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Zwei ungleiche Brüder - können Dominik und Patrick die Vergangenheit hinter sich lassen?

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Dominik Gundlach Dr. Hans-Joachim "Joe" Gerner Emily Höfer (Badak) Jasmin Flemming Katrin Flemming-Gerner Patrick Graf
07.08.2012
16.09.2020
127
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07.08.2012 1.698
 
Dominik ließ die eilig gepackte Tasche vor der Zimmertür stehen, er wollte nur kurz mit Patrick sprechen bevor er auszog, zunächst wollte er im Vereinsheim pennen, mit Jo unter einem Dach kam auf jeden Fall nicht mehr in Frage, nicht mal für eine einzige Nacht.
Er klopfte und trat ein: „Patrick?“ Das Zimmer war leer, die Luft war unangenehm klamm und kalt, Dominik schloss das noch weit geöffnete  Fenster. „Patrick bist du im Bad?“ Dominik spickte durch die, einen Spalt offen stehende, Tür. „Patrick um Himmels willen!“ Dominik stieß die Tür auf und lief ins Bad.
Was für ein Bild bot sich da: Patrick stand unbeweglich in der Mitte des Raumes, wie zur Salzsäule erstarrt, der Kragen des Hemdes war nach innen eingeschlagen, vor ihm im Waschbecken lagen Rasierschaum und -Pinsel unberührt. Von seinen Händen tropfte das Blut und sammelte sich schon in einer kleinen Lache auf dem Boden, aber von all dem schien er keine Notiz zu nehmen, er blickte unverwandt und ausdruckslos in den Spiegel.
Dominik schnappte sich zwei Handtücher aus dem Regal und rief lauthals nach Jo, der war erstaunlich schnell zur Stelle, und zu zweit umwickelten sie die stark blutenden Handgelenke, nachdem Jo vorher mühsam die Rasierklinge aus Patricks verkrampfter rechter Hand gewunden hatte. Anschließend bugsierten sie gemeinsam den völlig abwesenden, teilnahmslosen Patrick auf die Bettkante.
„Bleib du kurz bei ihm, ich rufe Dr. Kramer an“ sagte Jo. „Willst du nicht lieber gleich einen Rettungswagen rufen?“ entgegnete Dominik hektisch. „Nein - ein X-beliebiger Notarzt wird dies als versuchten Suizid werten und auf eine Einweisung in die Psychiatrie bestehen. Willst du das? Glaubst du es hilft Patrick, schon wieder eingesperrt zu werden?“ fragte Jo eindringlich. Dominik wusste darauf keine Antwort und schwieg.

Als Jo nach dem Telefonat zurück ins Zimmer kam, fragte Dominik offenbar zum wiederholten Mal: „Patrick sag schon, warum hast du das gemacht?“ Er hatte sich vor das Bett auf den Boden gehockt, um einen Sichtkontakt zu erzwingen, doch er bekam einfach keine Reaktion. Der Angesprochene saß reglos vor ihm und starrte mit seinen blauen Augen, förmlich durch Dominik hindurch, an die Wand hinter ihm.
Als Dominik Jo bemerkte, rutschte er ein wenig zur Seite und machte ihm Platz. Jo zog sich einen Stuhl heran und setzte sich auf Augenhöhe Patrick gegenüber. Es zog zunächst eines der Handtücher noch etwas fester um das betreffende Handgelenk, die Wunde schien tief und blutete immer noch heftig.
„Patrick hörst du mich? Sprichst du bitte mit uns?“ nach einem kurzen Blickwechsel mit Dominik, der ratlos die Schultern hob, holte Jo weit aus und versetzte Patrick eine gewaltige, schallende Ohrfeige. Jos Hand zeichnete sich deutlich auf der geröteten Wange ab. Die Wucht des Schlages warf Patrick seitwärts auf das Bett.
Ein Zittern erfasste Patrick und als er sich wieder aufrichtete blickte er erschrocken zu Jo, seine Augen füllten sich langsam mit Tränen.
Dominik war schockiert aufgesprungen und wollte schützend zwischen Jo und Patrick treten, da hörte er Patricks seltsam tonlose Stimme: „Ich kann nicht mehr!“ seine Augen fixierten Jo und die ersten, einzelnen Tränen liefen über das Gesicht. „Ich kann nicht mehr, Jo, ich kann einfach nicht mehr, ich weiß ich bin selbst schuld, ich hab’s verdient, aber ich halte es nicht mehr aus“, mühsam versuchte Patrick heftig atmend die Fassung zu bewahren, „ich höre ihre Stimmen wenn ich die Augen schließe, im Spiegel sehe ich sie hinter mir stehen und...“ der Rest des Satzes erstickte in einem Schluchzen.
