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Verlieren und Gewinnen

von oldi
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Dr. John Watson Irene Adler Mary Morstan Mycroft Holmes Professor James Moriarty Sherlock Holmes
11.08.2012
03.11.2014
26
103.667
11
Alle Kapitel
113 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
11.08.2012 4.354
 
Hallo ihr tollsten aller tollen Leser!

Ich bin dermaßen baff über so viel tolles Feedback für das letzte Kapitel, dass ich an dieser Stelle noch mal DANKE sagen muss. Danke liebe Reviewer und danke auch an alle da draußen, die diese Story unbekannterweise favorisiert haben ;)
Ich bin immer noch voll von den Socken.

Hier kommt also Kapitel Nummer 15.
Noch immer nicht das letzte Kapitel ;)
Es ist - in meinen Augen - das deprimierendste, was ich seit langem geschrieben habe, also seid gewarnt, dass es ein wenig auf's Gemüt schlagen könnte ;)

Lest selbst und macht euch ein Bild.
Und wer sich die volle Dröhnung Dramatik geben will, der höre sich dabei an, was ich beim Schreiben auch gehört habe:
www.youtube.co/watch?v=IPic8TZNskc
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Kapitel 15 – Zerbrechen

Rückblickend betrachtet erinnerte John Watson sich nicht mehr daran, wie er es zu seiner und Marys Wohnung geschafft hatte. Er war lange völlig apathisch durch die Straßen geirrt, bis er endlich zu seinem Ziel gelangte.
Kaum hatte er die leere Wohnung erreicht, sank er in einem Sessel zusammen und versank in apathisches Starren.
Ein Teil von ihm wollte nicht einmal glauben, was geschehen war. Es wirkte völlig irreal.
Er war so unendlich durcheinander, dass er kaum noch etwas fühlte. Seine Gedanken ließen sich nicht mehr ordnen, nichts ergab mehr einen nachvollziehbaren Sinn.
Lange saß er stumm da, starrte die gegenüberliegende Wand an und war nicht in der Lage, die Situation zu begreifen.
Alles fühlte sich dumpf und taub an.
Alles in ihm wehrte sich dagegen, bewusst darüber nachzudenken, was er getan hatte, zu erkennen, wie er sich fühlte.
Aber die Apathie konnte ihn nicht ewig vor sich selbst schützen.
Langsam klang sie ab und machte dem Schmerz Platz, der ihn mit unerwarteter Heftigkeit traf. Er begriff, dass er zum wiederholten Male eine Grenze überschritten hatte, die unendlich verboten war. Er begriff, dass er Mary auf schändliche Weise hintergangen hatte. Er begriff, dass er zweifelsohne nicht nur mehr als Freundschaft für Holmes empfand, sondern noch etwas ganz anderes. Er begriff, dass er seinen besten Freund für immer verloren hatte. Er begriff, dass er seine eigenen moralischen Grundsätze mit Füßen getreten hatte. Er begriff, dass er nie mehr derselbe sein würde.

Mary Watson hatte es geschafft, die Zugfahrt zu verschlafen, nachdem Thomas Walker ihr nach dem Erhalt eines neuen Telegrammes versichert hatte, dass John wohlauf war und das Krankenhaus bereits verlassen hatte. Erschöpfung und Erleichterung hatten sie in einen tiefen Schlaf fallen und erst wieder aufwachen lassen, als sie King’s Cross erreichten und ihr junger Begleiter ihr vorsichtig auf die Schulter tippte.
„Mrs. Watson. Wir sind da.“
Sie schenkte ihm ein erleichtertes Lächeln und raffte ihren Rock, um den Zug zu verlassen. Das Gepäck überließ sie Thomas, mit dem sie schließlich in einer Kutsche zu ihrem Appartement fuhr. Sie sprachen nicht, da Mary zusehends nervöser wurde, je näher sie ihrem Zuhause kam. Das ungute Gefühl der letzten Tage war noch immer nicht verschwunden. Walker war taktvoll genug, sich deshalb in Schweigen zu hüllen, bis die Kutsche schließlich zum Stehen kam.
„Es ist wohl an der Zeit für ein Lebewohl, Mrs. Watson.“
Er lüftete seinen Hut und lächelte freundlich.
Mary schüttelte ihm die Hand.
„Vielen Dank für alles, Mr. Walker. Sie waren mir eine große Hilfe.“
„Keine Ursache, Ma’am. Es hat mich gefreut, ihre Bekanntschaft zu machen.“
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Ich wünsche ihnen viel Erfolg für ihre Karriere, Mr. Walker.“
„Vielen Dank. Ihnen und ihrem Mann alles Gute. Leben sie wohl.“
„Auf Wiedersehen.“
Sie lächelte noch einmal, bevor sie mit leicht zittrigen Knien die Kutsche verließ und das Gepäck an sich nahm, welches der Kutscher ausgeladen hatte.

