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Verlieren und Gewinnen

von oldi
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Dr. John Watson Irene Adler Mary Morstan Mycroft Holmes Professor James Moriarty Sherlock Holmes
11.08.2012
03.11.2014
26
103.667
11
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113 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
11.08.2012 1.835
 
Hallo zusammen =)
Weil ich so überwältigt bin, ganze 6 Favoriteneinträge und 3 so tolle Reviews für dieses eine kleine Kapitel bekommen zu haben, folgt hier auch schon Kapitel 2.
Noch einmal vielen Dank an euch alle und viel Spaß mit diesem Kapitel, das ein wenig kürzer ist. Aber keine Sorge, die folgenden werden wieder ein wenig länger. ;)
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Kapitel 2 - Warten

John Watson war sich fast sicher, dass es nie wieder zu regnen aufhören würde.
Seit drei Tagen prasselten die Tropfen unablässig gegen die Fensterscheiben und verdüsterten seine Stimmung zusätzlich.
Mit düsterer Miene humpelte er zum Kamin hinüber – seine alte Verletzung schmerzte durch die Strapazen der letzten Tage wieder stärker – und stocherte im Feuer herum.
Dann kehrte er zu dem Stuhl zurück, auf dem er seit ihrer Ankunft in Mycroft Holmes Haus verharrte.
Neben dem Stuhl stand ein Bett, in dem Sherlock Holmes seit drei Tagen lag ohne auch nur ein einziges Mal die Augen aufzuschlagen.
Doch er lebte.
Wundersamerweise.
Watson war selbst nicht mehr ganz sicher, wie sie es geschafft hatten ihn mehr tot als lebendig hierher zu bringen. Nachdem ihnen klar geworden war, dass sie aus Frankreich verschwinden mussten, um Moriartys Schergen für’s Erste zu entgehen und dass sie so bald niemanden finden konnten, der ihnen half, hatten sie sich auf den Weg zu Mycroft gemacht. Die Erinnerung daran, wie sie es letztendlich tatsächlich hierher geschafft hatten, war in Watsons Erinnerung mehr als verschwommen.
Der Butler, der ihnen geöffnet hatte, war bald in Ohnmacht gefallen und als Mary ihren John entdeckte - in seinem zerfetzten Hemd, und übersät mit Wunden, mit einem halbtoten Sherlock Holmes auf dem Arm - war die sonst so gelassene Frau nur knapp an einem hysterischen Anfall vorbei geschlittert.
Auch Mycroft war mehr als überrascht gewesen, hatte ihnen jedoch sofort seine Hilfe zugesichert und versprochen, sogleich den Mediziner seines Vertrauens zu verständigen, als er den miserablen Zustand seines Bruders bemerkte.
Watson hatte dieses Angebot abgelehnt. Er weigerte sich standhaft, irgendjemanden an Holmes heran zu lassen und bat lediglich um Desinfektionsmittel, Verbände und Medikamente – Hauptsächlich Schmerzmittel. Er hatte Holmes untersucht und zu seiner Erleichterung festgestellt, dass er wohl keine inneren Verletzungen hatte, soweit er es beurteilen konnte, hatte die sechs gebrochenen Rippen so gut es ging stabilisiert und die Wunde an der Schulter desinfiziert, vernäht und ordentlich verbunden.
Sie hatten Holmes in eines von Mycrofts zahlreichen Gästebetten verfrachtet und Watson war ihm seitdem nicht eine Sekunde von der Seite gewichen.
Stets saß er neben Holmes und schob Wache, legte ihm kalte Umschläge auf die fiebrige Stirn und wischte ihm die schweißnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht.
Um seine eigenen Wunden hatte er sich bisher nicht gekümmert, trug noch immer die verdreckte Kleidung und hatte sich lediglich die Hände und Arme großzügig gewaschen und desinfiziert, bevor er Holmes‘ Schulter behandelt hatte.
Es bereitete ihm ein gewisses Unbehagen, dass Holmes noch nicht ein einziges Mal die Augen aufgeschlagen hatte, aber sein Puls war wieder kräftiger geworden, sein Atem war einigermaßen gleichmäßig und sein Fieber unter Kontrolle.
Außerdem war es wohl besser, wenn er nicht ganz bei Bewusstsein war.
Watson hatte ihm eine gehörige Dosis Schmerzmittel verpasst – die es auch brauchte für einen durch Drogen derart abgehärteten Menschen – aber dennoch wäre es gewiss unangenehm für Holmes gewesen, bei Bewusstsein zu sein. Er wäre nicht nur benebelt gewesen, sondern hätte früher oder später auch wieder heftige Schmerzen bekommen.
Immerhin war Holmes ab und zu in einer Art Dämmerzustand gewesen, in dem Watson es geschafft hatte, ihm ein wenig Flüssigkeit zu verabreichen.
Und doch – obwohl Holmes schon auf dem Weg der Besserung war, war Watson unruhig.
Es fiel ihm schwer zu ertragen, diesen klugen, widerstandsfähigen Mann so schwach und blass daliegen zu sehen. Noch immer hatte er Angst, ihn zu verlieren und noch immer erlaubte er sich nicht, Holmes aus den Augen zu lassen.
Zu groß waren seine Sorge und auch seine Ungeduld vor dem Moment, in dem er endlich wieder in das graugrüne Augenpaar sehen konnte.
Ohne Erfolg hatten Mary, Simsa und Mycroft versucht, ihn aus dem Zimmer zu locken. Sie hatten ihm versprochen, anstatt seiner über Holmes zu wachen und ihn gebeten, sich endlich auszuruhen und in Ruhe etwas zu Essen, ein Bad zu nehmen, anständig zu schlafen. Besonders Mary war besorgt um ihren Gatten und hatte unzählige Male versucht, ihn zur Vernunft zu bringen.
Umsonst. Er hatte sie nur in einem für ihn sehr ungewöhnlichen, harschen Ton zurück gewiesen. Schließlich konnte er sie überzeugen, zurück nach London zu fahren, sagte ihr, sie sei an diesem Ort nicht sicher, solange Moriarty hinter Holmes her war.
Sie hatte nicht ohne ihn fahren wollen, doch er hatte ihr schlussendlich keine Wahl gelassen.
Watson konnte Holmes nicht allein lassen. Nicht jetzt.
Die wenigen Minuten, in denen er geglaubt hatte, Holmes für immer zu verlieren, hatten ihm zu sehr zugesetzt.

