Laufen zu kriegen, hielten mich lange auf...aber hier ist endlich endlich das neue Kapitel.
Ich hänge leider ein bisschen hinterher mit dem Beantworten eurer wunderbaren Reviews, aber seid euch sicher, dass ich mich über jedes einzelne sehr gefreut habe! ;)

Also habt Spaß und steinigt mich nicht, für das offene Ende ;D
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Kapitel 20 – Loslassen

Die Zeit verging kläglich langsam, während Watson am Fenster stand und hinaus auf die Straßen sah. Den Zettel noch immer in den zur Faust geballten Fingern haltend starrte er die Menschen auf der Straße an, ohne sie wirklich anzusehen. Holmes schien in seinem Bett indessen fast friedlich zu schlafen. Die Erschöpfung hatte kurzzeitig gegen das Verlangen nach Suchtbefriedigung gesiegt. Aber Watson fühlte sich alles andere als friedlich. Er hatte längst beschlossen, Marys Bitte nachzukommen. Schon als er die Nachricht gelesen hatte, war ihm klar gewesen, dass er seine Frau sehen musste. Sehen wollte. So hässlich und schnell es zwischen ihnen auch zum Bruch gekommen war, und so sehr er ungebührliche, nicht wirklich zu verortende Gefühle für den schlafenden Detektiv neben sich empfand, so sehr liebte er Mary dennoch und so groß war noch immer sein Schmerz bei jedem Gedanken an sie und die Demütigung, derer er sich an ihr schuldig gemacht hatte. Watson hatte Angst davor, ihr gegenüber zu treten. Er fürchtete sich davor, was sie mit ihm zu besprechen, was sie entschieden hatte.
Die Düsternis des späten Nachmittags legte sich über die Stadt, als Watson sich endlich vom Fenster ab- und einem anderen Problem zuwandte.
Den völlig zerknitterten Brief von Mary in der Hosentasche verstauend eilte er die Treppe herunter, um Mrs. Hudson um einen Gefallen zu bitten, während die Standuhr im Salon bereits vier Uhr schlug.
„Doktor...meinen sie das wirklich ernst?“
Watson senkte den Kopf und schluckte, rieb sich hilflos und fahrig mit den Händen durchs Gesicht.
“Ich will nicht, dass er auf sie los geht. Er ist in diesem Zustand kaum zurechnungsfähig.“
“Aber Doktor Watson...das klingt...“
“...furchtbar, ich weiß.“
“Gibt es denn keine andere Lösung?“
Watson schüttelte den Kopf.
“Ich muss gehen. Es wird nicht lange dauern. Ich bin bald zurück.“
Mary erkannte ihn schon von weitem, als seine Silhouette kaum mehr als ein Schatten war, der vom Londoner Nebel verschluckt zu werden drohte. Sie hätte ihn unter Tausenden erkannt. Nicht allein wegen des Hinkens oder des Stocks. Sondern viel mehr, weil sie ihn so gut kannte. Weil er ihr die Welt bedeutete. Sie korrigierte ihre Gedanken, schmunzelte traurig. Weil sie ihn zu kennen geglaubt und er ihr die Welt bedeutet hatte.
Der Schmerz traf sie unerwartet heftig während er näher kam und sie musste all ihre Courage zusammen nehmen, um nicht davon zu laufen, während sie das Gefühl hatte, nicht richtig atmen zu können. Als er nur noch wenige Meter entfernt war, begegneten sich ihre Blicke und der Schmerz drohte Mary zu zerreißen. Sie schluckte die Tränen herunter, biss die Zähne zusammen und hielt seinem Blick stand, der traurig schien, fast leidend. Schließlich blieb er stehen, schien erschöpft, als er sich auf seinen Stock stützte und den Blick senkte. Bevor er etwas sagen konnte, räusperte Mary sich und zerbrach die fragile Stille des dank des schlechten Wetters kaum belebten Parks.
“Guten Abend John.“
Watson sah ihr erneut in die Augen, atmete tief durch, öffnete den Mund, um ihn dann wieder zu schließen, den Kopf zu schütteln und schließlich nur ein klägliches „Mary, ich...“ heraus zu bringen. Mary verschränkte haltsuchend die Arme und unterdrückte das Bedürfnis, auf ihn zuzugehen, ihren Entschluss in Zweifel zu ziehen.
