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Zwei ungleiche Brüder - können Dominik und Patrick die Vergangenheit hinter sich lassen?

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Dominik Gundlach Dr. Hans-Joachim "Joe" Gerner Emily Höfer (Badak) Jasmin Flemming Katrin Flemming-Gerner Patrick Graf
07.08.2012
16.09.2020
127
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07.08.2012 2.256
 
Später am Abend kam Katrin die Treppe, welche in die Redaktion von Metropolitan Trends im Erdgeschoss führte, hinauf.
„Hallo?“ rief sie und klopfte, in Ermangelung einer Tür, auf das zierliche Tischchen links neben dem Geländer. Jo saß still im, inzwischen völlig dunklen, Wohnbereich vor der großzügigen Fensterfront, aber er reagierte nicht. Katrin tastete nach dem Lichtschalter der Stehlampe und entdeckte im aufflackernden Lichtkegel  ihren Mann, an dem kleinen neuen Schreibtisch sitzend, den Kopf in die Hände gestützt.
„Jo? Was ist mit dir? Ich habe soeben Dr. Kramer getroffen, als er das Haus verließ. Ist mit dir alles in Ordnung?“erkundigte sie sich ernsthaft und näherte sich ihm.
Jo sah auf, sie sorgte sich um ihn, noch vor kurzem hätte ihn das ungeheuerlich gefreut doch nun sagte er nur müde lächelnd: „Ja - Danke, mir geht es gut, Dr. Kramer war nicht meinetwegen hier im Haus.“
„Ist etwas mit Dominik?“ Katrin trat näher und blickte in Jos sorgenvolles Gesicht. „Nein, wir haben Dr. Kramer für Patrick gerufen.“ gab Jo leicht widerwillig Auskunft.
„Patrick?“ wiederholte Kathrin verwundert, „ist der denn wieder da? Das war ja sonnenklar, dass der wieder auftaucht sobald alles vorbei ist und wir wieder auf die Füße kommen...“
„So ist aber es nicht“, unterbrach Jo harsch Katrins Redefluss, irritiert sah sie Jo forschend an. „Entschuldige, aber ich...“, er stockte und atmete tief durch, „ich wollte dich nicht so anfahren. Es tut mir leid, es ist eine lange und komplizierte Geschichte...“
Katrin wurde unruhig, so hatte sie Jo eigentlich selten gesehen, so hoffnungslos niedergeschlagen! Warum bloß? Er war wieder ein gefragter Anwalt, bekam sogar in Kürze sein Vermögen zurück. Gegen alle Widerstände und an allen Fronten hatte er gekämpft und gewonnen und dann sitzt er im Dunkeln und bläst Trübsal?
„Ich habe Zeit“ sagte sie aufmunternd. Und setzte sich zu ihm auf diesen scheußlichen neuen Designer-Sessel, den sie sofort entsorgen würde, wenn sie noch die Entscheidungshoheit in Sachen Inneneinrichtung im Town House hätte.
Jo sah unendlich traurig auf: „Das möchtest du gar nicht hören“, seufzte er, „Ich denke ich habe heute meine beiden Söhne verloren.“
„Was hast du diesmal gemacht“ fragte Katrin argwöhnisch und etwas verwundert über die Formulierung >meine beiden Söhne<, und Jo fing an zu erzählen, von seinem Verdacht Patrick hätte sich von Carstensen kaufen lassen und bereite eine Falschaussage vor und von dem Lösegeld in Patricks Zimmer, das alles kannte Katrin bereits. „ Aber wir wissen doch inzwischen, dass du dich geirrt hast und Patrick nicht die Seiten gewechselt hatte.“ warf Katrin ein.
„Ja - jetzt schon“ sagte Jo unheilvoll und begann von seinem perfiden Plan zu erzählen, wie er heimlich das Visum besorgte,  die Waffe präparierte und Patrick gnadenlos in die vorbereitete Falle tappen ließ.
Schonungslos berichtete er ferner von der der qualvollen Fahrt an die Grenze an diesem Tag im Mai, von Patricks Fassungslosigkeit und Verzweiflung, wie er Patrick zwang den Abschiedsbrief zu schreiben, ihm sein Handy abnahm und ihn verhöhnte, als dieser zusammenbrach und weinend auf dem Beifahrersitz hockte.