Marys Knie zitterten noch immer, als sie die Treppen hinauf stieg und schließlich fast zögerlich gegen die Tür klopfte, das Gepäck vorerst auf dem Boden abstellte.
Nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit, wurde die Tür geöffnet.
John begrüßte sie mit einem matten Lächeln. Seine Augen waren rot umrändert, er wirkte blass und seine Schultern hingen schlaff nach unten.
Sie zögerte kaum eine Sekunde, bevor sie ihm um den Hals fiel und er sie in seine Arme schloss.
„Tu sowas nie wieder, John Watson. Nie, nie wieder.“
Sie konnte nicht hören, wie er mit erstickter Stimme eine Antwort in ihr Haar murmelte, in dem er sein Gesicht während der Umarmung verbarg.
„Das werde ich nicht.“
Sie ließen einander los und Mary schüttelte nur den Kopf, als John ihr mit dem Gepäck helfen wollte. „Komm nicht einmal auf die Idee.“
Sie wuchtete die Taschen in die Wohnung, schloss die Tür und bugsierte ihren Mann zurück auf den Sessel, auf dem er schon die letzten Stunden verbracht hatte.
Dann setzte sie sich auf die Armlehnte des Sessels und strich John liebevoll durch die Haare, der bei dieser Geste leicht zusammen zuckte.
„Bist du in Ordnung, Liebling? Ich war so in Sorge. Es hieß, du seist bei einem Kampf mit diesem widerlichen Schurken Moriarty verletzt worden?“
„Es ist nur ein kleiner Kratzer.“
„Also ist es wahr?“
Marys Stimme war eine Oktave höher gewandert.
„Bitte reg‘ dich nicht auf. Es ist wirklich nicht schlimm.“
„Was um alles in der Welt ist denn passiert?“
Der Angesprochene seufzte und wich ihrem Blick aus.
„Ich…Kann ich es dir ein anderes Mal erklären? Ich bin sehr müde.“
Mary runzelte die Stirn und nickte zögerlich.
„Sicher. Kann ich irgendetwas für dich tun?“
Der Doktor schüttelte den Kopf, erhob sich und schüttelte unbewusst ihre Hand fort, die sich auf seinen Unterarm legen wollte.
„Nein, danke.“
Ohne ein weiteres Wort humpelte ihr Ehemann ins Schlafzimmer, während Mary besorgt über sein verstärktes Hinken, seinen Zustand und seine Wortkargheit die Stirn runzelte.