Doch ehe sie sagen konnte, was sie zu sagen hatte, fand ihr Ehemann schließlich zur Sprache zurück. „Ich verdiene gar nicht, dass du mit mir sprichst, ich...es tut mir so leid.“
Mary ballte die Hände unter den verschränkten Armen zu Fäusten, um den Schmerz ertragen zu können, der jetzt unter der Last seiner traurigen Stimme noch größer geworden war.
“Ich bin nur hier, um dir zu sagen, dass ich gehen werde.“
John Watson runzelte die Stirn, taumelte kurz, wie getroffen.
“Gehen? Wohin? Mary, was...“
“Ich werde London verlassen.“
“Nein.“
John schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Das kannst du nicht.“
Mary schnaubte. Der Schmerz paarte sich in ihr mit Wut und drängte endlich nach außen, als sie schließlich doch noch die Beherrschung verlor.
“Wie kommst du zu der Annahme, ich könnte nicht gehen, John? Was sollte mich denn hier halten?“
“Du bist meine Ehefrau!“
“Bin ich das? Glaubst du wirklich, du seiest in der Position, mich daran zu erinnern? Denkst du wirklich, du besäßest das Recht, mir zu sagen, was ich tun kann und was nicht?“
Vergessen waren die wenigen Menschen, die neben ihnen den Park bevölkerten und die Sorge, Aufmerksamkeit zu erregen, als Mary ihre Stimme erhob.
John hielt ihrem Blick stand, hob beschwichtigend die Hände und wollte ihre Arme auseinander ziehen, aber sie wich zurück.
„Mary, ich weiß, was ich getan habe, ist unverzeihlich. Aber...“
„Hör auf, John. Es ist zu spät.“
„Ich liebe dich, Mary Watson. Ich kann dich nicht gehen lassen.“
Er nahm ihre Hände und eine Sekunden lang trafen sich ihre Blicke. Eine Sekunde lang schmolzen Wut, Unsicherheit, Angst und Trauer ein Marys Blick. Eine Sekunde lang lag nur Zuneigung darin. „Bitte, Mary. Geh’ nicht. Ich werde nie wieder...“ Es begann zu regnen. Keiner von ihnen reagierte darauf.
Doch der Moment verstrich und Mary schüttelte bitter lächelnd den Kopf, als sie ihre Hände aus Johns sanftem Griff zurück zog. „Du wirst was nie wieder, John? Ihn küssen? Ihn küssen wollen? Ihn begehren? Ihn wiedersehen?“
Ihre Stimme war immer leiser geworden, bedacht darauf, jeden der immer weniger werdenden Passanten in jedem Fall aus diesem Gespräch auszuschließen. John Watson schwieg, blickte zu Boden, weil die Schwere all der Fragen wie Stein auf seinen Schultern lastete und ihn nahezu zu Boden zu drücken schien. Mary machte einen Schritt zurück, sah traurig dabei zu, wie ihr Ehemann den Boden musterte.
„Dass du dich nicht schämst, John.“
„Das tue ich. Ich weiß, dass es unmoralisch und falsch...“
„Und du findest es nicht falsch, mich weiter so zu belügen? Unsere Freunde? Dich?“
„Keine Lügen mehr, Mary. Nie wieder. Ich verspreche es.“
„All das hier, John...das ist eine Lüge. Wir sind es.“
„Nein. Nein, das ist nicht wahr.“
„Dann sag’ mir warum du es dann getan hast?“
John Watson machte hilflos einige Schritte zurück und dann wieder vor, nahm seinen Hut ab, fuhr sich durch die Haare. „Ich weiß es nicht.“
„Doch, John Watson, das weißt du.“
„Es war...ich hatte gedacht, er würde sterben, Mary. Ich hatte gedacht, ich würde ihn verlieren. Nach dem Krieg...er war immer der einzige, der...der einzige Freund. Der beste. Ich war verwirrt. Es war eine Ausnahmesituation. Ein Missverständnis. Ich weiß es nicht.“
„Der John Watson, den ich geheiratet habe, hätte niemals verleugnet, wer er ist.“
„Das tue ich nicht.“
„Hast du es noch mal gelesen, nachdem du es geschrieben hattest?“ Watson runzelte verwirrt die Stirn, konnte ihr nicht folgen.
