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Verlieren und Gewinnen

von oldi
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Dr. John Watson Irene Adler Mary Morstan Mycroft Holmes Professor James Moriarty Sherlock Holmes
11.08.2012
03.11.2014
26
103.667
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Dieses Kapitel
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11.08.2012 4.126
 
Guten Morgen liebe Leser,

Das folgende Kapitel beinhaltet den wohl schwierigsten Dialog, den ich in den 13 Jahren, die ich jetzt schreibe, je verfasst habe. Ich kann mich für das Kapitel nur damit rechtfertigen, dass die Charaktere einfach manchmal tun, was sie wollen. Zwar haben sie meinen roten Faden in Frieden gelassen, aber der Rest...ach, lest selbst. ;)
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Kapitel 14 - Zerstören

Der junge Amerikaner hatte Mary Watson nicht davon abhalten können, so bald als möglich nach London aufzubrechen. Aber er hatte sie davon abhalten können, kopflos zum Bahnhof zu eilen, obwohl der nächste Zug erst in einigen Stunden abfahren würde. Er hatte sie überreden können, auf den Zug zu warten, da sie kaum Zeit gewinnen würden, wenn sie stattdessen eine Kutsche nahmen. Es würde nur noch länger dauern, London zu erreichen.
Leider war Mary Watson inzwischen allerdings nicht mehr dazu in der Lage, auch nur eine Sekunde still zu sitzen. Die Sorge um ihren Mann machte sie nervös und unwirsch. Sie wusste nicht wohin mit sich, nachdem sie die wenigen Dinge, die sie mir hierher gebracht hatte, gepackt hatte und wanderte so seit über einer Stunde vom Fenster zum Sessel neben der Tür und wieder zurück. Allmählich machte das auch Thomas ganz nervös.
Er räusperte sich höflich.
„Mrs. Watson, vielleicht sollten sie ein wenig schlafen, bevor wir aufbrechen? Die Reise wird lang, wie sie wissen.“
„Ich kann nicht. Schlafen sie nur, wenn sie möchten.“
„Vielleicht ist es besser, wenn ich ihnen Gesellschaft leiste.“
„Nein, nein. Lassen sie nur. Es geht mir gut.“
„Verzeihen sie mir diese Direktheit, Mrs. Watson, aber sie sehen nicht so aus, als ginge es ihnen gut.“
Mary strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, die sich aus ihrem zerzausten Dutt gelöst hatte und seufzte. „Sie haben ja Recht, Thomas. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Ich habe einfach Angst, dass John…dass er…“ Ihre Stimme brach ab und sie wandte sich mit einem traurigen Schmunzeln ab, blinzelte die aufsteigenden, panischen Tränen fort. „Entschuldigen sie. Ich bin für gewöhnlich nicht so hysterisch, wie sie mich kennen lernen mussten. Ich bin nur sehr durcheinander.“
Thomas Walker erhob sich aus seinem Sessel, ging einige Schritte hinüber zu Mary, die am Fenster stand, die Arme verschränkt und leicht zitternd, und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Ich verstehe ihre Sorge, Mrs. Watson, aber ich bin sicher, dass ihr Mann sich wieder erholen wird. Immerhin hat er auch den Krieg überlebt.“
Mary fuhr herum und runzelte die Stirn.
„Woher wissen sie das?“
Der junge Amerikaner lächelte.
„Ich arbeite für Mycroft Holmes. Ich weiß so einiges.“
Mary schnaubte und nickte.
„Natürlich tun sie das.“
Thomas deutete auf die beiden Sessel und das Teeservice, das unberührt auf dem kleinen Tisch zwischen ihnen stand.
„Wollen wir uns nicht setzen? Einen Tee trinken? Ich weiß, dass sie aufgebracht sind, aber unser Zug fährt erst in fünf Stunden ab. Sie sollten versuchen, sich zu entspannen.“
„Sie haben Recht.“
Mary ließ sich dazu verleiten, sich resignierend in einen der Sessel fallen zu lassen.
Was nützte es jetzt noch, ihre Haltung zu bewahren? Sie würde den jungen Walker ohnehin nie wieder sehen, wenn das hier vorbei war und Mycroft Holmes hatte seine Mitarbeiter sicherlich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Niemand würde je erfahren, wie sehr Mary Watson sich gehen ließ.
Thomas lächelte sie freundlich an, goss ihnen eine Tasse Tee ein und setzte sich neben sie.
„Sie Engländer schwören doch auf die beruhigende Wirkung dieses Getränkes. Trinken sie. Vielleicht hilft es ein wenig.“
Mary schmunzelte, nahm einen Schluck Tee und räusperte sich, um die panischen Gedanken in ihrem Kopf ein wenig beiseite zu scheuchen.
„Darf ich sie etwas fragen, Thomas?“
„Natürlich Ma’am.“
„Was tut ein Amerikaner in Diensten ihrer Majestät?“
„Das ist eine sehr lange Geschichte, Mrs. Watson.“
„Tja, so wie es aussieht, haben wir leider sehr viel Zeit. Ich würde sie gern hören, wenn es ihnen nichts ausmacht.“