Mary tat in dieser Nacht kaum ein Auge zu, während ihr Mann sich neben ihr schlafend stellte, ihr steif den Rücken zuwendete und so weit von ihr abrückte, wie das Ehebett es zuließ. Mary ahnte, dass John nicht schlief, aber sie sagte nichts und stellte sich ihrerseits schlafend. Vielleicht brauchte ihr Mann nur Zeit, um sich zu erholen. Er hatte einige anstrengende Tage hinter sich und würde früher oder später sicher berichten, was geschehen war. Mary würde ihm die Zeit und den Raum gewähren, den er brauchte und ihn nicht drängen, zu erklären, warum sie so lange Zeit getrennt bleiben mussten. Ihr Zorn darüber, dass man sie auf ihrer Hochzeitsreise auseinander gerissen hatte, war längst verraucht. Übrig geblieben war nur Besorgnis.
Am nächsten Morgen war Mary schon auf den Beinen, als John den Salon betrat und sich an den gedeckten Tisch setzte.
Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln, das er zaghaft zu erwidern versuchte, während er einen Schluck von dem Tee nahm, den Mary ihm eingeschüttet hatte.
Nicht eine Minute lang hatte er in der vergangenen Nacht geschlafen.
Sein schlechtes Gewissen nagte an ihm und immer und immer wieder zwang es ihn dazu, abzuwägen, Mary die Wahrheit zu sagen. Aber er konnte ihr das nicht antun. Er wollte ehrlich sein, hatte er doch niemals vorgehabt Mary zu hintergehen und zu belügen. Aber was geschehen war, war ungeheuerlich, verboten und unmoralisch. Es würde Mary zutiefst verletzen und ihre Ehe zerstören. Er würde sie verlieren.
So tugendhaft John Watson auch war, er war egoistisch genug um sich die Ehrlichkeit in diesem Falle zu verbieten. Nachdem er Holmes unwiderruflich verloren hatte, würde er es nicht auch noch ertragen, seine Frau zu verlieren, die er noch immer liebte. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als den Verrat für immer zu verschweigen und zu vergessen, was geschehen war. Er musste versuchen, wieder zum Alltag zurück zu kehren und die Gedanken an Holmes und die Ereignisse und Taten der letzten Tage verjagen. Leider wusste er nicht, wie er das bewerkstelligen sollte. So starrte er stumm und gedankenversunken den Toast auf seinem Teller an und brachte es nicht über sich, hinein zu beißen, was von Mary natürlich nicht unbemerkt blieb.
„Ist alles in Ordnung?“
Er räusperte sich und entzog sich Marys Hand, welche die seine auf dem Tisch umfasst hatte.
„Natürlich. Ich bin nur nicht besonders hungrig.“
„Aber du musst etwas essen, John.“
„Du hast Recht.“
Er zwang sich mit aller Macht, in das geröstete Brot zu beißen und spürte sofort, wie ein leichtes Übelkeitsgefühl sich in seinem Magen breitmachte, als er schließlich zu kauen begann.
„John, ist wirklich alles in Ordnung?“
„Mach‘ dir keine Sorgen. Bitte. Es geht mir gut.“
„Willst du mir nicht doch sagen, was passiert ist? Das Telegramm…Mycroft Holmes Angestellter, der behauptete, ich sei in London nicht sicher…ich bin deswegen immer noch ganz verwirrt. “
John Watson seufzte. Er musste Mary wohl oder übel zumindest einen Teil der Wahrheit beichten.
„Wir wurden auf dem Weg nach London von Moriarty und einem seiner Schergen angegriffen. Mich hat eine Kugel an der Hüfte gestreift, Moriarty und Moran sind tot. Ich hatte Mycroft Holmes darum gebeten, dich zu schützen, damit ich dich in Sicherheit weiß, sollte Moriarty planen, uns zu schaden. Es war…nichts weiter.“
„Nichts weiter? John, du hättest tot sein können!“
„Es ist glücklicherweise gut für mich ausgegangen.“
Mary schluckte ihren aufkeimenden Zorn herunter und bemühte sich um Beherrschung.
„Das heißt, die Sache ist ausgestanden?“
Watson bemühte sich um ein Lächeln.
„Das ist sie.“
„Schön.“ Mary lächelte und erkannte bei einem Blick in Johns Gesicht, dass das Lächeln seine Augen nicht erreichte. Sie runzelte die Stirn und stellte ihre Teetasse ab.
„Ist mit Holmes alles in Ordnung?“
Watson verschluckte sich an seinem Tee und räusperte sich erschrocken.
„Ich denke schon. Er…wird schon wieder.“
„Schön für ihn. Nach allem, was er mit dir veranstaltet hat, soll er mir fürs erste bloß nicht unter die Augen kommen. Dir hätte sonst was passieren können, nur weil er dich wieder einmal in diese Geschichte hinein ziehen musste.“
„Mary, er hatte keine bösen Absichten. Moriarty hatte vor, uns zu töten.“
„Wie bitte?“
Watson stockte. Er hatte schon zu viel gesagt.
„Vergiss es. Es ist nicht wichtig. Holmes und ich werden haben unsere Zusammenarbeit beendet.“
„Oh, gut. Eine Sorge weniger.“ Mary lachte, aber John blickte nur düster auf seinen Teller.
„Ja, da hast du Recht.“
„Und du versprichst mir, dass er nicht herein schneien, und dich beknien wird, ihm ein letztes Mal zu helfen oder versuchen wird dich in der Baker Street festzuhalten, wenn du ihn besuchst?“
„Ich besuche ihn nicht mehr.“
Mary runzelte die Stirn.
„John…bitte glaub‘ nicht, dass ich erwarte, dass du eure Freundschaft beendest. Ich schätze ihn zwar nicht besonders, aber ich verstehe, dass ihr schon sehr lange befreundet seid. Ich will nur nicht, dass er dich wieder in Gefahr bringt…“
„Schon gut. Ich weiß.“
„Was hat er dann wieder angestellt? Habt ihr euch gestritten?“
Watson erhob sich, bückte sich zu Mary hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Bitte entschuldige mich. Ich denke, ich werde mich wieder hinlegen. Mir ist ein wenig schwindelig. Das muss an der Verwundung liegen.“
„John, ich…“
Sie versuchte, ihren Mann festzuhalten, aber der wand sich aus ihrem Griff und humpelte aus dem Zimmer, während er sie leise zu beschwichtigen versuchte.
„Ich brauche sicher nur noch ein wenig Schlaf…“