„Was meinst du?“
„Das Manuskript. Der letzte Fall.“
„Nein. Ich weiß nicht, warum ich es aufgeschrieben habe.“
„Du solltest es lesen, John. Vielleicht wirst du dann endlich verstehen, dass ich nicht mit ihm konkurrieren will.“
„Du musst nicht mit ihm...“
„Es reicht!“ Mary hob die Hände, während ihr nun doch Tränen aus den Augen quollen, die sie mit einem Spitzentaschentuch hastig zu trocknen versuchte, bevor jemand sie entdecken konnte. „Es ist vorbei, John.“
„Das muss es nicht sein, Mary.“
„Ich werde gehen. Ich habe hier keinen Platz mehr.“
John wollte widersprechen, aber Mary schüttelte nur den Kopf. „Du hast deine Entscheidungen getroffen, ich treffe meine. Es ist, wie es ist.“
„Was meinst du damit?“
„Ich habe dich nicht gebeten, zu kommen, um dich mit mir auszusprechen. Ich bat dich hierher, weil ich dir einen Vorschlag machen will.“
John Watson runzelte die Stirn, das Gesicht spiegelte die verzweifelte Verwirrung in seinem Inneren. Mary währenddessen schluckte heftig, versuchte sich zu sammeln. Sie hatte einen Plan und an diesen musste sie sich nun halten. Egal, wie viel Überwindung es sie auch kosten mochte. Also zwang sie sich mit letzter Willenskraft, tief durchzuatmen, und ihren Vorschlag mit kratziger Stimme vorzutragen. „Wenn ich ohne jede Erklärung verschwinde, oder wir uns öffentlich trennen, wird es schlimmes Gerede geben. Meine Familie wäre davon betroffen und dein Ruf endgültig und unwiderruflich geschädigt. Du weißt doch, dass die Leute schon reden, oder?“
John nickte abwesend. „Mrs. Hudson hat etwas in dieser Richtung erwähnt.“
Mary hob kurz die Brauen.
„Ich finde noch immer sehr erstaunlich, dass du mich nicht verstehst. Spricht es nicht für sich, dass Mrs. Hudson dich nicht nur über die vielsagenden Gerüchte unterrichtete, sondern dir auch meine Nachricht übergab? Ich wusste, dass du dich in der Baker Street aufhalten würdest. Leider weiß es inzwischen scheinbar auch die halbe Stadt.“
„Er ist in einem fürchterlichen Zustand, Mary. Als Arzt musste ich…“
„Hör endlich damit auf, John! Ich kann deine ewige Rechtfertigung nicht mehr länger ertragen! Das ist nicht gerecht. Nicht gegenüber mir. Nicht gegenüber dir selbst. Und schon gar nicht ihm gegenüber.“
„Gegenüber ihm?“
Aber Mary war des Diskutierens müde und fuhr fort, ihren Plan zu erklären.
„Ich werde die Stadt verlassen, ohne dass wir uns offiziell trennen werden. Ich habe ein Ticket für eine Fahrt nach Amerika. Das Schiff legt morgen ab. Wir werden jedem Menschen, den wir kennen, sagen, dass ich…“ Sie stockte, betrachtete ihre zitternden Hände und verschränkte sie, brachte ihre wackelnde Stimme unter Kontrolle. John trat einen Schritt auf sie zu und nahm ihre Hände in seine. Sie ließ es zu, sah ihm in die traurigen Augen, senkte den Blick wieder und war dankbar, dass er sie nicht schon wieder unterbrechen wollte. „Wir werden sagen, dass ich eine entfernte Cousine besuche, die ich immer sehr lieb hatte und die vor vielen Jahren ausgewandert ist, furchtbar krank wurde und jetzt Hilfe dabei braucht, sich um ihre Kinder zu kümmern. Mit der Zeit werden die Leute aufhören, sich zu wundern, warum ich nicht zurück komme. Und nach einer angemessenen Anzahl von Monaten…wirst du ihnen allen sagen, ich habe mich bei ihr angesteckt und sei  sehr plötzlich verstorben. Nur meinen Eltern werde ich sagen, ich hätte in Amerika die Bindung zu dir verloren, und bliebe dort. Jeder sonst muss glauben, ich sei tot. Also musst du trauern, John. Wenigstens ein Jahr. Danach bist du frei und niemand wird es je wieder wagen, Gerüchte über dich und Holmes zu verbreiten. Und ich werde in Amerika leben, wo mich niemand kennt und niemand weiß, wer ich bin.“ Tränen rollten jetzt wieder aus ihren Augen und als sie den Blick hob, sah sie, dass sich auch in den Augen ihres Mannes das Wasser gesammelt hatte.