„Schön, dass wir dieses Missverständnis so zügig beseitigen konnten, Prime minister.“
„Wir werden darüber noch zu sprechen haben, Mr. Holmes.“
„Oh, aber sicher. Der Senat ist sicher ein wenig erbost darüber, dass sie so lange einen so regen Austausch mit einer Person pflegten, welche über eine derartige Menge an krimineller Energie verfügte. Vielleicht spreche ich in einer Woche doch eher mit ihrem Nachfolger, Sir.“
„Ich verbitte mir diesen Ton.“
„Bitte entschuldigen sie mich. Ich würde gerne persönlich sicher stellen, dass mein Bruder auf der Stelle entlassen wird.“
„Das hat ein Nachspiel, Holmes! Ich glaube ihren Humbug nicht! Der Professor war ein ehrenhafter…“
„Natürlich, Sir. Wenn sie mich jetzt bitte entschuldigen? Curruthers!“
Mycroft Holmes lüpfte mit einem letzten arroganten Grinsen seinen Zylinder und folgte seinem persönlichen Assistenten hinaus in den kalten Nieselregen.
„Finden sie nicht auch, dass ich es Sherly immer wieder viel zu einfach mache, aus seinen Schlammasseln heraus zu kommen, Curruthers?“
Der Angesprochene stieg hinter ihm in die Kutsche und schmunzelte.
„Er hat den gefährlichsten Verbrecher Europas für uns ausgeschaltes, Sir. Er erspart uns sehr viel Arbeit. Er hat das Problem schneller gelöst, als unsere diplomatischen Bemühungen es je hätten tun können. Ihr Bruder mag unkonventionelle Methoden anwenden, aber noch hat er jedes Problem lösen können.“
Mycroft Holmes schmunzelte Verächtlich.
„Oh, da irren sie sich, Curruthers.“