Sie sprachen nicht mehr darüber.
Wochen zogen ins Land und Watson, der sich erfolgreich davon abhielt, der Versuchung zu erliegen, doch noch einmal Kontakt zu seinem einstigen Freund aufzunehmen, wurde zunehmend verschlossener. So sehr er sich auch bemühte, zur Normalität zurück zu kehren – er konnte es nicht. Mary verlor allmählich den Zugang zu ihm. Jedes ihrer Gespräche endete in einer Sackgasse und sie schaffte es kaum noch, ihren Ehemann vor die Tür zu bekommen, obwohl seine Verletzung gut verheilt und er längst wieder auf den Beinen war. Jedes Mal, wenn Mary Anstalten machte, John zu fragen, was ihm auf dem Herzen lag, wand er sich unter ihrem Blick wie ein verletztes Tier. Er wurde fast erdrückt von seinem dunklen Geheimnis und schaffte es kaum noch, Mary in die Augen zu sehen. Je länger er vor ihr zu verbergen suchte, was sein Innerstes noch immer aufwühlte, desto schwieriger wurde es, ihre Nähe zu ertragen. Unter jeder ihrer Berührungen zuckte er erschrocken zusammen und ihre letzte gemeinsame Nacht lag lange zurück.
Zumeist blieb Watson noch auf, wenn Mary zu Bett ging und schlief erst in den frühen Morgenstunden in seinem Sessel ein, wenn die Gedanken endlich Ruhe gaben und von der Erschöpfung besiegt wurden. Sie vollzogen die Ehe nicht mehr. Das letzte Mal hatten sie in ihrer Hochzeitsnacht miteinander geschlafen. Mary beschwerte sich nicht, wollte ihrem Mann Zeit geben, zu verarbeiten, was ihn so sehr bedrückte. Doch allmählich wusste sie nicht mehr, was sie tun sollte. Sie erkannte John Watson nicht mehr als den Mann wieder, den sie erst vor Kurzem geheiratet hatte. Sein aufgezwungenes Lächeln wirkte nie so befreit, wie einst und sie vermisste ihn, während er doch neben ihr saß.
Überhaupt wirkte John leer und abwesend, sprach nicht viel und aß noch weniger.
Das kleine Bäuchlein, dass er in ihrer Verlobungszeit zugelegt hatte, war längst verschwunden und mit ihm das Funkeln in seinen Augen.
Watson hatte viele seiner alten Gewohnheiten aufgegeben. Er spielte nicht mehr, weil er dann immerzu daran denken musste, dass nun niemand mehr auf sein Geld aufpassen würde. Er dachte nicht mehr über die Kriminellen Londons nach – Die Erinnerungen an vergangene Abenteuer schmerzten zu sehr.
Irgendwann hörte er gar damit auf, auch nur die Zeitungen zu lesen, die seit Wochen von ungelösten Kriminalfällen berichteten. Nachdem die seltsamen Morde in Whitechapel aufgehört hatten, ohne dass jemand erklären konnte, warum, schien Londons Unterwelt aufgewühlt von den Vorkommnissen. Doch keiner der neuen Fälle wurde gelöst. Das Yard jagte noch immer dem schattenhaften Mörder hinterher, den die Presse mittlerweile „Jack the ripper“ getauft hatte und widmete sich kaum anderen Fällen. Niemand schien sich darum zu kümmern. Nicht einmal Sherlock Holmes, dessen Name aufgehört hatte, in der Zeitung aufzutauchen. Für gewöhnlich berichteten die Gazetten nahezu ständig darüber, dass Holmes an der Lösung dieses oder jenes Falls beteiligt gewesen sei. Aber seit seiner Rückkehr nach London war es still um ihn geworden. Mit jedem Tag, an dem Watson in den Zeitungen nichts über ihn fand und stattdessen nur auf neue Meldungen über Verbrechen stieß, für deren Lösung Holmes‘ sich für gewöhnlich schnell begeistert hatte, stieg seine Sorge um den Detektiv. Es sah ihm nicht ähnlich, nicht zu arbeiten.
Mit jedem Tag wurde der Schmerz schwerer zu ertragen und mit jedem Tag wurde der Selbstbetrug schwieriger. Es schien nahezu unmöglich, wirklich zu akzeptieren, dass er mehr verloren hatte, als nur seinen besten Freund.
An einem Morgen in der zweiten Dezemberwoche gab Watson schließlich auf, die Zeitungen auch nur anzurühren. Er konnte den Schmerz nicht mehr ertragen, nachdem er einen Artikel gelesen hatte, in dem die Situation in Europa als „zunehmend angespannt“ beschrieben wurde. Es schien fast, als habe ihr Unterfangen, Moriarty zu stoppen, nichts dazu beitragen können, einen Krieg zu verhindern. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis die Welt in Brand stehen würde. Ihre Bemühungen waren umsonst gewesen. Mit einem müden Kopfschütteln warf er die Zeitung schließlich auf den Tisch und blickte zu Boden, während Mary ihn besorgt musterte.
Die angespannte Stille im Raum trieb ihn schließlich vor die Tür.
Er sagte Mary, er würde ein wenig spazieren gehen, nahm seinen Stock und seinen Zylinder und verschwand im Schneetreiben des Vorweihnachtlichen London.
Zurück blieb Mary Watson, die trotz aller Bemühung um Beherrschung zu weinen anfing, während sie die Teetassen in die Küche trug.