„Dein Entschluss steht fest?“ Seine Stimme bebte und drohte zu brechen. Mary nickte stumm. „Dann werde ich dich nicht aufhalten können?“
„Nein.“
„Du musst wissen, dass ich dich liebe, Mary. Immer geliebt habe. Immer lieben werde.“
„Aber nicht genug.“
„Ich…“
Mary schüttelte den Kopf und er verstummte.
„Lass es uns nicht noch schwerer machen, John. Wir können die Dinge längst nicht mehr ungeschehen machen.“
„Ich kann nicht zulassen, dass du wegen mir die Stadt verlässt…ich sollte gehen. Bleibe du in London, behalte dir deine Freunde. Ich bin der Schuldige, ich sollte gehen.“
Mary konnte sich ein bitteres Lachen nicht verkneifen.
„Du? London verlassen? Allein? Oh John…nicht doch.“
„Was willst du in Amerika tun, Mary? Wie willst du dort allein zurecht kommen?“
„Ich gehe nicht allein.“
Schweigen trat ein. Mary dachte daran, das offensichtliche Missverständnis aufzuklären, das zwischen ihnen schwebte, ließ es dann aber bleiben. John musste die genauen Umstände nicht kennen. Sie musterte noch einmal sein Gesicht, prägte sich das intensive Blau seiner Augen ein, strich ein letztes Mal über seine rauen Hände und zwang sich dann endlich, zu beenden, was beendet werden musste. Sie mussten einander loslassen.
Also entzog sie sich endlich seines sanften Griffes, flüsterte ein bebendes „Auf Wiedersehen, John.“, wandte sich hastig zum Gehen und verließ eiligen Schrittes den Park, floh blind von den eigenen Tränen vor Johns Rufen nach ihr und lief endlich und endgültig davon.

Der Regen tropfte lautlos aus seinem Haar und landete ungehört auf dem nassgrauen Kieselstein des säuberlich geharkten Parkweges. Sekunden vergingen. Minuten. Die Zeit schien für ihn still zu stehen. Er bemerkte kaum, wie der Regen seine Kleidung langsam durchdrang, wie der nasse Stoff an seinem Körper zu kleben begann und sein Mantel schwer auf seinen Schultern wurde. Wie lange er dastand und ohne jede Regung dorthin starrte, wo Mary schließlich als kleiner Punkt aus seinem Blickfeld verschwunden war, konnte er hinterher nicht mehr sagen. Erst als sich das sternenblaue Tuch der Nacht über die Stadt gelegt hatte, machte ein Parkwächter ihn darauf aufmerksam, dass er den Park nun zu verlassen hatte. Mit einem stummen Nicken gehorchte Watson, stützte den plötzlich tonnenschweren Körper auf seinen Stock und humpelte davon, hinaus in die leere Nacht. Es wäre klug gewesen, eine Droschke zu nehmen, aber obwohl Watson sein Ziel kannte, wollte er es nicht schneller erreichen, als nötig. Das Schuldgefühl darüber sollte erst viel später aus dem tauben Nebel auftauchen, in den sein stumm funktionierender Körper abgetaucht war.