Dominik setzte sich neben Patrick auf das Bett: „Wer steht hinter Dir?“ fragte er vorsichtig und legte dabei, ganz sachte die linke Hand auf Patricks Schulter, doch der zuckte so stark zurück, als hätte Dominik ihn geschlagen. Und nun war es endgültig um Patricks Haltung geschehen, heftig weinend saß er da.
Mit einer einzigen Bewegung setzte Jo sich neben Patrick aufs Bett, legte einen Arm um dessen Schultern und zog ihn an sich heran, nach kurzer, halbherziger Gegenwehr, verbarg Patrick sein Gesicht an Jos Brust und weinte hemmungslos. Jo strich Patrick sanft mit der freien Hand über den Kopf.
Dominik betrachtete verwundert diese Szene. So viel Zärtlichkeit zeigte Jo allerhöchstens wenn er Johanna trösten musste, was nicht oft vorkam, Patrick hingegen wollte er doch vor nicht allzu langer Zeit eher den Hals umdrehen, hatte Ihn bestenfalls mit Gleichgültigkeit gestraft.
Leise, doch eindringlich sprach Jo auf Patrick ein: „Niemand verdient so etwas, Patrick, du hast nichts falsch gemacht.“
Der schluchzte mit erstickter Stimme: „Ich hab versucht mich zu wehren! Was sollte ich denn tun? Die waren zu dritt ...“ Langsam wurde Dominik klar was Patrick durch litten hatte und was so schlimm war, dass er sich eher einer vermeintlichen Mordanklage in Deutschland stellen wollte, als weiter dort zu bleiben.
Dominik wurde schwarz vor Augen, als er Patricks bruchstückhafte Schilderungen hörte, wie zwei der Männer ihn bäuchlings über einen Tisch drückten und festhielten während der Dritte ihn quälte und schlug. Das alle anderen ebenfalls in der Zelle inhaftierten nur zusahen, keiner ihm half. Dominik kämpfte mit seinen eigenen Erinnerungen, auch er war eingesperrt, bedroht und geschlagen worden, aber er hatte doch die Gewissheit, dass es Menschen gab, die ihn zurück haben wollten und alles dafür taten um ihn zu retten.
Und ganz zum Schluss hatte er sich sogar erfolgreich gegen Hakan Buran gewehrt und ihn niedergeschlagen, als dieser so plötzlich im Townhouse aufgetaucht war. Fast abwesend streichelte er Patrick über den Rücken.
Es klingelte, Dominik erhob sich um den Arzt einzulassen. Patrick war inzwischen wieder verstummt, aber er klammerte sich immer noch, wie ein Ertrinkender, an Jo, so dass dem nichts anderes übrig blieb, als Patrick weiter im Arm zu halten, während der Arzt erst das eine und anschließend das andere Handgelenk kontrollierte und versorgte.
Patrick gab keinen Laut von sich als die Schnitte desinfiziert wurden, sogar als die besonders tiefe Wunde am linken Arm mit 4 Stichen genäht werden musste, war nichts von ihm zu hören.
Dominik war an der Tür stehen geblieben mit einer benahe unbändigen Wut, über das was er gehört hatte, im Bauch, denn das alles wäre schließlich nicht passiert wenn Jo Patrick nicht verschleppt hätte.
Endlich klappte Dr. Kramer seine Arzttasche zu. „Der junge Mann gehört in fachkundige Hände in eine Klinik, ich kann nicht verantworten, dass...“ Patricks Klammergriff verstärkte sich und er flüsterte kaum hörbar: „Jo bitte...bitte Jo nicht...“
„Ich übernehme die Verantwortung.“ unterbrach Jo den Arzt mit fester Stimme, die Erinnerung an die Bilder an der Grenze vor Augen, als er die gleichen Worte von Patrick gehört hatte, aber dennoch gänzlich ungerührt in seinen Wagen gestiegen und weggefahren war. >Lass mich nicht hier allein< war das letzte war Patrick noch gerufen hatte...