Während Watson noch immer versuchte, sich zu orientieren, hörte er, wie auf dem Flur laut diskutiert wurde, als plötzlich jemand die Tür aufstieß.
Zwei Männer standen im Raum. Einer offenkundig Arzt, der andere Inspektor Lestrade.
„Inspektor!“
Der Inspektor bedeutete ihm mit einer Handbewegung, noch einen Moment zu warten und warf dann dem Arzt einen strengen Blick zu.
„Ich muss mit Doktor Watson sprechen. Jetzt.“
„Der Patient braucht Ruhe. Sie können ihre Ermittlungen später…“
Watson unterbrach den verwirrten Mediziner und setzte sich schwerfällig auf.
„Nein. Lassen sie nur. Der Inspektor würde nicht insistieren, wäre es nicht dringend.“
Watson unterbrach den verwirrten Mediziner und setzte sich schwerfällig auf.
„Bitte. Wie sie meinen.“
Lestrade nickte selbstgefällig, als der Arzt den Raum verlassen hatte, bevor er sich an Watson wandte.
„Doktor, wie geht es ihnen?“
Watson ignorierte seine Frage.
„Wo ist Holmes?“
Der Inspektor seufzte. „Sie beide sind doch wirklich…“
„Inspektor!“
„Die gute Nachricht ist, dass er wohl wieder auf die Beine kommt…“
„Und die schlechte?“
„Nun ja. Ich will sie wirklich nicht beunruhigen. Eigentlich dürfte ich ihnen auch nichts sagen, immerhin sind sie ein Zeuge und ich…“
„Lestrade, bitte! Wir oft haben wir ihre Ermittlungen gerettet?“
Der Inspektor räusperte sich.
„Gut, gut. Holmes hat den Mord an Professor Moriarty gestanden.“
„Er hat was getan? Lestrade, Holmes hat ihn nicht ermordet, das war…“
Der Inspektor hob beschwichtigend die Hände.
„Ich glaube ihnen. Leider bin ich zur Zeit der Einzige.“
„Wollen sie damit sagen…“
„Holmes wurde verhaftet und ins Gefängnis gebracht.“
Watson öffnete den Mund, um etwas zu sagen, konnte aber nicht, also sprach Lestrade weiter: „Ich will sie wirklich nicht unnötig beunruhigen, Doktor. Aber der Premier ist wirklich nicht erfreut. Es wird wohl eine sehr schnelle Verhandlung geben und es ist nicht unmöglich, dass Holmes verurteilt wird, bevor sein Bruder das Missverständnis gerade rücken konnte.“
„Was um Himmels Willen wollen sie damit sagen?“
„Sie wissen, was ich sagen will, Doktor Watson. Sie wissen, was ihn dann erwartet.“
Watson schluckte. „Der Strick.“
„Ich befürchte es.“
„Holmes hat den Professor nicht getötet.“
„Bitte? Er hat es gestanden, Doktor.“
„Aber er hat es nicht getan. I-“
Erneut wurde die Tür aufgestoßen. Dieses Mal tauchte Counstable Clark im Türrahmen auf.
„Inspektor…Gut dass man mir sagte, dass ich sie hier finden würde…“
Er wirkte außer Atem
„Clark, warum der Aufstand?“
„Mycroft Holmes hat alles klargestellt, Sir. Man hat seinen Bruder aus dem Gefängnis entlassen. Ich dachte, sie würden es vorziehen, schnellstmöglich informiert zu werden.“
Watson atmete erleichtert auf und sank ein wenig in sich zusammen.
Wie hatte Holmes nur schon wieder in Erwägung ziehen können, sich zu opfern? Wann hatte er den Hang dazu entwickelt, sich schützend vor ihn stellen zu müssen?
Leise Wut schlich sich langsam in seine Gedanken.
Watson hätte niemals zugelassen, dass man Holmes den Prozess machte. Er hätte Holmes niemals das Versprechen geben dürfen, dass er ihm, noch benebelt von Schmerzmittel und Blutverlust, abgerungen hatte. Er hätte es dem Inspektor gesagt. Nun aber wäre es wohl besser, zu schweigen, auch wenn ihm das gar nicht gefiel. Er würde nur neues Öl ins Feuer gießen, wenn er jetzt seine Version der Geschichte erzählte. Also würde er schweigen müssen. Seine Fäuste ballten sich, ohne dass er es bemerkte und er schnaubte.
„Wissen sie, wo Holmes jetzt ist, Mr. Clark?“
„Ich vermute, in der Bakerstreet.“
Watson runzelte die Stirn.
„Wenn sie mich entschuldigen? Ich würde mich gerne ankleiden.“
Clark und Lestrade tauschten einen Blick.
„Doktor sie sollten…“
Watson schüttelte entschlossen den Kopf.