London bei Nacht wirkte für manche verrucht und gefährlich, für wieder andere war die Stadt bei Nacht ein magischer, romantischer Ort. Für Watson war die Nacht plötzlich wieder ein Zufluchtsort. Eine vertraute Konstante im Chaos. Damals, als er allein und einsam gewesen war, ein Kriegsheimkehrer ohne Weg und Ziel, war die Nacht lange seine Geliebte gewesen. Bei Nacht war er langsam durch die Straßen gewandert, hatte genossen, wie niemand ihn auf das damals noch schwere Hinken ansprach und entspannte sich, als er bemerkte, dass er bei Nacht keine mitleidigen Blicke zu erwarten hatte. Bei Nacht hatte er seine mickrige Veteranenrente verspielt und seine Zeit mit Genossen des Zwielichtes zugebracht, ohne jemals ganz den rechten Pfad zu verlassen. Die Versuchung, die Nacht von einer Geliebten zu einer Angetrauten zu machen, war stets da gewesen. Die Gefahr des schmutzigen Hafengebietes, des düsteren Whitechapel hatte eine merkwürdige Faszination auf ihn ausgeübt. Um vor dem Trauma der Schützengräben und den Erinnerungen an Blut und Tod und die Schreie der Verwundeten zu fliehen, hätte er beinahe alles getan. Im Dunkel der gefährlichen Viertel hatte er all das hinter sich lassen können, beschäftigt damit, um die düsteren Ecken zu schielen, sein Leben gegen Diebe zu verteidigen und hartnäckige Dirnen abzuschütteln, denen er allein wegen ihrer zahlreichen Geschlechtskrankheiten sehr abgeneigt gewesen war. Doch das Dunkel hatte niemals seine Einsamkeit tilgen können, seine Angst vor dem Schlaf nie ganz geschluckt. Seine Tage wurden schlimmer, je mehr er sich in die Nacht verliebte. Einen verschlafenen Krüppel wollte kein Krankenhaus als Mediziner anstellen und sein Erspartes drohte zur Neige zu gehen, während er es verspielte, anstatt Geld für eine Praxis beiseite zu legen. Sein Glaube daran, jemals wieder als Mediziner zu arbeiten, war nicht stark genug, um der Versuchung zu widerstehen. Seine Hände zitterten damals noch vom Trauma, waren für das Medizinerhandwerk kaum zu gebrauchen. Sein Bein quälte ihn auf jeder Treppe und die Alpträume raubten ihm so lange jeden Schlaf, bis aus ihm ein Schatten seiner selbst geworden war. Seine Freunde hatten sich von ihm abgewendet und er hatte es kaum noch ertragen, ihr geheucheltes Mitleid zu beobachten. Hätte er eine Familie gehabt – er wäre vor sich selbst in ihren sicheren Schoß geflohen. Doch sein alter Herr und seine Mutter waren früh verstorben, kaum dass er volljährig gewesen war. John Watson war ein Mann aus gutem Hause, aber es gab damals doch nie eine Teegesellschaft, die auf ihn gewartet hätte, sobald seine Eltern ihn verlassen hatten. Mitten in dieser dunklen Nacht, in die er sich geflüchtet hatte, war plötzlich ein Licht aufgeflackert. Erst schwach und verschwommen, dann stärker. Schließlich war daraus eine Flamme geworden, welche die Nächte wieder erhellte und die Alpträume verscheuchte. Sein Körper hatte langsam wieder angefangen, zu funktionieren, seine Spielsucht wurde eingedämmt. Und während er nun bei Nacht dann und wann mit Watte in den Ohren gegen ohrenbetäubendes Violinenspiel ankämpfte oder Verbrechern hinterher jagte, war er bei Tag meist wieder der Arzt, der er seit seiner Rückkehr aus Afghanistan hatte sein wollen. Aber dieses Mal würde das Licht ihn nicht aus der Nacht auftauchen lassen. Vielmehr hatte er sich an dessen heller Flamme verbrannt, hatte zugelassen, dass es zu Asche verbrennen ließ, wonach er so lange gesucht hatte. Während er widerstrebend zur Bakerstreet wanderte, empfand er zum ersten Mal nach all der Zeit Wut darüber, dass er Holmes jemals kennen gelernt hatte und fragte sich, ob der damalige Schmerz nicht das kleinere Übel gewesen wäre gegenüber der zerrenden, brennenden Zerrissenheit, die jetzt seine Gedanken verschleierte und seine Vernunft außer Gefecht setzte. Er wusste, dass er nun, da er einmal gelernt hatte, wie Glück sich anfühlte, den Schmerz kaum so gut verkraften würde, wie er es damals getan hatte. Vor ihm lag eine unendliche Nacht voller Schuld und unterdrückter Gefühle.
Er sehnte sich beinahe zurück zu den Schützengräben.
