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Die Begegnung

KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
Henry Jekyll OC (Own Character)
08.08.2012
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Die Augen des Mädchens glänzten fiebrig, als sie die nächste Seite aufschlug und mit ihren Fingern sanft darüber fuhr. Ihr Herz klopfte und sie scannte mit den Augen die Zeilen ab, bis ihr Blick auf den geliebten Namen fiel: Jekyll. Wohlig seufzte sie auf. Dann begann sie zu lesen. Der Hof war frostig und ein wenig klamm und lag ganz in vorzeitige Dämmerung gehüllt, obwohl der Himmel hoch über ihnen noch hell vom Sonnenuntergang strahlte. Das mittlere der drei Fenster war halb geöffnet; und direkt am Fenster sitzend, die Luft mit unendlich traurigem Gesichtsausdruck einatmend wie ein untröstlicher Häftling, sah Utterson Dr. Jekyll. Sie seufzte noch einmal, diesmal traurig. Armer Jekyll, dachte sie. Du bist doch sonst nicht so traurig. Rasch blätterte sie zurück, bis sie die gewünschte Stelle fand. Laut las sie vor. „Dr. Jekyll war keine Ausnahme von dieser Regel; und als er ihm nun am Kamin gegenübersaß – ein großer, gutgebauter Mann von fünfzig Jahren mit glatten Gesichtszügen, in denen vielleicht ein Zug zur Durchtriebenheit lag, unübersehbar aber auch Klugheit und Liebenswürdigkeit – , konnte man seiner Miene ansehen, dass er eine aufrichtige und herzliche Zuneigung für Mr. Utterson empfand. Ja“, sagte sie. „So gefällst du mir schon besser.“ „Tue ich das?“, fragte eine Stimme hinter ihr. Erschrocken fuhr sie herum und hätte beinahe das Buch fallen lassen. Vor ihr stand leibhaftig Dr. Jekyll! Der Chemiker aus Stevensons Novelle, den sie, seit sie das Buch kannte, bewunderte und innig liebte! Sie starrte ihn mit offenem Mund an. „Wie …? Was …? Wieso …?“, stammelte sie. Der Schock ließ sie nicht klar denken. Ihre Gedanken spielten verrückt. „Wieso bist du hier?“, brachte sie schließlich hervor. Jekyll lächelte. „Nun, um es mit den Worten Draculas zu sagen: ich bin nur da, weil du mich liebst.“ „Bitte?“, war alles, was sie herausbrachte. Jekyll kam auf das Mädchen zu und strich ihr über die Wange. „Ach, Lena. Ist das so schwer zu verstehen? Du liebst mich und deshalb bin ich hier.“ „Aber … Stevenson“, stammelte Lena, immer noch sehr verwirrt. Sie wunderte sich nicht einmal darüber, dass er ihren Namen kannte. „Stevenson kann mir nicht vorschreiben, was ich zu tun habe“, sagte Jekyll und seine blauen Augen funkelten. „Er kann mir höchstens Impulse geben, Anregungen. Aber über mein Schicksal kann er nicht entscheiden.“ „Moment mal, heißt das, du könntest Hyde auch nicht erschaffen?“, fragte Lena. „Ich habe ihn noch nicht erschaffen“, sagte Jekyll. „Meine Seele gehört noch mir allein.“ Lena nickte, aber in ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander. Spontan griff sie nach seiner Hand. Er zog sie nicht weg, sondern lächelte sie nur an. Dieses Lächeln … „Darf ich …?“, fragte Lena und stockte. „Darf ich dich küssen?“ Jekyll nickte. „Ja. Auch deshalb bin ich hier.“ Lena beugte sich zu ihm hinüber. Kurz vor seinem Gesicht verharrte sie. Sie konnte seinen Atem hören. Dann überwand sie die letzten Zentimeter und legte ihre Lippen auf seine. Es fühlte sich gut an, ihn zu küssen. Wie Eis und Schokolade. Nein, besser. Wie … Sie konnte es nicht beschreiben. Wie es sich eben anfühlt, wenn man seine Lieblingsfigur küsst. Lena schloss die Augen, legte ihre Arme um seine Schultern und zog ihn näher zu sich. Sie wollte ihn spüren, ihm ganz nah sein. Jekyll ließ sich alles widerspruchslos gefallen. Als Lena sich wieder von ihm gelöst hatte, sah er sie an. „Danke“, sagte Lena. „Wofür?“, fragte Jekyll. „Für den Kuss.“ Sie griff erneut nach seiner Hand. „Sag mal, Jekyll, was ist eigentlich zwischen dir und Lisa? Im Buch wird sie nicht einmal erwähnt. Aber im Musical seid ihr verlobt. Wie ist das denn nun wirklich?