Sherlock Holmes war sich derweil nicht sicher, ob er dankbar darüber sein sollte, dass sein Bruder ihn problemlos aus dem Gefängnis errettet und ihm die Mitfahrt bis zur Baker Street in seiner Kutsche angeboten hatte, oder ob er nicht lieber noch ein paar Stunden in der Dunkelheit seiner stinkenden Zelle zugebracht hätte, um dem Gespräch zu entgehen, dass er nun führte, da Mycroft allein mit ihm die Kutsche teilte, während Curruthers ihre Abreise nach Frankreich vorbereitete.
„Sherly, du solltest mir dankbar sein, dass ich dir erlaube, in dieser Kutsche zu sitzen. Du riechst wie Londons übelste Kloake.“
„Mein neues Eau de Toilette.“
„Mit dem sehr innovativen Duft von Schweiß, Fäkalien und Blut.“ Mycroft Holmes rümpfte die Nase und hielt sich ein Taschentuch vor selbige.
„Welche Kunst, dies zu deduzieren, geliebter Bruder.“
„Hättest du einiges besser deduziert, wäre mein Eingreifen nicht nötig geworden.“
„Das war es ohnehin nicht.“
Der ältere Holmes lachte.
„Du würdest dich eher hängen lassen, als in meiner Schuld zu stehen, Sherly. Stolz und stur wie eh und je.“
Sherlock Holmes schmunzelte verächtlich.
Die Kutsche kam zum Stehen. Sie hatten die 221b erreicht.
Der Kutscher öffnete die Tür, bereit dem noch immer lädierten Holmes in seine Wohnung zu helfen. Bevor er sich der Peinlichkeit brummend ergeben konnte, hielt Mycroft ihn zurück.
„Du und Doktor Watson, Sherly…solltet eure Differenzen möglichst diskret beilegen.“
Die Brüder tauschten einen stummen Blick.
Mycroft wirkte amüsiert, Sherlock wütend.
Wortlos verließ der jüngere Holmes die Kutsche.

Watson hatte sich weder von Lestrade, noch von Clark oder seinem behandelnden Arzt davon abhalten lassen, das Krankenhaus zu verlassen und sich auf den Weg zur Bakerstreet zu machen. Man hatte ihn gar kaum dazu überreden können, eine herbeigerufene Kutsche zu nutzen. Er ließ sich auf eigene Verantwortung entlassen, bat nur um ein wenig Schmerzmittel und wäre beinahe zu Fuß gegangen, was ihn vermutlich den halben Tag gekostet hätte, machte ihm die Verletzung doch noch immer ein wenig zu schaffen. Der Doktor, sonst ein recht vernünftiger Mann, war wie von Sinnen. In seinem Innern tobte noch immer das Chaos, welches sich dank der Informationen, die er von Lestrade erhalten hatte, nur noch verschlimmert hatte. Er musste dringend mit Holmes sprechen, war nicht mehr bereit, einfach zu verdrängen was geschehen war, nicht mehr bereit, sich selbst zu belügen und so zu tun, als habe ihre Freundschaft sich nicht verändert. Holmes Versuch, ihn vor der Polizei zu schützen, war der letzte Tropfen gewesen, der das sprichwörtliche Fass zum überlaufen brachte. Es war nicht tolerierbar, dass Holmes riskierte, sich im Notfall an seiner Stelle aufknüpfen zu lassen. Insbesondere dann nicht, wenn er ohne weitere Erklärung verschwand und keine Anstalten machte, Kontakt zu ihm aufzunehmen.
Der Doktor war wütend.
Wütend auf Holmes, weil er wie üblich einfach ignorierte, was er nicht wahrhaben wollte. Wütend auf Moriarty, weil sie ohne dessen Gräueltaten niemals in eine solch verfahrene Situation geraten wären. Wütend auf Mycroft Holmes, weil er seinen Bruder so bereitwillig geopfert hätte. Wütend auf sich, weil er seine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle hatte, kaum einen klaren Gedanken fassen konnte und nicht mehr wusste, wie er Mary je wieder in die Augen sehen sollte.
Er wusste kaum wohin mit all der Wut, Angst, Scham und Anspannung.
Er musste darüber reden, mit dem, der die Schuld an seinem Zustand trug.
Er musste das Chaos sortieren, die Dinge wieder ins Reine bringen.
Er wusste nur nicht, wie das gelingen sollte.
Und so starrte er ratlos auf seine zittrigen Hände, während seine Kutsche über das unebene Pflaster zur Bakerstreet holperte und sein Blutdruck in die Höhe schnellte.