„Finden sie das amüsant, Doktor?“
Kaum das die Tür ins Schloss gefallen war, entfernte sich Mrs. Hudson mit zu Boden gerichtetem Blick und eilte hastig die Treppe hinunter, um Holmes Zorn zu entgehen, welcher Dr. Watson galt, der soeben durch die Tür getreten war, die Hände beschwichtigend gehoben. „Es war zu ihrer eigenen Sicherheit. Und zu Mrs. Hudsons Sicherheit.“
„Oh, sicher doch.“ Holmes schnaubte und zerrte mit den Handgelenken an den Gürteln, die ihn an das Bettgestell fesselten. „Machen sie mich los.“
Watson schluckte die zynische Bemerkung, die ihm in den Sinn kam, hinunter, löste die Gürtel und zuckte zusammen, als Holmes ihn beim Kragen packte.
„Glauben sie ja nicht, alter Freund, dass ich billige, was sie tun.“
Watson schnaubte nur, befreite sich aus Holmes Griff und entledigte sich seines klammen Mantels, den er an der Garderobe in der Ecke aufhängte.
„Wo haben sie sich überhaupt so lange herum getrieben? Sie sind ja klatschnass. Hat sie niemand von der Erfindung des Schirmes unterrichtet?“
„Ich bin gerade nicht in Plauderlaune.“
„Oh, stellen sie sich vor Doktor: Ich war nicht in der Laune, an ein Bett gefesselt aufzuwachen. Darauf wurde auch keine Rücksicht genommen. So ist es nun mal im Leben, Watson. Gewöhnen sie sich daran, dass selbst Freunde ihnen einmal Dinge antun…“
Watson stöhnte, ballte die Hände zu Fäusten um das wütende Lodern in seinem Innern im Zaun zu halten. „Sie dramatisieren, Holmes. Sie und ich, wir wissen beide, dass sie die Fesseln hätten lösen können, wenn sie es wirklich gewollt hätten.“
„Womit gleichwohl bewiesen wäre, dass ihr angeblicher Sinn kaum vorhanden war…“
Holmes rieb sich beleidigt über die Handgelenke und musterte Watsons Gesichtsausdruck, der beherrscht und hart schien, während sein Kiefer sich immer wieder anspannte. „Sie sind wütend.“
Watson konnte nicht anders, als bitter zu lachen. „Offenbar sind sie langsam wieder bei Sinnen. Ihre Deduktionen scheinen wieder weniger fehlerhaft.“
„Oh, sie sind nicht nur wütend. Das da…das ist Verzweiflung.“ Er deutete auf Watsons Gesicht und legte den Kopf schräg. „Aber warum sind sie wohl verzweifelt? Liegt es wohl an ihrem kleinen Geheimnis und dem Zettel, den unsere liebe Nanny ihnen zugesteckt hat?“ Watsons Kiefer spannte sich erneut. „Hören sie damit auf.“
Holmes grinste amüsiert. „Aber nein. Jetzt wird es doch erst interessant. Sehen sie sich nur an. Nass bis auf die Knochen. Offensichtlich aufgebracht. Als sie gingen waren sie nervös, aber nicht wütend. Betrübt, offenkundig, aber nicht so offensichtlich verzweifelt. Irgendetwas hat sie scheinbar so schwer getroffen, dass sie die Fassung zu verlieren drohen…sehen sie sich nur ihre Pupillen…“
„Es reicht!“ Holmes zuckte zusammen, überrascht davon, das Watson plötzlich die Stimme gegen ihn erhob.
„Es ist Mary, nicht?“
Nun war es an Watson, ihn am Kragen zu packen. Unwirsch zog er ihn heran, blickte ihn mit funkelnden Augen an, die Stimme war nur ein aggressives, warnendes Zischen.
„Es reicht.“
Aber Holmes hatte jetzt nicht nur der übliche Ehrgeiz gepackt, ein Geheimnis zu lüften. Tatsächlich lag ihm mehr daran, als er zugeben wollte, heraus zu finden, was mit Watson passiert war, wie es um seine Ehe stand und warum er plötzlich so offensichtlich aggressiv war. „Will Mary die Scheidung?“
Watsons Hände verblieben an seinem Kragen, verkrampften sich.