Und wie er Patrick schließlich, an der Grenze angekommen, aus dem Fahrzeug zerrte und ihn dort bettelnd und flehend zurück ließ und wie er standhaft schwieg, als Dominik anfing Fragen zu stellen. Schwieg selbst als längst raus war, dass er diesmal Patrick Unrecht getan hatte.
Zu guter Letzt beendete Jo seinen ausführlichen Bericht mit der Abschiebung Patricks aus Russland und der würdelosen Rückkehr nach Berlin im Morgengrauen dieses Tages.
Katrin war sprachlos, sie hatte schon viel mit Jo erlebt und besonders zimperlich war sie auch nie gewesen, doch so viel Skrupellosigkeit und Härte hätte sie nicht erwartet.
Was hatte diese Entführung und Erpressung durch Linostrami nur aus ihnen allen gemacht? Hatten sie sich durch das Geschehene verändert oder brachten solche Unglücke, nur das hervor, was letztlich tief in ihnen schlummerte?
„Ich habe also heute die Flucht nach vorn angetreten“, sagte Jo, „und Dominik alles gebeichtet, was er sich noch nicht selbst, nach Kommissar Plass Besuch, zusammen gereimt hatte. Du hättest ihn sehen sollen, Kathrin, ich dachte jeden Moment gleich geht er auf mich los, so abgrundtief enttäuscht und verletzt wie er war. Dabei wusste er da noch nicht mal welche schlimmen Folgen mein Verhalten gehabt hat.“
„Was meinst du damit? Von was für Folgen sprichst du?“ fragte Kathrin vorsichtig nach, nicht sicher ob sie die Antwort auch wirklich hören wollte.
„Patrick ist in Russland während er in der Abschiebehaft saß, von Mitgefangenen schwer misshandelt, vielleicht sogar missbraucht worden.“ Kathrin schlug eine Hand vor ihren Mund und unterdrückte einen Mitleidslaut, doch Jo fuhr ungerührt in seinen Aufführungen fort, „er hat sehr viele Tage dort zugebracht, hatte aus Angst vor der Abschiebung und den von mir angedrohten Konsequenzen für ihn hier in Berlin, sollte er es wagen zurückzukommen, seine Personalien und Herkunft solange er es nur irgend aushielt verschwiegen. Er hat stumm ertragen, was sie ihm antaten aus Angst vor meiner Rache. Und heute Morgen hat er sich dann, kaum zurückgekehrt...er hat...er hat sich mit Rasierklingen tief in die Handgelenke geschnitten.“
Fassungslos und ungewohnt bewegt fragte Kathrin: „Du meinst, er...er wollte sich das Leben nehmen?“
„Nein, ich denke nicht. Es war eher eine Art – Unfall - er wollte sich rasieren und hatte die Klingen in der Hand...und es hat ihn in dem Augenblick überkommen. Dr. Kramer sagte die Schnitte seien nicht tief genug gewesen, für einen Ernsthaften Versuch, es ist eher so dass Menschen, denen etwas so Schreckliches widerfahren ist, sich selbst verletzen um durch den körperlichen Schmerz den Seelischen zu überdecken.“
Katrin, die unnahbare Katrin, eine Meisterin der Beherrschung, griff in ihr Jackett, zog ein Taschentuch hervor, und schnäuzte sich erst mal: „Ich gebe zu, ich bin ja nie ein Freund von Patrick gewesen aber...“ begann sie sehr leise, aber Jo unterbrach sie :„Sag es, sag es ruhig, das werden  alle beide mir niemals verzeihen können...“ und mit diesen Worten vergrub Jo sein Gesicht wieder in den Händen.
 
Derweil knöpfte Dominik einem schweigsamen, in Gedanken versunkenen Patrick das Oberhemd auf, als er es im über die Schultern schob, erstarrte Dominik bei dem Anblick, der sich ihm bot. Das Hemd in den Händen vergessend, blickte er fassungslos auf die zahlreichen, verschiedenen Verletzungen, von denen Patricks Oberkörper gezeichnet war, wie konnte ein Mensch einem anderen so etwas antun, einfach nur so, aus Langeweile oder gar Spaß?
Nach einer Weile bemerkte Patrick Dominiks Blick: „Was ist?“ fragte er sehr direkt und abrupt. Dominik schluckte hart und zwang sich, seinen Bruder nicht weiter anzustarren: „Es...es tut mir so leid.“ wisperte er verlegen und streichelte vorsichtig  Patrick über den nackten Oberarm.