Holmes war erleichtert darüber, dass Mrs. Hudson scheinbar nicht zuhause war, als er sich schließlich auf das Sofa im Salon sinken ließ, die Beine hochlegte und ausdruckslos die Decke anzustarren begann. Er hatte wenig Lust, seiner Vermieterin dumme Fragen zu beantworten und war froh, allein zu sein.
Allein war gut. Allein hatte sich bewährt. Allein funktionierte.
Es hätte ihm nicht einmal etwas ausgemacht, weiter in der stinkenden Zelle zu liegen, solange man ihn nur in Ruhe ließ. Doch sein Bruder war dieses Mal erstaunlich schnell gewesen, vermutlich hatte er etwas Kompromittierendes gegen den Premier in der Hand, der deshalb besonders schnell nachgegeben hatte. Es würde ihn jedenfalls nicht wundern.
Mycroft Holmes hatte gegen jeden etwas in der Hand. Auch gegen ihn.
Es hatte ihn zugegebenermaßen doch überrascht, dass sein Bruder scheinbar ahnte, was zwischen dem Doktor und ihm nicht stimmte. Glücklicherweise spielte das keine Rolle mehr. Watson und er gingen nun getrennte Wege und Holmes würde sorgfältig dafür sorgen, dass sie sich nicht noch einmal kreuzten. Er würde versuchen, ein Auge auf Watson zu haben, nur um sicherzugehen, dass keiner der Verbrecher aus Moriartys Netzwerk Rache an ihm verüben konnte. Aber der Doktor würde es niemals erfahren. Wenn Holmes nicht gesehen werden wollte, würde er nicht gesehen werden.
Er ließ den Blick durch den Raum schweifen und erstarrte, als er durch die offene Tür in das alte Zimmer des Doktors sehen konnte. Er betrachtete das Chaos aus der Ferne, das aus roten Fäden gespannte Netzwerk, das er erstellt hatte, um Moriartys Spuren zu verfolgen. Sein Blick fiel auf die Flasche Formaldehyd, die noch immer auf dem kleinen Tischchen stand. Er erinnerte sich an den Abend vor John Watsons Hochzeit und verspürte den plötzlichen Impuls, sich zu erheben und einen Schluck von der Flüssigkeit zu nehmen, oder sich eines seiner Verstecke zu bedienen, in denen er sein Kokain lagerte. Ein wenig Taubheit wäre gut. Sein letzter Fall war abgeschlossen, sein Verstand noch nicht wieder zu gebrauchen. Betäubung würde helfen, bis dieser irrationale, körperlöse Schmerz abgeklungen und vergessen war. Es konnte nicht lange dauern. Seine echten Wunden würden sicher recht schnell verheilen und der gefühlsdusselige Schmerz würde sich sicher durch Beschäftigung oder eine der genannten Substanzen verbannen lassen.
Er war ohnehin davon überzeugt, dass seine wirren Gedanken und all diese unnötigen Gefühle, sein Schwindel, die Übelkeit, der Schmerz in seinem Brustkorb, der rasende Puls, die bleierne Müdigkeit, die andere wohl als Trauer erkannt hätten und die innere Unruhe verschwinden würden, wenn sein Verstand erst einmal wieder zu alter Leistung zurück fand. Er müsste nur ein wenig regenerieren. Ein wenig Abstand gewinnen. Sich Distanzieren.
Distanz war gut. Distanz hatte sich bewährt. Distanz funktionierte.
Unglücklicherweise ging sein Plan nicht ganz auf.
Er hörte, wie jemand die Treppe hinauf stieg, erkannte am Rhythmus der Schritte, wer es war, der ihn aufsuchte und schloss mit einem Seufzen die Augen. Sein Herz pochte schmerzhaft gegen die lädierten Rippen und er verschränkte hastig die Arme, um möglichst gleichgültig und entspannt zu wirken, als auch schon die Tür aufflog.
„Holmes. Wir müssen reden.“