„Hören sie damit auf, in Gottes Namen!“
„Sie haben es ihr gesagt, nicht wahr? Sie sind so furchtbar rechtschaffend, mein lieber…“
Watson schüttelte ihn jetzt. „Seien sie endlich still, bevor ich mich vergesse!“
„Wieso haben sie es ihr nur gesagt, Watson?“
„Was genau sollte ich ihr denn gesagt haben?“
„Oh, sie wissen genau, wovon ich rede.“
„Ich habe ihr gar nichts gesagt.“
Sein Griff lockerte sich und er wandte sich ab.
Holmes hob überrascht die Brauen. „Nicht? Was hat sie dann nur dazu veranlasst, sie zu verlassen?“
„Woher wollen sie wissen, dass sie…“
Holmes fiel ihm seufzend ins Wort.
„Es ist mitten in der Nacht und sie ließen mich mehrere Stunden unter Aufsicht Mrs. Hudsons zurück, obwohl sie dieser versprochen hatten, bald zurück zu sein. Ich kenne sie gut genug, um zu wissen, dass sie sich sorgen, ich könnte rückfällig werden, die gute Nanny anfallen oder den Verstand verlieren, wenn sie nicht auf mich achtgeben. Sie sind ausgesprochen nass und im Allgemeinen zu klug, um eine Lungenentzündung zu riskieren, anstatt eine Droschke zu bestellen oder sich unterzustellen, bis der Regen nachgelassen hat. Ihre Augen verraten sie. Ihr Blick ist unstet, verrät, dass ihr emotionaler Zustand instabil ist. Sie schaffen es ja nicht einmal mehr, mir in die Augen zu sehen, obwohl das schon seit einiger Zeit ein Problem für sie zu sein scheint, weil sie Angst haben, sie könnten dann die Kontrolle…“
„Genug!“
„Um die Sache abzukürzen: Sie sprechen nicht von Mary, sie kehren nicht nachhause zurück, sie verschwinden nach dem Erhalt einer Nachricht. Und nicht zu vergessen: Sie kamen hierher, um mir zu helfen, sehr lange, nachdem man sie um Hilfe gebeten hatte. Etwas muss ihre Meinung geändert haben. Etwas Schwerwiegendes. Also wird Mary sie wohl verlassen haben, was sie verdrängten, weil sie damit beschäftigt waren, sich einzureden, sie müssten einem alten Freund aus Pflichtbewusstsein helfen. Aber dann wollte sie mit ihnen sprechen und Hoffnung keimte auf, aber dann hat Mary sie nur buchstäblich im Regen stehen lassen, was sie wütend werden ließ. Interessanterweise sind sie aber nicht nur wütend auf mich, sondern auch auf sich selbst. Vielleicht, weil sie tatsächlich geglaubt hatten, es gäbe einen Weg zurück und ihre eigene Lüge noch immer nicht erkennen wollen…“
„Halten sie den Mund!“
Das Glas zerschellte dicht neben Holmes Kopf an der Wand. Der Detektiv hob die Brauen. „Doktor, Contenance.“
„Haben sie auch nur den Hauch einer Ahnung, was sie mir angetan haben?“
„Was ich ihnen angetan habe?“ Holmes schnaubte trocken. „Wenn ich mich recht entsinne, habe ich allein rein gar nichts getan. Ich habe nicht einmal versucht, sie noch einmal zu kontaktieren. Ich war es, der unsere Zusammenarbeit beendet hat.“
„Glauben sie wirklich, ich käme nicht hinter ihr kleines Spiel?“
„Welches Spiel? Sind sie jetzt vollends Paranoid geworden?“
„Sie wussten, dass ich kommen würde, wenn ich erst zugetragen bekäme, dass sie sich umbringen. Sie wussten, dass ich sie nicht sterben lassen würde.“
Das Schmunzeln verschwand von Holmes Gesichtszügen. „Ich habe nicht um ihre Hilfe gebeten. Ich wollte sie nicht sehen. Ich brauche sie nicht.“
„Vor ein paar Stunden waren sie da noch völlig anderer Meinung.“
„Vor ein paar Stunden hat auch noch das Morphium aus mir gesprochen.“
„Ich hätte nie herkommen sollen!“
„Endlich sind wir einer Meinung, Doktor! Gehen sie nur. Reisende soll man nicht aufhalten.“
„Glauben sie nicht, dass ich sie noch einmal aus dem Dreck ziehe.“
„Ich wünsche weder ihre Hilfe, noch ihre Anwesenheit.“
Watson nahm unwirsch seinen noch immer nassen Mantel von der Garderobe.