„Schon gut! Es ist ja vorbei, ich habe es überstanden und muss die Kerle ja schließlich nicht wieder sehen,  Dominik!“ erwiderte Patrick merkwürdig entschlossen, aber es klang als müsste er nicht nur Dominik sondern auch sich selbst überzeugen.
„Nein, das musst du nicht“ sagte der und lächelte über so viel Tapferkeit, er legte das Hemd endlich auf dem Bett ab und griff nach Patricks Hosenbund, doch der schlug ihm plötzlich die Hände weg und wich zwei Schritte zurück.
„Wouw, alles OK! Alles gut, alles gut, ich tu dir nichts“ sagte Dominik die Hände wie zum Beweis erhoben. Patrick zitterte am ganzen Körper: „Tut mir leid, ich...ich...weiß... auch... nicht, bitte verzeih...ich mach das besser selbst...“ stammelte er und nestelte an dem Hosenknopf herum, doch seine Hände zitterten so stark, dass er ihn nicht zu fassen bekam.
Dominik trat auf Patrick zu und nahm ihn fest in den Arm. „Ganz ruhig, nichts überstürzen“ sagte er mit leiser aber fester Stimme.
„Du sagst es doch keinem?“ flüsterte der andere, „bitte sag es keinem, versprich mir das, auch nicht Jasmin oder...oder...“
„Nein, das muss keiner wissen“ bekräftigte Dominik. Er ließ Patrick los und sah ihm direkt ins Gesicht, suchte die blauen Augen: „Das bleibt unter uns - Brüdern! - Soll ich nicht doch...“ Patrick nickte ergeben und spreizte die Arme ab. Schnell öffnete Dominik die Hose, ließ sie fallen ohne groß nachzuhelfen und streifte sie über die Füße, dann half er Patrick, vor ihm kniend in die Pyjamahose.
„Ist der etwa von Jo?“ argwöhnte Patrick und seine Abneigung war überdeutlich in sein Gesicht geschrieben.  
„Nein, das ist meiner“ antwortete Dominik mit einer Spur Stolz in der Stimme und auf Patricks skeptischen Blick hin, erklärte er: „Jasmin hat mir den genäht, als wir unser Einjähriges hatten. Ist irgend so ein pikfeiner und hölleteurer Stoff, du kennst sie ja“
„China-Seide“, murmelte Patrick, „typisch für Jasmin, Perlen vor die...“ „Hey“, unterbrach Dominik ihn, „immerhin habe ich ihn aufbewahrt und jetzt erfüllt das Teil ja seinen Zweck.“ Er stülpte Patrick das Oberteil über und setzte ihn aufs Bett. Abwesend streichelte Patrick mit einem spitzen Finger über den glatten Stoff auf seinem Oberschenkel.
Dann reichte ihm Dominik eine der Tabletten an und füllte das bereitstehende Glas mit Wasser, doch Patrick lehnte ab: „Ich brauch die nicht, ich bin total platt und schlafe bestimmt gleich so ein.“ Immer noch glitt sein Finger über die kühle Seide. Sein Bruder setzte sich zu ihm auf die Bettkante. „Ist noch was? Du bist so merkwürdig still. Ich hab es dir doch versprochen, ich verrate nichts von dem...“
„Ich hab mir das so sehr gewünscht“ sagte Patrick plötzlich kleinlaut. Dominik runzelte nachdenklich die Stirn und fragte: „Was denn?“
„Das er mich wieder seinen Sohn nennt!“, erklärte Patrick mit erstickter Stimme. Darauf war Dominik nicht gefasst und wusste nun nichts zu erwidern. „Ich hab’s genau gehört, heute Morgen, als der Arzt da war. Ich hab’s gehört...aber nun ist es zu spät...es ist... zu spät...zu spät.“ Noch während er diese Worte mühsam aus sich heraus quetschte, legte sich Patrick auf den Bauch und versteckte sein Gesicht in der Armbeuge.
„Soll ich noch bleiben bis du einschläfst“, bot Dominik verlegen an, „oder, soll ich vielleicht gleich ganz bleiben, so wie heute Morgen?“
„Ganz wie du willst“ nuschelte Patrick ohne aufzusehen. „Na neben dir habe ich wenigstens mehr Platz als neben Tuner, da bleibe ich besser.“ bekräftigte Dominik seinen schnell gefassten Entschluss und ging kurz ins Bad, als er zurückkam, stellte sich Patrick schlafend, doch Dominik fiel nicht darauf rein. Er sah das verräterische Zucken der Schultern seines unglücklichen Bruders. Hilflos überfordert legte er sich neben Patrick und löschte das Licht.