Eine Sekunde lang reagierte Holmes gar nicht. Sein Verstand deduzierte anhand des Klanges von Watsons Stimme, dass er aufgebracht war. Wütend und Ängstlich. Und auch noch immer erschöpft. Ein einziges Mal in seinem Leben wünschte er sich, aus so wenigen Worten nicht so viel lesen zu können. Dann seufzte er, streckte den Arm aus, ohne die Augen zu öffnen, und deutete auf den gegenüberliegenden Sessel.
„Setzen sie sich doch, Doktor.“
Die Tür wurde lautstark zugeworfen – Watson hatte also scheinbar auch bemerkt, dass Mrs. Hudson nicht zuhause war und bemühte sich nicht um eine angebrachte Lautstärke – und der Doktor schlurfte zu dem angebotenen Sessel, in den er sich fallen ließ und hörbar laut ausatmete, wohl um Fassung ringend. Das Schlurfen klang schlimmer als sonst. Es musste Watson einige Überwindung kosten, sich auf den Beinen zu halten. Holmes runzelte die Stirn, versuchte die Deduktionen abzuschalten. Erfolglos.
Einige Sekunden hing die angespannte Stille unberührt in der Luft.
Holmes lauschte auf Watsons unregelmäßigen Atem und versuchte, den eigenen zu beruhigen. Unter anderen Umständen hätte er die physische Reaktion seines Körpers auf Watson vielleicht interessant gefunden. Jetzt fand‘ er sie nur unangenehm.
Dann, wie aus dem Nichts, explodierte der Doktor.
„Haben sie mir nichts zu sagen, Holmes?“
Seine erhobene Stimme zitterte verräterisch. Ob vor Angst oder Wut, konnte nicht einmal Holmes deduzieren, weshalb er die Augen öffnete und den Kopf drehte, um den Doktor ansehen zu können. Der Anblick Watsons ließ ihn merklich zusammen zucken. Er sah blass aus und ein wenig kränklich. Ganz so, als habe er das Krankenhaus noch lange nicht verlassen dürfen. Seine blauen Augen starrten ihm unerbittlich entgegen. Klar und entschlossen. Aber die Hände des Doktors krampften sich verräterisch um seinen Stock, sodass die Knöchel seiner Finger weiß hervortraten.
Holmes schluckte und suchte einen Moment erfolglos nach seiner Stimme.
„Sie hätten sich nicht selbst entlassen sollen. Sie sehen erbärmlich aus.“
„Ich wüsste nicht, was sie das anginge, Holmes!“
„Ganz wie sie meinen, Doktor.“
„Sonst haben sie mir nichts zu sagen?“
Holmes hob die Brauen, setzte ein gespieltes, amüsiertes Lächeln auf.
„Was sollte ich ihnen denn zu sagen haben?“
Watson schnaubte wütend und schüttelte den Kopf.
„Ich dachte, sie wollten mir vielleicht erklären, warum sie sich haben verhaften lassen. Warum sie das Yard belogen und riskiert haben, sich aufknüpfen zu lassen!“
„Oh, Watson. Sie sind schon wieder so melodramatisch. Niemand hatte jemals vor, mich aufzuknüpfen.“
„Das beantwortet keine meiner Fragen.“
„Weil ihre Fragen keiner Antwort bedürfen. Meine Beweggründe sind irrelevant. Ich nahm ihnen ein Versprechen ab, und weil sie ein Ehrenmann sind, erwarte ich, dass sie es einhalten. Sie werden über die Wahrheit die Auseinandersetzung mit Moriarty  betreffend schweigen und die Sache kann als erledigt betrachtet werden. Sie gehen nachhause, warten auf die Rückkehr ihrer Frau und ich wende mich wieder dem zu, was wichtig ist.“
„Ich habe sie nie darum gebeten, mich zu decken. Wir hätten uns gemeinsam verantworten können. Es war nichts unrechtes was wir taten und ich hätte dafür eingestanden.“
„Nun, verzeihen sie mir, dass ich mir diese Freiheit nahm, Doktor. Es wird sicher nicht wieder vorkommen, nun, da unsere Zusammenarbeit endgültig beendet ist.“
Watson funkelte ihn an, atmete zitternd aus und schloss die Augen, um ihm nicht länger in die Augen sehen zu müssen.
„Ist sie das?“