„Ich wünschte nur, sie hätten mich viel früher gehen lassen.“
Holmes lachte bitter.
„Ich habe sie niemals am Gehen gehindert.“
Ihre Blicke trafen sich. „Doch, das haben sie. Wieder und wieder.“
„Machen sie mich nicht allein für etwas verantwortlich, woran sie sich gleichermaßen schuldig gemacht haben. Sie haben meine Arbeit gefährdet. Ihr dummes, unüberlegtes Handeln hat meinen Verstand beeinträchtigt. Sie sind nicht der einzige, der von nutzlosen Gefühlen manipuliert wurde.“
„Nutzlose Gefühle?“
„Völlig nutzlos.“
„Ich habe also ihre Arbeit gefährdet? Sie haben mein Leben zerstört!“
„Ach, habe ich das? Habe ich sie etwa unter Drogen gesetzt? Sie dazu gezwungen, mich zu…Habe ich ihnen irgendetwas angetan, was sie sich nicht selbst angetan haben?“
„Sie mussten ja unbedingt beinahe sterben.“
„Die anderen Male, die sie mich zusammen geflickt haben, haben ja auch nicht dafür gesorgt, dass sie plötzlich…“
„Das ich plötzlich was?“
„…ihre Haltung verlieren. Sie sind doch derjenige, der immer die Moral hochhalten muss!“
„Bevor sie sie zerstört haben!“
„Es gefällt ihnen wirklich, mich als Schuldigen auszumachen, nicht wahr? Als habe ich sie verflucht…sie wissen um die Nichtexistenz von Magie, nicht wahr, Doktor?“
„Ich hatte eine Frau!“
„Schön. Dann sehen sie zu, dass sie zu ihr zurück kehren.“
Watson schnaubte.
„Sie geht nach Amerika.“
Ein kurzes Bedauern flackerte über Holmes Züge, als Watson zu Boden blickte und ein Stich durch sein Herz fuhr, während er erkannte, wie sehr der Weggang seiner Frau den Doktor betrübte. Die Eifersucht flammte wieder in seinen Adern auf und befeuerte die gehässige Wut, die angetrieben von Angst, Skepsis und Enttäuschung fortwährend wenig Schmeichelhaftes aus seinem Mund quellen ließ.
„Wenn Mary ihnen nur halb so viel bedeutet, wie sie behaupten, was tun sie dann hier? Halten sie ihre Mary doch auf. Gehen sie mit ihr. Niemand wird sie aufhalten.“
Watson hob den Blick, in dem sich plötzlich bedauern spiegelte, als er erkannte, wie verletzt Holmes wirkte. Etwas in Watson wollte zu Holmes eilen, ihn in die Arme schließen und endlich nicht mehr dagegen ankämpfen, was er fühlte, aber er war zu getroffen von Holmes kalter Ablehnung, von Marys Weggang, von seiner Angst vor dem Unbekannten, das ihnen immer als Verboten gepredigt worden war.
„Niemand?“
Holmes hielt seinem Blick stand und Watson konnte beobachten, wie er sich wieder verschloss, seine Mauern wieder aufrichtete, zurück kehrte zu der einsamen Insel, die er innerlich trotz ihrer Freundschaft stets geblieben war, bis Watson ohne es zu wollen, alle Dämme niedergerissen hatte.
„Niemand.“
Und mit dem leisen Schlagen der Standuhr, die den anbrechenden Tag mit drei Schlägen verkündete, löschte Watson das letzte Glimmen der Flamme, die ihre Freundschaft war, machte auf den Absatz kehrt und verließ die Bakerstreet, ohne Holmes noch einmal in die Augen zu sehen.

Die Tür hatte sich hinter ihm kaum geschlossen, als Holmes die Hände vors Gesicht schlug und sein wundes Herz ihn verzweifelnd pochend fragte, was er nur getan hatte.

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Keine Sorge, ist nicht das letzte Kapitel ;)
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