Lautlos weinte sich Patrick in den Schlaf, während Dominik noch lange wach lag und grübelte.

Unterdessen wusch Katrin eine Etage tiefer Jo gründlich den Kopf: „Was ist es denn, Jo, was du Patrick vorwirfst? Seine Alleingänge, seine Lügen und Intrigen, die Spielchen und Tricks? Wenn du wüstest wie ähnlich er dir ist, Jo. Das ist auch der Grund, warum du ihn gleich in dein Herz geschlossen hattest, du hast dich in ihm wieder erkannt und ließest ja auch keinerlei Kritik an Patrick zu.“
Jo wollte protestieren, aber Katrin fuhr unbeirrt weiter fort: „Er hat dir nachgeeifert und dich bewundert und sag nicht, das es dir nicht gefallen hätte. Du hast ihn sogar in deine krummen Geschäfte eingeweiht und er war ein gelehriger Schüler.“
„Moment - das Schwarzgeld in der Schweiz hat dir genauso gehört wie mir, du warst immer damit einverstanden diese Reserven zu haben“ begehrte Jo auf.
„Nur hätte ich Jasmin oder Johanna nie in diese Sache verwickelt.“ entgegnete Kathrin umgehend, „wenn du Patrick für sein Verhalten kritisieren willst, dann schau doch bitte erst einmal genau in den Spiegel.“
„Wenn er so zu mir Aufgesehen hätte, wie du sagst, warum ist er dann nicht zu mir gekommen, als er in Schwierigkeiten war. Warum hat er sich nicht mir anvertraut? Die haben ihm den Finger gebrochen und er hat nichts gesagt?“ beschwerte sich Jo in einem geradezu kläglichen Versuch sich zu verteidigen.
„Weil er nicht als Versager vor dir stehen wollte? Würdest du mit deinen Fehlern und Ängsten zu deinem Idol gehen? Jo kennst du dich eigentlich nicht, ist dir gar nicht bewusst wie hart du die kleinsten Unzulänglichkeiten und Fehlschläge deiner Mitmenschen abstrafst, mit deinem Sarkasmus, deiner Intelligenz, deiner Mentalen Überlegenheit, deiner Gönnerhaftigkeit und deinem erfolgsorientiertem Denken.“ erbarmungslos analysierte Kathrin das bisherige Verhältnis zwischen Patrick und Jo und hielt dies dem Anwalt vor. „Glaubst du wirklich er hätte zu dir kommen können und zugeben können in was für einem Schlamassel er steckte. Er hatte Angst, dass du ihn gnadenlos fallen lässt, wenn er auch nur einen kleinen Fehler begeht. Und diese Angst darfst du ihm nicht ankreiden.“
Nachdem sie geendet hatte, stand Kathrin auf, Jo sah geknickt zu ihr „Ja, du hast Recht. Und nun ist es  die gleiche Angst, die ich jetzt verspüre: Die beiden werden mich fallen lassen nach dieser Geschichte...“
Katrin legte ihm die Hand auf seine Schulter: „Sei für sie da, ohne aufdringlich zu sein und lass die Zeit für dich arbeiten.“ riet sie ihm und ging zurück zur Treppe. „Aber vor allem musst du dir im Klaren sein, ob es dir nur um Dominik geht oder du auch Patrick zurück gewinnen möchtest.“, gab sie ihm noch auf den Weg.
Jo saß noch eine Weile unschlüssig im Wohnzimmer, doch als er sich erhob, ging er entschlossenen Schrittes die Treppe hinauf. An der Tür vor dem Gästezimmer blieb er kurz stehen und lauschte, dann schlich er hinein.
Im fahlen Mondlicht sah er die beiden einträchtig im Bett liegen, Dominik auf dem Rücken, Patrick, der seinen Kopf auf Dominiks Schulter abgelegt hatte, fest im Arm haltend.
>Dabei hatte ich mir immer gewünscht die Zwei würden wie Brüder zusammen wachsen<, dachte er bitter, >und jetzt verbrüdern sie sich gegen mich<.
Er setzte sich in den kleinen Sessel im Zimmer und beschloss den Schlaf der Beiden zu bewachen.
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