„Davon gehe ich aus, Doktor Watson.“ Es kostete Holmes ganze Beherrschung, seine Stimme unter Kontrolle zu halten, sich nicht anmerken zu lassen, welch aussichtslosen Kampf sein Verstand gerade mit seinen - in seinen Augen niederen - Emotionen kämpfte.
„Das war es dann also? Sie haben entschieden, zu vergessen, was sie gestern noch zu mir sagten.“
„Ich kann ihnen nicht ganz folgen.“
„Sie wissen genau, was ich meine, Holmes. Sie sagten, dass sie es nicht bereuen. Und nun wollen sie einfach so tun, als wäre nie etwas passiert.“
„Ich behaupte nicht, dass sich meine Meinung geändert hat. Ebensowenig habe ich eine Äußerung getätigt, die ihre Vermutung, ich leugne, was geschehen ist, bestätigen würde. Ich ziehe lediglich die richtigen Schlüsse, Doktor.“
Watson entfuhr ein trauriges Lachen.
„Die richtigen Schlüsse? Nach all den Jahren entscheiden sie also im Alleingang, dass wir nicht mehr zusammen arbeiten werden.“
„Ich berücksichtige lediglich, was sie bereits vor Monaten beschlossen hatten. Ich versprach ihnen, dass der letzte Fall unsere Zusammenarbeit beenden würde. Ich halte meine Versprechen.“
„Sie wissen, dass meine Meinung sich geändert hat.“
„Sie waren nicht bei Sinnen, Watson.“
„Wagen sie es nicht, mein Urteilsvermögen in Zweifel zu ziehen!“
„Das muss ich wohl, wenn sie so wenig Vernunft an den Tag legen!“
Holmes wurde laut: „Ich treffe lediglich eine Entscheidung, die wir treffen müssen, Doktor! Sie werfen mir vor, ich wolle etwas verdrängen, dabei sind sie es, der der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen will. Unsere Zusammenarbeit ist nicht mehr möglich. Sie muss beendet werden. Ob sie ihre Meinung tatsächlich änderten, oder nicht, tut nichts mehr zur Sache. Als guter Freund muss ich gestatten, sie gehen zu lassen, und wenn es nötig ist, sie aus der Tür zu stoßen, werde ich auch das tun.“
Watson seufzte, wandte den Blick ab und starrte auf seine Füße.
„Sie hatten schon immer eine seltsame Auffassung von Freundschaft.“
Holmes schnaube leise, verlor allmählich den Kampf gegen sein aufgewühltes innerstes, was dazu führte, dass auch seine Stimme allmählich brüchig klang.
„Sie wissen, dass ich Recht habe, Watson.“
„Sie können nicht einfach meine Entscheidungen treffen.“
„Sie hätten diese Entscheidung selbst getroffen. Ich erspare ihnen lediglich, sich lange damit zu quälen. Ich erspare mir…“ Er stockte und ließ den Satz unvollendet.
„Sie ersparen sich was? Es einmal zuzulassen, wie alle anderen Menschen zu sein?“
Holmes Augen starrten an ihm vorbei. Der Blick abwesend, müde. Er wirkte verletzlicher, als Watson ihn je erlebt hatte.
„Ich erspare mir die Demütigung, sie noch einmal zu verlieren, Watson.“
Watson schnappte nach Luft, wollte etwas erwidern, fand aber keine passende Erwiderung in seinem verwirrten Geist.
Er hatte niemals erlebt, dass Holmes eingestand, verletzbar zu sein. Nie hatte er so eindeutig hinter die sorgfältig errichteten Mauern des Detektives sehen können. Und nie hatte er sich selbst so schuldig gefühlt. Er wusste, dass Holmes recht hatte und hatte längst vergessen, warum er überhaupt hergekommen, was er sich davon erhofft hatte. Die blinde Wut und eine nicht unerhebliche Menge verwirrter Verzweiflung hatte ihn hierher getrieben, nur um ihn nun erkennen zu lassen, dass es nichts mehr zu bereden gab. Er sollte sich auf den Weg in sein neues Heim begeben und dort auf die Rückkehr seiner Ehefrau warten, die er liebte, und der er trotzdem nie wieder ohne Schuldgefühl in die Augen sehen würde. Die geschützte Abgeschiedenheit von Mycroft Holmes Anwesen war passe, die Gefahr, die als Ausrede für ihre verwirrten Gefühle gedient hatte, gebannt. Was zurück blieb, war die kalte Asche einer verlorenen Freundschaft, an deren Tod er mindestens die Hälfte der Schuld trug. Kein Laut verließ seine zugeschnürte Kehle, während seine Hände sich schmerzhaft fester um den Stock klammerten und sein Atem sich beschleunigte, nur noch abgehakt seinen Körper verließ.