Der Gedanke an ein Leben ohne den Mann, der ihm so viele Jahre ein treuer Freund gewesen war, der ihn in den Wahnsinn getrieben, zum Staunen gebracht und immer wieder hatte Lachen lassen, war ihm unerträglich.
Holmes war immer sein rettender Anker gewesen. Als er damals aus Afghanistan zurück gekehrt war – einsam und traumatisiert – war er ihm ein guter Freund geworden, auf den er sich trotz seiner Eskapaden stets verlassen konnte.
Die beiden Männer verband mehr als die vielen Abenteuer, die sie zusammen durchgestanden hatten. Sie waren Mitbewohner, ein Ermittlergespann, der Retter des anderen, wenn dieser in Schwierigkeiten steckte. Beste Freunde.
Watson erinnerte sich schmerzhaft an den Tag seines Junggesellenabschiedes und die darauf folgende Hochzeit zurück. Er war so glücklich gewesen, Mary zu heiraten, dass ihm völlig entgangen war, was er Holmes scheinbar damit antat.
Watson war der einzige Mensch gewesen, mit dem Holmes je sein Leben teilte.
Holmes war kein Mensch, der gut mit anderen Menschen umgehen konnte. Er konnte sie lesen, verstehen, analysieren, aber er konnte ihnen nicht vertrauen und ihnen etwas wie Freundschaft entgegen bringen. Nicht einmal das Verhältnis zu seinem Bruder war besonders gut. Die beiden waren stets ein wenig unterkühlt, wenn auch nicht feindselig.
Aber für Watson zeigte allein die Tatsache, dass Mycroft sich bisher nur ein einziges Mal seit ihrer Ankunft nach dem Befinden seines Bruders erkundigt hatte, dass diese Geschwister kein besonders liebevolles Verhältnis pflegten.
Auch Watson gegenüber war Holmes immer reserviert und verschlossen geblieben, aber dennoch hatte er sich ihm mehr offenbart als jedem anderen Menschen zuvor. Watson hatte gelernt Holmes zu lesen. Er wusste was jede Geste, jedes Schmunzeln und jede nichtig erscheinende Handbewegung bedeutete. Er konnte in seinen Augen lesen, wenn er in einem Fall einen Schritt weiter gekommen war, wusste im Kampf, wann er angreifen würde und erahnte, wann sein guter Freund gegen den Drang verlor, sich den Bewusstseinserweiternden Substanzen hinzugeben.
Watson war der einzige Mensch, von dem er Tadel zwar nicht annahm, aber zumindest augenrollend duldete. Er war der einzige Mensch, dem zuliebe er gelegentlich an seinem Verhalten zu arbeiten versuchte. Er war der einzige Mensch, der Holmes mehr bedeutete als die Detektei, die eigentlich sein einziger Lebensinhalt war.
Und Watson hatte ihn im Stich gelassen.
Er hatte eine Frau gefunden, wollte ein neues Leben beginnen.
Und Holmes blieb allein zurück.
Müde schüttelte Watson den Kopf und bedauerte, dass er Holmes nicht vehementer widersprochen hatte, als dieser behauptete, er würde „allein sterben“.
Er bedauerte, dass er all die Zeit nicht ehrlich zu sich selbst gewesen war.
Ein Leben ohne Holmes war nicht nur nicht sehr erstrebenswert für ihn, es schien geradezu unmöglich.