In all diesen Wochen, in denen John Watson versuchte, beisammen zu halten, was von seinem Leben übrig war, lag Sherlock Holmes die meiste Zeit weggetreten auf einem Sofa im Salon der Wohnung in der Bakerstreet.
Nachdem er einige Tage lang erfolglos versucht hatte, sich wieder auf das zu verlegen, was er konnte – Deduzieren ohne zu fühlen – und erkennen musste, dass seine Deduktionen häufig fehlerhaft waren, dass es ihm schwer fiel, klare Gedanken zu fassen, hatte er dem Drang nachgegeben, Kokain und allerhand andere Substanzen zu konsumieren, die er auftreiben konnte. Leider schaffte es sein geliebtes Kokain nicht, seinen Verstand wieder zur alten Form auflaufen zu lassen. Er war noch immer wie blockiert. Aber die Drogen und auch der Alkohol, den er inzwischen konsumierte taten dennoch wirkungsvoll ihren Dienst. Sie betäubten nicht nur den Schmerz, den die nur langsam verheilenden Verletzungen verursachten, sondern auch seine Gedanken und den irrationalen körperlosen Schmerz, der noch immer schwer in seiner Brust dalag und ihm das Atmen fast unmöglich machte.
Da seine Bewegungsfreiheit noch immer stark eingeschränkt war, konnte er zunächst ohnehin nicht produktiv arbeiten und nachdem er es – dank der Aufputschenden Wirkung des Kokains- endlich wieder schaffte, die Wohnung zu verlassen, tat er dies nur, um seine Vorräte aufzustocken. Er aß kaum und trank viel, wusch sich nur unregelmäßig, schlief wenig und konnte sich nicht einmal aufraffen, eines seiner Experimente fortzuführen, sondern wanderte ruhelos durch die Räume, die ihm nie zuvor so leer erschienen waren.
Im Zustand völliger Benebelung spielte er zumeist Geige oder starrte mit leeren Augen in das Chaos, welches in der Wohnung herrschte. Mrs. Hudson war mittlerweile zunehmend besorgt um ihn, und nicht mehr ärgerlich (obwohl er vor Allem ihr gegenüber inzwischen noch unausstehlicher geworden war als üblicherweise), was ihn in seinen wenigen klaren Momenten sehr störte. Er redete sich ein, eine Phase überwinden zu müssen um zurück zu der messerscharfen Klarheit seines Verstandes kehren zu können, war überzeugt davon, dass nutzlose Gefühle absterben mussten und würden, wenn er sie nur vernachlässigte.
Da seine innere Unruhe aber auch durch enormen Kokain- und Alkoholkonsum kaum gänzlich betäubt oder in produktivere Bahnen gelenkt werden konnte, kam er schließlich zu der Erkenntnis, dass es vielleicht anderer Zerstreuung bedürfe. Es war lange her, dass er sexuell aktiv gewesen war, fand‘ er Sexualität doch gewöhnlich nur zeitraubend und ablenkend und hielt körperliche Beziehungen prinzipiell für überbewertet, wenn nicht gar überflüssig. Für ihn war Sexualität nur ein Trieb, der gelegentlich ruhig gestellt werden musste, damit er ihm das Denken nicht erschwerte. Jetzt aber glaubte er, es könnte ihm helfen, Spannungen abzubauen, die insbesondere nach seiner letzten Begegnung mit Watson unerträglich geworden waren.
Unglücklicherweise brachte ihn auch ein Besuch bei den Prostituierten im Hafengebiet, zu dem er sich erst nach einer enormen Dosis Kokain überhaupt aufraffen konnte, nicht weiter. Die innere Unruhe blieb. Die Anspannung verschwand nicht. Die Euphorie, die die Droge auslösen sollte, setzte nicht ein.
Und so lag er weiter abwesend auf dem Sofa, dachte wenig Zusammenhängendes und fühlte kaum etwas außer stumpfer, unruhiger Leere.
Gelegentlich klopfte Inspektor Lestrade an seine Tür und bat um seine Hilfe.
Er winkte stets ab.
So sehr er sich bemühte, dem Inspektor zu folgen – es war ihm unmöglich.
Der Alkohol tat sein bestes, seine Deduktiven Fähigkeiten außer Kraft zu setzen, und wenn er einmal klar war, schickte er Lestrade häufig dennoch fort. Er fühlte sich noch nicht wieder in der Lage, zu arbeiten. Irgendwann bat er Mrs. Hudson gar, den Inspektor ungesehen wieder fort zu schicken. Soziale Kontakte waren ihm zuwider geworden, sein Universum war geschrumpft auf ein Sofa und den Konsum von Rauschmitteln.
Irgendwann, als die Verletzungen weitgehend abgeheilt waren und zumindest der physische Schmerz ihm allmählich weniger zusetzte, fing er wieder damit an, chemische Experimente durchzuführen, um die Langweile zu vertreiben, die das Kokain, das er dem Alkohol inzwischen vorzog, noch verstärkte.
Mehr als einmal steckte er dabei beinahe die Wohnung in Brand, brachte kaum etwas Sinnvolles zustande. Dennoch schien es ihm besser, als weiter auf dem Sofa zu liegen und so brachte er Nächte damit zu, neue Substanzen zusammen zu rühren, deren Sinn ihm selbst kaum klar war. Mit Besessenheit widmete er sich seinen ergebnislosen Forschungen und schlief mehr als einmal völlig erschöpft nach mehreren Tagen ohne Schlaf über seinen Versuchsaufbauten ein.