„Es tut mir leid, Holmes.“
Von seiner Stimme war nur noch ein bitteres Flüstern übrig.
„Ich weiß. Mir auch, John.“
Der gebrochene Klang von Holmes Stimme war es schließlich, der Watson aus dem Sessel trieb. Bevor seine Vernunft ihn aufhalten konnte, war er auf den Beinen.
Holmes setzte sich irritiert auf, das Ziehen seiner Verletzungen ignorierend und runzelte die Stirn, als Watson auf ihn zu schritt, der Blick unlesbar, die Hände zu Fäusten geballt.
„Watson, was…“
Aber er kam nicht weit.
Mit beeindruckender Kraft packte Watson ihn beim Kragen und zog ihn auf die wackeligen Beine. Seine zitternden Hände hielten den Detektiv fest und ließen ihn trotz schwacher Gegenwehr nicht entkommen.
Ihre Blicke trafen sich, ließen einander nicht los.
Dann verschwamm die Wirklichkeit.
Watson zog ihn zu sich, musterte ihn mit einem wütenden Funkeln, bevor er Holmes Gesicht mit zitternden Händen umfasste und seine Lippen sich hart gegen die des Detektives drückten.
Dieser zweite Kuss war völlig anders als der erste. Er war hart und fordernd, voller Verzweiflung und schmeckte bitter wie ein Abschied.
Holmes wehrte sich zaghaft, während sein Verstand schon seine Kampffähigkeiten aktivieren, Watson von sich stoßen wollte. Aber schließlich erstarb auch seine Gegenwehr. Überrascht von Watsons Übergriff taumelte er, als er plötzlich rückwärts gegen eine Wand geschoben wurde. Sein Körper reagierte merklich auf den plötzlichen Ausbruch der Leidenschaft während der Kuss anhielt, und seine Arme sich hilflos und zittrig um den Körper des Doktors schlangen, der sein Gesicht noch immer fest umfasst hielt, die Augen fest geschlossen.
Aus einem Kuss wurden viele Küsse, denen die Verzweiflung, die ihnen innewohnte, deutlich anzumerken war.
Als schließlich jeglicher Sauerstoff in ihren Lungen aufgebraucht war, setzte die Realität dem letzten Aufbäumen aller unterdrückten Gefühle ein Ende.
Watsons Hände ließen von Holmes ab, der sich nur noch mit Mühe aufrecht halten konnte und eine Sekunde lang starrten sie sich mit ratlosem, leeren Blick an.
Dann begriff der Doktor, was sie getan hatten, und ergriff die Flucht.
„Leben sie wohl, Holmes.“
Als die Tür mit einem Krachen ins Schloss fiel, zerbrach eine Freundschaft in tausend kleine Scherben. Sherlock Holmes schützende Mauern stürzten zu Trümmern zusammen.
John Watson taumelte die Treppe herunter, blind von zurückgedrängten Tränen, während etwas in ihm zu Asche zerfiel.

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*in Deckung geh*

Bevor jetzt jemand auf mich losgeht. Das war NICHT das letzte Kapitel ;)
Ich bin gespannt, was ihr davon haltet, und ob ihr die Charaktere noch IC genug findet...
Auch die stillen Leser können gern alles an Meinung dalassen ;)

Na los, wer macht das 50. (! unfassbar !) Review?

Liebe Grüße und noch schöne Restoster,

oldi

PS: Das hab' ich vorgestern entedeckt. Ich denke, ihr könntet auch Spaß daran haben ;)
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