„Wie sie meinen...“ entgegnete der Arzt spitz. Jo holte tief Luft: „Mein SOHN ist erst heute, nach einem unverschuldeten Gefängnisaufenthalt in Russland, zu uns zurückgekehrt. Sie werden einsehen, dass ich nicht zu lassen kann, dass er gleich wieder eingesperrt wird und sei es in einem Krankenhaus.“
Dr. Kramer nickte verständnisvoll. Er öffnete nochmals seine Tasche und entnahm noch einige Tabletten „Für den Notfall, die Dosierung steht auf der Packung.“ Er legte sie auf den Nachttisch. Anschließend zog er noch eine Spritze auf „Machen sie bitte seinen rechten Arm frei.“
Dominik durchquerte das Zimmer, setzte sich wieder neben Patrick, krempelte den Ärmel bis zum Oberarm hoch und löste Patrick vorsichtig von Jo. Er legte seinen linken Arm fest um Patricks Schultern, damit er nicht um sank und hielt dessen Hand, während der Arzt die Vene in der Armbeuge suchte und die Injektion setzte.
„Novalgin gegen die Schmerzen und Valium zur Beruhigung“, erklärte Dr. Kramer, er sah Patrick aufmerksam an, „sie legen sich jetzt hin und ruhen sich aus und ich schaue heute Abend nochmals nach ihnen.“ Patrick nickte nur, zum Sprechen fehlte ihm die Kraft. „Ich begleite sie noch hinaus“ meldete sich Jo zu Wort.
Inzwischen half Dominik seinem Bruder ins Bett. „Was...was hat Jo dir erzählt, warum ich nicht zurück kommen konnte?“ wollte Patrick zaghaft wissen „Das er dich erpresst hat, dich mit dem Mord an Murat Cengiz in Verbindung bringen wollte...“ antwortete Dominik so vage, das Patrick sich gezwungen sah sofort nachzusetzen: „Er hat mir die Tatwaffe zugespielt, da sind jetzt meine Fingerabdrücke drauf – hast du dir mal überlegt woher Jo die hat?“ Dominik schüttelte den Kopf und antwortete nachsichtig: „Patrick, das war irgendeine Waffe des gleichen Kalibers, und Jo hat die längst entsorgt, er hatte nie vor dich anzuzeigen.“
Dominik drücke Patrick in die Kissen und versuchte ihn zuzudecken, doch der war noch nicht zufrieden gestellt und setzte sich gleich entschieden wieder auf: „Woher willst du das denn wissen? Wie können wir sicher sein, dass er die Waffe nicht mehr hat – und was wenn es doch die Tatwaffe war...?“
Die Wirkung der Spritze ließ nicht mehr auf sich warten. Patrick griff hektisch nach Dominiks Hand: „Bitte...lass mich nicht allein...mit Jo...ich habe...ich habe Angst vor ihm“ gestand er leise stammelnd.
Dominik dachte an die Tasche, vor der Tür im Flur „Er wird dir schon nichts tun“, antwortete er und war erschreckt wie wenig überzeugend das klang, „ich bleibe ja hier – alles in Ordnung – du bist nicht allein.“ er lächelte Patrick zu. „Könntest du... würdest du...bitte...bei mir bleiben... bis ich...bis ich eingeschlafen bin?“
Die Augen fielen Patrick fast schon zu und die Zunge wurde schwer, aber immer noch hielt er Dominiks Hand fest in der seinen umklammert. „Na klar, dann rutsch mal noch ein Stück.“ Dominik legte sich zu seinem Bruder, der nun endlich beruhigt die Augen schloss, sich sachte ankuschelte und im Nu weggedöst war.
Plötzlich stand Jo im  Zimmer, Dominik wusste nicht ob und wenn ja wie viel von dem Gespräch der wohl noch gehört hatte, jedenfalls war ihm nichts anzumerken, wortlos stellte Jo eine Flasche Wasser, einen Teller mit Zwieback und ein Glas auf dem Nachttisch ab und deutete an, dass er wieder nach unten gehen würde.
Dominik betrachtete den Schläfer in seinem Arm. Patrick sah trotz der Bartstoppeln und der wirr ins Gesicht hängenden Haare so jung und verletzlich aus, die Augenlider gerötet und geschwollen und die Wange war inzwischen tief blaurot...Seufzend stand Dominik vorsichtig auf, er wollte noch die Tasche nach oben, zurück in sein Zimmer, tragen bevor er sich Jo stellte.
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