Weihnachten kam und ging. Watson schenkte Mary eine hübsche Kette, über die sie sich sicher gefreut hätte, wäre ihr Mann nicht trotz des Festes noch immer zugeknöpft und abwesend geblieben. Mittlerweile war sie zunehmend gereizt und nicht mehr bereit, hinzunehmen, wie unglücklich sie sich inzwischen fühlte. Sie war es leid, neben John her zu leben, während die Zeit kläglich langsam verrann und sie sich allmählich fragte, ob der Rest ihres Lebens so deprimierend verlaufen würde. Sie wünschte sich sehnlichst ihren Ehemann zurück und diesen leeren Körper fort, der an den Feiertagen neben ihr am Kamin saß und scheinbar seelenlos ins Feuer starrte.
Sie wollte John wieder haben, nicht diesen neuen, scheinbar stets traurigen, ängstlichen, wortkargen Zeitgenossen.
Immer häufiger verschwand dieser Mensch, in dem sie inzwischen nichts mehr von John erkannte, zu stundenlangen, einsamen Spaziergängen und kehrte oft erst bei Sonnenuntergang zurück. Er behauptete, Räume zu besichtigen, in denen er bald eine Praxis einrichten wolle – sie hatten sich nach einer kurzen Diskussion darauf geeinigt dass John erst wieder arbeiten würde, wenn er wieder vollkommen gesund und erholt war und hatten beschlossen, dass er erst im neuen Jahr wieder praktizieren sollte, da sie noch einiges an Ersparnissen besaßen - aber sie ahnte, dass er die meiste Zeit nur deshalb das Haus verließ um vor ihr zu fliehen. Ihre Geduld mit ihm neigte sich dem Ende und sie beschloss, ihn bei der nächsten Gelegenheit endgültig zur Rede zu stellen, als das neue Jahr begonnen, und sich noch immer nichts verändert hatte.