“ Jekyll seufzte, ging zu Lenas Bett und setzte sich darauf. Gespannt setzte Lena sich neben ihn. „Tja, Lena, weißt du, das ist so: die verschiedenen Leute machen sich verschiedene Vorstellungen von mir. Die einen, wie Stevenson, erwähnen nichts über meine eventuelle Partnerschaft. Das gibt anderen, wie zum Beispiel Leslie Bricuss - er schrieb das Musical, falls du das nicht weißt - die Freiheit, mir eine solche anzudichten. Was wiederum dazu führt, dass so jemand wie du sich seine eigene Geschichte schreibt und mich mit sich selbst verkuppelt.“ „Ich habe nie eine ‘Jekyll und Hyde‘-Fanfiktion geschrieben“, entrüstete sich Lena. „Das ist mir klar. Ich wollte nur deutlich machen, dass ich für jeden wirklich bin, wie er sich mich vorstellt. Hättest du mir etwas angedichtet, beispielsweise einen lahmen Fuß, wäre ich dir hinkend erschienen. Es kommt immer auf das Bild des Betrachters an.“ Lena begann zu verstehen. „Deshalb bist du in der Vorstellung mancher Leute so und in der Vorstellung anderer ganz anders.“ „Richtig“, sagte Jekyll. „Deshalb bin ich auch so, wie du mich siehst und das ist ebenso wirklich wie der Jekyll von Wildhorn oder Stevenson.“ Lena nickte. „Ich finde es echt spannend, mit dir zu reden“, sagte sie. „So?“ Jekyll lachte. „Dann ist mir ja etwas Gutes gelungen.“ Lena lachte ebenfalls. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und fragte Jekyll: „Jekyll, was würdest du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag machen würde?“ „Ich würde ihn ablehnen müssen“, erwiderte Jekyll. „Ich kann nur auf unbestimmte Zeit hier bleiben. Aber sei nicht traurig, Lena, in deiner Fantasie werde ich ewig leben. Solange du dir deine Kreativität bewahrst, kann mir nichts passieren. Deine Liebe wird mich stärken.“ Lena nickte. Irgendwie hatte sie so eine Antwort erwartet, aber enttäuscht war sie trotzdem. „Sei nicht traurig, Lena. Das Wichtigste ist doch, dass du deinen Spaß am Lesen nicht verlierst, denn das ist das Ende aller Buchfiguren. Dann sterben wir qualvoll.“ Lena schlang die Arme um Jekyll. „Ich werde dich nicht sterben lassen!“ „Das weiß ich, und ich bin froh darüber. Leb wohl, Lena.“ „Du musst schon gehen?“, fragte Lena enttäuscht. Jekyll nickte. „Ja, es wird Zeit. Leb wohl.“ „Warte!“, rief Lena. Sie beugte sich vor und gab ihm einen langen Kuss. „Ich werde dich vermissen“, sagte sie. „Das musst du nicht. Solange du an mich denkst, werde ich dir immer nah sein.“ Er drückte noch einmal ihre Hand, dann war er verschwunden. Lena ließ sich aufs Bett sinken und schloss die Augen. Nach einer Weile stand sie auf und hob das Buch vom Boden auf. Wahllos schlug sie eine Seite auf. Nachdem nun der böse Einfluss von ihm abgezogen war, begann für Dr. Jekyll ein neues Leben. Er gab seine Zurückgezogenheit auf, frischte die Beziehungen zu seinen Freunden auf, wurde einmal mehr zu ihrem vertrauten Gast und Unterhalter; und während er schon immer für seine Wohltätigkeit bekannt gewesen war, zeichnete er sich jetzt nicht weniger durch seine Religiosität aus. Er war rege, er verbrachte viel Zeit im Freien, er tat Gutes; sein Gesicht schien sich zu öffnen und aufzuhellen, wie von einem inneren Bewusstseins des Dienens erfüllt, und mehr als zwei Monate lang lebte der Doktor in Frieden. Ja, das ist doch was Schönes. So kann es bleiben, dachte Lena. Dann las sie mit einem Lächeln auf den Lippen weiter, denn sie wusste, dass Hyde ihrem Jekyll nichts anhaben konnte. Er würde weiterhin so strahlend bleiben, wie sie ihm begegnet war. Das ist doch ein echter Luxus, dachte Lena. Nicht jeder begegnet seiner Lieblingsfigur persönlich. Und sie wusste, dass sie diese Begegnung nie vergessen würde, dass sie sich ihren Jekyll auf ewig bewahren würde.



Die kursivgeschriebenen Zitate sind aus dem Buch "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" von Robert Louis Stevenson entnommen, welches 2010 im Fischer Klassik-Verlag erschienen ist.

Jekylls Satz "Ich bin nur da, weil du mich liebst" ist aus dem Musical "Dracula" aus dem Lied "Ein perfektes Leben."
 
 
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