Wie hatte er denken können, er könnte Leben ohne Geigenspiel nachts um halb drei, ohne Sarkasmus beim Frühstück und Deduktion bei einem normalen Opernbesuch? Wie sollte er sich des Lebens freuen ohne einen Kleiderdieb, der Löcher in die Wand seines Zimmers schoss, wenn er sich langweilte und die verrücktesten Experimente durchführte?
Wie sollte er glücklich sein ohne all die Abenteuer, ohne das verschmitzte Grinsen in Holmes Augen, das ihm entgegen blitzte? Ohne das schelmische Lachen?
Ohne sein „Mein lieber Watson“? Ohne ihre vielen Streits über Vernunft und Unvernunft und seine Gesundheit? Ohne all die vielen Momente, die sie erlebten und die Watson allesamt mehr bedeutet hatten, als er in Worte zu fassen vermochte?
Ohne Sherlock Holmes?
Watson schnaubte traurig über seine eigene Dummheit und rieb sich über die müden Augen. Der fehlende Schlaf forderte seinen Tribut: In den letzten Tagen hatte er nie mehr als drei bis vier Stunden Schlaf gefunden und zudem hatte er Rückenschmerzen von dem verdammt unbequemen Stuhl, auf dem er nun seit über 72 Stunden saß und wartete.
Wartete auf irgendeinen sarkastischen Kommentar, ein schiefes Grinsen oder zumindest eine herablassende Beleidigung.

Rational betrachtet stellte Watson zum wiederholten Male fest, dass es merkwürdig war, wie gern er Holmes hatte. Holmes war arrogant, zynisch, exzentrisch, unkontrollierbar, chaotisch, unfreundlich, verrückt und neigte aufgrund seines schnell gelangweilten genieartigen Geistes zur Depression.
Eine von Holmes Lieblingsbeschäftigungen war es, den Doktor auf die Palme zu bringen oder in die Verzweiflung zu treiben. Er sabotierte seine Beziehung zu Mary, brachte sich und seine Mitmenschen dauernd in Gefahr und fand Spaß an Untersuchungen, die andere nur müßig gefunden hätten.
Aber Watson kannte auch eine andere Seite von Holmes: Die Seite, die nicht nur aus reinem Spaß an des Rätsels Lösung Kriminalfälle verfolgte, sondern es tat, um Menschenleben zu retten. Holmes mochte kein Musterknabe sein, aber er war ein guter Mensch. Er war amüsant, besaß einen gewissen rauen Charme und war nicht nur ein kluger, sondern auch ein herausfordernder Gesprächspartner. Und auch, wenn er sich gern gefühlskalt gab, so wusste Watson, dass unter der harten Schale ein ganz gewöhnlicher Mann mit verletzlichen Punkten ruhte. Außerdem kannte seine Loyalität zu Watson keine Grenzen und er war gnadenlos ehrlich.
All das – und auch einige seiner auf den ersten Blick eher schlechten Eigenschaften – schätzte Watson sehr an seinem Freund.
Und dennoch wusste er, dass es ein wenig verrückt war.
Holmes war eben ein etwas eigener Zeitgenosse, doch Watson konnte sich nicht dagegen wehren, ihn gern zu haben.
Aus irgendeinem irrationalen Grund, machte Holmes Gegenwart ihn glücklich.
Auch wenn er ihn manchmal an den Rande des Nervenzusammenbruchs trieb, konnte er nicht umhin zuzugeben, dass er sich…anders fühlte, wenn Holmes zugegen war.
Sein Gedankengang hielt inne.
Anders.
Es war nicht wie bei Mary.
Mary begrüßte ihn stets mit einem strahlenden Lächeln, das fast immer seine Stimmung zu heben vermochte. Sie gab ihm ein Gefühl von Zufriedenheit und Sicherheit.
Holmes hingegen…er wusste nicht einmal, wie er es gedanklich in Worte fassen sollte.
Holmes versetzte ihn häufig in einen Zustand des freudigen Aufgeregtseins, steckte ihn mit seiner Euphorie an und machte ihn wahnsinnig.
Wenn Holmes ihn auf diese unnachahmliche, häufig ironische Weise anlächelte, flutete ein warmes Gefühl durch seine Adern, das er nicht weiter zu definieren vermochte.
Bevor er jedoch noch weiter darüber nachdenken konnte, vernahm er ein leises Stöhnen und erwachte aus seiner geistigen Abwesenheit.


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So, das war Kapitel 2.
Was sagt ihr? ;)
Ich freue mich wieder sehr über Feedback, was auch immer ihr loswerden möchtet =)

Kapitel 3 ist schon fertig und Nummer 4 bereits in Arbeit und auch schon zu einem guten Drittel fertig gestellt, es geht also bald schon weiter !
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