An Sherlock Holmes zogen sowohl das Weihnachtsfest als auch der Beginn des neuen Jahres unbemerkt vorbei, was Mrs. Hudson schließlich in ihrer wachsenden Besorgnis zu einer ungewöhnlichen Entscheidung trieb.

Am Morgen des fünften Januars 1892 entdeckte Mary in der Post einen Brief an ihren Ehemann, der von seiner alten Vermieterin Mrs. Hudson stammte, von der sie, zu ihrem größten Bedauern, lange nichts mehr gehört hatten. Sie schätzte die ältere Dame sehr und freute sich darüber, dass ihr scheinbar daran gelegen war, den Kontakt zu ihnen wieder aufzunehmen. Mit einem Lächeln gab sie den Brief deshalb an John weiter, an den er schließlich adressiert war, und beobachtete ihn in freudiger Erwartung, während er ihn las. Ihre Freude wich jedoch bald der Nachdenklichkeit, als sie bemerken musste, wie sich das Gesicht ihres Ehemannes beim Lesen zunehmend verdunkelte.

Lieber Doktor Watson,

Ich habe mich lange gescheut, ihnen in dieser Angelegenheit zu schreiben, da Mr. Holmes mir schon vor einiger Zeit überdeutlich zu verstehen gegeben hat, dass sie nicht mehr miteinander verkehren.
Erlauben sie mir, anzumerken, dass ich ihre Beweggründe nicht nachvollziehen kann. Ich hatte nach ihrem Auszug aus der Bakerstreet gehofft, sie würden ihre Freundschaft weiterhin pflegen, sind sie doch der Einzige, deren Freundschaft er je geduldet hat.
Dies führt mich zu meinem eigentlichen Anliegen.
Es tut mir leid, dass ich sie damit behellige, aber ich weiß mir leider keinen anderen Rat mehr. Holmes ist in einem besorgniserregenden Zustand. Er arbeitet nicht, er isst nicht und er scheint darüber hinaus wieder in alte Verhaltensmuster zu verfallen und Substanzen zu konsumieren, die seine Gesundheit schädigen. Nachdem ich nun wochenlang stumm dabei zugesehen habe, wie er sich weigert, einen Arzt zu sehen, obwohl seine schweren Verletzungen kaum völlig ausgeheilt sind, wende ich mich nun an sie. Ich weiß nicht, was sie beide scheinbar dauerhaft entzweit hat, aber ich muss gestehen, dass ich nicht glaube, sie nicht darüber in Kenntnis setzten zu dürfen, dass er sich zugrunde richtet. Ich bitte sie inständig, ihn zur Vernunft zu bringen, nachdem er neuerdings mit niemandem mehr spricht. Sie waren immer dazu in der Lage, sein selbstzerstörerisches Verhalten ein wenig zu mildern. Bitte besuchen sie uns in der Bakerstreet. Ich fürchte, wenn es noch lange so weitergeht, wird Mr. Holmes bald den letzten Funken seines Verstandes verlieren oder das Haus in Brand setzen.

Grüßen sie bitte ihre liebe Frau und richten sie ihr aus, dass sie jederzeit herzlich auf eine Tasse Tee eingeladen ist.

Verbindlichste Grüße,
Mrs. Hudson


John Watson ließ den Brief mit zitternden Händen sinken und begegnete dem nachdenklichen Blick seiner Frau.
„Was schreibt sie denn, John?“
Es dauerte einige Sekunden, bis Watson seine Fassung zurück erlangt hatte und nach einem Räuspern eine Antwort hervor brachte.
„Sie würde dich gerne einmal wiedersehen, liebes. Vielleicht solltest du sie einmal zum Tee herbitten.“
„Das ist alles?“
„Liebling, ich verstehe nicht…“
„John! Hör auf!“
Es reichte. Der Damm brach. Wütende, reiße Tränen quollen endlich aus Mary Watsons Augen und tropften ihre glühenden Wangen hinunter.
„Mary…“
Watson erhob sich, ignorierte den dicken Klos in seinem Hals und wollte die Tränen fortwischen, als Mary seine Hand unwirsch beiseite schlug.
„Wag es ja nicht, John Watson.“
„Aber…ich…“
„Genug! Ich weiß nicht, was dich so verändert hat, John, aber ich ertrage es nicht mehr und ich bin nicht bereit, weiter darüber zu schweigen. Die Entscheidung liegt bei dir. Entweder, du sagst mir, was dich so sehr bedrückt, oder…“
„Mary…ich kann nicht.“
„Wieso nicht? Wieso musst du deiner Ehefrau, die geschworen hat, dich immer zu lieben, etwas verschweigen, das dich scheinbar so sehr belastet?“
„Bitte versteh doch…“
„Ich verstehe gar nichts, John! Ich kenne dich nicht mehr. Ich weiß nicht mehr, wer du bist, oder wer wir sind. Ich bin nicht sicher, was wir hier tun. Ich bin nur sicher, dass du mich nicht mehr liebst.“
Als sie sich abwenden wollte, packte Watson sie bei den Handgelenken und hielt sie fest.
„Doch, das tue ich. Ich liebe dich, Mary Watson. Deshalb habe ich dich geheiratet.“
„Warum bist du dann so John? Warum weist du mich ab? Warum bist du nicht mehr der Mann, in den ich mich verliebt habe?“
Er schwieg und der Griff um ihre Handgelenke lockerte sich, bis er sie losließ und sich seinerseits abwandte.
„Ich…“
Einen Moment lang wollte er ihr die Wahrheit sagen, wollte gestehen, was er getan hatte, gestehen, was er noch immer fühlte und nicht zu verdrängen schaffte. Aber es war ihm nicht möglich. Er konnte ihr das nicht antun. Er liebte sie noch immer und war nicht in der Lage, sie so zu verletzen. Also schwieg er und wandte sich zum Gehen, floh hinaus in die Kälte und ließ sie stehen, nur ein leises „Es tut mir leid.“ auf den Lippen, als die Tür hinter ihm zuschlug und Mary in einem Sessel zusammen sackte.

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Ich weiß, das war irgendwie harter, zäher, Dialogarmer Tobak, aber ich hoffe, ich habe euch nicht verschreckt.
Wie gesagt, ist die Geschichte, trotz ihrer leichten Auswegslosigkeit, noch nicht beendet. Ich habe ein halbwegs schlüssiges Ende versprochen, also wird es auch eins geben ;)

Bin gespannt, was ihr von diesem drama drama drama Kapitel haltet und freue mich wie immer über jedes Review =)

Lg und auf bald ;)

oldi
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